Evolution oder Schöpfung




Religion, Esoterik, Verschörungstheorien und andere Dinge.

Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Sa 16. Dez 2017, 12:26

Grundlagen: Gottesbeweise - Teil 3: Die Pascalsche Wette

Die Pascalsche Wette ist Blaise Pascals (1623-1662; französischer Mathematiker, Physiker, Literat und christlicher Philosoph) berühmtes Argument für den Glauben an Gott. Pascal argumentiert, es sei stets eine bessere "Wette", an Gott zu glauben, weil der Erwartungswert des Gewinns, der durch Glauben an einen Gott erreicht werden könnte, stets größer sei als der Erwartungswert im Falle des Unglaubens.
Im Grunde ist dies natürlich kein Beweis für Gott, sondern lediglich ein Argument dafür, an einen Gott (oder mehrere Götter) zu glauben. Mit diesem Argument zielte Pascal besonders auf jene Menschen ab, die durch klassische Gottesbeweise nicht zu überzeugen waren. Die Wette selbst ist aber bereits wieder ein Zirkelschluss: Um die Wette akzeptabel zu finden, muss bereits an einen ganz bestimmten, genau festgelegten Gott mit spezifischen Eigenschaften geglaubt werden. Weicht auch nur eine der für Gott angenommenen Eigenschaften vom tatsächlichen Gott ab (wenn sowas denn überhaupt existiert), dann verliert man die Wette, obwohl man glaubt sie zu gewinnen.
"Wir wollen Gewinn und Verlust abwägen, setze du aufs Glauben, wenn du gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts. Glaube also, wenn du kannst."
- Blaise Pascal

Pascals Argument lautet, dass eine Analyse der Optionen hinsichtlich des Glaubens an Gott zu folgenden Resultaten führt:
  • Man glaubt an Gott und Gott existiert. – In diesem Fall wird man belohnt (ewiges Leben, Himmelreich).
  • Man glaubt an Gott und Gott existiert nicht. – In diesem Fall gewinnt man nichts, verliert aber auch nichts.
  • Man glaubt nicht an Gott und Gott existiert nicht. – In diesem Fall gewinnt man ebenfalls nichts, verliert aber auch nichts.
  • Man glaubt nicht an Gott und Gott existiert. – In diesem Fall wird man bestraft (ewige Verdammnis, Vernichtung).

Aus dieser Analyse der Möglichkeiten folgerte Pascal, dass es besser sei, bedingungslos an Gott zu glauben. Wenn man an Gott glaubt, aber Gott existiert nicht, so verliert man nichts. Aber wenn man nicht an Gott glaubt, aber Gott existiert, so wird man in die Hölle geworfen. Deswegen ist es dumm, nicht an Gott zu glauben.
Pascal ordnete den beiden Möglichkeiten - Existenz oder Nichtexistenz Gottes - gleiche Wahrscheinlichkeiten zu. Er begründete dies damit, dass "die Vernunft durch die eine Wahl nicht stärker erschüttert werde als durch die andere", infolge unseres Unwissens.

Gegenargument: Die Kostenfrage

Die Pascalsche Wette in ihrer oben dargelegten Formulierung geht davon aus, dass Glaube nichts kostet. Pascal selbst gesteht jedoch zu, dass es jedenfalls möglich ist, dass man gezwungen ist, "die irdischen Freuden" zu opfern, um sein Leben dem Glauben an Gott in angemessener Weise zu widmen. Außerdem kostet es Zeit: Je nachdem welchem Kult man nachgehe, muss man bestimmte Versammlungen einhalten, Zeit im Gebet verbringen oder dergleichen. Da man aber nur dieses eine Leben auf der Erde habe, ist der Verlust an Zeit besonders schmerzlich. Diejenigen, die naturwissenschaftlich denken, auch wenn es Glaubensinhalten widerspricht, könnten in der Lage sein, Entdeckungen zu machen und Ziele zu erreichen, die einem ideologisch Befangenen verwehrt bleiben. Pascal war sich dieser Argumentation bewusst:
"Nun aber ist hier eine Unzahl von unendlich glücklichen Leben zu gewinnen mit gleicher Wahrscheinlichkeit des Verlustes und des Gewinnes und was du einsetzest, ist so wenig und von so kurzer Dauer, daß es eine Tollheit wäre, es bei dieser Gelegenheit zu sparen."
- Blaise Pascal

Glaubt man also, dass die Belohnung für den Glauben an Gott der Himmel ist und dieser Gewinn als "unendlich" bewertet wird, dann ist es selbst bei Kosten für den Glauben, die ja immer endlich sind, immer noch die bessere Entscheidung, an Gott zu glauben, sofern die Wahrscheinlichkeit der Existenz von Gott größer 0 ist. Denn jede positive Wahrscheinlichkeit würde bei der Multiplikation mit Unendlich einen unendlichen Erwartungswert ergeben.
Zudem muss die Einschränkung, dass der Glaube an Gott einen Verlust im irdischen Leben darstelle nicht zwingend geteilt werden. An dieser Stelle kann die Spekulation angebracht werden, ob Glaube und Gebet nicht sogar medizinische, soziale oder kulturelle Vorteile mit sich bringen.

Gegenargument: Glaubensfrage

Ein weiterer Einwand, den Pascal selbst diskutiert, ist das Problem, dass zum richtigen Glauben die feste Überzeugung gehöre, dass Gott existiere. Diese lässt sich aber nicht ohne weiteres herstellen, wird doch im Argument davon ausgegangen, dass die Existenz Gottes keinesfalls eine sichere Tatsache ist. Entsprechend ist es schwer vorstellbar, dass ein Mensch, der von der Richtigkeit von Pascals Argument überzeugt ist, seine bisherige Skepsis vergessen und sich zum Glauben entschließen kann.
Pascals Antwort auf dieses Problem ist, man müsse zunächst die Freuden des gottlosen Lebens aufgeben, dann werde sich der Glaube auch einstellen. In der Interpretation von John Leslie Mackie bedeutet dies, dass man seinen Willen durch das Betreiben religiöser Praktiken manipulieren solle bis sich der wirkliche Wille zum Glauben einstelle.
Dies also ist eine zirkuläre Logik: Ich muss bereits glauben, dass es Gott gibt, damit ich an ihn glauben kann. Nur, wenn der Glaube richtig ist, dann ergibt diese Wette überhaupt einen Sinn. Sonst wette ich beim Pferderennen, dass Michael Schumacher auf Ferrari gewinnt.

Gegenargument: Weitere Optionen

Im Grundmuster benutzt diese Wette einen alten Trick, nämlich die Verkürzung auf zwei Alternativen, zwischen denen gewählt werden soll, wobei die Bedingungen so formuliert werden, dass eine Alternative als besonders attraktiv erscheint. Der wohl schlagendste Einwand gegen Pascals Wette stellt die Vollständigkeit der Darstellung der Optionen in Frage. Konkret geht Pascal nur von folgenden Möglichkeiten aus und beschränkt sich dabei auf den christlichen Gott:
  • Es gibt einen Gott, der genau die Menschen belohnt, welche an ihn glauben und jene bestraft, die es nicht tun.
  • Es gibt keinen Gott und damit auch keine Belohnung für Glauben.
Tatsächlich gäbe es aber noch mehr Möglichkeiten:
  • Es gibt einen Gott, der jedoch nicht belohnt.
  • Es gibt einen Gott, der belohnt, dies jedoch nicht (allein) vom Glauben an ihn abhängig macht.
  • Es gibt keinen Gott, und man wird nach dem Tod trotzdem belohnt. Wobei sich jedoch die Frage stellt, durch wen.
  • Es gibt einen nichtchristlichen Gott/nichtchristliche Götter, der alle Christen wegen Götzendienst bestraft.
  • Es gibt einen christlichen allwissenden Gott, der Taten belohnt.
  • Es gibt einen Gott, der Menschen bestraft, die nur um eines Vorteils willen an ihn glauben.
  • Es gibt einen Gott, der Menschen bestraft, die blind an ihn glauben.
  • Es gibt einen Gott, der Menschen bestraft, die vorgeben in Seinem Namen zu handeln (z.B. Kreuzzüge, Selbstmordattentate).
  • Es gibt einen Gott, doch es interessiert ihn nicht, was die Menschen tun oder lassen oder glauben.
  • Es gibt keine Hölle und alle Menschen bekommen das ewige Leben.
  • Es gibt eine Hölle und alle Menschen kommen dort hinein.
  • Wir sind hier bereits in der Hölle, für unsere früheren Vergehen.
  • Durch meinen Glauben beleidige ich Gott, da ich ihn nach meinem Bilde gestalte.
  • Gott interessiert sich nicht für das Universum, sondern hat es Satan überlassen. Und der aber mag es bekanntlich überhaupt nicht, wenn man an Gott glaubt.
  • Der Glaube an Gott reicht nicht aus, um die Unsterblichkeit zu gewinnen, ich muss noch andere Bedingungen erfüllen, die ich aber leider nicht kenne.
  • Gott würfelt aus, wer in die Hölle kommt und wer nicht.
Und diese Liste ist keineswegs vollständig.

Demnach seien die Aussichten auf ein unendlich glückliches Leben nach dem Tod möglicherweise nicht allein Gläubigen vorbehalten. Und wenn, dann ist es zudem noch möglich, dass der Glauben an Gott nicht automatisch das glückliche Leben nach dem Tod für alle Gläubigen bedeute. Es wäre durchaus möglich, dass es einen Gott geben könnte, der kritischen Agnostizismus belohnt und blinden Glauben bestraft, oder der Ehrlichkeit im Denken belohnt und vorgespiegelten Glauben bestraft. Dieser Gedankengang zielt darauf ab, was Gott eigentlich verlangt: Soll man an ihn glauben oder soll man unabhängig in seinem Sinne handeln und Entscheidungen treffen?

Gegenargument: Moral

Allerdings kann man auch entgegenhalten, dass ein solcher Glaube allein der Gewinnmaximierung gilt, nicht dem Glauben an Gott selbst. Außerdem wäre dies blinder Glaube. Auch Richard Carrier argumentiert auf diese Weise:
Angenommen, es gäbe einen Gott, der uns beobachtet und darüber entscheidet, welche Seelen in den Himmel kommen, und Gott möchte den Himmel nur mit moralisch guten Menschen besiedeln. Er wird wahrscheinlich aus jenen Seelen auswählen, die eine bedeutende Anstrengung zur Enthüllung der Wahrheit geleistet haben. […] Wenn Menschen ein Bewusstsein für das gute und schlechte Handeln haben, folgt daraus, dass sie auch ein Bewusstsein für Gut und Böse besitzen. Dieses Bewusstsein erfordert ein umfassendes Wissen über unser Universum, und zum Beispiel auch darüber, ob es Gott wirklich gibt. Diese Menschen kümmern sich darum, ihre Glaubensinhalte zu bestätigen, zu testen und letztendlich zu erfahren, ob ihr Glauben vermutlich korrekt ist oder nicht. Deshalb verdienen nur Menschen, die stets die Sittlichkeit ihrer Entscheidungen überprüfen, einen Platz im Himmel - außer Gott möchte den Himmel mit moralisch faulen, unverantwortlichen oder unzuverlässigen Menschen füllen. […] Wenn jemand in den Himmel kommen möchte, muss er einige bedeutende Fragen klären - und dazu gehört: "Existiert Gott?".

Gegenargument: Die Existenz mehrerer Gottheiten

Die Wette enthält übrigens auch keinen Hinweis, an welchem Gott man glauben soll - da wären ein paar Tausend zur Auswahl.
Das "Viele-Götter"-Argument zeigt, dass wir beliebig viele andere Kriterien finden können, nach denen ewige Seligkeit angeboten und ewige Qual angedroht werden könnte. Beispielsweise könnten nichtchristliche Götter existieren und alle bestrafen, die nicht an sie geglaubt haben, einschließlich der Christen. Oder irgendeine Macht könnte beschließen, diejenigen zu bestrafen, die an Gott glauben, und die Ungläubigen zu belohnen.
Auf diese Weise könnte die Pascalsche Wette benutzt werden, zu folgern, es sei ratsam, an eine ganze Reihe von Göttern zu glauben oder gar an alle. Da jedoch die Glaubenssysteme einiger Religionen exklusiv sind (z.B. anderen Glauben als falsch ansehen), würde das für die Gläubigen dieser Religionen zu Widersprüchen zur Pascalschen Wette führen. Da ist das Argument der einander widersprechenden Offenbarungen, ein Argument, das besagt, dass angesichts vieler einander widersprechender Offenbarungen der Schluss nahe liegt, dass wahrscheinlich keine von ihnen Glauben verdient.
Anhänger von nicht-exklusiven Religionen (Sanatana Dharma oder Pantheismus zum Beispiel) bleiben von einer solchen Kritik unberührt. Zu beachten ist auch eine Besonderheit des jüdischen Glaubens, nach dem auch ein Nicht-Jude nur bestimmte Gesetze beachten muss, zu denen aber das Verbot von Götzenanbetung gehört. Schließlich gibt es Religionen, die keinen Bezug auf eine Gottheit erfordern, wie der Buddhismus.

Gegenargument: Umgekehrte Fassung

"Es ist besser, sein Leben so zu leben, als ob es keinen Gott gäbe und zu versuchen, aus dieser Welt einen besseren Platz zum Leben zu machen. Wenn es keinen Gott gibt, so hat man nichts verloren und wird von den Menschen stets in guter Erinnerung behalten. Wenn es doch einen gütigen Gott geben sollte, so wird er Dich nach Deinen Taten beurteilen und nicht danach, ob Du an ihn geglaubt hast oder nicht."
Man kann die Bedingungen der Wette stets so formulieren, dass sie die gerade gehegte Auffassung verstärkt. Zu mehr taugt diese Wette nicht. Man kann an ihr auch sehr gut messen, wie tief man bereits in den Denkfallen drin steckt, denn je mehr man dieser zirkulären Logik verfallen ist, umso schwerer ist es, die Fehler dieser Wette zu sehen.

Letztlich kommt man nicht an der Tatsache vorbei, dass alle Gott unterstellten Eigenschaften substanzlose Spekulationen sind. Pascal hatte bei dieser Wette nur genau zwei Möglichkeit im Auge, nämlich die, dass der Katholizismus wahr ist oder nicht. Und er muss ein merkwürdiges Gottesbild gehabt haben. Sein Gott belohnt die, die sich der Bequemlichkeit des Glaubens hingeben und bestraft diejenigen, die durch hartes und angestrengtes Nachdenken zu einer eigenen, von der Masse abweichenden Meinung gekommen sind.

Eine besonders gute Formulierung für die Negierung der Wette lautet auch:
Wenn man an einen Gott glaubt, der gut ist, dann wirft er keine Menschen in die Hölle, nur weil sie nicht an ihn glauben. Wenn man aber glaubt, so glaubt man möglicherweise auch an einen Betrug. Und wenn man andere dazu verleitet an einen Betrug zu glauben, dann hat man sie betrogen, damit gegen eine Moral verstoßen, die die Lüge unter Strafe stellt. Wenn der Andere diesen Betrug entdeckt, wird er einem nicht mehr vertrauen.
Tatsächlich ist die Pascalsche Wette eine Aufforderung zum Selbstbetrug, und wenn man einmal darauf hereingefallen ist und andere Menschen betrügt, dann kann man nicht mehr sicher sein, von den Anderen nicht ebenso betrogen zu werden. Die Strafe für Lügen besteht nicht nur darin, dass einem die Anderen nicht mehr trauen, sondern dass man selbst Anderen nicht mehr trauen kann. Das ist auch der Grund, warum sogar Selbstbetrug sozialschädlich ist. Wenn man nicht einmal sich selbst trauen kann.
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mi 27. Dez 2017, 00:30

Grundlagen: Über Zufall, Mutation und die Grenzen der Vererbungslehre

Wie wahrscheinlich ist es, dass sich zehntausende Buchstaben in genau der richtigen Reihenfolge "durch Zufall" aufreihen? Im Grunde ist diese Frage irrelevant, sie lässt sich aber als einfaches mathematisches Problem lösen.
Im Sinne der modernen Evolutionstheorie ist sie freilich sogar dumm gestellt. Denn sie geht davon aus, dass alle Buchstaben zum gleichen Zeitpunkt "auftauchten", nur in einer Anordnung "funktionieren" und nur in einem kulmulierten Moment, nicht nach einander oder in bestimmten vordefinierten Gesetzmäßigkeiten, aufgereiht werden.
Die viel wichtigere Frage ist, was notwendig ist, um eine Veränderung der Buchstabenkombinationen zu erreichen und wie lange es durchschnittlich dauert, bis es eine neue Buchstabenkombination gibt. Und erst dann ist zu überlegen, wie wahrscheinlich es ist, dass in einer bestimmten Zeit, bei einem rein zufälligen Verändern der Kombination, eine ganz bestimmte Buchstabenkombination entsteht.

