Sacra Tibia: Gundelfing - Dialoge




Geschichten, die sich auch über mehrere Kapitel erstrecken können

Sacra Tibia: Gundelfing - Dialoge

Beitragvon almafan » Di 30. Okt 2018, 22:25

Hiermit schreibt Hexagon nieder die Dialoge zwischen Milos, dem Ritter zu Sitavia; Herr der Bastei; Dienstmann Balians, des Jüngeren, Ritter zu Sitavia, Herr des Vorwerks Sitavia; Dienstmann des Felix Berenguer, des Schutzherrn und Fürsten der Reichsstadt Aggrippina, Lehnsmann des Königs Heinrich II.; Mitglied im Thing der freien Männer; Botschafter des Hofes in Beijing; Sohn des Iring, des fünften Kindes des Martin, Fürst und Herr über die Martinsburg und Gundelfing, Diakon und Priester zu Sitta und Halifa.
Die Aufzeichnungen der Gespräche aus dem Munde Milos' am Tage der Niederschrift 17. März, im 14. Regierungsjahr des König Heinrich II.

Inhaltsverzeichnis:
  • "Was passiert eigentlich, wenn du uns nicht von Gott erzählst?"
  • "Was ist, wenn einer nicht auf Gott hört?"
  • "Woher weißt du, ob einer aufrichtig glaubt?"
  • "Bist du traurig, wenn du siehst, dass andere mehr erreichen?"
  • "Wie bleibe auch ich so zufrieden, wie du?"
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Re: Sacra Tibia: Gundelfing - Dialoge

Beitragvon almafan » Di 30. Okt 2018, 22:26

"Was passiert eigentlich, wenn du uns nicht von Gott erzählst?"

Ich erinnere mich noch an eines der ersten Gespräche mit Gundelfing, unserem Priester auf Sudet, der damals von Goswyndorf kam. Er war da noch nicht lange in Halifa und hatte die Priesterweihe bis dato nicht erhalten. Der alte Priester hat ihn dennoch oft auf die Kanzel gelassen, damit er die Rede übe. Das Ableben des Alten war im Grunde absehbar, aber dann doch überraschend. Wir sind immer von Sitta fast zwei Stunden für den Mittwochs- und den Sonntagsgottesdienst durch den Wald gelaufen. Bei Wind und Wetter. Und zu den Passionstagen auch am Freitag. Und dann, an einem Sonntag, stand Gundelfing für die Predigt vor der Kirche und begrüßte alle. Der Alte war nirgens zu sehen. Gundelfing unterhielt sich nach der Messe mit Hotos und Bruno, den Gemeindevorstehern Sittas, und mit Ullrich, dem Gemeindevorsteher von Halifa. Dann besprachen diese gemeinsam mit dem Grundherrn Balduin die Angelegenheit. Es war nämlich so, dass der alte Priester kurz vor dem Eintreffen der ersten Frommen im Sitzen in fertigem Gewand verstarb. Das erfuhren wir Kinder und auch die meisten anderen erst einige Tage später. In Halifa machte es sicher schon die Runde, bevor nur ein Wort in unserem Dorf umherging. Ein toter Priester kurz vor dem Gottesdienst konnte kein gutes Omen sein. Es musste dort ja auch in Halifa auffallen, dass einer im Alltagsbild fehlt. An einem Donnerstag wurde er beerdigt. Hanis und mein Vater Wigberd waren seltsam still. Sie sagten so schon wenig, aber diese Stille war anders. Bedrückender. Und dabei konnte Hanis den Priester gar nicht leiden. Der hatte sich immer aufgeregt und in seinen Reden gegen Hanis gezüngelt, da dieser in den Gottesdiensten fehlte oder reichlich zu spät kam. Aber er sagte immer, das Feuer hält sich nicht an Liturgie. Na, zur Beerdigung schwieg sogar die Schmiede.

Gundelfing hielt irgendwann auf jedenfall eine seiner Predigten. Ah ... jetzt fällt's mir wieder ein. Da war Gundelfing schon Priester: Ich habe denen gern gelauscht, weil sie so einfach gehalten waren. Er übersetzte die Bibelferse sehr frei aus dem Lateinischen und schaute uns, dem einfachen Volk dabei auf's Maul. Er erzählte keine Beschlüsse und Kassenberichte von irgendwelchen fernen Gegenden, die keiner von uns je gesehen hätte. Wen kümmert der Bischof am Tiber? Aber an dem Tag konnte ich dem Gesagten nicht folgen. Ich habe mich gefragt, warum so ein junger Mann bereits so einen überzeugenden Glauben hatte und warum er mit so viel Eifer Priester werden wollte. Und dazu noch an diesem abgeschiedenen Flecken Erde.
Also habe ich ihn nach der Messe gefragt: "Du, Gundelfing, was passiert eigentlich, wenn du uns nicht von Gott erzählst?" Er hat von Hanis' Frau gerade Eier als Zehnt überreicht bekommen und drehte sich mit etwas verwundertem Blick zu mir: "Das muss ich. Das ist mein Auftrag. Ich habe gar keine Wahl." Diese Antwort konnte ich wiederum nicht so recht in die sonstige Begeisterung seiner Reden einordnen. Und so fragte ich: "Also machst du das, weil der Vikar dich zwingt?"
Darüber musste Gundelfing schmunzeln. "Nein,", versicherte er mir: "Es ist schon so, dass er einen großen Druck ausübt, aber was wäre ich für ein Priester, wenn ich nicht aus mir heraus wüsste, wie wichtig es ist, anderen von Gott zu erzählen?" Ich habe kurz überlegt: "Hm... vermutlich kein besonders guter." Er pflichtete mir bei.

