Evolution oder Schöpfung




Religion, Esoterik, Verschörungstheorien und andere Dinge.

Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mi 7. Jul 2021, 09:25

Darwin irrte nicht! Oder doch? - Ein kurzer Einblick in "Intelligent Design"

"Intelligent Design" habe ich hier bereits ein paar mal behandelt.
... 023, 29.12.2017: Was ist nicht reduzierbare Komplexität?
... 025, 05.01.2018: Zur Evolution des "Bakterienmotors" - Die Entstehung bakterieller Flagellen ist erklärbar
... 028, 13.01.2018: Rezension: Dem Geheimnis des Lebens nahe (2002)
... 102, 22.02.2021: Lassen wir außer Acht ... (Teil 1)
... 103, 28.02.2021: Lassen wir außer Acht ... (Teil 2)
... 104, 02.03.2021: Lassen wir außer Acht ... (Teil 3)
... 124, 16.05.2021: Video: Irreducible complexity cut down to size | QualiaSoup (10:53 min, engl.) (ursprünglich in Kritisch denken veröffentlicht)
... 128, 05.06.2021: Video: Rebuttals: irreducible complexity | QualiaSoup (9:46 min, engl.)

Warum auch die Links zu "nicht reduzierbaren Komplexitäten"?
Eines der Standardargumente ist, dass das Leben zu komplex sei, um rein zufällig, durch natürliche Auslese entstanden zu sein.

Was hält die wissenschaftliche Gemeinde, die wissenschaftliche Biologieforschung von diesem Ansatz?
Gar nichts. Die Grundaussagen der Evolutionstheorie wurden zunächst von Charles Darwin formuliert und später von Evolutionsbiologen weiter ausgefeilt. Sie lauten:
  • Evolution findet immer statt.
  • Evolution ist nicht umkehrbar.
  • Evolution ist auch nicht zielgerichtet.
  • Evolution hat keine Entwicklung zu einem erkennbaren Zweck.
  • Evolution wirkt auf allen Ebenen, vom Molekül bis zum Ökosystem.
Alle Organismen bis hin zum komplexesten Lebewesen, was möglicherweise der Mensch ist, entstehen durch Mechanismen wie genetische Vielfalt (Mutation, Variation, Adaption), Auslese (Selektion) und Zufallswirkungen (Atavismus, Genetischer Drift). Das kann man jetzt einfach in den Raum stellen und sich nicht um eine experimentelle Bestätigung kümmern, wie es Kreationisten und so auch die Intelligent Designer machen. Oder man prüft die Aussagen. Das macht den Unterschied zwischen wissenschaftlicher Theorie und einer pseudowissenschaftlicher Ideologie. Ups, wer diese Kriterien wohl erfüllt?
Ein Beispiel: Tiere haben einen großen Selektionsvorteil, wenn sie Licht wahrnehmen und als Informationsquelle nutzen können. Vermutlich aus diesem Grund haben die Tiere im Laufe der Stammesgeschichte komplexe Lichtsinnesorgane (Augen) entwickelt. Wenn der Selektionsvorteil ausbleibt – die Tiere etwa für lange Zeit und viele Generationen hinweg in ewiger Dunkelheit leben – sollten diese Strukturen und Organe wieder verkümmern.
Genau das kann man bei einem mexikanischen Fisch (Astyanax mexicanus) beobachten, bei dem es sowohl Vertreter gibt, die nahe der Wasseroberfläche leben und daher dem Licht ausgesetzt sind wie auch Individuen, die seit langem in Höhlen ohne Licht leben. Wie von der Evolutionstheorie erwartet, haben die Höhlenfische ihre Augen vollkommen zurückgebildet.
Dabei darf man aber nicht den Fehler machen eine monokausalen Zusammenhang zu suchen. Natürlich haben sich die Augen nicht gebildet, weil man damit Licht wahrnehmen kann. Sondern die Bildung der ersten zufällig entstandenen Lichtzellen ermöglichte die Ausbildung eines weiteren Sinnes, der gegenüber den Nahrungskonkurrenten und Fressfeinden einen "technologischen" Vorteil darstellte und sich deshalb die Individuen besser verbreiten konnten, die diesen Vorteil besaßen, worauf dann wieder neue Weiterentwicklungen aufbauen konnten. Und so weiter.
Genauso wenig haben sich die Augen zurückgebildet, weil es in den Höhlen dunkel ist. Die Augen unnötig wurden und ihre Ausbildung und Instandhaltung "Kosten" verursacht, haben die Individuen einen Vorteil, die dieses Konstrukt wieder "verkleinern" oder zurückbilden. Das ist kein bewusster Prozess, ebenso wenig wie der erste.

Der experimentell arbeitende Evolutionsbiologe kann durch Vergleiche von Morphologie und Molekularbiologie der beiden Formen versuchen, im Detail herauszufinden, an welchen Regelkreisen und Molekülen der Selektionsdruck wirklich ansetzt.
"Intelligent Design" kann das nicht. Es ist keine Theorie. Es ist auch keine Wissenschaft. Es ist die Behauptung, nur eine intelligente Ursache könne das Entstehen vor allem, von komplexen Lebewesen erklären. Diese Behauptung kann durch kein Experiment geprüft werden. Sie macht keine Vorhersagen, stellt auch keine neuen Hypothesen auf und möchte eigentlich auch gar nicht, dass man sie jemals experimentell überprüft.
Gleichwohl sind unter den Anhängern des "Intelligent Design" auch Wissenschaftler. Sie versuchen, mit logischen Argumenten der Evolutionstheorie den Boden zu nehmen.

Lässt die Evolutionstheorie Fragen offen?

Ja. Die Evolutionstheorie kann vieles nicht erklären. Wir haben bis heute keine Erklärung dafür, wie komplexe Strukturen aus sich selbst heraus entstehen. Das ist eines der ganz großen Rätsel, die man mit den Grundgesetzen der Physik und der Biologie nicht beschreiben kann. Der Naturwissenschaftler hat immer Rätsel, und täglich stehen wir vor ungelösten Problemen. Aber alle Rätsel müssen mit naturwissenschaftlichen Theorien, mit Beobachtungen, mit Experimenten und mit Messungen gelöst werden. Und man muss eine Theorie auch mal verwerfen können. Die Evolutionstheorie lässt das ausdrücklich zu, wenn neue experimentelle Befunde das erfordern. Sie ist falsifizierbar beschrieben worden.

