Tausend Küsse für Jeschua




Wenn euch etwas auf dem Herzen liegt, dass ihr mit und teilen wollt.

Re: Tausend Küsse für Jeschua

Beitragvon vlindertje » Mo 9. Sep 2013, 20:46

Mein liebster Jeschua,

heute ist schon der 9te und daher möchte ich dir gern meinen monatlichen Brief an dich online setzen. Wie du ja weißt, ist es einige Tage später geworden mit dem Brief, weil ich im Urlaub war, zusammen mit dem Mann, den du für mich ausgesucht hast. Wir waren im Wald im Urlaub und in Dresden, dort, wo du und ich gewohnt haben. So viele Erinnerungen die mich auf all diesen Wegen begleitet haben und immer wieder plötzlich auftauchten. Du bist mein Baby, mein Liebster, mein Jeschua. Du bist immer bei mir und dies nicht nur in Form eines Fotos, nein, sondern tief in meinem Herzen, in meinem Innersten. Ich liebe dich von Herzen sehr.

Gern schreiben möchte ich dir, daß der Mann, den du ausgesucht hast für mich, mich gern zu seiner Frau haben möchte, so richtig mit Ringlein und Namen. Ja, ich weiß, du weißt auch dies schon. Mama ist jedenfalls jetzt mit ihm verlobt. Dich hätte es sicher sehr gefreut, zu erleben, daß ich endlich irgendwo angekommen bin, bei jemanden angekommen bin der mich auffängt und hält.

Deinem Geschwisterchen geht es gut. Die Ärztin beim letzten Untersuchungstermin meinte dies. Nur mir, deiner Mama, geht es nicht so besonders, da ich mit vielen "Nebenwirkungen" zu kämpfen habe. Diese "Nebenwirkungen" sorgen dafür, daß ich mich immer wieder frage, wie es dir wohl, tief in dir drin, ergangen ist. Ich bekomme Bilder vor Augen von dir, die es mich vielleicht ein wenig erahnen lassen, denn ich muß mich sehr oft übergeben und da sehe ich dich vor mir, dem es ja genauso erging. Wenn ich schlecht Luft bekomme, ja bei allen möglichen Dingen, die geschehen, denke ich an dich und wie tapfer du gewesen bist. Du bist mir wirklich ein Vorbild. Du hast so unglaublich stark gekämpft.

Ich vermisse dich unheimlich sehr. Wie liebend gern würde ich dich in meine Arme schließen, dich halten, dich küssen, deinen Atem spüren, mich einfach an dich kuscheln. Ich weine viel, weil du mir fehlst. Ich weiß aber auch, daß Gott dich mir wieder in die Arme geben wird. Ich freu mich auf diese Zeit. Es gibt Momente, da würde ich mich am liebsten zu dir legen, einfach um dir wieder nah zu sein, doch ich weiß, du möchtest deine Mama im hier und jetzt von Herzen lachen sehen.

Ach, mein Schatz, es fällt mir schwer mir vorzustellen, daß du fast 5 Jahre alt bist. Wie die Zeit doch immer weiter läuft. Für mich ist sie jetzt anders, als sie es früher war. Ich weiß, daß viele mich nicht verstehen, zumindest kommt es mir so vor, aber den Mann, den du mir ausgesucht hast, er ist für mich da. Danke dafür, mein Baby. Du hast mich nicht ganz allein zurück gelassen.

Eigentlich wollte ich dir heute etwas zu den Diagnosen der Ärzte schreiben, also welche Diagnosen sie genau gestellt haben, welche Untersuchungen sie veranlaßten. Leider fehlt mir im Moment die Kraft dazu. Damals, als ich all dies erfuhr brach eine Welt für mich zusammen. Eine der Diagnosen hatte für mich zur Folge zu verstehen, daß die Wahrscheinlichkeit, dich als erwachsenen Mann zu erleben, nicht gegeben ist. Im Gegenteil. Bei einer ähnlichen Gehirnerkrankung, die aber besser erforscht ist, belief sich die Lebenserwartung auf wenige Monate, bis hin zu wenigen Jahren bei liebevoller Umsorgung. Geliebt habe ich dich, ja, ich tu es noch immer. Leider allerdings hat diese, meine Liebe allein, nicht gereicht. Ich mußte dich gehen lassen. Damals habe ich dich fest in meinen Armen gehalten und geweint. Es war für mich nicht vorstellbar, daß ich dich hergeben muß und ich nichts dagegen können. Ich würde dir nur dein Leben schön gestalten können, mehr wäre mir aber kaum möglich. Liebe und liebevolle Pflege und Umsorgung sowie Förderung. Ich hätte durchweg nur weinen und schreien können, aber ich durfte nicht, denn du brauchtest mich. So bemühte ich mich stark zu sein für dich.

Mein Herz wurde durch all die Botschaften gebrochen. Wieso nur muß ich das mir Liebste her geben? Ist das fair? Ich kann es bis heute nicht verstehen. Ich laß mir viel Wissen an, um zu verstehen, was für Erkrankungen du alles hast und was dies wirklich bedeutet. Ich versuchte optimistisch zu bleiben: wenn du nicht laufen können wirst, naja, da dann werden wir eben im Rollstuhl viel Spaß haben. Es würde weiter gehen. Viel später wurde mir dann gesagt, daß es dir noch nicht einmal möglich werden würde dich allein aufzurichten vom Liegen ins Sitzen. Damals, ganz am Anfang der Diagnosen, wußte ich nur, daß es nicht sehr wahrscheinlich sein würde, daß du laufen lernen würdest.

Ja, ich weiß, ich muß mich damit auseinander setzen, auch wenn es mir weh tut. Ich möchte dir ja gern davon erzählen. Es tut mir unheimlich Leid, daß ich nichts dagegen unternehmen konnte, daß ich dir deine Erkrankungen nicht abnehmen konnte. Ich habe mit dir gekämpft, auch wenn du um ein vielfaches stärker warst, als ich, denn du hast alles getragen, was die Erkrankungen auch mit dir anstellten. Ich selbst stand dir bei. Ich habe noch nie so geliebt, wie ich es dir gegenüber empfand.

Mein Jeschua, du bist ein wunderbares Geschenk. Du hast mein Leben sehr bereichert.

In ewig währender Liebe,
Deine Mama
Tausend Küsse für dich, mein Kind.
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Re: Tausend Küsse für Jeschua

Beitragvon vlindertje » Sa 5. Okt 2013, 21:17

Mein liebster Jeschua,

es ist kaum zu glauben, aber seit ein paar Tagen bist du schon 5 Jahre alt. Wahnsinn! 5 Jahre. Die Zeit vergeht und eilt dahin. Ich bin in Gedanken so viel bei dir. Deine Geburt, deine ersten Monate, die ersten Jahre, unsere Zeit zusammen - alles scheint kaum einen Augenblick her zu sein. Ich erinnere mich an die Schwangerschaft mit dir. Es erscheint mir so leicht gewesen zu sein, in meiner Erinnerung. Natürlich gab es dies oder jenes Wehwehchen in der Schwangerschaft, aber im Grunde verlief sie ziemlich angenehm und es ging mir recht gut dabei. Auch an die erste zeit zu hause mit dir kann ich mich gut erinnern. Es war anstrengend für mich, mich komplett umzustellen und mich an deinem Rhytmus anzupassen, doch im Grunde warst du ein recht pflegeleichtes Kindchen.

