Populäre Mythen der Geschichte




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Populäre Mythen der Geschichte

Beitragvon almafan » So 31. Mai 2015, 18:16

Neben all den gängigen und immer wiederholten Klischees gibt es auch anderweitige Fehler in Spielen und auch Filmen.

In diesem Thread soll einmal Dinge zusammengetragen werden, die in Spielen mit Anspruch auf Historizität Fehler machen. Wenn in einer Fantasywelt irgendwelche Dinge passieren, die so nie waren, ist das ja eine Sache. Game of Thrones und auch die Tolkien-Geschichten haben den Reiz des Fantastischen ganz zurecht. Wenn sich hier jemand beschwert "Das wär früher nicht so!", kann man das getrost auch ignorieren. Denn diese Beispiele wollen unterhalten und erheben offenkundig keinen Anspruch auf historische Exaktheit. Wenn dies allerdings der Fall ist, gilt es tatsächlich zu prüfen.

Mythen über das Mittelalter

Da ich mich in keiner Zeitepoche so sehr auskenne, wie dem Mittelalter (obwohl mich auch die ägyptsiche, griechische und römische Antike, das industrielle Zeitalter und auch die wilhelminische Zeit interessieren), möchte ich dies hier auf diese, mir liebste Epoche anwenden. Wundert euch daher aber nicht, wenn ihr einiges aus den Klischeelisten wiederfindet. Denn auch in den ewig replizierten Spiel- und Filminhalten findet sich so mancher Fehler.

Inhaltsverzeichnis
  • Die Sprache
  • Überlebenswille
  • Fachwerkhäuser und Pflastersteine
  • Uniformität
  • Die Menschen des Mittelalters glaubten, die Erde sei flach.
  • Menschen im Mittelalter waren ungebildet, rückständig und abergläubisch.
  • Gewalt, Krieg und Seuchen waren allgegenwärtig, die Lebenserwartung war gering.
  • Bauern und die niederen Stände mussten ständigen Hunger, Kälte und unmenschliche Arbeit erdulden.
  • Abwesenheit der Körperhygiene.
  • Willkür, Folter und Hinrichtungen waren an der Tagesordnung.
  • Die arabische Welt brachte die Wissenschaft nach Europa.

Die Sprache

Es gibt sie immer wieder: die Weltsprache. Auch wenn sie sich in der echten Welt nie hat durchsetzen können (es soll ja bis zum Turmbau zu Babel eine adamitische Sprache gegeben haben, wofür es keine Belege gibt), sind Figuren in Filmen und Spielen in der Regel in der Lage, auch in entferntesten Teilen der Welt, eine lockere Konversation zu führen.
Eines der wenigen Beispiele, wo dies nicht der Fall ist, ist der Film "Der 13. Krieger". Ein Araber erforscht den hohen Norden und muss sich langsam an die Sprache der Einheimischen gewöhnen. Ein Negativ-Beispiel ist der ansonsten fulminante Film "Das Königreich der Himmel". Warum gerade dieser?
Nun Orlando Bloom selbst gibt dem König von England am Ende des Films jenen Reisetipp mit, den er selbst von seinem Reiseführer knapp 2 Filmstunden zuvor erhalten hat: "Geht da hin, wo man Italienisch spricht. Dann geht weiter, bis man etwas anderes spricht." Er selbst hat, wie alle anderen Figuren im Film, aber keinerlei Problem, sich mit irgendwem zu unterhalten. Ob nun Kreuzfahrer aus Frankreich, England, Deutschland, Italien, Spanien oder Sarazene aus dem Morgenland. Das Maximalste was man den Muslimen in diesem Film zugesteht, ist ein arabisch anmutender Dialekt, der aber trotzdem leicht verständlich ist.
Und gerade Dialekte sind der Beweis einer wesentlich größeren Sprachdifferenz in früheren Zeiten auf kleinerem Gebiet. Das heutige Friesisch und Bayrisch muten heute fremdartig an. Im Mittelalter sind dies wirklich eigenständige Sprachen gewesen, die sich über die hochdeutsche Sprach- und Schriftkultur einander angeglichen haben. Auch wenn ein Friese einen Bayern nach wie vor nicht versteht. Und umgekehrt.
Es gab sie nicht, die deutsche Sprache, wie sie die Literaten verwendeten. Leider sind die meisten Beispiele deutscher Schrift- und Sprachkunst aus dem Adel, Klerus oder dem Dichtertum, kaum aus dem Straßenjargon der Bürger, Händler und Bauern entnommen. Was man auf Mittelaltermärkten also hört, ist mitnichten irgendwie authentisch, sondern lediglich ein Sprachgewirr aus Moderne, Renaissance und dem ein oder anderen aufgeschnappten Worte aus dem in dieser Hinsicht tatsächlich "dunklen Zeitalter".

