Genetik: Der Mensch ist keine Maus - und auch nicht zwangsläufig ein Schwein und noch nicht einmal ein Affe!Ich habe bereits einen ähnlichen Artikel Januar 2018 verfasst und online gestellt, in der es um die aktuelle Forschung zu Verwandtschaften in der Genetik ging:
... 024, 02.01.2018:
Genetik: Der Mensch ist keine Maus!Machen wir es erst kurz und dann mit einer langen Erklärung rund: Der Mensch hat gemeinsame DNS-Basispaarketten von cirka 40 Proteinen Länge mit anderen Säugetieren und Lebewesen. Anhand der Übereinstimmung dieser Basispaarketten (kurz BP) kann man eine Verwandtschaft ableiten. So stimmen die Basispaarketten mit Schimpansen zu 98,7% und mit Schweinen zu 90% überein. Interessant ist auch, dass der Mensch zu 75% der Basispaarketten mit den Fadenwürmern übereinstimmt und zu 60% mit der Taufliege.
Aber wie komme ich heute (also am Tag der Niederschrift, nicht der Veröffentlichung) darauf, den Mensch mit dem Schwein zu vergleichen? Kritiker der Evolutionstheorie führen immer wieder eine scheinbar enge genetische Verwandtschaft von Mensch und Schwein zu Felde, wenn mit genetischer Forschung die Theorie Darwins untermautert werden soll. Die Genetik, so die Kernaussage des Kritikers spreche damit eben nicht für eine Verwandtschaft von Mensch und Affe und widerlege somit den angenommenen Stammbaum. Sie zeige vielmehr, dass das Schwein mit uns enger verwandt sei, dass aber von Evolutionisten nicht beachtet wird. Oder: Die Verwandschaft der Gene sagt demgemäß nichts über die Abstammung aus.
Obige Auflistung zerlegt natürlich dieses Argument ganz standfest, wird aber leider zu selten verwendet.
Nicht unser Bruder, nicht unser Cousin: Hausschwein (Sus scrofa domesticus)Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho widmet dennoch ein Buch dem Vierbeiner: "Schweine. Ein Portrait von Thomas Macho." ist der doppeldeutige Titel, des Buches, dass die über 8000-jährige Kultur- und Gemeinschaftsgeschichte von Mensch und Schwein unter die Lupe nimmt.
Molekularbiologische Untersuchungen an Haus- und Wildschweinen zeigten, dass sich während der Jungsteinzeit die Domestikation in vielen Gebieten der Erde unabhängig voneinander vollzog. Die Daten machen deutlich, dass bereits domestizierte Schweine aus dem Nahen Osten nach Europa eingeführt wurden. Nach etwa 500 Jahren wurden diese jedoch durch Tiere ersetzt, die von europäischen Wildschweinen abstammen. Die genetischen Untersuchungen zeigten, dass die aus dem Nahen Osten stammenden genetischen Linien allmählich durch die einheimischen Hausschwein-Linien ersetzt wurden.
Bereits im Alten Ägypten und in Mesopotamien zeigt sich eine soziale Differenzierung bei dem Verzehr von Schweinefleisch. Darauf weisen beispielsweise Funde im altägyptischen Dorf Kom el-Hisn hin, das während des Baus der Chephren-Pyramide um 2550 v. Chr. zu Nahrungsmittellieferungen an diese rund 100 Kilometer weiter südliche liegende Baustelle verpflichtet war. Die Einwohner von Kom el-Hisn zogen dafür Rinder auf, aßen selbst aber nur wenig Rindfleisch. Lediglich die Knochen von alten Mutterkühen und kranken Kälbern wurden in den archäologischen Fundstellen dieses Dorfes gefunden. Fleisch, das von den Dorfbewohnern verzehrt wurde, stammte überwiegend von Schweinen. Das Verhältnis gefundener Rinderknochen zu gefundenen Schweineknochen beträgt 1:25, dass heißt für jeden gefundenen Rinderknochen werden 25 Schweineknochen gefunden. Man ist heute der Überzeugung, dass in Kom El-Hisn Schweine in Herden gehalten wurden, die ihr Futter in den Marschen des Nildeltas und den Abfällen des Dorfes fanden.