Dann holte er seine Bibel und blätterte in den Evangelien. "Ich suche gerade nach einem passenden Gleichnis, dass Jesus mal seinen Jüngern auf dem Ölberg erzählte. Dieses Gleichnis hörten die Jünger nur zwei Tage vor der Hinrichtung Jesu.", sagte er. Er lobte mich dafür, dass ich mir gemerkt habe, dass Jesus da schon drei Jahre seine Apostel gelehrt hatte. Dann las er mir das Gleichnis vor, dass er in Matthäus, Kapitel 24 über die Talente fand, aber ich verstand kein Wort. Also hielt er die Bibel schräg vor mich und zeigte auf verschiedene Worte. "Das hier heißt Talent, das war eine römische Währung. Dieses Wort ist die Fünf, hier steht die Zwei, dort die Eins." Dann erzählte er die Geschichte über die drei Diener eines Herrn, die unterschiedliche Geldsummen erhalten haben und diese bis zu seiner Rückkehr verwalten sollten. Du kennst die Geschichte ja: Der erste bekommt fünf Talente und handelt damit weise, so dass es zehn werden und wird belohnt. Der zweite bekommt zwei Talente und macht daraus vier, und wird auch belohnt. Der dritte Diener erhält ein Talent und verbuddelt es. So verliert er zwar nichts, da er es aber nicht gemehrt hat, straft ihn sein Herr.
Ich Bauertrampel habe es aber immernoch nicht verstanden. Was hatte dieses Gleichnis denn mit dem Priester zu tun? Wenn der Letzte doch keinen Verlust erlitt, warum wurde er bestraft? Gundelfing fing an zu erklären: "Die Talente sind nach den jeweiligen Fähigkeiten vergeben und stehen in diesem Gleichnis für die Botschaft Gottes durch Jesus. Jeder hat ein unterschiedliches Verständnis und jeder hat unterschiedliche Fähigkeiten. Jeder sollte sich nach seinen Fähigkeiten anstrengen, das Vermögen des Herrn zu mehren, will heißen, Gott noch besser zu lieben und auch anderen diese Liebe beizubringen. Natürlich ist Jesus klar, dass nicht jeder gleich viel leisten kann. Aber, wer wie der faule Sklave nicht einmal versucht, den Zinsertrag herbeizuführen, der wird Jesus ganz sicher enttäuschen. Solche Leute kann Jesus nicht in seinem Himmelreich brauchen."
Plötzlich verstand ich. Die strengen Ermahnungen des Vikars sind vergebene Luft. Der Priester bemüht sich bereits aus Gehorsam gegenüber Gott um die Vermittlung der Liebe zu ihm. Als ich Gundelfing das auch sagte, antwortete er: "Du hast es erfasst. Und selbst, wenn er etwas anderes wöllte, müsste ich es mit Petrus halten. Der sagte vor dem Sanhedrin, dem höchsten Gericht der Juden in Jerusalem, als diese den Aposteln das Predigen verbieten wollten: 'Ob es in den Augen Gottes gerecht sei, eher auf euch zu hören als auf Gott, urteilt selbst.' "

Der Mann war standhaft im Glauben. Ob er aber auch so mutig wie Petrus gewesen wäre, wenn es zu einer Anhörung gekommen wäre ... Ich kann es nicht mit Gewissheit sagen. Aber ich hatte das Gefühl, dass dies erst der Beginn einiger lehrreicher Gespräche werden würde.
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Re: Sacra Tibia: Gundelfing - Dialoge

Beitragvon almafan » So 27. Jan 2019, 22:26

"Was ist, wenn einer nicht auf Gott hört?"

