Wissenschaft und KircheImmer wieder hört man auch heute noch, dass die Kirche der Hort vieler wissenschaftlichen Erkenntnisse war. Prüft man diese Aussage, kommt man aber zu einem ganz anderen Ergebnis.
Mit der Sternkunde im 3. Jahrtausend vor unserer Zeit im alten Sumer und in Babylon begann die Wissenschaft. Durch Beobachtung und Berechnung konnte man Planetenbewegungen vorhersagen, Kalender und Jahreszeiten berechnen. Man sammelte aber auch Erfahrungen in der Heilkunde, vor allem in Ägypten, China und Indien. Diese ersten Erfahrungen gab man meist mündlich an einen ausgewählten Kreis wieder, der damit eine elitäre Stellung einnahm: Priester, Seher, Schamanen.
Doch vieles war Aberglaube und unwissenschaftliche Vermutung. Die Ägypter glaubten, Krankheiten rühren von Dämonen her. Eine Vorstellung, die offenbar auch im Judentum und später dem Christentum Eingang fand (wo es immer noch Exorzisten gibt). Naturereignisse wie Blitz und Donner erklärte man sich, wie den Anfang der Welt: Wenn etwas geschieht, muss jemand dies bewirken. Die Naturkräfte wurden personifiziert. Da diese Dinge aber über den Fähigkeiten der Menschen liegt, muss es ein mächtiges Wesen sein. In der Antike gibt es viele Schöpfungsideen, wie diese Wesen ins Dasein kamen. Aristoteles ging dabei von einem unbewegten Erstbeweger aus, den man heute einfach Gott nennt. Wenn er / sie wütend ist / sind muss mit dem Wertvollsten besänftigt werden: fehlerlose Tiere oder Menschen (auch Kinder) - auch im frühen Judentum (#1).
Im antiken Griechenland kann man die Wurzel der modernen Wissenschaften verorten. Philosophen beschäftigten sich damit, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Für Thales (625 - 546 v.u.Z.) war dies das Wasser. Er konnte bereits eine Sonnenfinsternis berechnen. Aber auch falsche Ideen, die sich freilich kaum überprüfen ließen, prägten das Denken der Antike. Die Idee, dass Körper und Seele getrennt werden könnten, taucht bereits in den indischen Upanischaden um 800 v.u.Z. auf und legte damit den Grundstein für zahlreiche Himmel-Hölle-Erzählungen, mit den die jeweiligen Religionen mit einem Kriterienkatalog über Wohl und Wehe der Gläubigen entscheidet. Im Christentum fand dies im Ablasshandel einen unfassbaren Höhepunkt.
Leukip, Demokrit und Epikur entwickelten das Atommodell.
Aristoteles teilte die Wissenschaften in Sparten ein. Eratosthenes erkannte die Kugelgestalt der Erde. Mathematiker wie Euklid, Archimedes, Anaxagoras beweisen allgemeingültige Lehrsätze. Aristarchos von Samos spekulierte, dass die Erde um die Sonne kreist, dagegen lehrten Aristoteles und Ptolemäus, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt sei, was sich dann auch fast 2000 Jahre hielt. Das Wissen von Hippokrates und Galenos prägte die Medizin über Jahrhunderte. Auch über Staatstheorie machten sich Philosophen wie Platon und Aristoteles Gedanken. Im 3. Jahrhundert vor unserer Zeit tauchen in der Philosophie der Stoa die Idee der Menschenrechte und die Gleichheit aller Menschen auf. In Athen lebte im 5. Jahrhundert die erste Demokratie, auch wenn Frauen und Sklaven daran nicht beteiligt waren. Herodot und Thukydides wollten die Geschichtswissenschaften auf wahre Tatsachen gründen. Sie sollte weder mystisch verklären, noch, wie so oft in späteren Zeiten, der Verherrlichung von totalitären Weltanschauungen und der Rechtfertigung ihrer Verbrechen dienen.
