Rezension: Hat die Bibel doch Recht? - Der Evolutionstheorie fehlen die Beweise (1998)Ich habe den genannten Film bereits mehrfach gesehen. Und jedesmal wird er unlogischer und polemischer. Den Leuten, die die Evolutionstheorie als dogmatisches Gedankengebäude sehen, wird er "Recht" geben und dies mit einem "wissenschaftlichen" Korsett schmücken. Offen bleibt bis zum Ende, was die Alternative sein soll, da der Film sich lediglich darin erschöpft, die Evolutionstheorie zu bekämpfen.
Das Werk von Fritz Poppenberg aus der Filmschmiede Drei Linden geht ungefähr eine dreiviertel Stunde und ist im Jahr 1998 veröffentlicht worden. Laut eigener Aussage handelt es sich um eine kritische, unvoreingenommene Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie, die von Dr. Henning Kahle, dem Genetiker Dr. Lönnig und dem Molekularbiologen Prof. Dr. Scherer wissenschaftlich begleitet und unterstützt wurde. Grundaussage des Films ist, dass kein einziger Nachweis für die Darwinsche Theorie existiert, der Höherentwicklung der Lebewesen. Die Evolutionstheorie / der Naturalismus sei eine Ersatzreligion, die durch in den Schulen aufgezwungen wird. Aufgrund seiner kritischen Töne, sei der Film, laut Aussage von Drei-Linden im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen verboten.
Eines vorweg: Der Film ist weder unvoreingenommen, noch fachlich korrekt.
Dieser Film enthält zahlreiche Fehler, die in voller Länge für eine mehr als dreiteilige Beitragsserie genügen würden. Ich werde mich daher auf einige gravierende Punkte beschränken, die dennoch einen langen Eintrag erzeugen werden.
Wie lange existiert bereits die Menschheit?Der Film selbst beginnt mit einer 400.000 Jahre Menschensiedlung und setzt sich damit selbst in Gegensatz zu vielen Evolutionsgegnern und im Grunde auch gegen die biblische Rechnung, nach der Adam vor ungefähr 6.000 Jahren erschaffen wurde. Erwähnt und gar aufgelöst wird dieser Konflikt nicht, obwohl die Intention der Autoren des Film klar ist und Dr. Lönnig Zeuge Jehovas ist.
Wo ist der experimentelle Beweis?Die interviewten Doktoren und Professoren bemängeln die fehlende Experimentierbarkeit in der Biologie und speziell der Evolutionstheorie. Moderne Wissenschaften schauen allerdings auch über den Tellerrand, sie arbeiten zusammen. Theorien schweben nicht frei im Raum, sondern gehören in ein Theoriengebäude. Widersprüche sind denkbar und auch real, aber nicht dadurch zu revidieren, dass man eine andere Theorie aufbaut, die eigentlich nichts erklärt und außerhalb dieses Theoriengebäudes stattfindet, wie z.B. Kreationismus.
Schlussendlich kann auch die Astronomie die Entstehung und das Sterben unserer Sonne nicht experimentell nachweisen, sondern lediglich durch Beobachtung der Sterne um uns herum, ablesen, wie sie in welchen Stadium ihres "Lebens" sind und wie vergehen. Gestützt werden diese Theorien dann durch physikalische Experimente, wie sie aus Wasserstoffbombentests und Teilenbeschleunigern und dergleichen gewonnen werden.
Und auch die Biologie ist nicht auf Experimente beschränkt. Sie beruft sich vielfach auf die Experimente der Chemie und durchwühlt "detektivisch" die Abertausend Fossilien. Fossilien sind aber keine Experimente und ihre Altersbestimmungen sind vielfach von physikalischen, chemischen oder optischen Messverfahren abhängig. (Irritierend ist hier - abseits dieser Dokumentation - das Altersbestimmung immer nur dann ein Problem darstellen, wenn die biblische Chronologie dabei betroffen ist.)
Die Paläontologie ist keine experimentelle Wissenschaft. Ist sie deswegen gar keine Wissenschaft?
Wie entsteht "Höherentwicklung"?Der Begriff der "Höherentwicklung" ist keinesfalls ein zentraler der Evolution, wie behauptet, sondern "Komplex". Denn was ist aus welchem Blickwinkel höher. Steht der Mensch über dem Affen, der Affe über dem Hund, der Hund über der Katze?
