Die bösen GeneÜber die Hälfte (58,4%) der Welt-Soja-Produktion ist genetisch manipuliert, wobei Argentinien zu 98% und die USA zu 85% genetisch manipulierte Sojapflanzen (GMO) anbauen. Laut einer WWF-Studie aus dem Jahr 2012 enthalten sogar 80 Prozent des aus Nicht-EU-Ländern (meist aus USA, Brasilien und Argentinien) nach Deutschland importierten Sojas Gentechnik. Als Tierfuttermittel ist dies auch in der EU zulässig, die resultierenden Produkte unterliegen keiner Kennzeichnungspflicht. Der Anbau von gentechnisch manipuliertem Soja ist in der EU aber bisher verboten. Und Biolebensmittel müssen per Definition ohne Gentechnik erzeugt werden. Es lohnt sich deshalb, auf die Herkunft von Soja und den daraus hergestellten Produkten zu achten.
Demnach bleibt gentechnisch verändertes Soja nicht nur Veganern vorbehalten. Es landet über den Umweg Tierfutter zu wesentlich größerem Anteil auf den Tellern von Fleischessern und Vegetarien.
Wissenschafter, die die Entschlüsselung des Genoms und die technische Möglichkeit, DNA zu rekombinieren und damit Lebewesen gezielt zu verändern, für eine der größten Errungenschaften der Biologie halten, raufen sich die Haare, wenn sie beobachten, wie mit drastisch vereinfachten und oft einfach falschen Argumenten ein ganzer Forschungsbereich als Werk des Teufels verpackt wird.
Dabei betreibt der Mensch seit Beginn der Landwirtschaft vor rund 10.000 Jahren eine krude Art von Gentechnik, ohne genau zu wissen, wie. Nach der Entdeckung Amerikas wurden tausende Pflanzen und Tiere ohne jede Planung in andere Ökosysteme versetzt. Und das führte nicht selten zu katastrophalen Folgen. Und spätestens seit dem massiven Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden im 20. Jahrhundert ist die Landwirtschaft weltweit technisiert und industrialisiert.
Im Vergleich zu diesen Revolutionen ist die Gentechnik ein sanftes, filigranes und äußerst umsichtiges Instrument.
Manche gentechnische Ergebnisse sind zu Recht umstritten. Aber der Widerstand in Europa ist nicht gegen Detailergebnisse, sondern die Technik per se gerichtet - aus weltanschaulichen und zutiefst emotionalen Gründen. Sorge um eine imaginäre Naturverbundenheit, Widerstand gegen angeblich übermächtige Konzerne und letztlich die Skepsis gegenüber Laborforschung bestimmen die öffentliche Meinung.
Dabei ist sich die qualifizierte wissenschaftliche Gemeinde so gut wie einig: Es gibt keine abgesicherten Hinweise auf gesundheitliche oder ökologische Schäden durch Gentechnik, aber viele schon gewonnene oder potenzielle Vorteile. Die reichen von besseren Ernteerträgen über einen geringeren Einsatz von chemischen Mitteln bis zur Möglichkeit, Mangelerscheinungen in armen Bevölkerungsgruppen durch Anreicherung von Vitaminen und Spurenelementen zu bekämpfen.
Viele Deutsche und Österreicher fürchten Genfood mehr als Zigaretten, obwohl die Gefährlichkeit der Letzteren wissenschaftlich erwiesen ist.
Aber die wachsende Gentechnikphobie in Europa hat schlimme Auswirkungen auf andere Regionen. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer schrecken vor dem Einsatz von Gentechnik zurück, weil die Politiker verunsichert sind und den Zugang zu westlichen Märkten nicht verlieren wollen.
Doch wenn die Weltbevölkerung bis 2050 auf neun Milliarden Köpfe wächst und immer mehr Anbauflächen durch Urbanisierung, Umweltzerstörung und Klimawandel verlorengehen, drohen weltweite Hungersnöte, sollte es der Wissenschaft nicht gelingen, die landwirtschaftlichen Erträge wieder so deutlich zu steigern, wie in der grünen Revolution der 60er-Jahre. Und das kann nach heutigem Stand der Technik nur die Gentechnik leisten. Selbstverständlich würde auch eine bessere Verteilung von Lebensmitteln, weniger Verschwendung und vor allem mehr Effizienz bei Transport und Lagerung helfen, wenn auch die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage nicht allein füllen.