Parallel zur Philosophie und zur systematischen Naturbeobachtung entwickelte sich das wissenschaftliche Denken. Logik und Mathematik waren Grundlage und Werkzeug der Naturwissenschaften. Bildung stand im Mittelpunkt menschlichen Strebens. Philosophen waren die angesehensten Bürger. Nach Platon sollten sie die Staaten lenken. Schulen und öffentliche Bibliotheken gab es in allen größeren Städten Griechenlands und Roms. "Ohne Schulzwang wurden die meisten Kinder erfasst." (#2) Sokrates und Aristoteles mussten aber auch für ihre Religionskritik mit Schmähung, Vertreibung und Tod von Seiten der Herrschenden rechnen. Viele Denker sind so verfrüht verstorben.
"Zwischen der Akropolis in Athen und dem Kapitol von Rom liegen Europas Wurzeln und nicht im Wüstenstaub Palästinas." (#2)
Dem gegenüber stehen die Buchreligionen, wie Judentum, Christentum und Islam. Diese legten mehr Wert auf das Studium der von Gott geoffenbarten Schriften, als dem Studium der Natur. Durch die Berufung auf Gott wurden die Schriften unantastbar. Alles was es nun zu wissen gab, stand in irgendeinem der heiligen Bücher. Durch das Festhalten an unprüfbaren Überlieferungen, konnte der Regen weder herbei-, noch die Krankheit hinweggebetet werden. Der Glaube taugte nicht, die umgebene Natur zu verstehen oder gar zu beherrschen.
Natürlich gab es in der griechisch-römischen Antike auch falsche Ansichten. Falsche Vorstellungen von der Welt werden aber erst zu einem dauerhaften Problem, wenn man sie für göttliche und unumstößliche Wahrheiten hält, wenn der Glaube an die Autorität das eigene Prüfen, Forschen, Denken und Verbessern verhindert. Symptomatisch dafür steht bereits die Vertreibung aus dem Paradies, die, je nach Lesart, bereits den Wunsch nach Erkenntnis durch eben jene Vertreibung bestraft (1. Mose 3:22-24).
Im Kampf der Israeliten gegen die Völker von Kanaan lest Gott 3 Tage die Sonne still stehen, bis Josuas Armee den Feind geschlagen hat. Auch zur Zeit der Richter steht die Sonne nochmals still. Mit einem heliozentrischen Weltbild schwer zu verbinden, werden diese Machttaten auch heute noch geglaubt, entgegen der wissenschaftlichen Erklärung, dass die einzige Möglichkeit dieses Wunders der Stillstand des Drehimpulses der Erde sein müsste. Durch den Energieerhaltungssatz, der besagt, dass bei ausbleibender Bewegung die Energie anders umgesetzt werden müsste, in der Regel in Wärme und eben jene Wärme durch die Menge der umzusetzenden Bewegungsenergie die Erdkruste verflüssigt und das Erdinnere an allen Orten zeitgleich verkochen lassen müsste, kommt (beim Bibelstudium selbst erlebt), dass man nicht wisse, wie Gott dies angestellt hat.
Das die Buchreligionen zu so vielen Themen der modernen Wissenschaften keine oder falsche Aussagen treffen, spricht gegen göttliche Offenbarung. Aber bis dahin war es ein harter Weg mutiger Männer und Frauen.
Auch Jesus lebte nur in jener Welt voller Geister und Wunder, wie seine Mitmenschen. Heutige Exorzisten können keine Dämonen in Schweineherden verpflanzen und sie in den Abgrund rennen lassen, wie einst Jesus (Mar. 5:13), was den Verdacht nahe legt, dass es sich um eine hübsche Anekdote ohne geschichtlich-historischen Wert handelt. Jedenfalls funktioniert die Welt so nicht.
Jesus war ja nun Endzeitprediger, kein Forscher. Ihn interessierte nicht, wie die Welt funktioniert. Seine Wunder und die Wunder der Propheten vor ihm müssen halt geglaubt werden. Endzeitideen gehören zu den Buchreligionen und verhindern, dass Menschen sich im Diesseits einrichten. Nebenher sind diese, will der Gläubige seine Seele retten, eine ergiebige Geld- und Arbeitskraftquelle.