Überlebenswille

Das Gesundheitssystem ist im Mittelalter nicht das Beste (dazu mehr unter "Hygiene"), aber es war nicht gänzlich das Schlechteste. Es gab auch Epochen danach, wo man dreckiger dran war (Barock). Und auch, wenn die ein oder andere Mixtur tatsächlich einige Wehwechen heilen konnte, ist es erstaunlich, dass auch hart abgekämpfte Recken, sowohl in der Spielebranche als auch im Filmgeschäft keinerlei bleibende Spuren davontragen. Ich meine nicht die Narben. An die wird zumindest im Film gedacht und sorgen für unfreiwillige Komik, wenn die Maskenbildner sie beim nächsten Werktag an der falschen Stelle anbringen. Wandernarben, wer kennt das nicht?
Aber so eine offene Wunde zieht doch sicher auch Bakterien, Viren und so Gesocks an. Recht wenige Helden erliegen ihren Leiden im Fieberwahn, obwohl sie oft gern mehr Blut verlieren, als ein Mastschwein beim Schlachter. Vielleicht waren die Leute damals einfach auch abgehärteter.

Fachwerkhäuser und Pflastersteine

Die schön idyllische Stadtlandschaft mag ja gut beeindrucken und klar, dass man kein mittelalterliches Dorf mehr finden wird, aber in der Regel verwendet man Szenenbilder wesentlich jüngeren Datums. Mehrstöckige Bauten kamen erst vermehrt in der Renaissance und auch das Fachwerk findet sich frühestens zum Spätmittelalter. Pflasterstraßen waren wegen der imensem Baukosten in einigen Dörfern sogar noch bis ins 20. Jahrhundert nicht erbaut. Wie viel weniger dann, sind sie im Mittelalter anzutreffen.
Ja, da gibt es die viel beschriebenen römischen Straßen. Aber ohne Wartung und Instandhaltung, ja ohne ausreichende Nutzung verwildern diese und gehen verloren.

Uniformität

Eine weitere Errungenschaft aus späterer Zeit schafft es immer wieder in Mittelalterspiele und -filme: die Uniform.
Dabei ist die Vereinheitlichung von Kampfausrüstung ein eher spätmittelalterliches, wenn nicht gar neuzeitliches Phänomen. Da Berufsarmeen und stehende Heere ja leider nicht zum gewöhnlichen Militäralltag gehörten, waren die Teilnehmer von Schlachten oft ein unsortierter Haufen Bauern und Bürger, gepaart mit einigen wenigen, nahezu nie identisch ausstaffierten Rittern.
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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Re: Populäre Mythen der Geschichte

Beitragvon almafan » Di 2. Jun 2015, 15:44

Die Menschen des Mittelalters glaubten, die Erde sei flach.

