Evolution oder Schöpfung




Religion, Esoterik, Verschörungstheorien und andere Dinge.

Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Sa 20. Jan 2018, 23:13

Grundlagen: Uhrmacher-Analogie - Was ist Leben?

Uhren am Straßenrand, abgelegene Waldhütten, bedruckte Blätter. All das sind Dinge, die nicht zufällig entstanden sind. Also muss auch hinter allem Sein ein Plan stecken.
Uhren setzen sich nicht durch Schütteln in einer Kiste zusammen. Waldhütten entstehen nicht durch vom Sturm aufgwirbelte Baumstämme. Und auch die beste Druckerei arbeitet nicht mit explodierenden Druckerpressen um ein Buch zu erstellen. So weit, so logisch. Man geht hier mit Recht davon aus, dass jemand diese Dinge gebaut, zusammengesetzt und ganz sicher auch so geplant hat. Davon analog auf die Komplexität des Lebens zuschließen ist aber leider nicht möglich.

Eine inzwischen klassische argumentative Widerlegung dieser Uhrmacher-Analogie legte Richard Dawkins bereits 1986 vor: In "Der blinde Uhrmacher" entkräftet er die Thesen der Anhänger des Kreationismus und Intelligent Design. "Die Essenz des Lebens ist statistische Unwahrscheinlichkeit in kolossalem Maßstab", schreibt Dawkins. "Wie auch immer Leben erklärt wird, es kann nicht Zufall sein." Während die Komplexität einer Taschenuhr auf die Fertigkeit eines Uhrmachers verweist und auf den Plan, den er in seinem Kopf hatte, ist der Uhrmacher, der Hämoglobin und Hirne schuf, blind. Die Evolution hat keinen Zweck und keinen Plan: schon gar nicht sind wir Menschen das Ziel der Evolution. Aber Zufall ist es eben auch nicht, wie von kreationistischer Seite immer wieder vorgeworfen. Zwar sind die Mutationen im Genmaterial zufällig (obwohl Dawkins auch hier mit dem Begriff "Zufall" hadert), nicht zufällig aber sind die Kriterien, nach denen entschieden wird, welche Individuen ihr Genmaterial weitergeben können. Sie heißen: Überlebensvorteil und Reproduktionsvorteil.
Selbstverständlich wird auch ein Affe, der eine Schreibmaschine wahllos bearbeitet nie "Hamlet" schreiben können, ja nicht einmal einen einzigen Satz und nur in sehr unwahrscheinlichen Fällen per Zufall mal irgendein Wort. Selbst der Rechner an dem ich diesen Text hier verfasse, würde "Hamlet" durch zufälliges Rekombinieren von Buchstaben nicht in der Zeit schaffen, die das Universum schon besteht. Auch ein einzelner Satz aus dem Stück von Shakespear würde er erst in Trillionfacher Zeit seit dem Urknall schreiben. Denselben Satz aber schreibt der Computer in wenigen Sekunden, wenn man ihn so programmiert, dass die Regeln gelten, die in der Natur auf die Gene lebender Organismen wirken, und die Dawkins "kumulative Selektion" nennt.

Die Evolutionstheorie leidet darunter, dass sie eine im Kern einfache Theorie ist. So glaubt jeder, sie verstanden zu haben, während die meisten Menschen zugeben, weder die Relativitäts- noch die Quantentheorie zu begreifen. Dawkins verwendet viel Zeit darauf, den Unterschied zwischen Darwins Theoriengebäude und der Karikatur dessen verständlich zu machen, die den Anhängern des Kreationismus als Aufhänger dient.

Der Vergleich von Waldhütte, explodierender Druckerei und Uhr hinkt in sofern, als dass Leben nach bestimmten Regeln abläuft:
  • Energie- und Stoffwechsel und damit Wechselwirkung mit ihrer Umwelt.
  • Organisiertheit und Selbstregulation (Homöostase).
  • Reiz, das heißt sie sind fähig, auf chemische oder physikalische Änderungen in ihrer Umwelt zu reagieren.
  • Fortpflanzung, das heißt, sie sind zur Reproduktion fähig.
  • Vererbung, das heißt, sie können Informationen (Erbgut) an ihre Nachkommen übermitteln.
  • Wachstum und damit die Fähigkeit zur Entwicklung.
Das alles trifft auf die angestrebten Vergleiche nicht zu. Sie wechselwirken nicht, reagieren nicht auf Reize, organisieren und regulieren sich nicht selbst, pflanzen sich nicht fort, vererben nichts und wachsen nicht. Sie sind allein dem Zerfall verpflichtet.
Bei Spezies handelt es sich aber im biologischen Sinn nicht aus lauter gleichen Organismen, sondern – zumindest bei Vielzellern - aus lauter individuell verschiedenen Lebewesen, die sich untereinander fortpflanzen können. Schon eine räumliche Trennung zwischen Populationen kann bereits zu einer Auseinanderentwicklung führen. Bekanntes Beispiel sind wohl die Darwin-Finken (die wohl eher Drosseln oder Ammern sind), die Darwin auf den Galapagosinseln gefunden hat und die sich von den Festlandvögeln Südamerikas, wo sie wohl herstammten, unterscheiden. Wenn wir diese Analogie also geltend machen wollen, käme eher ein Schneckenhaus oder die Schale eines Ammoniten in Frage. Denn die sind zweifellos erschaffen. Nur ist das weder ein Beweis dafür, dass die erschaffenden Tiere intelligent sind, noch, dass diese ihrerseits von einem intelligenten Schöpfer erschaffen wurden.

Der heutige Wissensstand in den Naturwissenschaften reicht nicht aus, um zu erklären, wie das Leben entstand. Wird für Lebewesen ein genetisches Programm, seine Funktionalität und seine Entwicklung als essenziell angenommen, dann ergibt sich für den Beginn des Lebens der Zeitpunkt, zu dem Moleküle als Träger des Programms und weitere Hilfsmoleküle zur Realisierung, Vervielfältigung und Anpassung dieses Programms erstmals so zusammentreten, dass ein die charakteristischen Eigenschaften des Lebens tragendes System entsteht. Das wir weder den Zeitpunkt, noch das erste Lebewesen kennen, bedeutet - wie bereits vielfach geschildert - nicht, dass wir hier einfach Gott ansetzen dürfen, auch wenn wir wöllten.
Über verschiedene Ansätze die Entstehung des Lebens zu erklären, werde ich später mehr schreiben.

Die Uhrmacher-Analogie hat bereits eine lange Geschichte hinter sich:
  • Cicero (106−43 v. Chr.) lässt in seinem philosophischen Dialog "De natura deorum" (Vom Wesen der Götter; Buch II, Kap. 87) einen Stoiker aus dem planvollen Funktionieren einer Sonnen- oder Wasseruhr schließen, dass sie die Stunden nicht aus Zufall, sondern aufgrund der ihr innewohnenden Technik anzeige; analog müsse die Welt aufgrund von Planung und Vernunft entstanden sein.
  • Robert Hooke vergleicht in "Micrographia" (1664) die von ihm mit dem Mikroskop erforschten Kleinlebewesen mit den Uhrwerkmechanismen (mit deren Konstruktion er sich ebenfalls befasste). Seine Einschätzung ist, dass Konstruktionen von Menschenhand neben der "Allmacht und Vollkommenheit des großen Schöpfers" verblassen müssen.
  • Voltaire schließt im 2. Kapitel seiner "Traité de métaphysique" (1734) aus dem Wachsen und Funktionieren des menschlichen Körpers, dass er wie eine Uhr von einem intelligenten Wesen geplant worden sein müsse. Weitergehende Schlussfolgerungen hieraus über die Natur dieses Wesens, seine Ewigkeit, Unendlichkeit usw. hält Voltaire allerdings nicht für logisch gerechtfertigt.
  • William Paley argumentiert in seiner "Natural Theology" (1802), dass man eine auf dem Feld gefundene Taschenuhr als intelligent konstruiertes Objekt erkenne, und dass folglich auch die lebenden Organismen als Werke eines intelligenten Konstrukteurs anzusehen seien.
Die Analogie wird meist durch den Hinweis kritisiert, dass sie ein Vorwissen über die Entstehung von Artefakten voraussetzt, das bei lebenden Organismen jedoch nicht vorliegt. So wird eine Uhr als von Menschen geschaffen erkannt, da der Betrachter bereits durch Bildung und Prägung weiß, dass Uhren künstlich hergestellt werden. Das Erkennen von Ordnung und Komplexität sei dafür nicht ausschlaggebend.
Vertreter des Intelligent Design wenden dagegen ein, Vorwissen über die Entstehung sei nicht nötig, da das Erkennen intelligent geschaffener Strukturen an bestimmten Mustern festgemacht werde, die auf intelligentes Eingreifen hinweisen würden. Als Beispiel wird das SETI-Programm angeführt. Auch hier könne nach Meinung der Intelligent-Design-Vertreter nicht auf Erfahrungswissen zurückgegriffen werden, die Suche nach Signalen orientiere sich vielmehr an auffälligen Mustern.
Der Astronom Seth Shostak vom SETI-Institut wiederum weist diesen Vergleich als fehlerhaft zurück. Komplexe Muster allein würden noch nicht Intelligenz nachweisen. Wesley R. Elsberry betont, dass SETI nur Signale detektieren würde, welche bestimmte Eigenschaften der menschlichen Kommunikation aufweisen, so wie sie auf Grund der Erfahrung mit menschlicher Kommunikation festgestellt wurden. Unter anderem zum Beispiel die Benutzung von elektromagnetischen Signalen im Radiowellenlängenbereich und bestimmte Arten der Codierung. Auch beansprucht SETI explizit nicht, unspezifische Intelligenz nachweisen zu können. Nur solche Signale von intelligenten Wesen, welche hinreichend ähnlich zur menschlichen Intelligenz sind, so dass unsere Erfahrung mit letzterer auch auf diese intelligenten Wesen zutrifft, können mit SETI nachgewiesen werden. Ergo wird wieder Vorwissen über die Entstehung von Signalen vorausgesetzt.

Ein Geheimnis des Erfolgs ist, den Standpunkt des anderen zu verstehen.
Henry Ford I., amerikanischer Industrieller (1863-1947)
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mo 29. Jan 2018, 22:08

Grundlagen: Was ist das anthropische Prinzip?

Das anthropische Prinzip ist eine Tautologie (#1), die meistens zur Argumentation gegen die Auffassung, die Entstehung irdischen Lebens ohne übernatürliche Kräfte sei höchst unwahrscheinlich, verwendet wird. Es besagt, dass die Erde und die Gegebenheiten im Allgemeinen (zum Beispiel: Naturkonstanten) zwingend so lebensfreundlich sind, weil wir darauf leben. Wäre die Erde oder das umliegende Universum nicht lebensfreundlich, dann wären wir auch nicht da um festzustellen, dass sie das nicht sind.
Es ist also notwendig, dass wir eine lebensfreundliche Umgebung wahrnehmen, da es uns als Wahrnehmer ja sonst gar nicht geben würde. Der Ort, an dem wir leben, muss durch die Bedingungen, dass wir auf ihm existieren können, eingeschränkt sein. Diese Aussage kann verschieden gedeutet werden. Grob unterschieden wird daher zwischen einem schwachem und einem starkem anthropischem Prinzip.

Das schwache anthropische Prinzip

Gemäß dem schwachen anthropischen Prinzip ist unsere Erde in Hinsicht auf die herrschenden, lebensfreundlichen Umstände eventuell ein privilegierter Ort im Universum. An anderen Orten und zu anderen Zeiten herrschen und herrschten die Bedingungen wohlmöglich nicht, die mit unserer Existenz als Beobachter vereinbar sind. Also ist das, was wir beobachten vielleicht auch nicht zwingend das, was häufig im Universum vorkommt. Unsere Erde ist folglich unter Umständen zwar ein besonderer Ort, dass wir auf ihm leben jedoch nichts Besonderes. Da Leben nun einmal allein auf solch einem speziellen Ort entstehen kann.

Das starke anthropische Prinzip

Gemäß dem starken anthropischen Prinzip muss das Universum als Ganzes zumindest zeitlich vorübergehend derart sein, dass die Entstehung von Leben möglich ist. Es muss somit eine zwingende Erklärung für die lebensermöglichenden Umstände geben. Sei es beispielsweise die Stringtheorie, welche die Naturkonstanten (würden diesen andere Werte zukommen, hätten zum Beispiel nie Sterne entstehen können) nicht mehr als beliebig hinstellt, sondern natürlich erklären kann, Gott oder Vergleichbares.

