Fr 25. Nov 2011, 09:24
Kapitel XVJake Larson hatte nun endlich einen Telefonanruf erhalten, auf den er schon lange gewartet hatte. An manchen Tagen hatte er schon die Hoffnung aufgegeben, jemals die gewünschten Informationen zu erhalten.
Eilig hatte er seine Unterlagen zusammen gepackt und sich auf den Weg gemacht.
Die erste Spur seit langem. Er musste ihr einfach nachgehen.
Stevie hatte lange überlegt, ob sie bleiben sollte. Sollte sie wirklich bei Brandon bleiben, den sie kaum kannte?
Allerdings erschien er ihr nicht gefährlicher als jeder andere, der sie auf der Straße auflas und sie mitnahm. Aber im Gegensatz zu all den anderen, denen sie unterwegs begegnet war, war er doch der erste, neben Eric, der sich wirklich Sorgen um sie machte.
Dies und die Aussicht, nun nicht mehr stundenlang auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten, ließ sie zusagen.
Brandon hatte ihr das Bett angeboten und hatte es sich wieder im Stuhl bequem gemacht, soweit dies möglich war.
Eric hatte darüber gelacht, wie Brandon eine Weile vor sich hin murrte, dass der Stuhl zu hart sei. Und es war auch Eric, der dann vorschlug, dass Brandon im Bett schlafen sollte.
Brandon und Stevie sahen ihn entsetzt an und schon wieder lachte sich der Blonde schlapp. Allen Anschein nach, hatte er etwas gefunden, worüber er noch eine Weile seine Scherze treiben könnte.
Doch dann meinte selbst Stevie, dass Brandon sich ins Bett legen sollte und Eric verstummte und warf ihr einen finsteren Blick zu.
„So bekommen wir wenigstens Schlaf! Und nun halt den Mund!“ hatte sie zu Eric gemeint und war ganz an den Rand des Bettes gerutscht.
Brandon zögerte noch einen Moment und sah unsicher zwischen Eric und Stevie hin und her, ehe er, nachdem sie nochmals geschimpft hatte, sich zu ihr legte.
Allerdings rutschte er ebenfalls nah an die Bettkante, sodass beide im Grunde sich nicht einmal beim Schlafen berühren würden.
Eric gefiel dies natürlich nicht. Doch diesmal schwieg er darüber.
Nach einer Weile war es ihm aber zu langweilig, den beiden beim Schlafen zu zusehen und so verschwand er aus dem Zimmer, um sich anderweitig umzusehen.
Er hoffte, er würde irgendetwas finden, was ihn ein wenig von seiner Eifersucht ablenken würde.
Er wusste nicht, ob er eifersüchtig war, weil Stevie sich so gut mit Brandon verstand und ihm mehr oder weniger vertraute, oder weil Brandon im Gegensatz zu ihm in der Lage war, Stevie zu umarmen.
Eric besuchte erneut den Trucker in seiner Zelle. Doch ihn zu ärgern, machte nicht wirklich Spaß.
So zog er weiter.
Er geisterte durch die Stadt und fand zu seiner eigenen Verwunderung, das Haus von Julian und seiner Mutter.
Eric war einfach, wie schon ein paar Häuser zuvor, einfach drinnen aufgetaucht und hatte geschaut, ob´s irgendwas zu spannern gab oder vielleicht auch irgendwas, was er Stevie mitbringen konnte.
Wo er gelandet war, bekam er erst mit, als er Julian´s Mutter sah.
Die Frau war zu später Stunde noch in der Küche zu Gange.
Aber sie bemerkte ihn nicht. Wie auch?
Eric beobachtete sie eine Weile und fühlte sich an seine Mutter erinnert. Oder zumindest glaubte er, dass es ihn an seine Mutter erinnere.
Er hatte nicht sehr oft darüber nachgedacht, was mit seiner Familie sein könnte.
Im Grunde hatte er, bevor er Stevie getroffen hatte, nie so richtig über sich und seine Vergangenheit nachgedacht. Er hatte lediglich versucht sich selbst zu finden. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Nur hatte er nicht gewusst, wo er überhaupt suchen sollte.
Er hatte auch ziemlich lange gebraucht, ehe er heraus fand, wie er sich sichtbar machen konnte. Oder wie er Dinge berühren und bewegen konnte.
Kurz nachdem er Stevie getroffen hatte, hatte Eric sogar darüber nachgedacht, ob er nicht zur Polizei gehen sollte und sich suchen lies. Doch die würden ihn, sofern sie ihn überhaupt bemerken würden, vermutlich für verrückt halten.
