Evolution oder Schöpfung




Religion, Esoterik, Verschörungstheorien und andere Dinge.

Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mo 12. Jul 2021, 11:04

Rezension: Michael Schmidt-Salomon: Susi Neunmalklug erklärt die Evolution (mit Video)

Das Buch ist am 1. Februar 2009 erschien und war kurzzeitig heiß in der Diskussion. Also in meiner Internetbubble. Der Rest der Welt wird es vermutlich gar nicht wahrgenommen haben.
Auf 40 Kinderbuchseiten in annähernd A5 wird der damals aktuelle Wissenstand zum Thema "Entstehung der Welt und des Menschen" erläutert. So zumindest das Credo des Buches.

Die Autoren Michael Schmidt-Salomon (Text) und Helge Nyncke (Grafik) sind schon durch ihr Werk "Wo bitte gehts zu Gott, fragte das kleine Ferkel" aufgefallen. Auch in "Susi Neunmalklug erklärt die Evolution" widmen sie sich wieder dem Thema Religion. Passend zum Thread hier - ich würde es sonst woanders posten - geht es in diesem Buch um den Konflikt zwischen Kreationismus und Evolutionstheorie.

Bild
Quelle: Bücher.de (direkt zum Buch)

Verlag: Alibri
Seitenzahl: 40
Altersempfehlung: ab 10 Jahren
Erscheinungstermin: Februar 2009 (1. Auflage in Deutsch)
ISBN-13: 9783865690531
ISBN-10: 386569053X

Mit folgendem Text wurde sie Susi damals beworben:

Hat uns der "liebe Gott" erschaffen oder sind wir ein zufälliges Ergebnis der Evolution? Keine Frage für Susi Neunmalklug. Denn Susi ist so schlau wie Superman stark ist und kann so gut denken, wie Spiderman klettern kann. Wie andere Superhelden versteckt auch Susi meist ihre Superkräfte. Nur manchmal, wenn sie etwas richtig Dummes hört, kann sie sich einfach nicht bremsen. So war es auch, als Herr Hempelmann eines Morgens das Klassenzimmer betrat und eine seltsame Geschichte von der Entstehung der Welt erzählte...


Den Buchinhalt kann uns Susi ja gleich selbst zusammenfassen:

Susi Neunmalklug erklärt die Evolution | Giordano-Bruno-Stiftung


https://m.youtube.com/watch?v=X-j3I4kjHWI

Aber ich schreibe hier trotzdem noch einmal für die Nichtschauer an, um was es in dem Buch geht:

Der Lehrer Herr Hempelmann kommt eines Tages in die Klasse und erklärt den Kindern die Entstehung der Welt, ganz so wie sie in der Bibel steht. Er beendet seinen Vortrag mit: "Deshalb liebe Kinder, dankt Gott dem Herrn! [...] Alles, was in dieser Welt ist, kommt von ihm!"
Danach folgt auf 15 Seiten Susis Erklärung. Sie leitet diese wie folgt ein:

"Aber Herr Hempelmann!", sagte sie kichernd. "Das haben Sie ja völlig falsch verstanden! Ich erkläre Ihnen mal, wie das wirklich war ..."

Sie beginnt beim Urknall und der Entstehung der Sterne, der Sonne und der Erde. Kurz wird erklärt, wie sich die frühe Erde so weit entwickelte, dass dort die ersten Lebewesen entstehen konnten. Ein weiterer Abriss zeigt wie aus den Landlebewesen die Dinosaurier wurden, wie diese dann ausgestorben seinen und wie wichtig die Rolle dieses Massensterbens für die Entwicklung der Säugetiere war. Ihre Aufzählung endet mit der menschlichen Evolution von den ersten Ur-Primaten bis hin zum modernen Mensch. Sie schließt ihr Plädoyer mit folgenden Worten:
So verlief die Evolution, die Entwicklung von den einfachsten Lebewesen aus der Ursuppe über die Ursäuger bis hin zu uns Menschen. (…) Es gab dazwischen viel Auf und Ab, Arten entstanden und gingen wieder unter wie die Dinosaurier. Doch der Staffellauf des Lebens ist nie abgerissen. Es hat 13,7 Milliarden Jahre seit dem Urknall gedauert, aber nun sitzen wir hier, Herr Hempelmann. Eine verrückte Geschichte! Doch mit dem lieben Gott hat das rein gar nichts zu tun!

Herr Hempelmann gibt zu, dass das alles so gewesen sein könnte, kontert aber mit einem oft gehörten Einwand. Vielleicht war es ja Gott, der sich darum gekümmert hat, dass die allerersten Lebewesen in der Ursuppe entstanden. Immerhin ist die Frage der ersten Entstehung des Lebens von der Wissenschaft noch nicht abschließend geklärt.
Susi erwidert, dass es ein ziemlich bescheuerter Weg wäre, erst Unmengen von Tieren zu erschaffen und diese dann wieder auszurotten, damit am Ende die Artenvielfalt steht, die wir heute sehen, inklusive des Menschen.
Ein weiterer Einwand des Lehrers, dass dieses Fressen und Gefressen werden ein düsteres Bild vom Leben schafft und es doch viel schöner ist, "an einen Gott zu glauben, der alles gut gemacht hat.", wird ebenso abgeschmettert. Susi erklärt, Wunschdenken erzeugt noch lange keine Realität. Und die Welt, die Gott angeblich so "gut gemacht" hat, erweist sich bei näherer Betrachtung für viele Menschen als nicht wirklich so toll. Susis Fazit ist dementsprechend vernichtend:

Aber nun leben wir halt in dieser Welt und müssen das Beste daraus machen! Und deshalb müssen wir uns unterstützen und voneinander lernen! So dumme Geschichten, wie die, die Sie uns erzählt haben, helfen da nicht weiter!

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen!

Es gibt dennoch ein Für und Wider.

Das Buch an sich ist erstmal okay. Es wurde im Buch nicht explizit angegeben, für welche Zielgruppe es geschrieben ist. Meiner persönlichen Einschätzung nach soll es wohl für Grundschüler bis ca. 10 Jahre sein. Älteren Kindern kann und sollte man durchaus an ausführlichere Sachbücher über Evolution und Wissenschaft insgesamt heranführen. Das kann nie schaden. Vermutlich begreifen aber auch schon Jüngere viel mehr, als man ihnen allgemein zutraut. Mein Sohn kann alle Planeten in Reihenfolge aufsagen und weiß einige bemerkenswerte und herausragende Eigenschaften von jedem dieser Himmelskörper. Er begeistert sich für geometrische Formen und Mathematik und eine seiner Lieblingsseiten in seinem Wissensbuch ist die Doppelseite mit dem Periodensystem. Aber das muss ja nicht auf jeden 7-jährigen zutreffen.

Für 1.-4.-Klässler ist der Inhalt des Buches ausreichend. Für eine Argumentationsgrundlage mit eingefleischten Kreationisten würde ich mich dennoch nicht auf dieses Buch stützen. Verständlicherweise.
Es ist nicht mehr als ein ganz grundlegender, vereinfachter Einstieg in die Evolutionstheorie (nicht -forschung). Es kann aufgrund des Umfangs nichts weiter als das sein.

Gehen wir dennoch auf einige argumentative Mängel ein.

Fehlende Quellen
Das Buch führt keine Belegstellen an. Das ist zwar für ein Kinderbuch normal, kann aber als Angriffsfläche für jene dienen, die den Schreibern tendenziöse und voreingenommene Beweggründe unterstellen. Ich habe im Netz auch keine wissenschaftliche Besprechnung zu diesem Buch gefunden. Ich gehe auch davon aus, dass ein Kinderbuch, dafür ein wenig geeignetes Feld ist.

Präsentation
Was aber definitiv negativ auffällt, ist die Art der kleinen Göre.
In einer sehr überheblichen Art wird sowohl sie als Figur vorgestellt, als auch ihre Erklärung. Aufgrund des Fehlens von Quellen, was man wie gesagt, beim Umfang eines Kinderbuches nicht erwarten kann und sollte, wirkt ihre Aufklärung nicht weniger obrigkeitshörig, wie die des Lehrers. Nur die Autoritäten wechseln. Ich habe so ein ungutes Gefühl, es gehe hier leider nur um Kreationisten-Bashing. Und der Lehrer ist hier das zu demütigende Opfer. Für den unbedarften Leser tritt hier lediglich ein Weltbild gegen das andere an.

Sprich: Netter Ansatz, aber die Methodik ist zweifelhaft.
Die Bibelexegese hat sich weitgehend an den wissenschaftlichen Forschungsstand angepasst, Adam und Eva werden in den mit Abstand meisten Fällen als Metaphern gelesen. Gleiches trifft für viele andere Teile der Bibel zu. Vielleicht ist das, was mich am meisten an der Kontroverse Evolution oder Schöpfung stört: Das Bild der Gesellschaft und der Schule, das dort erfunden wird, hat mit der gegenwärtigen Realität nichts zu tun. Möglicherweise werden Kreationisten Land gewinnen und dann wäre es notwendig, dass Kinder bzw. Menschen generell in der Lage sind, die argumentativen Schwachstellen zu erkennen und sie zu kritisieren, statt die gleichen Methoden anzuwenden. Man muss sich nicht mit allem sachlich auseinandersetzen, aber man sollte dazu in der Lage sein.

Ob und welcher institutionalisierten Glaubenrichtung der Lehrer angehört, wird nicht erwähnt. Klar ist aber, er stützt sich auf die Bibel. Mehr noch, er vertritt ganz offen den Kurzzeitkreationismus. Ziel des Buches ist es vermutlich nicht, sich über den christlichen Glauben lustig zu machen. Aber es passiert dann halt leider doch.
Es geht darum, dass ein Lehrer den Kindern eine religiöse Weltsicht als wissenschaftliche Erklärung präsentiert. Davon sind wir in Deutschland glücklicherweise mehrheitlich entfernt. Natürlich kann auch meine Äußerung hier als Wertung gesehen werden. Und ich finde es gut, dass Susi völlig zu Recht gegen diese Erklärung vorgeht. Manche werden sich daran stören und haben sich bereits daran gestört, dass Susi die Ansicht des Lehrers als dumm bezeichnet. Aber soweit ich mich mit dem Thema Kreationismus beschäftigt habe, fällt mir im Moment kein Adjektiv ein, dass besser passen könnte. Naiv, vielleicht.

Ockams Rasiermesser
Als der Lehrer sagt, die Evolution sei vielleicht durch Gott gesteuert, erwidert Susi ja mit der Unnötigkeit erst Tiere zu erschaffen, diese aussterben zu lassen, um aus den Tieren Stück für Stück unsere heutige Flora und Fauna zu bilden, sei sehr aufwendig und eben nicht weise.
Aber das muss nicht zwingend ein Gegenargument sein. Irgendwie kann man Gott immer mit rein bringen, wenn man will. Ein allmächtiges Wesen ist eben allmächtig und kann machen was es will. Vielleicht wurde die Welt, mitsamt ihrer Geschichte und unseren Erinnerungen daran, erst vor 5 Minuten geschaffen. Wir könnten nie auch nur einen Erweis für das Alter unserer Funde verifizieren, eben weil Gott uns auch kurz vor dem Auffinden des Fossils inklusive Fossil erschaffen haben könnte. Es sieht dann zwar alt aus und unsere Messmethoden sagen dann auch, dass es tausende von Jahren als ist, aber es ist wie wir selbst gerade erst entstanden.
Und genauso wenig, wie diese Aussage überprüfbar ist, ist auch die Aussage nicht überprüfbar, wann und wo Gott in die Schöpfung/Evolution eingegriffen haben soll. Das ist prinzipiell nicht feststellbar. Also kann es stimmen, aber relevant ist es nicht. Weiterführend hätte Susi auf einen solchen Einwand des Lehrers antworten können, dass wir mit dieser Unsicherheit leben müssen, weil wir es nicht nachweisen können und gleichzeitig auch nicht widerlegen. Auf gleichem Niveau stehen die Aussagen dennoch nicht. Denn um die Erschaffung zu postulieren, muss man auch gleich noch ein paar Sachen mehr vorraussetzen: Es gibt Gott. Gott hat alles erschaffen. Gott interessiert sich für seine Schöpfung.
Nichts davon lässt sich verifizieren. Wir haben also keine Einbußen in der wissenschaftlichen Debatte, diese Punkte und damit die Schöpfung selbst als obsolet anzusehen. Wir könnten dem Zufall den gleichen Stellenwert geben und es wäre nicht grundlegend anders. Es wurmt dann aber die Frage, warum Gott die Erde und das Weltall so alt aussehen lässt, warum auch die Messmethoden zu so großen Zahlen kommen. Und warum sieht es so verdammt nach Entwicklung aus, wenn alles bereits fertig geschaffen worden sein soll? Woran erkennen wir den Fingerabdruck Gottes, besonders, wenn er ihn dann willentlich selbst versteckt?