Zwischenstand

Das starke und das schwache anthropische Prinzip unterscheiden sich also grundsätzlich hinsichtlich der in Bezugnahme von Naturkonstanten, Grundkräften und ähnlichem. Beim schwachen werden diese als gegeben hingenommen, beim starken Prinzip als theoretisch variabel angesehen. Natürlich bringen nun sowohl die allgemeine, die schwache und die starke Version des anthropischen Prinzips Missverständnisse, Kontroversen und Vereinnahmungen durch ideologische Gruppierungen mit sich. Letzteres erstaunlicherweise sowohl durch Naturalisten, als auch durch Idealisten. So sehen Esoteriker, Kreationisten oder Anhänger der Intelligent-Design-Bewegung im starken Prinzip ein Beweis für einen Gott als Hüter der fundamentalen Parameter unseres Universums.
Wir betreten, einen Raum und sehen einen Pfeil inmitten einer Dartscheibe stecken. Daraus schließen die Idealisten jetzt, dass der Schützling ein Gott des Darts sein muss. Die Naturalisten entgegen aber, dass es auch ein absoluter Dart-Amateur sein könnte, der einfach unendlich viele Versuche hatte.

Naturalistische Betrachtung

Unser blauer Planet scheint perfekt darauf abgestimmt zu sein, Leben hervorzubringen. Die Weltanschauung des Naturalismus lässt sich ganz grob mit den Worten "alles geht mit rechten Dingen zu" umschreiben. Naturalisten sehen im anthropischen Prinzip einen Gedanken, der den Verdacht auf eine übernatürliche Kraft (nicht unbedingt mit einer Intention, aber doch zielgerichtet) hinter dieser auffallenden Feinabstimmung entkräftet.
Meistens wird dabei von Paralelluniversen, Multiversen, einem enorm oder einem unendlich großem Universum ausgegangen. Diese Annahmen entnehmen sie verschiedenen, nicht oder nicht genau empirisch verifizierten, physikalischen Theorien. Zwei davon sind die Stringtheorie und die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik. So legen Teile der Stringtheorie nahe, dass neben unserem sehr, sehr viele Universen (ca.10 hoch 500) existieren (Multiversum-Hypothese). Auch die Viele-Welten-Interpretation geht von Myriaden weiteren Universen aus, die sich anders als in der Stringtheorie jedoch sehr ähneln sollen.
Vertreter der naturalistischen Deutung des anthropischen Prinzips sehen uns quasi in der Situation eines Lottogewinners, der gerade von seinem Glück erfahren hat. Er wundert sich, dass ausgerechnet er gewonnen hat. Dass aber irgendjemand gewinnt, ist bei der extrem hohen Anzahl an Lottospielern nicht verwunderlich und dass sich der Gewinner von Fortuna überrascht sieht, ebenso wenig. Die anderen Teilnehmer sind die riesigen räumlichen und zeitlichen Weiten dieses Universums oder anderer Universen. Der Gewinn das Leben.
In vielen der anderen Raumausschnitte herrschen vielleicht wüste Leere, Schwarze Löcher und nicht etwa die für uns scheinbar maßgeschneiderten Naturkonstanten. Diese Raumausschnitte werden wir aber nie zu Gesicht bekommen. Und wie es bei einem Glücksspiel mit entsprechend vielen Beteiligten auch mindestens einen Gewinner gibt, ist es nur logisch dass hier und vielleicht noch an anderen Orten die Rahmenbedingungen uns fein abgestimmt scheinen. Vielleicht herrschen in einem etwas jüngeren Paralleluniversum noch Umstände wie im antiken Rom und in wieder einem anderen delphinähnliche Wesen über einen blauen Planeten? Wenn man unendlich viele Universen oder ein in Raum und / oder Zeit unendliches Universum postuliert, so muss es gar zwangsläufig Leben geben, ganz egal wie unwahrscheinlich die Entstehung von Leben ist (da diese offensichtlich möglich, da die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von Leben größer Null ist). Das wir uns über unsere lebensfreundliche Erde (schwaches Prinzip) oder die Feinabstimmung des Universums (starkes Prinzip) wundern, liegt in unserer Natur, wäre dann aber wie ein Schöpfungsmythos völlig überflüssig.

Probleme

Die Beliebtheit resultiert vermutlich aus der Unbeliebtheit der Zufallshypothese oder der teleologischen Erklärung, die immer an Kreationismus erinnert. Die Existenz eines Gottes wäre aber das Ende des Denkens auf diesem Gebiet.
Grundsätzlich ist das Argument aber gar nicht so stark, da es sich auf "Wenn wir hier leben können, ist es hier so, dass wir hier leben können." runter brechen. Die Frage warum hier auf der Erde ein so unwahrscheinliches Ereignis wie die Entstehung von Leben vonstattengehen konnte, klärt sich erst mithilfe den Spekulationen über riesige Universen, Multiversen und ähnlichem. Und da wird es unwissenschaftlich, da naturwissenschaftliche Theorien bislang eigentlich immer empirisch falsifizierbare Voraussagen treffen mussten, an denen sie sich dann bewährten oder scheiterten. Multiversen und Co sind unseren Messungen und Beobachtungen jedoch prinzipiell nicht zugänglich. Wir wissen also weder, um auf das vorgegangene Bild zurückzukommen, ob Meister Gott oder der Zufall mit unendlich vielen Versuchen auf die Dartscheibe geworfen hat. Und so betrachtet ist die eine Prämisse nicht minder spekulativ, als die andere.
Der Terminus "unwissenschaftlich" ist nicht gleich "inexistent". Es bedeutet nur, dass es außerhalb des dem naturwissenschaftlicher Methodik zugänglichen Bereichs und somit außerhalb des naturwissenschaftlichen Weltbildes liegt. Nichts spricht also gegen die Richtigkeit metaphysischer Behauptungen, doch sollten auch die Physiker, wenn sie solche aufstellen, diese auch als solche deklarieren.

Wie also als Naturwissenschaftler unsere eigene Existenz erklären? Bleibt noch die Zufallshypothese. Auf der einen Seite eine einfache, einleuchtende Erklärung. Dass wir entstanden sind, war höchst unwahrscheinlich, aber es sei nun einmal passiert. Auf der anderen Seite spricht man bei solch niedrigen Wahrscheinlichkeiten (eine weitere Hürde bei solchen Überlegungen: Wir wissen schlichtweg noch nicht, wie wahrscheinlich die Entstehung von Leben und vieles weitere genau ist) in den Naturwissenschaften oft von vernachlässigbar klein und rechnet gar nicht mit ihrem Auftreten. Und doch bleibt die Wahrscheinlichkeit. Möglicherweise ist auch noch eine vierte Möglichkeit der Fall. Ich sehe beispielsweise die von einem selbstorganisierenden Universum. Dies mag sich wieder unwissenschaftlich anhören, doch das ist es nicht. Längst sind Beispiele unbelebter, sich scheinbar selbstorganisierender Systeme aus Biologie und Physik bekannt. So scheint sich in einigen Galaxien das Sternentstehen und Sternverlöschen beziehungsweise das Explodieren von Supernovae aufeinander eingepegelt zu haben. Falls es solche Systeme tatsächlich geben sollte, wären diese nicht teleologisch im Sinne etwas Intentionalem und daher eine Möglichkeit zur naturwissenschaftlichen Erklärung unser Selbst. Doch auch das ist nur eine weitere Spekulation.

Egal ob Zufall, Schicksal, Schöpfung oder sonst was. Dass wir hier leben können, ist irgendwie ein Wunder. Und wir sollten es als Solches zu schätzen wissen.

#1 - Eine Tautologie (altgriechisch "dasselbe" und -logie), auch Verum (lateinisch "wahr") genannt, ist in der Logik eine allgemein gültige Aussage, das heißt eine Aussage, die aus logischen Gründen immer wahr ist. Beispiele für Tautologien sind Aussagen wie "Wenn es regnet, dann regnet es" oder "Das Wetter ändert sich oder es bleibt, wie es ist."
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Fr 2. Feb 2018, 20:14

Konkurrenz - Teil 2: Ist Krieg Menschenwerk? - Die Schimpansen von Gombe

Der Schimpansenkrieg von Gombe in den Jahren 1974 bis 1978 war eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen zwei Schimpansengruppen im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania. Beteiligt waren die Kasakelagruppe in dem nördlichen Teil des Parks sowie die Kahamagruppe im südlichen Teil. Beide Gruppen waren ursprünglich Teil derselben Schimpansengemeinschaft, die sich jedoch nach und nach aufgeteilt hatte. Beobachtet wurde das Geschehen hauptsächlich durch die britische Verhaltensforscherin Jane Goodall. Anhand ihrer Aufzeichnungen konnte mit computergestützten Analysen gezeigt werden, dass die Gruppen bereits 1971 zu rivalisieren begannen (#1).

Die Kahamagruppe im Süden bestand aus sechs ausgewachsenen Männchen (unter ihnen die durch Goodall benannten "Hugh", "Charlie", und "Goliath"), drei ausgewachsenen Weibchen mit Jungtieren sowie einem männlichen jugendlichen Affen (genannt "Sniff"). Die größere Kasakelagruppe bestand hingegen aus zwölf erwachsenen Weibchen mit Jungtieren sowie acht ausgewachsenen Männchen.

Der erste Ausbruch von Gewalt begann am 7. Januar 1974, als eine Gruppe von sechs Kasakelamännchen den Schimpansen "Godi" angriff und tötete, als dieser in einem Baum fraß. Dies stellt die erste bekannte Situation dar, in der Schimpansen absichtlich einen anderen Schimpansen töteten.

In den folgenden vier Jahren wurden alle Männchen der Kahama durch die Männchen der Kasekela getötet. Von den Weibchen wurde eines umgebracht, zwei sind verschollen und drei wurden geschlagen und durch die Kasakelamännchen entführt. Dadurch konnten die Kasakela erfolgreich das Territorium der Kahama übernehmen. Dieser Raumgewinn war jedoch nicht permanent, da das Kasakelagebiet nun direkt an das Territorium einer weiteren Schimpansengruppe, der Kalande, grenzte und im Verlauf einiger gewalttätiger Auseinandersetzungen mit den zahlenmäßig deutlich überlegenen Kalande durch die Kasekela großteils wieder aufgegeben wurde.

Der Ausbruch des Kriegs schockierte Goodall, die bis dahin davon ausgegangen war, dass das Verhalten der Schimpansen zwar dem menschlichen ähnle, jedoch deutlich "netter" sei. In Verbindung mit einer kannibalistischen Kindstötung durch eine ranghohe Schimpansenmutter im Jahr 1975 wurde Goodall die „dunkle Seite“ des Schimpansenverhaltens bewusst, was sie tiefgreifend erschütterte. In ihren Memoiren Through a Window: My Thirty Years with the Chimpanzees of Gombe (Google-Leseprobe) schrieb sie dazu:
For several years I struggled to come to terms with this new knowledge. Often when I woke in the night, horrific pictures sprang unbidden to my mind—Satan [one of the apes], cupping his hand below Sniff's chin to drink the blood that welled from a great wound on his face; old Rodolf, usually so benign, standing upright to hurl a four-pound rock at Godi's prostrate body; Jomeo tearing a strip of skin from Dé's thigh; Figan, charging and hitting, again and again, the stricken, quivering body of Goliath, one of his childhood heroes. ...

Übersetzung: "Ich hatte jahrelang Probleme, mit diesem neuen Wissen klarzukommen. Oftmals, wenn ich in der Nacht aufwachte, sprangen mir unaufgefordert entsetzliche Bilder in den Kopf – Satan [einer der Affen], wie er seine Hand unter Sniffs Kinn hält, um das Blut zu trinken, das aus der großen Wunde in seinem Gesicht fließt; der alte Rodolf, normalerweise so gütig, aufrecht stehend, um einen Vier-Pfund-Stein auf den ausgestreckten Körper von Godi zu schleudern; Jomeo, wie er einen Streifen Haut von Dés Oberschenkel reißt; Figan, wie er auf den angeschlagenen, zitternden Körper von Goliath, einem seiner Kindheitshelden, wieder und wieder losgeht und einschlägt. ..."

Als Goodall von den Ereignissen des Schimpansenkriegs berichtete, wurde ihren Schilderungen von natürlich auftretenden Kriegen zwischen Schimpansen nicht immer Glauben geschenkt. Die wissenschaftlichen Modelle dieser Zeit gingen davon aus, dass es praktisch keine Überlappungen von menschlichem und tierischem Verhalten gebe. Einige Wissenschaftler warfen ihr exzessiven Anthropomorphismus vor; andere unterstellten, dass ihre Anwesenheit sowie ihre Gewohnheit die Tiere zu füttern den gewaltsamen Konflikt in einer sonst friedlichen Gesellschaft erst ausgelöst hätten. Spätere weniger invasive Forschungen bestätigen jedoch, dass es in Schimpansengruppen auf natürliche Weise zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt (#2, #3).