Das adaptive Anpassen in verschiedenen Variationen hat nichts damit zu tun, etwas höheres zu werden, sondern lediglich besser angepasst zu sein. Spätere Umstände können aus einem aktuellen Überlebensvorteil einen Nachteil machen. Haie gab es schon vor den Dinosauriern und es gibt sie noch immer. Offenbar sind diese also besser angepasst und konnten so den Gefahren ihrer Zeit besser strotzen. Welches von diesen Tieren "höher entwickelt" ist, stellt sich überhaupt nicht.
Bakterien können in der Tat positiv evolvieren, sich gleichsam "höher entwickeln", zum Beispiel Resistenzen gegen Antibiotika ausbilden. Das geschiet freilich in den Grenzen ihrer "Art", wobei dass als umstritten gelten kann, denn es handelt sich um eine große Bauplanveränderung, die es dem Bakterium möglich macht, die spitzen Sporen des Antibiotikapilzes abzuwehren. Es ist also bereits eine beträchtliche Änderung aufgrund eines Selektionsdruckes. Dieser Druck entstand dadurch, dass Antibiotika häufiger zur Anwendung kommt, als man denkt. Denn zur Anfütterung und zur Krankheitsbekämpfung in überfüllten, unhygienischen Ställen wird der Pilz nicht nur auf Verdacht, sondern flächendeckend verwendet.
Widerlegen Züchtungen die Evolution?Dass künstliche Züchtungen bisher zu keinem selektiven Vorteil geführt haben, ist ebenso kein relevanter Einwand. In der Züchtung geht es selten darum, Tiere für ihre natürliche Umgebung aufzupeppeln, sondern sie für den Menschen rentabler zu machen. So ist das Kalb einer hochgezüchteten Milchkuh nicht mehr in der Lage am Euter gesäugt zu werden, da dieses durch die Hochzüchtung so groß ist und so tief hängt, dass das Kalb die Milch buchstäblich in den falschen Hals bekommt. Bei natürlicher Auslese würden diese Tiere folgerichtig aussterben, da die Mütter zwar viel Milch zur Verfügung hätten, aber diese nicht an die Kälber weitergeben können. Diese sterben sozusagen vor vollen Tellern. Für den Milchbauern aber ist es gut, dass er sich auf jene hochgezüchteten Rinderrassen stützen kann, denn er braucht für die selbe Menge Milch weniger Kühe. Und so ist es mit den Schweinen, Schafen und so weiter.
In der Natur gibt es aber keinen Dritten, der eine Rentabilität fordert. Da geht es ums Überleben. Und da gibt es logischerweise andere Ergebnisse, weil es andere Anforderungen gibt. Was sollte man auch anderes erwarten? Der Film suggeriert aber, dass die menschliche Aufzucht das Gleiche wäre, wie die natürliche Selektion.
Ist Darwinismus gleich Evolutionstheorie?Der Film unterschlägt völlig die anderen unterschiedlichen Ansätze von Evolutionstheoretikern, die zeitgleich oder sogar vorher verschiedene Modelle aus ihren Beobachtungen ableiteten. Alfred Russel Wallace kam zur selben Zeit unabhängig von Darwin zur fast gleichen Theorie, weshalb die Theorie eine Zeitlang als Darwin-Wallace-Prinzip bekannt war. Darwin hat nicht aus dem Nichts eine neue Idee geschaffen. Er hat den Faden nur konsequent weitergesponnen. Seit Darwin sind aber etliche neue Erkenntisse hinzugewonnen worden (zum Beispiel die Struktur der DNA, der Zellaufbau und so weiter). Wer also, wie dieser Film, auch heute noch das 150 Jahre alte Wissen von Darwin als Massstab der modernen Evolutionstheorie heranzieht, erweckt den Eindruck, den aktuellen Erkenntnissen nichts entgegensetzen zu können.