Das größte Problem mit dem Buch haben aber wohl die, die anprangern, man dürfe Religion nicht kritisieren. Wer nicht an Gott glauben will, darf das gerne tun. Aber bitteschön nur für sich. Man muss es ja nicht öffentlich kundtun. Aber Kritik an Religion zu üben ist völlig okay.

Man kann nicht einfach erklären, gläubige Menschen seien dumm und ihre Geschichten sind bescheuerter Unsinn. Und wenn religiöse Menschen einmal nachdächten, würden sie vielleicht auch erkennen, was für einen Quatsch sie glauben.
So aber ist leider der authentische Tonfall (leider sogar teils wortgetreu!). Der Autor Michael Schmidt-Salomon ist übrigens auch aktueller Vorstandssprecher der "Giordano Bruno Stiftung". Benannt ist die Stiftung nach dem Dominikaner Giordano Bruno, der im Jahre 1600 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen hingerichtet wurde. Die Gründer der Stiftung entschieden sich für Bruno als Namensgeber, da er eine damals "unzeitgemäße Philosophie" vertreten habe, in der sich bereits "Grundzüge einer nicht-dualistischen, naturalistischen Welterkenntnis", "Überlegungen zur biologischen Abstammungslehre" und Elemente einer "evolutionär-humanistischen Ethik" finden, welche auch "die Rechte nichtmenschlicher Organismen einschließen". Zudem seien von Bruno "wesentliche Impulse für die Entwicklung der modernen Religionskritik" ausgegangen. Die Giordano-Bruno-Stiftung hat den satzungsgemäßen Zweck, die "neuesten Erkenntnisse der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften zu sammeln und ihre Bedeutung für das humanistische Anliegen eines friedlichen und gleichberechtigten Zusammenlebens der Menschen im Diesseits herauszuarbeiten. Auf diese Weise sollen die Grundzüge einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik entwickelt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden."
Die Giordano-Bruno-Stiftung vertritt die Position des "Evolutionären Humanismus" und setzt sich für die Werte der Aufklärung ein. Im Einzelnen nennt die Stiftung die Werte der kritischen Rationalität, Selbstbestimmung, Freiheit und sozialen Gerechtigkeit. Sie begreift den Menschen nicht als Krone der Schöpfung, sondern als unbeabsichtigtes Produkt der natürlichen Evolution.
Im Manifest des evolutionären Humanismus plädiert Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon für eine naturalistische Philosophie. Er geht von einem Bild des Kosmos aus, in dem alles "mit rechten Dingen zugeht", in dem es keine metaphysischen Fabelwesen (Götter, Dämonen, Hexen oder Kobolde) gibt, die auf supranaturalistische (übernatürliche) Weise mit Wundern in das Weltgeschehen eingreifen. Er schrieb auch:

Wir leben in einer Zeit der Ungleichzeitigkeit: Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder noch von Jahrtausende alten Legenden geprägt. Diese Kombination von höchstem technischen Know-how und naivstem Kinderglauben könnte auf Dauer fatale Konsequenzen haben. Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen wurde
Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus, S. 7

2013 wurde das Projekt Evokids in Zusammenarbeit mit der Universität Gießen gestartet. Es zielt darauf ab, Kinder in der Grundschule nicht nur die Schöpfungsgeschichte im Religionsunterricht zu lehren, sondern auch die Grundprinzipien der Evolutionstheorie.
Die Marschrichtung dieses Buches ist also eigentlich klar und kann daher nur naturalistisch und nicht kreationistisch sein.

Die Frage, inwieweit nun Name, Charakterisierung und geschildertes Verhalten geeignet sind, Susi zu einer Sympathieträgerin zu machen, mag jeder für sich beantworten. Dieser Ausgang des Konflikts überrascht schon deshalb nicht, weil Hempelmann seine Dummheit, Susi hingegen ihre Gewitztheit von Nyncke wortwörtlich ins Gesicht gezeichnet wurde. Diese Comic-typische Vereinfachung und Stilisierung mag dem Zielpublikum geschuldet sein, es kann aber auch leicht als stupid-brachiale Polemik ausgelegt werden. (Religions-)Kritik erschöpft sich schließlich nicht einfach in Schmähung.

Für Andersdenkende - und das sind nicht einmal unbedingt Gläubige - könnte diese Generalaburteilung ebenfalls etwas weniger heftig sein. Es soll ja ausdrücklich nicht um politischen Meinungsbildung, sondern der Wissenvermittlung gehen. Mit Wissen allein lässt sich religiöser Glaube allerdings nicht wirksam angreifen: Der vormalige Joseph Kardinal Ratzinger tat im Gespräch mit Jürgen Habermas dessen gesamte Argumentation letztendlich nonchalant mit dem Verweis ab, dass Vernunft überbewertet werde. Das mag vielen nicht gefallen, es kann jedoch in keiner Weise "verboten" werden. Eine Verpflichtung auf einen rein auf Ratio bezogenen Gesprächsrahmen kann ferner nicht durch naturwissenschaftliche Belege erzwungen werden.

Philosoph Norbert Hoerster, bis Ende 2011 selbst noch im Beirat der Stiftung, erklärte in einem Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er lehne die von ihrem Sprecher Schmidt-Salomon vertretenen Inhalte, die Kampagnen und den Argumentationsstil ab. Wenig überzeugend finde er zudem den "Neuen Atheismus" des Biologen Richard Dawkins, den auch die Stiftung vertrete. "Ich sehe nicht, wieso ausgerechnet die Evolutionstheorie den Gottesglauben widerlegen, ja ersetzen kann", schrieb Hoerster.

Aber - und das ist in diesem Buch leider auch nicht umgesetzt worden - die Aufgabe der Evolutionstheorie ist nicht die Widerlegung oder der Ersatz des Gottesglaubens, sondern die Erklärung der Natur. Der Anwendung des wissenschaftlichen Sparsamkeitsprinzips entsprechend sei eine Konsequenz der Evolutionstheorie, dass die Gotteshypothese zur Erklärung der Entstehung und Entwicklung der Arten unnötig werde.

Damit beende ich meine 3. Rezension, die nicht ein Werk aus der Wachtturm-Schmiede demontiert.

Die Wissenschaft, richtig verstanden, heilt den Menschen von seinem Stolz; denn sie zeigt ihm seine Grenzen.
Albert Schweitzer, deutscher Arzt, Theologe und Nobelpreisträger (1875-1965)
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mi 14. Jul 2021, 08:58

Die Wissenschaft irrt sich auch! - Teil 5: Die Unterlegenheit der Frau

Damit ihr diese lose Artikelreihe, die mitlerweile in mehrere Threads zerstreut wurde, auch nochmal Revue passieren lassen könnt, fasse ich nochmal eine Linkliste zusammen:

... 002, 12.02.2018: Wissenschaft irrt sich auch! - Teil 1: Die Erdscheibe (jetzt in Flat Earth)
... 003, 09.05.2018: Wissenschaft irrt sich auch! - Teil 2: Christoph Kolumbus (Die Erdscheibe 2.0) (jetzt in Flat Earth)
... 004, 16.02.2021: Wissenschaft irrt sich auch! - Teil 3: Das geozentrische Weltbild (jetzt in Flat Earth)
... 029, 29.06.2020: Video: Wissenschaft irrt sich auch! - Teil 4: maiLab - Wissenschaftler irren (20:41 min) (jetzt in Kritisches Denken)

Charles Darwin hat die Biologie revolutioniert. Doch er bliebt seinem Zeitgeist verhaftet.
Dass die Interpretation wissenschaftlicher Ergebnisse zwangsläufig im Rahmen bestehender kultureller und gesellschaftlicher Konventionen erfolgt, zeigt sich auch am Beispiel des Forschers, der die Biologie auf den Kopf gestellt hat.

"Der hauptsächlichste Unterschied in den intellectuellen Kräften der beiden Geschlechter zeigt sich darin, dass der Mann zu einer größeren Höhe in Allem, was er nur immer anfängt, gelangt, als zu welcher sich die Frau erheben kann, mag es nun tiefes Nachdenken, Vernunft oder Einbildungskraft, oder bloß den Gebrauch der Sinne und der Hände erfordern."
- Charles Darwin, circa 1878.

Um es nocheinmal klar zustellen, das ist kein frauenfeindlicher Internet-Troll, sondern Charles Darwin. Nachzulesen ist das im 19. Kapitel seines Buches "Die Abstammung des Menschen" (aus dem Jahr 1875 in der Übersetzung von Victor Carus). Dieser Wissenschafter war von der Überlegenheit des Mannes über die Frauen überzeugt und der Meinung, diese Aussage mit seinen revolutionären Ideen über die Evolution begründen zu können.

"[D]er mittlere Maßstab der geistigen Kraft beim Manne [muss] über dem der Frau stehen", schreibt Darwin weiter.
Warum das? Männliche Vertreter einer Spezies hätten sich im Laufe der Evolution immer anstrengen müssen, um Damen zwecks Fortpflanzung zu beeindrucken und mit anderen Jungs zu konkurrieren. Die Mädels können dagegen aussuchen, welchen Partner sie haben wollen.
Dieser Prozess soll bei den Menschen dazu geführt haben, dass die Männer durch Evolution und Biologie immer klüger und zu großen Kriegern und Denkern wurden. Und nur weil alle Nachkommen, einschließlich der weiblichen, immer auch einen Teil der männlichen Erbanlagen mitbekommen, seien die Frauen evolutionär und intellektuell nicht komplett von den Männern abgehängt worden.

Starker Tobak

Nach heutigem Wissensstand ist das natürlich vollkommener Unsinn, aber es regte sich schon damals Widerspruch. 1894 veröffentlichte die amerikanische Frauenrechtlerin und Lehrerin Eliza Burt Gamble ein Buch mit dem Titel "The Evolution of Woman: An Inquiry into the Dogma of Her Inferiority to Man". Darin wies sie auf die vielen Ungereimtheiten in Darwins Ansichten zu den evolutionären Ursachen der Geschlechterunterschiede hin.

Was für Ungereimtheiten? Folgende zum Beispiel:
Darwin schrieb, dass Affen wie die Gorillas zu groß und stark wären, um sich zu "höheren" sozialen Wesen wie Menschen zu entwickeln. Aber er schrieb auch, dass Männer im Durchschnitt größer und stärker als Frauen sind und deutete dies als ein Beleg für deren Überlegenheit.
Gamble argumentierte sauber und führte weitere Argumente aus Biologie, Statistik und Geschichte an. Sie alle zeigten das Darwin sich geirrt haben muss. Aber die Geschichte zeigt, dass die männlich dominierte Welt noch nicht bereit war, das Patriarchat hinter sich zu lassen und dem Mann ein wenig Demut zu geben, auch in der Wissenschaft. Nicht das ihre Argumente nicht stichhaltig waren.

Doch ein Unterschied?

Also forschte man weiter nach den Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Das war für die aufkeimende Frauenbewegung zwar nicht unbefremdlich, lebten sie doch in dieser Zeit, aber es tat ihrem Ansinnen zumindest kurzfristig nicht gut. Langfristig war es tatsächlich interessant und gab einen Impuls in der Wissenschaft.
1891 machte der Physiologe Charles-Édouard Brown-Séquard ein seltsames Experiment. Er spritzte sich selbst eine Flüssigkeit, die er aus den Hoden von Meerschweinchen und Hunden extrahiert hatte. Dadurch, so seine Behauptung, könne er seine körperliche und geistige Stärke erhöhen und seinen Körper verjüngen. Diese Ergebnisse wurden nie repliziert, waren aber der Auftakt zur Entdeckung und Erforschung der Sexualhormone.
In den folgenden Jahren fanden Wissenschafter in den Eierstöcken der Frau das Östrogen und in den Hoden des Mannes das Testosteron – und waren überzeugt, nun endlich eine biologische Erklärung für den Unterschied zwischen "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" entdeckt zu haben. Testosteron sollte Männer männlicher machen und Östrogen die Frauen fraulicher. Wenn Frauen sich nicht "weiblich" genug verhielten, dann machte man einen zu niedrigen Hormonspiegel dafür verantwortlich. Testosteron dagegen wurde unter anderem als Kur gegen Impotenz oder körperliche Schwäche bei Männern betrachtet.