Zur Perfektion dieser perfiden Machtbestrebungen hat es die katholische Kirche gebracht, die durch den römischen Kaiser Theodosius I. 380 u.Z. mit dem Religionsedikt "Cunctos populos" (#3) zur einzigen Staatsreligion erhoben wurde und somit einer neuen Welle der Verfolgung Andersgläubiger Tür und Tor öffnete. Die letzte Philosophenschule wurde 529 in Athen von Kaiser Justinian geschlossen. Unter ihm kam es 565 zu umfangreichen Bücherverbrennungen. Bibliotheken wurden vernichtet, das blühende Schulsystem der Antike eingestellt, Philosophen (Hypathia) und Gelehrte des "Heidentums" vertrieben und ermordet.
Doch das Volk sollte die Bibel, die ja die Anleitung für das Seelenheil enthielt, nicht lesen. Unmündig wurde das Volk gelassen. Bibelbesitz wurde in einigen Epochen sogar unter Strafe bis hin zum Tod gestellt. Nur wer Latein, griechisch oder hebräisch konnte, bekam eine leise Ahnung davon, was in diesen Büchern stand. Das waren Mönche in Kaderschulen, umgeben von christlichem Propagandamaterial, Bibliotheken genannt. Heidnische Literatur wurde als teuflische Literatur betrachtet, die kein anständiger Christ lesen durfte. Bewahrt wurden dennoch viele Texte, zum Beispiel Platons Seelenlehre.
"Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen." (1. Kor. 1:18)
Kirchenlehrer Tertullian kommt zu der Einsicht: credo quia absurdum = Ich glaube weil es unvernünftig ist. Ambrosius, Bischof von Mailand, erklärt in einer Trauerrede anlässlich des Todes von Kaiser Theodosius 395 die gesamte Philosophie pauschal zum "Irrwahn". Augustinus meint: "Glaube geht der Erkenntnis voraus." Der tröstlichen Auffassung vom Tod als dem Ende aller Leiden, bei Epikur und Seneca, stellt Augustinus den Tod mit Angst und Schrecken gegenüber.

Die Antworten der Kirchenväter waren unwissend und naiv, weil sie unwissend waren und obendrein bereits bekannte Theorien ignorierten. Geister- und Wunderglauben, Traumdeutung, Aberglauben, Astrologie, Gottesurteile, Weissagungen, Gesundbeten, Hexen- und Ketzerverfolgungen traten an die Stelle antiker Naturphilosophien, die einst das Wissen ihrer Zeit bewahrten. Reliquien-, Wunder-, und Legendenschwindel hielten das Volk in Unwissenheit, Drohungen mit Hölle und Teufel machten es fügsam und halfen dem Klerus, seine Herrschaft aufrecht zu erhalten. Warum sollte man in die Bildung von Untertanen investieren, wo sich doch Ungebildete viel leichter beherrschen lassen?
1163 verbietet Papst Alexander III. allen Klerikern das Studium der Physik. 1380 untersagt ein französischer Parlamentsbeschluss jede Beschäftigung mit Chemie unter Berufung auf ein Dekret von Papst Johann XXII. (#2). Naturkatastrophen galten als Strafen Gottes. Alles Unheil, z.B. Krankheit schrieb man den Sünden und dem Unglauben zu. Man muss nur den richtigen Glauben haben und lange genug beten, damit alles gut wird. Nicht so sehr der rechte Glaube, vielmehr die gehorsame Unterordnung unter die allmächtige Kirche sichert den Weg ins Himmelreich. Alle anderen landen in der Hölle. Nur durch Zwang und Verfolgung konnte dieses Konstrukt aufrecht erhalten werden. Ein von Kaiser und Papst diktierter Glaube, der wenig mit den Lehren des Jesus von Nazareth zu tun hatte, ersetzte die Bildung. Fundamentalismus siegte über die Freiheit des Denkens. Niemand durfte im Mittelalter etwas anderes sein als katholisch. Juden, denen es als Menschen zweiter Klasse meist sehr schlecht ging, hatten eine Sonderrolle. Verfolgt und ausradiert wurden: Arianer, Markioniten, Priscillianer, Pelagianer, Donatisten, Novatianer, Nestorianer, Monophysiten ... und später die Katharer = Albigenser, die Waldenser, die Hugenotten, die Hussiten, die Wiedertäufer und und andere "Ketzer".
