Wie geht Wissenschaft? - Teil 4: Offenheit, der Triumph der WissenschaftDas OPERA-Experiment im September 2011 hat wohl keine überlichtschnellen Neutrinos produziert, aber ein wunderbares Argument gegen jene geliefert, die der Wissenschaft Dogmatismus und Geheimniskrämerei vorwerfen.
Die Presse und die Foren waren bereits in Umsturzstimmung, obgleich kein ernstzunehmender Physiker der Ansicht war, dass das Experiment die Einstein'sche Relativitätstheorie entwerten könnte. Das Experiment war äußerst kompliziert, der Effekt war winzig klein. Dass es da irgendwo einen Fehler gegeben haben könnte, war schon damals eine viel naheliegendere Annahme als die Vermutung dass Neutrinos im Gegensatz zu unserem derzeitigen physikalischen Weltbild wirklich schneller als Licht reisen können. Dass ein Fehler sich eingeschlichen hat, macht aber nichts. Aus Fehlern lässt sich oft tolle neue Physik lernen. Für die beteiligten und nicht beteiligten Wissenschaftler weltweit stellte sich also jene Frage: "Wo ist der Fehler?"
Nun scheint aber etwas so Profanes wie ein defektes Kabel Schuld an dem so erstaunlich wirkenden Messergebnis zu sein. Ein bisschen schade.
Dennoch lässt sich nicht behaupten, die Betreiber am CERN hätten sich blamiert. Im Gegenteil: Eigentlich haben sich alle Beteiligten sehr vorbildlich verhalten. Fehler machen gehört zur Wissenschaft. Fehler machen ist keine Schande. Eine Schande ist es nur, widerlegt zu werden, und dann noch immer an seine Behauptungen zu glauben.
Man ging mit aller gebotenen Vorsicht an die Deutung der Daten. Niemand am CERN oder in Gran Sasso verkaufte das Ergebnis als Widerlegung der Relativitätstheorie und niemand erklärte die moderne Physik als hinweggefegt. Die Verantwortlichen hatten den Anstand, extrem vorsichtig zu formulieren. Man beschränkte sich darauf, die Daten und Messmethoden genau zu erklären und wies deutlich darauf hin, dass man nach systematischen Fehlern suchen muss und dass man keine theoretische Erklärung der Anomalie wagen möchte. So gehört sich das auch: In der Wissenschaft muss man seine eigenen Ergebnisse immer hinterfragen und zugeben, wenn einiges noch ein bisschen wackelt.
Am schönsten ist aber, dass die Geschichte von den überlichtschnellen Neutrinos ein ausgezeichnetes Lehrbeispiel dafür abgibt, wie offen und progressiv die Wissenschaft ist. Entgegen der Behauptung, Wissenschaftler hingen an ihren antiquierten Theorien, seien stur und festgefahren und würden die Augen vor Quanten-Schwingungsheilung, Wasseradern und dem Schöpfer von Allem verschließen. Nichts daran ist wahr! Die Wissenschaft ist jederzeit bereit, selbst ihre solidesten Fundamente anzukratzen.
Einsteins Grundsatz, dass massive Objekte nie schneller sein können als die Lichtgeschwindigkeit, ist ein wesentlicher Teil der Relativitätstheorie und die Relativitätstheorie ist ein wesentlicher Teil der modernen Physik. Eine Erschütterung dieses Grundsatzes hätte also einige Umwälzungen hervorgerufen. Trotzdem wurden die Messergebnisse des OPERA-Experiments ernst genommen, ordentlich untersucht und geprüft. Und genau das ist der richtige Zugang. Selbst eine Beobachtung, die so stark im Widerspruch zur etablierten Physik stand, dass im Grunde kaum jemand an sie glaubte, bekam ihre Chance.
Wunderheiler, Telepathen, Wünschelrutengänger und Kreationisten werden zwar auch weiterhin erklären, dass die Wissenschaft Themen ignoriert, die ihr nicht in den Kram passen und durch die hektische Medienlandschaft wird die Offenheit dieses speziellen Falles schnell vergessen werden, aber im Grunde ist es klar widerlegt worden.
Das Beispiel des OPERA-Experimentes zeigt, was man tun muss, um auch mit haarsträubend abenteuerlichen Behauptungen ernst genommen zu werden: Man muss klare Daten erheben und sie sauber auf den Tisch legen. Vage, mystische und schwammige Aussagen bringen nichts. Auch hilft es nicht gleich loszupoltern und den Umsturz der "Schulweisheit" zu verkünden. Vornehme Bescheidenheit und noble Zurückhaltung helfen sicher, den eigenen Standpunkt als sachlich darzustellen. Besonders, wenn sich am Ende herausstellt, dass man doch nicht so ganz recht hatte.
Die Wissenschaft verändert sich ständig. Aber selbst wenn eine wissenschaftliche Theorie durch eine bessere ersetzt wird, landet die alte nicht auf dem Müllplatz.