Nachts besuchst du mich sehr oft in meinen Träumen. Die letzte Zeit noch verstärkt. Du bist bei mir, gibst mir Mut. Es sind nicht mehr so sehr die Bilder rund um deinen Tod, sondern Bilder, die von Leben zeugen, von deinem Lebensmut, von deinem Lachen. Ich träume oftmals sehr schlecht, mein geliebter Jeschua, doch dann tauchst du plötzlich auf und lachst und schon wache ich, trotz eines langen schlechten Traumes, mit einem Lächeln auf, und das Erste, was ich erzähle am Morgen ist, daß du in meinem Traum warst und gelacht hast, daß wir zusammen gespielt haben.

Ja, du bist wirklich mein Held. Du hast mich so vieles gelehrt und gibst mir immer aufs Neue Kraft und Lebensmut. Du erinnerst mich daran, wer ich bin und wer ich sein kann. Wir haben so viel gemeinsam gemeistert, da sollte alles andere, was mir im Leben noch geschehen mag doch auch zu meistern sein.

Weißt du, mein kleiner Jeschua, ich freu mich schon sehr, wenn ich wieder ganz nah bei dir wohne - nahe deiner Schafstätte, nahe deinem Grab. Ich merke, daß ich diese Nähe noch sehr brauche und das Verweilen an jenem Orte.

Weißt du, mein Jeschua, es gibt so viel zu erzählen und dabei hatte ich vor gehabt, dir von deiner Zeit bei mir, also unserer Zeit gemeinsam zu schreiben. Ich weiß immer nie so recht, wo ich denn ansetzen soll, denn eigendlich hatte ich vor, dir alles, so gut es geht zumindest, der Reihe nach zu schreiben. Dann passiert hier aber im jetzigen Geschehen etwas und ich denke mir, daß möchte ich auch gern in diesen Brief schreiben.

Mir ging es ja die letzte Zeit, viele, viele Wochen lang, gar nicht gut. ich habe mich ziemlich zurück gezogen und viel meinen Gedanken nachgehangen. Da es mir nicht so gut ging, mußte ich viel darüber nachdenken, wie du dich wohl gefühlt hast, als du dich ständig übergeben mußtest oder als du so schlecht Luft bekommen hast. Es tut mir so leid, mein geliebtes Kindchen, daß ich nichts dagegen unternehmen konnte. Wie gern hätt ich dir alles erleichtert oder dies alles selbst auf mich genommen. Du mußt so verzweifelt gewesen sein, denn die Gefühle, die mit Atemnot oder heftigen Übergeben einhergehen sind sehr unangenehm und mitunter ziemlich beängstigend. Bei dir war dies schon fast Alltag. Es gehörte für dich zum Leben dazu. Sich ständig übergeben zu müssen ist anstrengend und ermüdend und die ständige Atemnot etwas, an das man sich nie gewöhnen mag. Es tut mir so leid, daß ich mehr oder weniger nur daneben stehen konnte. Ich konnte dich nur versuchen hinterher wieder aufzumuntern und zu bespaßen, so daß du schnell genug wieder von dem Geschehen abgelenkt bist und dich schnell wieder erholst. Das einzige, womit ich dir helfen konnte, war die Gabe von Sauerstoff oder auch deine Trachealkanüle leer zu saugen, damit eventueller Schleim dir nicht noch das Atmen erschwert. Ich konnt auch einfach nur, nach deinem Erbrechen, dich schnell wieder frisch machen und auch all jenes zeug, was schmutzig geworden war. Klar, war dies so einiges, womit ich dir helfen konnte, doch es erscheint mir so wenig. Ich hätt gern noch viel mehr für dich tun wollen.

Gestern Nacht mußte ich sehr stark an die Zeit mit dir denken, wie es war, wenn du nachts plötzlich hohes Fieber bekamst. Ih war jedesmal so in Sorge um dich und oftmals durfte ich es mir nicht anmerken lassen. In meinen Gedanken lief sofort ein Film ab, alles was wir zusammen erlebt erschien in meinem Geist. Auch all die Gefühle überkamen mich. So viele Nächte habe ich neben dir gewacht und gehofft und gebetet, daß dein Fieber weg gehen möge. Meine Angst um dich - alles war gestern Nacht wieder da.

Dennoch, auch wenn es komisch klingen mag, komt es mir so vor, als seist du in jenen Situationen mir unendlich nah. Ich bin dankbar für die Zeit, die wir gemeinsam hatten und ich möchte keinen Augenblick davon missen, auch wenn es mitunter ziemlich schwer war - für uns beide. Wir haben alles gemeinsam durchstanden. Wir waren immer füreinander da. Du hast mich für all meine Sorge und Mühe tausendfach, ja millionenfach, entschädigt. Ein Lächeln von dir, ein sanfter Ton und alles erschien mir wieder viel leichter. Nichts, aber auch gar Nichts kommt dem gleich, was du und ich für eine innige Verbindung erleben durften und Nichts wird je diese besondere Bindung lösen. Ja, mein kleines geliebtes Kindchen, mein Jeschua, ich liebe dich und vermiß dich sehr.

In ewig währender Liebe,
Deine Mama
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Re: Tausend Küsse für Jeschua

Beitragvon vlindertje » Sa 2. Nov 2013, 20:31

Mein liebster Jeschua,

ich weiß, heute ist noch nicht der 5te November und dennoch schreibe ich dir heute schon. Warum das so ist, haben wir dir ja schon vor längerem verraten: wir ziehen wieder in deine Nähe, wo du jetzt in deinem Erdenbettchen schläfst. Gepackt haben wir inzwischen schon fleißig und freun uns sozusagen schon darauf, morgen los zu legen .. und noch viel mehr darauf, alles endlich in unserer neuen Wohnung zu haben. Durchgeplant ist alles gut und wir hoffen sehr, daß auch alles so ablaufen wird. Genau deswegen schreibe ich dir ja auch heute schon, weil es sicherlich eine Zeit lang dauern wird, bis wir wieder Internet zu hause haben und ich dich nicht so lange auf einen Brief warten lassen wollte.

Ach, mein kleiner Jeschua, ich habe so viele Dinge von dir in meiner Hand gehabt, die letzten Tage. All deine Kindersachen habe ich noch - zumindest das meiste. Auch dein Spielzeug: Wie oft ging mir die schöne zeit mit dir durch meinen Kopf. Wie hast du gelacht, als du das Wort "Ball" das erste Mal so richtig vernahmst! B-all...Du mochtest es, wenn ich dies so mit betonung aussprach und hast richtig herzlich laut los gelacht. Oder kennst du noch den grünen Grashüpfer? Einst hing er noch an einem gekringelten Draht von der Decke herunter. Damals konntest du Dinge, die man dir in die Hand gab, noch gut halten. So hast du dann auch eines der Beine dieses Plüschtieres gehalten und es fasziniert angesehen und daran gewackelt, und wenn es dir aus die Hände huschte, dann hüpfte dieser Grashüpfer über die herum. Ja, du fandest ihn sehr faszinierend, auch dann noch, als der Draht längst abgerissen war und ich mit ihm mit dir spielte.

In Gedanken höre ich dein Lachen und sehe dich übers ganze Gesicht strahlen. Du warst und bist mein Sonnenschein. Jedes kleine Lächeln von dir hat sich tief in mein Bewußtsein gebrandt. Es ist unvergeßlich schön - das schönste, daß ich je ghört und gesehen habe.

Mir fällt so vieles ein und ich weiß nicht, wie ich all meine Erinnerungen so schnell in Worte fassen soll. Einmal saß ich mit dem Mann den du für mich ausgesucht hast, in einem mini kleinem Lokal etwas zu essen. Du saßest in deinem Wagen bei uns und wie aus dem Nichts fingst du plötzlich zu lachen an. Das war so wunderschön und wir hätten nur zu gern erfahren, was du in diesem Moment wohl gerade gedacht hast.