Nie zuvor hatte eine Weltanschauung so totale Macht über die Gehirne ausgeübt, wie die katholische Kirche zwischen dem 4. und 16. Jahrhundert in Europa.
Anders sah es in den islamischen Ländern aus: Übersetzerschulen in Bagdad hatten im 8. und 9. Jahrhundert die wichtigsten Texte der Antike ins Arabische übersetzt. Dort war das Kulturgut der Antike besser bewahrt worden, hat damit dem Islam, der alles aufgriff, was in seinen eroberten Gebieten von Nutzen war, eine kulturelle Blüte beschert und von dort fanden Hippokrates, Galenos, Platon, vor allem Aristoteles über Byzanz, das islamische Andalusien / Toledo und Sizilien ins christliche Abendland zurück, zum Beispiel zu Friedrich II. und Albertus Magnus. Nachdem Byzanz 1453 von den Türken erobert worden war, kamen Gelehrte samt ihrer Bücher nach Italien, was die Wiederentdeckung (Renaissance) der Antike im 16. Jahrhundert auslöste. Mit dieser und neuen Naturbeobachtungen folgte der Aufstieg der Wissenschaften und ein Ende der christlichen scholastischen Denkweise. Francis Bacon kommt 1620 zu der Einsicht, dass Wahrheit nicht von Autoritäten herrühre, sondern durch Beobachtung der Natur gewonnen werden muss.
Doch noch war die Kirche in aller Köpfe und der mächtigste Kontrollapperat des Kontinents. Die Ansicht, dass Pest und Cholera nicht Folge göttlicher Strafe sei, sondern den unhygienischen Verhältnissen geschuldet war, wurde heftig bekämpft. Der Halleysche Komet wurde als Vorbote des nahen Weltuntergangs gedeutet, der nur durch päpstlich verordnete Gebete und Glockenläuten in allen Städten abgewendet werden konnte. Der Ausbleib wurde den Gebeten zugesprochen. Die katholische Kirche sträubte sich gegen das heliozentrische Weltbild des Kopernikus, gegen Blitzableiter und die moderne Medizin, da Krankheiten ja aus der Sünde kommen. Kranke mussten zuerst einen Beichtvater aufsuchen, bevor sie einen Arzt konsultierten. Priester konnten angeblich besser heilen als Ärzte. Das Problem waren ja die bösen Geister und das sündige Fleisch, die bekämpft werden mussten, nicht biologische, physionosche und psychologische Probleme.
Seit dem 4. Jahrhundert wurden Andersgläubige durch staatlich unterstützte Institutionen verfolgt, verhört, verurteilt, da Ungehorsam gegen die Kirche, durch den Status der Staatsreligion, auch Ungehorsam gegen den Staat bedeutete, zum Beispiel die Inquisition (lateinisch
inquisitio: gerichtliche Untersuchung). Andersdenkende waren in der Regel keine Wissenschaftler, sondern Personen, die religiös abweichende, nicht vollends andere Anschauungen hatten. Erst Giordano Bruno stellte sich nicht nur mit religiösen Zweifeln, sondern mit seinem ganzen Weltbild gegen die Kirche. Die Sterne erklärte er damit, dass sie wie unsere Sonne seien, dass das Universum unendlich sei, dass es eine unendliche Anzahl von Welten gebe und dass diese mit einer unendlichen Anzahl intelligenter Lebewesen bevölkert seien. Die ganze Natur sei beseelt und organisiere sich selbst (Pantheismus). Damit war ein Schöpfergott nicht mehr nötig. Er landete 1600 auf dem Scheiterhaufen.
Die neuzeitliche Wissenschaft setzt mit dem Siegeszug der mathematisch ausgerichteten Physik von Galilei, Kopernikus, Kepler, Newton ein. 1543 starb Kopernikus und überlebte den Druck seines Werkes, in dem seine Lehre, die die Sonne und nicht die Erde im Mittelpunkt des Sonnensystems vorsah, nur um zwei Monate. 1616 wurde sie von der katholischen Kirche verdammt. Galileo Galilei, der sich zu dieser Lehre bekannte, wurde zu dauerhaftem Hausarrest verurteilt und musste abschwören. Die Kirche rehabilitierte ihn immerhin 1992. Auch Johannes Kepler der das heliozentrische System als wissenschaftliche Tatsache vertrat, stieß nicht nur bei der katholischen Kirche, sondern auch bei Keplers protestantischen Vorgesetzten auf erbitterten Widerstand. Denn auf beiden Seiten galten die Lehren von Aristoteles und Ptolemäus als unantastbar. Die Mutter Keplers wurde noch als Hexe angeklagt.