Aber derzeit gibt es keine anderen Theorien über die Entstehung des Lebens, die einer wissenschaftlichen Prüfung standhalten. Nicht deswegen hat die Evolutionstheorie die Zeiten überstanden, wie es jetzt vielleicht klingen mag. Sondern, weil sie am Besten beschreibt, was wir auf diesem Planeten gefunden und erprobt haben.
Die Evolutionstheorie ist mittlerweile enorm komplex geworden. Sie wird von vielen Beobachtungen auch außerhalb der Biologie – etwa aus der Physik, der Chemie oder der Geologie – unterstützt. Bis heute gibt es keine Theorie, die zeigt, dass die Evolutionstheorie falsch ist oder nicht zutrifft. Es ist eine sehr lebendige, im Zentrum der heutigen Naturwissenschaft stehende Theorie, die von ganz verschiedenen Fachbereichen angegangen wird und zu einem echten Erkenntniszuwachs führt. Sie ist nicht einfach nur ein Glaube.

Das dieser Theorie dennoch so viele ungebührlich kritisch gegenüberstehen, ist eher ein gesellschaftliches Problem, plus: Sie entspricht nicht unserem täglichen Erfahrungen. Von einem Apfelbaum werden wir immer Äpfel ernten. Größer jedoch ist wohl die religiöse Indoktrination auch bei denen, die offiziell nie in irgendeiner Kirche oder dergleichen waren. Und selbstverständlich spielt auch das menschliche Ego mit hinein: Es fällt dem Menschen offensichtlich nicht so leicht zu akzeptieren, dass er ein winzig kleines Rädchen im großen Getriebe des Lebens ist. Der Mensch sieht sich immer als etwas Besonderes. Diesem Wunsch entspricht das "Intelligent Design" mit der Darstellung des Menschen als "auf der Höhe der Entwicklung". Die Parallelen zu Kopernikus, Galileo und Kepler liegen auf der Hand.
Die Vertreter von »Intelligent Design« agieren allerdings sehr geschickt. So streiten sie nicht ab, dass es eine gewisse Entwicklung gibt. Schließlich gibt es Fossilien, die Millionen von Jahren alt sind. Auch dass es eine gewisse Höherentwicklung gibt, akzeptieren sie. Sie nennen das Mikroevolution. Die Entwicklung des Menschen klammern sie davon aus. Das sei die Makroevolution. Das ist naturwissenschaftlich gesehen bodenloser Quatsch. Dennoch mehren sich auch hierzulande alarmierende Anzeichen. Es darf nicht so weit kommen wie in den Vereinigten Staaten, wo in einigen Bundesstaaten Schulbücher zur Evolution aus dem Unterricht verbannt werden. Wir sind eine aufgeklärte, rationale und naturwissenschaftlich orientierte Gesellschaft.

Kurzfassung: Intelligent Design

Eine größere Auseinandersetzung mit dem Thema wird folgen. Heute möchte ich euch lediglich in einer Übersicht ein wenig an diese "Theorie" heranführen.

"Der Mensch ist zu komplex, um durch Zufall entstanden zu sein. Eine übergeordnete Kraft, eine Art intelligenter Baumeister muss dahinter stehen."
So in etwa die große Hauptaussage der Bewegung "Intelligent Design".
Ihre Anhänger machen seit einigen Jahren verstärkt mobil gegen die Evolutionstheorie und deren Vermittlung an amerikanischen Schulen, Museen und öffentlichen Einrichtungen. Sie stehen dem konservativen Discovery Institute in Seattle, Washington/USA nahe. Das Institut wird von christlichen Konservativen finanziert.
Im Unterschied zu den Kreationisten, die die Schöpfungsgeschichte der Bibel wörtlich nehmen, streiten die Vertreter des "Intelligent Design" evolutionäre Entwicklungen in der Natur nicht völlig ab. Sie akzeptieren, dass die Erde mehrere Milliarden Jahre alt ist und dass das Leben schrittweise entstanden ist. Dahinter sehen sie jedoch eine intelligente Ursache.
Nach einem Urteil des obersten US-amerikanischen Gerichts darf Kreationismus nicht im Unterricht gelehrt werden. Das "Intelligent Design" wird generell zu den Pseudowissenschaften gerechnet. Das Gedankengut ist allerdings fest in der amerikanischen Gesellschaft verankert. Laut Umfragen der letzten Jahre bekennt sich etwa die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung zum Kreationismus. Die deutsche Gesellschaft steht dagegen vermehrt hinter Darwin: In einer Forsa-Umfrage Ende 2005 sagten 61 Prozent der Deutschen, dass die Evolutionstheorie die richtige Erklärung für die Entwicklung aller Lebewesen sei. So richtig berauschend ist dieser Prozentsatz für eine aufgeklärte, wissenschaftliche geprägte Gesellschaft zwar auch nicht, aber immerhin ...
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Wir erschießen Wildtiere, weil diese sich unkontrolliert vermehren, wenn keine Raubtiere da sind und die Wälder schädigen. Und wenn sich Wölfe wieder ansiedeln, erschießen wir die auch, weil sie sonst andere Tiere fressen. Klingt nach einem super Marketingkonzept für Munitionshersteller, aber nicht wirklich durchdacht.
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mo 12. Jul 2021, 12:04

Rezension: Michael Schmidt-Salomon: Susi Neunmalklug erklärt die Evolution (mit Video)

Das Buch ist am 1. Februar 2009 erschien und war kurzzeitig heiß in der Diskussion. Also in meiner Internetbubble. Der Rest der Welt wird es vermutlich gar nicht wahrgenommen haben.
Auf 40 Kinderbuchseiten in annähernd A5 wird der damals aktuelle Wissenstand zum Thema "Entstehung der Welt und des Menschen" erläutert. So zumindest das Credo des Buches.

Die Autoren Michael Schmidt-Salomon (Text) und Helge Nyncke (Grafik) sind schon durch ihr Werk "Wo bitte gehts zu Gott, fragte das kleine Ferkel" aufgefallen. Auch in "Susi Neunmalklug erklärt die Evolution" widmen sie sich wieder dem Thema Religion. Passend zum Thread hier - ich würde es sonst woanders posten - geht es in diesem Buch um den Konflikt zwischen Kreationismus und Evolutionstheorie.

Bild
Quelle: Bücher.de (direkt zum Buch)

Verlag: Alibri
Seitenzahl: 40
Altersempfehlung: ab 10 Jahren
Erscheinungstermin: Februar 2009 (1. Auflage in Deutsch)
ISBN-13: 9783865690531
ISBN-10: 386569053X

Mit folgendem Text wurde sie Susi damals beworben:

Hat uns der "liebe Gott" erschaffen oder sind wir ein zufälliges Ergebnis der Evolution? Keine Frage für Susi Neunmalklug. Denn Susi ist so schlau wie Superman stark ist und kann so gut denken, wie Spiderman klettern kann. Wie andere Superhelden versteckt auch Susi meist ihre Superkräfte. Nur manchmal, wenn sie etwas richtig Dummes hört, kann sie sich einfach nicht bremsen. So war es auch, als Herr Hempelmann eines Morgens das Klassenzimmer betrat und eine seltsame Geschichte von der Entstehung der Welt erzählte...