Also alles in Ordnung?

Nunja, nicht so recht. Denn im Verlauf des 20. Jahrhunderts entdeckten Biologen, dass es keine geschlechtsspezifischen Hormone gibt. Auch männliche Körper produzieren Östrogen und weibliche Testosteron. Zu allem Überfluss wechselwirken diese Sexualhormone untereinander und sind sowohl für die männliche als auch die weibliche Physiologie von Bedeutung. Es muss mal wieder alles so verdammt kompliziert sein.
Die Biologen, aber auch die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer häufiger vertretenen Biologinnen, begannen nicht mehr nur die rein körperlichen Aspekte der Geschlechterunterschiede zu betrachten, sondern auch die Rolle der Gesellschaft zu untersuchen. Zum Beispiel die Antropologin Margaret Mead.
Sie war durch ihre Studien über die Sexualität der Kulturen im Südpazifik davon überzeugt, dass die Geschlechterrollen nicht genetisch, sondern kulturell bedingt sind. Aber auch ihre Arbeit war nicht unumstritten. Aber, wie bereits angedeutet, sind die Dinge nicht so einfach, wie es sich Charles Darwin und seine Zeitgenossen vorgestellt hatten. Was als "männlich" und was als "weiblich" zu gelten hat, war vom damaligen viktorianischen und wilhelminischen Zeitgeist geprägt.

Das schließt Darwin natürlich nicht aus. Auch hier gerne ein Beispiel:
Die amerikanische Frauenrechtlerin Caroline Kennard schrieb im Dezember 1881 einen Brief an Darwin, in dem sie seine Aussagen über die Evolution der Frau infrage stellte. In seiner Antwort wies Darwin noch einmal darauf hin, dass die Männer sich eben zwangsläufig zu intellektuell überlegenen Wesen entwickelt haben. Frauen könnten dieses Defizit nur aufholen, wenn sie sich einem ebenso intensiven Wettbewerb aussetzen müssten wie Männer. Das könne und dürfe aber nicht passieren, denn dann würden darunter "the early education of our children, not to mention the happiness of our homes" massiv leiden. Also Frauen für Erziehung der Kinder, die Männer raus in die schroffe Welt, in den Wettbewerb mit den anderen Männchen. Etwas anderes als die stereotypischen Geschlechterrollen konnte man sich nur schwer vorstellen.

Gleichwohl hat Darwin mit seiner Evolutionstheorie ja eigentlich gezeigt, dass die Eigenschaften der Lebewesen, inklusive uns Menschen, nicht gottgegeben und unveränderlich sind. Nicht das Aufklärung und die Frauenrechtbewegung/Emanzipation nicht schon vorher und nebenher lief. Aber die Evolutionstheorie, die schon die Biologie revolutionierte, bot auch hierfür einen wissenschaftlichen Grund, auf dem man aufbauen konnte.
Doch Darwin war dem Zeitgeist verhaftet. Er war nicht in der Lage, seine Forschung anders als im Licht der damaligen Gesellschaft und ihrer Stereotype zu interpretieren. Er steckte fest zwischen Aufklärung und Stereotyp. Und selbst aus seinem Irrtum können wir etwas lernen, eine Fazit ziehen:
Wissenschaftliche Forschung ist das eine. Sie ist gut und notwendig.
Die Interpretation dieser Ergebnisse aber etwas ganz anderes. Sie erfolgt zwangsläufig immer im Rahmen bestehender kultureller und gesellschaftlicher Konventionen.

Das kann man nicht außer Acht lassen. Dessen muss man sich bewusst sein. Zumindest, wenn man nicht Gefahr laufen will, nur das bestätigt zu sehen, was man bestätigt sehen möchte.

Wie wird es weitergehen?

Mittlerweile hat man in der Wissenschaft verstanden, dass es einen Unterschied zwischen "Geschlecht" und "Gender" gibt. Das biologische Geschlecht wird durch Gene, Hormone und (meistens auch) physische Eigenschaften bestimmt. Gender ist dagegen eine soziale Eigenschaft, die nicht nur von der Biologie, sondern auch von der Erziehung, dem kulturellen Umfeld und seinen Stereotypen geprägt wird. Was eine Gesellschaft als "männliche" oder "weibliche" Eigenschaften versteht, ändert sich im Lauf der Zeit und ist ebenso variabel wie die Gender-Definitionen.

Bei der zukünftigen Forschung auf diesem Gebiet wird man (so wie in allen anderen wissenschaftlichen Disziplinen) mit Sicherheit noch den einen oder anderen Irrtum machen. Aber eben auch aufdecken. Der große Vorteil der Wissenschaft. Dass Frauen den Männern intellektuell nicht unterlegen sind, so wie Darwin überzeugt war, ist heutzutage glücklicherweise den meisten klar.

Aber vielleicht hätte man sowohl Eliza Burt Gamble, als auch Caroline Kennard, aber auch einfach früher zuhören sollen.
In ihrer Antwort auf Darwins Brief schrieb Caroline Kennard im Januar 1882: "Solange Frauen nicht das gleiche Umfeld und die gleichen Möglichkeiten geboten werden wie Männern, kann man sie nicht als den Männern intellektuell unterlegen verurteilen."
Verblüffenderweise bestätigt sie damit die Evolutionstheorie, widerlegt aber Darwin, beziehungsweise seine durch die Umgebung eher persönliche Ansicht.

Ebenso wie in anderen Bereichen, wird es vermutlich ein vollständiges Verständnis der Geschlechter und Geschlechterrollen noch lange auf sich warten lassen. Sowohl biologisch, als auch soziologisch. Wohl noch so lange, bis Frauen in unserer Gesellschaft tatsächlich die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer.

Könnte also noch etwas dauern.

Vermutlich hat Gott die Frau erschaffen, um den Mann kleinzukriegen.
Voltaire, französischer Schriftsteller (1694-1778)
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mo 19. Jul 2021, 11:58

Die Menschlichkeit der Neandertaler

Ich muss es einfach mal zugeben: Ich mag Neandertaler. Sie sind sowas, wie die Underdogs der Menschheitsgeschichte, unsere nahen Verwandten, die ein wenig verschroben sind. Die man auf der Familienfeier eher nicht so grüßt. Denn, obwohl sie vermutlich nicht unbeteiligt an unserem Homo-sapiens-Genom sind, gelten sie noch immer als primitive "Fehlversuche" der menschlichen Evolution.
Grobschlächtig, dumpf, affenartig. Obwohl mitlerweile über ein Jahrhundert an Forschung Licht in viele Bereiche ihres Lebens gebracht hat, ist das auch heute noch unser Bild. Das ist die Vorstellung, die wir von allen frühen Menschen hegen.

Das Bild hat sich leider auch nicht wesentlich geändert, als in der 12/2013er Ausgabe der Proceedings of the National Academy of Science Bestätigungen dafür vorgelegt wurden, dass Neandertaler ihre Toten begruben. Das klingt jetzt erst einmal nicht aufregend. Wie widerlegt dies, die dumpfe Affenartigkeit dieser Grobiane.
Nun, im Grunde widerlegt es genau alle drei Vorurteile.

Jemanden zu begraben, ist ein schlüssiger Hinweis darauf, dass die Spezies die diesen Totenkult durchführt - und sei er noch so einfach gestaltet - eine Fähigkeit zu symbolischem Denken und handeln hat. Eine Fähigkeit, die den Neandertaler nach aktuellem Kenntnisstand auch von unseren nächsten heutigen Verwandten, den Menschenaffen ganz klar unterscheidet. Tiere trauern um ihre Toten, aber sie begraben sie nicht. Wieder einmal stellt sich die Frage, wie einzigartig der Homo Sapiens überhaupt ist.

Allerdings waren das schon 2013 nicht die ersten Signale, dass unser Bild vom Ur-Europäer als Dummbeutel - gelinde gesagt - nicht ganz stimmen kann. Es handelte sich um sehr soziale Wesen, die sich um ihre Mitmenschen kümmerten. Und ja, ich sage ganz bewusst Menschen.
Hey, vielleicht kannten sie sogar Musik. Die genaue Urheberschaft der Knochenflöten aus der Divje-Babe-Höhle in Slowenien ist zwar zumindest umstritten, aber sicher ist, dass diese Fragmente etwa 43.000 Jahre alt sind, also aus einer Zeit stammen, als Neandertaler noch in Europa verbreitet waren. Leider verschwanden unsere Cousins und Cousinen vor ca. 30.000 Jahren von der Bildfläche.

Bild
Veraltetes Bild des Neandertalers

Und während die Leute um mich herum, jedem Vorfahr die Menschlichkeit absprechen, erinnere ich mich noch, wie ich schon in den späten 90ern irgendwo las, dass der Neandertaler sich um ihre Verletzten kümmert und Gebrechliche durchfüttert. Das erschien mir damals schon plausibel und je mehr ich mich in das Thema Evolution oder Schöpfung einlas, je mehr ich studierte, je mehr ich die Argumente beider Seiten gegeneinander aufwog, um so plausibler wurde es.
Es gibt eigentlich auch wenig konkrete Gründe, den Neandertalern die Fähigkeit zu solchem Verhalten abzusprechen. Warum auch uns selbst und unseren direkten Cro-Magnon-Vorfahren schreiben wir sie ja auch zu. Ja, okay. Vom "modernen" Menschen gibt es unglaublich viele Grabmähler. Außerdem kennen wir auch die Höhlenmalerein von Lascaux, Altamira und Chavet. Wir haben Artefakte, die wir eindeutig zuordnen können. Dagegen erscheint die forensische Beweislage, für die immer noch steil wirkende These, der Neandertaler ist keine dumpfe Haudraufmaschine, doch recht spärlich. Aber wir reden von einer Beweislage, die dem Erdboden und Höhlen aus einer Zeit gewonnen wird, als Adam noch nicht mal der feuchte Traum einer Eva sein konnte. Und umgekehrt.

Es reicht dennoch für ein Plädoyer, ja fast eine Ode an den Neandertaler:
Beginnen wir damit, dass der Neandertaler in unserer Wahrnehmung von Anfang an gegen Vorurteile kämpfen musste. Der Illustrator Frantisek Kupka zeichnete bereits 1908 das oben eingebette Bild. Es ist das älteste Bild eines Neandertalers, dass ich finden konnte. Kurz zuvor wurde, ebenfalls 1908, in der Nähe der französischen Gemeinde La Chapelle-aux-Saints das sehr gut erhaltene Skelett eines Neandertalers entdeckt. Der Fund bestand aus einem fast vollständigen Schädel mit zugehörigem Unterkiefer sowie zahlreichen weiteren Körperknochen. Er war seinerzeit das vollständigste bekannte Fossil eines Neandertalers. Dieses Bild entstand eigentlich ohne guten wissenschaftlichen Grund. Was wir sehen ist ein Mischwesen aus Mensch und Affe.
Warum ohne wissenschaftlichen Grund? Erstmals beschrieben wurde der Fund erst im Jahr darauf durch seine Entdecker. Eine ausführliche wissenschaftliche Beschreibung erfolgte ab 1913 durch Marcellin Boule. Dieses Bild und die Publikationen Boules prägten jahrzehntelang sowohl die wissenschaftlichen als auch die populärwissenschaftlichen Vorstellungen vom angeblich "äffischen" Aussehen der Neandertaler.
Bekannt war der Neandertaler aber schon deutlich früher: Mitte August 1856 entdeckten italienische Steinbrucharbeiter in einem kurz darauf dem Kalksteinabbau zum Opfer gefallenen Abschnitt des Neandertals einige Knochenfragmente. Sie wurden zunächst achtlos zum Abraum geworfen, fielen jedoch den Steinbruchbesitzern Wilhelm Beckershoff und Friedrich Wilhelm Pieper auf, die 16 größere Knochenteile bergen ließen und an Johann Carl Fuhlrott zur Untersuchung übergaben. Durch Presseberichte aufmerksam geworden, begutachtete auch der Bonner Anatom Hermann Schaaffhausen die Knochen und kam zu demselben Ergebnis wie zuvor bereits Fuhlrott: Es handele sich um eine vorzeitliche Form des modernen Menschen. Fuhlrott und Schaaffhausen präsentierten den Fund im Juni 1857 auf der Generalversammlung des Naturhistorischen Vereins der preußischen Rheinlande. Ihre Interpretation wurde jedoch vom Fachpublikum nicht geteilt. Dieser Fund, benannt Neandertal 1, ist das Typusexemplar der Art Homo neanderthalensis.
3 Jahre später veröffentlichten Darwin und Wallace unabhängig voneinander ihre Theorien über die Artenabstammung.