Zivilisation ist die erzwungene Tierzähmung des Menschen.
Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900)

#1 - Barras, Colin: Only known chimp war reveals how societies splinter. In: New Scientist. 7. Mai 2014; abgerufen am 28. Dezember 2017.

#2 - Nature of war: Chimps inherently violent; Study disproves theory that 'chimpanzee wars' are sparked by human influence. In: ScienceDaily. 17. September 2014; abgerufen am 6. März 2017.

#3 - Lethal aggression in Pan is better explained by adaptive strategies than human impacts. Nature, 2014; 513 (7518): 414 DOI: 10.1038/nature13727 (mit 67 Studienverweisen)
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mi 7. Feb 2018, 23:57

Wie ein Auto evolviert

... und weitere genetische Algorithmen.
So hätte die Überschrift auch weiter lauten können.

Manches Computerspiel prahlt mit "Evolution" im Titel. Andere versuchen tatsächlich den evolutionären Prozess in das Spielprinzip mit ein zu binden. Und das ist gar nicht so einfach. Denn Evolution funktioniert nur deshalb, weil so viel Zeit für die Entwicklung und Erprobung kleiner Veränderungen zur Verfügung steht. Und so etwas ist Gift für kurzweilige Unterhaltung.

Ich möchte euch heute einige Programme vorstellen, die verknüpft über die Spieltheorie die Evolution nachempfinden. Dabei geht es um Programme die immer wieder Testreihen aufbauen und neu starten, sie verbessern sich dabei mit den erfassten Ergebnissen. Sie erschaffen dabei in einem Prozess der Selektion gute und weniger gute Dinge, die in der Testumgebung geprüft werden.

So zum Beispiel bei BoxCar2D ([url]BoxCar2D.com[/url]):
Einfache "Autos" fahren auf einer Hindernisstrecke. Sie bestehen aus einem Haufen Polygonen, an die an einigen Stellen Räder montiert werden. Am Anfang entstehen meist Konstruktionen, bei denen die Räder oben oder innen befestigt sind, aber nach einiger Zeit kommen die Autos in Gang.
Die Wagen werden danach bewertet, wie gut sie auf einer einfachen Hindernisstrecke zurechtkommen – je weiter sie kommen, desto größer ist die Fitness. Links seht ihr die Werte der aktuellen Population. Am Anfang muss man froh sein, wenn ein Wagen überhaupt von der Stelle kommt, aber dann setzen sich die besten Varianten durch.
Wer oben im Fenster auf “The Algorithm” klickt, bekommt übrigens auch eine kurze Erläuterung, wie das ganze funktioniert, allerdings auf Englisch.

Das einfache Evolution java applet (http://www.probability.ca/jeff/java/evolution.html, Java erforderlich) lässt vier Amöben in einem Aquarium herumschwimmen – ab und zu senden sie böse Fühler aus, die andere Amöben umbringen.
Im Laufe der Zeit werden die Fühler länger und die Amöben drehen sich viel schneller, um die anderen zu erwischen. Ganz nett zum angucken, aber so richtig mitreißend ist es nicht.

Wer genetische Algorithmen verstehen will, der sollte vielleicht mit dem Java-Genitor (http://www.glauserweb.ch/gentord.htm, Java erforderlich) anfangen: Dort wird eine Landschaft generiert, in der die Käfer (kleine Punkte) den höchsten Punkt suchen. Man sieht sehr schön, wie Mutation und Selektion wirken, mit entsprechendem Knopf kann man sich das Wirken anzeigen lassen. Als Einführung in genetische Algorithmen sicher ganz praktisch.

Eaters (http://math.hws.edu/xJava/GA/, Java erforderlich) lässt kleine, zweidimensionale Tierchen über eine Landschaft laufen. Die Landschaft ist mit “Pflanzen” bedeckt, die von den “Eaters” gefressen werden.
Die Eaters haben eine einfache Steuerung: Sie können ihre Richtung ändern und durch die Gegend laufen. Was sie als nächstes tun, hängt davon ab, ob sie gerade eine Pflanze gefressen haben oder nicht und was sie im letzten Schritt gemacht haben. Damit sind sie sehr einfache Turingmaschinen . Allerdings stoßen sie relativ schnell an ihre Grenzen, weil die Programmierung kein Gedächtnis vorsieht – sie können sich also nicht merken, ob sie irgendwo schon einmal gewesen sind.
Das Programm hat sehr viele Einstellmöglichkeiten für die Verteilung der Pflanzen, die Geschwindigkeit und vieles andere. Besonders praktisch ist, dass es einen Superschnell-Modus gibt, in dem keine Zeit mehr für die grafische Ausgabe verschwendet wird. Da kann man ein paar hundert Generationen rechnen lassen und dann das Ergebnis wieder langsamer laufen lassen.

Sehr nett, weil schön einfach, ist auch Elegant tiefstapeln (http://fbim.fh-regensburg.de/~saj39122/vhb/NN-Script/script/Applets/dkst/Problembeschreibung.htm, Java erforderlich, oben rechts auf "Packproblem-Applet" klicken, um es zu starten) Hier muss ein Lastwagen mit Kisten befüllt werden.
Am Anfang gibt man vor, welche Kisten untergebracht werden müssen, der Algorithmus versucht dann, die optimale Packung zu finden. Man kann mit Populationsgrößen, Mutationsfrequenzen etc. herumspielen.

Phylo (http://phylo.cs.mcgill.ca/) ist von einer Universität produziert worden (und die haben bekanntermaßen nicht viel Geld). Genauer gesagt, es wurde von zwei jungen Studenten im Labor von Professor Jerome Waldispuhl an der McGill Universität in Kanada entwickelt. Das Spiel heißt Phylo und ist für jeden frei zugänglich und online spielbar. Ziel des Spieles ist es, einen genetischen Code von zwei nahe verwandten Lebewesen so anzuordnen, dass bei seiner Entstehung möglichst wenige Mutationen notwendig waren. Für Löcher im Code gibt es Minuspunkte, für Übereinstimmungen Pluspunkte.
Gleiche Regionen sind dabei solche die einen gleichen evolutionären Ursprung haben und z.B. in Affen und Menschen beide vorkommen. Dieser Code (im Grunde nichts anderes als DNA) mag für ein bestimmtes Protein stehen, oder er ist verantwortlich für den Haarwuchs an einer bestimmten Stelle am Kopf, oder aber er verursacht Brustkrebs. Die Codes in diesem Spiel sind nämlich alles tatsächlich existierende Sequenzen, die alle mit einer Reihe von Krankheiten assoziiert werden. Der Gedanke dahinter ist, dass die Daten, die einer Spieler am Computer produziert, von den Wissenschaftlern hinter Phylo ausgewertet werden. Die Kreativität und Intuition des Menschen soll so für die Datenanalyse ausgenutzt werden.

So etwas ist nichts Neues: Foldit (http://fold.it/portal/)fordert Spieler auf, Proteine zu kreieren und dabei den Wissenschaftlern zur Hand zu gehen. Und der Galaxy Zoo (https://www.galaxyzoo.org/)bietet anscheinend das Gleiche für Astronomie-interessierte Spieler an.

Darwin’s Survival Game (http://www.sciencechannel.com/games-and-interactives/charles-darwin-game/): Liebevoll designt, mit einem Charlie Darwin in der Ecke, der mit ausgefallenen Hüten für Unterhaltung sorgt während er Tipps gibt. Und zum ersten Mal steuert man nicht die Evolution, sondern lediglich die Verbreitung einer Anpassung in der Population. Steht ein kalter Winter bevor, lohnt es sich, Allele für dickes Fell in der Population zu haben. Ziel ist es, seine Population möglichst divers zu halten, damit sie die 1-Million-Marke erreichen. Aber selbst wenn man mal nicht an alles gedacht hat, darf man als Joker eine neue Mutation einbringen.

Das Nächstbeste, was ich finden konnte, ist Darwin Pond (http://www.ventrella.com/Darwin/darwin.html), eine Simulationssoftware ähnlich dem berühmten Blinden Uhrmacher von Richard Dawkins. Schön ist bei Darwin Pond allerdings das Spielelement. Es ist nichts weiter als eine Simulation von kleinen, schwimmenden Viechern in einem Teich. Aber ihr Aussehen und ihre Fähigkeiten hängen von vielen Faktoren ab. Sie haben Farbpräferenzen bei den Partnern, unterschiedlich komplexe Bewegungen, sie sind ständig auf der Suche nach Futter. Und man kann sich in die Evolution der Population einmischen, indem man künstliche Mutationen herbeiführt. Aber bei dem Versuch, eine gesunde dreibeinige Gruppe zu evolvieren (oder zwei Populationen, die sich nicht mehr miteinander paaren), stellt man eines fest: Egal was man tut, am erfolgreichsten und gesündesten sind die Tiere dann, wenn man sie in Ruhe lässt. Nach 6 Stunden hat sich ein gesundes, aber durchaus spannendes Gleichgewicht eingestellt. Die Grafik ist dem Spielalter entsprechend simpel (die erste Version ist von 1996).

Dies war mal ein Beitrag ganz ab von irgendwelchen Debatten und Streitfragen.

Spielt und habt Spaß.
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Fr 9. Feb 2018, 22:43

Warum gibt es Weisheitszähne?

Die evolutionstheoretische Antwort lautet:
Die erheblichen Unterschiede der Form und des Durchbruchzeitpunkts der Weisheitszähne sowie das gelegentliche völlige Fehlen der Zahnanlagen ist die Folge eines langfristigen evolutionären Trends. Weitgehend anerkannt ist heute, dass die ursprünglichen Plazentatiere in jeder Kieferhälfte drei Schneidezähne, einen Eckzahn, vier Vorderbackenzähne und drei Backenzähne hatten. Ihre Zahnformel lautet demnach 3 · 1 · 4 · 3, ihre Zahnzahl betrug 44. Alle heute lebenden Altweltaffen, darunter die Schimpansen und der Mensch, haben hingegen die Zahnformel 2 · 1 · 2 · 3 und somit 32 Zähne. Beim heutigen Menschen können Weisheitszähne also als Rudiment betrachtet werden. Die beim Menschen noch immer anhaltende Reduzierung der Zahnzahl ging – wie das Fossil Ardi belegt – schon vor mehreren Millionen Jahren einher mit einer Verkleinerung der Schnauze und der Eckzähne.

Wie erklären Kreationisten diesen Zahn? Ist er ein Übel, das durch die Erbsünde entstand?


(Übersetzung: "Intelligentes" Design - Was ist dein Lieblingsbeispiel für dummes Design?


Warum haben wir Weisheitszähne, wenn die doch eh irgendwann raus müssen und keiner sie sonst braucht?

Warum ist unser unterer Rücken so mies konstruiert, dass die meisten von uns ab 30 Rückenschmerzen im Lendenbereich haben?
Der Prozess der dazu führte, dass der Mensch in den aufrechten Gang überging, war sehr schnell. Man könnte fast sagen, zu schnell. Die Konstruktion ist nicht ganz ausgereift und verschleißt schnell. Der untere Rücken ist also eine Fehlkonstruktion. Diese würde aber nicht auffallen, wenn der Mensch, so wie früher üblich, selten älter als 30 Jahre wird.(#1)

Wenn ein unfehlbarer Gott uns von vornherein so geplant hat, warum hat er uns dann den Appendix gegeben, der unter guten Hygienebedingungen nichts anderes tut als sich manchmal zu entzünden?

#1 - Über die abwegige und unbestätigte Behauptung, der Mensch sei in vorsintflutlicher Zeit mehrere Hundert Jahre alt geworden, will ich an dieser Stelle gar nicht erst eingehen.
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mo 26. Feb 2018, 10:05

Vormarsch der Kreationisten in Deutschland im Lichte eines differenzierteren Darwin

Britischer Naturforscher und anglikanischer Theologe: Charles Darwin.