Diese Meinung ist entgegen landläufiger Ansicht eine moderne und wird durch historische Quellen nicht gestützt. Die bekannteste Abbildung, welche oft als symbolischer "Beweis" herangezogen wird, ist der Holzstich von Flammarion, der jedoch aus dem Jahr 1888 stammt und deshalb keinerlei Aussagekraft besitzt. Die Behauptung, Menschen des Mittelalters glaubten, dass die Erde flach sei, taucht zum ersten Mal in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts auf und ist somit für das Mittelalter nicht als historisch zu betrachten. Vor allem Washington Irving trug wesentlich zur Festigung dieses Mythos bei durch seine Columbus-Biografie Das Leben und die Reisen des Christoph Columbus (1828), wo er aus literarischen Gründen den Matrosen unterstellte, sie hätten Angst vom Rand der "Erdenscheibe" herunterzufallen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die im Mittelalter bekannten Ideen des Aristoteles sowie das Ptolemäische Weltbild die Erde als eine Art Sphäroid lehren, war die Vorstellung einer "Erdenscheibe" für die Gelehrten des Hochmittelalters an sich untragbar.

Menschen im Mittelalter waren ungebildet, rückständig und abergläubisch.

Diese Vorstellung trifft nur bedingt - schichtenabhängig - zu. Werke bedeutender Autoren entstanden im Mittelalter, etwa jene von Thomas von Aquin, Meister Eckhart, Roger Bacon, Albertus Magnus und viele andere. Die Gründung von Universitäten, der Ausbau der Städte, technologische Fortschritte (z.B. die Erfindung der Brille) sowie umfangreiche zeitgenössische Überlieferungen widersprechen der Annahme eines "barbarischen" Mittelalters. Die so häufig genannte Hexenverfolgung war vor allem ein Phänomen zwischen dem 15. und 17.Jahrhundert - und somit eine Erscheinung der Renaissance bzw. der Neuzeit und nicht des Mittelalters.

Gewalt, Krieg und Seuchen waren allgegenwärtig, die Lebenserwartung war gering.

Obwohl es in Europa zwischen 500 und 1500 zahlreiche Kriege gab, gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass diese mit größerer Brutalität oder Rücksichtslosigkeit als in der Neuzeit geführt wurden. Außerdem ist in der Zeit zwischen dem 12. und 14.Jahrhundert ein deutliches Bevölkerungswachstum sowie eine Ausbreitung des Siedlungsgebietes feststellbar, was auf die günstigeren Klimabedingungen zurückzuführen ist. Die kleine Körpergröße der Menschen im Mittelalter ist eine weitverbreitete, heute jedoch weitgehend widerlegte Annahme. Untersuchungen an Skeletten in den letzten Jahrzehnten haben ergeben, dass die durchschnittliche Körpergröße des mittelalterlichen Menschen vergleichbar ist mit der durchschnittlichen Größe der Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Europa erlebte im Hochmittelalter eine ausgeprägte Wärmeperiode, im Süden Englands wurde Wein angebaut. Erst im 14., 15.Jahrhundert verschlechterte sich das Klima zur sogenannten "Kleinen Eiszeit". Die damit verbundene Nahrungsumstellung und teilweise Mangelernährung wirkte sich in den darauffolgenden Jahrhunderten auf die durchschnittliche Körpergröße aus. Auch die Betrachtung der Pest als typisch mittelalterliche Erscheinung ist eine Vorstellung der Moderne: Zwischen der Justinianischen Pest und der spätmittelalterlichen Pandemie lagen vom 8. bis zum 14.Jahrhundert mehr als 500 "pestfreie" Jahre. Im Früh- und Hochmittelalter spielte die Pest als Massenseuche in Europa praktisch keine signifikante Rolle.

Bauern und die niederen Stände mussten ständigen Hunger, Kälte und unmenschliche Arbeit erdulden.

Das Bild vom geschundenen Bauern in zerlumpter Kleidung erfuhr ihre größte Popularität in der filmischen Darstellung des Mittelalters. Historisch gesehen war das Leben der niederen Stände jedoch deutlich vielseitiger und weniger entbehrungsreich, als heute oft angenommen wird. Die Ernährung war ebenfalls keineswegs durchgängig so schlecht, dass es die Menschen an den Rand des Verhungerns brachte. Während der mittelalterlichen Warmzeit waren Missernten viel seltener als später, was den sozialen und technologischen Ausbau sowie die Expansion der Siedlungsräume ermöglichte.