Ich denke, dass uns dieses primitive Bild sehr gut in die eigene Vorstellungswelt gepasst hat. Hier der erhabene, ja der moderne Mensch. Da der primitive, der vergangene Affenmensch.
Die Parallelen zum Image der Dinosaurier sind nicht zu übersehen. In früheren Vorstellungen, die als anerkannte Lehrmeinung akzeptiert waren, galten diese riesigen Lebewesen als dumpfe Sumpfbrüter, zu schwer, um an Land ihr eigenes Gewicht zu tragen. Ausgestattet mit Hirnen, deren kognitive Fähigkeiten etwa dem unseres Rückenmark entsprachen. Keine Spur von neueren Erkenntnissen, dass sie hoch entwickelte Wesen waren und nicht etwa eine Sackgasse der Evolution, ein Irrtum der Natur. Dass Dinosaurier mitunter agile Warmblüter und auch einige intelligente Geschöpfe darunter waren, stand im krassen Widerspruch zu unserer Idee vom Menschen als "Krone der Schöpfung".
Die Dinos haben ihren Untergang nicht durch die eigene Unfähigkeit wohl verdient. Sie sind durch katastrophale Umwelteinflüsse weitestgehend ausgelöscht worden. Das macht die Säugetiere, uns eingeschlossen, nicht zu den Siegern oder zu besseren Wesen. Wir waren letztlich nur das Produkt einer zweckmäßigen Anpassung.
Und genauso funktioniert unser Verhältnis zum Neandertaler: Uns fällt es leichter zu glauben, der Neandertaler sei einfach nicht reif für die Zeit gewesen, ein Relikt, dass aussterben musste. Mit seiner grobschlächtigen Art konnten sie mit dem fortschrittlichen, anatomisch modernen Homo sapiens nicht mehr konkurrieren. Diese Ansicht passt besser zu unserem Selbstverständnis, als sich einzugestehen, dass sie vielleicht gar nicht die schlechteren Menschen gewesen wären.

Ich spinne das Ganze mal weiter:
Das Gegenteil der folgenden Aussage ist nicht bewiesen, also können wir hypothetisch davon ausgehen.
Stellen wir uns doch die Neandertaler als Hippiekommune im Mittelpaläolithikum vor. Eher sanfte, sensible Wesen, die ihre Tage mit Musik und Spielen verbrachten, die aber materiellen Besitz nicht sehr hoch schätzten. Und diese wurden letztlich von den cleveren und skrupellosen Cro-Magnons um ihre Existenz gebracht.

Das passt nicht zu unserem Selbstverständnis, ich wiederhole es noch einmal.
Aber vielleicht sollten wir auch über diese Möglichkeit nachdenken. Und sei es nur, um uns endlich mal von der irrigen Vorstellung abzubringen, dass wir das Beste seien, was dieser Erde passieren konnte.

Verstand sieht jeden Unsinn, Vernunft rät, manches davon zu übersehen.
Wieslaw Brudzinski, polnischer Schriftsteller (1920-1996)

#1 - Evidence supporting an intentional Neandertal burial at La Chapelle-aux-Saints in der Ausgabe 12/2013 der Proceedings of the National Academy of Science (zuletzt aufgerufen am 15.06.2021)
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what other people's genitals look like, and what they're doing with those genitals
in the presence of other consenting adults, you may need to reevaluate your
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("Wenn das größte Problem, das du im 21. Jahrhundert hast, darin besteht, wie
anderer Leute Genitalien aussehen und was diese damit in Gegenwart anderer
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mo 16. Aug 2021, 13:40

Steinzeit und Moderne – Die neue Grotte Chauvet | ARTE (51:47 min)

Nach längerer Pause, starten wir nun doch mit einem passenden Video zum letzten Beitrag.

Der Aufwand, den moderne Künstler betreiben, um ein Erbe aus der Steinzeit zu bewahren.


https://m.youtube.com/watch?v=_qvdHnQxLh4
Reupload durch "moriundmori - Kunst-Dokus"
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mo 23. Aug 2021, 09:00

Neandertaler: Jäger, Naturheiler, Nomaden – und unsere Geschwister | SRF Einstein (28:19 min)


https://m.youtube.com/watch?v=Qwb5QLNJDWQ
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Do 26. Aug 2021, 09:00

Evolution: Der Urmensch in uns | Faszination Wissen | BR (29:15 min)


https://m.youtube.com/watch?v=9phbxQT4pXc
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mo 30. Aug 2021, 10:05

Eine neue Menschheitsgeschichte – Die Ära der Menschen | Kurzgesagt (7:22 min)

Eigentlich soll es ja nur 3 Videos je Seite geben, um die Texte nicht untergehen zu lassen. Dieses Video habe ich schon eine Weile in der Warteliste und es passt ganz gut zum Neandertaler bzw. zu den Menschen der "grauen Vorzeit".


https://m.youtube.com/watch?v=rt9_zRTG1cA

Veröffentlicht am 07.11.2018

In den meisten Teilen der Welt wird der gregorianische Kalender verwendet. Laut ihm schreiben wir das Jahr 2021. Dabei wurde der Grundstein für die Menschheitsgeschichte schon vor 12000 Jahren gelegt. Lasst uns einmal darüber nachdenken wie ein neues Jahr 0 unsere Wahrnehmung der gesamten Menschheitsgeschichte verändern könnte.

(Das Thema Evolution oder Schöpfung hat als 3. Thema dieses Forums die 10000 Klicks geknackt.)
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Do 2. Sep 2021, 09:25

Rezension: Jw.org - Kommen Tiere in den Himmel? (Teil 1)

Greifen wir nach so viel Urzeitmensch ein anderes Thema auf.

Heute wird es emotional, moralisch und tierisch. Das passt in kein Ü-Ei.

Emotional aufgeladen deswegen, weil das Thema vermutlich besonders für diejenigen, die ein Haustier haben, ergreifend sein kann. Die zumeist vierbeinigen Kameraden wachsen einem ans Herz. Und damit meine ich ganz konkret nicht das Nutztier. Wobei ich dieses Wort nicht so recht mag. Denn es kategorisiert das Tier nach Rentabilität und nicht danach, dass es ein prinzipielles Recht auf ein Leben ohne Qual hat. Und ich schließe explizit auch keine anderen Haustiere oder Tiere im Allgemeinen aus. Denn, ob jemand zu einem Vogel oder einer Vogelspinne nicht mindestens genauso einen Draht aufbauen kann, wie ich zu einer Katze, mag ich nicht beurteilen. Und sicher gibt es auch den ein oder anderen Bauern, der ein gutes Verhältnis zu seinen Kühen, Schafen und Schweinen hat. Das will ich alles gar nicht ausschließen. Denn alle diese Fälle gibt es.
Aber Nutztiere werden, besonders in westlich-industriell geprägten Gesellschaften, in der Regel in großen Ställen gehalten und zu hunderten zusammengepfercht. Eine individuelle Beziehung kann auch bei sowas aufkommen, aber es ist deutlich unwahrscheinlicher als bei dem Hof-/Haushund oder der Katze.
Offenbar wird die in der Überschrift enthaltene Frage aber auch Zeugen Jehovas gestellt oder aber der "treue und verständige Sklave" hielt die Frage für relevant genug, sie auf der Webseite abzubilden. Ich habe mich das nie gefragt, auch weil ich nicht an ein Himmelreich glaube. Und als mir die Erklärung dennoch vorgelegt wurde, fand ich sie schon sehr dürftig, aber ich habe mich weiterhin nicht eingehend damit beschäftigt. Aber das holen wir heute mal nach.

Ich berufe mich bei der Ausarbeitung dieser Rezension also auf den gleichnamigen Jw.org-Artikel:
https://www.jw.org/de/biblische-lehren/fragen/kommen-tiere-in-den-himmel/

Die Webseite selbst spricht dem Tier bereits mit dem ersten Satz diese Möglichkeit ab. Die Offenbarung und das Lukasevangelium sprechen nur von Menschen, die in den Himmel kommen und dann auch nur 144.000. Der deutlich größere Rest wird auf einer zum Paradies umgewandelten Erde leben. Die Bibel hat offenbar auch keine Passage, die von einem Tierhimmel spricht. In den Himmel kommt ja auch nur, wer Gott und Jesus kennenlernt, Glauben ausübt und sich an die Gebote Gottes hält. Das trifft auf Tiere nicht zu.
Weder das Alte noch das Neue Testament erwähnen eine Auferstehung eines Tieres, nur von Menschen. Auch wurde immer wieder mit Tieren bei göttlichen Strafen (ob nun die 10 Plagen oder Sodom und Gomorra, etc.) oder bei der Opferung verfahren, als seien sie bloße Ware. Gegenstände, die halt Fressen und Kacken. Das hat sich bis in unsere Zeit einfach fortgesetzt. Wenn man von Todesopfern bei irgendeinem Krieg spricht, zählt man nur Menschen. Wieviel Vieh gestorben ist, wenn ein Bombenhagel einen Bauernhof trifft, kümmert nur den Bauern, wenn er überlebt hat. Erfahren werden es vielleicht noch seine Nachbarn. Das wars.

Weitere Aussagen aus der Bibel:
  • Mensch und Tier haben keine Seele, sie sind in Gottes Augen Seelen. (4. Mose 31:28, 1. Mose 2:7, Fußnote)
  • Daher kann die Seele auch sterben. Sie schwirrt nicht irgendwo herum. (3. Mose 21:11, Fußnote; Hesekiel 18:20, Prediger 3:19, 20)
  • Sündigen bedeutet, dass man Gottes Maßstäbe durch das verletzt, was man denkt, fühlt (!) oder tut. Und da Tieren die Fähigkeit zu moralische Entscheidungen abgesprochen wird, können sie nicht sündigen. Sie sterben, weil ihre biologische Uhr tickt, die Menschen, weil sie gesündigt haben. (2. Petrus 2:12)
  • Gott hat den Menschen zwar über das Tier erhöht, aber er achtet alles Leben und es ist ihm nicht gleichgültig, wenn ein Tier leidet. (1. Mose 1:28; Psalm 8:6-8, Jona 4:11; Matthäus 10:29)
  • Gott erwartet von seinen Dienern, dass sie Tiere gut behandeln. (2. Mose 23:12; 5. Mose 25:4; Sprüche 12:10)
Besonders der letzte Punkt irritiert mich. 1954 sprach man sich noch generell gegen Vegetarismus aus (hier nachzulesen in meiner Rezension zum Wachtturm 1954). 1976 warf man zwar alle Gruppierungen und Abstufungen der Vegetarier noch bunt durcheinander, aber man ließ den finanziellen Faktor gelten. Fleisch war in den 70ern und 80ern tatsächlich noch teurer und der Sonntagsbraten auch noch einen Stellenwert. Den gesundheitlichen Aspekt zweifelte man an, da Vegetarismus und Veganismus zwangsläufig ja aufgrund der fehlenden "Fleischvitamine" zu einer Mangelernährung führt, z.B. das tatsächlich angesprochene Vitamin D. Das nimmt man zwar über die Sonneneinstrahlung auf der Haut auf, aber egal.
Der ökologische Faktor wird hinweggejammert, weil man als einzelner oder kleine Gruppe ja eh nichts ändern kann. Das ist auf dreierlei Weise verkehrt und befremdlich. Die menschliche Geschichte ist gekoppelt an viele große Namen, an Einzelpersonen oder an kleine Gruppen. Der Erfindergeist und/oder der Geschäftssinn einer Person kann ganze Branchen umschmeißen, nicht erst seit gestern, sondern auch in einer so innovationsreichen Zeit wie den 50ern, 60ern, 70ern und 80ern. Oder dem Mittelalter, der Renaissance und im Grunde in jeder Epoche. Eine Theorie eines einzelnen kann ganze Weltbilder stürzen. Zweitens, sind die Zeugen doch selbst immer in der Minderheit gewesen und stellen dies in so ziemlich allen Schriften auch immer wieder heraus. Wir kleines Grüppchen gegen den Rest der satanischen Welt. Wenn die kleine Gruppe nichts bewirken kann, wozu gehen sie dann predigen? Und drittens, finden Änderung nicht statt, wenn man sich auf dem Status Quo ausruht, besonders, wenn man weiß, dass es anders auch geht.
Der moralische Faktor wurde auf Gottes Anweisungen und Erlaubnisse heruntergebrochen, nicht auf die Tatsache, dass ich für eine vollwertige, gehaltvolle und geschmackliche Ernährung nicht auch leidensempfindende Wesen zerstückeln muss. Es geht auch ohne. Und ja, auch wenn Tierethik keine Bedeutung hat, bleibt es moralisch falsch, Fleisch in den Mengen zu vertilgen, wie es leider geschiet (mehr dazu in der Rezension zum Erwachet 1976).