Genau das, was die Evolutionstheorie beschreibt. Man muss dafür natürlich berücksichtigen, das es kein vordefiniertes Ziel gibt, der aktuelle Ist-Stand also auch hätte völlig anders sein können. Auch ist zu bemerken, dass der Evolution mit ungefähr 3 1/2 - 4 Milliarden Jahren ein unvorstellbar langer Zeitraum zur Verfügung stand und, dass es nicht lediglich ein Individuum gab, das hätte mutieren können.
Aus den Beobachtungen erschließt sich, dass die absolut überwiegende Anzahl an Mutationen entweder überhaupt keinen Effekt hat oder - und das ist schon wesentlich seltener - das Individuum nicht lebensfähig oder zumindest nicht lebensfähiger macht, als andere Individuen. Solche Mutationen werden durch eine gleichbleibende oder schlechtere Populationsrate ausgesiebt, also selektiert.
Bei der riesigen Anzahl an möglichen Mutationen und Individuen, die mutieren können, muss es auch Mutationen geben, die einem Individuum nützen. Das ist ebenfalls wieder nur eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Diese Individuen haben durch eine höhere "Fitness" eine höhere Chance, ihr Erbgut in die nächste Generation weiterzugeben. Nützliche Mutationen werden also mit einer höheren Wahrscheinlichkeit weitergegeben. So gibt es in "kurzer" Zeit mehr Individuen, die bereits über diese Mutation verfügen.
Was allerdings nützlich ist, also die "Fitness" erhöht, bestimmt sich nicht objektiv, sondern allein danach, ob es einem Individuum in einer bestimmten Umwelt hilft oder nicht. In einer anderen Umwelt kann die gleiche Mutation fatal sein, was dazu führt, dass sie sich dort nicht durchsetzen kann. Und weil nützliche Mutationen relativ selten auftreten, ist Evolution ein eher langsamer Prozess, der nicht in den allerseltesten Fällen live beobachtet werden kann. Deshalb sehen Menschen, zum Beispiel, im Großen und Ganzen heute noch so aus, wie vor zehntausend Jahren. Aber ein paar tausend Jahre sind auch nichts im Vergleich zu 3 - 4 Milliarden Jahren.

Immer wieder liest man darüber hinaus ja auch - und im von mir rezensierten Video "Hat die Bibel doch Recht? - Der Evolutionstheorie fehlen die Beweise" wird es ebenfalls behauptet - dass es einen Widerspruch zwischen Darwin und Mendel gäbe.
Mendel untersuchte die reine Vererbung - ohne Mutation - von einer Generation auf die andere. Ausschlaggebend hierfür ist die Meiose.


Schema der Meiose. In diesem Beispiel sind drei Chromosomenpaare dargestellt und die Chromosomen je blau bzw. rot gekennzeichnet nach dem Elternteil, von dem sie geerbt wurden. Außerdem sind Mikrotubuli und Centrosomen (beide gelb-orange) dargestellt, um die Phasen der Teilungen besser unterscheiden zu können. Auf (1) Prophase I (hier dargestellt in der Unterphase der Diakinese), (2) Metaphase I, (3) Anaphase I, (4) Telophase I der ersten meiotischen Teilung folgt – nach einer hier nicht dargestellten Zwischenphase der Interkinese – die zweite meiotische Teilung mit (5) Prophase II, (6) Metaphase II, (7) Anaphase II, (8) Telophase II. Vier gleich große Zellen wie hier angedeutet entstehen beispielsweise bei der Spermatogenese, nicht aber bei der Oogenese.

Meiose (griech. "Verminderung", "Verkleinerung"), auch Reifeteilung genannt, ist eine besondere Art Kernteilung eukaryotischer Zellen (#1), die in zwei Schritten abläuft: Meiose I (#2) und Meiose II (#3). Dabei wird die Anzahl der Chromosomen halbiert und es entstehen genetisch voneinander verschiedene Zellkerne. Damit unterscheidet sich die Meiose grundlegend von der sonst gewöhnlichen Kernteilung, der Mitose. Diese lässt den Chromosomenbestand unverändert und bringt damit genetisch identische Zellkerne hervor.

Bei der Meiose wird aus einem doppelten di-poliden Chromosomensatz einen einfachen ha-poliden Chromosomensatz gemacht. Dieser findet sich in den Keimzellen der Eltern wieder, welche bei der Befruchtung miteinander verschmelzen. Erst dadurch wird ein neuer doppelter ha-polider Chromosomensatz geschmiedet, der dann zu einem doppelten di-poliden Chromomensatz ergänzt wird. Ausführlicher ist das alles in den Fußnoten 2 und 3 lesbar. Wenn das alles funktioniert, können dabei natürlich nur die Erbinformationen weitergegeben werden, die bisher in der Elterngeneration auch schon vorhanden waren. Das entspricht Mendels Lehre.
Und das sind ihre Grenzen. Sie stellt den Normalfall dar und gilt da nicht mehr, wo die Erbinformation verändert wird. Dies kann beispielsweise durch einen Fehler bei der Meiose oder aber auch durch Mutation geschehen. Es handelt sich hierbei also nicht um eine nach den mendelschen Regeln vererbte Eigenschaft und nur die Evolutionstheorie gibt weiteren Aufschluss.
Mendel bietet also lediglich die Möglichkeit der Erklärung, wie Merkmale von einer Generation in die nächste getragen werden. Die Vererbungslehre ist also sehr wohl Teil der synthetischen Evolutionstheorie und widerspricht ihr nicht.

#1 - Eukaryotischer Zellen

Eukaryoten oder Eukaryonten (Eukaryota) sind eine Domäne der Lebewesen, deren Zellen (Eucyten) einen echten Kern und eine reiche Kompartimentierung haben. Hierin unterscheiden sie sich von den beiden übrigen Domänen im System der Lebewesen, den prokaryotischen Bakterien und Archaeen mit procytischen Zellen.
Demnach sind Tiere, Pflanzen, Pilze, Algen, einige Bakterien und auch der Mensch Eukaryoten oder Eukaryonten.

#2 - Meiose I (Reduktionsteilung)

Prophase I
Die erste meiotische Teilung beginnt mit der Prophase I. Diese wird in fünf Stadien unterteilt:
  1. Im Leptotän beginnen die Chromosomen zu kondensieren. Bis zum Ende der Prophase I sind die Enden der Chromosomen, die Telomere, an der inneren Zellkernmembran befestigt. Jedes Chromosom besteht aus zwei identischen Chromatiden.
  2. Das Zygotän ist durch die Paarung der homologen Chromosomen gekennzeichnet, also die Aneinanderlagerung der von den beiden Eltern erhaltenen Exemplare eines Chromosomentyps. Diese exakte Chromosomenpaarung, auch Synapsis genannt, verläuft von den Enden her reißverschlussartig, indem sich zwischen beiden Chromosomensträngen der synaptonemale Komplex bildet, der beide Stränge zusammenhält.
  3. Im Pachytän kommt es zur weiteren Kondensation und die gepaarten Chromosomen bilden als Bivalent je eine aus vier Chromatiden bestehende Tetrade. In dieser Phase ereignet sich das Crossing-over, womit der Austausch homologer Chromatiden-Abschnitte zwischen Nicht-Schwesterchromatiden von gepaarten Chromosomen eingeleitet wird. Der synaptonemale Komplex zerfällt danach wieder.
  4. Im Diplotän zeigen sich daher die Paare zweier Chromosomen deutlich mit je voneinander abgesetzten doppelten Chromatiden. Nun fallen an den Tetraden als sogenannte Chiasmata jene Stellen auf, wo zwei der vier Chromatiden kreuzweise untereineinander verbunden sind, wenn denn ein Crossover stattgefunden hat.
  5. Mit der Diakinese endet die Prophase I, indem die Chromatidentetraden sich verkürzen, der Nucleolus sich auflöst, die Hülle des Zellkerns sich zerlegt und der Spindelapparat gebildet wird.

Metaphase I und Anaphase I
In der Metaphase I versammeln sich die gepaarten Chromosomen in der Äquatorialebene des Spindelapparats. Auch in dieser Phase können im Lichtmikroskop die Chiasmata sichtbar werden. In der anschließenden Anaphase I werden im Gegensatz zur mitotischen Anaphase nicht einzelne Chromatiden, sondern Chromatidenpaare zu den beiden Spindelpolen bewegt. Auf Grund des vorangegangenen Cross-overs sind die beiden zusammenhängenden Chromatiden jedoch nicht mehr identisch.

Telophase I
In der Telophase I liegt an jedem Pol dann jeweils nur noch ein Chromosom (mit zwei Chromatiden) jedes Typs vor. Es ist also zu einer Reduktion der Chromosomenzahl gekommen. Wie bei der mitotischen Telophase dekondensieren die Chromosomen nun und die Kernhülle bildet sich wieder. An die abgeschlossene Kernteilung schließt sich eine Zellteilung an. Der anschließende Zeitraum bis zum Beginn der zweiten mitotischen Teilung wird als Interkinese bezeichnet.

Bei einem menschlichen euploiden Chromosomensatz enthält der Zellkern der diploiden Zelle vor der meiotischen Teilung 23 Paare duplizierter Chromosomen, also 46 Chromosomen bzw. 92 Chromatiden. Nach der Meiose I hat jeder der beiden Tochterkerne 23 Chromosomen erhalten, die je aus einem Chromatidenpaar bestehen, also 46 Chromatiden.

#3 Meiose II (Äquationsteilung)
Im Anschluss an die Interkinese folgt die Meiose II. Sie ähnelt vom Ablauf her einer mitotischen Teilung, mit dem Unterschied, dass nur noch halb so viele Chromosomen vorliegen.

Prophase II
Die Chromosomen werden erneut kondensiert.

Metaphase II
Die noch aus zwei Chromatiden bestehenden Chromosomen werden in der Äquatorialebene angeordnet und am Centromer getrennt.

Anaphase II
Die getrennten Chromosomen werden einzeln den Tochterkernen zugeteilt.

Telophase II
Die Aufteilung ist abgeschlossen und die Kernhüllen bilden sich wieder aus.

Die aus der Telophase II hervorgehenden Zellkerne enthalten damit jeweils einen haploiden, unverdoppelten Chromosomensatz. Somit sind die vier Chromatiden einer jeden Tetrade der Prophase I jeweils zufällig auf vier verschiedene haploide Zellkerne verteilt worden.

Beide Vorgänge, Meiose I und Meiose II, zusammen bewirken eine effektive Durchmischung des Erbguts der beiden Eltern. Diese Rekombination erhöht die Zahl der genetischen Kombinationen innerhalb der Population und damit die Chance, dass in einigen Individuen für das Überleben günstige Merkmale zusammenkommen und so zu einem Selektionsvorteil führen. Im Vergleich zu asexuellen Organismen ermöglicht dies eine schnellere Evolution.
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Do 28. Dez 2017, 06:05

Vitamin C - Fehlende Synthetisierung als Selektionsvorteil

Der Mensch hat ein Gen zur Synthetisierung von Vitamin C aus zugeführten Aminosäuren und C5-Zucker, das aber deaktiv im Körper schlummert. So ist der Mensch auf körperfremde Quellen zur Aufnahme des lebenswichtigen Vitamins angewiesen. Mir wurde die Frage gestellt, wie dies ein Selektionsvorteil sein kann.

Ja, Ascorbinsäure (wissenschaftlicher Name von Vitamin C) wird von Bakterien, Pflanzen und Wirbeltieren mithilfe verschiedener Enzyme produziert. Ausgangssubstanzen sind hauptsächlich D-Glucose beziehungsweise D-Galaktose. Bei Pflanzen können neben D-Glucose und D-Galaktose auch D-Glucuronlacton, D-Galakturonat beziehungsweise dessen Methylester die Biosynthese einleiten. Bei Wirbeltieren läuft sie etwas anders ab und ist an Ratten am besten untersucht.


Ascorbinsäure - Strukturformel

Vitamin C ist ein Radikalfänger und hat eine antioxidative Wirkung (wirkt der oxidativen Selbstzerstörung vor, was dem zugeschriebenen Effekt auf die körpereigenen Abwehr gleichzusetzen ist). Es hilft bei der Biosynthese und Stabilität des Proteins Kollagen. Auch beim Aufbau von anderen Aminosäuren,der Umwandlung Umwandlung von Dopamin zu Noradrenalin, im Cholesterin-Stoffwechsel, der Serotoninsynthese und bei der Carnitinbiosynthese wird Ascorbinsäure benötigt. Zusammen mit Niacin und Vitamin B6 steuert Vitamin C die Produktion von L-Carnitin, das für die Fettverbrennung in der Muskulatur benötigt wird. Weiterhin begünstigt es die Eisenresorption im Dünndarm. Aufgrund der hohen Konzentration von Vitamin C im männlichen Sperma wird der Einfluss auf die Zeugungsfähigkeit derzeit untersucht. Vitamin-C-Gaben bei manchen unfruchtbaren Männern konnten vereinzelt die Spermienqualität erhöhen. Und noch "tausend" Sachen mehr.


Trockennasenaffen (#1), Meerschweinchen, Echten Knochenfischen sowie einigen Familien der Fledertiere und Sperlingsvögel fehlt das Enzym L-Gulonolactonoxidase aufgrund eines genetischen Defekts, sodass sie Ascorbinsäure nicht synthetisieren können. Die genetische Mutation bei Trockennasenaffen trat vor etwa 65 Millionen Jahren auf (#2). Diese Tiere waren seinerzeit in einer Gegend angesiedelt, die ganzjährig reich an Vitamin-C-haltigen Früchten war. Daher hatte dieser bei anderen Tieren letale Defekt keine negativen Auswirkungen. Auch einige Insekten wie die Wanderheuschrecken (Acrididae) können Ascorbinsäure nicht selbständig herstellen (#3).
Die Erbsünde fällt aufgrund der Verbreitung dieses Defekts weg, da Schimpansen, Sperlinge und Meerschweinchen beim Sündenfall nicht erwähnt werden. Der Grund liegt also woanders und kann, etwas hinkend, wie ein Muskel beschrieben werden, den man nicht mehr trainiert. Der kommenden Generation steht dieser Muskel nach wie vor zur Verfügung, denn jeder ist für seinen Sport selbst verantwortlich. Aber wie erklärt, der Vergleich hinkt etwas.

Wir sind nicht alle Handwerker, weil einige geschickter sind als wir und für uns bestimmte Aufgaben übernehmen. Vielleicht sind wir dafür wieder besser im Rechnen. Und nachdem uns unser Heizkörper installiert wurde, schreiben wir in der warmen Stube die Steuererklärung für den Handwerker. Arbeitsteilung ist selbstverständlich auch nur eine unzureichende Analogie. Aber vielleicht geht es mit Pizza backen: Ich kann mir die Zutaten erwerben, in der Küche den Teig kneten, diesen bunt belegen und dann im Backofen krossbacken. Oder ich kaufe mir eine tiefgefrorene Scheibe und schiebe diese in den Backofen. Geschmacklich und in Gemeinschaft deutlich wohler ist selbstverständlich die erste Variante, aber schneller und weniger aufwendig die zweite.

Und das ist das Ziel: Effektivität. Wozu also Vitamin C synthetisieren, wenn andere (zum Beispiel Obstbäume) das machen? Dem Körper bleibt die Möglichkeit aus den Ausgangsstoffen andere Dinge herzustellen und die Produktionsstätten anderweitig zu nutzen.

Nebenher können wir eine beliebte Frage, die bei der Vorstellung irgendeiner Kreatur auf der Rückseite des Erwachet (herausgegeben von der Wachtturm-Gesellschaft) steht, stellen: Was soll man glauben? Ist das Auftreten eines identischen Enzymfehlers bei mehreren Arten durch Zufall entstanden? Oder steckt Intelligenz dahinter?

Nachüberlegung 28.12.2017 (6:03 Uhr)

Was sagt es über Gott aus, einen identischen Enzymdefekt in mehreren Arten gleichzeitig auftreten zu lassen? Wenn alles zu einem Zwecke eingerichtet ist, wie in kreationistischem Richtungen behauptet, dann brauchen entweder Früchte kein Vitamin C bilden, da die Essenden sie selbst synthetisieren könnten oder die Essenden könnten es nicht und dafür stünde eben jene Quelle an den Bäumen und Sträuchern bereit. Dem Anschein nach könnte es eine Backup-Funktion sein, wenn mal Obst ausbleibt, selbst Vitamin C herzustellen. Ein solches Backup ist in einem paradiesischen Umfeld, wie die Erde ja eines sein (bzw. werden) soll nicht nötig und hätte von vornherein nicht eingebaut werden müssen.