Dass das Dorf Rinder liefern musste, seine Schweine jedoch behalten durfte, liegt an der spezifischen Natur dieses Haustieres. Rinder waren ebenso wie Ziegen und Schafe in der Lage, in der ariden Region auf dem Weg nach Süden ausreichend Nahrung zu finden. Schweine dagegen hätten weder Futter noch den Schatten, auf den sie angewiesen waren, auf dieser Wegstrecke gefunden. Ähnlich zeigen die überlieferten Dokumente der 3. Dynastie von Ur (2114 bis 2004 v. Chr.), dass die zentrale Verwaltung dieses mesopotamischen Reiches zehntausende von Schafen und Kühen von ihren Untertanen einforderte und an Tempel und das Heer weiter verteilte. Schweine dagegen finden keine Erwähnung. Es ist jedoch gesichert, dass Schweine gehalten wurden: Sowohl in Ägypten als auch Mesopotamien finden sich bis 2000 v. Chr. zahlreiche Belege für eine Schweinezucht, sofern die Dörfer in einer Region liegen, in der ausreichend Regen fiel, um eine Landbewirtschaftung ohne künstliche Bewässerung zu ermöglichen. Funde im Tell Halif, einer archäologischen Fundstelle, die heute im Süden Israels liegt, legen außerdem nahe, dass die Zahl der gehaltenen Schweine in Zeiten schwacher staatlicher Kontrolle anstieg.
Insgesamt ging die Zahl der gehaltenen Schweine ab 2000 v. Chr. jedoch stark zurück: Zunehmende Desertifikation machte es immer schwieriger, Schweine in Herden zu halten. Schweine finden sich noch in ärmeren Gebieten der nun größeren Städte, wo sie sich von den Abfällen der Menschen ernährten; über die Zeit bildete sich ein Ernährungsmuster, bei dem sich der Verzehr von Schweinefleisch auf die untersten Bevölkerungsschichten begrenzte. Schweine galten im Nahen Osten zunehmend als unrein, was sich unter anderem auch darin manifestiert, dass in den Religionen des Nahen Ostens Schweine, anders als Schafe, Ziegen und Rinder, nicht als Tempelopfer in Frage kamen. Die Speisegesetze, wie sie vermutlich im 8. Jahrhundert v. Chr. im 3. und 5. Buch Mose festgelegt wurden und so die Basis der Jüdischen Speisegesetze legten, haben darin ihren Ursprung. Diese Speisegesetze bestimmten wiederum die des Islam.
Der Opa allerheutigen Hausschweine: Wildschwein (Sus scrofa)Hausschweine liefen im Mittelalter oft frei in den Städten und Dörfern umher und suchten sich auf den Straßen aus dem Unrat ihr Fressen zusammen. Schlachtzeit für Schweine waren gewöhnlich die Monate November und Dezember, und das Fleisch wurde durch Pökeln, Dörren und Räuchern haltbar gemacht. Dieses Fleisch musste bis mindestens Ostern reichen; der Speck wurde noch im nächsten Sommer verwendet.
Kühe, Schafe und Ziegen werden seit Jahrtausenden über lange Distanzen getrieben, weil sie einen natürlich entwickelten Herdentrieb haben, der dies ermöglicht. Sie benötigen außerdem nur Weide und Wasser, um während dieses Viehtriebs Nahrung zu finden. Der Trieb von Schweinen über lange Strecken ist anspruchsvoller, weil die Tiere Schatten benötigen und weniger einfach in Herden zusammengehalten werden können. Der Schweinetrieb ist entsprechend historisch seltener.
Vom Wesen her passen Mensch und Schwein eigentlich gut zusammen. Das Schwein ist dem Menschen ähnlicher, als ihm lieb ist. Beide sind intelligente, verspielte, kommunikative und stressanfällige Wesen und beide fressen von Natur aus alles, sind überwiegend aber auf Pflanzen ausgerichtet. Viele Schweinerassen können auch ähnliche Herz- und Kreislaufkrankheiten entwickeln wie der Mensch. Sie werden deshalb auch als Labor- und Versuchstiere gehalten. Physiologisch sind sich Schwein und Mensch sehr ähnlich. Das betrifft nicht nur die ähnlichen Krankheitsausprägungen, sondern zum Beispiel auch die Struktur und Beschaffenheit von Fleisch und Fettgewebe. In der Gerichtsmedizin werden beispielsweise Stich- und Schussverletzungen an frischgeschlachteten Schweinen nachgestellt.