Wenn ich um die Welt reise, sehe ich, wie arme Länder ihr Getreide an den Westen verkaufen, während ihre eigenen Kinder in ihren Armen verhungern. Und der Westen verfüttert dieses Getreide an ihre 'Nutztiere'. Nur damit wir ein Steak essen können? Bin ich denn der einzige, der sieht, dass das ein Verbrechen ist? Glauben Sie mir, jedes Stück Fleisch, das wir essen, ist ein Schlag in das verweinte Gesicht eines hungrigen Kindes. Wenn ich diesem Kind in die Augen blicke, wie kann ich dann noch schweigen? Die Erde kann genug Nahrung produzieren, um die Bedürfnisse aller Menschen, nicht jedoch die Gier aller Menschen zu befriedigen.
- Philip Wollen, ehemaliger Vizepräsident der Citibank


Die weltweite Getreideernte ist rund 2 Milliarden Tonnen pro Jahr. Über etwa 500 Millionen Tonnen werden dem Vieh der reichen Nationen verfüttert - während in den 122 Ländern der Dritten Welt pro Tag (!) nach UNO-Statistik 43.000 Kinder an Hunger sterben (!). Diesen fürchterlichen Massenmord will ich nicht mehr mitmachen: kein Fleisch zu essen ist ein minimaler Anfang.
- Jean Ziegler, ehemaliger Schweizer Nationalrat und UNO-Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung


Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.
- Jean Ziegler, ehemaliger Schweizer Nationalrat und UNO-Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung

Vegetarisch/vegan zu leben ist gut gegen den Welthunger, gut für das Klima und die Umwelt. Das kommt Jesu Aufruf "Liebe deinen Nächsten" doch schon sehr nahe.
Erst in einem Erwachet von 1997 hat man festgestellt, dass es Kulturen auf diesem Erdenrund gibt, die seit Jahrhunderten fast ausschließlich oder sogar ausschließlich vegetarisch oder sogar vegan leben. Unglaublich viele Hindus und Buddhisten zum Beispiel. Und die sind beruhigend weit entfernt vom Aussterben.
Das gerade nach der Sintflut der Adam und Eva gegebene Vegetarismus aufgehoben wurde, bedarf definitiv einer besseren Erklärung, als dass es vermutlich noch nicht genug Pflanzen zum Essen gab. Denn wovon ernährten sich die Tiere? Warum sollte Gott gerade an der engsten Stelle einer jeden Population, nämlich maximal sieben Tiere pro Art (kaum genug zur Aufzucht großer Herden), genau diese knappe Ressource zur Schlachtung freigeben. Ich fand schon die Opfergabe nach Verlassen der Arche einen heftigen und unnötigen Eingriff in die eh schon stark dezimierten Tierbestände. Wenn die Tiere durch ein weiteres Wunder natürlich nicht hungerten, wie mancher vielleicht denken mag, warum dann nicht gleich die Menschen mit diesem Wunder besehen? (mehr dazu in der Rezension des Erwachet von 1997)

Dieser Einschub, der in Gänze im offenen Brief "Über die Verteidigung eines Teilzeit-Vegetariers" nachgelesen werden kann, soll die Geisteshaltung der Wachtturmgesellschaft verdeutlichen. 1954 war aller Vegetarismus mit Schwäche vergleichbar. 1976 erlaubte man ihn aus finanziellen oder gesundheitlichen Gründen, verbot ihn quasi aus religiösen, ethischen und moralischen Gründen. Eine ökologische Begründung betrachtete man gar nicht. 1997 war man nicht viel weiter, merkte aber an, dass Fleischessen auch ökologische Folgen haben kann. Die "Wahrheit" wandelt sich halt.

Moral ist aber mehr als ein Regelsatz eines Gottes. Unmengen Fleisch zu essen, ist, auch ohne auf Tierleid zu achten, angesichts des Hungers in der Welt, moralisch falsch.

Und so weise kann eine Schrift nicht sein, wenn sie das Tier zur Schlachtung freigibt, wenn es zum Zeitpunkt dieser Freigabe nur so wenige auf Erden gibt. Nämlich direkt nach der Sintflut.
Wieso sollten wir also der Aussage des gleichen Buches in Bezug auf irgendwelche Himmelsmärsche vertrauen?
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Fr 3. Sep 2021, 09:28

Rezension: Jw.org - Kommen Tiere in den Himmel? (Teil 2)

Das mit der Sünde und der moralischen Entscheidung ist aber genau der Punkt, wo ich auf den Plan trete.
Selbstverständlich kommen Tiere nicht in den Himmel. Menschen aber eben auch nicht. Das liegt unserer naturalistischen Welt geschuldet, die keine Götter und somit keine "Aufstiege" kennt. Was wir uns einbilden oder ausdenken, ändert an dieser natürlichen Ordnung nix. Nur weil der Mensch denken kann oder "vernunftbegabt" ist, heißt das nicht, dass er in irgendeiner Art nach dem Tod eine andere Aussicht hat, als die Tiere um uns herum. Kein Unterschied zu der Katze auf deinem Schoß, den Hund an deiner Leine, der Kuh in deinem Stall, dem Pferd auf dem du sitzt und der Fliege, die auf deinem Essen landet. Die sterben, wir sterben. Das mag ernüchternd, ja geradezu deprimierend sein. Aber Wunschdenken ändert ja an Realitäten nichts.

Aber können Tiere moralisch handeln?

In der Menschlichen Natur, steht es außer Frage. Als soziales Wesen erfährt der Mensch von Geburt an im Normalfall Liebe, die Bereitschaft zum Verzicht und zur Fürsorge. Ohne diese Eigenschaften wäre ein dauerhaftes Zusammenleben in Gemeinschaften nicht möglich. Sie haben sich im Laufe der Evolution entwickelt und die Veranlagung dazu liegt demnach in den Genen. Der Biologe Hans Mohr drückt es folgendermaßen aus: "Wir brauchen moralisches Verhalten nicht zu lernen – es ist eine angeborene Disposition, die uns befähigt, das moralisch Richtige zu treffen." (#1) Die konkreten Moralvorstellungen eines Menschen sind jedoch kulturell überprägt: Sie äußern sich etwa in der "goldenen Regel", in religiösen Handlungsvorschriften (etwa die Zehn Gebote im Judentum und Christentum, die Fünf Silas im Buddhismus oder die Traumzeit-Mythologie der australischen Aborigines) oder in den Rechtsnormen der modernen Staaten. Trotz der moralischen Veranlagung können Erziehung und ideologische Manipulation selbst destruktive Verhaltensweisen zum angeblich "Guten" erheben, die den eingangs genannten Eigenschaften komplett widersprechen.

Allerdings gibt es auch verschiedene Ansätze, Moral zu beschreiben.
Es kann leitend für eine Handlungsregelung für die Gesellschaft, eine soziale Gruppe oder ein Individuum sein. Oder ein strickter Satz an Verhaltensregeln. "Moralisch" und "sittlich" werden auch gern synomym verwendet, im Sinne von "zur Moral gehörig", nicht normativ im Sinne von "moralisch gut". "Moral" bezeichnet dann etwa "ein Unternehmen der Gesellschaft" zur "Lenkung des einzelnen und kleinerer Gruppen". Man kennt Begriffe aus dem Alltag, wie "herrschende Moral", "bürgerliche Moral" oder "sozialistische Moral". Der Psychologe Jonathan Haidt hat folgende Definition vorgeschlagen: "Moralische Systeme sind ineinandergreifende Zusammenstellungen von Werten, Tugenden, Normen, Gebräuchen, Identitäten, Institutionen, Technologien und entwickelten psychischen Mechanismen, die zusammenwirken, um Selbstsucht zu unterdrücken oder zu regulieren und soziales Zusammenleben zu ermöglichen." (#2)

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Können Tiere sowas auch?

Das ist noch nicht eindeutig zu beantworten, aber alles deutet darauf hin:
Die Frankfurter Rundschau schrieb über die Arbeit der beiden Forscher Marc Bekoff, ehemaliger Professor für Evolutionsbiologie an der University of Colorado, und Jessica Pierce, Autorin und Bioethikerin. Sie gehen davon aus, dass sich Moral und kognitive Eigenschaften im Lauf der Evolution kontinuierlich entwickelt haben und in ihrer maximalen Ausprägung beim Menschen auftreten. Dabei unterteilen sie moralisches Verhalten in drei große Clus­ter, die sie jeweils eingehender untersuchen: Kooperation, Empathie und Gerechtigkeit. In zahlrei­chen wissenschaftlichen Studien haben sie Belege gefunden, für moralische Verhaltensweisen bei Tieren, die offensichtlich nicht nur durch Instinkte gesteuert werden.

Im Antiken Griechenland gab es vier verschiedene Sichtweisen zum moralischen Status der Tiere: Die Animisten glaubten, dass Menschen und Tiere Seelen teilten und austauschten, die Mechanisten glaubten, dass weder Tiere noch Menschen Seelen besaßen. Die Vitalisten glaubten, dass Menschen und Tiere Seelen besaßen, dass die tierischen Seelen jedoch inferior waren. Die vierte und weitaus größte Gruppe der antiken Griechen glaubte, dass Tiere zum Nutzen und Gebrauch durch den Menschen existierten. Ethische Überlegungen zum Umgang mit den Tieren sind ein Produkt der Moderne.
Immanuel Kant wendet die goldene Regel auf den Umgang mit Tieren an. Nicht aber, weil man nicht möchte, dass Tiere einem sowas auch antun, sondern weil andere Menschen Mitleids- oder Ekelgefühle bekommen könnten, Gefühle die man in der Regel selbst auch nicht haben möchte. Sein Ansatz stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Tiere haben keinen Eigenwert und ihr Schutz ist einzig von der Einschätzung des Einzelnen abhängig.

Ein wichtiger Ausgangspunkt in der Debatte um die moralische Fragen der Mensch-Tier-Beziehung findet sich in "An Introduction to the Principles of Morals and Legislation" (1789) von Jeremy Bentham, in dem er mit Blick auf die Vorwehen der französischen Revolution schreibt, dass der Tag kommen wird, an dem nicht nur alle Menschen, sondern auch Tiere in den Kreis der moralischen Gemeinschaft aufgenommen werden. Bentham stellt heraus, dass die Fähigkeit zu leiden die entscheidende Gemeinsamkeit zwischen Menschen und Tieren herstellt: "the question is not, Can they reason? nor, Can they talk? but, Can they suffer?" (#4)

Benthams Utilitarismus und Darwins Evolutionstheorie, die ja auch eine natürliche Verwandtschaft und die Aspekte empirischer Gleichheit von Menschen und Tieren betont, passen zu Henry Stephens Salts 1892 erschienenen Manifest "Animal Rights Considered in Relation to Social Progress", in der er eine Tierrechtsposition formuliert, die er als notwendigen Schritt einer gesellschaftspolitischen Weiterentwicklung des Menschen versteht. Und obwohl es noch weitere Vordenker gab, etablierte sich die akademische Auseinandersetzung um Tierrechte im 20. Jahrhundert erst in den 1970er Jahren.