Manche, die dich nur so grob kennen gelernt haben, denken, daß du es ja so unendlich schwer hattest und so sehr leiden mußtest und bestimmt unglücklich warst. Aber sie haben dich nie wirklich kennen gelernt. Natürlich war es sicherlich für dich nicht schön krank und eingeschränkt in deinen Möglichkeiten zu sein, doch dennoch warst du glücklich und fröhlich. Die Schmerzen, vor allem durch die Tetraspastik haben es dir oftmals schwer gemacht und auch deine häufigen Lungenentzündungen waren nicht ohne und dennoch sah ich immer wieder ein lächeln auf deinem Gesicht. Dadurch ahst du mir unheimlich viel Kraft gegeben und ich weiß nicht, ob ich jemals allein, ohne dich, so stark gewesen wäre.

Wenn ich zum Beispiel an deine Trachealkanüle denke, die dir in München gegeben wurde - ach, was war sie doch für ein ungewohntes und hilfreiches Mittel für dich, daß du gern und schnell, als dein eigen, angenommen hast. Wie viele Menschen meinten doch, wie schlimm es denn sei und "das arme Kind". Sie hatten ja so wenig Ahnung und wenn du es ihnen hättest sagen können ... Ich habe es ihnen gesagt, nämlich, daß sie die ganze Sache falsch betrachten, denn diese Kanüle ist kein schlimmes Ding, sondern es hilft dir endlich frei und geräuschlos zu atmen. Sie ist etwas hilfreiches und tolles für dich, die dir die Möglichkeit gab, leicht zu atmen. Nur, weil man ohne diese Trachealkanüle nicht gesehen hat, daß dir das Atmen schwer fällt, ist es doch nicht automatisch besser, als wenn man sie sehen kann, dir dafür aber das Atmen erleichtert wird. Menschen verschließen nur all zu oft ihre Augen, leben in ihrer Wirklichkeit, in ihrer "heilen" Welt und wollen so manch andere Dinge nicht begreifen.

Ich kann mich aber noch sehr gut erinnern, wie es war, als du, nach der Operation, das erste Mal geräuschlos und ohne Anstrengung frei atmen konntest. Ich werde nie vergessen, wie du mich angestrahlt hast. Es war unglaublich, wie unheimlich leicht dir dies auf einmal fiel - und dies war dir auch anzumerken.

Weißt du noch den Tag vor der Operation bzw den Zeitpunkt deiner Aufnahme ins Krankenhaus? Plötzlich mußten alle Ärzte und Pfleger zu dir flitzen, weil es durch deine Atemnot so knap um dein Leben stand. Selbst ich, die ja einiges gewöhnt war, was deine vielen Atemaussetzer und Sauerstoffentsättigungen angeht, hatte zu diesem Zeitpunkt mal wieder ganz viel Sorgen, ob denn alles noch gut bzw wieder gut wird mit deinem Sauerstoffgehalt im Blut und deiner Atmung bis zur Operation. Ich hatte diese Angst des öfteren - so eben auch noch einmal sehr intensiv kurz vor deiner Operation sozusagen. Und dann danach - wie ausgewechselt. Kein schweres Atemgeräusch mehr, keine sichtbaren Zeichen, daß du um Luft ringst, keine Sauerstoffentsättigungen mehr. Klar warst du anfangs geschwächt durch die Operation - aber dann eben dein freies, wunderschönes Lächeln. Nach dieser Zeit mußten wir endlich nicht mehr jeden Monat einige Zeit im Krankenhaus verbringen. ...

Ja, ich werde dir all dies noch einmal in Ruhe und in Reihenfolge schreiben. Ich merke nur, wie schwer mir dieses "in Reihenfolge schreiben" fällt, denn meine Gedanken sind so durcheinander und aufgewühlt und durchfliegen unsere gemeinsame Zeit immer und immer wieder - mal vorwärts, mal rückwärts.

Vor kurzem hatte ich übrigens Kontakt mit deiner Ärztin, die dich immer so lieb umsorgt und fürsorglich behandelt hat. Sie hat mir erzählt, daß sie genau dieses Foto, mit deinem Lächeln, von kurzer Zeit nach der Operation, als du die Trachealkanüle bekommen hast, auf ihrem Schreibtisch stehen hat. Schön, oder? Auch sie wird dich nicht vergessen.

Im übrigen überlegen wir, deinen kleinen Bruder, Noah Leonardo, in genau diesem, deinem Stammkrankenhaus, zum Welt zu bringen. Weißt du noch, wie lieb dort alle zu dir waren und dich umsorgt haben, daß du schnell wieder gesund wirst und dich rundum wohl fühlst? Ich bin mir sicher, daß werden sie für dein Brüderchen auch tun, falls er irgendwelche Hilfe braucht. Gut, nicht wahr? Wir werden auf ihn aufpassen und uns um ihn kümmern, so wie ich auf dich aufgepaßt und mich um dich gesorgt habe - ich bin mir sicher, dies wünscht du dir auch.

Ich schicke dir tausend Küsse und Umarmungen meiner Liebe zu dir. Mein geliebtes Kindchen, mein Schatz, ich bin sehr dankbar für die Zeit mit dir.

In ewig währender Liebe,
Deine Mama
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Re: Tausend Küsse für Jeschua

Beitragvon vlindertje » Do 5. Dez 2013, 16:54

Mein liebster Jeschua,

langsam wird es hier wieder ordentlich kalt - Dezember eben. Wie so oft, waren wir auch heute wieder bei deinem Grab. Seit dem Totensonntag ist der Friedhof mit einer Menge an Reisiggestecken bestückt. Wir haben dir, wie immer, eine neue Kerze angezündet in deiner Laterne - diesmal eine schöne oangene - und dazu gab es gelb leuchtende Blümchen. Es gefällt mir, wenn es bei dir so schön bunt ist. Zusammen mit all den anderen Dingen die dort stehen, ist es ein richtig schöner, einladender Fleck. Wir sind dich wirklich gern besuchen, auch wenn wir in den kalten Monaten leider nicht so lange bei dir vor Ort, auf dem Friedhof, sein können, wie wir es im Sommer gerne sind.

Dein kleiner Bruder entwickelt sich, laut den Aussagen der Ärzte, recht gut in Mamis Bauch. Wir freun uns schon darauf Noah zu berichten, daß er einen großen Bruder hat. Er wird dich auf jedenfall kennen lernen.

Unsere heimliche Hochzeit haben wir inzwischen auch all unseren Leuten in der Familie, sowie all unseren Freunden und Bekannten verraten. Viele haben sich für uns gefreut. Wir freuen uns auch, nun eine richtige feste Familie zu sein - Papa, Mama und zwei Kinderchen.

Ich wollte dir, mein geliebter Jeschua, ja gern aus deinem Leben berichten - eigendlich der Reihenfolge nach. Allerdings sind meine Gedanken immer wieder so sprunghaft, daß es mir schwer fällt, auf die Reihenfolge zu achten. Ich hoffe, dies ist nicht allzu schlimm.

Letztens zum Beispiel war ich seit langem mal wieder auf meinen Youtube-Kanal und da sah ich das eine Video von dir, welches ich irgendwann einmal dorthin hoch geladen habe. Ich schau mal, ob ich es dir hier auch einfügen kann. Jedenfalls, mein Jeschua, ist es aus der Zeit, als du deine Trachealkanüle ganz neu erhalten hast. Weißt du noch davon? Ganz bestimmt. Endlich konntest du wieder frei atmen. Es war für mich sowieso das erste mal, daß ich dich ganz ohne Geräusche atmen sah bzw hörte. Natürlich warst du nach der Operation geschwächt zu Anfang, aber dann hast du dich richtig gut erholt und viel gelacht. Ich bin überzeugt, daß du gespürt hast, was für eine Erleichterung für dich gewesen ist.