So viel Ähnlichkeit provoziert Ambivalenz. Das Schwein symbolisiert in Geschichte und Mythologie sowohl Glück und Fruchtbarkeit genauso wie Unreinheit und Tod.
In China und Südostasien gelten Schweine und im Jahr des Schweins geborene Menschen (z.B. Jackie Chan) als tolerant, edelmütig, ehrlich und vertrauenswürdig. In den westlichen Industriestaaten zählt allein das Fleisch. Es produziert keine Milch, keine Wolle und ist als Lastentier nicht einzusetzen, ist wie kaum ein anderes Tier ein Opfer der technisch optimierten Massentierhaltung und -schlachtung. Allein in Deutschland werden jährlich 60 Millionen Schweine geschlachtet. Die Hälfte des schweizer Fleischkonsums geht auf Kosten des Schweins.
Ein lebendes Schwein interessiert nicht. Das war nicht immer so. Noch bis vor weniger als hundert Jahren waren Schweine Abfallverwehrter, ergänzt mit Wurzeln, Nüssen, Eicheln und anderen Leckerbissen, die sie sich vor allem in den schattigen Wäldern fanden.
Schweine fühlen sich im Wald heimisch. Verständlich, sind doch die direkten Vorfahren, die Wildschweine, nach wie vor Waldbewohner. Außerdem ist der Wald kühler, denn Schweine können nicht schwitzen und bekommen schnell einen Sonnenbrand. Sich in Schlamm und Dreck zu wälzen ist also nicht eklig, sondern vernünftig. Schweine sind gute Läufer und leidenschaftliche Schwimmer.
Trotzdem gilt das Schwein nicht zuletzt deswegen im Judentum und Islam als unrein. Schweinehirten dürften folglich in früheren Zeiten nicht heiraten oder den Tempel betreten. Jesus trieb eine Dämonenhorde in Schweine, die dann wie von Sinnen einen Abhang herunterstürzen (Markus 5:1-20).
Die Theorie, dass die
Trichinellose der ausschlaggebende Grund für das Verbot des Schweinefleischverzehrs war, gilt heute einhellig als überholt. Sie kam nach 1859 auf, als Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen
Trichinella spiralis und rohem oder nicht durchgekochtem Schweinefleisch bewiesen. Es ist nicht gesichert, dass dieser Parasit im antiken Palästina überhaupt existierte, und wegen der langen Dauer zwischen dem Verzehr von infiziertem Schweinefleisch und einer Erkrankung gilt es als weitgehend ausgeschlossen, dass dieser Schluss gezogen wurde und zu dem Verbot führte. Dagegen ist vorstellbar, dass das Schwein wegen seiner Eigenart als Allesfresser, der auch vor Kadavern nicht haltmacht, verbunden mit den ortsüblichen Begräbnissitten (nur in Leichentüchern und ohne Sarg) als Leichenfresser in Verruf kam, so dass Menschen, die Schweinefleisch aßen, sich des indirekten Kannibalismus schuldig machen konnten. Weiterhin wird vermutet, dass das Schwein wegen der zunehmenden Entwaldung des Vorderen Orients immer mehr zum Nahrungskonkurrenten des Menschen wurde, da es nicht wie die Wiederkäuer von Gras leben kann und zudem viel mehr Wasser und Schatten benötigt als diese.
Für das Judentum entwickelten sich die Speisegesetze zu einem identitätsstiftenden Merkmal.
Für die germanischen Völker war insbesondere der Eber ein heiliges Tier. Der Wagen des Gottes Freyr wird vom Eber Gullinborsti gezogen. Das Schwein ist ein Zeichen für Wohlstand und Reichtum, da es als Symbol der Fruchtbarkeit und Stärke gilt. Als Glücksbringer hat es sich in Deutschland bis heute gehalten. "Schwein haben" ist eine Redensart und bedeutet "Glück haben".