Weißt du, ich hatte früher ein sehr starkes Interesse, Gott zu gefallen. Mit der Zeit merkt man, dass gerade jene gut fahren, die es nicht tun. Mir wurde dann immer gesagt, dass diese zwar jetzt Ihren Vorteil haben können, aber Gott Ihnen alles auch wieder nehmen kann. Spätestens in der Hölle werden sie bereuen, dann ist es leider zu spät. Und dann kommt das Leben selbst, das es einem zeitweise schwer oder gar unmöglich macht, nach Gottes Willen zu leben. Besonders, wenn man als Dienstmann für seinen Herrn auch mal Gewalt anwenden muss. Irgendwann findet man Ausreden dafür. Und irgendwann sucht man keine Ausreden mehr. Man macht es einfach.
Das Leben schlägt zu und man schlägt wild zurück. Oft trifft man dabei Leute, die nichts dafür können, dass man in der Situation steckt, in der man nun mal steckt.
Hinzu kommen Situationen, in denen man in Bruchteilen eines Augenblicks reagieren muss. Jetzt, sofort. Da kannst du keinen Priester fragen. Du musst es schon vorher wissen. Manche Momente sind in sich aber knifflig. Zum Beispiel, dass willentliche Inkaufnehmen eines Opfers, um andere zu schützen. Bei Geiselnahmen oder bei Schlachten. In solchen Situationen war ich immer wieder. Und kein Fall liegt wie der andere. Jedesmal muss man sich neu entscheiden. Das nimmt einem keiner ab.

Es ärgerte mich als Kind und oft auch später noch, wenn einer tun und lassen konnte, was er wollte, und keiner ihn zur Rechenschaft zog. Ich fragte mich aber auch, wie Gundelfing damit umging, wenn er merkte, dass er Tag für Tag predigte, aber die Menschen doch wieder wissentlich Falsches trieben. Warum predigt er überhaupt, wenn es offenbar keinen Einfluss hat?
Eines Nachmittags fragte ich Gundelfing. Dabei nahm ich Bezug, auf unser letztes Gespräch. "Was ist, wenn einer nicht auf Gott hört? Du musst ja davon erzählen. Aber was wäre, wenn sie nicht hören?" er schaute mich kurz an und antwortete knapp: "Ich muss trotzdem predigen." Er merkte jedoch schnell, dass mich diese Antwort nicht zufrieden stellte. Also unterbrach er seine Gartenarbeiten und nahm mich in die Kirche mit. Dort schlug er die Bibel auf und suchte irgendwas angestrengt.
Er begann aber schon zu sprechen: "Wir hatten ja schon darüber gesprochen, dass der Auftrag anderen von Gott zu erzählen, nicht vom Vikar oder vom Bischof kommt. Die sind im Grunde genauso Mittler, wie ich es einer bin. Der Auftrag selbst kommt aber von Gott. Und wer bin ich, dies zu verneinen?"
Ich stimmte nickend zu. Wenn der Auftrag von Gott kommt, wird er einen tiefen Sinn haben. Ich fragte aber, was ihn motiviert weiter zu machen. Warum war er nicht traurig, dass keiner hörte?
Gundelfing hob die Bibel hoch und rief: "Ich hab's!" Dann legte er das Buch wieder hin und fuhr fort: "Hier in Hesekiel, da im zweiten Kapitel." Ich sah abermals nur lateinische Lettern. Er hätte irgendeine Bibelstelle oder gar ein anderes Buch aufschlagen können. Ich hätte es nicht bemerkt. Er verstand meine Ratlosigkeit sofort und rührte mit dem Finger die Buchstaben an, die er vorlaß: "Und du sollst meine Worte zu ihnen reden, ungeachtet, ob sie hören oder unterlassen, denn sie sind ein Fall von Rebellion."
Ich begriff nicht wirklich. Also erläuterte er es mir: "Da gibt es noch ein paar Bibelstellen, die dazu passen. Als Paulus zusammen mit Barnabas in Antiocha in Pisidien in der Synagoge vorsprachen, würden sie aus dem Ort getrieben und da steht in Apostelgeschichte ... ich denke im dreizehnten Kapitel fast am Ende ... dass sie den Staub gegen sie abschüttelten." Als er dies sprach wühlte er sich schon wieder durch die Seiten der heiligen Schrift. Er fand die Stelle und rief: "Hä, kurz bevor sie nach Ikọnion gegangen sind. Das habe ich mir gut gemerkt. So hatte es ihnen ja auch Jesus geboten." Wieder blätterte er wüst in der Bibel umher und blieb bei Lukas stehen. Dort überflog er scheinbar den Text und stoppte im zehnten Kapitel: "Wo man euch nicht freundlich aufnehmt, da schüttelt den Staub ab und sprecht: 'Sogar den Staub, der von eurer Stadt an unseren Füßen hängenblieb, wischen wir gegen euch ab. Trotzdem behaltet dies im Sinn, daß sich das Königreich Gottes genaht hat.' Der Heiland hatte es geboten und Paulus zeigte durch sein Verhalten, dass er dieses Gebot ernst nahm. Dennoch schimpfte er nicht über die Bewohner Antiochas oder irgendeiner anderen Stadt aus der er vertrieben würde. Er blieb freundlich und ließ nichts schlechtes auf Gott kommen."