Den Buchinhalt kann uns Susi ja gleich selbst zusammenfassen:

Susi Neunmalklug erklärt die Evolution | Giordano-Bruno-Stiftung


https://m.youtube.com/watch?v=X-j3I4kjHWI

Aber ich schreibe hier trotzdem noch einmal für die Nichtschauer an, um was es in dem Buch geht:

Der Lehrer Herr Hempelmann kommt eines Tages in die Klasse und erklärt den Kindern die Entstehung der Welt, ganz so wie sie in der Bibel steht. Er beendet seinen Vortrag mit: "Deshalb liebe Kinder, dankt Gott dem Herrn! [...] Alles, was in dieser Welt ist, kommt von ihm!"
Danach folgt auf 15 Seiten Susis Erklärung. Sie leitet diese wie folgt ein:

"Aber Herr Hempelmann!", sagte sie kichernd. "Das haben Sie ja völlig falsch verstanden! Ich erkläre Ihnen mal, wie das wirklich war ..."

Sie beginnt beim Urknall und der Entstehung der Sterne, der Sonne und der Erde. Kurz wird erklärt, wie sich die frühe Erde so weit entwickelte, dass dort die ersten Lebewesen entstehen konnten. Ein weiterer Abriss zeigt wie aus den Landlebewesen die Dinosaurier wurden, wie diese dann ausgestorben seinen und wie wichtig die Rolle dieses Massensterbens für die Entwicklung der Säugetiere war. Ihre Aufzählung endet mit der menschlichen Evolution von den ersten Ur-Primaten bis hin zum modernen Mensch. Sie schließt ihr Plädoyer mit folgenden Worten:
So verlief die Evolution, die Entwicklung von den einfachsten Lebewesen aus der Ursuppe über die Ursäuger bis hin zu uns Menschen. (…) Es gab dazwischen viel Auf und Ab, Arten entstanden und gingen wieder unter wie die Dinosaurier. Doch der Staffellauf des Lebens ist nie abgerissen. Es hat 13,7 Milliarden Jahre seit dem Urknall gedauert, aber nun sitzen wir hier, Herr Hempelmann. Eine verrückte Geschichte! Doch mit dem lieben Gott hat das rein gar nichts zu tun!

Herr Hempelmann gibt zu, dass das alles so gewesen sein könnte, kontert aber mit einem oft gehörten Einwand. Vielleicht war es ja Gott, der sich darum gekümmert hat, dass die allerersten Lebewesen in der Ursuppe entstanden. Immerhin ist die Frage der ersten Entstehung des Lebens von der Wissenschaft noch nicht abschließend geklärt.
Susi erwidert, dass es ein ziemlich bescheuerter Weg wäre, erst Unmengen von Tieren zu erschaffen und diese dann wieder auszurotten, damit am Ende die Artenvielfalt steht, die wir heute sehen, inklusive des Menschen.
Ein weiterer Einwand des Lehrers, dass dieses Fressen und Gefressen werden ein düsteres Bild vom Leben schafft und es doch viel schöner ist, "an einen Gott zu glauben, der alles gut gemacht hat.", wird ebenso abgeschmettert. Susi erklärt, Wunschdenken erzeugt noch lange keine Realität. Und die Welt, die Gott angeblich so "gut gemacht" hat, erweist sich bei näherer Betrachtung für viele Menschen als nicht wirklich so toll. Susis Fazit ist dementsprechend vernichtend:

Aber nun leben wir halt in dieser Welt und müssen das Beste daraus machen! Und deshalb müssen wir uns unterstützen und voneinander lernen! So dumme Geschichten, wie die, die Sie uns erzählt haben, helfen da nicht weiter!

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen!

Es gibt dennoch ein Für und Wider.

Das Buch an sich ist erstmal okay. Es wurde im Buch nicht explizit angegeben, für welche Zielgruppe es geschrieben ist. Meiner persönlichen Einschätzung nach soll es wohl für Grundschüler bis ca. 10 Jahre sein. Älteren Kindern kann und sollte man durchaus an ausführlichere Sachbücher über Evolution und Wissenschaft insgesamt heranführen. Das kann nie schaden. Vermutlich begreifen aber auch schon Jüngere viel mehr, als man ihnen allgemein zutraut. Mein Sohn kann alle Planeten in Reihenfolge aufsagen und weiß einige bemerkenswerte und herausragende Eigenschaften von jedem dieser Himmelskörper. Er begeistert sich für geometrische Formen und Mathematik und eine seiner Lieblingsseiten in seinem Wissensbuch ist die Doppelseite mit dem Periodensystem. Aber das muss ja nicht auf jeden 7-jährigen zutreffen.

Für 1.-4.-Klässler ist der Inhalt des Buches ausreichend. Für eine Argumentationsgrundlage mit eingefleischten Kreationisten würde ich mich dennoch nicht auf dieses Buch stützen. Verständlicherweise.
Es ist nicht mehr als ein ganz grundlegender, vereinfachter Einstieg in die Evolutionstheorie (nicht -forschung). Es kann aufgrund des Umfangs nichts weiter als das sein.

Gehen wir dennoch auf einige argumentative Mängel ein.

Fehlende Quellen
Das Buch führt keine Belegstellen an. Das ist zwar für ein Kinderbuch normal, kann aber als Angriffsfläche für jene dienen, die den Schreibern tendenziöse und voreingenommene Beweggründe unterstellen. Ich habe im Netz auch keine wissenschaftliche Besprechnung zu diesem Buch gefunden. Ich gehe auch davon aus, dass ein Kinderbuch, dafür ein wenig geeignetes Feld ist.

Präsentation
Was aber definitiv negativ auffällt, ist die Art der kleinen Göre.
In einer sehr überheblichen Art wird sowohl sie als Figur vorgestellt, als auch ihre Erklärung. Aufgrund des Fehlens von Quellen, was man wie gesagt, beim Umfang eines Kinderbuches nicht erwarten kann und sollte, wirkt ihre Aufklärung nicht weniger obrigkeitshörig, wie die des Lehrers. Nur die Autoritäten wechseln. Ich habe so ein ungutes Gefühl, es gehe hier leider nur um Kreationisten-Bashing. Und der Lehrer ist hier das zu demütigende Opfer. Für den unbedarften Leser tritt hier lediglich ein Weltbild gegen das andere an.