Beweist "Mikroevolution" die "Makroevolution"?Der Film suggeriert eine Unterscheidung zwischen beiden Begrifflichkeiten. Einige Evolutionsbiologen verwenden den Begriff "Makroevolution", wenn sie sich auf die evolutionäre Entstehung neuer "Körperbaupläne" beziehen (zum Beispiel durch Fossilienreihen belegter Übergang von Raubsauriern zu Vögeln im Erdmittelalter). Die meisten Evolutionsforscher lehnen diese Begriffe aber ab, da man allgemein annimmt, dass die meisten Vorgänge der "Makroevolution" nach den gleichen Prinzipien ablaufen, wie die der "Mikroevolution". Es handelt sich folglich bei der "Makroevolution" komplex gebauter Lebewesen um eine Fortsetzung "mikroevolutiver" Prozesse über extrem lange Zeiträume hinweg (Jahrmillionen).
Die Vertreter der religiös geprägten Positionen Kreationismus und Intelligent Design verfechten aber ein Grundtypenkonzept, das auf göttlicher beziehungsweise personaler Schöpfung und anschließender Verarmung des Genpools und Selektion basiert. Sie meinen, ausreichende Nachweise für die Bauplan-Transformationen, die zur Entstehung neuer Gattungen geführt haben, würden noch ausstehen. Bisherige Befunde der Forschung zur "Makroevolution", wie die fossil dokumentierten Bauplan-Transformationen oder die durch Zell- und molekularbiologische Analysemethoden belegte Zellfusions-Prozesse oder die beobachteten Transformationen des Körperbaus von Insekten aufgrund mutierter Hox-Gene, akzeptieren sie nicht als Belege. Die Humanbiologin Eugenie C. Scott und der Philosoph Glenn Branch sehen darin ein
argumentum ad ignorantiam (lat. für "Argument, das an das Nichtwissen appelliert") und verweisen ihrerseits auf die prinzipiell fehlende empirische Falsifizierbarkeit von Kreationismus und Intelligent Design.
Wie entstehen schlagartig neue Baupläne?Bei der Giraffenentwicklung wird gefragt, was zuerst kam, erst die voll langen Beine, dann erst der voll lange Hals, oder erst das Blutdruckschutzsystem, dann erst der voll lange Hals usw. Die völlig naheliegende Erklärung, daß keines der Merkmale sich schlagartig entwickelte, sondern alle erst nach und nach - und parallel zu den anderen - wird gar nicht erst erwähnt.
Und wie rechtfertigt man den radikalen Sozialdarwinismus?Die Anspielungen auf Hitler lasse ich hier völlig außen vor, weil die Evolutionstheorie zwar auch missbraucht werden kann, um irgendwelche Rassenkriege zu führen, dass aber generell kein Argument gegen eine wissenschaftliche Theorie. Im gleichen Zuge könnte man auch die Theologie und die Bibel verbieten, da diese immer wieder für Kriege und Verfolgungen verwendet wurden. Aber auch das wäre Blödsinn. Denn nur weil mir Hamlet oder MacBeth auf den Fuß fallen und mein Zeh gebrochen ist, heißt das nicht, dass Shakespear ein schlechter Autor ist. Ein unglücklicher Begriff, der in diesem Zusammenhang oder in Verbindung mit dem Radikalkapitalismus geprägt wurde, ist der Sozialdarwinismus. Denn dieser ist ebenso kein Darwinismus, wie ein Koala-Bär kein Bär ist. Im Übrigen sind Rassendiskriminierung und Gier älter als Evolutionswissenschaften oder gar die Religion.
Widerlegt der Stabilisierungsmechanismus der Mendelschen Gesetze nicht die Veränderlichkeit in der Evolutionstheorie?Mendels Gesetze wurden ursprünglich tatsächlich als Gegensatz zu Darwins Evolutionslehre gesehen. Doch mitlerweile passen diese beiden Theorien herrlich zusammen. Mendel wird heute jedenfalls nicht "unterdrückt", sondern im Biologieunterricht gelehrt, oft sogar in früheren Klassen als die Evolution. Die Vererbungslehre hat ihre Grenzen da, wo eine Mutation stattfindet und die Mechanismen der Vererbung nicht mehr uneingeschränkt gültig sind. Bereits in der Weitergabe der Mutation in nächsten Generationen ist die Theorie von Gregor Mendel aber wieder wirksam. Die Vererbungslehre bietet damit einen Speichermechanismus, wie Veränderungen in einer Population verbreitet werden.