Ich dachte über die Worte nach und Gundelfing schien auf eine Antwort zu warten. Ich fragte ihn, ob es dann nicht sinnlos ist, immer wieder zu predigen. Immer den gleichen Leuten. Er sagte dann, zum Abschluss des Gesprächs, folgende Worte: "Verliere nie die Freude am Geben. Schließlich weißt du nicht, was eine einzige gute Tat bewirken kann."
Ich erkannte den Sinn dahinter. Wenn einer auf reine Worte nicht hin reagieren wird, dann vielleicht auf einen,der ein gottgefälliges Leben führt. Und dazu gehört nun mal, dass man immer wieder über ihn spricht.
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Re: Sacra Tibia: Gundelfing - Dialoge

Beitragvon almafan » Mo 18. Mär 2019, 08:15

"Woher weißt du, ob einer aufrichtig glaubt?"

Ich hatte viel zum Nachdenken. Die Gespräche mit dem Priester bereiteten mir einigen Spaß. Es waren lehrreiche, anregende Gespräche. Sie führten mich näher an diesen Glauben als irgendwelche Exegesen großer Kirchenmänner und Heiliger.

Irgendwann nachdem er mir erklärt hatte, dass er predigen muss, auch wenn keiner hört, ging ich wieder zu ihm. Es war Markttag, deshalb waren wir auch an jenem Tag in Halifa, obwohl keine Predigt war. Wir wollten Hauswaren, so zum Beispiel Bürsten und gewickeltes Garn verkaufen. Maria brachte oft ganze Nachmittage damit zu, auch nur eine Bürste zu verdrahten oder zu verhaaren. Stunde um Stunde saß sie da und machte ihrer Mutter keinen Kummer. Man wird damit nicht reich. Aber es bessert die Ausgaben aus. Aber das weißt du sicherlich schon.

Ich habe mich oft vom Markt gestohlen und so manche Schelle dafür erhalten. Da der Markt in Sichtweite zur Kirche stattfand, war es für mich nicht weit und ab und an sogar ein leichtes, unerkannt zu gehen und unerkannt wieder aufzutauchen. Aber manchmal hatte ich das Gefühl, mein Vater wusste um meine Abwesenheit und sah sie mir manchmal nach. Und so stahl ich mich am jenem Tage wieder davon und suchte Gundelfing auf. Noch immer brannten mir Fragen im Kopf und so fand ich ihn nahe des Marktes, denn auch er wollte schauen, was es zu handeln gab.
Und so frug ich: "Woher weißt du, ob einer aufrichtig glaubt?" Er schmunzelte und vermutlich war er, in einer Mischung aus Verwunderung und Begeisterung, verwirrt, warum ein kleiner Junge, solche Fragen stellt. Er schaute nicht mal in die Bibel, als er folgenden Satz rezitierte: "Was ist denn Apọllos? Ja, was ist Paulus? Diener, durch die ihr gläubig geworden seid, so wie der Herr es einem jeden gewährt hat. Ich habe gepflanzt, Apọllos hat begossen, Gott aber hat es fortwährend wachsen lassen, so daß weder der Pflanzende etwas ist noch der Begießende, sondern Gott, der es wachsen läßt. Der Pflanzende nun und der Begießende sind eins, doch wird jeder seinen eigenen Lohn gemäß seiner eigenen mühevollen Arbeit empfangen. Denn wir sind Gottes Mitarbeiter. Ihr seid Gottes Feld zur Bebauung, Gottes Bau.“ Dann ging er zum Markt und ließ mich stehen.

Ich verstand diese Aussage nicht und ich erkannte auch nicht sofort, dass er damals den Brief an die Korinther zitierte. Also lief ich ihm nach. Als ich ihn dann endlich eingeholt hatte, musste ich nochmal nachfragen, was er überhaupt meint. Der Priester nahm mich zur Seite und erklärte es mir ebendort, damit wir nicht im Wege stehen: "Paulus besagt mit diesem Satz, du wirst es sicher als Bibelzitat erkannt haben ..." Ich unterbrach mit einem Kopfschütteln. Er fuhr fort: "Jetzt weißt du es. Na, jedenfalls sprach er hier über die Quelle echten Glaubens." Und dann sah er mich fragend an und erwartete offenbar eine Antwort. Es dauerte etwas, bis ich Esel verstand.

"Du sagtest mal, du bist lediglich Mittler, wie der Vikar. Hat es damit zu tun?", fragte ich ihn. Er bestätigte das, wiederholte die Frage um die Quelle für echten Glauben.
Dann eilte er zur Ankerstelle, wo die Schiffe festgemacht werden. Dort hatte ihn jemand zu sich gewunken. Ich tat es ihm gleich, denn ich dachte, die richtige Antwort zu wissen.
Als ich ihn erreicht hatte, rief ich es etwas zu laut: "Es ist Gott!" Und fügte leise an: "Gott ist die Quelle echten Glaubens."