Darwin war klar, dass er mit der Veröffentlichung die sogenannte „Natural Theology“ herausfordern würde, die Gottes Existenz aus Naturbeobachtungen heraus "beweisen" wollte. Für ihn war das auch selbst schlimm, da er als junger Theologe sehr lange auch selbst der "Natural Theology" von William Paley gefolgt war.
Er betonte immer und immer wieder, dass sich Evolution und Gottesglauben nicht ausschlössen, zumal ja viele seiner wissenschaftlichen Freunde und Mitstreiter, zum Beispiel der Botaniker Asa Grey oder Alfred Russel Wallace, weiterhin fröhlich gottesgläubig waren. In seinem letzten Lebensjahr war Darwin von einem Buch zur Vereinbarkeit von Gottesglauben und Wissenschaft sogar so begeistert, dass er dem jüngeren Kollegen William Graham "Fanpost" schrieb und sich ein Treffen wünschte. Dazu kam es nicht mehr. Zugleich hat er durch die Erklärung einer Entstehungsgeschichte ohne göttliches Eingreifen Wasser auf die Mühlen von Atheisten gegossen.

Darwins Ziel war offenbar keine rein naturalistische Weltsicht, sondern eine natürliche Erklärung der Entwicklungsgeschichte des Lebens. Und mehr sagt seine Theorie ja nicht aus. Die Evolutionstheorie hat also dazu beigetragen, nicht zwangsläufig ungläubig zu sein, sondern sich bewusster für oder gegen Gottgläubigkeit zu entscheiden, Gott also nicht aus Zwang oder Alternativlosigkeit zu huldigen, sondern aus eigener Motivation heraus.
Zumal Darwin seine Theorie nicht aus dem Nichts erschuf. Sogar der Bruch zwischen Beobachtungen und der wörtlichen Lesart des Schöpfungsberichtes, den 3 Weltreligionen fast gleich wiedergeben - und es konnte sich daher kaum einer anders vorstellen - war vor ihm da. Kreationisten stemmten sich ja nicht zuerst gegen eine Entwicklung der Arten, sondern gegen ein von der Geologie deutlich über 6.000 Jahren liegendem Erdalter. Was Darwin dann neu entwickelte, war eine Theorie, die auch die Entstehung des Lebens und des Menschen ohne notwendiges, göttliches Eingreifen erklären konnte.

Wir sind evolutionär so gestrickt, dass wir uns lieber mit Personen als mit Sachverhalten auseinander setzen. Obamas Gesundheitsreform? Viel zu kompliziert. Obamas Hund? Oh, super! Das gilt natürlich auch für Wissenschaftler, so dass sich um große Geister wie Darwin oder Einstein bald viele Erzählungen, Gedenktage und so weiter ranken. Aber die Debatte erschöpft sich nicht lediglich in einem Personenkult.
Es ist interessant, aber eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass sich zwischen religiösen Kreationisten (die die Evolutionstheorie zugunsten religiöser Dogmen ablehnen) und atheistischen Ideologen eine seltsame Allianz gebildet hat: Beide Seiten wollen der Öffentlichkeit und auch sich selbst glauben machen, bei Charles Darwin habe es sich um einen Atheisten gehandelt. Weiteres Nachdenken würde sich dann erübrigen. Doch der echte, historische Darwin war sehr viel differenzierter, schrieb seitenweise nicht nur über die Fragen religiöser Wahrheit(en), sondern auch über die Evolution von Religiosität und Religionen. Charles Darwin macht es uns nicht leicht, weil er es sich selbst nicht leicht gemacht hat! "Darwinisten" könnten von diesem differenzierteren Blick wohlmöglich profitieren. Am Ende könnte ein wissenschaftlich reicheres und damit auch weniger vorurteilsbeladeneres Bild auch von Darwin stehen.

Nach heutigem Stand der Evolutionsforschung gehören religiöse Glaubensüberzeugungen und Mythen ebenso zur menschlichen Wirklichkeit wie Literatur und Musik.
Wenn Gott der Schöpfer sei, warum sollte man dann die Erforschung der Schöpfung ablehnen? Das wäre aber nur bedingt ein Argument für die Glaubenssätze der Konfessionen und ihre Wahrheitsansprüche.

Die britische Tageszeitung The Guardian berichtete 2013, dass derzeit in vier US-Bundesstaaten darüber nachgedacht wird, religiöse Interpretationen der Evolution an Schulen zu lehren. Letztlich vertreten die religiösen Kreationisten und die ideologischen Atheisten aber das gleiche Programm: Sie wollen die Menschen davon überzeugen, dass man nur entweder für Gott oder für die Wissenschaft sein könne. Das muss nicht zwangsläufig sein, auch wenn Daten eine eindeutige Sprache sprechen und Gottes Wirken in bestimmten Bereichen außen vor lassen, weil die entsprechenden Theorien auch ohne übersinnlichen Einfluss funktionieren.
Doch keiner ist rein rational, rein wissenschaftlich. Zu den durchaus beunruhigenden Befunden der Evolutionsforschung von Religion gehört, dass auch fundamentalistische Gruppen sehr erfolgreich sein können. Denken wir zum Beispiel auch an die evangelisch-baptistischen Amish, die höhere Bildung ablehnen, aber durch Kinderreichtum enorm wachsen. Dagegen haben Nichtreligiöse (zu) wenige Kinder, so dass säkulare Milieus immer wieder schrumpfen. Die Evolution selbst richtet sich ganz offensichtlich nicht nach unseren gängigen Vorstellungen von "Fortschritt". Das würde auch erklären, warum Religion nicht ausstirbt.

Doch: Evolution ist kein Glaubensbekenntnis!

2011 / 2012: "Die These von der Evolution vom Einzeller oder gar der leblosen Materie zum Menschen ist wissenschaftlich nicht verifizierbar.", erklärte das pädagogische Konzept des Verbandes evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS). Weiter hieß es dort: "Grundlage für das vermittelte Weltverständnis der Schule ist ein Universum, das in seiner Gesamtheit von dem Gott der Bibel geschaffen wurde, und das nach wie vor durch Ihn gelenkt und geleitet wird. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind vorläufig und in die biblische Weltdeutung einzuordnen." Nach kritischen Medienberichten um den Jahreswechsel 2011/2012 verschwand das Konzept aus dem Netz. Januar/Februar 2013 erschien für kurze Zeit eine Empfehlung für das Kollegium christlicher Bekenntnisschulen, in der es heißt: "eine Festlegung auf eine evolutionäre Weltsicht im Unterricht sei mit naturwissenschaftlicher Methodik nicht zu begründen." Der Logik nach fordern öffentliche Schulen ein "Glaubensbekenntnis" zur Evolution. Das ist unzutreffend: Evolution ist eine dokumentierte Tatsache und Schöpfungserzählungen sind biblische Mythen, ohne faktische Grundlage.
Das zur Orientierung der Lehrkräfte empfohlene Papier rückt die Naturwissenschaften bei "Fragen des Ursprungs" in die Rolle eines Lieferanten von "Indizien", welche in der Regel nicht eindeutig seien. Das ist falsch: Genau wie zum Beispiel die Astrophysik oder die Geologie basiert die Evolutionsbiologie auf Dokumenten sowie Experimenten. Auf Grundlage der erarbeiteten Fakten können nach dem Prinzip der historischen Rekonstruktion Ereignisse der fernen Vergangenheit, zum Beispiel das Dinosaurier-Sterben vor ca. 66 Millionen Jahren, zuverlässig rekonstruiert werden. Würde man dieser Ideologie folgen, so könnte man beliebige Glaubensinhalte, auch außer-christliche Dogmen, wie zum Beispiel die These von Kleinen grünen Männchen in unseren Körperzellen, mit wissenschaftlichen Fakten vermengen, was unsinnig ist. Es bleibt: Eine ernstzunehmende "Schöpfungslehre", die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, gibt es nicht.

Dennoch: Umfragen zum Schöpfungsglauben in Großbritannien, Heimatland des britischen Naturforschers und Begründers der Evolutionstheorie Charles Darwin, glaubt laut Umfragen nur weniger als die Hälfte der Menschen an eine Evolution. In den USA glauben laut einer Gallup-Umfrage von 2012 nur 15 Prozent an die wissenschaftliche Evolutionstheorie. Auch hierzulande ist der Schöpfungsglaube weit verbreitet, wie eine im Auftrag der Forschungsgruppe Weltanschauungen erstellte repräsentative Umfrage 2005 herausfand: Die Entstehung des Lebens ohne Einwirken einer höheren Macht in einem natürlichen Entwicklungsprozess hielten rund 60 Prozent der Befragten für wahr, deutlich mehr als ein Drittel ging von einem biblischen Schöpfungsakt oder einer göttlich gesteuerten Entwicklung aus. Eine von der TU Dortmund 2008 durchgeführte Umfrage unter Studienanfängern zeigte, dass unter angehenden Biologielehrern jeder Achte nicht von der Evolution der Arten überzeugt war.

Zunächst sei vermerkt, dass die Evolutionsbiologie ein System von Theorien aus den Bio- und Geowissenschaften darstellt, das heißt eine Theorie zur Erklärung aller bekannten Evolutionsprozesse existiert nicht. Die Zulassung einer Gleichstellung biblischer Schöpfungsmythen mit evolutionsbiologischen Fakten und Theorien suggeriert, dass beliebige Glaubensinhalte ohne Faktengrundlage mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auf einer Stufe stehen. Schülern wird das Erlernen unserer naturwissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweise verwehrt. Der naturwissenschaftliche Unterricht muss in allen Fächern rein wissenschaftlich bleiben. Die Schöpfungslehre ist im Religionsunterricht korrekt verortet, nirgendwo sonst.

Die abgelehnte "Festlegung auf die Weltsicht der Evolutionstheorie im Schulunterricht aus naturwissenschaftlicher Sicht" ist in etwa so sinnvoll wie die Festlegung der Meteorologie auf die Weltsicht der Atmosphärenphysik. Die Evolutionstheorie als dogmatisch zu bezeichnen wäre so, als würde man dem Meteorologen ankreiden, er berücksichtige Gottes Einfluss auf das Wettergeschehen nicht.
Falls im Unterricht schöpfungstheoretische und evolutionsbiologische Ansätze nebeneinander behandelt werden, muss aus wissenschaftstheoretischer Sicht dargelegt werden, dass die zentralen Auffassungen des Kreationismus keinen empirisch-wissenschaftlichen Gehalt haben.

Im Empfehlungsschreiben hieß es unter anderem, dass die Naturwissenschaft beim Thema "Schöpfung und Evolution" die Rolle eines Indizienlieferanten habe, da es um Fragen des Ursprungs gehe, die nicht experimentell untersucht werden könnten.
Allerdings sind Experimente nur ein Weg zur Gewinnung von Wissen. Zahlreiche Theorien, an denen kein vernünftiger Mensch zweifelt, beruhen nicht oder wenig auf Experimenten: Die geologische Theorie der Kontinentaldrift, die kosmologischen Theorien des Astrophysik, meteorologische Theorien und so weiter. Eine Offenheit für verschiedene Deutungen sei in der Naturwissenschaft zwar prinzipiell immer gefordert, diese müssten aber auch das tatsächlich vorhandene Wissen deuten. Wenn sie dazu nicht imstande seien, könnten sie keine Offenheit für ihre Deutung einfordern. Das sei daher beim Kreationismus, auch in seiner wissenschaftlich gefärbten Variante, der Fall.

Kreationisten werden mit Recht als wissenschaftsfeindlich betrachtet. Sie erwecken zwar den Eindruck, man habe berechtigte Zweifel an der Evolutionstheorie, aber sonst kein Problem mit Naturwissenschaft. Tatsächlich sei auch der sogenannte "wissenschaftliche Kreationismus" nicht nur mit der Biologie unvereinbar, sondern ebenso mit Geologie, Astrophysik und Kernphysik, von Paläontologie, Archäologie und so weiter, ganz zu schweigen. Vom imposanten Gebäude der modernen Naturwissenschaft ließe der Kreationismus nur eine Ruine übrig.

Wir lernen aus Erfahrung, dass die Menschen nichts aus Erfahrung lernen.
George Bernard Shaw, anglo-irischer Schriftsteller (1856-1950)
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Fr 9. Mär 2018, 23:35

Über die göttliche Autorenschaft der Bibel - Teil 2: Wasserkreislauf

Bereits im Beitrag Über die göttliche Autorenschaft der Bibel - Teil 1: "Weißt du, wieviel Sternlein stehen ...", sowie den Texten zur Flat-Earth-Theorie Wissenschaft irrt sich auch! - Teil 1: Die Erdscheibe und Wissenschaft irrt sich auch! - Teil 2: Christoph Kolumbus (Die Erdscheibe 2.0) konnte aufgezeigt werden, dass für die Idee zahlloser Sterne und auch der Kugelgestalt der Erde kein göttlicher Funke von Nöten war, sondern Leute mit Hirnschmalz selbst ihre Gedanken dazu entwickelten.
Im Eintrag Wissenschaft und Kirche wurde auch dargelegt, dass die Idee, die Sterne seien nicht anders als die Sonne und mögliche Heimat unzählbarer Welten und Wesen, nicht nur älter, als die moderne Astronomie ist, sondern deren Verfechter Giordano Bruno auch von Verfechtern der Bibel 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

.