Sprich: Netter Ansatz, aber die Methodik ist zweifelhaft.
Die Bibelexegese hat sich weitgehend an den wissenschaftlichen Forschungsstand angepasst, Adam und Eva werden in den mit Abstand meisten Fällen als Metaphern gelesen. Gleiches trifft für viele andere Teile der Bibel zu. Vielleicht ist das, was mich am meisten an der Kontroverse Evolution oder Schöpfung stört: Das Bild der Gesellschaft und der Schule, das dort erfunden wird, hat mit der gegenwärtigen Realität nichts zu tun. Möglicherweise werden Kreationisten Land gewinnen und dann wäre es notwendig, dass Kinder bzw. Menschen generell in der Lage sind, die argumentativen Schwachstellen zu erkennen und sie zu kritisieren, statt die gleichen Methoden anzuwenden. Man muss sich nicht mit allem sachlich auseinandersetzen, aber man sollte dazu in der Lage sein.

Ob und welcher institutionalisierten Glaubenrichtung der Lehrer angehört, wird nicht erwähnt. Klar ist aber, er stützt sich auf die Bibel. Mehr noch, er vertritt ganz offen den Kurzzeitkreationismus. Ziel des Buches ist es vermutlich nicht, sich über den christlichen Glauben lustig zu machen. Aber es passiert dann halt leider doch.
Es geht darum, dass ein Lehrer den Kindern eine religiöse Weltsicht als wissenschaftliche Erklärung präsentiert. Davon sind wir in Deutschland glücklicherweise mehrheitlich entfernt. Natürlich kann auch meine Äußerung hier als Wertung gesehen werden. Und ich finde es gut, dass Susi völlig zu Recht gegen diese Erklärung vorgeht. Manche werden sich daran stören und haben sich bereits daran gestört, dass Susi die Ansicht des Lehrers als dumm bezeichnet. Aber soweit ich mich mit dem Thema Kreationismus beschäftigt habe, fällt mir im Moment kein Adjektiv ein, dass besser passen könnte. Naiv, vielleicht.

Ockams Rasiermesser
Als der Lehrer sagt, die Evolution sei vielleicht durch Gott gesteuert, erwidert Susi ja mit der Unnötigkeit erst Tiere zu erschaffen, diese aussterben zu lassen, um aus den Tieren Stück für Stück unsere heutige Flora und Fauna zu bilden, sei sehr aufwendig und eben nicht weise.
Aber das muss nicht zwingend ein Gegenargument sein. Irgendwie kann man Gott immer mit rein bringen, wenn man will. Ein allmächtiges Wesen ist eben allmächtig und kann machen was es will. Vielleicht wurde die Welt, mitsamt ihrer Geschichte und unseren Erinnerungen daran, erst vor 5 Minuten geschaffen. Wir könnten nie auch nur einen Erweis für das Alter unserer Funde verifizieren, eben weil Gott uns auch kurz vor dem Auffinden des Fossils inklusive Fossil erschaffen haben könnte. Es sieht dann zwar alt aus und unsere Messmethoden sagen dann auch, dass es tausende von Jahren als ist, aber es ist wie wir selbst gerade erst entstanden.
Und genauso wenig, wie diese Aussage überprüfbar ist, ist auch die Aussage nicht überprüfbar, wann und wo Gott in die Schöpfung/Evolution eingegriffen haben soll. Das ist prinzipiell nicht feststellbar. Also kann es stimmen, aber relevant ist es nicht. Weiterführend hätte Susi auf einen solchen Einwand des Lehrers antworten können, dass wir mit dieser Unsicherheit leben müssen, weil wir es nicht nachweisen können und gleichzeitig auch nicht widerlegen. Auf gleichem Niveau stehen die Aussagen dennoch nicht. Denn um die Erschaffung zu postulieren, muss man auch gleich noch ein paar Sachen mehr vorraussetzen: Es gibt Gott. Gott hat alles erschaffen. Gott interessiert sich für seine Schöpfung.
Nichts davon lässt sich verifizieren. Wir haben also keine Einbußen in der wissenschaftlichen Debatte, diese Punkte und damit die Schöpfung selbst als obsolet anzusehen. Wir könnten dem Zufall den gleichen Stellenwert geben und es wäre nicht grundlegend anders. Es wurmt dann aber die Frage, warum Gott die Erde und das Weltall so alt aussehen lässt, warum auch die Messmethoden zu so großen Zahlen kommen. Und warum sieht es so verdammt nach Entwicklung aus, wenn alles bereits fertig geschaffen worden sein soll? Woran erkennen wir den Fingerabdruck Gottes, besonders, wenn er ihn dann willentlich selbst versteckt?

Das größte Problem mit dem Buch haben aber wohl die, die anprangern, man dürfe Religion nicht kritisieren. Wer nicht an Gott glauben will, darf das gerne tun. Aber bitteschön nur für sich. Man muss es ja nicht öffentlich kundtun. Aber Kritik an Religion zu üben ist völlig okay.

Man kann nicht einfach erklären, gläubige Menschen seien dumm und ihre Geschichten sind bescheuerter Unsinn. Und wenn religiöse Menschen einmal nachdächten, würden sie vielleicht auch erkennen, was für einen Quatsch sie glauben.
So aber ist leider der authentische Tonfall (leider sogar teils wortgetreu!). Der Autor Michael Schmidt-Salomon ist übrigens auch aktueller Vorstandssprecher der "Giordano Bruno Stiftung". Benannt ist die Stiftung nach dem Dominikaner Giordano Bruno, der im Jahre 1600 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen hingerichtet wurde. Die Gründer der Stiftung entschieden sich für Bruno als Namensgeber, da er eine damals "unzeitgemäße Philosophie" vertreten habe, in der sich bereits "Grundzüge einer nicht-dualistischen, naturalistischen Welterkenntnis", "Überlegungen zur biologischen Abstammungslehre" und Elemente einer "evolutionär-humanistischen Ethik" finden, welche auch "die Rechte nichtmenschlicher Organismen einschließen". Zudem seien von Bruno "wesentliche Impulse für die Entwicklung der modernen Religionskritik" ausgegangen. Die Giordano-Bruno-Stiftung hat den satzungsgemäßen Zweck, die "neuesten Erkenntnisse der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften zu sammeln und ihre Bedeutung für das humanistische Anliegen eines friedlichen und gleichberechtigten Zusammenlebens der Menschen im Diesseits herauszuarbeiten. Auf diese Weise sollen die Grundzüge einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik entwickelt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden."
Die Giordano-Bruno-Stiftung vertritt die Position des "Evolutionären Humanismus" und setzt sich für die Werte der Aufklärung ein. Im Einzelnen nennt die Stiftung die Werte der kritischen Rationalität, Selbstbestimmung, Freiheit und sozialen Gerechtigkeit. Sie begreift den Menschen nicht als Krone der Schöpfung, sondern als unbeabsichtigtes Produkt der natürlichen Evolution.
Im Manifest des evolutionären Humanismus plädiert Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon für eine naturalistische Philosophie. Er geht von einem Bild des Kosmos aus, in dem alles "mit rechten Dingen zugeht", in dem es keine metaphysischen Fabelwesen (Götter, Dämonen, Hexen oder Kobolde) gibt, die auf supranaturalistische (übernatürliche) Weise mit Wundern in das Weltgeschehen eingreifen. Er schrieb auch:

Wir leben in einer Zeit der Ungleichzeitigkeit: Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder noch von Jahrtausende alten Legenden geprägt. Diese Kombination von höchstem technischen Know-how und naivstem Kinderglauben könnte auf Dauer fatale Konsequenzen haben. Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen wurde
Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus, S. 7

2013 wurde das Projekt Evokids in Zusammenarbeit mit der Universität Gießen gestartet. Es zielt darauf ab, Kinder in der Grundschule nicht nur die Schöpfungsgeschichte im Religionsunterricht zu lehren, sondern auch die Grundprinzipien der Evolutionstheorie.
Die Marschrichtung dieses Buches ist also eigentlich klar und kann daher nur naturalistisch und nicht kreationistisch sein.

Die Frage, inwieweit nun Name, Charakterisierung und geschildertes Verhalten geeignet sind, Susi zu einer Sympathieträgerin zu machen, mag jeder für sich beantworten. Dieser Ausgang des Konflikts überrascht schon deshalb nicht, weil Hempelmann seine Dummheit, Susi hingegen ihre Gewitztheit von Nyncke wortwörtlich ins Gesicht gezeichnet wurde. Diese Comic-typische Vereinfachung und Stilisierung mag dem Zielpublikum geschuldet sein, es kann aber auch leicht als stupid-brachiale Polemik ausgelegt werden. (Religions-)Kritik erschöpft sich schließlich nicht einfach in Schmähung.

Für Andersdenkende - und das sind nicht einmal unbedingt Gläubige - könnte diese Generalaburteilung ebenfalls etwas weniger heftig sein. Es soll ja ausdrücklich nicht um politischen Meinungsbildung, sondern der Wissenvermittlung gehen. Mit Wissen allein lässt sich religiöser Glaube allerdings nicht wirksam angreifen: Der vormalige Joseph Kardinal Ratzinger tat im Gespräch mit Jürgen Habermas dessen gesamte Argumentation letztendlich nonchalant mit dem Verweis ab, dass Vernunft überbewertet werde. Das mag vielen nicht gefallen, es kann jedoch in keiner Weise "verboten" werden. Eine Verpflichtung auf einen rein auf Ratio bezogenen Gesprächsrahmen kann ferner nicht durch naturwissenschaftliche Belege erzwungen werden.

Philosoph Norbert Hoerster, bis Ende 2011 selbst noch im Beirat der Stiftung, erklärte in einem Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er lehne die von ihrem Sprecher Schmidt-Salomon vertretenen Inhalte, die Kampagnen und den Argumentationsstil ab. Wenig überzeugend finde er zudem den "Neuen Atheismus" des Biologen Richard Dawkins, den auch die Stiftung vertrete. "Ich sehe nicht, wieso ausgerechnet die Evolutionstheorie den Gottesglauben widerlegen, ja ersetzen kann", schrieb Hoerster.

Aber - und das ist in diesem Buch leider auch nicht umgesetzt worden - die Aufgabe der Evolutionstheorie ist nicht die Widerlegung oder der Ersatz des Gottesglaubens, sondern die Erklärung der Natur. Der Anwendung des wissenschaftlichen Sparsamkeitsprinzips entsprechend sei eine Konsequenz der Evolutionstheorie, dass die Gotteshypothese zur Erklärung der Entstehung und Entwicklung der Arten unnötig werde.

Damit beende ich meine 3. Rezension, die nicht ein Werk aus der Wachtturm-Schmiede ist.
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Wir erschießen Wildtiere, weil diese sich unkontrolliert vermehren, wenn keine Raubtiere da sind und die Wälder schädigen. Und wenn sich Wölfe wieder ansiedeln, erschießen wir die auch, weil sie sonst andere Tiere fressen. Klingt nach einem super Marketingkonzept für Munitionshersteller, aber nicht wirklich durchdacht.
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mi 14. Jul 2021, 09:58

Die Wissenschaft irrt sich auch! - Teil 5: Die Unterlegenheit der Frau

Damit ihr diese lose Artikelreihe, die mitlerweile in mehrere Threads zerstreut wurde, auch nochmal Revue passieren lassen könnt, fasse ich nochmal eine Linkliste zusammen:

... 002, 12.02.2018: Wissenschaft irrt sich auch! - Teil 1: Die Erdscheibe (jetzt in Flat Earth)
... 003, 09.05.2018: Wissenschaft irrt sich auch! - Teil 2: Christoph Kolumbus (Die Erdscheibe 2.0) (jetzt in Flat Earth)
... 004, 16.02.2021: Wissenschaft irrt sich auch! - Teil 3: Das geozentrische Weltbild (jetzt in Flat Earth)
... 029, 29.06.2020: Video: Wissenschaft irrt sich auch! - Teil 4: maiLab - Wissenschaftler irren (20:41 min) (jetzt in Kritisches Denken)

Charles Darwin hat die Biologie revolutioniert. Doch er bliebt seinem Zeitgeist verhaftet.
Dass die Interpretation wissenschaftlicher Ergebnisse zwangsläufig im Rahmen bestehender kultureller und gesellschaftlicher Konventionen erfolgt, zeigt sich auch am Beispiel des Forschers, der die Biologie auf den Kopf gestellt hat.

"Der hauptsächlichste Unterschied in den intellectuellen Kräften der beiden Geschlechter zeigt sich darin, dass der Mann zu einer größeren Höhe in Allem, was er nur immer anfängt, gelangt, als zu welcher sich die Frau erheben kann, mag es nun tiefes Nachdenken, Vernunft oder Einbildungskraft, oder bloß den Gebrauch der Sinne und der Hände erfordern."
- Charles Darwin, circa 1878.