Wissenschaft kann auf unterschiedliche Arten wachsen. Manchmal blühen durch neue Entdeckungen ganz neue Forschungszweige auf, die es vorher noch gar nicht gab. So wurde etwa durch die Entwicklung des Computers die Informatik geboren, die Mikrobiologie hat völlig neue Sprösslinge in der medizinischen Forschung hervorgebracht, und die Quantenphysik hat der Chemie Flügel wachsen lassen. Wenn so etwas geschieht, wirft das neue Forschungsgebiet Fragen auf, die noch nie gestellt wurden. Die Antworten können daher kaum in Widerspruch mit der bisherigen Wissenschaft geraten. Manchmal aber wird durch neue Entdeckungen und Erkenntnisse auch ein bestehendes Wissenschaftsgebiet umgebaut, auf alte Fragen müssen neue Antworten gefunden werden, die Dominanz einer alten Theorie wird von der Überzeugungskraft einer neuen, mächtigeren gebrochen. Dieser Vorgang ist ein ganz normaler Teil des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns.
Dennoch ist Wissenschaft verlässlich, zugleich aber wandelbar. Das scheint paradox, doch man muss sich von der Ansicht verabschieden, dass neue Theorien alte entsorgen oder widerlegen. Ein Akkuschrauber "widerlegt" meinen Schraubendreher nicht, er ist komplizierter und vielseitiger und kann helfen, wo der Schraubendreher nicht mehr hilft. Doch alles, was ich früher mit dem Schraubendreher machen konnte, geht heute auch noch.
Ebenso sind wissenschaftliche Theorien wie diese Werkzeuge, die einen pragmatischen Zweck erfüllen. Sie erfüllen diesen Zweck auch in Zukunft, für immer, auch wenn eine neue Theorie mehr vermag.
Manche Theorien funktionieren zwar hervorragend, gelten aber nur für einen bestimmten Bereich der Wirklichkeit. Newtons klassische Mechanik, die Theorie der Kräfte und Beschleunigungen, die in unseren Alltag so erfolgreich ist und die Bahnen von Himmelskörpern, Raketen oder Billardkugeln präzise beschreibt, ist ein Beispiel für ein höchst wertvolles Forschungswerkzeug. Im Bereich winzig kleiner Distanzen reicht sie aber nicht aus. Um Atome und Moleküle zu beschreiben, braucht man die Quantenphysik. Im Bereich riesengroßer Geschwindigkeiten reicht sie auch nicht aus. Um Objekte zu beschreiben, die sich der Lichtgeschwindigkeit nähern, braucht man die Relativitätstheorie. Durch diese Erkenntnisse wurde die klassische Mechanik aber nicht widerlegt. Die Welt hat sich deshalb nicht geändert und die Wirkweise der "alten" Theorie auch nicht. Deshalb werden Newtons Formeln heute auch für eine unüberblickbare Fülle von technischen Problemstellungen verwendet. Wissenschaftler betreiben großen Aufwand, um im Labor Extremsituationen herzustellen, in denen die Unterschiede zwischen den alten und den neuen Ideen groß genug werden um sie messen zu können. Wer die Fahrzeit eines Zuges berechnet wird aber sicher auf Newtons alte Formeln zurückgreifen. Die neueren Formeln, die Einstein aufgestellt hat, wären zwar theoretisch exakter, doch niemand könnte den winzigen Unterschied zwischen den beiden Modellen jemals feststellen und die Rechnung würde dadurch unnötigerweise um ein Vielfaches komplizierter. Die gute alte klassische Mechanik erweist sich also immer noch als nützlich und auch in Jahrhunderten werden ihre Formeln die Verkehrsprobleme noch richtig lösen, selbst wenn unsere Nachfahren dann mit völlig andersartigen Verkehrsmitteln unterwegs sein sollten.

Was heute stimmt, ist auch morgen wahr. Ein Modell ist gut, wenn es viele Phänomene gut beschreibt. Die Frage, ob künftige Theorien diese Phänomene vielleicht in der neunten Nachkommastelle noch ein wenig besser beschreiben könnten, ist normalerweise ziemlich irrelevant. Vielleicht gibt es in hundert Jahren eine völlig andersartige Theorie der Gravitation. Trotzdem werden Kugeln, die man in hohem Bogen fortschleudert, sich auch dann noch in sauberen Parabelkurven bewegen. Vielleicht wird sich in hundert Jahren unsere Vorstellungen von Quantensystemen drastisch geändert haben. Trotzdem wird ein Wassermolekül dann noch immer aus einem Sauerstoffatom und zwei Wasserstoffatom bestehen. Vielleicht sprechen Wissenschaftler dann in ganz anderen Begriffen und Gedankenbildern von diesen Dingen, doch Experimente, die mit unseren heutigen Formeln gut beschrieben werden, wird man auch dann noch mit denselben Formeln gut beschreiben können.
Immerhin gilt vieles von dem, was Wissenschaftler Jahrhunderte oder Jahrtausende vor uns erdachten, noch heute genauso. Denken wir nur an die Erkenntnisse antiker Mathematiker, wie Thales oder Archimedis.