Weißt du, viele Menschen, denen wir danach begegneten, meinten immer erschrocken oder voll Mitleid, wie schlimm es doch ist, daß du dieses Tracheostoma bekommen hast. Ich habe diese Anmerkung nie verstanden und ich glaube, du hättest meinen Worten, meiner Erklärungen gern zugestimmt und diese bejaht. Die Menschen meinten ihre Aussage nicht böse oder so, im Gegenteil, sie zeigten dadurch ihr Mitgefühl. Allerdings wurde dabei immer wieder etwas vergessen. Natürlich ist es nicht schön, einen Luftröhrenschnitt zu bekommen und dann eine kleine Röhre im Hals zu tragen, doch ohne diese Operation hättest du niemal so frei atmen können. Es war für dich sozusagen nichts schlimmes diese kanüle zu tragen, sondern eine ungeheure Eleichterung. Nur, weil man vor der Operation deine Atemnotsprobleme nicht so deutlich gesehen - wohl aber gehört - hat, bedeutet es doch noch lange nicht, daß diese Luftknappheit, die du verspürt hast nie da war oder weniger schlimm war. Ich staune immer wieder, was in unserer Gesellschaft hier, in der wir leben, denn immer wieder möglich ist auf medizinischem Gebiet. Endlich, ja endlich konntest du zum ersten Mal in deinem Leben frei und ruhig atmen. Selbst ich kann mir nicht zu hundert Prozent vorstellen, was für eine Erleichterung dies für dich war. Dieses Video aber, was da auf meinem Kanal rumliegt, zeigt allen sehr deutlich, daß man auch mit einem Tracheostoma glücklich sein kann. Du hsat dich so sehr gereut und viel gelacht.

Wir waren damals so lange in München im Krankenhaus, wo du operiert wurdest. Ich mußte so viel lernen. Am Anfang, mein Jeschua, hat man immer keinen Plan, was auf einem zukommt oder was genau dies oder jenes bedeutet. Glaub mir, wenn mir irgendwer zuvor einmal erzählt hätte, was ich alles in meinem Leben lernen müßte und welche Situationen ich zu durchleben hätte und dies alles meistern würde - ich glaube, ich hätte demjenigen nicht geglaubt. Doch dabei vergißt man ja auch immer wieder, wie sehr man in dieser oder jener Situation wachsen kann. Du hast mich wirklich verändert, mein Leben total dolle geprägt, hast mich wachsen lassen, ja, über mich hinaus und hast mich gelehrt, wo denn eigendlich wirklich meine Grenzen sind und daß, die anfänglichen Grenzen, die ich sah und fühlte, noch lange nicht die wirkliche Grenze von dem war, was zu leisten, zu ertragen, zu meistern, zu lernen ich tatsächlich fähig war und bin. Das war für mich eine wirklich unglaubliche Lehre.

Selbst, und daß muß ich dir jetzt noch erzählen, selbst als ich diesen Monat wieder mal beim Zahnarzt war, muß ich an dich und dein Beispiel denken, welches du mir gegeben hast. Ich mag den Besuch beim Zahnarzt nicht wirklich besonders und irgendwie tun sie mir dort, auch wenn lieb gemeint und im Endeffekt hilfreich, ziemlich oft weh. Als ich da also so auf dem Zahnarztstuhl so rum saß und die Ärztin irgend etwas in meinem Mund dachte und es mir ein wenig weh tat, mußte ich daran denken, wie viel du über dich hast ergehen lassen. Ich bin noch lange nicht so tapfer, wie du. Mir fallen da so viele Situationen ein. Zum Beispiel, als du in deinem Hals "geschweißt" werden mußtest.

Damals, mein geliebtes Kind, hielt ich dich auf meinem Schoß. Es hatte sich in deinem Hals, duch das ständige, notwendige Wechseln der Kanüle, ein Geschwulst gebildet und dieses mußte entfernt werden, am Besten, durch eben genau jenes Loch. Du hieltest zu meinem Erstaunen wirklich ganz still. Leider kam es beim Entfernen davon zu einer Blutung, die der Arzt schnell zuschweißen wollte, weil es so am Besten für dich sei. Er meinte aber, daß dies nur ginge, wenn du wirklich still hälst. Dann ging er mit zwei kleinen Stäben - soweit ich mich erinnern kann - in deinen Hals, via dem Kanülenloch (Luftröhrenschnitt) und "schweißte diese Stelle wieder zu. Ich habe keine Ahnung, wie es sich für dich angefühlt hat. Ich ahbe versucht die ganze Zeit stark für dich zu sein, aber der wirklich starke in dem Moment, der warst du. Ich habe dich so dafür bewundert udn tu es noch immer. Es hat sich sicherlich tatal komisch und unangenehm angefühlt. Wahrscheinlich hat das vorherige abzwicken des Geschulstes auch etwas weh getan. Auf jedenfall war auch dieses Abzwicken sicher ein unangenehmes Gefühl und dennoch hast du nicht geweint oder gejammert, sondern fein still gehalten. Unter anderem daran muß ich immer denken, wenn mir etwas weh tut oder ich etwas als unangenehm empfinde - du bist mein tapferer Held.

Ich weiß, es mag komisch klingen, aber ich bin diejenige, die du gelehrt hast und der du ein Beispiel gegeben hast. Dafür bin ich dir sehr, sehr dankbar. Du bist und bleibst mein geliebtes Kind, mein Jeschua. Ich liebe dich ganz, ganz sehr.

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Re: Tausend Küsse für Jeschua

Beitragvon vlindertje » So 5. Jan 2014, 15:51

Mein liebster Jeschua,

noch immer wache ich tief in der Nacht auf und frage mich, ob ich alle Entscheidungen, die dich betrafen, richtig getroffen habe. Hätte ich irgend etwas tun können, um deinen Tod zu verhindern. Ich weiß, es ist inzwischen fast schon zwei Jahre her und dennoch lassen mich die Ereignisse jenes Tages, an dem du starbst, und die Tage davor, nicht mehr los. Immer wieder tauchen in meinem Kopf die gleichen Bilder auf, immer wieder habe ich die gleichen Fragen in meinem Kopf.

Du fehlst mir nach wie vor sehr. Es hat sich nichts geändert, was dieses betrifft und auch meine Liebe zu dir ist gleich geblieben. Ich liebe dich. Ich vermisse dich. Du bist mein Kind, mein Junge, mein Jeschua.

Es gibt nichts, was ich tun kann, um dich wieder in meine Arme zu schließen, wie ich es einst tat. In der Nacht träume ich manchmal davon, dies wieder zu können. Manchmal träume ich von Dingen, die in mir die Angst auslösen, dich zu verlieren. Manchmal halte ich dich dann erleichtert in meinen Armen, manchmal sehe ich dich sterben.

Der Tod an sich hat etwas erhabenes und ich bin froh, daß du mich damals dabei hast sein lassen. Es ist eine Stille, eine Ruhe, etwas Unbescheibliches. Wahrscheinlich ähnlich einer natürlichen Geburt. Wenn so ein kleines Leben nach einem Kampf und mit viel Mühe und Ängsten dann das Licht der Welt erblickt, so hat dieser Moment etwas magisches. So ist es irgendwie auch mit dem Tod. Nur, daß im letzten Fall Ruhe eintritt und die Tränen die fließen Trauer ausdrücken und nicht Freude.