Um es nocheinmal klar zustellen, das ist kein frauenfeindlicher Internet-Troll, sondern Charles Darwin. Nachzulesen ist das im 19. Kapitel seines Buches "Die Abstammung des Menschen" (aus dem Jahr 1875 in der Übersetzung von Victor Carus). Dieser Wissenschafter war von der Überlegenheit des Mannes über die Frauen überzeugt und der Meinung, diese Aussage mit seinen revolutionären Ideen über die Evolution begründen zu können.

"[D]er mittlere Maßstab der geistigen Kraft beim Manne [muss] über dem der Frau stehen", schreibt Darwin weiter.
Warum das? Männliche Vertreter einer Spezies hätten sich im Laufe der Evolution immer anstrengen müssen, um Damen zwecks Fortpflanzung zu beeindrucken und mit anderen Jungs zu konkurrieren. Die Mädels können dagegen aussuchen, welchen Partner sie haben wollen.
Dieser Prozess soll bei den Menschen dazu geführt haben, dass die Männer durch Evolution und Biologie immer klüger und zu großen Kriegern und Denkern wurden. Und nur weil alle Nachkommen, einschließlich der weiblichen, immer auch einen Teil der männlichen Erbanlagen mitbekommen, seien die Frauen evolutionär und intellektuell nicht komplett von den Männern abgehängt worden.

Starker Tobak

Nach heutigem Wissensstand ist das natürlich vollkommener Unsinn, aber es regte sich schon damals Widerspruch. 1894 veröffentlichte die amerikanische Frauenrechtlerin und Lehrerin Eliza Burt Gamble ein Buch mit dem Titel "The Evolution of Woman: An Inquiry into the Dogma of Her Inferiority to Man". Darin wies sie auf die vielen Ungereimtheiten in Darwins Ansichten zu den evolutionären Ursachen der Geschlechterunterschiede hin.

Was für Ungereimtheiten? Folgende zum Beispiel:
Darwin schrieb, dass Affen wie die Gorillas zu groß und stark wären, um sich zu "höheren" sozialen Wesen wie Menschen zu entwickeln. Aber er schrieb auch, dass Männer im Durchschnitt größer und stärker als Frauen sind und deutete dies als ein Beleg für deren Überlegenheit.
Gamble argumentierte sauber und führte weitere Argumente aus Biologie, Statistik und Geschichte an. Sie alle zeigten das Darwin sich geirrt haben muss. Aber die Geschichte zeigt, dass die männlich dominierte Welt noch nicht bereit war, das Patriarchat hinter sich zu lassen und dem Mann ein wenig Demut zu geben, auch in der Wissenschaft. Nicht das ihre Argumente nicht stichhaltig waren.

Doch ein Unterschied?

Also forschte man weiter nach den Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Das war für die aufkeimende Frauenbewegung zwar nicht unbefremdlich, lebten sie doch in dieser Zeit, aber es tat ihrem Ansinnen zumindest kurzfristig nicht gut. Langfristig war es tatsächlich interessant und gab einen Impuls in der Wissenschaft.
1891 machte der Physiologe Charles-Édouard Brown-Séquard ein seltsames Experiment. Er spritzte sich selbst eine Flüssigkeit, die er aus den Hoden von Meerschweinchen und Hunden extrahiert hatte. Dadurch, so seine Behauptung, könne er seine körperliche und geistige Stärke erhöhen und seinen Körper verjüngen. Diese Ergebnisse wurden nie repliziert, waren aber der Auftakt zur Entdeckung und Erforschung der Sexualhormone.
In den folgenden Jahren fanden Wissenschafter in den Eierstöcken der Frau das Östrogen und in den Hoden des Mannes das Testosteron – und waren überzeugt, nun endlich eine biologische Erklärung für den Unterschied zwischen "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" entdeckt zu haben. Testosteron sollte Männer männlicher machen und Östrogen die Frauen fraulicher. Wenn Frauen sich nicht "weiblich" genug verhielten, dann machte man einen zu niedrigen Hormonspiegel dafür verantwortlich. Testosteron dagegen wurde unter anderem als Kur gegen Impotenz oder körperliche Schwäche bei Männern betrachtet.

Also alles in Ordnung?

Nunja, nicht so recht. Denn im Verlauf des 20. Jahrhunderts entdeckten Biologen, dass es keine geschlechtsspezifischen Hormone gibt. Auch männliche Körper produzieren Östrogen und weibliche Testosteron. Zu allem Überfluss wechselwirken diese Sexualhormone untereinander und sind sowohl für die männliche als auch die weibliche Physiologie von Bedeutung. Es muss mal wieder alles so verdammt kompliziert sein.
Die Biologen, aber auch die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer häufiger vertretenen Biologinnen, begannen nicht mehr nur die rein körperlichen Aspekte der Geschlechterunterschiede zu betrachten, sondern auch die Rolle der Gesellschaft zu untersuchen. Zum Beispiel die Antropologin Margaret Mead.
Sie war durch ihre Studien über die Sexualität der Kulturen im Südpazifik davon überzeugt, dass die Geschlechterrollen nicht genetisch, sondern kulturell bedingt sind. Aber auch ihre Arbeit war nicht unumstritten. Aber, wie bereits angedeutet, sind die Dinge nicht so einfach, wie es sich Charles Darwin und seine Zeitgenossen vorgestellt hatten. Was als "männlich" und was als "weiblich" zu gelten hat, war vom damaligen viktorianischen und wilhelminischen Zeitgeist geprägt.

Das schließt Darwin natürlich nicht aus. Auch hier gerne ein Beispiel:
Die amerikanische Frauenrechtlerin Caroline Kennard schrieb im Dezember 1881 einen Brief an Darwin, in dem sie seine Aussagen über die Evolution der Frau infrage stellte. In seiner Antwort wies Darwin noch einmal darauf hin, dass die Männer sich eben zwangsläufig zu intellektuell überlegenen Wesen entwickelt haben. Frauen könnten dieses Defizit nur aufholen, wenn sie sich einem ebenso intensiven Wettbewerb aussetzen müssten wie Männer. Das könne und dürfe aber nicht passieren, denn dann würden darunter "the early education of our children, not to mention the happiness of our homes" massiv leiden. Also Frauen für Erziehung der Kinder, die Männer raus in die schroffe Welt, in den Wettbewerb mit den anderen Männchen. Etwas anderes als die stereotypischen Geschlechterrollen konnte man sich nur schwer vorstellen.