Sind Mutationen nicht schlecht?Ein weiterer Filmfehler, ist die Behauptung, dass 99,99% aller Mutationen schädlich sind. Das ist schlicht falsch. Die allermeisten Mutationen sind neutral, sprich: sie gewähren weder Vor- noch Nachteile. Und dass Mutationen heute so selten irgendwelche Vorteile bringen, ist absolut im Einklang mit der Evolutionstheorie. Das Leben heute ist bereits hervorragend an seine Umwelt angepasst, was es ja offensichtlich nicht wäre, wenn ein hoher Anteil an Mutationen eine Verbesserung bedeuten würde.
Eine einzige Frage wird im Film immerhin richtig gestellt: Positive Mutation gilt für wen?
Was positiv ist, hängt nämlich von der Umwelt ab. So ist etwa die Sichelzellenanämie (#1) eine schwere Krankheit, die oft zum Tod führt. In bestimmten Gebieten Afrikas und Asiens aber ist der Selektionsdruck der noch tödlicheren Malaria derart groß, dass zumindest die rezessive Form der Sichelzellenanämie ein evolutionärer Vorteil sein kann und sich diese Mutation zu einem hohen Prozentsatz halten kann. Dieses Beispiel ist schon ziemlich extrem, zeigt aber lehrreich, dass die Frage nach positiven Mutationen und nach dem geringen Anteil völlig am Thema vorbei geht.
Außerdem stellt auch unser doppelter Chromosomensatz sicher, dass viele an sich negative Mutationen im Genpool erhalten bleiben können und bei veränderten Umweltbedingungen dann zur Verfügung stehen, wenn sie sich doch als positiv erweisen sollten. Die Männer haben dafür immerhin einen Preis zu zahlen, denn viele Erbkrankheiten betreffen nur Männer, da sie auf dem X-Chromosom sitzen, von dem Frauen immerhin zwei besitzen. Bluter etwa können nur Männer sein, da sie kein "Reservechromosom" haben. Die Natur kommt somit mit negativen Mutationen zu einem hohen Prozentsatz durchaus klar und schon ein Anteil von nur 0,001% positiven Mutationen kann völlig ausreichen, eine hoch effiziente Evolution anzutreiben.
Kurz mal übertragen: Etwa 5% eines durchschnittlichen PKWs bestehen aus Benzin, 95% aus anderen Stoffen, vor allem Stahl. Der Logik nach kann Benzin also unmöglich der Treibstoff sein.
Das Leben ist doch aber nach einem wunderbaren Plan erschaffen. Alles passt perfekt zusammen.Ingenieure haben die Schiffsschraube erfunden - und waren dann überrascht, als "durch Zufall" die Schraube brach und das nun kürzere Reststück besser funktionierte als vorher. Soweit "echte" Evolution, ohne intelligenten Designer. In der Regel aber konstruiert ein Ingenieur aber eben doch mit abstraktem Blick auf die Zukunft und optimiert vorausschauend etwas weg oder hinzu. Und das sieht man in der Evolution einfach nicht.
Kröten leben an Land, müssen zum Eierlegen aber wieder ins Wasser. Meeresschildkröten machen es umgekehrt, leben im Wasser und müssen zum Eierlegen den für sie selbst und für den Nachwuchs gefährlichen Weg an Land unternehmen. Die Evolution kann diese "Design-Fehler" leicht erklären, Kreationismus nicht, weil kein Schöpfer, der so was konstruiert, als intelligent bezeichnet werden würde. Oder wie steht es mit Delphinen, die offenbar für das Wasser designt sind, aber ertrinken können?
Manchmal gibt es teils völlig abwegige Konstruktionen, die kein Ingenieur unterhalb von 3,8 Promille erdacht haben mag. So etwa der unglaubliche Umweg des Kehlkopfnervs der Giraffe ("Nervus laryngeus recurrens").
(Übersetzung: Bräuchte nur ein paar Inches lang sein, macht aber einen mehrere Fuß lange Umweg: Nervus laryngeus recurrens.)Reptilschuppen die zu Vogelfedern wurden sind ebenfalls kein Problem, wenn man nicht vorraussetzt, dass die Evolution "beabsichtigt" hätte, dass die mal zum Fliegen da sind. Naheliegend ist der Umweg über die Multifunktionalität als Wärmeisolator, wofür wir Menschen sie im Federbett ja heute noch verwenden.