Ein weiteres Argument der göttlichen Autorenschaft der Bibel ist die Erwähnung des Wasserkreislaufs, der ja zur Zeit der Niederschrift (wenn Mose der Schreiber sei, dann zwischen 1500 - 1200 v.u.Z.) unbekannt gewesen sein soll. In Hiob 36:27, 28 heißt es "Denn er [Gott] zieht die Wassertropfen herauf; sie sickern durch als Regen für seinen feuchten Dunst, sodass die Wolken rieseln, reichlich träufeln sie". Oder Prediger 1:7 beschreibt es wie folgt: "Alle Winterwildbäche gehen aus zum Meer, doch das Meer selbst ist nicht voll. An den Ort, wo die Winterwildbäche ausgehen, dorthin kehren sie zurück, um auszugehen."
So beeindruckend das alles wirken mag, der Kreislaufcharakter des Wassers wurde schon früh erkannt. Ein sehr zeitig damit in Verbindung gebrachtes Prinzip lautet "panta rhei": Das ist Altgriechisch und bedeutet "alles fließt".

Im antiken Griechenland wurden wissenschaftlich-philosophische Abhandlungen in der Regel als Dialog zweier Gelehrter verfasst, die nicht selten tatsächlich existierten und vielleicht auch Zeitgenossen des Autors des Dialoges waren. "panta rhei" ist ein auf den griechischen Philosophen Heraklit von Ephesos (um 520 v.u.Z. - um 460 v.u.Z., vorsokratischer Philosoph) zurückgeführter, von Platon (428/427 v.u.Z. - 348/347 v.u.Z., Schüler des Sokrates) im Dialog "Kratylos" nahegelegter Aphorismus (ein einzelner Gedanke, ein Urteil oder eine Lebensweisheit, welcher aus nur einem Satz oder wenigen Sätzen selbständig bestehen kann). An dem fiktiven, literarisch gestalteten Gespräch sind drei reale Personen beteiligt: Platons Lehrer Sokrates (469 v.u.Z. - 399 v.u.Z.), der Philosoph Kratylos (wohl um die Mitte des 5. Jahrhunderts v.u.Z., bekannte sich zur Lehre Heraklits), nach dem der Dialog benannt ist, und dessen Freund Hermogenes (Schüler des Sokrates, genauere Daten unbekannt). Der Kratylos bildet den Ausgangspunkt der europäischen Sprachphilosophie und Sprachwissenschaft. Erörtert wird die Stichhaltigkeit der Behauptung, dass nicht nur Aussagen richtig oder falsch sind, sondern es auch eine Richtigkeit von Namen und Bezeichnungen gibt. Kratylos ist von der natürlichen Richtigkeit der Wörter überzeugt (semantischer Naturalismus), während Hermogenes von der Hypothese einer willkürlichen Vereinbarung der Wortbedeutungen ausgeht (Konventionalismus). Sokrates setzt sich mit beiden Konzepten kritisch auseinander.

Bild . Bild
1. Bild: Römische Kopie eines griechischen Platonporträts, das wohl von Silanion stammt und nach dem Tod Platons in der Akademie aufgestellt wurde, Glypkothek München
2. Bild: Herme des Pythagoras (um 120 n. Chr.); Kapitolinische Museen, Rom

Wörtlich taucht der Ausspruch "pante rhei" zwar erst bei dem spätantiken Neuplatoniker Simplikios (um 480 u.Z. - wohl nach 550 u.Z.) auf, findet sich aber bei Platon als "Pánta chorei kaì oudèn ménei" (dt. "Alles bewegt sich fort und nichts bleibt."). Bereits in augusteischer Zeit war diese formelhafte Zusammenfassung der Gedanken Heraklits in Gebrauch. Ihre lateinische Übersetzung "cuncta fluunt" findet sich im 15. Buch der Metamorphosen in der "Rede des Pythagoras", (gemeint sei Pythagoras von Samos, u m 570 v.u.Z. - 510 v.u.Z.) der Ovid (eigentlich Publius Ovidius Naso, 43 v.u.Z. - wohl 17 u.Z., antiker, römischer Dichter) das naturphilosophische Fundament seiner Metamorphosen darlegt.
Platon verbindet in seiner Charakterisierung der kosmologischen Theorie Heraklits einige von dessen bekanntesten Lehrsätzen - vor allem "Pánta chorei kaì oudèn ménei" - mit allerlei alten Weisheiten, natürlich über die Titanen Kronos und Rhea, die auch schon Homer (#1) erzählte. Dabei unterstellt er, der Name der Titanin Rhea könne auf die Bedeutung "fließen" zurückgeführt werden.
Der Sache nach stellt die Wendung eine zwar nicht unzutreffende, gleichwohl verkürzende Interpretation der Äußerungen Heraklits dar und wird durch die sogenannten "Fluss-Fragmente" gestützt, in denen Heraklit das Sein mit einem Fluss vergleicht:
Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu. (#2)

Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht. (#3)

Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. (#4)

Die Flusslehre ist im Zusammenhang mit Heraklits Lehre von der Einheit aller Dinge zu verstehen:
Verbindungen: Ganzes und Nichtganzes, Zusammengehendes und Auseinanderstrebendes, Einklang und Missklang und aus Allem Eins und aus Einem Alles. (#5)

Platons Zitat "Pánta chorei kaì oudèn ménei" ist die knappste Formulierung der Flusslehre Heraklits, die besagt: Alles fließt und nichts bleibt. Es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln. Der Schwerpunkt liegt hier, anders als bei Heraklit selbst, auf dem Aspekt des Werdens und Vergehens. In der Tradition der platonischen Schule, aber auch in zahlreichen neueren Interpretationen (z. B. bei Hölderlin und Hegel) erscheint die Lehre des Heraklit nur als eine solche des Werdens und Vergehens. Nach Nietzsche handelt es sich im Kern um eine Konzeption der "Bejahung des Vergehens".

Dagegen liegt nach der Flusslehre die primäre Welterfahrung in dem fortwährenden Stoff- und Formwechsel. Sie ist eine Metapher für die Prozessualität der Welt. Das Sein ist das Werden des Ganzen. Das Sein ist demnach nicht statisch, sondern als ewiger Wandel dynamisch zu erfassen. Doch hinter und zugleich in dem unaufhörlichen Fluss steht die Einheit: Einheit in der Vielheit und Vielheit in der Einheit. Karl-Martin Dietz interpretiert die Flusslehre aber dennoch als Hinweis Heraklits auf die Welt des gleichbleibend Gemeinsamen.

Bild . Bild
1. Bild: Büste des Sokrates, römische Kopie eines griechischen Originals, 1. Jahrhundert, Louvre, Paris
3. Bild: Johann Wolfgang von Goethe,
Ölgemälde von Joseph Karl Stieler, 1828

Zu viel Abseits? Zu viel Philosophie? Zu wenig Substanzielles?

Bleiben wir also beim Ausspruch selbst, so ist Statik lediglich eine fehlerhafte Wahrnehmung einer Momentaufnahme. Freilich ist aus "pante rhei" ein Wasserkreislauf nicht direkt abzuleiten, zeigt aber klar die Vorstellung einer sich stetig verändernden Welt, in der Aggregatzustände ebenfalls keine fixe Sache sein müssen.
Goethe bezog sich in dem Gedicht "Dauer im Wechsel" direkt auf Heraklit:

Gleich mit jedem Regengusse
Ändert sich dein holdes Tal
Ach, und in dem selben Flusse
Schwimmst du nicht zum zweitenmal

Der ewige Wandel ist auch Gegenstand seines Gedichts Eins und Alles:

Es soll sich regen, schaffend handeln
Erst sich gestalten, dann verwandeln
Nur scheinbar stehts Momente still
Das Ewige regt sich fort in allen
Denn alles muß in Nichts zerfallen
Wenn es im Sein beharren will

Dennoch gab es bereits sehr früh auch in Tanach-fernem Gebiet Theorien zum Wasserkreislauf und dessen Antrieb:

  • meteorogener Wasserkreislauf: Theorie zum Wasserkreislauf nach heutigem Verständnis, welche wahrscheinlich von Xenophanes von Kolophon (um 570 v.u.Z. - um 470 v.u.Z.) begründet wurde und unter anderem Diogenes von Apollonia (ca. 499 v.u.Z. - ca. 428 v.u.Z.) und Hippokrates von Kos (um 460 v.u.Z. - um 370 v.u.Z.) als frühe Vertreter besitzt.
  • Theorie des Salzwasseraufstiegs: Umkehrung der Strömungsrichtung des meteorogenen Wasserkreislaufes, nachdem die Erde auf dem Wasser der Meere ruht und dieses alle oberirdischen Quellen speist. Diese Theorie wurde von Thales (wahrscheinlich um 624/23 v.u.Z. - zwischen 548 und 544 v.u.Z.) begründet und hatte Hippon (geboren in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v.u.Z.) ) und Platon als frühe Vertreter.
  • Theorie der Wasserentstehung aus der Luft: Das Wasser entsteht aus der Luft (Effekt der Kondensation) und würde über den Niederschlag die Quellen der Flüsse speisen. Diese Theorie wurde von Aristoteles (384 v.u.Z - 322 v.u.Z., Schüler Platons) entwickelt und stellte die maßgebende Lehrmeinung bis in das frühe 17. Jahrhundert dar.
Bereits an dieser kurzen Auflistung ist erkennbar, dass auch etwas so komplexes wie der Wasserkreislauf nicht von Gott beigebracht werden muss, sondern durch Beobachtung und Nachdenken herausgefunden werden kann.

#1 - Wann lebte Homer?
Herodot (490/480 v.u.Z. - um 430/420 v.u.Z, griechischer Geschichtsschreiber, Geograph und Völkerkundler) schätzte, dass Homer 400 Jahre vor ihm gelebt haben müsse; dies entspräche in etwa der Zeit um 850 v.u.Z. Andere historische Quellen legen das Wirken Homers in die Zeit des Trojanischen Krieges, der traditionell etwa um 1200 v.u.Z. datiert wird. Heutzutage stimmt die Forschung weitestgehend darin überein, dass Homer, wenn es ihn gab, etwa in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts und/oder in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts v.u.Z. gelebt hat.

#2 - Fragment 12 Die Fragmente der Vorsokratiker, Übersetzung nach Wilhelm Capelle, Die Vorsokratiker, S. 132.

#3 - Fragment 49a Die Fragmente der Vorsokratiker, Übersetzung nach Wilhelm Capelle, Die Vorsokratiker, S. 132; B 49a gilt jedoch als nur vage Anlehnung an den Originaltext, wobei der gesamte zweite Teil nicht authentisch ist; Held, Heraklit, Parmenides und der Anfang von Philosophie und Wissenschaft, S. 326.

#4 - Fragment 91 Die Fragmente der Vorsokratiker

#5 - Fragment 10 DK, Übersetzung nach Wilhelm Capelle, Die Vorsokratiker, S. 132.
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mi 14. Mär 2018, 01:25

Grundlagen: Der infinite Regress

Eine These über den Erschaffer der Welt ist ja, dass dieser ebenfalls sehr komplex sein müsste. Kurzum: Ein Schöpfer für ein extrem unwahrscheinliches Universum ist noch unwahrscheinlicher als das Universum selbst oder führt zum infiniten Regress. Irgendwas muss diesen Schöpfer gebildet haben und irgendwas den Schöpfer des Schöpfers u.s.w.
Diese These wird auch von Richard Dawkins (Autor von "The Greatest Show On Earth") verwendet. Damit geht er auf die Frage der Entstehung von Komplexität ein, die in einer fast niedlichen Naivität aus der Intelligenz-Design-Ecke gestellt wird.

Gehen wir mal durch die Prämissen, also Vorannahmen, für diese These:
Prämisse 1: Ein Erschaffer eines komplexen Universum ist selbst komplex oder sogar komplexer.
Prämisse 2: Ein möglicher Schöpfer des Universums teilt selbst notwendigerweise Eigenschaften einer geschaffenen Entität.
Prämisse 3: Der Satz "Es gibt gar keine Ursache für etwas Komplexes" ist logisch wohlgeformter als der Satz "Es gibt eine komplexe Ursache für etwas Komplexes."
Wenn man diese Prämissen bejaht, dann klingt die These natürlich plausibel. Doch im Grunde spricht nichts dafür, irgendeine der Prämissen zu unterschreiben.