Und Stevie? Sie konnte er nicht zur Polizei schicken, da weder sie noch er wussten, was sie erwarten würde, sobald Stevie die Polizeistation betreten hätte.
Julian´s Mutter hatte die Küche aufgeräumt und ging ins Wohnzimmer, wo sie die Kissen auf der großen Couch aufschüttelte und einige Magazine wieder in den Zeitungsständer zurück packte.
„Genau wie meine Mom!“ murmelte Eric vor sich hin, während er ihr folgte. Für eine Sekunde glaubte er die Frau hätte ihn gehört, da sie kurz inne gehalten hatte.
Dann allerdings war sie weiter gegangen, hatte die Haustür verschlossen und den Alarm eingestellt und war die Treppen ins obere Stockwerk spaziert.
Sie summte leise vor sich hin.
Und Eric folgte ihr neugierig.
Oben sah sie durch den Türspalt von Julian´s Zimmer. Deutlich stand der Name in großen bunten Buchstaben auf dem weißen Holz. Allen Anschein nach ein Überbleibsel aus Kindertagen des Teenagers.
Und während die Mutter zwei Zimmer weiter ging und hinter sich die Tür schloss, stahl sich Eric in das Zimmer des Jungen.
Julian schlief tief und fest in seinem Bett und bekam nichts von seinem ungewöhnlichen Besuch mit.
Obwohl es dunkel in dem Zimmer war, konnte Eric alles erkennen.
Auf dem Fußboden vor dem Bett lagen Stifte und ein Zeichenblock. Selbst an den Wänden waren Zeichnungen zu sehen.
„Ein Künstler!“ murmelte Eric erstaunt.
Noch überraschter war er allerdings, als sein eigenes Gesicht auf einer Zeichnung auf dem vollen Schreibtisch sah.
Er war sich sicher, dass Julian ihn nicht gesehen hatte. Das einzige Mal, wo sie sich hätten treffen können, war in dem Diner gewesen. Doch da hatte Eric es vermieden, sich jemanden zu zeigen.
Allerdings hatte Julian nicht nur ihn gezeichnet.
Auf dem Tisch lagen ebenfalls Portraits von Brandon und Stevie. Und dann eines mit allen drei zusammen am Tisch im Diner.
Und noch ein bekanntes Gesicht starrte Eric an.
Das des Truckers.
Eric verstand nicht, woher Julian den Mann kannte. Oder wo er ihn gesehen hatte.
Eric sah sich alle Bilder durch und stellte fest, dass Julian jeden gemalt hatte, der in der Stadt wohnte und allen Anschein nach auch einige Leute, die nur auf Durchreise waren und seinen Weg gekreuzt hatten.
Ganz unten in dem Stapel der Zeichnungen war ein älteres Portrait von Stevie.
Traurige und ängstliche Augen starrten aus dem Bild.
Und darunter ein Bild auf dem deutlich Stevie und ein Mann zu erkennen war.
Was allerdings nicht zu sehen war, in welcher Beziehung die beiden abgebildeten zu dem Zeitpunkt des Porträtierens standen.
Einerseits wirkte es, als wolle der Mann Stevie vor etwas beschützen. Andererseits deutete das Bild auch das genaue Gegenteil an.
Vermutlich war dies der Mann, der Stevie bei ihrem letzten Besuch in der Stadt angegriffen hatte.
Eric zog das Bild und das Einzelportrait des Mannes aus dem Stapel, faltete sie zusammen und steckte sie in seine hintere Hosentasche.
Er hoffte, dass er Stevie somit irgendwie helfen könnte, mehr über sich zu erfahren.
Eric warf Julian noch einmal prüfend einen Blick zu. Er wollte nicht, dass der Junge mitbekam, wie er ihm einige seiner Zeichnungen stahl.
Doch Julian schlief noch immer tief und fest.
Erst jetzt bemerkte Eric, das selbst an der Wand über dem Bett Zeichnungen hingen.
Leise, wenn auch nicht notwendig, schlich sich Eric hinüber, um sich die Bilder anzusehen.
Allen Anschein nach, hatte Julian seine Lieblingszeichnungen übers Bett gehangen. Oder einfach nur die Portraits seiner Familie und engsten Freunde.
Und mittendrin eine Zeichnung, die sich von den anderen unterschied.
Darauf war kein Portrait. Es war die Zeichnung eines Hauses inmitten einer bergigen Region.
Im Hintergrund die Türme einer Großstadt und ein Wald sowie ein Hafen.
Eric kam die Gegend bekannt vor, wenngleich er sie nicht zuordnen konnte.
Auf dem Bild war weder ein Signatur noch ein Datum zu sehen.