Für die Wärmeisolation aber ist jede Genveränderung hilfreich, die eine Reptilienschuppe "auffächert". So entsteht nach und nach eine "Schuppe" die derart aufgefächert ist, dass sie eine geringe Dichte bei großer Fläche aufweist. Optimal zum Fliegen braucht sie ja gar nicht von Anfang an zu sein, aber durch diese Entwicklung wird sie es.
Da Vögel heute als "Unterart" der Saurier gelten, ist zumindest der kreationistischen Sichtweise Genüge getan, die da behauptet, Menschen und Dinos hätten zeitgleich gelebt.
Sowohl der Bakterienmotor als auch das Auge werden als zu komplex bezeichnet, um durch "Zufall" entstanden zu sein. Nochmal: Evolution ist nicht gleich Zufall, auch wenn dieses Moment aufgrund nie vollständiger Datenlage nie komplett verschwinden wird. Der Zufall hat in der Evolution keine wesentlich andere Bedeutung als in jedem anderen Bereich der Wissenschaft. Selbst die Hiroshima-Bombe hatte keine exakt "design"-te Sprengkraft, sondern hätte bei einer zufällig anderen Verteilung der Hintergrund-Radioaktivität VOR ihrer Zündung ebenso gut auch 10% mehr oder weniger Sprengkraft haben können. Aber hätte das einen entscheidenden Unterschied für ihre Bedeutung gemacht?
Asiatische Mandelaugen hätte die Evolution nicht zwingend hervorbringen müssen, andererseits aber könnten ebenso gut auch wir alle - zufällig - solche Augen haben. Das ist die Kategorie Zufall in der Evolution. Aber dass unsere Augen ziemlich weit oben am Kopf sitzen und nicht etwa an den Knien, das ist kein Zufall, sondern gerade in der Evolutionstheorie zwingend. Im Gegensatz zum Kreationismus, denn einem Gott stünde es natürlich frei, die Augen an den Knien anzubringen.
Gab es nicht früher schon Falschannahmen in der Ahnenforschung?Der Neandertaler wurde tatsächlich lange falsch bewertet. An der Evolutionslehre ändert das aber grundsätzlich nichts. Es wird derzeit sogar geforscht, ob wir Europäer womöglich noch Neandertalergene in uns tragen - im Gegensatz etwa zu Asiaten.
LyssenkoDer Film gibt sich auch viel Mühe, die volkswirtschaftlichen Fehlentscheidungen des sowjetischen Agrarwissenschaftlers Trofim Lyssenko als fatale Folge des Darwinismus hinzustellen.
Allerdings baute Lyssenko auf die schon damals überholten Anschauungen des Lamarckismus auf (Eigenschaften von Kulturpflanzen und anderen Organismen würden nicht durch Gene, sondern nur durch Umweltbedingungen bestimmt).
Lyssenko gewann jedoch in der Sowjetunion vor allem zwischen 1940 und 1964 eine tonangebende Stellung, da es ihm gelang, den Diktator Josef Stalin als Förderer zu gewinnen. Die dadurch verursachten schweren Ernteeinbußen wurden angeblichen Saboteuren zugeschrieben. Damit verbunden war ein Feldzug gegen die sogenannte "faschistische" und "bourgeoise" Genetik sowie gegen jene Biologen, die sich mit dieser Disziplin befassten. Hier zeichnet sich eine Parallele zu der unter den Nationalsozialisten als "jüdisch" verfolgten Relativitätstheorie ab, die durch eine "Deutsche Physik" ersetzt werden sollte. 1948 wurde die Genetik schließlich offiziell zur "bourgeoisen Pseudowissenschaft" erklärt. Daraufhin wurden alle verbliebenen Genetiker entlassen oder eingesperrt. Auch Evolutionsbiologen wie Ivan Schmalhausen wurden ihrer Ämter enthoben.