Jetzt lächelte er wieder: "Du hast es verstanden. Ich kann mit Engelszungen sprechen und sie würden nicht hören. Nur dadurch, dass Gott in seiner unverdienten Gnade, einen jeden zu sich zieht, den er für sich erwählt hat, ist es möglich, dass Menschen seine Lämmer werden. Ohne Gott ist die größte Tat nichts wert. Wer hört, hört durch Gott." Gundelfing wickelte unterdessen seine Geschäfte ab, tauschte ein und erhielt Korrespondenz oder Amtsblätter. Was auch immer. Ich wich ihm nicht von der Seite. "Und diese Gnade und das Gefühl des einzelnen, einzusehen, dass er doch Gott braucht kann sich zudem ändern. Heute hört er nicht und morgen vielleicht schon.“, ergänzte er seine Aussage. In seinem mitgebrachten Korb stapelten sich die Sachen und ich nahm ihm freundlicherweise etwas davon ab und trug es ihm hinterher.

Wir hatten es über den Markt geschafft und waren kurz vor den ersten Häusern, als ich meinen Vater nach mir brüllen hörte. Offenbar war er nicht begeistert, dass ich dem Priester zur Hand ging und er die Einkäufe allein bewältigen muss.
Der Priester nahm mir die Sachen ab und schickte mich mit einer Kopfbewegung zu meinem Om. Aber nicht, ohne mir noch eine letzte Lehre mitzugeben:" Stell dir vor: Du darfst den allmächtigen Schöpfer der Welt bei etwas unterstützen, was ihm am Herzen liegt. Anderen von ihm und seiner Güte erzählen."
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Re: Sacra Tibia: Gundelfing - Dialoge

Beitragvon almafan » Fr 12. Apr 2019, 19:22

"Bist du traurig, wenn du siehst, dass andere mehr erreichen?"

Ich weiß nicht, ob ich Gundelfing bereits zur Last fiel. Besonders, wenn ich Dinge fragte, die er glaubte, erschöpfend beantwortet zu haben. Aber ich hatte nicht den Eindruck, dass es so wäre. Vielleicht hätte ich mich sonst nicht so oft mit ihm unterhalten. Weißt du, man hält sich zurück, wenn man merkt, dass man stört. Aber das weißt du sicherlich besser als ich.

Ich ging mit einer neuen Frage nach einer Predigt zu ihm und ich suchte ihn schnell auf. Noch andere wollten mit ihn sprechen und mein Vater und, mit ihm zusammen, die Familie sollten und wollten schnell wieder Heim. Auch an einem Sonntag steht die Welt nicht still. Es gibt immer Arbeit und sei es nur das Füttern der Tiere.

Ich frug ihn vor versammelter Mannschaft, weil es aus mir herausplatzte: "Bist du traurig, wenn du siehst, dass andere mehr erreichen?"

Gundelfing war von der Frage etwas erschlagen. Kurz überlegte er, wohl im Wechsel, wie er die Frage beantwortet und ob er dies mit mir allein oder hier vor aller Leute klären soll. Sein Blick schweifte durch den Raum und er schaute in die ebenso verdutzten Gesichter der Gemeinde.
Dann schaute er mich an und lächelte: "Ach, tun sie das?" Nach einer kurzen Pause fügte er an: "Wenn du die Wanderprediger meinst, von denen die Kaufleute von den Schiffen sprechen ..."
Er setzte sich vorn bei dem Altar auf die Stufen. Sein Ton wurde nun weniger belehrend. Freundlicher. Und er hub an,mich zu fragen: "Kannst du dich noch an unser Gespräch über die Talente erinnern? Talent war damals eine übliche Maßeinheit für Währungen. Man zählte die Silbermünzen nicht, sondern wog sie auf und erhielt so, da alle Münzen gleich viel wogen, die Anzahl der Münzen durch ihr gesamtes Gewicht." Der Priester war echt klug. Ich fragte mich manchmal, woher er dieses Wissen nahm, denn das Kloster, das er besuchte, war nicht für seine große Bibliothek bekannt. Und bis zur Errichtung des Filialklosters in Sitavia gab auf den brahm'schen Inseln vielleicht zehn Bücher, die nicht in einer Kirche die Luturgie begleiteten. Wahrscheinlich noch weniger.
Ich hatte dir ja schon von der Begebenheit mit den Talenten erzählt, wie ein Herr jedem seiner Knechte unterschiedlich viele Silberstücke gab und sie diese bis zu seiner Wiederkehr verwalten sollten. Und so ging Gundelfing das Gleichnis vor aller Augen und Ohren noch einmal mit mir durch: "Der eine hat fünf Talente und macht bis zur Rückkehr des Herrn zehn daraus. Der zweite hat zwei Talente und erwirbt sich damit vier Talente. Der letzte, mit nur einem Talent, vergräbt seine Gabe, so dass er allein diese dem Herrn zeigen kann. Gescholten wird er dafür, nicht wenigstens den Zins eingetragen zu haben." Jeder im Raum nickte, aber verstanden hat es vermutlich niemand.