Zentrale Aufgabe der Tierethik ist die Ermittlung des ethischen Status des Tieres. Da es aber ein recht neuer Wissenschaftszweig ist, ist die Festigung auf einzelne Positionen noch sehr umstritten. Aber vier große Bereiche lassen sich bereits herauskristalisieren:

Kants Vernunftmoral
Kant erklärt die Sonderstellung des Menschen nicht religiös, wie schon oben kurz angerissen. Vielmehr gründet für ihn die Würde des Menschen darin, dass dieser nicht nur in der Erfahrungswelt lebt, sondern Anteil an der Welt der Vernunft hat, die einen absoluten Wert besitzt. Während unsere Antriebe in der Erfahrungswelt den Kausalgesetzen unterworfen sind, sind wir als Mitglieder der Vernunftwelt autonom. Dass heißt, wir besitzen die Fähigkeit, uns selbst das Moralgesetz zu geben. Sofern alle Wesen mit dieser Fähigkeit eine Würde haben, ist das Moralgesetz gleichbedeutend damit, dass wir alle vernünftigen Wesen nie nur als Mittel, sondern immer auch als Zweck behandeln sollen. Da Tiere keine Vernunftwesen sind, kommt ihnen nach Kant nur ein relativer Wert zu, sie sind nur Mittel für Personen, und er bezeichnet sie daher als Sachen.
Dennoch spricht er sich aus indirekten Gründen für die Rücksicht auf Tiere aus, nämlich mit dem Verrohungsargument: Wer Tiere misshandelt und ihnen gegenüber grausam ist, wird moralisch abstumpfen und dann auch im Umgang mit direkten Gegenständen der Moral, also menschlichen Personen, zu Grausamkeit tendieren. Die diesem Argument zugrundeliegende Annahme einer Analogie zwischen Menschen und Tieren ist aber nur sinnvoll, wenn man die Vernunft als eine in der Evolution entstandene Fähigkeit ansieht und sie nicht wie Kant in einer höheren Welt ansiedelt.

Moral als Vertrag
Auch als Kontraktualismus bezeichnet, setzt nur die zweckrationale Vernunft voraus. Er besagt, dass es im vormoralischen Interesse rationaler Individuen ist, sich auf Normen wechselseitiger Rücksicht zu einigen, weil der Vorteil, den der Gewinn an Sicherheit vor Übergriffen bedeutet, den Verzicht überwiegt, der in der Einschränkung der eigenen Interessen mit Rücksicht auf die Interessen der anderen liegt. Solche Abmachungen können nur Wesen schließen, die über Sprache, die Fähigkeit zum Einhalten von Versprechen und so weiter verfügen. Wesen also, die man als Personen bezeichnen kann. Tiere haben diese Fähigkeiten nicht und können daher in dieser Konzeption wechselseitiger Rechte und Pflichten keine Rechte haben, nicht direkt Gegenstand moralischer Rücksicht sein. Man müsste vielmehr die Vertragskonzeption durch andere Gesichtspunkte ergänzen, zum Beispiel dadurch, dass wir die Tugend des Mitgefühls als motivierende Grundlage brauchen und dass in deren Inhalt die Ausdehnung auf alle fühlenden Wesen angelegt ist (Carruthers). Aus dieser notwendigen Ergänzung ergibt sich, dass Tiere, auch wenn sie nicht die Fähigkeiten besitzen, die moralische Akteure auszeichnen, aufgrund ihrer Leidensfähigkeit ohne weiteres Gegenstände moralischer Rücksicht sein können (vergleichend das "pathozentrische" Argument).

Mitleidsethik
Eine direkte Ausdehnung der Moral auf Tiere auf dieser Basis finden wir in Schopenhauers Mitleidsethik. Dieser betont gegen Kant, dass moralisches Handeln sich nur verstehen lässt, wenn wir ein empirisches Motiv dafür finden können. Er verweist auf altruistische Gefühle, genauer auf den natürlichen Affekt des Mitleids, in welchem wir direkt auf das Wohl anderer fühlender Wesen bezogen und von ihrem negativen Erleben betroffen sind. Allerdings ist das Mitleid wie alle Affekte launisch und kann daher nur zur Grundlage einer moralischen Position werden, wenn es zu einer dauerhaften Einstellung, einer Tugend verfestigt wird. Die Mitleidskonzeption ist dadurch gekennzeichnet, dass sie den ethischen Tierschutz zum Inhalt hat, dass heißt die Rücksicht auf individuelle Tiere um ihrer selbst willen. Damit dürfte sie diejenige Grundlegung der Tierethik sein, die am besten an die im Alltagsbewusstsein und im Recht verankerten Vorstellungen anknüpft. Die Anwendbarkeit des Mitleids auf alle Wesen, die ein Wohl haben, ergibt weiterhin einen gleichen moralischen Status für Menschen und Tiere. Andererseits bleibt die Stärke ihrer Konsequenzen offen, da sich allein aus einer altruistischen Haltung einer Person weder moralische Forderungen an andere Personen noch Rechte der betroffenen Wesen ableiten lassen.

Jeremy Benthams Utilitarismus
Den Anstoß zur heutigen Tierethik-Debatte hat Peter Singers utilitaristische Position gegeben. Für den Utilitarismus ist moralisches Handeln auf das Ziel der Nutzenmaximierung bezogen. Der Nutzen wird im klassischen Utilitarismus bei Bentham als Lust, in Singers sogenannten Präferenzutilitarismus als Interessenbefriedigung interpretiert. Am besten ist dann diejenige Handlung, die insgesamt die beste Bilanz von Lust/Unlust, beziehungsweise die meisten befriedigten Interessen zur Folge hat. Die Voraussetzung dafür, Lust empfinden oder Interessen haben zu können, ist die Empfindungsfähigkeit, womit Tiere eingeschlossen sind. Da Singer neben dem Maximierungsprinzip einen Gleichheitsgrundsatz voraussetzt, zählen im Rahmen des Kalküls alle empfindungsfähigen Wesen gleichermaßen. Wer Tiere schwächer gewichtet, weil sie keine Personen sind, zieht sich den Vorwurf des Speziesismus (Bevorzugung der eigenen Spezies) zu (so auch schon Ryder). Denn Menschen (zum Beispiel Neugeborenen oder Dementen) gestehen wir auch dann einen vollwertigen moralischen Status zu, wenn sie nicht die Fähigkeiten von Personen haben. Wenn wir Tiere, welche ähnliche oder sogar höhere intellektuelle Fähigkeiten haben, schwächer berücksichtigen, weil sie nicht der menschlichen Gattung angehören, liegt, so Singer, eine unbegründete Diskriminierung vor, die strukturelle Ähnlichkeiten mit anderen Formen der Diskriminierung wie dem Rassismus oder Sexismus aufweist.
Unterschiede gibt es für Singer allerdings in der Tötungsfrage. Denn hier bewirken die besonderen Fähigkeiten von Personen, ihr Verfügen über Selbstbewusstsein und Zukunftsbezug, ein spezifisches Interesse am Weiterleben. Das gilt nicht nur für menschliche Personen, sondern auch für Tiere mit hohen intellektuellen Fähigkeiten, insbesondere Primaten. Wesen, die solche Fähigkeiten nicht haben, lässt sich kein explizites Interesse am Weiterleben zuschreiben, weshalb Singer ihre Tötung (wenn sie Leiden vermeidet) für unbedenklich hält, wenn das getötete Wesen durch ein neues Wesen mit vergleichbarem oder höherem Beitrag zum Gesamtnutzen ersetzt wird. Prinzipiell ist im Utilitarismus weder die Leidenszufügung noch das Töten von Tieren ausgeschlossen, solange der Gesamtnutzen dadurch befördert wird. Dass Singer die meisten etablierten Tiernutzungspraktiken ablehnt, liegt daran, dass das damit verbundene Leiden der Tiere den Nutzen für Menschen bei Weitem überwiegt. Problematisch am Utilitarismus ist, dass er individuelle leidensfähige Wesen lediglich als Träger von verrechenbaren Interessen betrachtet, wohingegen diese nach alltäglicher Vorstellung vor Nutzenstrategien zu schützen sind.

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Gleicher moralischer Status für Tiere?

Wenn es moralische Normen gibt, die auf Tiere direkt anwendbar sind, dann muss man sich fragen, warum Tiere in dieser Hinsicht weniger zählen sollten als Menschen. Wenn das Verbot der Leidenszufügung auch für Tiere gilt, dann sollte man denken, dass der Schmerz eines Tiers prinzipiell dieselbe moralische Relevanz hat wie der ungefähr gleiche Schmerz eines Menschen und so zumindest dort, wo kein Konflikt zwischen dem moralischen Recht eines Menschen und dem eines Tiers vorliegt, berücksichtigt werden müsste. Warum wird er dann aber doch in vielen Fällen schwächer gewichtet? Argumentiert wird durch den Hinweis auf Unterschiede, wobei diese teils Fähigkeiten, teils Beziehungen betreffen.

  1. Wert oder Würde des Menschen: Wenn jemand aus religiösen oder anderen Gründen an einen besonderen Wert des Menschen glaubt, dann ändert das nichts daran, dass Menschen und Tiere die Leidensfähigkeit teilen. Wer glaubt, dass Tiere Mitgeschöpfe sind, müsste sehen, dass Tiere als Wesen geschaffen sind, welche auf besondere Weise schutzlos und verletzlich sind (#5).
  2. Vernunft, Selbstbewusstsein, Zeitbewusstsein, Moralfähigkeit des Menschen: Dass Tiere hier manche Fähigkeiten nicht haben, trifft zu, heißt aber nur, dass manche moralischen Normen auf sie gar nicht anwendbar sind. Man muss hier scharf unterscheiden zwischen "gleichen Rechten (gleichem Status)" und "Gleichbehandlung" (#6). Zum Beispiel haben Menschen mit Behinderung ein Recht auf besondere Hilfsmittel, Gesunde nicht. Diese Ungleichbehandlung bedeutet natürlich nicht, dass Gesunde einen schwächeren moralischen Status haben, sondern erklärt sich aus der Verschiedenheit der Bedürfnisse. Dass Tiere kein Recht auf Anerkennung haben, kommt also nicht daher, dass sie einen schwächeren moralischen Status haben, sondern liegt daran, dass sie kein entsprechendes Interesse haben, das man verletzen könnte. Außerdem gilt hier Singers Argument des Speziesismus.
  3. Spezielle Beziehungen: Gegen das Speziesismusargument könnte man einwenden, dass wir gegenüber Mitgliedern der eigenen Spezies, da sie uns näher stehen, stärkere Verpflichtungen haben als gegenüber Wesen anderer Arten (#7). Daran ist richtig, dass Nähe ein moralisch relevantes Kriterium sein kann. Aber das Argument ist in vielfacher Hinsicht konfus. Nähe fällt nicht automatisch mit den Speziesgrenzen zusammen, viele Menschen fühlen zu ihrem Hund eine größere Nähe als zu einem unbekannten Menschen. Vor allem aber ist Nähe keine Minderung der Gleichheit, sondern ein Zusatzargument, das nur dann akzeptabel ist, wenn zwei Ansprüche zusammentreffen, die zu einem moralischen Konflikt führen. Wenn jemand nur ein Kind aus dem Feuer retten kann, rechtfertigt das Argument der Nähe, dass er das eigene Kind wählt, und wenn die Wahl zwischen einem Kind oder einem Hund steht, dass er das Kind wählt. Aber das Leiden, das die heutige Tiernutzung Tieren zufügt, hat nichts mit einer solchen Rettungssituation zu tun (#8).
Die drängenste Frage, die sich aus diesen Erkenntnissen und philosophischen Ansätzen ergibt, ist sicherlich nicht, ob Tiere in den Himmel kommen, sondern ob man leidensfähige Geschöpfe zu Konsumzwecken und für Tierversuche nutzen darf und weiterführend, ob Jagd, Stierkampf, Zirkus- und Zoohaltung für den Menschen moralisch und ethisch vertretbar ist. Wenn wir Tieren eine ethische Berücksichtigung gleich der unseren fordern, sind viele heutige Praktiken nichts weiter als Barbarei. Kulinarischer Genuß und die anderen Formen der Tiernutzung können dann nicht mehr rechtfertigen, dass wir Millionen Tiere leiden lassen.

Ob Tiere im Sinne des Menschen eine Moralität besitzen, lässt sich nicht eindeutig klären. Ob sie leiden, sehr wohl. Ob wir daraus unsere moralischen und ethischen Schlüsse ziehen sollten ... Aber Hallo!

Selbst wenn Tiere nicht in den Himmel kommen, wir sollten ihnen das Leben auf Erden nicht zur Hölle machen.