Ab 1559 wurde von Papst Paul IV. der
Index librorum prohibitorum herausgegeben (galt in immer neuen Auflagen bis 1966). In diesem Index sind etwa 6000 verbotene Schriften gelistet, die als eine Gefahr für den Glauben und die Sitten galten, deren Besitz unter der Strafe der Exkommunikation stand. Vor allem Schriften von Ketzern, aber auch landessprachliche Bibelübersetzungen sind dort zu finden gewesen, was nahe legt, dass das Volk nicht wissen sollte, was wirklich in dem Buch steht, dass Gott ihnen offenbart hatte. Es finden sich auch zahlreiche Aufklärer und Begründer der modernen Staatstheorie: Montesquieu, Locke, Montaigne, Holbach, Hobbes, Marx, Rousseau, Diderot, Sartre, Voltaire, Machiavelli, Galileo Galilei, Giordano Bruno, Nikolaus Kopernikus, Martin Luther, Immanuel Kant, Heinrich Heine, Spinoza, Descartes, Friedrich II. von Preußen und viele weitere.
1864 verurteilte Pius IX. im
Syllabus Errorum (Buch der Irrungen) viele fortschrittliche Ideen, die für uns heute selbstverständlich sind: zum Beispiel Demokratie, Menschenrechte, die freie Wahl der Religion. Bis 1869 hielt man in der katholischen Kirche an der aristotelischen Lehre beziehungsweise Lehre des Thomas von Aquin von der stufenweisen Beseelung fest, wobei der männliche Fötus nach 40 Tagen, der weibliche nach 80 Tagen beseelt sei. Lange hat sich die Kirche gegen die Evolutionslehre Charles Darwins gesträubt, die sie erst 1996 anerkannte. Religionskritische Philosophen wie David Hume, Christian Wolff, Johann Gottlieb Fichte, Auguste Comte, Ludwig Feuerbach, David Friedrich Strauß hatten zu ihrer Zeit kaum Möglichkeiten an einer Universität zu lehren.
Als Begleiterscheinung der durch die Reformation gebrochenen universellen Macht der katholischen Kirche begann eine neue Blüte für die Wissenschaft, kamen die Universitäten (freilich noch unter kirchlicher Leitung), kam die breitere Volksbildung. Die Trennung von Staat und Kirche war ein mühsamer Weg, der nur schrittweise, und bis heute nicht vollendet, begangen wurde. Aber zu welchen Forschungsergebnissen sollte wohl eine Universität kommen, wenn der Papst bestimmt, was herauskommen muss? Die Aufklärung hat nicht umsonst diesen Namen und so sind die meisten Schulen heute staatlich, nicht kirchlich organisiert.
Es steht fest: Die Wissenschaft wird die Religion nicht ersetzen können, weil die Menschen ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft, Trost und großen Gefühlen haben, die die Wissenschaft nicht bieten kann. Wissenschaft ist lediglich ein Werkzeug, die Welt um uns herum besser zu verstehen und unser Leben mit den erworbenen Kenntnissen zu verbessern. Auch die Wissenschaft kann nicht alle Fragen beantworten: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was passiert mit uns nach dem Tod? Warum gibt es etwas und nicht nichts? Warum ist die Welt so und nicht anders? Sind wir frei in dem, was wir tun, oder ist alles vorherbestimmt?