Lyssenko (links) während einer Rede 1935 im Kreml, rechts oben StalinDie 1931 vom Zentralkomitee der KPdSU verabschiedete Resolution, alle in der UdSSR angebauten Getreidearten innerhalb weniger Jahre in vielfältiger Weise zu verbessern und zugleich alle Anbaugebiete anzupassen, war aus wissenschaftlicher Sicht unsinnig und selbst mit viel mehr Zeit nicht erfüllbar. Lyssenko (damals am Allunionsinstitut für Genetik und Zuchtverfahren in Odessa tätig) kündigte jedoch 1936 an, die veranschlagten Ziele mittels unkonventioneller Methoden (die Setzlinge eng beieinander auszupflanzen, damit im Zuge der "Selbstausdünnung" nur die besten überlebten und die übrigen sich "opferten"; Düngermischungen aus Kombinationen von Superphosphat und Kalk, die wirkungslos sind, weil zu unlöslichem Calciumphosphat verbunden) in sehr kurzer Zeit erreichen zu können. Er verwarf die Genetik und behauptete, es gebe gar keine Gene und man könne verschiedene Getreidesorten durch geeignete Kulturbedingungen ineinander umwandeln (zum Beispiel aus Weizenkörnern Roggenpflanzen).
Die zunächst noch offenen Auseinandersetzungen zwischen den Genetikern und den Anhängern Lyssenkos wurden entschieden, als die Genetiker durch den "Großen Terror" 1937 sämtliche Fürsprecher in der Politik verloren. Daraufhin wurden auch viele Wissenschaftler (unter anderem Solomon Levit, Grigori Lewizki, Isaak Agol, Georgi Nadson) verhaftet und unter dem Vorwand liquidiert, mit "Feinden des Volkes" zu kooperieren. Andere Genetiker wurden durch Rufschädigung von ihren Stellen verdrängt. Zu den wenigen Forschungszentren der Genetiker, die sich etwas länger halten konnten, gehörten das von Nikolai Kolzow, der 1940 vergiftet wurde, sowie das Institut von Nikolai Wawilow. Wawilow wurde 1940 verhaftet und starb drei Jahre später im Gefängnis.
Schon 1938 wurde Lyssenko zum Präsidenten der Akademie für Landwirtschafts-Wissenschaften ernannt, und seine Thesen erlangten bald allgemeine Gültigkeit in der SU, während kritische Stimmen - wie allgemein in jener Phase des Stalinismus - massiv unterdrückt wurden und kaum zur Geltung kamen.
Lyssenkos politischer Erfolg beruhte erheblich auf seiner Herkunft als Bauernkind. Die meisten Biologen stammten aus dem Bürgertum, und das war seit der Oktoberrevolution ideologisch suspekt.
Wo er sich in der Fachwissenschaft nicht durchsetzen konnte, half ihm die Propaganda: Lyssenkos Erfolge wurden übertrieben und die Misserfolge totgeschwiegen. Er führte selten kontrollierte Experimente durch, denn hauptsächlich verließ er sich auf Fragebögen von Bauern, mit denen er zum Beispiel "bewies", dass die von ihm propagierte Vernalisation die Weizenerträge um 15 % erhöhen würde.
Er entwickelte seine Ideen - die Vernalisation, das Blätterabschneiden bei Baumwollpflanzen, die gruppenweise Anpflanzung von Bäumen bis hin zu merkwürdigen Düngermischungen - in einem so hohen Tempo, dass die akademischen Wissenschaftler kaum Zeit hatten, diese teilweise unnützen und oftmals gefährlichen Lehren zu untersuchen und gegebenenfalls zu widerlegen.
Die Missernten der sowjetischen Landwirtschaft in den 1930er Jahren beruhten zum großen Teil darauf, dass viele Bauern die Kollektivierungspolitik ablehnten. Lyssenkos Methoden boten einen Weg, die Bauern aktiv am Ernteerfolg und an der "Landwirtschaftsrevolution" teilnehmen zu lassen. Für die Parteifunktionäre war ein Bauer, der - für welchen Zweck auch immer - Getreide ansäte, nützlich, im Gegensatz zur vorher verbreiteten Praxis, Getreide zu zerstören, um es nicht dem Staat zu überlassen.
Die akademischen Wissenschaftler dagegen konnten keine einfachen oder sofort umsetzbaren Neuerungen vorschlagen, und so geriet die Scharlatanerie Lyssenkos bei der kommunistischen Partei in einen guten Ruf. Dieser Ruf breitete sich auch über die Grenzen der Sowjetunion in anderen kommunistischen Parteien aus, wo Lyssenkos Thesen zeitweise herrschende Doktrin wurden.