Ich kann mir vorstelllen, daß diese Beschreibung komisch klingt in so mancher Ohren. Nunja mein Kindchen, du kennst beide Momente, auch wenn du damals via Sectio auf die Welt kamst. Dein ganzes Leben über hast du gekämpft, sehr oft um den nächsten Augenblick. Wenn ich aus heutiger Sicht daran denke, könnte ich weinen. Du warst so strak und ich habe mit dir gekämpft und doch konnte ich dir deinen ständigen Überlebenskampf nicht abnehmen. Ich konnte nur daneben stehen oder dich in meinen Armen halten, dir irgendwie versuchen zu helfen, durch medizinische Hilfmittel oder meine, hoffendlich ausstrahlende, innere Ruhe, die ich versucht habe deinetwegen zu bewahren, irgendwie Erleichterung zu verschaffen und dich in deinem Kampf zu unterstützen.

Auch diese Nacht, ja, es ist noch sehr früh am Tage, habe ich dich in meinem Traum fest und erleichtert in meine Arme geschlossen, nachdem ich mich sehr um dich sorgte. Es war so ein schönes Gefühl, dich zu halten und an mich zu drücken. Ich konnte dich sehen, jedes Detail von dir. Du standest sogar vor mir. Weißt du noch, wie ich dir manchmal geholfen habe zu "stehen", indem ich dich fest an mich gelehnt hielt und dich drückte und küßte? ... Dann wachte ich auf aus diesem Traum mit dem Bewußtsein, su bist nicht hier. Ich kann jetzt nicht an dein Bettchen gehen und dich in meine Arme schließen oder mich an dich kuscheln. Du liegst nicht im Nachbarzimmer und schläfst. Dein Bettchen ist etwas weiter weg und dich von dort auszuwecken vermag nur Gott.

Ich kann jenen Tag kaum erwarten, denn ich glaube, nein, ich bin überzeugt, ja, ich weiß es, daß er dich wieder zum Leben erwecken wird. Ich zweifel kein bischen daran. Ich weiß, daß dann die Zeit gekommen sein wird, in der ich dich wieder in meine Arme schließen kann. Weißt du, wie es dir ergehen wird? Ich kann es dir verraten, denn die Bibel verrät es mir und auch wir haben schon darüber gesprochen. Gott verheißt in seinem geschriebenen Wort, daß du dann keine Schmerzen mehr haben wirst, du wirst nicht mehr krank sein oder irgendein Gebrechen haben. Daß bedeutet, daß das Leben für dich kein täglicher Kampf mehr sein wird. Im Gegenteil, wir werden Freude haben - du und ich gemeinsam. Oh ja, es stimmt, wir hatten auch in unserer bisherigen Zeit viel Grund zur Freude und haben Spaß zusammen gemacht. Dann allerdings, wird keine Atemnot unsere Freude trüben, Sorgen auf steigen lassen, dich zwingen, um dein tägliches Überleben zu kämpfen. Du wirst dich nicht mehr ständig, ja mehrfach täglich übergeben müssen. Du wirst keine Kanüle mehr tragen müssen, nur um frei atmen zu können, keine Magensonde mehr, sondern du wirst schmecken, ja, essen und trinken können. Mein Jeschua, und du wirst sprechen können. Du wirst lernen können, mir endlich alles zu sagen und mich zu fragen, was immer du wolltest.

Ich hoffe sehr auf diesen Tag, ja, ich hoffe sehr, daß ich dich dann wieder bei mir habe und du die Gelegenheit hast, deinen kleinen Bruder kennen zu lernen und mit ihm zu spielen, sowie "deinen neuen Papa", denn so nenne ich ihn dich betreffend, den Mann, den ich vor Kurzem geheiratet habe, denn er hat dich angenommen, wie, als seiest du sein leibliches Kind. Ich hoffe sehr darauf, daß es diesen Tag gibt und daß er bald sein möge, der uns vier vereint.

Mein Jeschua, mein Baby, was kann ich noch sagen? Bald ist es zwei Jahre her, daß ich dich gehen lassen mußte. Noch immer spüre ich die Schmerzen des Verlustes. Dein kleiner Brider weckt Erinnerungen in mir, an dich und die Zeit mit dir. Ich freue mich, daß er in meinem Bauch ist und mir durch sein fleißiges Strampeln immer wieder zeigt, daß er am Leben ist. Ich weiß, er ist nicht du. Er wird anders sein, anders aussehen, andere Interessen haben.

Jeschua, ich liebe dich von tiefstem Herzen sehr. Du warst und du bist einzigartig und ich werde dich nie vergessen, auch wenn ich mich viel mit Noah beschäftige und beschäftigen werde. Du bist mein großes Kind und ich danke dir und Gott sehr für die Zeit mit dir, die wir hatten und hoffe, zukünftig, nachdem Gott dich durch Jesus, aus deinem Schlaf erweckt hat, wieder Zeit mit dir, und wir alle vier als Familie gemeinsam, verbringen zu können.

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Re: Tausend Küsse für Jeschua

Beitragvon vlindertje » Mi 5. Feb 2014, 14:18

Mein liebster Jeschua,

es fällt mir schwer heute irgendwie passende Worte für meinen Brief an dich zu finden. Ich spüre diese Leere und Trauer so heftig und tief in mir, weil ich dich so sehr vermisse. Die Sonne scheint heute, so wie es letztes Jahr an diesem Tag gewesen ist, und doch fällt es mir heute schwer zu lächeln oder irgendetwas zu tun. Am liebsten würde ich mich verkriechen und mit niemanden reden und niemanden sehen.

Ja, es gibt viele Menschen, die an dich denken und die mich trösten möchten. So einige haben mir nette, ermunternde Worte geschickt und ein liebevoller Text deiner Omi hat mich sehr tief in meinen Herzen berührt, so daß mir meine Tränen kullerten. Ich weiß, auch sie vermißt dich sehr und auch andere Menschen werden dich nicht vergessen.

Ich habe wieder Teddy-Kuchen für dich gebacken, zwei Stück. Wie gern würde ich ihn mit dir essen und doch geht es nicht. Manchmal frage ich mich, ob ich genug für dich tu, so als Mama und dann wird mir klar, daß es nichts gibt, was ich noch für dich tun kann. Sich dessen bewußt zu sein tut weh.

Dein kleines Brüderchen strampelt in meinem Bauch und es dauert nicht mehr lange, bis er geboren werden wird. Wie sehr habe ich mir ein Geschwisterchen für dich gewünscht, auch, um dich besser verstehen zu können, denn du konntest dich leider nicht mit Worten ausdrücken, konntest mir nicht mit deinen Armen zeigen, was du gern wolltest. Ich glaube, ich war mit noch niemanden so vertraut, wie mit dir. Ich konnte in deinen Augen lesen, deine Körpersprache einfach deuten. So hast du mit mir gesprochen. ... Nun wird er bald geboren werden, aber du bist leider nicht mehr bei mir.

Ich weiß nicht, ob man den Schmerz und die anhaltende Traurigkeit verstehen oder nachvollziehen kann, wenn man noch nie so einen Verlust erlebt hat. Manchmal frage ich mich, ob es für "Außenstehende" nicht eher anstrengend und nervig ist, wenn man immer wieder in seine Trauer zurück fällt. ... Keine Sorge, mein geliebter Jeschua, deine Mami kämpft sich aus ihrem Tief immer wieder raus und erlebt auch wieder die Freuden des Lebens. Doch genau so zieht es mich immer wieder hinein in diesen Strudel und ich muß viel Kraft aufbringen, um wieder zu lächeln und das Leben freudig zu sehen. Weißt du, mein Schatz, es ist so ein innerer Konflikt zwischen Traurigkeit und Freude.