Gleichwohl hat Darwin mit seiner Evolutionstheorie ja eigentlich gezeigt, dass die Eigenschaften der Lebewesen, inklusive uns Menschen, nicht gottgegeben und unveränderlich sind. Nicht das Aufklärung und die Frauenrechtbewegung/Emanzipation nicht schon vorher und nebenher lief. Aber die Evolutionstheorie, die schon die Biologie revolutionierte, bot auch hierfür einen wissenschaftlichen Grund, auf dem man aufbauen konnte.
Doch Darwin war dem Zeitgeist verhaftet. Er war nicht in der Lage, seine Forschung anders als im Licht der damaligen Gesellschaft und ihrer Stereotype zu interpretieren. Er steckte fest zwischen Aufklärung und Stereotyp. Und selbst aus seinem Irrtum können wir etwas lernen, eine Fazit ziehen:
Wissenschaftliche Forschung ist das eine. Sie ist gut und notwendig.
Die Interpretation dieser Ergebnisse aber etwas ganz anderes. Sie erfolgt zwangsläufig immer im Rahmen bestehender kultureller und gesellschaftlicher Konventionen.

Das kann man nicht außer Acht lassen. Dessen muss man sich bewusst sein. Zumindest, wenn man nicht Gefahr laufen will, nur das bestätigt zu sehen, was man bestätigt sehen möchte.

Wie wird es weitergehen?

Mittlerweile hat man in der Wissenschaft verstanden, dass es einen Unterschied zwischen "Geschlecht" und "Gender" gibt. Das biologische Geschlecht wird durch Gene, Hormone und (meistens auch) physische Eigenschaften bestimmt. Gender ist dagegen eine soziale Eigenschaft, die nicht nur von der Biologie, sondern auch von der Erziehung, dem kulturellen Umfeld und seinen Stereotypen geprägt wird. Was eine Gesellschaft als "männliche" oder "weibliche" Eigenschaften versteht, ändert sich im Lauf der Zeit und ist ebenso variabel wie die Gender-Definitionen.

Bei der zukünftigen Forschung auf diesem Gebiet wird man (so wie in allen anderen wissenschaftlichen Disziplinen) mit Sicherheit noch den einen oder anderen Irrtum machen. Aber eben auch aufdecken. Der große Vorteil der Wissenschaft. Dass Frauen den Männern intellektuell nicht unterlegen sind, so wie Darwin überzeugt war, ist heutzutage glücklicherweise den meisten klar.

Aber vielleicht hätte man sowohl Eliza Burt Gamble, als auch Caroline Kennard, aber auch einfach früher zuhören sollen.
In ihrer Antwort auf Darwins Brief schrieb Caroline Kennard im Januar 1882: "Solange Frauen nicht das gleiche Umfeld und die gleichen Möglichkeiten geboten werden wie Männern, kann man sie nicht als den Männern intellektuell unterlegen verurteilen."
Verblüffenderweise bestätigt sie damit die Evolutionstheorie, widerlegt aber Darwin, beziehungsweise seine durch die Umgebung eher persönliche Ansicht.

Ebenso wie in anderen Bereichen, wird es vermutlich ein vollständiges Verständnis der Geschlechter und Geschlechterrollen noch lange auf sich warten lassen. Sowohl biologisch, als auch soziologisch. Wohl noch so lange, bis Frauen in unserer Gesellschaft tatsächlich die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer.

Könnte also noch etwas dauern.
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Wir erschießen Wildtiere, weil diese sich unkontrolliert vermehren, wenn keine Raubtiere da sind und die Wälder schädigen. Und wenn sich Wölfe wieder ansiedeln, erschießen wir die auch, weil sie sonst andere Tiere fressen. Klingt nach einem super Marketingkonzept für Munitionshersteller, aber nicht wirklich durchdacht.
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mo 19. Jul 2021, 12:58

Die Menschlichkeit der Neandertaler

Ich muss es einfach mal zugeben: Ich mag Neandertaler. Sie sind sowas, wie die Underdogs der Menschheitsgeschichte, unsere nahen Verwandten, die ein wenig verschroben sind. Die man auf der Familienfeier eher nicht so grüßt. Denn, obwohl sie vermutlich nicht unbeteiligt an unserem Homo-sapiens-Genom sind, gelten sie noch immer als primitive "Fehlversuche" der menschlichen Evolution.
Grobschlächtig, dumpf, affenartig. Obwohl mitlerweile über ein Jahrhundert an Forschung Licht in viele Bereiche ihres Lebens gebracht hat, ist das auch heute noch unser Bild. Das ist die Vorstellung, die wir von allen frühen Menschen hegen.

Das Bild hat sich leider auch nicht wesentlich geändert, als in der 12/2013er Ausgabe der Proceedings of the National Academy of Science Bestätigungen dafür vorgelegt wurden, dass Neandertaler ihre Toten begruben. Das klingt jetzt erst einmal nicht aufregend. Wie widerlegt dies, die dumpfe Affenartigkeit dieser Grobiane.
Nun, im Grunde widerlegt es genau alle drei Vorurteile.

Jemanden zu begraben, ist ein schlüssiger Hinweis darauf, dass die Spezies die diesen Totenkult durchführt - und sei er noch so einfach gestaltet - eine Fähigkeit zu symbolischem Denken und handeln hat. Eine Fähigkeit, die den Neandertaler nach aktuellem Kenntnisstand auch von unseren nächsten heutigen Verwandten, den Menschenaffen ganz klar unterscheidet. Tiere trauern um ihre Toten, aber sie begraben sie nicht. Wieder einmal stellt sich die Frage, wie einzigartig der Homo Sapiens überhaupt ist.

Allerdings waren das schon 2013 nicht die ersten Signale, dass unser Bild vom Ur-Europäer als Dummbeutel - gelinde gesagt - nicht ganz stimmen kann. Es handelte sich um sehr soziale Wesen, die sich um ihre Mitmenschen kümmerten. Und ja, ich sage ganz bewusst Menschen.
Hey, vielleicht kannten sie sogar Musik. Die genaue Urheberschaft der Knochenflöten aus der Divje-Babe-Höhle in Slowenien ist zwar zumindest umstritten, aber sicher ist, dass diese Fragmente etwa 43.000 Jahre alt sind, also aus einer Zeit stammen, als Neandertaler noch in Europa verbreitet waren. Leider verschwanden unsere Cousins und Cousinen vor ca. 30.000 Jahren von der Bildfläche.