#1 Was sind Trockennasenaffen?
Man unterteilt die Trockennasenprimaten in folgende Gruppen: Koboldmakis und Affen, letztere wiederum in Neuweltaffen vom amerikanischen Kontinent und Altweltaffen aus der "alten Welt". Zu wiederum letzteren gehören geschwänzte Altweltaffen, Meerkatzenverwandte und die Menschenartigen. Die Menschenartigen werden in Gibbons und Menschenaffen unterteilt, wobei in letzterer Gruppe Gorillas, Menschen, Orang-Utans und Schimpansen enthalten sind.

#2 - Irwin Stone: The Natural History of Ascorbic Acid in the Evolution of the Mammals and Primates and Its Significance for Present Day Man. 1972.

#3 - Eintrag zu L-Ascorbinsäure. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 21. Januar 2013.
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Fr 29. Dez 2017, 06:01

Was ist nicht reduzierbare Komplexität?

Nichtreduzierbare Komplexität (oder irreduzible Komplexität) ist ein von Michael Behe benanntes Konzept, mit dem er versucht, Intelligent Design zu stützen. Behe selbst sagt aus: "Ein nichtreduzierbar komplexes System kann nicht auf direktem Weg (dass heißt durch fortgesetztes Verbessern ein und derselben Ausgangsfunktion, die durch denselben Mechanismus weiter arbeitet) durch leichte aufeinanderfolgende Änderungen von weniger komplexen Vorläufersystems erzeugt werden, weil jeder Vorläufer zu einem nichtreduzierbar komplexen System, an dem ein Teil fehlt, per Definition funktionsunfähig ist."
Das heißt: Nichtreduzierbares ist dann nichtreduzierbar, wenn durch die Reduktion ein System entsteht, dass nicht mehr funktionsfähig ist.
Ähnliche Einwände hatte selbst Darwin gegen seine eigene Theorie vorgebracht, als er im sechsten Kapitel, Schwierigkeiten der Theorie, seines Buches Die Entstehung der Arten auf die potentielle Verständnisschwierigkeit beim geneigten Leser aufmerksam machte.
"Ließe sich irgend ein zusammengesetztes Organ nachweisen, dessen Vollendung nicht möglicherweise durch zahlreiche kleine aufeinanderfolgende Modifikationen hätte erfolgen können, so müßte meine Theorie unbedingt zusammenbrechen. Ich vermag jedoch keinen solchen Fall aufzufinden."
– Charles Darwin
Auch hat er bereits damals darauf hingewiesen, dass Organe im Verlauf ihrer Entwicklung komplett unterschiedliche Funktionen haben können.

Es wird ja gerne darauf hingewiesen, das eine unendliche Anzahl an Affen an Schreibmaschinen auch niemals das Stück Hamlet von Shakespeare zusammenschreiben könnten. Und da das nicht möglich ist, kann auch der "pure Zufall" der Evolution nicht aus dem genetischen Code Bandwürmer, Seeelefanten (als Beispiel nur wegen der vielen "e"s herangezogen) oder Menschen schaffen, ja nicht mal den genetischen Code an und für sich. Sie verwenden dieses Argument im Grunde nach dem Prinzip, dass eine komplexe Aufgabe sich eben nicht in beliebig viele kleinere Schritte zerlegen lässt. Also muss ein "Masterplan" dahinterstecken.

Evolutionsbiologen halten das Konzept für unbrauchbar und voreingenommen. Denn wer die Hypothese aufstelle, ein System könne nicht in mehrere Etappen evolvieren, müsse nicht nur alle möglichen "Pfade" der Entwicklung kennen, sondern auch zeigen können, dass das betreffende System unter den einst herrschenden Randbedingungen nicht zur Funktionsreife gelangen konnte. Und eben dieser Nachweis steht bis heute aus. Außerdem folgt aus Behes Definition irreduzibel komplexer Merkmale lediglich, dass die schrittweise Entstehung der einzelnen Strukturproteine des Merkmals in Bezug auf die Endfunktion des Systems nicht positiv selektierbar ist. Es wäre jedoch ein kapitaler Fehlschluss, anzunehmen, dass irreduzibel komplexe Strukturen nur auf diesem "direkten Weg" und nicht in mehreren Etappen aufgebaut werden könnten. Wieso?

Zunächst ist es oft gar nicht nötig, viele unabhängige Mutationen zu kumulieren, um ein System kooperativ umzubauen. Im Gegenteil, viele Mutationen verändern mehr oder minder das ganze System. Sollten nun einige oder die meisten Komponenten irreduzibel komplexer Merkmale bereits in anderen Kontexten evolviert sein und sich in einem Schritt so zusammenlagern, dass eine neue Funktion entsteht, wären die Voraussetzungen der Evolutionsgegner irrelevant. Zudem können Merkmale auch eine Doppelfunktion besitzen, so dass die langfristige positive Bewertung der einen Funktion die irreduzible Struktur auf einem Nebenweg zur Funktionsreife bringen könnte.
Professor Orr war einer derjenigen, der so etwas theoretisch erläuterte. Allerdings brachte bis dato kein Autor irgendwelche experimentellen Belege. Die Informationstheoretikerin Suzanne Sadedin stellte eine auf Behes Definition beruhende Simulation vor, die als solcher Beleg gelten kann (#1). Geometrische Objekte entwickelten nach 6 und mehr Generationen irreduzibel-komplexe Eigenschaften. Die Objekte evolvierten dabei über den "Umweg" komplexerer, aber reduzibler Strukturen, welche multifunktional waren.


Bislang konnte keine nichtreduzierbar komplexe Struktur nachgewiesen werden, deren Entstehung durch natürliche Mechanismen nachweislich ausgeschlossen werden konnte. Hier wären jedoch die Intelligent-Design-Vertreter in der Beweislast, wenn sie diese Idee als Ausgangspunkt der Argumentation für einen Designer verwenden wollen.

#1 - Suzanne Sadedin, A simple model for the evolution of irreducible complexity. Clayton School of Information Technology, Monash University. (PDF; 170 kB)
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Di 2. Jan 2018, 13:37

Genetik: Der Mensch ist keine Maus!

Es ist wohl richtig, dass zwischen dem Erbgut von Maus und Mensch kaum ein Unterschied besteht, aber vom Nager trennen uns dennoch rund 3 Prozent der Gene. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam (Wissenschaftler um Richard Mural von der US-Firma Celera Genomics, darunter auch Craig Venter, der Ex-Chef von Celera Genomics), nachdem es das Chromosom 16 des Nagers nahezu vollständig entschlüsselt und mit Bereichen des menschlichen Genoms verglichen hat. Ihre Analyse veröffentlicht die Gruppe in der "Science"-Ausgabe von Juni 2002.
Von 731 verglichenen Genen, gab es für nur 14 keine Entsprechung im menschlichen Erbgut und wiederum für 21 keine Doppelgänger in "Mäusecode". Hochrechnung vor dieser Untersuchung gingen von einem größeren Unterschied aus.
Die große Ähnlichkeit hilft natürlich ungemein bei der Humanmedizin, da ja auch viele Erbgutregionen Gensequenzen enthalten, die bei menschlichen Krankheiten eine Rolle spielen. Man verwendete für die Sequenzierung das Shotgun-Verfahren, womit Celera Genomics auch schon zuvor das menschlichen Genom entschlüsselte.

Ebenfalls 2002 haben Leipziger Genforscher belegt, dass Affen und Menschen sich ganz anders unterscheiden als bisher angenommen.
Ihr Verhalten ähnelt unserem schon: Sie knacken Nüsse mit Steinwerkzeugen, basteln Sandalen und können sich mit Zeichensprache verständigen, betreiben Politik im Affenhaus. Vielleicht haben Sie sogar ein Selbstbewusstsein. Aber auch ihr genetischer Code ist unserem zu 98,7 Prozent übereinstimmend.
Was macht den Mensch zum Menschen? Sind es diese mikrigen 1,3 Prozent? Auch die Leipziger Forscher um Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, veröffentlichten ihre Daten im "Science".
Svante Pääbo erklärt, der Unterschied liege nicht im Aufbau der Gene, sondern in ihrer Aktivität, vor allem im Gehirn. Um diese These durch harte wissenschaftliche Daten zu untermauern, verglichen die Leipziger Ihre Ergebnisse mit Kollegen in Berlin, den USA und den Niederlanden, maßen Genaktivität und Eiweißausstattung in verschiedenen Gewebeproben, wie Leber, Hirn und Blut, von Menschen und Schimpansen sowie Orang-Utans und Makaken. Es gab dann doch einige Überraschungen: Seit der Mensch und seine Artverwandten vor etwa fünf oder sechs Millionen Jahren trennten, hat das menschliche Hirn etwa viermal mehr Veränderungen angehäuft, als das des Schimpansen. Leber und Blut dagegen haben sich ähnlich stark verändert. Das Hirn des Menschen hat sich ungewöhnlich schnell weiterentwickelt, so dass eine Entsprechung zum Beispiel bei verwandten Mäusearten nicht bekannt ist.
Nun ist recht leicht ersichtlich, dass das Gehirn der Schimpansen nur etwa halb so groß wie das der Menschen ist, doch mehr als die Größe zählen die Vorgänge in den grauen Zellen. Es wurden 175 Gene im Vorderhirn gefunden, die sich bei Mensch und Schimpanse elementar in ihrer Aktivität unterscheiden. Daraus ergeben sich neue Forschungsfelder, wie die Suche nach den bestimmten Erbanlagen, die die Sprachentwicklung steuern und bei Autismus eine Rolle spielen könnte. Es trägt auch zum Verständnis vieler Krankheiten bei. Zum Beispiel könnte die Variationen der Genexpression erklären, wieso die Aidsforschung an Schimpansen fehlgeschlagen ist. Denn obwohl sie wahrscheinlich den HIV-Erreger unter die Menschen gebracht haben und sich relativ leicht infizieren lassen, kommt die Immunschwächekrankheit bei ihnen nicht zum Ausbruch. Asthma, Rheuma und Arthritis haben Schimpansen nicht, Darm- und Brustkrebs, sowie Alzheimer kaum.
Aber neben ethischen Problemen, sind wohl auch die Misserfolge in der Forschung ein Grund, warum unsere aussterbenden Verwandten zumindest in Europa für die Pharmaforschung nicht mehr missbraucht werden. In den USA erforscht man noch Lebererkrankung Hepatitis C an Schimpansen. Für die Molekularbiologie muss kein Schimpanse sterben. Da wird Blut abgenommen und Gewebeproben von verstorbenen Tieren verwendet. Pääbo versuchte damals, die amerikanische Regierung von der Dringlichkeit zu überzeugen, nach dem Erbgut des Menschen nun auch das seines nächsten Verwandten vollständig zu sequenzieren. In Berlin und Yokohama hatte man bereits mit Teilstücken begonnen.
Primatenforscher Roger Fouts aus Washington warnte damals vor der menschlichen Arroganz, die neuen Daten nicht fehlzuinterpretieren, als sei der Simpanse eine minderwertige Ausgabe des Menschen. Fouts dreht die Sache um: "Als ich wild lebenden Schimpansen durch den Urwald folgte, fühlte ich mich wie ein minderwertiger Schimpanse."

Verwandschaften Stand 2002:
- zwei Menschen 99,9 Prozent
- Mensch und Schimpanse 98,7 Prozent
- Maus 95-97 Prozent
- Fliege 50-60 Prozent
- Fadenwurm 40 Prozent
- Hefe 30-50 Prozent
- Banane ca. 15 Prozent

Jetzt gehen wir mal ins Jahr 2009. Das Maus-Genom ist vollständig sequenziert und analysiert. Die Unterschiede doch größer als gedacht. Nicht zuletzt aber sind Mäuse, abgesehen von der Fruchtfliege, die wichtigsten Modellorganismen überhaupt. Ihnen verdanken wir zahllose Erkenntnisse auch über menschliche Krankheiten. Im Gegenzug wissen wir bereits mehr über die Gene des Nagers als über jedes andere Säugetier. Abgesehen von der Analyse des menschlichen Erbguts, die 2006 vervollständigt wurde, ist bisher kein Organismus gleichermaßen umfassend untersucht worden.
2002 hieß es noch, dass die Maus 14 Prozent weniger umfangreiches Erbgut hat, aber dennoch wie der Mensch rund 30.000 Gene, die zu 99 Prozent im Menschen wiederzufinden seien. Doch bei der aktuellen Analyse fanden die Genetiker (Wissenschaftler um Deanna Church im Journal PLoS Biology) nur 20.210 Mäusegene. Beim Menschen sind es dagegen 19.042. Die erste Überraschung also: Die Maus hat gut 1000 Gene mehr. Hauptursache dafür sei, dass im Erbgut der Maus mehr Gene mehrfach vorkommen, doch kämen auch einige der Mäusegene im Menschen gar nicht vor. 15.000 Gene von Mensch und Maus sind funktional verwandt und stammen demnach von einem gemeinsamen Vorläufer ab. Das Mäusegenom ähnelt also nur zu etwa drei Vierteln dem menschlichen. Diese Gene waren schon Teil des Erbguts, als sich die Nagetiere in der Kreidezeit von anderen höheren Säugetierordnungen abspalteten. Der Rest entwickelte sich in den folgenden 90 Millionen Jahren.
Angesichts der großen Bedeutung für die Humanforschung und das bisher nur einzelne Labormäuse erfasst wurden, gilt es noch zu überprüfen, wie aussagekräftig der Vergleich mit dem Menschen-Genom ist und ob die direkte Übertragung Forschungergebnisse zu Erkrankungen wie Krebs, Diabetes oder Herzerkrankungen überhaupt zulässig ist.

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Position der Schimpansen (Pan) im Stammbaum der Menschenaffen (Hominidae)

Seit dem "Nature"-Artikel "Initial sequence of the chimpanzee genome and comparison with the human genome." 2005 wird die Verwandtschaft zum Schimpansen mit einem Unterschied 1,37 Prozent angegeben, der Gorilla zum Mensch mit einem Unterschied von 1,75 Prozent ("Insights into hominid evolution from the gorilla genome sequence.").
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Fr 5. Jan 2018, 09:41

Zur Evolution des "Bakterienmotors" - Die Entstehung bakterieller Flagellen ist erklärbar


Die Flagelle oder auch Geißel einer Bakterie ist eine hochkomplexe, molekulare Maschine, mittels derer sich Bakterien wie mit einem Schiffspropeller fortbewegen können. Und genau deswegen meinen Kritiker die Entstehungswahrscheinlichkeit sei aus evolutionärem Blickwinkel viel zu gering: Es muss daher ein intelligenter Planer dahinter stehen. Der für die Evolution einzig gangbare Weg sei der, sämtliche Komponenten "auf einen Schlag" hervor zu bringen und passend miteinander zu "verschalten", was aus statistischen Gründen aber extrem unwahrscheinlich wäre.
Allerdings wurde bereits 3 Jahre vor der Kritik durch Junker und Scherer (2009) vom amerikanischen Biologen Nicholas Matzke ein, durch empirisches Wissen gestütztes Modell vorgestellt, das einen Evolutionsweg beschreibt, auf den die Argumentation nicht zutrifft (#1, PDF). Dieses Modell zeigt, wie in mehreren, von der Selektion begünstigten Zwischenschritten eine funktionierende Flagelle entstehen konnte. Gehen wir auf das Modell ein.

Die Flagelle ist ausschließlich aus Proteinen aufgebaut. Sie besteht aus drei Grundelementen: dem Basalkörper, dem Haken und der eigentlichen Geißel, dem Filament. Das Filament ist ein hohler, wendelförmiger Proteinfaden, der aus bis zu 20.000 Untereinheiten von ein und demselben Filament-Protein ("Flagellin") bestehen kann. Das Filament bewegt sich nicht auf und ab, sondern dreht sich wie ein Propeller um die Motorachse. Die Rotation wird durch den Basalkörper vermittelt, dem eigentlichen Motor, der mittels diverser Ring-Proteine in der Zellwand und inneren Zellmembran verankert ist und einen flagellenspezifischen Typ-3-Sekretions-Apparat beinhaltet. Seine Energie bezieht der Motor aus dem Fluss von Protonen (H+-Ionen) durch die innere Zellmembran, der so genannten protonenmotorischen Kraft: Jedes Mal, wenn ein Motorprotein ein Proton weiterleitet (also aufnimmt und wieder abgibt), erfährt es eine strukturelle Änderung (eine sogenannte Konformationsänderung). Die dabei entstehende Kraft wird auf ein Protein der Hauptantriebswelle (Achse) übertragen, die dadurch in Rotation versetzt wird. Der Haken, ein flexibles Gelenkstück, wiederum verbindet den Basalkörper mit dem relativ starren Filament, der Bakteriengeißel.