Prämisse 1 steht und fällt mit der Frage, was man unter "komplex" versteht. Ein einziger Mensch kann zum Beispiel zig Bücher schreiben, in denen 1000 fiktive Figuren auftauchen, eine Bewegung gründen, die mal 500.000 Mitglieder hat, eine Theorie erfinden, aus der 100 andere Theorien hervorgehen, und doch bleibt er ein Mensch. In wiefern ist dieser Mensch nun "komplexer" als seine Bücher? Ist er auch komplexer als all die darin enthaltenen Ideen und dem, was daraus werden kann? Und falls ja: Könnte man nicht auch mit der gleichen Berechtigung sagen, dass er "einfacher" sei als sein komplexes Werk? Logisch zwingend erscheint die Prämisse 1 jedenfalls nicht. Gott muss nicht zwingend komplexer sein, als das Universum und das Leben, das er schuf. In der Bibel freilich wird er als unergründlich beschrieben, was den Schluss nahe legt, er sei "komplex".
Prämisse 2 ist noch weniger überzeugend. Die Gotteshypothese würde automatisch die Frage aufwerfen, wer Gott gemacht hätte. Dies führe zu dem oben erwähnten infiniten Regress. Aber eben nur, wenn man davon ausgeht, dass Prämisse 2 stimmt. Tatsächlich sagt schon der Gottesbeweis von Thomas von Aquin, dass nur die Setzung eines unbewegten Erstbewegers den logisch unvorteilhaften Regress verhindern kann. Der Gottesbegriff als Schöpfer, beinhaltet ja bereits die Idee, dass Gott der Verursacher von Kausalität sei. Es gibt daher keinen logisch zwingenden Grund, weshalb er für seine Existenz selbst der Kausalität unterworfen sein sollte.
Prämisse 3 besagt, dass ja NICHTS als Ursache wahrscheinlicher sei, als ETWAS. Aber im Grunde sind beide Möglichkeiten gleich wahrscheinlich. Die Wissenschaft bedient sich ständig irgendwelcher Entitäten als Erklärung für Ursachen, obwohl sie über diese Entitäten im Grunde kaum etwas weiß, z.B. Quarks oder Strings oder Urknall.

Mit diesen kurzen Überlegungen kann man zwar den infiniten Regress nicht widerlegen, aber zumindest nicht als zwingend notwendiger Weg eines Schöpferglaubens darlegen. Der infinite Regress funktioniert nur unter den oben angebenen Vorannahmen. Er ist also kein schlussendlicher, logischer Schluss gegen Gott als Erschaffer des unbegreiflichen Weltalls. Freilich wird Gott aber auch durch diese Feststellung nicht wahrscheinlicher.
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Sa 17. Mär 2018, 09:16

Dogmen

Auch wenn aus der Ecke der Evolutionleugner immer wieder über die dogmatische Wissenschaft gewettert wird, mag eines gleich vorweg genommen sein: Niemand verbietet es, Aspekte der Evolutionstheorie zu hinterfragen. Viele haben das getan und das Theoriengebäude erweitert. Die Evolutionstheorie ist eben kein statisches, starres, endgültiges Gebilde. Nichts desto trotz werden die grundlegenden Mechanismen aufgrund der erdrückenden Beweislast als Tatsache betrachtet. Noch bestehende Wissenslücken in speziellen Teilgebieten der Evolutionstheorie ändern daran herzlich wenig. Schon gar nicht aber werden durch derartige Lücken vorantike Erzählungen über den staubgemachten Menschen und der aus der Rippe geschaffenen Frau, die von einer Schlange zur Sünde verführt werden, realistischer.
Evolution basiert, vereinfacht ausgedrückt, auf den Mutationen der DNA, die sich über die Zeit aufsummieren. Rechnet man mit der durchschnittlichen Mutationsrate, die von Art zu Art unterschiedlich ist rückwärts, findet man den gemeinsamen Vorfahren der differgierten Arten und kann diese mit den möglichen Fossilfunden abgleichen.
Man muss auch ausnehmen, was nicht in der Darwin-Wallace-Theorie, der klassischen Evolutionstheorie, beschrieben wird, um nicht den Fehler zu begehen, aus dem Fehlen solcher Erklärungsansätze die ganze Theorie zu verwerfen: Die Entstehung des Lebens wird - entgegen dem Buchtitel "The Origin of Species" (engl. für "Über die Entstehung der Arten", 1859, Charles Darwin) - nicht behandelt.
Schlussendlich bleibt es aber eine wissenschaftliche Theorie, also die Beschreibung einer beobachteten oder experimentell entdeckten Sache. Eine Theorie ist ein Modell, das die messbare Wirklichkeit modelliert, überprüfbare Vorhersagen macht, und diese Vorhersagen konnten nicht falsifiziert werden. Mehr geht in der Wissenschaft nicht. Auch die Kugelgestalt der Erde ist "nur eine Theorie". Absolute Wahrheiten kennt die Wissenschaft nicht. Kein Modell kann den Anspruch erheben, die Welt absolut in jedem Detail zu beschreiben, sondern nur annährend in einem bestimmten Rahmen, der durch Messungen abgesichert ist. Die Erde ist so auch keine exakte Kugel, wenn man genau nachmisst, sondern abgeplattet und darüber hinaus ein wenig unregelmäßig. Trotzdem ist ihre Kugelgestalt immer noch annähernd gegeben und egal, was noch über die Erdform gezeigt werden wird, daran wird sich nichts mehr ändern. Und gleiches gilt für die Evolutionstheorie. Da gibt es auch noch viele Details zu klären, aber der Rahmen steht, und den kann man deswegen auch so lehren.

Oft wird nicht die Frage gestellt, ob die Evolutionstheorie ein zu dogmatisches Glaubenkonstrukt sei, sondern schlicht behauptet, sie wäre es. Was ist aber der Beleg für eine solche Behauptung? Wie erklärt man die Übereinstimmung in der DNA? Wie erklärt man phylogenetische Gemeinsamkeiten, wie exakt gleiche Kopierfehler, Disfunktionen und dergleichen mehr? Wie erklärt man das Auffinden gemeinsamer Vorfahren in jenen Erdschichten und damit Erdzeitaltern, die man zuvor für zwei verwandte Arten errechnet hat? Welche Belege gibt es, dass Mutationssummierungen einfach irgendwo aufhören ("Mikroevolution") und eben auch mit genügend Zeit und Evolutionsschritten nicht zu einer neuen Art führen ("Makroevolution")?

Jetzt könnte man natürlich zur Ansicht gelangen, dass die Überlieferungen bronzezeitlicher Schafshirten nicht zwangsweise den modernen wissenschaftlichen Anforderungen genügt und schon gar nicht einen göttlichen Autor bedingt.
Verteidiger der Heiligen Schrift werden natürlich einwenden, dass unser modernes, westliches Werte- und Moralsystem auf der Bibel gründet, was, wie ich im Beitrag "Wissenschaft und Kirche" bereits beschrieb, Quatsch ist. Oder, dass die Bibel wissenschaftliche korrekte Aussagen macht, was aber nicht der tatsächlichen Aussage, sondern vielmehr den modernen Interpretatoren mit halbwegs wissenschaftlichen Sachkenntnissen zuzusprechen ist. Immerhin lässt sich "hängt die Erde auf an nichts" (Hiob 26:7) auch für Flacherdler lesen, denn eine am "Boden" ruhende Scheibe über der die Gestirne ausgespannt werden, hängt ebenfalls an nichts (#1). Oder, dass sich unser westliches Gottes- und Menschenbild darauf stützt, woraus sich die Frage ergibt, welche der knapp 2000 christlichen Splittergruppen, denn das richtige Bild Gottes vermittelt, und warum Steinigen für Ehebrecher und Lynchjustiz ("Auge um Auge, Zahn um Zahn") nicht gerade vorbildtauglich für die Menschenrechtscharta der UN war. Religionen haben massgeblich am arroganten Selbstbild des Menschen gefeilt, so dass dieser mit seiner Umgebung und den Tieren darin verfährt, wie mit Eigentum - nicht, dass ihm je eine Urkunde ausgehändigt worden wäre. Menschen erschießen andere Menschen für ihren friedliebenden Gott. Auf solche Götter - oder besser Religionen - kann man getrost verzichten.
Ein weiterer Einwand könnte sein, dass die Bibelschreiber zur Ansicht kamen, dass die Welt nicht schon ewig bestand, sondern irgendwann begann. Also müssen sie ja wohl von Gott darüber informiert worden sein. Aber auch hierfür ist ein Münzwurf adäquat einer göttlichen Eingebung. Denn wieviele Möglichkeiten gibt uns der logische Verstand schon vor: Entweder es existiert schon ewig oder nicht. Die Chance richtig zu raten, liegt bei 50 Prozent.

Wenn Wissenschaftler dann Aussagen treffen, wie die Planetenbewegungen (wer kreist um wen und warum), die Reaktion in chemischen Gemischen, Krankheitsbilder und Therapien und dergleichen mehr, sich dazu aber keine Aussagen in der Bibel finden, so sind dies Nebensächlichkeiten. Obschon viele auch behaupten, dass die Wissenschaft der Kirche beziehungsweise den Klöstern entsprang. Für mich ergibt sich die Frage, wer vor der Wissenschaft für Nebensächlichkeiten zuständig war. Und warum haben Griechen, Römer, ja sogar Ägypter (von denen sich moderne Kalendersysteme ableiten), Babylonier (von denen die Tageseinteilung der 2 x 12 Stunden, zu je 60 Minuten kommt) und Sumerer (die die Schrift erfanden) schon lange vor der Kirche über die Welt nachgedacht? Die moderne wissenschaftliche Suche nach Antworten hat mit dem Glauben nur noch herzlich wenig zu tun. Sie spiegelt sich wieder in prozessierbaren Daten und beobachtbaren Fakten. An Gott kann dabei sehr gern gedacht werden, für die wissenschaftliche Theorie ist er aber vollkommen überflüssig. Ob Gott die Planeten auf ihre Bahn brachte oder nicht, ändert nichts daran, dass sie auf ihren Bahnen sind. Und sollte dieses Ereignis als göttlicher Eingriff tatsächlich stattgefunden haben, ist er per Definition nicht nachvollziehbar, da göttliche Eingriffe prinzipiell nicht reproduzierbar sind. Auch dann finden wir also keinen Gott in der Schöpfung, sondern stetes Nichtwissen.
Und dafür, dass die Bibel sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhält, ist die Beschreibung der Arche (1. Mose 6:14-17) im Vergleich zur Erschaffung von Himmel und Erde (1. Mose 1:1) überproportional lang. Hesekiels Tempelvision, die den Tempel Gottes beschreibt umfasst 6 Kapitel (Hesekiel 40-45) und verwendet viel Text allein auf die Vermessung dieses eingebildeten Gebäudes mit Vorhof und Innenhalle.

Grundsätzlich werden lediglich jene Wissenschaftler zitiert, die mit irgendeinem Ergebnis oder irgendeiner Aussage die eigenen Ideen stützen, unabhängig und ignorierend, was der Wissenschaftler sonst noch (vielleicht sogar im Kontext der selektierten Aussage) von sich gab oder andere Wissenschaftler von dieser Aussage oder jenem Experiment halten.
Wir können uns natürlich gern fragen, warum es etwas gibt und warum nicht nichts, aber Gott ist nicht mehr als ein vages Bauchgefühl. Es bringt nichts substanzielles zur Erörterung dieser Frage. Es bleibt: Wenn es nichts gebe, gebe es auch niemanden, der sich darüber wundern könnte. Sollte die Wissenschaft aber tatsächlich nur bestätigen, was sowieso schon seit bis zu 3500 Jahren in der Bibel steht, dann gibt es keinen Grund, die Wissenschaft zu befeinden und auch keinen Grund für die führenden christlichen Gruppierungen, die Bibel immer allegorischer auszulegen. Die Schöpfungsgeschichte hat aber zu recht keinen Platz in der Biologie, so wie Dänicken keinen Platz in den Geschichtswissenschaften. Man kann halt nicht einfach festlegen, dass die Bibel die Wahrheit spricht und ihr die methodischen Wissenschaften unterzuordnen sind. Das wäre dogmatisch!