Auch mit dir, Jeschua, habe ich sowohl Traurigkeit, als auch Freude erlebt und ich bemühe mich immer daran zu denken, wie du gelacht hast und was für Spaß wir zusammen hatten. Menschen, die dich nicht so gut kannten, dachten du hättest ein schrecklich schweres Leben gehabt. Tatsächlich aber sah es anders aus. Natürlich gab es immer wieder schwere Zeiten und davon nicht zu wenig. Doch gab es mindestens genau so viel Freude und Lachen in deinem Leben.

Ich habe immer versucht, so normal, wie nur möglich mit dir zu leben. Ich habe versucht, mich nicht abschrecken zu lassen, von dem, was auf uns zukam. Ich habe darum gekämpft, dir eine fröhliche Mama zu sein, denn daß hast du dir verdient. Ich habe versucht deine schweren Behinderungen und ständigen Erkrankungen nicht ein Problem zu sehen, warum wir dies oder jenes nicht hätten tun können. Nein, egal was auch immer war, du warst mein Sonnenschein.

Vor kurzem habe ich eine kleine Übersicht über nur zwei Tage gefunden, wie es mit deiner Atemnot vor deiner Operation der Trachealkanüle aussah.:

Entsättigungen insgesamt: 17
Reine Sauerstoffgabe in Minuten insgesamt: 58
längste Sauerstoffgabe: 9 min
längster Interval: 63 min
Entsättigungen während dieses Intervalles: 11
tiefste Entsättigung des Tages: 35%


Entsättigungen insgesamt: 22
Reine Sauerstoffgabe in Minuten insgesamt: 55
längste Sauerstoffgabe: 5 min
längster Interval: 20 min
Entsättigungen während dieses Intervalles: 4
tiefste Entsättigung des Tages: 68%

------------------------------------------------------------------------------
Durchschnitt
------------------------------------------------------------------------------

Entsättigungen insgesamt: 19,5
Reine Sauerstoffgabe in Minuten insgesamt: 56,5
längste Sauerstoffgabe: 7 min
längster Interval: 41,5 min
Entsättigungen während dieses Intervalles: 7,5
tiefste Entsättigung: 35%

Ja, so sah unser Leben 2010 aus und dennoch sind mir genau aus dieser Zeit auch unzählige schöne Erinnerungen im Gedächtnis haften geblieben. Es gab Zeiten, da habe ich um dein Leben gebangt und Zeiten, in denen wir einfach nur glücklich waren, das Beste aus allem gemacht haben und uns vor allem nicht haben unterkriegen lassen. Es war das Jahr, deiner großen Operationen: erst erhieltest du eine Magensonde, wodurch du endlich ohne Anstrengung Nahrung zu dir nehmen konntest und dann deine Kanüle, wodurch du endlich still und leicht atemen konntest.

Ich bin den Ärzten noch immer sehr dankbar, die sich damals deiner liebevoll angenommen haben und daher habe ich auch in diesem Jahr, wie im letzten, wieder eine Spendenaktion für Ärzte ohne Grenzen gestartet. Mal schaun, ob wir wieder für jedes Lebensjahr von dir 100 Euro sammeln können, damit anderen in Kriesensituatuionen auch geholfen werden kann. Wer immer dieses Unterstützen möchte, braucht nur auf diesen Link klicken und ist sofort bei deiner Aktionsseite.: http://www.aerzte-ohne-grenzen.de/spenden-sammeln?hptitle=jeschua-theodorus-28sep2008-05feb2012

Ich häng hier einfach heut mal einen Stapel an Fotos an. Einige Kuchenteddys und Fotos aus dem erwähnten OP-Jahr, von vor und nach deiner Magensonden-OP.

In ewig währender Liebe,
Deine Mama
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Re: Tausend Küsse für Jeschua

Beitragvon vlindertje » Mi 5. Mär 2014, 21:04

Mein liebster Jeschua,

schon wieder ist ein Monat vergangen. Wahnsinn. Ich weiß, ich scheine dies oft zu erwähnen, aber es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht, obwohl man manchmal denkt, daß das Leben still steht.
Da ich inzwischen ziemlich dolle schwanger mit deinem Bruder bin, kann ich leider momentan nicht so oft zu deinem Grab laufen, wie ich es mir wünsche. Etwas, was mich traurig macht. Ich weiß, daß du weißt, daß ich dich ganz dolle lieb habe und dennoch würde ich dir gern eine neue Kerze in deine Laterne stellen. Ich vermisse dich noch immer sehr, sehr dolle und auch, daß bald dein kleiner Bruder geboren werden wird, ändert nichts daran.

Mein Jeschua, du hast mein Leben extrem geprägt und ich habe mit dir so viel erlebt. Am liebsten hätte ich dich nie, nie hergegeben. Um so vorsichtiger bin ich geworden, was deinen noch ungeborenen Bruder betrifft. Auch wenn ich weiß, daß er ein neues, ein anderes Leben ist und nicht so wie du sein wird, steigen in mir Erinnerungen auf, die mir mitunter Angst machen. Ich habe dich so sehr geliebt und liebe dich noch immer und dich her zu geben hat mir mein Herz zerrissen. Ich habe Angst, daß ich deinen Bruder auch hergeben muß, daß irgend etwas passiert. Ich kann diese Sorge im moment nicht abstellen.
Du hast mir so viel beigebracht und immer wieder vor Augen geführt, wie stark ich sein kann und doch fühle ich mich momentan so schwach und oftmals hilflos. Ich glaube, ich brauche dein Lächeln, was mir immer gesagt hat, daß du auf mich baust und mir vertraust, daß ich alles irgendwie schaffe und unter Kontrolle habe. Ich glaube genau das ist es, was ich momentan benötige: dieses feste Vertrauen, was du in mich gesetzt hast und was mich immer wieder motiviert und angespornt hat und davon abgehalten hat, an mir zu zweifeln, nein, aber zu verzweifeln. Ich habe immer daran geglaubt, daß ich jede Situation mit dir und für dich meistern kann. Jetzt hier ohne dich zweifel ich an mir.

Vor zwei Jahren mußte ich dich gehen lassen und es kommt mir vor, als sei ich seither schwächer geworden. Wo ist meine Kraft, meine Power, mein Elan hin? Habe ich mich so sehr fallen lassen. Ich wäre gern wieder so stark, wie ich es für und mit dir war. Vielleicht sehe auch ich es nur so. Kann sein. Andere mögen es anders sehen. Vielleicht haben sie Recht damit, vielleicht nicht. Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich ja noch stark, nehme es aber nicht wahr. Du hast es mir immer gezeigt und mich immer gefordert und es war normal für mich für dich da zu sein ohne zu jammern. jetzt höre ich mich jammern, weils hier und da weh tut oder irgend etwas ist.

In 11 Tagen jährt sich dann auch der Tag deiner Beisetzung. Er war damals über einen Monat später, da der Erdboden gefrohren war. In diesem Jahr sieht es anders aus. Es ist schon Frühling irgendwie. Aber am Tag deiner Beisetzung schien damals die Sonne und ich bin sehr gespannt, wie es dieses Jahr sein wird. An eben jenen Tag werden dein neuer Papa und ich nach Dresden fahren in das Krankenhaus, in dem ich immer mit dir war und in dem du verstorben bist, da an dem Tag danach, dem 17. März, dein Bruder per Kaiserschnitt entbunden werden wird. Ja, alles ist so nah beisammen im Leben und ich weiß manchmal nicht, wie ich mit all meinen Gefühlen dazu umgehen soll.