Abwesenheit der Körperhygiene.

Zahlreiche Badehäuser sind in mittelalterlichen Städten archäologisch belegt, genauso wie zeitgenössische Schriften, in denen eindeutig zu ausgedehnter Körperpflege und Hygiene gemahnt wird (z.B.: Passionibus Mulierum Curandorum von Trotula sowie Regimen Sanitatis Salernitanum aus dem Umfeld von Schola Medica Salernitana und Compendium Medicinae von Gilbertus Anglicus). Anderweitige historische Überlieferungen zeugen außerdem von ausgeprägter Badelust der gehobener Schichten. Wie auch zu anderen Zeiten und in anderen Ländern war Hygiene eine persönliche Angelegenheit, die mit Sicherheit auch von der gesellschaftlichen Schicht abhängig, unterschiedlich extensiv praktiziert wurde. Besonders im nördlichen Europa finden sich seit dem Frühmittelalter hölzerne Badehäuser und Dampfbäder, welche bis heute in Skandinavien und Osteuropa verwendet werden.

Willkür, Folter und Hinrichtungen waren an der Tagesordnung.

Entgegen der weitläufigen Meinung ist im 16.Jahrhundert der eigentliche Höhepunkt der Hexenverfolgung anzubringen. Bereits der Sachsenspiegel, ein bedeutender hochmittelalterlicher Rechtscodex, offenbart wohlstrukturierte Rechtsverhältnisse, welche große Teile des Lebens regeln. Eine besondere Rechtlosigkeit des Bürgers und des Bauern ist angesichts der feudalen Strukturen sowie der damals sehr wohl bestehenden Rechtsordnung nicht zutreffend.

Die arabische Welt brachte die Wissenschaft nach Europa.

Es ist unter Historikern umstritten, wie groß der Einfluss der arabisch-islamischen Welt auf die Bewahrung der griechisch-römisch-antiken Wissenschaft und deren Rückkehr nach Europa war.
Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches gingen viele Werke der antiken Wissenschaftler und Philosophen verloren, unter anderem Schriften über Mathematik, Astronomie und Medizin. Viele davon fanden Eingang in die arabisch-muslimische Welt und lagen in arabischer Übersetzung vor, so dass viele Werke z. B. von Aristoteles und Euklid, die in Europa verloren gegangen waren, erst im Zuge der Reconquista und der Kreuzzüge quasi eine Rückführung nach Europa erfuhren. Dabei profitierte der Westen auch von den Werken arabischer Philosophen und Denker, die noch jahrhundertelang die westliche Wissenschaft entscheidend mitgeprägt haben.
Andererseits gab es nach Einschätzung anderer Historiker in Europa bereits im 8. Jahrhundert weitreichende Bildung und regelrechte Bildungszentren. Vor allem die sogenannte karolingische Renaissance widerlege die Vorstellung, die westliche Wissenschaft sei komplett aus dem Orient übernommen worden. Ebenfalls weit verbreitet ist die Vorstellung, dass wichtige Erfindungen wie Schwarzpulver, Papier, Buchdruck, Armbrust, Kompass und Fernrohr allesamt aus China oder Persien übernommen worden seien. Das Schwarzpulver gelangte vermutlich durch die Expansion des Mongolischen Reiches nach Europa, und das Papier fand nachweislich entlang der Seidenstraße seinen Weg nach Europa. Zu den meisten chinesischen Erfindungen existieren jedoch europäische Gegenstücke, die oft bis in die römisch-griechische Antike reichen und keinen chinesischen oder persischen Einfluss erkennen lassen. Man geht heute davon aus, dass die meisten dieser Erfindungen keine Kopien oder Übernahmen, sondern eigene Parallelentwicklungen darstellten.
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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