Beim Überfliegen kreationistischer Schreibereien stelle ich aber immer wieder fest, dass bei ausreichender Interpretationsfreiheit und dem Weglassen von Gegenargumenten oder der Verknappung wissenschaftlicher Hypothesen, auf eine passende Aussage, unglaublich viele Schöpfungsmythen "belegbar" sind. Wirft man im Gegenzug besonders dem alttestamentarischen Gott Grausamkeit vor, zum Beispiel der Genozid an Sodom und Gomorra, und fragt warum, oft bis zum Säugling runter, ganze Volksgruppen (mitsamt unbeteiligten Tieren) ausgerottet wurden oder werden sollten (zum Beispiel die Landnahme Kanaans durch Josua), gelangt man schlußendlich wieder nur bei "Gottes Wege sind unergründlich." Freilich hat diese Diskussion nicht mehr viel mit der eigentlichen Debatte um die Herkunft des Lebens zu tun, aber zur Erörterung des Gottes, der das alles gemacht haben soll, tragen solche Fragen schon bei. Man muss dabei aber darauf achten, den Bogen zurück spannen zu können.

Schaut man sich jedoch den Satz aus Verhaltensregeln verschiedener Religionen an, sind diese in den Kernaussagen meist relativ ähnlich. Strafen auf Mord, Ehebruch, ...
Oft sind Aussagen von Kreationisten so generisch, dass es schwer fällt, diese in irgendeine Richtung einzuordnen. Warum aber hat jene Gruppe die Wahrheit, die anderen aber nicht? Und welche Argumente haben diese, die jene nicht auch haben? Wie man es dreht und wendet, es handelt sich doch wieder um einen inneren Zirkel, der alles außerhalb als veraltet, teuflisch oder eben falsch darstellt.
Die eigene heilige Wahrheit steht dem öffentlichen Bild von Wissenschaft gegenüber. Und dieses Bild der Wissenschaft ist nunmal dogmatisch. Es wird nicht hinterfragt, wie die forschenden Personen zu ihren Erkenntnissen kamen und warum sie ihre Schlussfolgerungen zogen. Es ist irrelevant, wie stichhaltig Darwin, Wallace, Haeckel, Gould, Dawkins und all die anderen argumentieren und wie schlagkräftig die Evidenz für ihre Aussagen sind, ihre Ergebnisse widersprechen einfach der heiligen Wahrheit. Und da die Forscher nicht vom unheiligen Weg abweichen und "stur" ihren Abläufen folgen, die ausschließen, was nicht sein darf, sind sie logischerweise dogmatisch.
Ein allwissender, zeitungebundener (daher prophetischer) Gott hätte wissen müssen, dass der Schöpfungsbericht irgendwann einmal auf dem Prüfstand steht und aufgrund seiner knappen Aussagen falsch ausgelegt werden wird (zum Beispiel durch Kurzzeitkreationisten).
Stattdessen geht es den Figuren, die gegen die Evolution oder eine andere unbeliebte Wissenschaft argumentieren nicht vorrangig um Erkenntnis, sondern darum in der Öffentlichkeit den Eindruck einer Debatte zu erwecken, die es im Grunde nur in ihrem Kopf gibt. Immer wieder wirft man mit Versatzstücken irgendwelcher "Forschungen" um sich, in der Hoffnung, die Gegenseite werde irgendwann nachgeben oder es einfach einsehen.

Eine grobe Vorstellung der Größe des Kosmos zeigt auf, dass wir wohl nicht allein sein können und die Entstehung von Leben nur eine Frage der Wahrscheinlichkeit ist. Zur Sonne bräuchte ein Linienflugzeug 19 Jahre, nonstop, Tag und Nacht. Der nächste Stern (Proxima Centauri) ist in seiner sonnennächsten Konstellation 4,2 Lichtjahre entfernt, was 271.000 mal weiter weg als die Sonne. Das ist quasi unser Nachbar. Die Milchstraße enthält aber nochmal 220.000.000.000 Sterne und misst mehr als das 24.000-fache des Abstandes zu Proxima Centauri. Der Andromedanebel ist sogar 600.000 mal so weit entfernt, wie Proxima Centauri, und gehört dennoch zur "lokalen Gruppe". Warum dieser Name? Weil das eine Gruppe der nächstbesten Galaxien ist und Galaxien gibt es über 150.000.000.000. Wir diskutieren darüber, ob 30 * 10^21 Sterne im sichtbaren Universum und wer weiß was noch im Bereich dahinter, lediglich dazu da sind, uns Gottes Macht zu demonstrieren und dennoch eingeflößt sei, dass der Mensch, eine Spezies unter tausenden auf einer kleinen, blauen Murmel, in irgendeinem Heilsplan einen wichtigen Eckstein einnimmt. Da darf man doch ganz berechtigt seine Zweifel haben. Früher war es sicher die noch unvollständigere Sicht auf die mögliche Größe des Universums, die den Menschen in den Mittelpunkt stellte, da sich ja alles um die Erde zu kreisen schien. Heute spielt vielleicht die Angst um Bedeutungslosigkeit in einer auf Nummern beruhenden Welt mit herein.

Dass ein starres Gottesbild auf Erden existiert, dass nach wie vor seine Anhängerschaft hat, liegt sicherlich auch an der Priesterschaft, die die Gläubigen mit Strafandrohungen von oben dabei hielt, nur den "einen wahren Gott" anzubeten. Man solle sich keinen Götzen hingeben (#2). Das selbstbestimmte Leben, ein wesentlicher Teil der Menschenrechte, die hart, auch gegen den Widerstand der Kirchen, erkämpft wurden, sind Grundpfeiler unserer heutigen Gesellschaft und dies spiegelt sich ebenso in der Wissenschaft wider. Sie ist in kein Korsett gepresst und erforscht frei von Zwängen die Welt um sich herum. Es ist großartig, diesen Prozess mit erleben zu dürfen, auch wenn in der Wissenschaftskommunikation oft das Ergebnis, nicht die Forschung dahinter, im Vordergrund steht.

Es gibt so um die 5000 verehrte Götter, man kann's eh nicht allen recht machen. Die Chance, den falschen zu verehren, nur weil man zufällig in eine bestimmte Kultur geboren wurde, ist also größer als 99,9%. Dann lasse ich jenen letzten als einfache Konsequenz auch einfach weg und kann dennoch ein guter Mensch sein und ein erfülltes Leben führen. Ich muss aber nicht. Wissenschaft macht es ja auch nicht unmöglich zu glauben. Sie macht es nur möglich, nicht glauben zu müssen.

Aber ich kann die Kreationisten und die "Sonntagschristen" nachvollziehen. Sie sind nicht zwangsläufig militant oder dogmatisch oder ungebildet. Ein haufen gläubiger Wissenschaftler (zum Beispiel Harald Lesch, Astrophysiker) widerlegt dieses Bild. Doch das bewusste Loslassen des Glaubens ist ein langwieriger, schmerzhafter Prozess. Ich kann mir vorstellen, dass einen Selbstzweifel plagen und das schlechte Gewissen, die Eltern zu verraten. Auf dem Pfad zur Wahrheit wünscht man sicher mehr als einmal, Gott an seiner Seite. Der Weg vom Glauben zum Zweifel ist offenbar schwer, besonders, wenn man in einer Religion aufgewachsen ist. Das ist absolut nicht böse gemeint. Der "rote Faden" für die Entscheidungen des Lebens soll plötzlich nicht mehr da sein. Der Glaube ist ja real.
Der Weg in die andere Richtung ist deswegen aber nicht leichter. Den Zweifel als Triebkraft des Denkens durch einen Glauben an prinzipiell nicht nachweisbare Dinge zu ersetzen, scheint mir ein Unding. Immerhin studiere ich seit fast 4 Jahren mit Zeugen Jehovas die Bibel. Greifbarer ist es seither nicht geworden.

Um es dennoch bei einem Schlusswort zu belassen, lässt sich folgendes sagen: Dass Kreationisten, die einer 3000 Jahre alten Schrift mehr glauben, als methodisch erworbener Erkenntnis, die sich stetig selbst prüft, eben jener in Form der Evolutionswissenschaften Dogmatismus vorwerfen, lässt Zweifel offen, ob deren Spiegelneuronen korrekt arbeiten.

Skepsis ist das Zeichen und sogar die Poesie des gebildeten Verstandes.
John Dewey, amerikanischer Philosoph und Psychologe (1859-1952)

# 1 - Weitere Indizien, die für die Ansicht einer Flachen Erde stehen

Die dreitägige Finsternis der 9. Plage (2. Mose 10-20:23) und die stillstehende Sonne zu Gibeon (Josua 10:12-13). Beides verlangt entweder das Stoppen oder Hinwegbewegen der Gestirne oder dem Stoppen des Drehimpulses der Erde. Bei einer statischen Erde mit einer den Sternen zugewandten und einer angewandten Seite (was auch immer dann zu sehen wäre) ist die austretende Wärmeenergie, die durch den Energieerhaltungssatzes durch die Umwandlung der Bewegungsenergie entsteht, weniger relevant, als die ebenfalls austretende Wärmeenergie durch die Umwandlung der Bewegungsenergie aus dem Drehimpuls der Erde.
Wenn die Erde gestoppt wird kann man die umzuwandelnde Energie errechnen. Die Masse der Erde ist bekannt und ihre mittlere Drehgeschwindigkeit auch.

Die kinetische Energie der Drehbewegung der Erde errechnet sich aus ihrer Translationsenergie (E trans) addiert zur Rotationsenergie (E rot).

Die Rotationsenergie ergibt sich wie folgt: E rot = 1/2 * 2/5 * mr² * w²
Die Translationsenergie ergibt sich wie folgt: E trans = 1/2 mv²

In Summe: E kin = 1/2 mv² + 1/2 * 2/5 mr² * w²

Das sieht komplizierter aus, als es ist. Die Winkelgeschwindigkeit w² entspricht v²/r². Das können wir einsetzen und danach die Formel einkürzen.

E kin = 1/2 mv² + 1/2 * 2/5 mr² * v²/r²

r² kürzt sich raus.

E kin = 1/2 mv² + 1/2 * 2/5 mv²
E kin = 5/10 mv² + 2/10 mv²
E kin = 7/10 mv²

Die Rotationsgeschwindigkeit der Erde lässt sich errechnen aus der Zeit, die eine Drehung um die eigene Achse dauert und der Strecke, die am Äquator zurückgelegt wird, dessen Umfang aus der Formel U = 2 Pi * r zu errechnen ist. Der Erdradius ist dabei 6371 km. Wir kommen daher auf 1667,924 km/h beziehungsweise 463,312 m/s.
Die Masse der Erde beträgt 5,9722 * 10^24 kg (5,97 Trilliarden Tonnen).
Setzen wir diese Werte nun in obige Formel E kin = 7/10 mv² ein, ist das Ergebnis: 897386,395 * 10^24 kg * m²/s².

Die Einheit kg * m²/s² ist aber sehr umständlich, also ersetzen wir auch diese.
kg * m/s = N (Newton, Kraft)
kg * m²/s² = J (Joule, Energie)
kg * m²/s³ = W (Watt, Leistung)
Demnach haben wir knapp 900 * 10^27 J. Das entspricht umgerechnet etwa der Leistung von 128 Trilliarden Cerankochfeldern (ca. 7000 Watt). Und das wiederum sind auf jeden der 510.064.471.909.788,275 m² (A = 4r² Pi) je 250.948.668 Cerankochfelder Leistung.
Der Vergleich mit Kochgerätschaften ist nicht von ungefähr: Tatsächlich wird die Erde Impulsänderungen durch den Energieerhaltungssatz in Wärmeenergie umwandeln. Die Erdkruste würde verdampfen, mitsamt den armen Lebewesen darauf.