Wie erwähnt, kann aus evolutionskritischer Sicht die Evolutionswissenschaft keine umfassende Erklärung für die Entstehung der Flagelle anbieten. Schlimmer noch: Es wird vorgerechnet, dass für die Gewährleistung der Funktion eines Bakterienmotors, mindestens 16 Proteine gleichzeitig hätten entstehen müssen, für die wiederrum 160 passende Mutationen gleichzeitig (!) erforderlich seien. Gleichzeitig natürlich deshalb, weil eine Entstehung in mehren von der Selektion belohnten Zwischenstufen nicht vorstellbar sei.
Es wird aber auch vorrausgesetzt, dass es zwischen Systemen, die der bakteriellen Fortbewegung dienlich sind und einfacheren Strukturen, keine funktionalen Überschneidungen geben kann. Doch genau dafür kommen evolutionäre Vorstufen, wie Systeme zur Proteinabsonderung (Sekretion), in Frage. Aber dann wäre ja die Aussage, der notwendigen Gleichgülitigkeit hinfällig. Nach aktueller Faktenlage bestand nie die Notwendigkeit, zahlreiche Proteine simultan umzugestalten, damit die Selektion greifen kann.

Dazu ein kurzer Einwurf aus dem Arbeitsblatt der AG Evolutionsbiologie:
Wie sich Evolutionsgegner Evolution vorstellen:
Jedes System hat jeweils eine ganz bestimmte Funktion zu erfüllen. Es gibt keine Überschneidungen. Demnach kann es nicht in weitere selektionspositive Zwischenstufen unterteilt werden. Folglich braucht es einer Anhäufung passender Mutationen, um von einem Funktionszustand zum nächsten zu gelangen. Das ist sehr unwahrscheinlich, doch innerhalb des jeweiligen Systems wird dem System eine "Mikroevolution" unter Wahrung der Funktionalität zugestanden.

Wie Evolution aus Sicht der modernen Biologie abläuft:
Merkmale können, je nach Zustand, nicht nur eine, sondern mehrere Funktionen gleichzeitig ausüben (Multifunktionalität). Es kommt zur funktionellen Überlappung, wodurch sich ein durch Selektion gangbarer Evolutionsweg ausbildet. Dieses Szenario ist zwangsläufig erst einmal spekulativ. Aber ohne die Spekulation (Arbeitshypothesen) keine weitere wissenschaftliche Forschung. Jeder Wissenschaftler erstellt Hypothesen und Modelle in seiner täglichen Arbeit, denen er dann experimentell nachgeht.

Die eigentliche Überzeugungskraft gewinnen Kreationisten aber nicht aus Argumenten oder gar Beweisen, sondern lediglich aus dem mangelndem Wissen über evolute Vorgänge. Das Nichtwissen wird als Grundlage für bestimmte fragwürdige Zusatzannahmen genutzt. Matzke dagegen begründet sein Modell damit, dass viele der von ihm postulierten funktionalen Zwischenstufen so oder in einer ähnlichen Weise bei Bakterien existieren. Beispielsweise sind Strukturen, die etwa den Export von Substanzen aus der Zelle heraus ermöglichen, in heutigen Bakterien in einer Vielzahl von Ausformungen realisiert. Im Grunde ist das Flagelle noch immer ein Sekretionsapparat, der aber als bakterielles Anhängsel zur Anheftung an bestimmte Substrate dienen kann.

Nach Matzke zeichnet sich nun folgender Entstehungsweg ab (genaueres dazu im PDF, hier ist nur ein hoffentlich allgemeinverständlicher Kurzabriss ohne Fachwörter enthalten):
  1. Eine passive Pore in der inneren Zellmembran kann als Ausgangspunkt dienen, die durch späteres Hinzufügen eines im Genbestand bereits vorhandenen Enzyms zu einem aktiven Transporter, einem primitiven Exportapparat wurde.
  2. Durch Hinzufügen eines so genannten Sekretins (dies ist ein in der Zellmembran verankertes Protein, das einen ringförmigen Komplex ausbildet), wird im weiteren Verlauf auch eine Pore in der äußeren Zellmembran gebildet, so dass Stoffe in die Zellumgebung transportiert werden können, etwa um Nährstoffe in eine für den Organismus transportable Form zu überführen. Dadurch entsteht ein selektiver Vorteil durch bessere Ernährungsbedingungen.
  3. Nun gibt es die Option, weitere durch Proteine, die sich an dem äußeren Ring des Sekretionssystems anlagern, das Potenzial zur Anheftung an für den Organismus günstige Substrate zu nutzen. Differenzierungen in Form von so genannten Pili (Einzahl: Pilus, Teil des Fortsatzes) sind nun stufenlos möglich. Der selektive Vorteil besteht hier unter anderem in der Biofilm-Bildung, zum Schutz vor widrigen Umweltbedingungen, wie Fressfeinden oder Antibiotika.
  4. Wenn die Ankerfunktion der Pili nicht genutzt wird, so können diese auch zur Kraftübertragung des Drehmoments der Motorproteine auf das umgebende Medium dienen. Hierzu genügt wohl schon die Ausnutzung einer durch Protonen entstehenden Rotation. Eine Abknickung optimiert hierbei den Vortrieb.
  5. Alternativ dazu kann das im 1. Schritt vorhandene Enzym selbst das erforderliche Drehmoment generieren und auf den Pilus übertragen. Diesen viel einfacheren Weg zu einem Flagellum scheinen die Archaeen eingeschlagen zu haben.
  6. Um die Rotation effizienter zu gestalten, verloren im weiteren Verlauf die Sekretine ihre feste Bindung zu dem axialen Filament des Pilus und bildeten sich zu den P- und L-Ringen um.
  7. Zuletzt verband sich dieses System mit dem Signalübertragungsweg der Chemotaxis, was eine fokussierte Bewegungsrichtung mit sich brachte.
Ich zähle hier durch die verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten sechs aufeinander folgende Selektionsvorteile.
Und da sowohl die richtigen Enzyme als auch die Verankerungssysteme bereits an "richtiger" Stelle in der Membran lagen und die überwiegende Anzahl der für den Bakterienmotor benötigten Proteine bereits im Organismus vorhanden war, brauchte es im ein sukzessives Zusammenführen der Komponenten über einzelne Mutationsschritte. Damit erhöht sich die Entstehungswahrscheinlichkeit gegebenenfalls drastisch.

Ist es Matzke demnach gelungen, einen möglichen Evolutionsweg der Flagelle zu erklären. Aus evolutionsbiologischer Sicht eindeutig: ja! Auch wenn die letzten Details vielleicht niemals rekonstruiert werden könnten. Kritiker mögen darin aber sicher wieder nur eine Was-wäre-wenn-Geschichte sehen. Aber bereits ein Eingestehen solcher Zwischenstufen würde die irreduzible Komplexität ad absurdum führen. Das Erfragen weiterer, noch feinerer Zwischenstufen ist nur noch als Rückzugsgefecht zu verstehen, quasi ein "Tod auf Raten". Selbst wenn es also nicht zufriedenstellend alle Fragen klärt, so entzieht es einem Standardargument der ID- und Kreationistenbewegung, der "irreduziblen Komplexität", den Nährboden.
Wenn wir also den verschiedenen Zwischenschritten unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten zuweisen, weil unterschiedlich viele Mutationen erforderlich sind, mulitplizieren sich diese nicht mehr in den Zwischenschritten auf. Die Gesamtwahrscheinlichkeit liegt demnach in der Größenordnung der Wahrscheinlichkeit des unwahrscheinlichsten Einzelschritts. Alltagssprachlich formuliert: Die Kette bricht immer nur beim schwächsten Glied, nicht bei allen Gliedern.
Generell gilt auch, wer behauptet, die Wahrscheinlichkeit für ein evolutionäres Ereignis sei "sehr klein", behauptet mehr, als er wissen kann. Er müsste nicht nur sämtliche Bedingungen kennen, unter denen die betreffende (oder eine beliebige) Evolution ablaufen kann, er müsste auch beweisen, dass diese Bedingungen auf der Erde nicht realisierbar waren.

Alles weitere geht ziemlich in die Tiefe. Wer sich dafür interessiert und es obendrein versteht, kann sich den ganzen 47 Seitigen Text in der PDF selbst durchlesen. Habe ich auch gemacht.
Es wird noch weiter auf untersuchte, multifunktionale Proteine eingegangen, die unterschiedliche Aufgaben im Organismus erfüllen und deren Funktionen sich augenscheinlich nicht gegenseitig stören. Etwaige Faltungen müssen weder von Beginn an da sein, um im Protein eine bestimmte Funktion zu etablieren, noch müssen die genetischen Veränderungen simultan auftreten. Und auch auf Wahrscheinlichkeiten für die Entstehung von neuen Eigenschaften. Es wird auch noch einmal darauf verwiesen, dass aus Erklärungsdefiziten keine weltanschaulichen Schlussfolgerungen zu ziehen sind, denn wahrscheinlich werden die derzeit durchaus massiv erscheinenden Probleme in Zukunft befriedigend gelöst und die Erklärungsdefizite behoben.

Aber selbst wenn Matzke mit seinem Modell nicht recht haben sollte, kann die Frage, inwieweit die Existenz irreduzibel komplexer Systeme die Plausibilität einer Evolution schwächt, nur auf dem Boden einer viel grundsätzlicheren Betrachtungsweise beantwortet werden.

Der Denkfehler der "irreduziblen Komplexität" ist, dass sich aus der Betrachtung der (heutigen) Komplexität biologischer Systeme nur selten etwas über deren Entstehungsprozess aussagen lässt. Schon einfache logische Betrachtungen zeigen, dass ein System hochgradig irreduzibel komplex – und trotzdem nach und nach (via Selektion) entstanden sein kann. Bei den Wirbeltieren beispielsweise sind Herzen ohne Vorkammern und Ventrikel nicht funktionstüchtig, ein entsprechender Merkmalsverlust wäre tödlich. Es gibt aber urtümliche Chordatiere, deren Herzen diese Merkmale nicht besitzen – einige kommen sogar ohne Herz zurecht. Das Wirbeltierherz musste also nicht als Ganzes entstehen, noch nicht einmal gleichzeitig mit dem Gefäßsystem. Viele der Merkmale, die heute die Funktion des Herzens begründen, waren zunächst entbehrlich, verbesserten aber die Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislaufsystems und wurden erst unverzichtbar, nachdem weitere Merkmale das System "bebürdeten".
"Irreduzible Komplexität" ist also kein Beweis für einen Designer oder Schöpfer, sondern ironischerweise eine Konsequenz dieser also sogenannten Phylogenese! Diese Einsicht ist allerdings bereits über 90 Jahre alt. Der Genetiker und Nobelpreisträger Hermann Muller kam zu ähnlichen Schlüssen, ohne je den Begriff der "irreduziblen Komplexität" gehört zu haben.
Um also den Kreationismus oder die Intelligent Design als ernstzunehmende Alternativerklärung ins Spiel zu bringen, müssten deren Vertreter sämtliche evolutionären Möglichkeiten kennen, in Betracht ziehen und ausschließen. Sie müssten beweisen, dass keine dieser Möglichkeiten zu irgendeiner Zeit für die Evolution zielführend war. Dadurch bürden sie sich eine Beweislast auf, die sie nicht ansatzweise schultern können. Schon ein einziges Gegenbeispiel bringt ihre Argumentation zu Fall.
Oder aber alltagstauglich erklärt: Wer glaubt, "irreduzible Komplexität" sei eine logische Erklärung, argumentiert nicht besser als jemand, der aus einem perfekt arrangierten Zaubertrick schließt, das Phänomen sei paranormal, weil eine natürliche Erklärung augenscheinlich (noch) nicht zur Hand ist. Der Geist wissenschaftlicher Rationalität unterstellt etwas anderes: Ich bin nur zu phantasielos und zu naiv, deshalb komme ich nicht darauf. Methodologisch gesehen kann man jemandem, der mit "irreduzibler Komplexität" argumentiert, nur intellektuelle Faulheit attestieren, nicht aber das redliche Bemühen um eine wissenschaftliche Erklärung.
Selbst wenn wir in keinem einzigen Fall wüssten, wie solche Systeme zustande gekommen sein könnten, wäre der Schluss auf ein "intelligentes Design" nicht zwangsläufig. An den Grenzen unseres Wissens beginnt nämlich nicht Übernatürliches, sondern schlicht das Nichtwissen.

Damit aber keine Missverständnisse aufkommen, weder Matzke noch die AG Evolutionsbiologie behaupten, die Evolution der Flagelle aufgeklärt zu haben. Sie zeigen damit aber, dass sie mit bekannten Mechanismen erklärbar ist. Wer den Einwand erhebt, das Modell sei wissenschaftlich nicht bewiesen, hat also recht. Es geht aber darum Plausibilitäten gegeneinander abzuwägen: Ist die Behauptung glaubwürdig, die Evolution der Flagelle sei durch irreduziblen Komplexität evolutionär unmöglich? Oder ist das Modell plausibel genug, diese Behauptung zu widerlegen, ganz gleich, wie lückenhaft und unzureichend die Erklärung im Detail noch sein mag?
Aber gehen wir mal schlussendlich davon aus, dass alle evolutionären Modelle sich als vollkommen unbrauchbar zur Erklärung der Entstehung irreduzibel komplexer Systeme erweisen, so fehlt immer noch die logisch schlüssige Begründung dafür, dass aus den Prämissen "irreduzibel komplex" und "wir wissen nicht, wie das betreffende System entstanden ist" ein intelligentes Design folgt. Es lässt sich also die gegenwärtige Nicht-Erklärtheit eines Sachverhalts, aber nicht dessen Nicht-Erklärbarkeit perse ableiten.

#1 Wissenschaftliche Aufarbeitungen zu diesem Thema

- http://www.ag-evolutionsbiologie.net/pdf/2013/Die-Evolution-bakterieller-Flagellen.pdf
- http://www.evolution-im-fadenkreuz.info/Kap_IXc.pdf
- http://www.micbio.wzw.tum.de/cms/docs/Scherer/Makroevolution.pdf
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » So 7. Jan 2018, 21:35

Was hat die Nacht mit dem Urknall zu tun?

Der Urknall hat zwar nur bedingt mit der Evolution zu tun, da die Evolution Materie benötigt, aber immer wieder werden in kreationistischen Kreisen beide Theoriengebäude durcheinander gebracht: "Wie erklärt die Evolution denn die Entstehung des Universums?", habe ich echt schon gehört. Antwort: Gar nicht. Weil es überhaupt nicht in den Aufgabenbereich hineinfällt, etwas zu beschreiben, was zeitlich weit vor ihr lag.

Für den Urknall gibt es mehrere Hinweise. Aber beginnen wir, wie so oft, erst einmal mit einer Definition.
Der Urknall ist in mehreren Modellen der Kosmologie der Beginn des Universums. Im Rahmen der Urknalltheorie wird nicht der eigentliche Urknall beschrieben, sondern das frühe Universum in seiner zeitlichen Entwicklung nach dem Urknall. Laut dem aktuellen Standartmodell ist das Universum etwa 13,8 Milliarden Jahre alt.


(Übersetzung: Mehr als die Hälfte unserer Nachbarn glauben, dass die Welt vor 6.000 Jahren erschaffen wurde. Das ist übrigens 1.000 Jahre nachdem die Sumerer den Kleber erfanden.

Es handelt sich dabei aber um keine Explosion in einem bestehenden Raum, sondern um die gemeinsame Entstehung von Materie, Raum und Zeit aus einer ursprünglichen Singularität. Dieser Punkt wird formal im kosmologischen Modell eines expandierenden Universums angenommen, da man diesen erreicht, wenn man zeitlich rückwärts, dass All schrumpfen lässt. Da die etablierten physikalischen Theorien wie Quantenfeldtheorie und allgemeine Relativitätstheorie die Existenz von Raum, Zeit und Materie voraussetzen, lässt sich der eigentliche Urknall mit ihnen nicht beschreiben. Demnach muss noch kurz nach dem Urknall die Dichte des Universums die Planck-Dichte übertroffen haben, ein Zustand, der sich allenfalls durch eine noch unbekannte Theorie der Quantengravitation richtig beschreiben ließe, aber sicher nicht durch bestehende physikalische Theorien. Daher gibt es in der heutigen Physik keine allgemein akzeptierte Theorie für das sehr frühe Universum.
Der Begriff stammt ironischerweise von Fred Hoyle, der Anhänger der Theorie des Steady-State-Universums war, dass schon immer existiert haben soll. Diese Theorie verlor in den 1960er Jahren an Zustimmung, als die Urknalltheorie zunehmend durch astronomische Beobachtungen bestätigt wurde, und wird heute nur noch von einer Minderheit der Kosmologen untersucht. "The Big Bang" war als höhnender Begriff gemeint.

