So 5. Okt 2014, 20:07
Mein liebster Jeschua,
manchmal frage ich mich, wie wohl mein Leben jetzt wäre, wenn du nicht so schwer krank gewesen wärst. Inzwischen bist du schon 6 Jahre alt und würdest kommendes Jahr in die Schule kommen. Hättest du inzwischen mehr als nur einen Bruder? Würden wir zusammen als Familie in Desden wohnen oder wär alles dennoch so gekommen, wie es im Leben kam und wir würden hier wohnen, wo wir jetzt wohnen.
Einst fand ich an diesem Ort Ruhe. Es war für mich eine Anlaufstelle, wenn es mir in der Stadt zu laut war. Hier war es für mich, wie auf einem Dorf irgendwie und ich glaubte mich bischen einbringen zu können. Inzwischen bin ich schon lange nicht mehr mit dem Verein verbunden, bei welchem ich eine Gruppe für Eltern mit ihren behinderten Kindern aufmachen wollte. Es lief zu deinen Lebzeiten nicht an und danach konnte ich es nicht mehr und selbst wenn ich jetzt wöllte, so ist es unendlich weit weg diese Zeit mit dir und ich bin auch nicht mehr auf dem neusten Stand oder könnt irgendwas sagen oder berichten.
Zwar hatte ich schon zu deinen Lebzeiten überlegt fort zu ziehen, habe dies aber immer wieder verworfen, vor allem, weil du ja auhc begonnen hast in den Kindergarten zu gehen. Auch deine ganzen Therapien waren vor Ort. Zusammen sind wir auch gern in der Stadt unterwegs gewesen. Wir lagen so oft im Alaunpark oder saßen am Elbufer. Es gab so vieles, was wir unternommen haben oder auch konnte man schnell mal jemanden treffen.
Inzwischen vermisse ich die Stadt, in der wir so viel erlebt haben, sehr. Ich wollte ganz schnell weg, nachdem du gestorben bist. Ich konnte es nicht ertragen, ohne dich dort zu sein oder gar in der gleichen Wohnung. Ich wollte nicht allein sein. Ich sehnte mich nach Trost und Nähe.
Wahrscheinlich habe ich es bisher noch immer gut verdrängt. Es, diesen Schmerz, diese Gedanken, dieses still stehen um irgendwann weiter zu laufen. Ja, wie so manche sagen, war und bin ich nur auf der Flucht. Gut möglich, aber auch irgendwie die einzige Art für mich, alles, was geschehen ist zu ertragen.
Mir fallen die einfachsten Sachen unheimlich schwer.: Weißt du noch unser Dimitri. Ich habe ihn so lieb gewonnen. Er war mein kleines Kätzchen, der immer bei mir war. Er war mit mir auf Arbeit, mit dem Zug und Fahrrad unterwegs. Egal wie einsam ich mich fühlte, er war bei mir und hat nachts mit mir gekuschelt. Leider lebt er seit dem Jahr, in dem du starbst nicht mehr bei mir. Ich habe ihn sehr vermißt, aber leider mußte ich ihn deiner Tante geben. Dies hat mich sehr traurig gemacht. Klar, ich geh ihn immer mal wieder besuchen. Weißt du aber, was das Problem ist? Ich bringe es nicht fertig ihn zu kuscheln oder zu streicheln. Jede Berührung ist für mich eine Überwindung. Ich habe das Gefühl, ich kann zu ihm keine Verbingung mehr aufnehmen, weil ich ihn dann zu sehr wieder haben möchte und mich dieser Verlust zu sehr schmerzt.
Ich habe den Schmerz, den dein Tod mir bereitet hat noch lange nicht verkraftet. Ich habe mich diesem Schmerz nie wirklich gestellt. Klar, ich war in einer Tagesklinik - zwei mal. Dennoch habe ich auch dort mich dessen nicht wirklich gestellt, sondern nur meine Gedanken abgelenkt.
Ich sehe deinen Bruder und denke an dich. Er entwickelt sich glücklicherweise ganz gut. In zwei Tagen gehen wir zum Arzt wegen der nächsten Voruntersuchung. Ja, wir kommen auf jeden Fall da auch bei dir vorbei, wenn wir schon einmal so nah sind, kommen wir immer gern lang. Es tut mir gut bei dir zu sein und den Friedhof, auf dem du liegst, finde ich noch immer sehr angenehm. Egal, was mal sein wird, ich möchte gern bei dir begraben werden.
Ich weiß, manchen Menschen macht es Angst, wenn ich so etwas schreibe. Ich liebe das Leben, auch wenn es manchmal wirklich sehr schwer ist. Die letzten Tage waren solche Tage. Es waren derer viele, die mich traurig und niedergeschlagen gemacht haben. Nachdem ich deinen Onkel, meinen Bruder, endlich mal wieder gesehen habe und mit ihm gesprochen habe, geht es mir wieder etwas besser.
Ich glaube das Gefühl der Leere, die dein Tod hinterlassen hat, läßt sich nie wieder füllen. Auch wird wahrscheinlich kaum das Gefühl vergehen, allein zu sein oder fremd auch wenn ich eine ganz liebe Familie um mich habe und Freunde, die für mich da sein möchten. ich glaube, dies kommt daher, daß die Bindung, die wir zwei hatten, mein kleiner Jeschua, diese Bindung so eng und so etwas besonderes war, was nicht ersetzbar ist und ja, nichts in der Welt soll oder kann dich ersezten.
Nochmals, ich bin wirklich überglücklich deinen kleinen Bruder, unseren Noah, zu haben. Ich vermiß es nur zu sehen, wie ihr zusammen spielt. Ich wäre so gespannt zu sehen, wie ihr miteinander agiert. Ich bin auch sehr glücklich, einen lieben und fürsorglichen Mann an meiner Seite zu wissen, der mit mir auch die scheren Zeiten durchsteht.
Es ist nur: du fehlst. Mein Baby, mein kleiner großer Junge, mein Kindchen, mein Jeschua.
An vielen Scheidewegen in meinem Leben mußte ich Entscheidungen treffen oder wurden jene für mich getroffen. Ich weiß nicht, wie mein Leben jetzt aussehen würde, wäre einiges anders gewesen. Ich weiß aber, daß egal, was so alles passiert ist, die Zeit sich nicht mehr drehen läßt. Ich habe begriffen, daß man oft nur eine Chance hat. Später, im Nachhinein, versucht man sich manche Entscheidungen und Gegebenheiten zu erklären und denkt man hätte anders reagieren müssen - andere Worte, andere Taten. Doch es ist vorüber.
Es tut so weh, wenn ich an die Zeit kurz vor deinem Tod denke. Ich würde vielleicht heute einiges anders machen, einfach weil ich Dinge im Nachhinein anders beurteile. Ich hätte deinen Tod so gern verhindern wollen, auch wenn mir gesagt worden ist, daß du sehr wahrscheinlich ja am Ende deiner Kräfte warst. Ich wöllte dir so gern weiterhin Mama sein. Ich vermisse dich so sehr. Ich kann nur darauf hoffen, daß Gott mir Gnade erweißt und ich dich dann endlich wieder sehen kann: gesund und glücklich im Paradies. Dann kannst du auch endlich deinen kleinen Bruder Noah kennen lernen und mit ihm spielen und ich darf euch zusehen bei eurem Spaß. Ich sehne mich nach dieser Zeit. Ich hoffe, daß alle Menschen, die mir lieb sind, auch dieses Vertrauen in Gott in sich wachsen lassen und wir dann alle vereint diese schöne Zeit genießen können.
In ewig währender Liebe,
Deine Mama
Tausend Küsse für dich, mein Kind