Die bösen MonokulturenDer Anbau von Soja zur kommerziellen Verwendung findet praktisch ausschließlich in Monokulturen statt und die anspruchsvolle Pflanze ist für den Boden besonders belastend. Sie trägt damit zum Desertifikationsrisiko (Wüstenbildung) bei. Aber wie oben erklärt, werden die meisten Sojabohnen zu Tierfutter verarbeitet.
Es entsteht also die absurde Situation, dass gerade jene Kritik an der Monokultivierung von Soja anführen, die am stärksten zu dieser Anbauart beitragen. Die Reduzierung von Fleisch- und Milchprodukten würde die Nachfrage von Soja drastisch senken, selbst wenn zeitgleich mehr Menschen Sojaprodukte konsumieren würden.
In den USA fressen die Schlachttiere 80 Prozent der Getreideernte, rund 90 Prozent der global produzierten Sojabohnen dienen als Futtermittel und etwa ein Drittel der weltweiten Getreideproduktion wird an Tiere verfüttert, die es mit einem schlechten Wirkungsgrad unter großem Verlust in, an der pflanzlichen Ausgangsmenge gemessen, wenig Fleisch umwandeln. Oder andersherum betrachtet: Auf der Fläche, die man benötigt, um 50 kg Rindfleisch zu produzieren (ca 16.500 Quadratmeter), könnte man 4.000 kg Apfel oder 6.000 kg Karotten erzeugen.
Rechnen wir Stroh, Heu und und Getreide (deren Herstellung ja allesamt Wasser brauchen) zum tatsächlichen Wasserverbrauch hinzu, so kommen wir zu folgendem ernüchternden Ergebnis (
virtueller Wasserverbrauch):
1 Kg Rindfleisch (5 Rindersteaks) .... 16.726 Liter Wasser
1 kg Schweinefleisch ................... 5.469 Liter Wasser
1 Kg Käse ................................ 5.288 Liter Wasser
1 Kg Geflügel ............................ 3.809 Liter Wasser
1 Kg Eier ................................. 3.519 Liter Wasser
1 Kg Reis ................................. 2.552 Liter Wasser
1 Kg Sojabohnen ........................ 2.517 Liter Wasser
1 Kg Weizen ............................. 1.437 Liter Wasser
1 Kg Mais ................................ 1.020 Liter Wasser
1 Kg Milch ................................ 738 Liter Wasser
1 Kg Kartoffeln ........................... 133 Liter Wasser
Paradoxerweise kommen also auch Bedenken über Desertifikation aus jener Ecke, die durch ihr eigenes Essverhalten wesentlichen stärker dazu beitragen, als jene, die kritisiert werden.
Auch wird impliziert, dass man als Vegetarier oder Veganer nur Soja ist. Wie bei jedem Lebensmittel, ist einseitige Ernährung nicht gesund. Niemand muss Tofu bzw. Soja essen, wenn er sich ohne tierische Lebensmittel ernähren möchte. Auch ein Fleischesser ist ja nicht nur den ganzen Tag Rindersteak und Mettwurst. Genausowenig ist eine ausschließliche Ernährung mit Bananen ratsam.
Ja: Sojabohnen und daraus hergestellte Produkte enthalten viele Inhaltsstoffe mit positiven Eigenschaften, zum Beispiel hochwertiges Eiweiß (Tofu enthält alle essenziellen Aminosäuren), Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium, Zink und Eisen sowie einige B-Vitamine und Folsäure.
Die amerikanische Lebensmittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) gibt 25 Gramm Sojaprotein pro Tag als unbedenklich an, was etwa 300 Gramm Tofu oder 800 ml Sojamilch entspricht. Das erreicht man in der Regel selten. Aufgrund der Datenlage aus 50 unabhängigen Studien erlaubte die FDA auf Sojaprodukten das Anbringen der werbenden Aussage: "Eine an gesättigten Fettsäuren und Cholesterin arme Diät, die 25 g Sojaprotein pro Tag enthält, kann das Risiko von Herzerkrankungen reduzieren." Es beschränkt die Menge daher nicht expliziert, sondern empfiehlt sie. Erwartungsgemäß sollte die verzehrte Menge bei Kleinkindern und Kindern geringer ausfallen. (Referenz #31)
Wer sich bewusst vegan oder vegetarisch ernährt, achtet zudem auf die simple goldene Regel, sich abwechslungsreich zu sättigen. Alternativ zur Sojamilch gibt es auch Hafer-, Dinkel-, Reis oder Mandelmilch. Anstelle von Tofu und Tempeh kann man seinen Proteinhaushalt auch mit Kichererbsen, Kidneybohnen oder Linsen abdecken.