Gundelfing schaute sich um und sah wohl nur ratlose Gesichter. Was hatte dieses Gleichnis mit den Wanderpredigern zu tun? Also fing er an: "Der Herr ist Jesus, der am Tage des jüngsten Gerichts zurückkehren wird. Die Knechte sind die im wahren Glauben verwandten Priester. Die Talente stehen für die Gemeinschaft der Christen und für den Glauben derer an den Herrn und Erlöser Jesus Christus."
Noch immer verstand um uns herum offenbar keiner, was Gundelfing damit Aussagen wollte. Er führte also weiter aus: "Es gilt für die Priester ihren Glauben und den Glauben ihrer Schüler, also auch euch, zu mehren. Meine Aufgabe ist es, euch in die Liebe und unverdiente Gnade Gottes zu führen. Die Verbindung zu dieser Liebe ist der Glaube, dass Gott denen ein Belohner ist, die ihn als Herrn annehmen und ihn fürchten und ehren. Das sind meine Talente, die ich mehren muss. Gott straft mich nicht, wenn ich nur zwei Talente, statt der fünf erhalte, wenn ich sie nur mehre und mich darin ernstlich bemühe. Mit Freude frohlocke ich über jede gute Gäbe, die ihr eurem König im Himmel gebt. Und mit Freude bete ich für die, die Trost bei Gott suchen. Denn das ist ihm wohlgefällig."

Die Menge freute sich über die aufmunternden Worte, die ihnen Lob zusprach, wo sonst nur Schelte wäre. Dann schaute er wieder auf mich: "In dem Paulusbrief an die Galater findet sich auch folgender Ausspruch, der sinngemäß lautet: 'Jeder erprobe sein eigenes Werk, und dann wird er Grund zum Frohlocken im Hinblick auf sich allein und nicht im Vergleich mit einer anderen Person haben.' Ein Vergleich mit anderen bringt mich nicht nur wenig weiter und könnte mich verdrießen, er wird auch durch Gott nicht gutgeheißen."

Er stellte sich wieder auf, stieg die Stufe zum Podest auf und hielt kurz inne. "Ich maße mir nicht an, im rechten Glauben zu sein. Aber ich hoffe es. Wenn ein Wanderprediger oder ein Wunderprediger durch die Lande zieht und oft viele hundert Menschen begeistert folgen, freut mich das für ihn. Ich hege keinen Groll, denn er begeistert die Leute nicht mit falschen Göttern, sondern mit der Erkenntnis über den wahren Gott. Solange er damit Menschen zu Gott führt, kann mich vielleicht Neid um seines Erfolges und meines Misserfolges befallen. Nicht aber Groll gegen ihn oder Gott, ziehen wir doch dennoch am gleichen Strang. Aber mehr noch, ich freue mich. Denn jeder der durch Glauben gerettet werden kann, ist Gott wohlgefällig. Und da Gottes Wort die höchste Instanz in der Predigt sein soll und vielerorts wohlweißlich nicht ist, so will ich mit einem Text aus der heiligen Schrift enden und euch noch einen Hinweis hinterlassen, bevor ihr wieder ausgeht und den Tag ein- und ausklingen lasst. Im ersten Brief an die Korinther schrieb Paulus 'Nun gibt es verschiedene Gaben, aber es ist derselbe Geist. Es gibt verschiedene Dienstaufgaben und doch ist es derselbe Herr. Auch gibt es verschiedene Wirkungen, und doch ist es derselbe Gott, der sie alle in jedem hervorruft. Der Geist aber offenbart sich durch jeden zu einem nützlichen Zweck.' Das ist wichtig zu wissen und beachtet, was der Junge hier euch lehrt."

Dabei zeigte er auf mich und setzte fort: "Auch wer Fragen über Gott und den Glauben an ihn stellt, ist Gott wohlgefällig. Denn Gott sieht, wenn du Interesse an ihm zeigst und er wird es nicht unversucht lassen, dir die Antworten zu reichen. Auf welchem Wege auch immer.
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Re: Sacra Tibia: Gundelfing - Dialoge

Beitragvon almafan » So 21. Apr 2019, 14:14

"Wie bleibe auch ich so zufrieden, wie du?"