Doch von dem Stil passte es gar nicht zu den restlichen. Dieses Bild hatte nicht Julian gemalt, dachte sich Eric.
Für einen kurzen Moment spielte Eric mit dem Gedanken auch das Bild mitzunehmen und es Stevie zu zeigen.
Allerdings würde das Verschwinden dieses Bildes Julian viel eher auffallen, als der Verlust der zwei anderen Bilder, die ursprünglich in dem Stapel Zeichnungen auf seinem Schreibtisch steckten.
Eric riss sich von dem Bild los und machte seinen Rundgang im restlichen Haus, welcher bei weitem nicht so interessant war, wie Julian´s Zimmer mit den Zeichnungen.
Es gab für ihn nichts weiter zu sehen und so ging Eric wieder.
Gelangweilt spazierte er aus dem Haus und die Straße entlang in Richtung Motel.
Schon kurz nach sechs war Stevie aufgewacht, während Brandon noch selig neben ihr schlief. Im Schlaf allerdings hatte er sich auf seiner Seite des Bettes breit gemacht, sodass Stevie wirklich nur noch die äußere Bettkante zum Schlafen hatte.
Doch dies war nicht der eigentliche Grund dafür, dass sie längst wieder hellwach war.
Sie war ein Frühaufsteher.
Allerdings hatte sie ein Albtraum aus dem Schlaf gerissen. Doch wie schon so oft zuvor, verblasste die Erinnerung an den Traum sobald sie aufgewacht war.
Lediglich die Melodie einer Spieluhr kam ihr noch in den Sinn, während sie überlegte, was sie geträumt hatte.
Da Brandon noch schlief und Eric im Moment nicht in der Nähe zu sein schien, stahl sie sich ins Badezimmer.
Wenn Eric da war, musste sie ihn immer daran erinnern, dass er nicht zu ihr ins Badezimmer kommen sollte. Ganz am Anfang hatte er es ein paar Male getan und sie hatte ihn erst angeschrien und dann einige Tage lang ignoriert.
Und so hatte Eric beschlossen, nicht mehr ungefragt bei ihr im Badezimmer aufzutauchen.
Allerdings war sich Stevie nicht so sicher, ob es daran lag, dass Eric ihre Privatsphäre respektierte oder ob es ihn viel mehr störte, dass sie ihn, wenn er sich nicht benahm, ignorierte und er mehr oder weniger allein war.
Nach einer ausgiebigen und vor allem ungestörten Dusche und in frischer Kleidung trat Stevie wieder aus dem Badezimmer. Eric saß im Stuhl und wirkte nicht nur gelangweilt sondern auch müde.
Stevie fragte ihn nicht danach, wohin er verschwunden war. Und er erzählte ihr nichts von seinem Fund.
„Soll ich das Frühstück beschaffen?“ wollte er nach einer Weile wissen und stand vom Stuhl auf.
Stevie nickte nur und packte ihre alte Kleidung in ihren Rucksack.
Eric verschwand kurz und schon nach wenigen Minuten war er wieder im Zimmer. Diesmal mit zwei Bechern Kaffee und einigen belegten Brötchen.
Stevie vermutete, dass Eric sie von einer Tankstelle gestohlen haben musste oder von einem Diner und dass derjenige, der den Kaffee bestellt hatte nun verwirrt dastand, da sein Getränk vor seiner Nase verschwunden war.
So genau allerdings wollte sie gar nicht wissen, woher er die Sachen immer nahm.
Der Geruch des frischen und sogar noch warmen Kaffees weckte Brandon auf.
Er streckte sich erst mal ausgiebig und grunzte ein „Morgen!“, ehe er kurz im Badezimmer verschwand.
Als er wieder zurück kam, war er zwar nicht wirklich munterer, aber zumindest ansprechbar.
„Eric hat Frühstück mitgebracht!“ erklärte Stevie nur kurz und wies auf den Kaffee und die Brötchen hin, die nun auf dem Stuhl neben dem Bett standen.
Brandon genoss erst einmal stillschweigend einen großen Schluck schwarzen Kaffees.
„Sollte ich fragen, wie er das angestellt hat?“ murmelte er müde und Stevie schüttelte nur den Kopf.
Nach einer Weile und einem Brötchen musterte Brandon erst Eric und dann Stevie.
„Wohin willst du nun?“ wollte er von ihr wissen.
Sie zuckte nur mit den Schultern.
„Erstmal nur weg hier!“ meinte sie dann.
„Okay!“
„Richtung West!“ fiel Eric dann ein. Dies war mehr oder weniger die Richtung gewesen, die Stevie hatte einschlagen wollen, als der Trucker sie mitgenommen hatte.