Als du das Leben schufst, schufst du das Sterben.
Die eig'nen Werke weihst du dem Verderben.
Wenn schlecht dein Werk war, sprich, wen trifft die Schuld?
Und war es gut, warum schlägst du's in Scherben?
Omar Khayyam, persischer Mathematiker, Astronom, Philosoph und Dichter (1048-1131)

#1 - Ina Wunn: Die Evolution der Religionen. Habilitationsschrift, Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Hannover, 2004. online (PDF)

#2 - J. Haidt: Morality. In: S. T. Fiske, D. T. Gilbert, G. Lindzey (Hrsg.): Handbook of Social Psychology. 5. Auflage. Band 2, Wiley, Hoboken, N.J. 2010, S. 797–832.

#3 - "Die Moral der Tiere" in Frankfurter Rundschau am 5.11.2017 (online abrufbar auf Spektrum.de)

#4 - Jeremy Bentham on the suffering of non-human animals. Abgerufen am 21. Juni 2021.

#5 - Linzey, Andrew (2009): WhyAnimal Suffering Matters. Oxford.

#6 - Dworkin, Ronald (1977): Taking Rights Seriously. Cambridge (MA). (Dt.: Bürgerrechte ernstgenommen. Frankfurt a.M., Kap. 9.)

#7 - Becker, Lawrence C. (1983): The Priority of Human Interests. In: Harlan B. Miller / William Williams (Hg.): Ethics and Animals. Heidelberg, 225-238. (Dt. (Auszüge): Der Vorrang menschlicher Interessen. In: Ursula Wolf (Hg.) (2008): Texte zur Tierethik. Stuttgart, 132-149.)

#8 - Midgley, Mary (1983): Animals and Why They Matter. Athens (GA). (Dt. (Auszüge): Die Begrenztheit von Konkurrenz und die Relevanz der Spezieszugehörigkeit. In: Ursula Wolf (Hg.) (2008): Texte zur Tierethik. Stuttgart, 150-163.)

Die indirekten und direkten Argumente für die Rücksicht auf Tiere, sowie der Abschnitt "Gleicher moralischer Status für Tiere?" sind von den Autoren/-innen: Prof. Dr. Ursula Wolf, Jens Tuider für bpb.de entnommen (Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland")
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what other people's genitals look like, and what they're doing with those genitals
in the presence of other consenting adults, you may need to reevaluate your
priorities." - Forrest Valkai


("Wenn das größte Problem, das du im 21. Jahrhundert hast, darin besteht, wie
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Re: Evolution oder Schöpfung

Beitragvon almafan » Mo 6. Sep 2021, 09:03

Rezension: Jw.org - Was sagt die Bibel über Naturkatastrophen?

Man könnte diese Frage einleitend mit "Erschreckend viel Unsinn." beantworten. Aber das ist nicht mein Stil. Zu polemisch und vor allen Dingen zu kurz.

Wir können ja ersteinmal kurz zusammenfassen, was die Bibel darüber zu sagen hat. Uns wird erklärt, dass wir das in folgendem Artikel finden:
https://www.jw.org/de/biblische-lehren/fragen/naturkatastrophen-bibel/

Gott verursacht die heutigen Naturkatastrophen nicht, und die Leidenden sind ihm nicht egal. Gott wird Naturkatastrophen mit dem bösen System verschwinden lassen und bis dahin, muss uns sein Trost genügen. Wir wissen aber auch, dass Gott, besonders im alten Testament, Naturkatastrophen zur Bestrafung böser Menschen verwendet hat: Die Sintflut (1. Mose Kapitel 6-8) und die Zerstörung von Sodom und Gomorra (1. Mose Kapitel 18 und 19) sind nur die bekanntesten Beispiele. Aber auch ein Teil der 10 Plagen (2. Mose Kapitel 7-11, z.B. Ungezieferschwärme, Seuchen und Hagel) und der Aufstand Korachs (4. Mose Kapitel 16, Erdbeben) kann man hier nennen.
Als Gott insbesondere bei der Sintflut und der Zerstörung von Sodom und Gomorra ins Herz der Menschen sah und "nur diejenigen, die es wirklich verdient hatten" bestrafte, waren folgerichtig alle verdammt, denn kleine Kinder und alte Greise sind selbstverständlich immer und in jedem Falle exakt der gleichen Meinung, wie der Rest der verkorksten Menschheit. Das kennen wir ja. Babies sind noch schlimmer, total egoistisch und bitte alles sofort. Sowas muss Gott austilgen.
Wir haben in der Rezension "Kommen Tiere in den Himmel?" darüber erfahren, dass Gott die Tiere nicht da rein lässt, weil sie ja keine moralischen Entscheidung treffen können und Gott nicht so kennenlernen können, wie wir Menschen. Tiere können also keine Vergebung bekommen, weil sie im Grunde nicht sündigen können. Das wirft die Frage auf, warum bei den genannten Katastrophen vom Großen bis zum Kleinen alles verendete. Welche Sünden haben die Babies begangen? Welche Moralvorstellungen haben sie?
Und ganz nebenbei: Wenn es eine globale Flut gab und Feuerregen auf ausgewachsene Städte, warum findet sich in der Archäologie dazu kein Hinweis? Oder in den Schriften anderer Kulturen?

Als Strafe Gottes sind sie also willkürlich, nicht selektiv genug und treffen alle Menschen einer Region, unabhängig ihrer Herkunft, sozialen Schicht oder Gesinnung. Die "nur-bösen" Orte sind zurecht in Fantasy-Romane gebannt, weil es sowas in der Realität nicht gibt. Selbst in kleinen Dörfern gibt es keine geschlossene Meinung, deswegen gibt es ja Stammtischdiskussionen.

Strafgericht und Naturkatastrophe unterscheiden sich aber dahingehend, dass Gott bei seinen Aktionen immer erst eine Warnung ausspricht (außer bei Sodom und Gomorra, z.B.), während Naturgewalten einfach so hereinbrechen, unvermittelt und überraschend.

Menschen tragen dazu bei, dass Naturereignisse zu Naturkatastrophen werden. Wieso kann man das sagen? Menschen greifen in Naturkreisläufe ein und siedeln sich in Gegenden an, in denen mit Erdbeben, Überschwemmungen oder extremen Wetterverhältnissen zu rechnen ist (Offenbarung 11:18). Gott ist für solche Fehlentscheidungen nicht verantwortlich (Sprüche 19:3).

Äh, falsch?

Schauen wir uns das gelobte Land doch einfach mal an:
Israel liegt auf einer Landbrücke zwischen Asien und Afrika am östlichen Rand des Mittelmeeres. Damit zählt es geographisch zu Vorderasien, geologisch aber zu Afrika, da es auf der afrikanischen Kontinentalplatte liegt. Im Osten liegt die Arabische Platte und die Grenze dazu bildet das Jordantal, welches Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs ist. Im Norden grenzt Israel an den Libanon, im Nordosten an Syrien, im Osten an Jordanien, im Südwesten an den Gazastreifen und Ägypten und im Süden ans Rote Meer.
Gott hat dieses Land schon Abraham versprochen (1. Mose 13:15-17), wiederholt das Versprechen mehrfach auch den Nachkommen Abrahams (z.B. 1. Mose 15:18-21, 17:7-8, 26:3-5, 28:13, 35:12 und 50:24). Auch Moses bekommt das mehrmals zu hören (4. Mose Kapitel 14, 20:12, 5. Mose 4:21), darf wegen einem Fehlverhalten aber nicht hinein. Erst unter Josua wird das Land im Namen Gottes eingenommen. es beginnt mit den Städten Jericho (Josua Kapitel 6) und setzt sich mit Ai fort (Josua 8:14-29). Auch nach dem Exil in Babylon werden die Juden wieder dort hin geschickt. Nachdem der Perserkönig Kyros II. im Jahr 539 v.u.Z. das babylonische Reich erobert hatte, erlaubte er die Rückkehr einzelner Personengruppen in ihre Heimat jenseits des Tigris. Namen nennt das Kyros-Edikt, mit dem dies verkündet wurde, nicht, und es enthält auch keine Anordnung zum Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels. Aber laut Jeremia 29:10 hat Gott eine Befreiung und Rückkehr nach 70 Jahren Gefangenschaft verheißen.

Das gerade sein Bundesvolk auf einer tektonischen Tellermine wohnen sollte, ist demnach sehr wohl in seiner Verantwortung, ja auf seinen Befehl hin passiert.
Für die heutigen Siedlungsgebiete an Küsten (z.B. New York, Sao Paulo, Tokio, Hamburg) mit entsprechenden Überschwemmungen kann Gott nix. Ebenso wenig für die Besiedlung von Erdbebengebieten (z.B. Los Angelos, Santiago de Chile, nochmal Tokio) oder in der Nähe von Vulkanen (Neapel am Vesuv, Goma (Republik Kongo) nahe dem Nyiragongo, Yogyakarta (Indonesien) am Merapi, Kagoshima (Japan) gegenüber des Sakurajima und schon wieder Tokio beim Fuji). Tokio ist so am Arsch.
Ja, aber was soll so ein afrikanischer Grabenbruch schon machen?

Der Jordangraben gilt allgemein als Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs, der sich im Ostafrikanischen Graben fortsetzt. Dieser auch als Transformstörung am Toten Meer (englisch Dead Sea Transform (kurz DST)) benannte Abschnitt reibt seit 18 Millionen Jahren die Arabische Platte an der Afrikanischen Platte entlang. Die Geschwindigkeit der Bewegung beträgt durchschnittlich 4 mm pro Jahr. Klingt erstmal nicht viel, aber:
Die Oberfläche des Toten Meeres liegt 420m unter dem Meeresspiegel. Der Grund des Toten Meeres reicht bis 794m unter den Meeresspiegel und besteht aus Sedimentablagerungen. Diese Tiefen sind wider Erwarten nicht durch Absinken des Erdbodens oder Weitung quer zum Riss entstanden, sondern durch dessen Sprünge zur Seite und die weitere Bewegung in Längsrichtung.
Die seismische Aktivität dieser Region gilt als die erdbebengeschichtlich am weitesten zurückreichend dokumentierte. Insgesamt rund 30 Beben mit nennenswerten Schäden sind für die letzten rund 2200 Jahre mit Datum bekannt. Mit dem bekannten Schriftwerk wird insgesamt eine Zeitspanne von ca. 4000 Jahren abgedeckt. Sowohl die alttestamentliche Bibel wie auch römische Quellen fixieren dabei verschiedenste Beobachtungen, die weitgehend vergleichbar sind zu dem was in neuerer Zeit registriert werden konnte. Darüber hinausgehende geologische Forschungen lieferten klare Belege für einen erweiterten Zeitraum von rund 10.000 Jahren.
Die aufgetretenen Verwerfungen produzierten dabei immer wieder Erdrutsche, die den Jordan für kurze Zeit – etwa 1–2 Tage – aufhielten. Für die letzten 1000 Jahre sind sechs solcher Ereignisse mit Datum dokumentiert sowie mindestens ein weiteres solches Ereignis in biblischer Zeit (siehe auch Josua Kapitel 3). Speziell mit dem Beben im Jahr 1546 kam es nicht nur zu einer Verschüttung des Jordans, sondern auch zu einer Springflut (Tsunami) im Bereich des Roten Meers. Bei anderen Beben wurden selbst starke Festungsmauern umgeworfen (Jericho (siehe auch Josua Kapitel 6), Massada) oder wichtige Zisternen zerstört, so dass die betroffenen Städte teils für Jahrzehnte verlassen werden mussten. Die Verschiebungen in der Erdkruste führten andernorts weiterhin dazu, dass spontan Grundwasser führende Schichten an die Oberfläche kamen und dadurch zumindest zeitweilig neue Quellen entstanden (siehe auch 2. Mose Kapitel 17).
Als zentrales Ereignis der Neuzeit gilt bislang das Erdbeben von 1927, bei dem sich die westliche Platte nach Süden und die östliche Platte nach Norden innerhalb kürzester Zeit um rund 50 cm gegeneinander verschoben haben. Dies gleicht zweifelsohne den ältesten Berichten aus der Region.

Die seismologische Aktivität kann also bereits Grundlage einiger "Wunder" sein, wie sie in der Bibel während der Zeit der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten und während des Genozids an den Völkern Kanaans beschrieben werden. Wenn man das dann natürlich noch märchenhaft überhöht, kann man es auch gleich einem Gott zuschreiben.