Ziehen zwar keinen germanischen Götterwagen, sehen aber niedlich aus: WollschweinferkelUntersuchungen an der Pennsylvania State University haben ergeben, dass Schweine mit einem Joystick im Maul an einem Monitor Erkennungsaufgaben sehr gut lösen können. Man geht davon aus, dass ihre kognitiven Fähigkeiten durchaus mit denen mancher Primaten vergleichbar sind.
Nach diesem langen Text also nochmal zur Quintessenz: Nein, Schweine sind uns trotz aller Ähnlichkeit nicht die nächsten Verwandten.
Jetzt ist der Mensch also nachweislich weder Maus, noch Schwein. Ist er wenigstens ein Affe?
Schimpansen sind unsere nächsten Verwandten im Tierreich, doch eigentlich handelt es sich dabei um eine Gattung: Pan. Diese umfasst zwei Arten: den Gemeinen Schimpansen (Pan troglodytes) und den Bonobo (Pan paniscus), auch Zwergschimpanse genannt.
Das Erbgut des Gemeinen Schimpansen war bereits bekannt. 2015 hat ein internationales Forscherteam auch den genetischen Code des Bonobo entschlüsselt. Der Vergleich des Genoms beider Affenarten mit dem des Menschen überraschte.
Kay Prüfer vom Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology in Leipzig berichtet davon, dass manche Sequenz des Erbgutes des Bonobo mehr dem des Menschen gleicht, als dem seines nahen Verwandten.
Seit der Entschlüsselung des Genoms des Gemeinen Schimpansen im Jahr 2005 war bereits klar, dass jener genetisch gesehen unser nächster Verwandter ist. Sie stehen uns in der Entwicklungsgeschichte der Primaten deutlich näher als die beiden anderen Vertreter der Menschenaffen, Gorilla und Orang-Utan. Das bestätigte auch die Untersuchung des Genoms des Gorilla Anfang 2015. Die Vergleiche zeigten, dass sich der Mensch vom Schimpansen genetisch betrachtet lediglich um 1,3% unterscheidet, der Gorilla dagegen um 1,75%. Vom Schimpansen ausgehend wird die Verwandtschaft noch deutlicher: Sein nächster Verwandter ist nicht etwa der Gorilla, sondern der Mensch.
Es gibt sogar Wissenschaftler, die Schimpansen nicht als eigene Gattung betrachten, sondern als Vertreter der Gattung Homo zugehörig, da die Trennung nur traditionell und religiös bedingt sehen.
Schimpansen sind in Äquatorialafrika weit verbreitet, der Bonobo lebt dagegen ausschließlich südlich des Flusses Kongo. Sie unterscheiden sich äußerlich und vor allem in ihrem Verhalten. Unter männlichen Schimpansen gibt es häufig aggressive Rangkämpfe, die es bei Bonobos nicht gibt. Die Männchen sind nicht einmal dominierend. Zudem sind sie sehr verspielt und haben, ähnlich dem Menschen, ein aktives Sexleben, das nicht allein der Fortpflanzung dient.
Die beiden Affenarten unterscheiden sich genetisch vom Menschen beide nur um 1,3% untereinander nur um 0,4%. Das spiegelt, so die Forscher, die stammesgeschichtliche Entwicklung wider: Mensch und Pan trennten sich vor 6 Millionen Jahren, Schimpanse und Bonobo dann vor etwa 1,5 - 2,5 Millionen Jahren.
Eine weitere Überraschung: 3% des menschlichen Genoms ähneln dem des Bonobo beziehungsweise dem des Schimpansen deutlich mehr, als die gleichen 3% des Genoms beider Affen untereinander. Weitere Untersuchungen sollen nun zeigen, ob diese Erbanlagen im Zusammenhang mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Verhalten der drei Spezies stehen.
Quelle:
Kay Prüfer (Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology in Leipzig) et al.: Nature, doi:10.1038/nature11128 © wissenschaft.de – Martin Vieweg
Apropos: Schweine müssten im Mittelalter gelegentlich auch vor Gericht erscheinen, etwa wegen des Vorwurfs, Kinder angeknabbert zu haben. Die Tiere wurden wie Menschen abgeurteilt und oft mit dem Tod durch Erhängen bestraft.