Einige Tage nachdem er nach der Kirchenpredigt, durch mich, noch eine Zugabe für die Festigung des Glaubens gab, bin ich wieder zu ihm. Weitere Fragen aus der Dorfgemeinschaft blieben vorerst aus. Doch wer aufmerksam die Leute beobachtete, der verspürte einen neuen aktiveren Geist. Irgendwie hatte die Predigt ihr Inaktives verloren. Die Bewohner waren nicht mehr nur anwesend und ließen sich während der Andacht in Gedanken treiben.
Ich hatte das Gefühl, wenn schon nicht persönlich berührt, dann nutzen die Leute von Sudet die Zeit der Predigt nun wenigstens dafür, mal nicht über den Hof nachzudenken. Besonders Hanis hat man oft angemerkt, dass er in Gedanken schon längst wieder beim nächsten Werkstück war oder innerlich fluchte, weil er dann wieder das Feuer aufschüren musste.
Seit Gundelfing die Predigten hielt, war ich sowieso mehr Ohr als bei dem alten Priester. Das sagte ich doch bereits. Aber er hatte jetzt generell ein viel aufmerksameres Volk, das er belehren konnte.

Balduin saß in der Loge und war sicher der erste und oft einzige, der irgendwelche Spitzfindigkeiten bemerken würde. Und die Ostermessen wurden bewusst nach Ostern locker gehalten. Zu oft davor hört man von Leid und Opferbereitschaft. Danach geht es ja mehr um die Gaben und Segnungen Gottes, heute schon und später im Himmel dann noch mehr.
Doch Balduin freute sich immer über die Nachostermessen, wo auch die Oberen mal mehr im Fokus standen und auch sie nicht von Forderungen und Winkelzügen in der Rhetorik verschont blieben. Die Zeit in den Morgenlanden hat sie offenbar feingeistiger gemacht. Sie liebten die hohe Poesie und waren gute Leser. Einmal rief zu späterer Zeit mein Lehnsherr in die Messe, als Gundelfing ein Kratzen im Hals hatte: "Wenn's dir die Sprache nimmt, muss es ein fürchterlich schwerer Fall sein, der sogar einen treuen Gottesmann in seiner Reinheit fordert. Wenn der Satz dir nicht über die Lippen will, soll ich ihn dann lesen?"
Balduin war alles andere als ein Heiliger. Aber er vermochte Spitzfindigkeiten zu erkennen und zu kontern.
Wenn es mal zu einem verbalen Disput kam, über irgendeine Sache, und beide Seiten ihre Waffen mit Worten schärften, war unsereins völlig überfordert, auch nur einen Satz zu begreifen.

Gundelfing war aber auch ein Meister der schlichten Worte, wenn er merkte, dass sein Gegenüber nicht verstand was er meinen könnte. Vielleicht konnte er uns Bauernvolk so gut verschiedene Dinge erklären.
Diesmal wollte ich von ihm wissen, wie man so zufrieden sein konnte, wie er immer war. Seine erste Antwort wirkte etwas müde und abgekämpft. Wahrscheinlich hatte ich ihn gerade nach einer schweren Arbeit erwischt. Weißt du, er hatte damals keine Frau und musste auf seinem Hof und dem Gottesacker und bei den Grabstätten alles alleine machen. Nur ab und an wurde ihm von Balduin eine Mannschaft aus Frondienstlern gestellt.
Der alte Priester hatte auch seine Arbeiten gehabt und freute sich sicher, dass er durch Gundelfing als Kaplan und Schützling nun einen hatte, der sich um die wirtschaftlichen Güter kümmerte, während er sich für die Liturgie und den Gottesdienst sorgte. Aber nach dem Tod des Alten war Gundelfing allein. Für Forderungen gegenüber Balduin und dessen Sohn, der auch Balduin hieß, war er nicht selbstsicher genug. Und so hatte er eben nicht ständig oder auf Abruf Leute für seine Arbeit, sondern wenn die Grundherren es einteilten.

Meine Frage war an dem Tag also wohl schlecht platziert, dachte ich. Gundelfing ging an sein Wasserfass und wusch sich die Hände. "Alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes."
Ich verstand nicht. Wie so oft. Was hatte dieser Satz mit meiner Frage zu tun?
Jetzt drehte er sich zu mir um und erklärte: "Um Zufriedenheit zu empfinden müssen wir realistisch bleiben. Und zwar in Bezug auf unsere Grenzen und die Grenzen anderer. Das und vieles mehr besagt diese Bibelstelle aus Paulus' Brief an die Römer."
Dann holte er die Binel zur Hand und schlug sie weit vorn auf. "Hier in dem ersten Buch des Mose wird die Schöpfung von Anbeginn der Zeit beschrieben. Die ersten drei Kapitel handeln von Gottes Werkwoche und enden im Sündenfall des Adams und der Vertreibung aus dem Paradies. Der gesamte Rest, also vom vierten Kapitel dieses ersten Buches bis zum letzten Vers der Offenbarung geht es schlicht und ergreifend darum, wie Gott es durch die unverdiente Gnade und den Loskaufpreis des Messias alles wieder gut wird. Der Teufel wird dann für tausend Jahre gebunden und schlußendlich vernichtet. Aber Gott sah, dass seine Schöpfung gut war. In den ersten Versen des ersten Kapitels erschafft Gott Licht und Finsternis, Himmel und Erde, Wasser und Land. Und diese Schaffensperiode schließt er mit einer schlichten Erkenntnis ab. Vers zehn endet mit den Worten 'Und Gott sah, dass es gut war.' Dann erschuf Gott alle Pflanzen und wieder schließt er mit der selben Erkenntnis in Vers zwölf 'Und Gott sah, dass es gut war.' Dann erschuf er Sonne, Mond und Sterne und wieder finden wir die Aussage 'Und Gott sah, dass es gut war.' in Vers achtzehn. Dann erschuf er alle Tiere der Meere, der Lüfte und auch die an Land." Ich ergänzte frech: "Vermutlich sah Gott, dass es gut war."
Gundelfing grinste: "Ja, in Vers fünfundzwanzig bestätigt er seine Schöpfung wieder. Und dann erschuf er den Menschen, macht ihn zum Herren über die Tiere. Und..."
Diesmal forderte er mich regelrecht auf, also ergänzte ich abermals: "... Gott sah, dass es gut war?"