Erst mit dem Vergehen der sogenannten Planck-Zeit (ca. 10 hoch -43 Sekunden) (auch Plank-Ära genannt) ist die Überprüfung in Modellen möglich. Erst nach 10 hoch -6 Sekunden hatte sich das Universum so weit ausgedehnt und abgekühlt, dass seine weitere Entwicklung von Prozessen bestimmt wurde, wie sie heute in der Elementarteilchenphysik beobachtet werden können. Die Urknalltheorien beschäftigen sich aber auch mit den etwa 300.000 - 400.000 Jahren nach dem Urknall, als sich endlich stabile Atome bildeten und das Universum durchsichtig wurde.

Um das gesamte Universum auf der Grundlage der uns bekannten Naturgesetze beschreiben zu können, ist die Annahme unabdingbar, dass diese Naturgesetze universell gelten. Alle bisherigen astronomischen Beobachtungen weisen auch auf eine Allgemeingültigkeit der Naturgesetze hin.
Das kosmologische Prinzip besagt, dass das Weltall zur selben Zeit an jedem Raumpunkt und auch in alle Richtungen für große Entfernungen gleich aussieht, und wird auch (räumliche) Homogenität genannt. Die Annahme, dass es in jeder Richtung gleich aussehe, heißt (räumliche) Isotropie.


Entwicklungsstadien des Universums (nur zur Illustration, nicht maßstäblich)

Aus der angenommenen Universalität der derzeit bekannten Naturgesetze folgt, dass sich die Entwicklung des Universums als Ganzes mittels der allgemeinen Relativitätstheorie beschreiben lässt, und die darin ablaufenden Prozesse mittels der Quantenfeldtheorie. Dabei tritt allerdings das Problem auf, dass die beiden Theorien nicht miteinander vereinbar sind. Quanteneffekte werden relevant, wenn bei sehr großer Materiedichte auch die Raumzeitkrümmung sehr groß ist. Deshalb ist die überzeugende Beschreibung des sehr frühen Universums derzeit nicht möglich und der Begriff "Urknall" kann als Bezeichnung für diesen unverstandenen Teil verstanden werden.
Ein Blick zum Sternenhimmel mit bloßem Auge zeigt sofort, dass das Universum in der näheren Umgebung der Erde nicht homogen und isotrop ist, denn es gibt unregelmäßig verteilte Sterne. Auf größerer Skala bilden die Sterne Galaxien, die allerdings auch sehr ungleichmäßig verteilt sind und Galaxienhaufen bilden. Auf noch größerer Skala ist eine wabenartige Struktur erkennbar, die aus sogenannten Filamenten und Voids besteht.

Das angewendete kosmologische Prinzip auf die allgemeine Relativitätstheorie, vereinfacht die einsteinschen Feldgleichungen zu den sogenannten Friedmann-Gleichungen und führt beim Rückwerksrechnen zu einem immer kleineren, dichteren und heißeren Universum bis zu einem Zeitpunkt, zu dem der Wert des Skalenfaktors verschwindet, also das Universum keine Ausdehnung hatte und die Temperatur und Dichte unendlich groß werden. Damit ist aber keine Aussage über die physikalische Realität einer derartigen Anfangssingularität gemacht, da die physikalischen Gesetze keine Gültigkeit mehr besitzen. Zur Beschreibung der Entwicklung des Universums zu sehr frühen Zeiten wäre eine Theorie der Quantengravitation erforderlich.

Die Expansion des Universums wurde 1929 von Edwin Hubble erstmals beobachtet. Er entdeckte, dass die Entfernung von Galaxien von der Milchstraße und ihre Rotverschiebung proportional sind.


Temperaturschwankungen in der Hintergrundstrahlung aufgenommen durch den Satelliten COBE (Mission 1989–1993)

Die kosmische Hintergrundstrahlung wurde 1948 von Ralph Alpher, George Gamow und Robert Herman vorhergesagt. Sie sagten in der Folge verschiedene Temperaturen im Bereich von etwa 5 bis 50 K vorher. Erst 1964 wurde die Hintergrundstrahlung von Arno Penzias und Robert Woodrow Wilson erstmals als realer Effekt identifiziert, nachdem zuvor mehrere Astronomen Messungen des Signals für Antennenfehler gehalten hatten.

Durch die Entkopplung der Strahlung geriet die Materie nun stärker unter den Einfluss der Gravitation. Ausgehend von räumlichen Dichteschwankungen, die möglicherweise bereits in der inflationären Phase durch Quantenfluktuationen entstanden sind, bildeten sich nach 1 Million Jahren großräumige Strukturen im Kosmos. Dabei begann die Materie in den Raumgebieten mit höherer Massedichte als Folge gravitativer Instabilität zu kollabieren und Masseansammlungen zu bilden. Es bildeten sich zuerst sogenannte Halos aus Dunkler Materie, die als Gravitationssenken wirkten, in denen sich später die für uns sichtbare Materie sammelte und sich anschließend in Sternen entzündete. Wegen ihrer großen Masse war die Lebensdauer dieser Sterne mit 3–10 Millionen Jahren relativ kurz, sie explodierten in einer Supernova. Während der Explosion wurden durch Neutroneneinfang Elemente schwerer als Eisen gebildet (zum Beispiel Uran) und gelangten in den interstellaren Raum. Der Explosionsdruck verdichtete angrenzende Gaswolken, die dadurch schneller neue Sterne hervorbringen konnten. Da die mit Metallen angereicherten Gaswolken schneller auskühlten, entstanden massenärmere und kleinere Sterne mit schwächerer Leuchtkraft, aber von längerer Lebensdauer. Es bildeten sich die ersten Kugelsternhaufen aus diesen Sternen, und schließlich die ersten Galaxien aus ihren Vorläufern.

Und was hat das alles mit unserem heutigen Nachthimmel zu tun?

Ne' ganze Menge. Schon James Clerk Maxwell erkannte, dass nichts im Universum schneller ist als Licht. Auch die Lichtgeschwindigkeit ist endlich. Um uns die Ausdehnung des Universums mal vor Augen führen, muss man beachten, dass das Licht trotz seiner 300.000 km die es pro Sekunde zurücklegt (7x um den Äquator der Erde in einer Sekunde, bzw. 1x fast zum Mond) ungefähr 92 Milliarden Jahre braucht, um von einem Ende zum anderen zu gelangen. Lediglich 4 % dieses Universums sind für uns sichtbare Materie. Am Himmel sehen wir ca. 3.000 Sterne in einer klaren Nacht ohne Lichtverschmutzung. Das klingt nach wenig Inhalt in großem Raum.
Aber allein in unserer Galaxie, der Milchstraße, sind über 200 Milliarden Sterne auf ca. 100.000 Lichtjahre zusammengeballt. Und von den Galaxien gibt es zwischen 100 - 150 Milliarden. Es müsste praktisch überall am Himmel ein Stern zu sehen sein. Folglich müsste der Nachthimmel taghell sein. Ist er aber nicht.

Das liegt eben an diesen "elend langsamen" Licht. Denn viele Sterne, Sternenhaufen und Galaxien sind so unfassbar weit von uns entfernt, dass uns ihr Licht noch gar nicht erreicht hat. In einem Universum, dass schon immer da gewesen wäre, hätte das Licht eines jeden Sterns aber genug Zeit gehabt, uns zu erreichen. Auch dann wäre die Nacht taghell. Demnach hatte das Universum offenbar einen Anfang.

Vielleicht sind auch schon vor 3.000 Jahren ein paar Hirten am Jordan auf diese Idee gekommen. Wer weiß ...
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mi 10. Jan 2018, 10:45

Rezension: Hat die Bibel doch Recht? - Der Evolutionstheorie fehlen die Beweise

Ich habe den genannten Film bereits mehrfach gesehen. Und jedesmal wird er unlogischer und polemischer. Den Leuten, die die Evolutionstheorie als dogmatisches Gedankengebäude sehen, wird er "Recht" geben und dies mit einem "wissenschaftlichen" Korsett schmücken. Offen bleibt bis zum Ende, was die Alternative sein soll, da der Film sich lediglich darin erschöpft, die Evolutionstheorie zu bekämpfen.
Das Werk von Fritz Poppenberg aus der Filmschmiede Drei Linden geht ungefähr eine dreiviertel Stunde und ist im Jahr 1998 veröffentlicht worden. Laut eigener Aussage handelt es sich um eine kritische, unvoreingenommene Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie, die von Dr. Henning Kahle, dem Genetiker Dr. Lönnig und dem Molekularbiologen Prof. Dr. Scherer wissenschaftlich begleitet und unterstützt wurde. Grundaussage des Films ist, dass kein einziger Nachweis für die Darwinsche Theorie existiert, der Höherentwicklung der Lebewesen. Die Evolutionstheorie / der Naturalismus sei eine Ersatzreligion, die durch in den Schulen aufgezwungen wird. Aufgrund seiner kritischen Töne, sei der Film, laut Aussage von Drei-Linden im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen verboten.

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Eines vorweg: Der Film ist weder unvoreingenommen, noch fachlich korrekt.
Dieser Film enthält zahlreiche Fehler, die in voller Länge für eine mehr als dreiteilige Beitragsserie genügen würden. Ich werde mich daher auf einige gravierende Punkte beschränken, die dennoch einen langen Eintrag erzeugen werden.

Wie lange existiert bereits die Menschheit?

Der Film selbst beginnt mit einer 400.000 Jahre Menschensiedlung und setzt sich damit selbst in Gegensatz zu vielen Evolutionsgegnern und im Grunde auch gegen die biblische Rechnung, nach der Adam vor ungefähr 6.000 Jahren erschaffen wurde. Erwähnt und gar aufgelöst wird dieser Konflikt nicht, obwohl die Intention der Autoren des Film klar ist und Dr. Lönnig Zeuge Jehovas ist.

Wo ist der experimentelle Beweis?

Die interviewten Doktoren und Professoren bemängeln die fehlende Experimentierbarkeit in der Biologie und speziell der Evolutionstheorie. Moderne Wissenschaften schauen allerdings auch über den Tellerrand, sie arbeiten zusammen. Theorien schweben nicht frei im Raum, sondern gehören in ein Theoriengebäude. Widersprüche sind denkbar und auch real, aber nicht dadurch zu revidieren, dass man eine andere Theorie aufbaut, die eigentlich nichts erklärt und außerhalb dieses Theoriengebäudes stattfindet, wie z.B. Kreationismus.
Schlussendlich kann auch die Astronomie die Entstehung und das Sterben unserer Sonne nicht experimentell nachweisen, sondern lediglich durch Beobachtung der Sterne um uns herum, ablesen, wie sie in welchen Stadium ihres "Lebens" sind und wie vergehen. Gestützt werden diese Theorien dann durch physikalische Experimente, wie sie aus Wasserstoffbombentests und Teilenbeschleunigern und dergleichen gewonnen werden.
Und auch die Biologie ist nicht auf Experimente beschränkt. Sie beruft sich vielfach auf die Experimente der Chemie und durchwühlt "detektivisch" die Abertausend Fossilien. Fossilien sind aber keine Experimente und ihre Altersbestimmungen sind vielfach von physikalischen, chemischen oder optischen Messverfahren abhängig. (Irritierend ist hier - abseits dieser Dokumentation - das Altersbestimmung immer nur dann ein Problem darstellen, wenn die biblische Chronologie dabei betroffen ist.)
Die Paläontologie ist keine experimentelle Wissenschaft. Ist sie deswegen gar keine Wissenschaft?

Wie entsteht "Höherentwicklung"?

Der Begriff der "Höherentwicklung" ist keinesfalls ein zentraler der Evolution, wie behauptet, sondern "Komplex". Denn was ist aus welchem Blickwinkel höher. Steht der Mensch über dem Affen, der Affe über dem Hund, der Hund über der Katze?
Das adaptive Anpassen in verschiedenen Variationen hat nichts damit zu tun, etwas höheres zu werden, sondern lediglich besser angepasst zu sein. Spätere Umstände können aus einem aktuellen Überlebensvorteil einen Nachteil machen. Haie gab es schon vor den Dinosauriern und es gibt sie noch immer. Offenbar sind diese also besser angepasst und konnten so den Gefahren ihrer Zeit besser strotzen. Welches von diesen Tieren "höher entwickelt" ist, stellt sich überhaupt nicht.

Bakterien können in der Tat positiv evolvieren, sich gleichsam "höher entwickeln", zum Beispiel Resistenzen gegen Antibiotika ausbilden. Das geschiet freilich in den Grenzen ihrer "Art", wobei dass als umstritten gelten kann, denn es handelt sich um eine große Bauplanveränderung, die es dem Bakterium möglich macht, die spitzen Sporen des Antibiotikapilzes abzuwehren. Es ist also bereits eine beträchtliche Änderung aufgrund eines Selektionsdruckes. Dieser Druck entstand dadurch, dass Antibiotika häufiger zur Anwendung kommt, als man denkt. Denn zur Anfütterung und zur Krankheitsbekämpfung in überfüllten, unhygienischen Ställen wird der Pilz nicht nur auf Verdacht, sondern flächendeckend verwendet.

Widerlegen Züchtungen die Evolution?

Dass künstliche Züchtungen bisher zu keinem selektiven Vorteil geführt haben, ist ebenso kein relevanter Einwand. In der Züchtung geht es selten darum, Tiere für ihre natürliche Umgebung aufzupeppeln, sondern sie für den Menschen rentabler zu machen. So ist das Kalb einer hochgezüchteten Milchkuh nicht mehr in der Lage am Euter gesäugt zu werden, da dieses durch die Hochzüchtung so groß ist und so tief hängt, dass das Kalb die Milch buchstäblich in den falschen Hals bekommt. Bei natürlicher Auslese würden diese Tiere folgerichtig aussterben, da die Mütter zwar viel Milch zur Verfügung hätten, aber diese nicht an die Kälber weitergeben können. Diese sterben sozusagen vor vollen Tellern. Für den Milchbauern aber ist es gut, dass er sich auf jene hochgezüchteten Rinderrassen stützen kann, denn er braucht für die selbe Menge Milch weniger Kühe. Und so ist es mit den Schweinen, Schafen und so weiter.
In der Natur gibt es aber keinen Dritten, der eine Rentabilität fordert. Da geht es ums Überleben. Und da gibt es logischerweise andere Ergebnisse, weil es andere Anforderungen gibt. Was sollte man auch anderes erwarten? Der Film suggeriert aber, dass die menschliche Aufzucht das Gleiche wäre, wie die natürliche Selektion.

Ist Darwinismus gleich Evolutionstheorie?

Der Film unterschlägt völlig die anderen unterschiedlichen Ansätze von Evolutionstheoretikern, die zeitgleich oder sogar vorher verschiedene Modelle aus ihren Beobachtungen ableiteten. Alfred Russel Wallace kam zur selben Zeit unabhängig von Darwin zur fast gleichen Theorie, weshalb die Theorie eine Zeitlang als Darwin-Wallace-Prinzip bekannt war. Darwin hat nicht aus dem Nichts eine neue Idee geschaffen. Er hat den Faden nur konsequent weitergesponnen. Seit Darwin sind aber etliche neue Erkenntisse hinzugewonnen worden (zum Beispiel die Struktur der DNA, der Zellaufbau und so weiter). Wer also, wie dieser Film, auch heute noch das 150 Jahre alte Wissen von Darwin als Massstab der modernen Evolutionstheorie heranzieht, erweckt den Eindruck, den aktuellen Erkenntnissen nichts entgegensetzen zu können.

Beweist "Mikroevolution" die "Makroevolution"?

Der Film suggeriert eine Unterscheidung zwischen beiden Begrifflichkeiten. Einige Evolutionsbiologen verwenden den Begriff "Makroevolution", wenn sie sich auf die evolutionäre Entstehung neuer "Körperbaupläne" beziehen (zum Beispiel durch Fossilienreihen belegter Übergang von Raubsauriern zu Vögeln im Erdmittelalter). Die meisten Evolutionsforscher lehnen diese Begriffe aber ab, da man allgemein annimmt, dass die meisten Vorgänge der "Makroevolution" nach den gleichen Prinzipien ablaufen, wie die der "Mikroevolution". Es handelt sich folglich bei der "Makroevolution" komplex gebauter Lebewesen um eine Fortsetzung "mikroevolutiver" Prozesse über extrem lange Zeiträume hinweg (Jahrmillionen).