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Veraltetes Bild des Neandertalers

Und während die Leute um mich herum, jedem Vorfahr die Menschlichkeit absprechen, erinnere ich mich noch, wie ich schon in den späten 90ern irgendwo las, dass der Neandertaler sich um ihre Verletzten kümmert und Gebrechliche durchfüttert. Das erschien mir damals schon plausibel und je mehr ich mich in das Thema Evolution oder Schöpfung einlas, je mehr ich studierte, je mehr ich die Argumente beider Seiten gegeneinander aufwog, um so plausibler wurde es.
Es gibt eigentlich auch wenig konkrete Gründe, den Neandertalern die Fähigkeit zu solchem Verhalten abzusprechen. Warum auch uns selbst und unseren direkten Cro-Magnon-Vorfahren schreiben wir sie ja auch zu. Ja, okay. Vom "modernen" Menschen gibt es unglaublich viele Grabmähler. Außerdem kennen wir auch die Höhlenmalerein von Lascaux, Altamira und Chavet. Wir haben Artefakte, die wir eindeutig zuordnen können. Dagegen erscheint die forensische Beweislage, für die immer noch steil wirkende These, der Neandertaler ist keine dumpfe Haudraufmaschine, doch recht spärlich. Aber wir reden von einer Beweislage, die dem Erdboden und Höhlen aus einer Zeit gewonnen wird, als Adam noch nicht mal der feuchte Traum einer Eva sein konnte. Und umgekehrt.

Es reicht dennoch für ein Plädoyer, ja fast eine Ode an den Neandertaler:
Beginnen wir damit, dass der Neandertaler in unserer Wahrnehmung von Anfang an gegen Vorurteile kämpfen musste. Der Illustrator Frantisek Kupka zeichnete bereits 1908 das oben eingebette Bild. Es ist das älteste Bild eines Neandertalers, dass ich finden konnte. Kurz zuvor wurde, ebenfalls 1908, in der Nähe der französischen Gemeinde La Chapelle-aux-Saints das sehr gut erhaltene Skelett eines Neandertalers entdeckt. Der Fund bestand aus einem fast vollständigen Schädel mit zugehörigem Unterkiefer sowie zahlreichen weiteren Körperknochen. Er war seinerzeit das vollständigste bekannte Fossil eines Neandertalers. Dieses Bild entstand eigentlich ohne guten wissenschaftlichen Grund. Was wir sehen ist ein Mischwesen aus Mensch und Affe.
Warum ohne wissenschaftlichen Grund? Erstmals beschrieben wurde der Fund erst im Jahr darauf durch seine Entdecker. Eine ausführliche wissenschaftliche Beschreibung erfolgte ab 1913 durch Marcellin Boule. Dieses Bild und die Publikationen Boules prägten jahrzehntelang sowohl die wissenschaftlichen als auch die populärwissenschaftlichen Vorstellungen vom angeblich "äffischen" Aussehen der Neandertaler.
Bekannt war der Neandertaler aber schon deutlich früher: Mitte August 1856 entdeckten italienische Steinbrucharbeiter in einem kurz darauf dem Kalksteinabbau zum Opfer gefallenen Abschnitt des Neandertals einige Knochenfragmente. Sie wurden zunächst achtlos zum Abraum geworfen, fielen jedoch den Steinbruchbesitzern Wilhelm Beckershoff und Friedrich Wilhelm Pieper auf, die 16 größere Knochenteile bergen ließen und an Johann Carl Fuhlrott zur Untersuchung übergaben. Durch Presseberichte aufmerksam geworden, begutachtete auch der Bonner Anatom Hermann Schaaffhausen die Knochen und kam zu demselben Ergebnis wie zuvor bereits Fuhlrott: Es handele sich um eine vorzeitliche Form des modernen Menschen. Fuhlrott und Schaaffhausen präsentierten den Fund im Juni 1857 auf der Generalversammlung des Naturhistorischen Vereins der preußischen Rheinlande. Ihre Interpretation wurde jedoch vom Fachpublikum nicht geteilt. Dieser Fund, benannt Neandertal 1, ist das Typusexemplar der Art Homo neanderthalensis.
3 Jahre später veröffentlichten Darwin und Wallace unabhängig voneinander ihre Theorien über die Artenabstammung.

Ich denke, dass uns dieses primitive Bild sehr gut in die eigene Vorstellungswelt gepasst hat. Hier der erhabene, ja der moderne Mensch. Da der primitive, der vergangene Affenmensch.
Die Parallelen zum Image der Dinosaurier sind nicht zu übersehen. In früheren Vorstellungen, die als anerkannte Lehrmeinung akzeptiert waren, galten diese riesigen Lebewesen als dumpfe Sumpfbrüter, zu schwer, um an Land ihr eigenes Gewicht zu tragen. Ausgestattet mit Hirnen, deren kognitive Fähigkeiten etwa dem unseres Rückenmark entsprachen. Keine Spur von neueren Erkenntnissen, dass sie hoch entwickelte Wesen waren und nicht etwa eine Sackgasse der Evolution, ein Irrtum der Natur. Dass Dinosaurier mitunter agile Warmblüter und auch einige intelligente Geschöpfe darunter waren, stand im krassen Widerspruch zu unserer Idee vom Menschen als "Krone der Schöpfung".
Die Dinos haben ihren Untergang nicht durch die eigene Unfähigkeit wohl verdient. Sie sind durch katastrophale Umwelteinflüsse weitestgehend ausgelöscht worden. Das macht die Säugetiere, uns eingeschlossen, nicht zu den Siegern oder zu besseren Wesen. Wir waren letztlich nur das Produkt einer zweckmäßigen Anpassung.
Und genauso funktioniert unser Verhältnis zum Neandertaler: Uns fällt es leichter zu glauben, der Neandertaler sei einfach nicht reif für die Zeit gewesen, ein Relikt, dass aussterben musste. Mit seiner grobschlächtigen Art konnten sie mit dem fortschrittlichen, anatomisch modernen Homo sapiens nicht mehr konkurrieren. Diese Ansicht passt besser zu unserem Selbstverständnis, als sich einzugestehen, dass sie vielleicht gar nicht die schlechteren Menschen gewesen wären.

Ich spinne das Ganze mal weiter:
Das Gegenteil der folgenden Aussage ist nicht bewiesen, also können wir hypothetisch davon ausgehen.
Stellen wir uns doch die Neandertaler als Hippiekommune im Mittelpaläolithikum vor. Eher sanfte, sensible Wesen, die ihre Tage mit Musik und Spielen verbrachten, die aber materiellen Besitz nicht sehr hoch schätzten. Und diese wurden letztlich von den cleveren und skrupellosen Cro-Magnons um ihre Existenz gebracht.

Das passt nicht zu unserem Selbstverständnis, ich wiederhole es noch einmal.
Aber vielleicht sollten wir auch über diese Möglichkeit nachdenken. Und sei es nur, um uns endlich mal von der irrigen Vorstellung abzubringen, dass wir das Beste seien, was dieser Erde passieren konnte.

#1 - Evidence supporting an intentional Neandertal burial at La Chapelle-aux-Saints in der Ausgabe 12/2013 der Proceedings of the National Academy of Science (zuletzt aufgerufen am 15.06.2021)
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