Und gleich stellte ich die nächste Frage: "Was hat das mit Zufriedenheit zu tun?"
Gundelfing führte aus: "Fünf mal bestätigt Gott die Perfektion in seiner Schöpfung. Bis zur Erhebung des Teufels hatte sie keinen Makel. Alles war nicht nur zum Guten eingerichtet. Es war zum Besten eingerichtet. Die Herrlichkeit Gottes übersteigt unser Begriffsvermögen völlig. Er kann jederzeit Rückblick auf sein Schaffen halten und sagen, dass es sehr gut war. Nach der Erschaffung des Menschen erwähnt er 'sehr gut' anstelle von 'gut'. Ein Mensch kann das nicht. Selbst der vollkommene Adam machte diesen fatalen Fehler. In seinem Rückblick war eben nicht alles gut. Die Sünde kam durch ihn in die Welt. Deshalb müssen wir sterben und sind unvollkommen. Wir alle machen Fehler und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes."
Ich dachte verstanden zu haben, was er wohl meinte und unterbrach ihn: "Also ist der Schlüssel zur Zufriedenheit, zu erkennen, dass einem im Gegensatz zu Gott Grenzen gesetzt sind?"

Gundelfing nickte, holte aber noch einmal aus: "Das allein ist es aber nicht. Ich möchte einmal einen Vergleich bringen, dann wirst du verstehen. Das griechische Wort, dass mit 'Sünde' übersetzt wird, kommt von Wurzel, die 'das Ziel verfehlen' bedeutet. Stell dir ein Preisschießen mit dem Bogen vor. Unser Bogenschütze bekommt drei Pfeile und soll wenigstens einmal das Ziel treffen. Sein erster Pfeil verfehlt das Ziel um viele Fuß. Der zweite Pfeil ist etwas genauer, aber auch err verfehlt. Voll konzentriert schießt er den letzten Pfeil ab. Diesmal verfehlt er das Ziel nur um Haaresbreite."
"Das ist schade.", entfuhr es mir. Gundelfing setzte gleich an: "Sicherlich ist das eine Enttäuschung. Er hätte fast getroffen. Doch verfehlt ist verfehlt. Uns allen geht es oft wie diesem Schützen. Manchmal verfehlen wir das Ziel ziemlich gründlich, manchmal nur um Haaresbreite. Aber wir verfehlen es eben. Und das frustriert. Aber gehen wir noch einmal zum Schützen zurück: Niedergeschlagen geht er vom Platz, denn er hätte wirklich gern den Preis bekommen. Plötzlich ruft ihn der Ausrichter zurück und übergibt ihm den Preis trotzdem."
Ich war verwirrt. Warum sollte der Preisrichter das machen? Noch bevor ich die Frage stellen könnte, beantwortete Gundelfing sie mir: "Der Ausrichter hat gesehen, wie sehr sich der Bogenschütze dafür angestrengt hat. Er will dieses Bemühen belohnen."

Ob ich deswegen so ein guter Bogenschütze geworden bin, weil Gundelfing damals dieses Beispiel verwendete? Ich kann es nicht mit Sicherheit ausschließen.
Aber ich verstand den Gedankengang dahinter. Gott will uns das ewige Leben schenken. Wir können uns dieses ewige Leben nicht verdienen. Es ist eine Gabe von Gott. Aber, er wird sie uns nicht vorenthalten, weil wir trotz Anstrengungen ins Wanken geraten oder uns etwas nicht gelingt. Er wird dieses Geschenk denen vorenthalten, die es nicht einmal versuchen.
Zufriedenheit liegt also darin, sich realistische Vorhaben zu setzen und darin, bei Fehltritten nicht aufzugeben und weiter auf Gott zu vertrauen.
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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