„Gut!“ Brandon griff nach einem weiteren Brötchen, „Westen klingt gut!“
Jake Larson war die ganze Nacht hindurch gefahren, obwohl er nichts mehr hasste, als nachts zu fahren.
Doch dies war zu wichtig für ihn.
Ohne sein Navigationsgerät allerdings, hätte er die Stadt niemals gefunden.
Die Stadt war eine von vielen Kleinstädten. Meist nur eine Hauptstraße an der rechts und links einige Häuser standen. Die Einwohnerzahl selten über fünfhundert und jeder kannte jeden.
Dies war nicht unbedingt eine Gegend in die er freiwillig ziehen würde.
Zu ruhig und zu klein.
Sein erster Halt führte ihn sogleich zur Polizeistation. Von dort hatte er den Anruf erhalten, wegen dem er überhaupt erst in die Kleinstadt gekommen war.
Eine junge Blondine saß müde am Empfang. Doch sobald sie ihn erblickte, saß sie aufrecht und schenkte ihm ein freundliches Lächeln.
Larson musste schmunzeln. Es war nicht das erste Mal, dass ihn eine Dame so ansah. Und er wusste dies auch stets zu nutzen.
Doch diesmal hieß es erst die Arbeit und dann das Vergnügen.
„Ich bin auf der Suche nach einem ihrer Officer!“ meinte er zu ihr.
Wieder lächelte sie ihn an, während sie ihn nach dem Namen des Mannes fragte.
„Oh, der ist erst in einer Stunde hier!“ antwortete sie ihm jedoch gleich, „Aber wenn sie warten wollen, ...“
Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass es erst kurz nach halb sieben in der Früh war.
„Gibt es hier ein Café?“ erkundigte er sich, „Vielleicht könnten wir zwei ja frühstücken!“
Das Lächeln in ihrem Gesicht wurde immer breiter und ihre Augen leuchteten regelrecht.
Allerdings wurde ihr recht schnell bewusst, dass sie noch einige Minuten ausharren musste, ehe ihre Ablösung kam.
Larson lies sich von ihr den Weg zum Diner der Stadt weisen und sie versprach, dass sie so schnell wie möglich zu ihm kommen würde.
Mit viel Glück würde er doch noch ein wenig Spaß vor der Arbeit haben, dachte sich Larson.
Brandon hatte den Schlüssel zurück zur Rezeption des Motels gebracht und für die restlichen Nächte bezahlt. Ursprünglich hatte er auch nur eine Nacht in dem Zimmer verbringen wollen. Doch das war bevor sein Motorrad den Geist aufgegeben hatte und so lange in Reparatur gewesen war. Und bevor Stevie mit Eric aufgetaucht war.
„Dann machen wir mal los!“ meinte er und griff bereits nach seinem Helm, als er bemerkte, dass Stevie keinen Helm hatte.
„Eric, kannst du …?“ murmelte sie in die Luft, da Eric mal wieder beschlossen hatte, unsichtbar zu bleiben.
Und nur wenige Sekunden, nachdem Stevie ihn gefragt hatte, tauchte Eric mit einem weiteren Motorradhelm auf und reichte ihn ihr.
„Danke!“
Brandon sah den Blonden mit großen Augen an.
„Was?“ fragte der nur und löste sich wieder in Luft auf.
Stevie ignorierte Brandon´s verwirrten Blick und kämpfte mit dem Verschluss des Helms.
„Hauptsache, du bekommst nicht den Ärger dafür, dass er Zeug mitgehen lässt!“ meinte Brandon dann und half Stevie den Gurt des Helms straff zu ziehen.
„Gut?“ wollte er von ihr wissen und setzte sich aufs Motorrad. Unglücklicherweise hatte er damals nicht daran gedacht, dass er vielleicht mehr Gepäck mitnehmen würde. Hätte er gewusst, dass er unterwegs jemanden mitnehmen würde, hätte er vielleicht ein paar Seitentaschen aufs Motorrad gepackt oder wäre mit dem Auto gefahren.
Er konnte nun also nicht viel tun, als Stevie seinen Schlafsack mit auf den Rücken zu schnallen und seinen Rucksack wieder vor sich zu packen. Er wollte Eric nicht fragen, ob er irgendetwas besorgen könnte, nur damit er sein Gepäck fort bekam.
Stevie nahm hinter ihm Platz und schlang ihre Arme um ihn.
„Also auf nach Westen!“ waren Brandon´s letzte Worte, bevor er sein Motorrad an ließ und mit Stevie los fuhr.
Zuletzt geändert von Nikita LaChance am Fr 2. Dez 2011, 09:54, insgesamt 1-mal geändert.