Außerdem kam ihm das marxistische Grundmotiv zu gute, das Vererbungen (insbesondere als Vermögensansammlung ohne Anstrengung) nicht gut hieß und diese Ansicht auf alle Bereiche anzuwenden versuchte. Vorstellungen wie Erblichkeit oder Eugenik lehnte Lyssenko als bourgeoisen Einfluss auf die Wissenschaft ab, der in der Diktatur des Proletariats bekämpft werden musste.
Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow stand Lyssenko kritischer gegenüber, unterstützte ihn jedoch weiter. 1962 wurden seine wissenschaftlichen Fehlinterpretationen und Fälschungen durch prominente Naturwissenschaftler kritisiert, so dass er 1962 als Präsident der Lenin-Landwirtschaftsakademie abgesetzt wurde. Aber erst nach Chruschtschows Sturz im Oktober 1964 konnten Lyssenkos Irrlehren als solche bezeichnet und verworfen werden. 1965/66 wurde der Biologie-Unterricht in der Sowjetunion ausgesetzt, um neue Lehrpläne entwickeln und die Lehrer umschulen zu können.
Kurzum:
Der Lyssenkoismus war ein Auswuchs des Umstandes, dass ein pseudowissenschaftlicher Ansatz aus ideologischen Gründen in einer totalitären Diktatur mit allen Mitteln gefördert wurde.
Heute bezeichnet man mit dem Begriff "Lyssenkoismus" die politische Förderung pseudo- oder unwissenschaftlicher Thesen und die Behinderung der freien Wissenschaftsentfaltung durch die Politik. In diesem Sinne verglich der US-amerikanische Physiker Carl Sagan das Bestreben evangelikaler Kreise in den USA, den Kreationismus in die Lehrpläne der Schulen einzuführen, mit einer Vorstufe des Lyssenkoismus, da kreationistisch orientierte Politiker bestimmen wollen, was als Wissenschaft zu gelten hat.
Auch lässt sich festhalten, dass mit einer falsch verstandenen Idee durch die Ideologie viel Schlechtes getan wird oder werden kann, kein wahrlich Spezialfall der Evolutionstheorie wäre.
FazitIm Gegensatz zu Kreationisten bauen von der Evolutionstheorie Überzeugte ihr Leben nicht um ihre Lehre auf. Erstere haben also auch mehr zu verlieren und werden daher vehementer Streiten. Ein wissenschaftlich orientierter Mensch ist dazu im Gegensatz fähig, im Hinterkopf zu behalten, dass die eigene Überzeugung wider Erwarten falsch sein könnte.
Wer wirklich keine Ahnung vom aktuellen Kenntnisstand der Wissenschaft zum Thema Evolution hat (#2), wird in diesem Film freilich ein kritisches Hinterfragen eines ideologischen Dogmas sehen. Ihm wird nicht auffallen, was ich schon zu Anfang schrieb, dass zwar der Filmtitel auf die Bibel verweist, aber man keine Alternative nennt. Der Film, wie bereits erläutert, beschränkt sich darauf, die Evolution(stheorie) widerlegen zu wollen.
Dieser Film ist tendenziös und voreingenommen, fachlich falsch und bekämpft teilweise Positionen, die im wissenschaftlichen Diskurs gar nicht vorkommen (#3).
#1 - Sichelzellenanämie
Die Sichelzellkrankheit ist eine erbliche Erkrankung der roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Sie führt zu Störungen des Hämoglobins. Die Krankheit tritt vor allem bei dunkelhäutigen Personen aus Subsahara-Afrika und deren Nachfahren, aber auch in Teilen des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens bis Indien auf und wurde durch Migration global verbreitet. Sie ist nach wie vor in den Entwicklungsländern mit einer hohen Sterblichkeit verbunden.
Mehr dazu: http://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/sichelzellenanaemie/10794
#2 - Auch schon im Erscheinungsjahr 1998 waren alle Daten zur Widerlegung dieses Films vorhanden und nachrecherchierbar.
#3 - Dr. Lönnig erklärt, dass Selektion keine neuen Arten erschaffen könne, da es wie ein Sieb arbeitet. Aber in der wissenschaftlichen Fachwelt wird dies auch nirgendwo behauptet. Für die Differenzierung des Genpools und der Entstehung von Artenreichtum wird die Mutation und die Variation verwendet, während die Selektion "prüft", ob diese neuen Lebensformen lebensfähig sind.