Die Vertreter der religiös geprägten Positionen Kreationismus und Intelligent Design verfechten aber ein Grundtypenkonzept, das auf göttlicher beziehungsweise personaler Schöpfung und anschließender Verarmung des Genpools und Selektion basiert. Sie meinen, ausreichende Nachweise für die Bauplan-Transformationen, die zur Entstehung neuer Gattungen geführt haben, würden noch ausstehen. Bisherige Befunde der Forschung zur "Makroevolution", wie die fossil dokumentierten Bauplan-Transformationen oder die durch Zell- und molekularbiologische Analysemethoden belegte Zellfusions-Prozesse oder die beobachteten Transformationen des Körperbaus von Insekten aufgrund mutierter Hox-Gene, akzeptieren sie nicht als Belege. Die Humanbiologin Eugenie C. Scott und der Philosoph Glenn Branch sehen darin ein argumentum ad ignorantiam (lat. für "Argument, das an das Nichtwissen appelliert") und verweisen ihrerseits auf die prinzipiell fehlende empirische Falsifizierbarkeit von Kreationismus und Intelligent Design.

Wie entstehen schlagartig neue Baupläne?

Bei der Giraffenentwicklung wird gefragt, was zuerst kam, erst die voll langen Beine, dann erst der voll lange Hals, oder erst das Blutdruckschutzsystem, dann erst der voll lange Hals usw. Die völlig naheliegende Erklärung, daß keines der Merkmale sich schlagartig entwickelte, sondern alle erst nach und nach - und parallel zu den anderen - wird gar nicht erst erwähnt.

Und wie rechtfertigt man den radikalen Sozialdarwinismus?

Die Anspielungen auf Hitler lasse ich hier völlig außen vor, weil die Evolutionstheorie zwar auch missbraucht werden kann, um irgendwelche Rassenkriege zu führen, dass aber generell kein Argument gegen eine wissenschaftliche Theorie. Im gleichen Zuge könnte man auch die Theologie und die Bibel verbieten, da diese immer wieder für Kriege und Verfolgungen verwendet wurden. Aber auch das wäre Blödsinn. Denn nur weil mir Hamlet oder MacBeth auf den Fuß fallen und mein Zeh gebrochen ist, heißt das nicht, dass Shakespear ein schlechter Autor ist. Ein unglücklicher Begriff, der in diesem Zusammenhang oder in Verbindung mit dem Radikalkapitalismus geprägt wurde, ist der Sozialdarwinismus. Denn dieser ist ebenso kein Darwinismus, wie ein Koala-Bär kein Bär ist. Im Übrigen sind Rassendiskriminierung und Gier älter als Evolutionswissenschaften oder gar die Religion.

Widerlegt der Stabilisierungsmechanismus der Mendelschen Gesetze nicht die Veränderlichkeit in der Evolutionstheorie?

Mendels Gesetze wurden ursprünglich tatsächlich als Gegensatz zu Darwins Evolutionslehre gesehen. Doch mitlerweile passen diese beiden Theorien herrlich zusammen. Mendel wird heute jedenfalls nicht "unterdrückt", sondern im Biologieunterricht gelehrt, oft sogar in früheren Klassen als die Evolution. Die Vererbungslehre hat ihre Grenzen da, wo eine Mutation stattfindet und die Mechanismen der Vererbung nicht mehr uneingeschränkt gültig sind. Bereits in der Weitergabe der Mutation in nächsten Generationen ist die Theorie von Gregor Mendel aber wieder wirksam. Die Vererbungslehre bietet damit einen Speichermechanismus, wie Veränderungen in einer Population verbreitet werden.

Sind Mutationen nicht schlecht?

Ein weiterer Filmfehler, ist die Behauptung, dass 99,99% aller Mutationen schädlich sind. Das ist schlicht falsch. Die allermeisten Mutationen sind neutral, sprich: sie gewähren weder Vor- noch Nachteile. Und dass Mutationen heute so selten irgendwelche Vorteile bringen, ist absolut im Einklang mit der Evolutionstheorie. Das Leben heute ist bereits hervorragend an seine Umwelt angepasst, was es ja offensichtlich nicht wäre, wenn ein hoher Anteil an Mutationen eine Verbesserung bedeuten würde.
Eine einzige Frage wird im Film immerhin richtig gestellt: Positive Mutation gilt für wen?
Was positiv ist, hängt nämlich von der Umwelt ab. So ist etwa die Sichelzellenanämie (#1) eine schwere Krankheit, die oft zum Tod führt. In bestimmten Gebieten Afrikas und Asiens aber ist der Selektionsdruck der noch tödlicheren Malaria derart groß, dass zumindest die rezessive Form der Sichelzellenanämie ein evolutionärer Vorteil sein kann und sich diese Mutation zu einem hohen Prozentsatz halten kann. Dieses Beispiel ist schon ziemlich extrem, zeigt aber lehrreich, dass die Frage nach positiven Mutationen und nach dem geringen Anteil völlig am Thema vorbei geht.
Außerdem stellt auch unser doppelter Chromosomensatz sicher, dass viele an sich negative Mutationen im Genpool erhalten bleiben können und bei veränderten Umweltbedingungen dann zur Verfügung stehen, wenn sie sich doch als positiv erweisen sollten. Die Männer haben dafür immerhin einen Preis zu zahlen, denn viele Erbkrankheiten betreffen nur Männer, da sie auf dem X-Chromosom sitzen, von dem Frauen immerhin zwei besitzen. Bluter etwa können nur Männer sein, da sie kein "Reservechromosom" haben. Die Natur kommt somit mit negativen Mutationen zu einem hohen Prozentsatz durchaus klar und schon ein Anteil von nur 0,001% positiven Mutationen kann völlig ausreichen, eine hoch effiziente Evolution anzutreiben.
Kurz mal übertragen: Etwa 5% eines durchschnittlichen PKWs bestehen aus Benzin, 95% aus anderen Stoffen, vor allem Stahl. Der Logik nach kann Benzin also unmöglich der Treibstoff sein.

Das Leben ist doch aber nach einem wunderbaren Plan erschaffen. Alles passt perfekt zusammen.

Ingenieure haben die Schiffsschraube erfunden - und waren dann überrascht, als "durch Zufall" die Schraube brach und das nun kürzere Reststück besser funktionierte als vorher. Soweit "echte" Evolution, ohne intelligenten Designer. In der Regel aber konstruiert ein Ingenieur aber eben doch mit abstraktem Blick auf die Zukunft und optimiert vorausschauend etwas weg oder hinzu. Und das sieht man in der Evolution einfach nicht.

Kröten leben an Land, müssen zum Eierlegen aber wieder ins Wasser. Meeresschildkröten machen es umgekehrt, leben im Wasser und müssen zum Eierlegen den für sie selbst und für den Nachwuchs gefährlichen Weg an Land unternehmen. Die Evolution kann diese "Design-Fehler" leicht erklären, Kreationismus nicht, weil kein Schöpfer, der so was konstruiert, als intelligent bezeichnet werden würde. Oder wie steht es mit Delphinen, die offenbar für das Wasser designt sind, aber ertrinken können?
Manchmal gibt es teils völlig abwegige Konstruktionen, die kein Ingenieur unterhalb von 3,8 Promille erdacht haben mag. So etwa der unglaubliche Umweg des Kehlkopfnervs der Giraffe ("Nervus laryngeus recurrens").


(Übersetzung: Bräuchte nur ein paar Inches lang sein, macht aber einen mehrere Fuß lange Umweg: Nervus laryngeus recurrens.)

Reptilschuppen die zu Vogelfedern wurden sind ebenfalls kein Problem, wenn man nicht vorraussetzt, dass die Evolution "beabsichtigt" hätte, dass die mal zum Fliegen da sind. Naheliegend ist der Umweg über die Multifunktionalität als Wärmeisolator, wofür wir Menschen sie im Federbett ja heute noch verwenden.
Für die Wärmeisolation aber ist jede Genveränderung hilfreich, die eine Reptilienschuppe "auffächert". So entsteht nach und nach eine "Schuppe" die derart aufgefächert ist, dass sie eine geringe Dichte bei großer Fläche aufweist. Optimal zum Fliegen braucht sie ja gar nicht von Anfang an zu sein, aber durch diese Entwicklung wird sie es.
Da Vögel heute als "Unterart" der Saurier gelten, ist zumindest der kreationistischen Sichtweise Genüge getan, die da behauptet, Menschen und Dinos hätten zeitgleich gelebt.

Sowohl der Bakterienmotor als auch das Auge werden als zu komplex bezeichnet, um durch "Zufall" entstanden zu sein. Nochmal: Evolution ist nicht gleich Zufall, auch wenn dieses Moment aufgrund nie vollständiger Datenlage nie komplett verschwinden wird. Der Zufall hat in der Evolution keine wesentlich andere Bedeutung als in jedem anderen Bereich der Wissenschaft. Selbst die Hiroshima-Bombe hatte keine exakt "design"-te Sprengkraft, sondern hätte bei einer zufällig anderen Verteilung der Hintergrund-Radioaktivität VOR ihrer Zündung ebenso gut auch 10% mehr oder weniger Sprengkraft haben können. Aber hätte das einen entscheidenden Unterschied für ihre Bedeutung gemacht?
Asiatische Mandelaugen hätte die Evolution nicht zwingend hervorbringen müssen, andererseits aber könnten ebenso gut auch wir alle - zufällig - solche Augen haben. Das ist die Kategorie Zufall in der Evolution. Aber dass unsere Augen ziemlich weit oben am Kopf sitzen und nicht etwa an den Knien, das ist kein Zufall, sondern gerade in der Evolutionstheorie zwingend. Im Gegensatz zum Kreationismus, denn einem Gott stünde es natürlich frei, die Augen an den Knien anzubringen.

Gab es nicht früher schon Falschannahmen in der Ahnenforschung?

Der Neandertaler wurde tatsächlich lange falsch bewertet. An der Evolutionslehre ändert das aber grundsätzlich nichts. Es wird derzeit sogar geforscht, ob wir Europäer womöglich noch Neandertalergene in uns tragen - im Gegensatz etwa zu Asiaten.

Lyssenko

Der Film gibt sich auch viel Mühe, die volkswirtschaftlichen Fehlentscheidungen des sowjetischen Agrarwissenschaftlers Trofim Lyssenko als fatale Folge des Darwinismus hinzustellen.
Allerdings baute Lyssenko auf die schon damals überholten Anschauungen des Lamarckismus auf (Eigenschaften von Kulturpflanzen und anderen Organismen würden nicht durch Gene, sondern nur durch Umweltbedingungen bestimmt).
Lyssenko gewann jedoch in der Sowjetunion vor allem zwischen 1940 und 1964 eine tonangebende Stellung, da es ihm gelang, den Diktator Josef Stalin als Förderer zu gewinnen. Die dadurch verursachten schweren Ernteeinbußen wurden angeblichen Saboteuren zugeschrieben. Damit verbunden war ein Feldzug gegen die sogenannte "faschistische" und "bourgeoise" Genetik sowie gegen jene Biologen, die sich mit dieser Disziplin befassten. Hier zeichnet sich eine Parallele zu der unter den Nationalsozialisten als "jüdisch" verfolgten Relativitätstheorie ab, die durch eine "Deutsche Physik" ersetzt werden sollte. 1948 wurde die Genetik schließlich offiziell zur "bourgeoisen Pseudowissenschaft" erklärt. Daraufhin wurden alle verbliebenen Genetiker entlassen oder eingesperrt. Auch Evolutionsbiologen wie Ivan Schmalhausen wurden ihrer Ämter enthoben.

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Lyssenko (links) während einer Rede 1935 im Kreml, rechts oben Stalin

Die 1931 vom Zentralkomitee der KPdSU verabschiedete Resolution, alle in der UdSSR angebauten Getreidearten innerhalb weniger Jahre in vielfältiger Weise zu verbessern und zugleich alle Anbaugebiete anzupassen, war aus wissenschaftlicher Sicht unsinnig und selbst mit viel mehr Zeit nicht erfüllbar. Lyssenko (damals am Allunionsinstitut für Genetik und Zuchtverfahren in Odessa tätig) kündigte jedoch 1936 an, die veranschlagten Ziele mittels unkonventioneller Methoden (die Setzlinge eng beieinander auszupflanzen, damit im Zuge der "Selbstausdünnung" nur die besten überlebten und die übrigen sich "opferten"; Düngermischungen aus Kombinationen von Superphosphat und Kalk, die wirkungslos sind, weil zu unlöslichem Calciumphosphat verbunden) in sehr kurzer Zeit erreichen zu können. Er verwarf die Genetik und behauptete, es gebe gar keine Gene und man könne verschiedene Getreidesorten durch geeignete Kulturbedingungen ineinander umwandeln (zum Beispiel aus Weizenkörnern Roggenpflanzen).
Die zunächst noch offenen Auseinandersetzungen zwischen den Genetikern und den Anhängern Lyssenkos wurden entschieden, als die Genetiker durch den "Großen Terror" 1937 sämtliche Fürsprecher in der Politik verloren. Daraufhin wurden auch viele Wissenschaftler (unter anderem Solomon Levit, Grigori Lewizki, Isaak Agol, Georgi Nadson) verhaftet und unter dem Vorwand liquidiert, mit "Feinden des Volkes" zu kooperieren. Andere Genetiker wurden durch Rufschädigung von ihren Stellen verdrängt. Zu den wenigen Forschungszentren der Genetiker, die sich etwas länger halten konnten, gehörten das von Nikolai Kolzow, der 1940 vergiftet wurde, sowie das Institut von Nikolai Wawilow. Wawilow wurde 1940 verhaftet und starb drei Jahre später im Gefängnis.
Schon 1938 wurde Lyssenko zum Präsidenten der Akademie für Landwirtschafts-Wissenschaften ernannt, und seine Thesen erlangten bald allgemeine Gültigkeit in der SU, während kritische Stimmen - wie allgemein in jener Phase des Stalinismus - massiv unterdrückt wurden und kaum zur Geltung kamen.
Lyssenkos politischer Erfolg beruhte erheblich auf seiner Herkunft als Bauernkind. Die meisten Biologen stammten aus dem Bürgertum, und das war seit der Oktoberrevolution ideologisch suspekt.
Wo er sich in der Fachwissenschaft nicht durchsetzen konnte, half ihm die Propaganda: Lyssenkos Erfolge wurden übertrieben und die Misserfolge totgeschwiegen. Er führte selten kontrollierte Experimente durch, denn hauptsächlich verließ er sich auf Fragebögen von Bauern, mit denen er zum Beispiel "bewies", dass die von ihm propagierte Vernalisation die Weizenerträge um 15 % erhöhen würde.
Er entwickelte seine Ideen - die Vernalisation, das Blätterabschneiden bei Baumwollpflanzen, die gruppenweise Anpflanzung von Bäumen bis hin zu merkwürdigen Düngermischungen - in einem so hohen Tempo, dass die akademischen Wissenschaftler kaum Zeit hatten, diese teilweise unnützen und oftmals gefährlichen Lehren zu untersuchen und gegebenenfalls zu widerlegen.

Die Missernten der sowjetischen Landwirtschaft in den 1930er Jahren beruhten zum großen Teil darauf, dass viele Bauern die Kollektivierungspolitik ablehnten. Lyssenkos Methoden boten einen Weg, die Bauern aktiv am Ernteerfolg und an der "Landwirtschaftsrevolution" teilnehmen zu lassen. Für die Parteifunktionäre war ein Bauer, der - für welchen Zweck auch immer - Getreide ansäte, nützlich, im Gegensatz zur vorher verbreiteten Praxis, Getreide zu zerstören, um es nicht dem Staat zu überlassen.
Die akademischen Wissenschaftler dagegen konnten keine einfachen oder sofort umsetzbaren Neuerungen vorschlagen, und so geriet die Scharlatanerie Lyssenkos bei der kommunistischen Partei in einen guten Ruf. Dieser Ruf breitete sich auch über die Grenzen der Sowjetunion in anderen kommunistischen Parteien aus, wo Lyssenkos Thesen zeitweise herrschende Doktrin wurden.
Außerdem kam ihm das marxistische Grundmotiv zu gute, das Vererbungen (insbesondere als Vermögensansammlung ohne Anstrengung) nicht gut hieß und diese Ansicht auf alle Bereiche anzuwenden versuchte. Vorstellungen wie Erblichkeit oder Eugenik lehnte Lyssenko als bourgeoisen Einfluss auf die Wissenschaft ab, der in der Diktatur des Proletariats bekämpft werden musste.

Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow stand Lyssenko kritischer gegenüber, unterstützte ihn jedoch weiter. 1962 wurden seine wissenschaftlichen Fehlinterpretationen und Fälschungen durch prominente Naturwissenschaftler kritisiert, so dass er 1962 als Präsident der Lenin-Landwirtschaftsakademie abgesetzt wurde. Aber erst nach Chruschtschows Sturz im Oktober 1964 konnten Lyssenkos Irrlehren als solche bezeichnet und verworfen werden. 1965/66 wurde der Biologie-Unterricht in der Sowjetunion ausgesetzt, um neue Lehrpläne entwickeln und die Lehrer umschulen zu können.

Kurzum:
Der Lyssenkoismus war ein Auswuchs des Umstandes, dass ein pseudowissenschaftlicher Ansatz aus ideologischen Gründen in einer totalitären Diktatur mit allen Mitteln gefördert wurde.
Heute bezeichnet man mit dem Begriff "Lyssenkoismus" die politische Förderung pseudo- oder unwissenschaftlicher Thesen und die Behinderung der freien Wissenschaftsentfaltung durch die Politik. In diesem Sinne verglich der US-amerikanische Physiker Carl Sagan das Bestreben evangelikaler Kreise in den USA, den Kreationismus in die Lehrpläne der Schulen einzuführen, mit einer Vorstufe des Lyssenkoismus, da kreationistisch orientierte Politiker bestimmen wollen, was als Wissenschaft zu gelten hat.
Auch lässt sich festhalten, dass mit einer falsch verstandenen Idee durch die Ideologie viel Schlechtes getan wird oder werden kann, kein wahrlich Spezialfall der Evolutionstheorie wäre.

Fazit

Im Gegensatz zu Kreationisten bauen von der Evolutionstheorie Überzeugte ihr Leben nicht um ihre Lehre auf. Erstere haben also auch mehr zu verlieren und werden daher vehementer Streiten. Ein wissenschaftlich orientierter Mensch ist dazu im Gegensatz fähig, im Hinterkopf zu behalten, dass die eigene Überzeugung wider Erwarten falsch sein könnte.
Wer wirklich keine Ahnung vom aktuellen Kenntnisstand der Wissenschaft zum Thema Evolution hat (#2), wird in diesem Film freilich ein kritisches Hinterfragen eines ideologischen Dogmas sehen. Ihm wird nicht auffallen, was ich schon zu Anfang schrieb, dass zwar der Filmtitel auf die Bibel verweist, aber man keine Alternative nennt. Der Film, wie bereits erläutert, beschränkt sich darauf, die Evolution(stheorie) widerlegen zu wollen.
Dieser Film ist tendenziös und voreingenommen, fachlich falsch und bekämpft teilweise Positionen, die im wissenschaftlichen Diskurs gar nicht vorkommen (#3).

#1 - Sichelzellenanämie

Die Sichelzellkrankheit ist eine erbliche Erkrankung der roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Sie führt zu Störungen des Hämoglobins. Die Krankheit tritt vor allem bei dunkelhäutigen Personen aus Subsahara-Afrika und deren Nachfahren, aber auch in Teilen des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens bis Indien auf und wurde durch Migration global verbreitet. Sie ist nach wie vor in den Entwicklungsländern mit einer hohen Sterblichkeit verbunden.

Mehr dazu: http://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/sichelzellenanaemie/10794

#2 - Auch schon im Erscheinungsjahr 1998 waren alle Daten zur Widerlegung dieses Films vorhanden und nachrecherchierbar.

#3 - Dr. Lönnig erklärt, dass Selektion keine neuen Arten erschaffen könne, da es wie ein Sieb arbeitet. Aber in der wissenschaftlichen Fachwelt wird dies auch nirgendwo behauptet. Für die Differenzierung des Genpools und der Entstehung von Artenreichtum wird die Mutation und die Variation verwendet, während die Selektion "prüft", ob diese neuen Lebensformen lebensfähig sind.
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Sa 13. Jan 2018, 11:18

Rezension: Dem Geheimnis des Lebens nahe

Vorweg: Dieser Film ist eine größere intellektuelle Herausforderung als der zuvor rezensierte. Hier melden vormalige "Evolutionsbefürworter" und Fachautoritäten zu Wort, die tiefer auf die Materie eingehen und nicht grundsätzlich darin aufgehen, die Evolution widerlegen zu wollen, sondern ein eigenes Konzept aufzustellen. Das ist dann aber bereits grundlegend der einzig positive Aspekt des ganzen Films. Dieser 2002 veröffentlichte Film geht ungefähr 58 Minuten, ist auf DVD und VHS erhältlich. Auf der DVD gibt es noch ein paar Extravideos mit Interviews und Hintergrundinformationen. Der Film versteht sich als Zusammenfassung zur Vorstellung und Einstieg des "Intelligent Design". Sie führt uns aber entgegen der Eigenwerbung und dem Titel selbst keinen Deut näher an das Geheimnis des Lebens und dessen Entstehung heran.


Michael Behe, ein im Film oft zu sehender Biochemiker: "Wenn man die unglaubliche Vielfalt des Lebens betrachtet, erhebt sich unweigerlich die Frage: Wer oder was hat das alles geschaffen?" Das Problem mit zitierten Autoritäten ist, dass sie den Eindruck erwecken, als könne eine Theorie nicht mit Fakten überzeugen und benötige daher eine solche Autorität, die Eindruck schindet. Ein weiteres Problem, das sich auftut, rührt daher, dass zu jeder Autorität eine "Gegenautorität" zu finden ist.
Neil DeGrasse Tyson auf die Frage, ob er an Gott oder eine höhere Macht glaube: "Jede Vorstellung einer höheren Macht, von der ich weiß, von allen Religionen, die ich kenne, beinhaltet viele Aussagen über die Gutartigkeit dieser Macht. Wenn ich mir das Universum ansehe, und die vielen Wege, wie es uns umbringen will, kann ich das nur schwer mit diesen Verlautbarungen über das Gute in Einklang bringen."

Der Film ist professionell gemacht und bringt mit eindrucksvollen Bildern aus der Tierwelt eine leicht verständliche Einführung in den Grundgedanken des Intelligent Design. Computeranimationen vom Inneren der Zellen demonstrieren die Komplexität der zellulären Maschinen - Einblicke, die für sich sprechen und intuitiv das Wirken eines intelligenten Urhebers nahe legen. Neu ist intelligent Design natürlich nicht, denn es handelt sich um Kreationismus im wissenschaftlichen Gewandt. Auf wichtige evolutionstheoretische Begriffe wie zum Beispiel Mutation geht er nur indirekt ein oder gar nicht. Neue evolutionstheoretische Vorstellungen werden gar nicht erwähnt. Es geht vor allem um die darwinische Selektionstheorie, die zwar ein wichtiger Eckpfeiler des gesamten Konstruktes ist, aber behandelt wird, als sei diese über 160 Jahre alte Teiltheorie seither nicht erweitert oder korrigiert worden.
Und das ist schon auch eine der großen Schwächen des Films: Auch wenn wesentlich besser argumentiert wird als in "Hat die Bibel doch Recht? - Der Evolutionstheorie fehlen die Beweis?", und es nachweislich noch strukturelle Lücken und Aufarbeitungspotential auch in modernen Theorieansätzen gibt, dass gar nicht darauf eingegangen wird, gibt dem Film Angriffsflächen.
Der Film richtet sich an ein allgemeines, zumeist fachfremdes Publikum und die dafür notwendigen Vereinfachungen sind durchaus logisch, das geschieht in jeder populärwissenschaftlichen Dokumentation.

Kurze Zusammenfassung zum Filminhalt, auf den ich nochmal eingehen werde:
- Die Selektion wird als Mechanismus vorgestellt, der Arten erschafft.
- Der Darwinismus wird in der Schule gelehrt, obwohl es keine Beweise für seine Richtigkeit gibt.
- Das Leben und auch der Aufbau von einfachen Zellen ist zu komplex, um von allein entstanden zu sein.

Der Film beginnt mit einer idyllischen ins Blau verschobenen Strandlandschaft und erzählt von einem Treffen von Wissenschaftlern 1993 in den USA, die alle ihre Probleme mit den Erklärungen der Evolutionstheorie hatten und daraufhin ungeplant zu den Geburtshelfers des Intelligent Design wurden.
Michael Behe sah sich Argumenten ausgesetzt, die er zuvor nie gehört hatte. Dean Kenyon, Mitautor des erfolgreichen Buches "Biochemical Predestination" (darin wird die biochemische Vorherbestimmung der Lebensentstehung erläutert), hat seine Ansichten aus diesem Buch revidiert, da er keine Lösung fand, wie Aminosäuren sich ohne DNA bilden sollen.

Man erkennt auch daran, dass Darwins Unkenntnis des komplexen Zellaufbaus, als Maßstab für den Ansatz der irreduziblen Komplexität verwendet wird, dass man Feindpositionen beschießt, in deren Stellung schon lange keiner mehr zu beschießen ist, weil die Frontlinie sich schon kilometerweit geändert hat.

Zum Schluss, dass die Theorie des Intelligent Design naturwissenschaftlich begründet sei, komme ich nicht. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass man mit der Theorie eigentlich nur Fragen aufwirft, sie aber nicht wirklich erklärt. Und man nimmt ein übernatürliches, mutmaßlich omnipotentes Wesen herzu, dass sich nicht naturwissenschaftlich greifen lässt. Man verlässt den Boden der Wissenschaft spätestens an diesem Punkt. Selbst wenn sich Intelligent Design als Richtig erweisen sollte, was nicht zu erwarten ist, so ist es keine Wissenschaft.

Die Argumentation ist zwar besser als im indirekten Vorgänger, aber nicht zwangsläufig gut. Und das erschreckende ist, dass sich die Leute, die da argumentieren, Wissenschaftler genannt werden, und zu Erklären verstehen sollten.
Zum Beispiel: Die Bakteriengeißel ist doch nutzlos, wenn sie keinen Antriebmotor hat. Sie wäre sogar hinderlich und würde deshalb der Selektion zum Opfer fallen. Und da die Bauteile nicht auf einmal aufploppen können, muss die Sache von einem Designer stammen.
Es wird dabei - ich habe es bereits mehrfach beschrieben - übergangen, dass die Evolution laut der gängigen Theorie schrittweise abläuft. Der "Motor" kann also durchaus älter sein, also die Geißel, denn bereits der Drehmoment des "Motors" erhöht die Beweglichkeit des Bakteriums, wie es auch einige Bakterien als "einfacheren" Lösungsweg verwenden. Durch den Anhang des Pilum wird, schlussendlich abgeknickt, bei beiden Veränderungen wiederrum ein Selektionsvorteil erzielt, die Beweglichkeit nochmals verbessert. Gott ist also nicht zwingend hinzu zu ziehen, egal wie wir ihn nennen oder verschleiern.

Die Analogie mit der Mausefalle wurde von mir ja bereits erläutert. Es gibt ja keinen Universalweg eine Maus zu fangen und die vorgestellte Falle ist ja gerade wegen ihrer Einfachheit, ihrer
unkomplexen und billigen Bauart so beliebt. Also genau das, was in der Evolution ständig passiert.
Auch Darwins eingeschobenes Zitat, dass ein irreduzibel komplexer Organismus seine Theorie zu Fall bringen würde, ändert nichts an der einfachen Tatsache, dass bisher kein solches Organismus gefunden wurde und die Beweislast für die irreduzible Komplexität eines Organismus bei denen liegt, die behaupten, es sei irreduzibel Komplex. Über die Beweislast habe ich aber ebenfalls bereits im Beitrag "Was ist irreduzible Komplexität?" ausführlich berichtet. Für die gern herangezogenen Augen und die Bakteriengeißel sind zumindest plausible evolute Entstehungsprozesse wissenschaftlich und empirisch beschrieben worden.

Die Analogie zu der Mausefalle passt deshalb nicht, weil eine Bakterie auch ohne perfekt funktionsfähigen Motor überleben kann, eine unvollständige Mausfalle aber nutzlos ist.
Ein weiteres Beispiel: Die Aminosäuren bräuchten unwahrscheinlich viele Anläufe, um sich so zu formen, wie heute vorliegend. Die Schlussfolgerung im Film lautet daher "mehr als unwahrscheinlich". Dabei wird weder beachtet, dass da nicht nur eine Aminosäure ist, die fleißig "testet", sondern Abermillionen und -milliarden, was die Chancen expondentiell steigern würde. Auch wird nicht beachtet, dass unsere heutige Ausprägung mutmaßlich nicht die einzig mögliche Form ist. Wir wissen nicht, wie sich die mehr als 1000 verschiedenen Aminosäuren zusammensetzen könnten und warum gerade die 25 linksdrehenden für das bestehende Leben verantwortlich sind. Aus diesem Nichtwissen auf Gott zu schließen, ist aber schlicht nicht wissenschaftlich. Auch darin zeigt sich eine Schwäche des Intelligent Design. Oder hat dieser Designer eine Vorliebe für Linkshänder (#1)?


Die Frage nach "Übergangsformen" ist so obsolet, wie altmodisch. Denn "Übergang" suggeriert, dass das betreffende Lebewesen, weder das eine noch das andere so richtig ist und verenden müsste. Jedes Lebewesen in einer Ahnenreihe ist aber an die jeweils vorherschenden Umstände bestmöglich angepasst (#2), sonst wäre er kein Vorfahr. Beispiele für "Übergangsformen" lassen sich aufgrund von rudimentären Organen oder Gliedmaßen ableiten:
Blindschleichen sehen aus wie Schlangen, sind aber Echsen. Sie haben noch die Rudimente (rückentwickelt) von Beinen. Auch Wale haben noch rudimentäre Hinterbeine, obwohl die Schwanzflosse damit nichts zu tun hat. Diese ist aus den unteren Rückenwirbeln entstanden. Das und der Umstand, dass er nicht unter Wasser atmen kann, legen nahe, dass er von vierfüßigen Landtieren abstammt.
Bei Pferden treten zum Beispiel gelegentlich "Atavismen" (das Wiederauftreten von anatomischen Merkmalen bei einem Lebewesen, die bei entfernteren stammesgeschichtlichen Vorfahren ausgebildet waren) auf, so dass sich, obwohl es eigentlich ein Einhufer ist noch ein zweiter Zeh bildet. Das lässt darauf schließen, dass im Pferd nach wie vor die Infos eines Paarhufers stecken, die die Zeit überdauert haben.
Welchen Humor hat Gott, angesichts des Schnabeltiers? Es weißt deutliche Merkmale eines Vogels auf (legt Eier), gehört jedoch zu den Säugern. Nicht, dass ich damit irgendwelche qualifizierten Aussagen über Gott machen will. Dafür kenne ich mich in dieser Materie immer noch zu wenig aus.

Auch die Frage nach dem Ursprung von Information stellt sich für die Intelligent Designer recht einfach. Information bedingt einen Ursprung und die Information des Lebens (DNA) bedingt Gott. Aber warte mal: Nur weil wir den Ursprung der DNA nicht kennen, ist sie von Gott?
Entsteht Information nicht erst durch die Interpretation von außen? Ein Buch, so viele Buchstaben es auch immer enthalten mag, hat erst dann Informationswert für mich, wenn ich der Sprache, in der es geschrieben ist, und des Lesens überhaupt mächtig bin. Das Schnurren einer Katze ist eine Information, die ich zu deuten lernen muss, um meine Schlüsse daraus zu ziehen. Dieses Konzept der spezifizierten Komplexität stammt vom Mathematiker, Philosophen und Theologen William Dembski und ist in sich eine Tautologie. Denn Dembski definiert komplexe spezifizierte Information als alles, was mit einer Wahrscheinlichkeit von weniger als 1:10 hoch 150 durch Zufall entstehen kann. Komplexe spezifizierte Information kann also nicht natürlich entstehen, weil Dembski sie so definiert hat, dass die wirkliche Frage sei, ob sie tatsächlich in der Natur existiert. Aber die Wahrscheinlichkeiten für das Auftreten von Zufällen ist schlichtweg nicht bekannt.