#2 - Wobei eigentlich auch Kreuze, Marienbildnisse oder Heiligenverehrung Götzenkult ist. (siehe 2. Mose 20:4, 5; Jeremia 10:3-5)
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"If the biggest problem that you're having in the twenty-first century involves
what other people's genitals look like, and what they're doing with those genitals
in the presence of other consenting adults, you may need to reevaluate your
priorities." - Forrest Valkai


("Wenn das größte Problem, das du im 21. Jahrhundert hast, darin besteht, wie
anderer Leute Genitalien aussehen und was diese damit in Gegenwart anderer
Erwachsener mit deren Einverständnis machen, musst du möglicherweise deine
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » So 1. Apr 2018, 17:43

Perfektion? - Aus Fehlern wird man klug! - Das menschliche Auge und EHEC im Lichte der Evolutionsforschung und was beta-globin über Artverwandtschaften verrät

Oft ist einer nicht genug. Statistisch sollten also jene am klügsten sein, die die meisten Fehler gemacht haben. Zumindest - und das ist wohl korrekter formuliert - sollten wir uns in bestimmten Situationen um so besser verhalten, je mehr Fehler wir bisher gemacht haben.
Evolutionsbiologisch haben Fehler jedoch eine ganz andere Bedeutung: Sie sind notwendig.
When we no longer look at an organic being as a savage looks at a ship, as at something wholly beyond his comprehension; when we regard every production of nature as one which has had a history; when we contemplate every complex structure and instinct as the summing up of many contrivances, each useful to the possessor, nearly in the same way as when we look at any great mechanical invention as the summing up of the labour, the experience, the reason, and even the blunders of numerous workmen; when we thus view each organic being, how far more interesting, I speak from experience, will the study of natural history become!
- Charles Darwin: On the Origin of Species, 1856

Übersetzung des letzten Teils nach H. G. Bronn, 1867: "(...) wenn wir jede “grosse mechanische Erfindung als das Product der vereinten Arbeit, Erfahrung, Beurtheilung und selbst Fehler zahlreicher Arbeiter ansehen, wenn wir jedes organische Wesen auf diese Weise betrachten: wie viel ansprechender (ich rede aus Erfahrung) wird das Studium der Naturgeschichte werden!"

Großartiger Gedanke: Die Summe all dessen, was heutige Lebewesen ausmacht, ist auch die Summe all der Fehler, die dazu geführt haben.


Topographische Bilder von Kolonien von E. coli O157:H7 (A) 43895OW (nicht curli-produzierend) und (B) 43895OR (curli-produzierend) auf Agar (48 h bei 28 °C)


Bei Diskussionen mit Kreationisten tauchen immer wieder die gleichen Argumente auf. Ein sehr beliebtes ist das menschliche Auge. Zu Darwins Zeiten wirkte es so perfekt, dass es unmöglich natürlich entstanden sein konnte. Deshalb wurde es gerne als Beispiel dafür aufgeführt, dass doch ein Designer hinter dem Auge stecken müsste. Doch dann stellte sich heraus, dass all die Übergangsformen, die zu dem heutigen Auge geführt haben könnten (Augen mit anderen Linsen, Augen ohne Linsen, Augen ohne Iris, Augen ohne Glaskörper, Augen ohne Netzhaut, und Augen ohne Hohlraum, um nur einige Fälle zu nennen), immer noch in anderen Tieren existierten. Es geht also doch, unperfekt zu sehen.
Dabei ist auch unser Auge alles andere als perfekt. Blutgefäße laufen auf der Netzhaut entlang, was die Sichtqualität einschränken und bei möglichen Verletzungen der Gefäße zu extremer Sehschwäche führen kann. Aber nicht nur Blutgefäße, sondern auch alle möglichen Arten von Zellen liegen zwischen dem einfallenden Licht und der Netzhaut. Ganglienzellen, Amakrinzellen, und andere Nervenzellen müssen erst überwunden werden bevor das Licht registriert wird, denn beim Menschen und anderen Wirbeltieren liegen die Photorezeptoren dahinter (nicht wie zum Beispiel bei Kraken vor den Nervenzellen, siehe Abbildung).
Das führt zu einem nächsten Fehler: den blinden Fleck - es gibt tatsächlich einen Bereich, bei dem wir gar nichts sehen. Bedenkt man dann noch, dass das Bild was wir sehen eigentlich auf dem Kopf steht und erst unser Gehirn es wieder richtig dreht, dann fällt es einem schwer noch von Perfektion zu reden.

Schematische Darstellung eines Auges vom Menschen (links) und eines Kraken (rechts). 4 ist der nur beim Menschen zu findende Blinde Fleck, 1 die Netzhaut und 2 die Nervenfasern. (1 und 2 sind bei dieser von Wikipedia stammenden Illustration beim Kraken vertauscht.)

Fehler wie beim Auge lassen sich aber erklären, wenn man nachverfolgt, wie sich das Auge evolutionsbiologisch wahrscheinlich entwickelt hat. Eine Anpassung kann schließlich nur auf Vorhandenem aufbauen. Um einen vorherigen Fehler wieder gut zu machen, ist es unendlich viel schwieriger, alles noch einmal zu wiederholen. Einfacher ist es den Fehler zu reparieren, wie zum Beispiel das Tapetum lucidum das bei nachtaktiven Tieren getan hat (das Tapetum ist der Grund für die bunten Augen von Hunden und Katzen auf Fotos). Damit möglichst viele Informationen aus dem einfallenden Licht gewonnen werden können, wird hinter der Netzhaut das Licht einfach reflektiert und noch einmal durch alle Photozellen geleitet. Das Tapetum ist dabei aber lediglich eine Ergänzung. Der umständliche Weg zur Netzhaut bleibt bestehen.
Fehler sind vielleicht überall in der natürlichen Welt zu finden, aber warum sind sie in der Evolution sogar notwendig?

Die vielleicht simpelste Form eines Fehlers ist der Lesefehler. DNA wird von Enzymen abgelesen, den sogenannten DNA Polymerasen, die ab und zu die falschen Nukleotide in die kopierte DNA einbauen. Schlimmer noch, es könnten auch zu viele oder zu wenige Basenpaare hinzugefügt werden. Das ergäbe nicht nur einen kleinen, vielleicht sogar vernachlässigbaren Fehler, sondern verändert die ganze nachfolgende Bedeutung eines Gens. Beispielhaft könnte man sagen, dass der Satz “Wieviel Holz fällt ein Holzfäller?” durch einfügen eines zufälligen neuen Buchstabens zu “Wieviet Lhol zfäll tei Nholzfälle r?” Bei dem genetischen Rezept für rote Blutkörperchen zum Beispiel wäre es fatal, wenn hinterher nicht das herauskommt, was eigentlich soll (Einem Holzfäller könnte dann nämlich schnell die Puste ausgehen.) All solche Fehler werden in der Regel durch andere Enzyme ausgebessert, aber manchmal entgeht selbst diesen molekularen Polizisten der eine oder andere Patzer. Das ist die Geburtsstunde einer Mutation. Ist die Mutation erst einmal in der DNA drin, wird sie von einer Zellgeneration zur nächsten weiter gegeben. Entstehen solche Mutationen in Zellen, aus denen Geschlechtszellen werden, können die Mutationen auch an Nachkommen dieser Mutationsträger weiter gegeben werden. So funktioniert schon ein wesentlicher Bestandteil evolutionärer Prozesse - und zwar nur wegen einem "kleinen" Lesefehler.

Aber damit nicht genug. Passiert dieser kleine Fehler in einem Gen, das eigentlich die Enzyme produziert, die die DNA-Replikation auf Fehler kontrollieren sollen, können sich Fehler erstaunlich schnell anhäufen. In vielen Fällen entstehen so Krebsgeschwüre. Über evolutionsbiologisch relevante Zeiträume allerdings bedeutet das eine erstaunliche Möglichkeit für Veränderungen im Erbgut von Lebewesen. Relevant wird so ein Fehler dann, wenn entsprechend starker Selektionsdruck auf einem Individuum lastet. Escherichia coli (momentan besser bekannt als EHEC) zum Beispiel ist ein Bakterium, welches in vielen Fällen mit Antibiotika bekämpft wird. Viel stärkeren Druck kann so ein Lebewesen gar nicht haben. Für das Bakterium geht es um Leben und Tod. Entwickelt es nun eine hohe Vielfalt an Mutationen, erhöht sich die Chance dass irgendetwas dabei rum kommt, was doch etwas resistenter ist. Bei einem Genom von ca. 4 Millionen Basenpaaren und einer geschätzten Mutationsrate von einem Fehler pro einer Milliarde Nukleotiden, bedeutet das, dass ungefähr 1% aller neuen E. coli-Bakterien eine Mutation haben, die sie von ihrer "Mutter" abheben. So klein die Zahlen erscheinen, bei Zellen die sich alle paar Stunden vermehren, entwickeln sich so schnell neue Varianten.

Das Leben ist also eine Reihe erfolgreicher Fehler.

Fehler sind aber nicht nur einer der Hauptmotoren der Evolution, gleichzeitig sind sie auch ein unheimlich wertvolles Werkzeug für Evolutionsbiologen, um der Verwandtschaft von Arten auf die Schliche zu kommen. Haben unterschiedliche Arten die gleichen "Fehler" in ihrer DNA, ist es wahrscheinlich, dass sie auch den gleichen Vorfahren haben (wie in Vitamin C - Fehlende Synthetisierung als Selektionsvorteil bereits erläutert). Genauso wie zwei Schüler wahrscheinlich voneinander (oder von einer gleichen Quelle) abgeschrieben haben, wenn sie die gleichen Wörter irgendwo gleich falsch geschrieben haben, lässt sich mit Hilfe von Fehlern in der DNA der Ursprung eines Fehlers bestimmen. Ein klassisches Beispiel ist Hämoglobin. Nicht nur Holzfäller sind auf den Sauerstofftransport im Blut angewiesen, und ohne Hämoglobin, der rote Farbstoff in unseren Venen und Arterien, kommt Sauerstoff nicht dort an, wo er gebraucht wird. Das Protein beta-globin ist dabei ein wesentlicher Bestandteil. Fünf Gene kodieren dafür, dass es produziert wird. Schaut man aber genauer, findet man noch ein weiteres, ein sechstes Gen inmitten der anderen fünf, das auf Grund von Fehlern schlicht gar nichts mehr produziert. Hier handelt es sich nicht um einen kleinen Fehler von einem verwechselten Basenpaar, sondern um viele Fehler - darunter vertauschte Basenpaare, die nun für andere Aminosäuren kodieren, und gelöschte Basen, durch die der nachfolgende Strang völlig seine ursprüngliche Bedeutung verliert. Ansonsten ist dieses sechste Gen so wie seine anderen fünf funktionsfähigen "Brüder" aufgebaut.


Struktur des HBB-Proteins (Bestandteil des β-Globin)


Nun, jeder einzige dieser Fehler findet sich aber nicht nur beim Menschen, sondern auch noch woanders ... in Schimpansen und Gorillas ist dieses Gen genauso fehlerhaft vorhanden wie bei uns. Die einfachste - und wahrscheinlichste - Erklärung dafür ist, dass wir alle einen gemeinsamen Vorfahren hatten, der auch nicht unbedingt ein völlig funktionsfähiges sechstes beta-globin Gen hat. So kann man an Hand von Fehlern in unserer DNA Schlüsse über Verwandtschaft ziehen. Und DNA hat noch weit mehr Gene, die alle Fragmente von längst vergessenen Fehlern beinhalten.

Mutationen zu kriegen ist einfach, wir alle kommen mit einer auf die Welt. Viel schwieriger ist es, welche zu bekommen, die uns auch gleich einen Vorteil bieten, denn im Großteil der Fälle führen sie eher zu Problemen. Doch ohne sie gäbe es nicht so viel Vielfalt in der Welt. Ohne Fehler würde Selektion nicht stattfinden können.

Sollten wir nun möglichst viele Fehler machen? Nein. Den irrsinnigen Gedanken, ein evolutionsbiologisches Konzept, dass auf die Artentwicklung über hunderte, ja tausende Generationen stattfindet, auf einzelne Individuen in sozialen Strukturen anzuwenden ist Blödsinn. Individuen evolvieren nicht! Daher funktioniert auch kein Sozialdarwinismus, der so wenig Darwinismus ist, wie Koalabären echte Bären sind.
So viele Fehler wie möglich zu machen, um am Ende irgendwas positives zu erhalten ist, kurz gesagt, dumm. Man bedenke nur, dass viele Fehler in Sackgassen führen. Auch in der Natur. Und mancher Fehler lässt sich nicht mehr rückgängig machen.

Selbstverständlich kann ein solches Konzept in Schulen aber angewandt werden, um die Schüler durch Fehler selbst auf Problemlösungen aufmerksam zu machen. Aus Fehlern kann man also dennoch klug werden.

Positive Mutationen in einem Genom sind aber etwa so selten wie sechs Richtige im Lotto (mit Zusatzzahl). Ein Fehler, der uns Lernwillige zu einer einfacheren, besseren Lösung eines Problems verhilft, kommt da schon wesentlich häufiger vor. Unser größter Vorteil ist, dass wir dem nachhelfen können, indem wir bewusst mit Fehlern umgehen, und nicht um jeden Preis versuchen, sie zu verhindern. Denn dabei lernen wir ganz sicher nichts.

Das menschliche Leben ist also die positive Ausbeute aus einer Reihe von erfolgreichen Fehlern.

Weitere Informationen:

A molecular and evolutionary study of the beta-globin gene family of the Australian marsupial Sminthopsis crassicaudata.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8752008

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