In der Bibel wurde vorausgesagt, dass es während „des Abschlusses des Systems der Dinge“ oder „der letzten Tage“ Naturkatastrophen geben würde (Matthäus 24:3; 2. Timotheus 3:1). Zum Beispiel prophezeite Jesus für unsere Zeit: „Es wird Lebensmittelknappheit und Erdbeben an einem Ort nach dem anderen geben“ (Matthäus 24:7). Bald wird Gott alle Ursachen für Schmerz und Leid beseitigen, darunter auch Naturkatastrophen (Offenbarung 21:3, 4).

Dies zeigt ziemlich offensichtlich, dass man von Plattentektonik keine Ahnung hat und auch nichts darüber weiß, warum das so wichtig ist, dass es diese gibt.
Eigentlich nicht weiter verwunderlich: Die Schreiber der Bibel, egal ob nun Mose, Josua oder irgendein anderer (wenn man es denn so auslegt, dass sie tatsächlich die Verfasser waren), aber auch die Redaktion und die Lektoren im babylonischen Exil, die das Pentateuch zusammenstellten und redigierten, ja sogar Jesu Zeitgenossen, Jünger und Nachfolger hatten schlicht keine Ahnung, warum Erdbeben und andere Naturereignisse geschehen.
Und warum übernimmt eine Organisation aus unserer Zeit diese völlig veraltete Sichtweise, wenn sie von sich selbst doch behauptet, dass sie naturwissenschaftliche Erkenntnisse anerkennen (... 121, 14.06.2021: Rezension: Jw.org - Wie stehen Jehovas Zeugen zur Naturwissenschaft?)? Dieses Rätsel ist ebenso leicht zu lösen: Man hat sich nicht von allen Vorstellen des Religionsstifters Charles Taze Russell (gestorben 1916) verabschiedet. Denn auch dieser hatte offenbar von Alfred Wegeners Theorie der Kontinentalverschiebung, die er 1912 veröffentlichte, nichts gehört. Auch nicht verwunderlich, denn obwohl es erste Hypothesen dazu schon im 18. und 19. Jahrhundert gab, galt Alfred vielen "echten" Geologen als ein unqualifizierter "Quereinsteiger". Und das, obwohl es ihm im Gegensatz zu seinen Vorgängern gelang, seine Theorie auch durch vielfältige Untersuchungen in den verschiedenen Zweigen der Geowissenschaften zu untermauern.

Bild
Die hier farbig dargestellten paläobiogeographischen Verbreitungsgebiete von Cynognathus (orange), Mesosaurus (blau), Glossopteris (grün) und Lystrosaurus (braun) erlauben die Rekonstruktion von Gondwana und sind damit Belege für die Existenz der Plattentektonik. Die Darstellung ist stark schematisch und nicht mit den tatsächlichen, anhand der Fossilfundstellen rekonstruierbaren Verbreitungsgebieten identisch.


Ein verkanntes Genie also?
Naja, nicht so ganz. Anerkannt waren seine Verdienste in der Meteorologie und er galt zu Lebzeiten als Pionier der Polarforschung. Erst die Untersuchung der Plattentektonik ab 1960 brachte die allgemeine Anerkennung des Kontinentaldrifts.

Warum ist es aber wichtig, dass der Boden unter unseren Füßen nicht ruht?
Die Plattentektonik entsteht durch Konvektionsströme im Innern. Sie sind verantwortlich für Erdbeben und Vulkanausbrüche. Das hört sich erstmal doof an. Das sind aber eben die Nebenwirkung für einen lebenden Planeten. Die Konvektionsströme, die sich in verschiedenen Ebenen weit unterhalb der Kontinente und Ozeane abspielt, sind ein Grund für den Erddynamo. Der wiederum erzeugt das Erdmagnetfeld.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand auf diesen verzichten möchte. Geladene Teilchen der Sonne und kosmische Strahlung, z.B. aus dem Zentrum der Milchstraße würden nicht nur ungebremst, sondern ungefiltert und in voller Stärke auf uns herniederprasseln. Mutationen sind dann unsere geringste Sorge.
Es würde sich dann natürlich auch niemand mehr Sorgen um Erdbeben und Vulkane machen. Denn es gäbe kein Leben mehr auf Erden.

Auch sorgt die stete Änderung unserer Erdoberfläche dafür, dass die Biodiverität nicht nur erhalten bleibt, sondern sogar wachsen kann. Es entstehen ständig neue Nischen für Lebewesen, während alte verschwinden. Vulkanasche ist obendrein durch die hohe Mineraldichte ein Superdünger. Klar im ersten und sicher auch im zweiten Moment sind Erdbeben echt doof und können einem den Tag versauen. In Küstennähe gestartet verursachen sie zusätzlich Tsunamis. Vulkanausbrüche spucken nicht nur heiße Gesteinsbrocken und Lava herum, sondern können das Klima einer Region oder sogar global verändern. So hatte der Ausbruch des Samalas 1257 katastrophale Auswirkungen auf das Weltklima. Große Vulkanausbrüche - und der war groß - transportieren Aerosole in die Atmosphäre, die dann in der Stratosphäre Dunstschleier bilden und dadurch die Sonneneinstrahlung und sodann auch die globalen Temperaturen reduzieren. Weitere Folgeerscheinungen sind Probleme in der Landwirtschaft und eventuelle Hungersnöte.
Aus Berichten des Jahres 1258 in Frankreich und England geht hervor, dass ein trockener Nebel das Land bedeckte, der bei ortsansässigen Beobachtern den Eindruck einer ständigen Wolkenbedeckung hinterließ. Mittelalterliche Aufzeichnungen von 1258 berichten von einem kalten und verregneten Sommer mit Überschwemmungen und Missernten. Insbesondere waren die Monate Februar bis Juni ausgesprochen kalt. Nicht nur in Europa, sondern auch im Mittleren Osten wurden in den Jahren 1258 und 1259 veränderte Farbtönungen in der Atmosphäre beobachtet. Hinzu gesellten sich stürmische, kalte und strenge Wetterlagen. Das verregnete Wetter beschädigte die Ernten, was seinerseits zu Hungersnöten und Epidemien führte. Nordwesteuropa scheint hiervon stark betroffen worden zu sein und so können Missernten und eine Hungersnot in London mit dem Ausbruch des Samalas, korreliert werden. In London starben damals 15.000 bis 20.000 Menschen an der Hungersnot.
Die resultierende Hungersnot war derart gravierend, dass Getreide aus Deutschland und Holland eingeführt werden musste. Der Getreidepreis schnellte in Großbritannien, aber auch in Frankreich und in Italien in die Höhe. Epidemien werden zu diesem Zeitpunkt aus England und dem Mittleren Osten berichtet. Aber auch in China, Japan und Korea traten ernste Probleme auf. Nach dem Winter 1258/1259 werden weniger extreme Wetterlagen verzeichnet, jedoch war der Winter 1260/1261 in Island, Italien und anderswo erneut sehr streng. Und das alles wegen einem Vulkan auf der indonesischen Insel Lombok!


Die Vulkane Indonesiens. Der Sundabogen zieht von Sumatra über Java bis nach Timor. Der Samala befindet sich ungefähr Bildmittig im unteren Drittel (Rinjani).

Und das gleiche kann man auch für Stürme so aufstellen. Natürlich ist ein Hurrikan oder ein Blizzard nichts, was den eigenen Vorgarten entlangstreifen sollte. Aber auf einem Planeten mit funktionierender Atmosphäre ein hinzunehmendes Übel. Wind, auch der starke, entsteht durch den Druckausgleich von verschiedenen Luftdruckgebieten. Dieser Druckausgleich ist wichtig. Sonst würden bestimmte Regionen überhitzen und andere abkühlen. Wind- und Meeresströmungen regulieren die globalen Temperaturen. Das erklärt uns dieser Witz eigentlich ganz gut:

Schadenserklärung gegenüber der Versicherung – Warum der Zaun umgefallen ist

Vor diesem Schreiben hatte die Versicherung die Versicherungsnehmerin dazu aufgefordert zu erklären, warum ihr Zaun im Sturm umgefallen ist. Diese hat sich für ihre Antwort scheinbar sehr viel Zeit genommen und folgendes ist dabei herausgekommen:

Sehr geehrte Damen und Herren

Sie fordern eine Begründung, wie es dazu kam, dass mein Zaun von einem Sturm zerstört worden ist. Nach anfänglicher Ratlosigkeit, was man da wohl schreiben soll, ich dennoch gezwungen bin, zu antworten, um meine Pflichten als Versicherungsnehmerin nachzukommen, trage ich nun ordnungsgemäß vor:

"Die Sonne wärmt die Luft weltweit unterschiedlich. Wo sie senkrecht auf die Erde trifft (am Äquator), wärmt sie stärker als da, wo sie schräg auftrifft (Nord- und Südpol). Und über Land wärmt sie stärker als über dem Meer. Aufgewärmte Luft dehnt sich aus, der Luftdruck wird an diesen Stellen höher (man nennt das "Hochs"). An kühleren Stellen bleibt der Luftdruck niedrig ("Tiefs"). Die Luft versucht, diese Druckunterschiede wieder auszugleichen: Sie strömt von Gebieten mit hohem Luftdruck in Gebiete mit niedrigem Luftdruck – je größer die Druckunterschiede sind, umso schneller. Bewegt sich die Luft mit 6 km/h, nennt man das Wind. Ab 75 km/h nennt man diese Bewegung Sturm, ab 118 km/h Orkan. So schnell ist die Luft aber nur bei extremen Druckunterschieden.
Ein solcher Druckunterschied lag am Schadenstag über Deutschland vor. Zur Unglückszeit passierte schnelle Luft den Großraum Hessen, wobei sie auch durch Asterode und an meinem Haus vorbeikam. Da mein Haus der schnellen Luft im Wege stand, sollte es weggepustet werden. Das jedoch ließ mein treuer Zaun nicht zu. Um das Haus zu schützen, hat sich mein armer Zaun mit aller Kraft gegen die schnelle Luft gestemmt.
Es gelang ihm zunächst, sich und das Haus erfolgreich zu verteidigen, so das die schnelle Luft gezwungen war, den Weg durch das Nachbarhaus zu nehmen. Als das große Dach des Nachbarhauses in einem Stück vorbeigeflogen kam, was nur in sehr seltenen Fällen vorkommt, muß mein Zaun erschrocken oder zumindest kurz abgelenkt gewesen sein. Die schnelle Luft hat ihre Chance sofort genutzt und meinen treuen Zaun heimtückisch niedergedrückt. Der Held brach zusammen und starb noch am Boden liegend vor dem Haus, welches er jedoch immerhin erfolgreich beschützt hatte."

Das ist meiner Ansicht nach der Vorgang, so wie er sich real zugetragen hat. Es könnte jedoch auch weniger dramatisch gewesen sein und der Fall ist als ganz gewöhnlicher Sturmschaden zu behandeln, dem nichts hinzuzufügen ist, außer das an dem Tag in Asterode – wie überall in Deutschland – Sturm war. Sollte weiterer Vortrag notwendig sein, Zeugenaussagen begehrt oder Ihrer Ansicht nach eine Obduktion des Zaunes erforderlich sein, stehe ich gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Was bleibt also vom Artikel?
Nicht viel. Katastrophen gab es schon immer und da wir glücklicherweise auf einem tektonisch aktiven Planeten wohnen, der auch noch eine Atmosphäre hat, wird es so bleiben. Wer es anders mag, darf sich ja gern auf dem Mars niederlassen. Seine Atmosphäre ist hauchdünn und schützt vor einfallender Strahlung eher so mittel bis schlecht. Und ein Magnetfeld, wie die Erde, hat er auch nicht.
Versöhnlich kann ich mich aber indes schon zeigen, mit den Ratschlägen zum Schluss. Man sollte sich auf Katastrophen nach seinen Möglichkeiten vorbereiten und das man sich in Krisenzeiten gegenseitig hilft. Es ist aber schon recht traurig, dass der Mensch als soziales Wesen, nicht selbst auf den Trichter kommt und erst ein omnipotentes Wesen, so es denn existiert, eine so fehlerhafte Anleitung dafür schreiben muss.

Wünschen kann man ja nicht verdammen. Aber davon auszugehen, dass Katastrophen nur existieren, weil wir auf einer unperfekten Welt kurz vor dem Paradies stehen, ist halt leider nichts, was unsere Wünsche wahrer macht.
Die Hoffnung ist oft ein Jagdhund ohne Spur.
William Shakespeare, englischer Dramatiker (1564-1616)
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