Die Spendenaktion für die Ärzte ohne Grenzen läuft in diesem Jahr nicht so gut, wie im letzten, auch wenn es, wie erwähnt, noch 11 Tage sind, in denen man eine kleine Unterstützung für deren Arbeit spenden kann. http://www.aerzte-ohne-grenzen.de/spenden-sammeln?hptitle=jeschua-theodorus-28sep2008-05feb2012 Aber ich habe es wieder versucht, damit anderen besser geholfen werden kann, so wie man dir immer wieder medizinischen Beistand geleistet hat. Ich bin den Ärzten, Therapeuten und Pflegern noch immer dankbar, daß sie sich so gut um dich bemüht haben. Deine "persönliche Ärztin" wird sich im übrigen auch deines Bruders annehmen hat sie zugesagt. Ich bin auch dafür sehr dankbar, denn ihr vertraue ich sehr. Sie hat so viel für dich getan und versucht dir immer irgendwie zu helfen bzw fähige Mediziener zu finden, wenn es nicht ihr Fachgebiet war. So eine Ärztin zu finden ist wirklich viel Wert.

Die letzten Wochen habe ich im übrigen ganz viele Dinge von dir in der Hand gehabt: Spielzeug und Kleidung. Ich habe es zurecht gepackt in dem Kinderzimmer deines Bruders und hoffe damit umgehen zu können, daß er, obwohl wir natürlich auch Neues gekauft haben, einiges von dir weiter nutzen wird. Ich denke, du hättest kein Problem damit und wenn du noch am Leben wärst, so würde ich es ja auch problemlos an deinen Geschwistern sehen. Die Tatsache aber, daß du nicht mehr am Leben bist, erschwert mir diese Sache etwas und ich hoffe sehr, daß mich die Erinnerungen nicht zu traurig stimmen, sondern ich all das schöne, was wir erlebt haben, im Gedächtnis behalte.

Was immer geschieht, ich möchte, daß du weißt, daß ich dich von Herzen sehr liebe.

In ewig währender Liebe,
Deine Mama
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Re: Tausend Küsse für Jeschua

Beitragvon vlindertje » Sa 5. Apr 2014, 20:53

Mein liebster Jeschua,

natürlich hab ich dich nicht vergessen, auch wenn es nun schon 21 Uhr ist. Es war viel los am heutigen Tag. Überhaupt war viel los, seit meinen letzten Brief an dich.

Dein Tag der Beisetzung hat sich am 16.03.2014 wieder einmal gejährt und ist nun zwei Jahre her. Die Zeit verfliegt und es passiert so viel. Bei der Spendenaktion für Ärzte ohne Grenzen anläßlich deines Todestages haben wir immerhin 40 Euro sammeln können. Heute ist schon wieder ein weiterer Monat vergangen, seit dem du nicht mehr mit uns lebst.

Inzwischen ist auch dein kleiner Bruder geboren. Am 17.03.2014 mit 4300 Gramm und 53 Zentimeter groß. Wirklich schön, daß er jetzt bei uns ist. Wir freuen uns sehr darüber und du hättest dich sicherlich auch gefreut einen kleinen Bruder zu haben. Ich freu mich sehr auf die Zeit, wenn ihr beide zusammen herumtollen könnt. Ich bin sehr glücklich und dankbar, daß ich die Überzeugung habe, daß ich dich eines Tages von den Verstorbenen zurück erhalte.

Jeschua, ich denk so viel an dich. Noah erinnert mich sehr an die Zeit mit dir. Heute waren wir drei dich besuchen. Ein Foto davon häng ich dran. Du bist ein Teil unseres Lebens und wir reden auch gern von dir.

Ich bin zur Zeit etwas müde. Dies kommt vom Stillen und dem weniger an Schlaf, was man so bekommt, wenn man sich um ein kleines Baby kümmert. Damals bei dir erging es mir auch so. Aber so, wie ich gern für dich gesorgt habe, so tue ich es auch für Noah, deinen Bruder. Außerdem umsorgt uns Papa recht lieb. Er stellt immer wieder essen und trinken hin.

Mir gehen unzählige Gedanken durch meinen Kopf unsere gemeinsame Zeit betreffend. Ich habe das Gefühl, nichts davon richtig in Worte kleiden zu können. Täglich strömen tausende neuer Gedanken und Eindrücke auf mich ein. Zig Erinnerungen werden wach - leider auch an unsere schweren Zeiten. Sobald Noah mal weint, habe ich Angst es könnte ihm etwas weh tun oder etwas ist nicht in Ordnung. Schläft er oder ist er ruhig überprüfe ich ständig seine Atmung. Ich bin total aufmerksam, wenn ihn jemand anfaßt - habe Angst, er könnte sich etwas einfangen oder ihm könnte etwas von der lieb gemeinten Zuwendung anderer weh tun, so aus Versehen. Ich versuch dagegen anzukämpfen und entspannt zu sein bzw zu werden. Es ist nicht einfach nach alle den Erfahrungen, die wir gesammelt haben.

So, wie ich mir gewünscht habe, dich nicht hergeben zu müssen, so hoffen wir, daß wir Noah bei uns behalten dürfen. Nichts ist für mich selbstverständlich. Du hast mich so viel gelehrt, mein Jeschua. Ich bin sehr dankbar, für die Zeit mit dir.

Ich hoffe richtig zu handeln, richtig zu entscheiden, gut genug zu sein. Ja, noch immer stelle ich sehr hohe Ansprüche an mich, ich weiß. Alle sagen mir, daß ich dir eine gute Mami war und ich habe wirklich versucht immer alles zu geben. Ich hoffe auch deinem Bruder immer eine gute Mami zu sein. Ich möchte gern euch beiden eine gute Mami sein. Für mich seid ihr beide die kostbarsten Geschenke, die ich je erhalten habe.

Ich habe dich ganz, ganz dolle lieb. Wir haben nun deinen kleinen Bruder in unseren Armen und dennoch bist du weiterhin ein Teil unseres täglichen Lebens. Du wirst nicht vergessen werden - niemals. Du bist mein Baby, mein kleiner Junge - ja, inzwischen mein großer Junge, mein Jeschua, mein geliebtes Kind.

In ewig währender Liebe,
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Re: Tausend Küsse für Jeschua

Beitragvon vlindertje » Di 6. Mai 2014, 09:54

Mein liebster Jeschua,

bitte entschuldige, daß ich erst heute den Brief für dich schreibe und online setze. Auf dem Freidhof, dich besuchen, daß waren wir gestern natürlich, so wie immer, doch zum Schreiben bin ich leider nicht gekommen. Vielleicht sollte ich künftig schon einen Tag zuvor an dich schreiben, damit, wenn etwas dazwischen kommt, ich dennoch den Brief an dich online setzen kann.

Nein, es ist nicht irgendetwas dazwischen gekommen oder daß ich es verschwitzt hätte. Nein. Allerdings ist dein kleiner Bruder, Noah, krank. Schon seit letzter Woche. Nur, daß gestern noch Fieber dazu gekommen ist, zu seinem Husten und er bestimmt auch bissel Bauchweh hat. Ich konnte da gestern nicht von seiner Seite weichen, auch war er ziemlich anhänglich und unruhig. Du kennst daß sicher noch von der Zeit, als du bei mir warst. Der Arzt hat heut gesagt, daß er einen Magen-Darm-Infekt hat.

Ach, mein Jeschua, so viele Erinnerungen, die da wach werden. Ich habe um dich so viele Ängste durchstanden. Jetzt werden so viele wieder wach. Weißt du noch, wie oft wir beim Arzt bzw im Krankenhaus waren? Ich kann es dir nicht genau sagen, aber es waren unzählige Male. Viele, viele Stunden habe ich an deiner Seite gewacht. Viele, viele sorgenvolle Tränen vergossen. Oft schon wußte ich nicht mehr weiter und doch glaubte ich, daß du kämpfst; habe gehofft, daß du es überstehst.