Was lehrt die katholische Kirche heute? Auch wenn offiziell immer mehr Teile der Bibel allegorisch (sinngemäß, aber nicht historisch-real) ausgelegt werden - was einem stillschweigenden Eingeständnis fehlender göttlicher Inspiration der geoffenbarten Schrift gleich kommt - wird nach wie vor an Glaubensätzen, wie dem Sündenfall von Adam und Eva festgehalten, damit auch der Erlösertod Jesu als mächtige Säule der Lehre erhalten bleibt. Doch die Zugeständnisse zeigen offen den leeren Wert der losen Hülsen, die das Glaubensgebäude nicht mehr tragen können und bei näherem Nachfragen in Widersinnigkeiten zusammenbrechen.
Die Erbsünde aber ist der wesentlichste aller monitären Einnahmequellen, die der Kirche über fast 2 Jahrtausende ein Vermögen eingespielt haben, dass jeder moderne Rockefeller vor Neid erblassen muss.
Gott wird einst über uns Gericht halten. Die Rechtgläubigen, das sind natürlich die Katholiken, kommen in den Himmel, die Bösen, das sind vor allem die Falschgläubigen, kommen in die Hölle, davor gibt es das Fegfeuer, dessen Dauer durch Gebete der Angehörigen verkürzt werden kann. Wichtig ist es vor allem, den richtigen katholischen Glauben zu haben, dann werden alle Verbrechen verziehen. Sie müssen nur rechtzeitig gebeichtet werden. Sie glaubt, dass Körper und Seele getrennt werden können und dass die Seele unsterblich ist. Teile dieser Lehren finden sich nicht bei Jesus, dessen Wanderpredigttätigkeit mit der Kirche nicht mehr viel hat.
Sie lehrt die Huldigung des Kreuzes, obschon Gott Götzenverehrung hasst und explizit sagt, man solle sich nicht vor gehauenem Stein und geschnitztem Holz niederwerfen (#4). Sie lehrt, dass Jesus bei der Wandlung von Wein und Brot während der Messe tatsächlich mit seinem Blut und seinem Leib gegenwärtig ist.
Sie glaubt, dass man Fahrzeuge mit Weihwasser vor Unfällen schützen kann, dass von den Knochen der Heiligen eine heilsame Wirkung ausgeht. Sie lässt immer noch vielbeschäftigte Exorzisten böse Geister austreiben, sie lehrt Sex sei eine Sünde, wenn er nicht der Fortpflanzung dient. Sie erzählt von der Jungfrauengeburt des Gottessohnes und dessen Auferstehung am 3. Tag nach der Hinrichtung am Pfahl.
Zwischen 380 und 1300 hat die katholische Kirche die Wissenschaft entschieden bekämpft. Trotzdem sind viele Erkenntnisse der Antike über die angrenzenden muslimischen Reiche und über Byzanz, in das christliche Abendland eingedrungen. Das wissenschaftliche Denken in Europa wurde vor allem durch Francis Bacon geprägt. Nicht den Autoritäten sollte geglaubt werden, sondern dem eigenen Forschen! Wissen ist Macht. Jahrhundertelang mussten wenige mutige Forscher wissenschaftliche Erkenntnisse gegen die Kirchen durchsetzen: Kopernikus, Galilei, Kepler, Darwin. Schließlich ist die Kirche auf den laufenden Zug aufgesprungen, behauptet heute selbst Wissenschaft zu treiben und dass sie schon immer für die Wissenschaft war. Tatsächlich hat sich der Katholizismus immer mit allen verbündet, deren Ziel es war, das Volk in Unmündigkeit zu halten, mit Königen von Gottes Gnaden, mit dem Adel, mit Faschisten, seit neuestem mit dem Islam. Sie will herrschen und nicht aufklären. Dazu braucht sie nicht mündige, sondern unwissende und unmündige Gläubige. Sie ist der Gegner aller Aufklärung und wird sie verhindern, solange sie kann. Solange aber die Mehrheit denkt, die Kirche sei der Ideengeber und Vorreiter vieler wissenschaftlicher Ideen gewesen, bewahrt sie ihre verhängnisvolle Rolle in der Geschichte als Kraft des Guten.
#1 - https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenopfer
#2 - Rolf Bergmeier / Schatten über Europa
#3 - https://de.wikipedia.org/wiki/Dreikaiseredikt
#4 - Das ist so, als würde ich ein Replikat der Tatwaffe um meinem Hals tragen, mit der mein bester Kumpel erschossen wurde.