Michael Behe unterrichtet an einer Universität. Seine Kollegen teilen dazu dies hier mit:
"The faculty in the Department of Biological Sciences is committed to the highest standards of scientific integrity and academic function. This commitment carries with it unwavering support for academic freedom and the free exchange of ideas. It also demands the utmost respect for the scientific method, integrity in the conduct of research, and recognition that the validity of any scientific model comes only as a result of rational hypothesis testing, sound experimentation, and findings that can be replicated by others.
The department faculty, then, are unequivocal in their support of evolutionary theory, which has its roots in the seminal work of Charles Darwin and has been supported by findings accumulated over 140 years. The sole dissenter from this position, Prof. Michael Behe, is a well-known proponent of "intelligent design." While we respect Prof. Behe's right to express his views, they are his alone and are in no way endorsed by the department. It is our collective position that intelligent design has no basis in science, has not been tested experimentally, and should not be regarded as scientific."
Kurzum: Die Fakultät, an der Behe lehrt, respektiert seine Ansicht, aber distanziert sich auch von dieser. Intelligent Design ist nicht wissenschaftlich, hat keiner experimentellen Prüfung standgehalten (kann es aufgrund der Berufung auf Übernatürliches auch prinzipiell nie) und sollte nicht als Wissenschaft bezeichnet werden.

Schlichtweg beruht Intelligent Design auf folgender Verallgemeinerung: "Ist noch nicht erklärt" bedeutet "unerklärbar". Und das ist falsch.
Und Michael Behe, der so etwas wie die Symbol- und Gallionsfigur des Intelligent Design ist, wie Charles Darwin die Symbolfigur der Evolutionstheorie ist, wirkt ein wenig wie Don Quijote der gegen Windmühlen anrennt. Ein Mensch der an veralteten Idealen und Ideen festhält (#3) und gegen die Moderne ankämpft. Windmühlen sind im Grunde auch ein ganz passendes Bild für diese Analogie, denn im damals etwas hinterherhinkenden Spanien waren Windmühlen ein großer wirtschaftlicher und technischer Fortschritt.

#1 Legenden über Linkshänder
Fehler in statistischen Analysen haben zu zahlreichen Legenden über Linkshändigkeit geführt. Allerdings wurden auch statistisch signifikante Unterschiede gefunden. In der Literatur werden mitunter Linkshändern besondere Eigenschaften zugeschrieben, die bei ihnen statistisch gesehen stärker ausgeprägt sein sollen als bei Rechtshändern. Genannt wird etwa, dass Linkshänder im Durchschnitt intelligenter seien als Rechtshänder. Insbesondere in der populärwissenschaftlichen Literatur wird die mit der Händigkeit einhergehende Dominanz jeweils einer bestimmten Gehirnhälfte mit statistisch vorherrschenden Stärken, Schwächen und Persönlichkeitsmerkmalen in Verbindung gebracht. Auch wird angenommen, dass Linkshänder kreativ denken und handeln, während Rechtshänder in der Mehrzahl eher rational vorgehen.
Dabei ist aber stets zu berücksichtigen, dass vor allem in der älteren Generation nur ein Teil der eigentlichen Linkshänder als solche erkannt wurden. Diejenigen, die sich zur Linkshändigkeit "bekannt" haben, könnten eine bestimmte Auswahl darstellen, die den Gesamteindruck verfälscht.

Die Schlussfolgerung, dass Linkshänder eine kürzere Lebenserwartung haben, weil sie schlecht an die rechtshänder-dominierte Welt angepasst sind und daher ein höheres Unfallrisiko haben, hat sich jedoch als falsch herausgestellt. Tatsächlich liegt diese statistische Erscheinung am ehesten an der vor allem früher häufigen Umschulung auf die rechte Hand, die bei älteren Menschen den Anteil der Linkshänder reduziert.

Eine Studie des Neurologen Norman Geschwind aus dem Jahr 1982 ergab, dass Linkshänder häufiger bestimmte Krankheiten haben, unter anderem Allergien. Dies setzte sich schnell in der Öffentlichkeit fest. Zahlreiche Folgestudien ergaben hingegen, dass es keinen solchen Zusammenhang gibt. Der Grund hierfür lag in Geschwinds Methodik: Er hatte Kunden in einem Linkshänderladen gefragt und deren Antworten mit einer zufälligen Kontrollgruppe verglichen. Da die Linkshänder über den Zweck der Studie informiert waren und auch aus Interesse gerne Auskunft gaben, waren die Angaben dieser sehr viel detaillierter als die der Rechtshänder, die zum Thema der Studie keinen persönlichen Bezug hatten.

Bei normalen Intelligenztests schneiden Linkshänder im Schnitt genauso gut ab wie Rechtshänder. Allerdings gibt es Hinweise, dass die Verteilung in beiden Gruppen unterschiedlich ist. In den Vereinigten Staaten finden regelmäßig Mathematiktests für Schüler statt. Die Statistiken dieser ergeben, dass in den besten 0,1 Prozent ein überdurchschnittlicher Anteil von 25 Prozent linkshändig ist. Umgekehrt finden sich aber auch bei Kindern mit Lernschwierigkeiten überdurchschnittlich viele Linkshänder. Es liegt nahe, dass die für den Linkshänder gegebene Notwendigkeit, sich in einer rechtshändig orientierten Welt zu behaupten, ihn zur Entwicklung aushelfender Strategien zwingt und dadurch seine Intelligenz und Kreativität fördert.

Als Beleg für die vermeintlich höhere Kreativität von Linkshändern dienen häufig lange Listen von bekannten Künstlern, Wissenschaftlern und anderen Kreativen, die angeblich Linkshänder gewesen sein sollen. Allerdings enthalten diese Listen häufig Fehler, und ein statistischer Abgleich mit der großen Gruppe rechtshändiger Kreativer ist auf wissenschaftlicher Basis kaum möglich.
Eine Untersuchung der Einkommen von 5000 Amerikanern im Alter von 28 bis 35 Jahren ergab für männliche Akademiker ein 15 % höheres Einkommen der Linkshänder gegenüber den Rechtshändern. Bei Nichtakademikern und bei Frauen zeigte sich kein signifikanter Unterschied.
Bei einer anderen Studie mit knapp 2000 Briten im Alter von 33 Jahren hatten unter den Männern Linkshänder ein 4 % höheres Einkommen als Rechtshänder und unter den Frauen Linkshänderinnen ein etwa 4 % niedrigeres Einkommen als Rechtshänderinnen.

#2 angepasste Arten
Grundsätzlich sind sie eigentlich nicht wirklich bestmöglich angepasst, sondern nur das Produkt der Anpassung der Eltern. Das Kind ist also im weitesten Sinne an jene Umgebung angepasst, die die Eltern vorgefunden haben. Was die rasanten Artensterben erklärt.

#3 alte Ideen
Behe sagte 2005 im Prozess "Kitzmiller v. Dover Area School District" als Sachverständiger für "Intelligent Design" aus. In diesem Prozess ging es um die Aufnahme von "Intelligent Design" als wissenschaftliche Disziplin im Biologieunterricht.
Die Schulbehörde von Dover, einer kleinen ländlichen Stadt in Pennsylvania, betrieb eine Schulpolitik, in der Biologielehrer der Dover Area High School eine Passage verlesen müssen, die behauptet, dass die Evolutionstheorie nur eine Theorie sei, die zudem Lücken enthalte. Die Passage wies sie dann auf ein paar Bücher hin, die die Intelligent-Design-Theorie vertreten. Mehrere Biologielehrer, einschließlich der interviewten Brian und Cristy Rehm, weigerten sich, die Erklärung zu verlesen. Sie kontaktierten die American Civil Liberties Union und erhoben die Klage, die unter dem Namen, Kitzmiller vs. Dover (benannt nach der Klägerin Tammy Kitzmiller, deren Kind auf die Schule ging) bekannt wurde.
Die Klage sollte die Schule davon abhalten, die Lehre des Intelligent Design im Wissenschaftsunterricht zu lehren. Die Angeklagten, die Mitglieder der Schulbehörde des Landkreises Dover, argumentierten, dass Intelligent Design eine wissenschaftliche Theorie sei und es damit verdiene, in den Schulen neben der Evolution gelehrt zu werden. Die Kläger argumentierten, dass Intelligent Design eine religiöse Lehre sei. Es ging auch um die Frage, ob die Vorstandsmitglieder die Lehre des Intelligent Design gefördert haben, um verdeckt den Kreationismus in den öffentlichen Schulen einzuführen. Frühere amerikanische Rechtsprechung hatte es ausdrücklich als verfassungswidrig angesehen, die Lehre des Kreationismus in Schulen zu lehren, da dies eine Verletzung der Trennung von Kirche und Staat darstelle.
Nach Anhörung der Aussagen von Wissenschaftlern zugunsten und gegen Intelligent Design entschied Richter John E. Jones III, dass Intelligent Design eine religiöse Theorie sei. Diese Theorie dürfe nicht Teil eines wissenschaftlichen Lehrplans sein.
Nicht nur stellte sich damit heraus, dass es sich bei Intelligent Design um eine pseudowissenschaftliche Form der Theologie (christlicher Kreationismus) handelt, sondern auch, dass Behe mit dem derzeitigen Kenntnisstand der Wissenschaft zu den von ihm angesprochenen Themen nicht vertraut war.
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mo 15. Jan 2018, 20:37

Zwei Paradoxe: Wie hebt man einen unhebbaren Stein? - Das Allmachtsparadoxon und warum Internet-Diskussionen meist sinnlos sind und wie man daran etwas ändern kann

Das Allmachtsparadoxon entsteht, wenn man die Logik auf Allmächtigkeit treffen lässt.


(Übersetzung: Kann Jesus einen Burrito in der Mikrowelle so sehr erhitzen, dass er ihn selbst nicht mehr essen kann?)

Wenn ja, dann ist er nicht allmächtig, da er am Verzehr scheitert. Wenn nein, dann ist er auch nicht allmächtig, weil er den Burrito nicht auf die geforderte Temperatur bringen kann.
Die klassische Variante stellt die Frage, ob Gott in der Lage sei, einen so schweren Stein zu erschaffen, dass er ihn selbst nicht mehr heben kann. Wieder würde bei beiden Antworten die Allmächtigkeit abgesprochen.

In den Jahrhunderten überlegten sich Theologen Umgehungen dieser Paradoxie:
Das Wesen könnte zum Beispiel "abdingbar allmächtig" sein, also in der Lage, die Allmacht zu verlieren. Es könnte also zuerst den Stein erschaffen und dann die Allmacht ablegen. Aber wieso das eine befriedigende Lösung darstellen soll, wissen wohl auch nur die Befürworter.

In einer anderen Version geht es um "essenzielle Allmacht", bei der das Wesen seine Allmacht zwar nicht verlieren kann, aber auch nicht in der Lage ist, Dinge zu tun, die logisch unmöglich sind. Das Paradoxon wird hier aufgelöst, in dem man den Konflikt mit der Logik gar nicht erst zulässt. Was logisch nicht möglich ist, ist nicht möglich und Ende. Allmächtigkeit bezieht sich demnach nur auf die Menge der Dinge, die innerhalb der logischen Möglichkeiten liegen. Ein von einem allmächtigen Wesen schaffbarer Stein, der nicht hochgehoben werden kann, widerspricht der Definition von Allmacht, ist logisch unmöglich und spielt daher keine Rolle.

Das andere Extrem ist die Variante der "absoluten Allmacht". Hier sagt man vereinfacht: Scheiß auf die Logik! Wenn das allmächtige Wesen allmächtig ist, dann kann es auch unhebbare Steine schaffen. Oder eckige Kreise. Oder ein blaues Rot. Oder was auch sonst immer. Hier gibt nicht die Allmacht nach, sondern die Logik. Wenn das Wesen wirklich absolut allmächtig ist, kann es auch die Logik so verändern, dass unhebbare Steine hochgehoben werden können.

Das Allmachtsparadoxon ist eine vortreffliche Diskussionsgrundlage, aber Erkenntnis birgt diese wahrscheinlich nicht. Bei Internet-Diskussionen kann man nachher tatsächlich schlauer sein und wenn es nur das Wissen darum ist, künftig nicht mehr mit zu diskutieren.

Diskussionen sind so alt, wie die Menschheit. Die Verlagerung auf das Internet und die damit einhergehende Ausweitung potentieller Diskussionspartner ist recht neu. Im Schutze der Anonymität lassen sich viele Menschen (und ich will mich selbst dabei nicht aussparen) auf Diskussionen / Streitereien ein, obwohl dabei so gut wie nie etwas heraus kommt und es keine Einigung geben wird. Dennoch haben viele immer wieder den Drang, sich in solche Streitereien einzulassen, weil jemand Dinge schreibt, die wir als falsch empfinden. Patadox. Im Internetcomic xkcd wird das als SIWOTI-Syndrom bezeichnet – “Someone is wrong on the internet”:


Man versucht, Leute die eine (aus eigener Sicht) falsche Meinung haben, durch Argumentation umzustimmen. Sie sollen erkennen, wie falsch sie liegen. Aber das funktioniert so gut wie nie. Am Ende sorgt der Widerspruch nur dafür, dass sich der Diskussionsgegner nur noch sicherer ist, die korrekte Meinung zu haben (der sogenannte "Backfire"-Effekt). Nach der Diskussion ist also vor der Diskussion, nur mit höherer Frustration (#1).
Internetstreitereien sind also meistens sinnlos und im schlimmsten Fall schaden sie sogar dem eigenen Anliegen (nochmal #1). Und trotzdem gehören lange Kommentarschlachten zu den Lieblingsbeschäftigungen im Internet. Wenn das kein Paradox ist, wüsste ich nicht, was es sonst sein soll.

Die Lage wird in diesem Video noch einmal schön zusammengefasst. Vor allem zeigt es am Ende eine Strategie auf, mit der man Diskussionen vielleicht doch erfolgreich führen kann:


Fazit aus dem Video: Anstatt sich provozieren zu lassen, sollte man das Gegenüber (höflich) um eine Erklärung seiner Thesen bitten. Enthalten seine Ausführungen nämlich keine Substanz, demontieren sie sich im Grunde von selbst. Das ist für alle Beteiligten, also auch die passiv Mitlesenden, wesentlich lehrreicher als die immer gleichen Streitereien.

Was hat das ganze aber nun mit der Evolutionstheorie zu tun? Irgendwie muss der Bogen ja gespannt werden, um zu rechtfertigen, diesen Artikel in diesem Thread zu veröffentlichen. Man könnte jetzt lapidar darauf verweisen, dass das gleiche Trolling auch in der Evolution-Schöpfung-Debatte geschiet und aufgrund der teils heftigen Diskussionen die Gräben nur tiefer werden und Sachlichkeit oft ein Fremdwort wird. Aber das wäre zu oberflächlich.

Im Grunde ist diese Art der auch aggressiven Verteidigung ein exzellentes Beispiel für Konkurrenzdenken auf Gruppenebene. Wir Menschen neigen schnell dazu, den eigenen Standpunkt zu verteidigen, auch wenn wir ihn selbst nicht geäußert haben. Veröffentlicht jemand einen Artikel oder Blog, der unsere Ansicht (zum Beispiel "Das Leben, wie wir es heute kennen, ist das Produkt eines ungerichteten Prozesses." / "Das Leben ist ein Geschenk Gottes und wir sollten ihn daher anbeten.") stützt, dann werden wir diesen verteidigen, auch dann, wenn andere Ansichten des Autors sich nicht mit unseren decken. Unser Gehirn will nicht falsch liegen, selbst wenn dies der Fall ist. Das Umlernen von einer falschen Ansicht ist unbequem, ressourcenaufwendig und holt uns aus einer Komfortzone heraus, die uns in einer bestimmten Gruppe in Sicherheit wähnte. Ein einfacheres Beispiel als Weltanschauungen sind korrekte Aussprachen von Wörtern. Das Wort "einzigste" gibt es nicht, da "einzig" nicht gesteigert werden kann. Dieses abzutrainieren ist ein langwieriger Prozess und daher lässt man es lieber bleiben.
Der Mensch ist ein soziales Wesen und wird sich zwangsläufig lieber mit Menschen austauschen, die offenbar seiner Gruppe angehören. Alle anderen sind potenzielle Feinde und müssen bekämpft oder zumindest gemieden werden. Das Untergraben der Weltanschauung in einer Diskussion untergräbt auch das Selbstverständnis jedes einzelnen der diese Weltanschauung teilt. Man selbst würde ja wohl keinem Betrug aufsitzen. Bereits bei dieser Selbsteinschätzung entsteht der Grund für hitzige Diskussionen in der Zukunft.

#1 - Die Problematik geht sogar noch weiter. Eine Studie aus dem Jahr 2013 hat gezeigt, dass sogar die Glaubwürdigkeit von Texten leidet, wenn die Kommentare dazu zu aggressiv und unhöflich sind und nur gestritten wird, unabhängig davon, wie sachlich und fachlich korrekt der Text über den Kommentaren ist.
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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