Jetzt, da dein kleiner Bruder krank ist, kommen mir all die Bilder in mein gedächtnis zurück,; vor allem die, die mir mächtig Angst machten: Damals, als dein Sauerstoffgehalt so stark abfiel, daß selbst die Ärzte auf der Intensivstation "in Panik verfielen"; an den Tag bevor du starbst und viel schliefst; an den Moment als wir im Krankenhaus ankamen und du während einer Erkrankung dehydriert warst; an den Moment, als ich dich gehen lassen mußte.

Weißt du, mein Jeschua, ich habe versucht immer wieder stark zu sein für dich - wer wil denn schon seine mama ständig weinen sehen? Jetzt, wo es scheinbar harmlos zu sein scheint, bei deinem Bruder, jetzt weine ich und mach mir Sorgen. Wo ist mein Vertrauen auf die Worte des Kinderarztes? Ich habe so viel gelernt in der Zeit mit dir und jetzt befürchte ich nichts mehr zu wissen. Ich bin nicht mehr so stark, wie ich es war, als du bei mir warst. Ich bin nicht allein. Dein neuer Papa ist bei mir und auch viele, viele andere auch, die uns gern helfen und dennoch ...

Mit meinen Erinnerungen bin ich allein. Nur Gott kennt sie. Ich weiß, ich muß lernen wieder stark zu sein, lernen, mich aufs positive zu konzentrieren und mich nicht unnötig zu sorgen. Es ist nur, daß ich so viel Wissen erlernt habe und so viel gesehen habe ... vieles, was es mir eben nicht so leicht macht, Dinge rund um die Gesundheit von einem meiner Kinder - wie damals, so heute - gelassen zu sehen, weil ich Angst habe, etwas zu übersehen.

Ich freu mich auf die Zeit, in der ich dich wieder in meine Arme schließen kann und du unseren Noah kennen lernen kannst.

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Re: Tausend Küsse für Jeschua

Beitragvon vlindertje » Sa 5. Jul 2014, 20:11

Mein liebster Jeschua,

du bist so wertvoll für mich. Tausende von Erinnerungen hast du mir geschenkt. Warst mein kleiner Sonnenschein, mein Trost, meine Sorge. Ich freue mich sehr, wenn ich darüber nachdenke, wieviel tolle Erlebnisse wir doch zusammen hatten, bereiteten uns leider auch immer wieder deine Erkrankungen Probleme. Ich freue mich auch darüber, versucht zu haben, ein so normales Leben, wie nur möglich, mit dir zu führen.

Jetzt wächst dein Brüderchen hier bei mir heran und ich denke mir manchmal: wie gerne wäre ich dir mehr Mama gewesen und weniger "Krankenschwester", "Pflegekraft", "Therapeutin". Ich habe jetzt so vieles im Kopf, was ich anders hätte machen können, machen sollen - und doch glaube ich, irgendwie alles mir mögliche getan zu haben. Es ist so ein Zwiespalt im Kopf.

Mir ist bewußt, daß ich versucht habe, dir dein Leben so leicht, wie nur möglich zu machen. Mir ist auch bewußt, daß, da ich die meiste Zeit deines Lebens alles allein gestemmt habe, meine Kräfte nicht kontinuierlich gleich stark vorhanden waren. Mit meinen körperlichen Kräften stieß ich manches Mal an meine Grenzen und habe mich darüber geärgert. Auch von meinen seelischen, also psychischen Kräften her, war es so manches mal alles andere als leicht - und doch habe ich all meine Kraft gern für dich aufgebracht. Ich habe gern mit dir gemeinsam gekämpft. Ich war liebend gern für dich da.

Weißt du, daß ich die Zeit kaum erwarten kann, wenn ich dich wieder sehen kann? Dann wirst du gesund vor mir stehen, mit mir reden und zum ersten mal deinen kleinen Bruder Noah sehen. Ich gebe mir Mühe, mir dieses Bild immer wieder neu auszumalen und auch andere helfen mir immer wieder dabei und ermuntern mich nach dieser Zeit hin voraus zu schauen. Ich bin Gott wirklich dankbar für diese besondere Hoffnung der Auferstehung.

Weißt du, was wir dann alles tun können? Ich habe keine Idee, was alles es sein wird, aber ich weiß daß dich dann nichts mehr einschränken wird.

Das Therapieschwimmen hast du immer sehr gern gehabt. Darin mit dir "rumzutoben" war schön. Im Paradies dann, mein geliebter kleiner Jeschua, dann wird es so sein, daß dich keine Magensonde mehr einschränkt, die erst abgeklebt werden muß. Es wird dich keine Trachealkanüle mehr an deinem Herumtollen hindern. Was mußte ich nicht immer darauf aufpassen, daß ja kein Wasser in diese Kanüle, deinen Luftröhrenschnitt, läuft. Du mußtest vorsichtshalber immer einen festen hohen Schwimmring tragen. Stell dir mal vor, wie es denn wäre, wenn du mit mir ganz ohne all die Sicherheitsmaßnahmen plantschen könntest. Ach, was ist diese Vorstellung schön.

Für mich ist dieses Bild unseres künftigen Beisamenseins ein richtig fester Anker in meinem Leben geworden. Stell dir mal vor: Mama, Papa, Noah und du, wir alle gemeinsam glücklich vereint. Achja, stimmt, heute schwärmt Mama nur so davon.

Ich muß so sehr an dich denken. Noah ist dir momentan sehr ähnlich, wodurch viele Erinnerungen wach werden Tag für Tag. Aber auch Ängste und Sorgen steigen nach oben. Mir wird bewußt, jeden Tag aufs Neue, was für ein wundervolles und kostbares Geschenk das Leben ist. Nichts, aber auch gar nichts ist irgendwie selbstverständlich. Mein Leben mit dir hat mich so viel gelehrt: vor allem Dankbarkeit.

Ich bin dankbar für die Zeit mit dir. Dankbar, daß ich jetzt deinen Bruder bei mir haben kann. Dankbar, daß es so aussieht, als entwickelt er sich gesund und altersgemäß. Dankbar, für die Hoffnung, auch die eines Tages wieder in meine Arme schließen zu können.

Damals, als du starbst, vor kurz über zwei Jahren, habe ich mir so einige vorgenommen, wie ich Dinge in meinem Leben handhaben möchte. Jetzt ist so die Zeit, wo ich merke, daß ich es umsetzen kann. Ja, das Leben ist zu kurz, um Dinge zu tun, die einen nur nerven, also gibt es nur zwei Möglichkeiten: nur noch Dinge tun, die einem im Herzen erfreuen und zu notwendigen anderen Dingen meine eigene Einstellung zu ändern. Dann ist auch alles leichter.

Noch habe ich mir so vieles vorgenommen: Es gibt noch eine Menge auszusortieren: Meine Kleidung, Zeugs, was ich nur von Umzug zu Umzug in meinen Kartons mit mir rum schleppe, dies und das eben. Ich muß in dieser Hinsicht noch viel lernen, obwohl ich es ja eigentlich begriffen habe, muß es noch tief unten in mir ankommen. Mit dir habe ich das mir Wichtigste verloren, also lohnt es auch nicht, sich an irgendeinem materiellen Gut zu hängen. Aber das wichtigste, was ich nicht verloren habe, sind meine Erinnerungen mit dir und meine Überzeugung, daß Gott eines Tages dafür sorgen wird, daß es dir gut geht.

Ich liebe dich von Herzen sehr mein kleiner, großer Junge. Bis schon sehr bald bestimmt.

In ewig währender Liebe,
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Fotos von der Wassertherapie - auf einem Foto: du zusammen mit einer Pflegerin von dir -
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