Sacra Tibia: Hexagon - Die Mönche




Geschichten, die sich auch über mehrere Kapitel erstrecken können

Sacra Tibia: Hexagon - Die Mönche

Beitragvon almafan » Sa 20. Dez 2014, 12:17

[Für all jene, die anzumerken versuchen, dass diese Geschichte im "Ich"-Stil geschrieben wurde. Ich weiß das und es ist bewusst so gewählt. Hexagon schreibt diese Geschichten in einem Buch nieder. Es sind quasi seine Erzählungen und in den Anekdoten bin ich Hexagon.
Auslassungspunkte zum Beginn und zum Ende einer Geschichte kennzeichnen Lücken in Hexagons Berichten, da man immer nur Teile des Berichts zu lesen bekommt. Diese aber zusammenhängend sind.
Kapitelbezeichnungen und Überschriften sind von mir gewählt, gehören also nicht zu Hexagons Erzählungen. Sie sind nicht Bestandteil seiner, sondern meiner Welt. Sie dienen einzig der Übersichtlichkeit und Unterordnung.]

Im Frühjahr des Herrn 998
Dem Jahr des Beginns der "renovatio imperii romanorum" durch die Urkunde Ottos III.
Dem Jahr der Sieges Herzog Stephans von Ungarn über den Stammesfürsten Koppány
Dem Jahr der Einsetzung des Sohnes Almansor im nordöstlichen Magreb, Abd al-Malik
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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von Anzeige » Sa 20. Dez 2014, 12:17

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Re: Sacra Tibia: Hexagon - Die Mönche

Beitragvon almafan » Di 15. Jan 2019, 23:23

Die Mönche

Des Weges


Das Leben ist manchmal schon verwirrend. Hier sitze ich nun und lehre Mönche. Dabei ist mir ihr Gott nicht eigen und ich bete ihn nicht an. Diese unsichtbare und doch höchste Macht des Schaffens. Der Herr aller Dinge. Der Befreier des Volkes Israel. Der Sender des Erlösers. Der Ewigvater und König über die Welt. Was auch immer man in ihm sieht, geht mir nicht ab.
Die Liebe zu ihm kann ich, in gute Bahnen gelenkt, wohlweißlich gut heißen. Liebe ist das höchste Gut, das man im Besitz meinen sollte.

Wenn ich mich recht erinnere, war es einer der ersten Frühlingstage im Märzen, an denen die Bergpässe wieder passierbar werden, als sich das Spiel ereignete, von dem ich den Leser unterrichten will.
Der Schnee zog sich zurück in die hohen Gipfel. Die Winde aber waren noch deutlich zu spüren. Ich war des Weges nach der großen Stadt am Tiber. Rast habe ich zweimal mir wohl erlaubt. Sowohl bei meinem Freund Mario in Amelia, einem kleinen Bergdorf mit eigenem Bistum, in Umbrien, einer Gegend voller langgezogener Bergrücken, als auch bei meinem Freund Carlo in Napoli, einer großen und alten Küstenstadt, die unter rhomäischer Hegemonie steht. Sie ist wunderschön malerisch gelegen, allerdings an einem feuerspukendem Berge, der einst Pompeii und Herculuneum unter seinen aschenen Fängen begrub.
Nun aber war ich aber etwas weiter. Doch die Müdigkeit und der Müßiggang hatte meine Knochen erfasst, so dass nun eine weitere Pause anstand. Ein Baumstamm an einem kleinen Weiler lud dazu gerade ein. Ich hob mein Umhang, empor von den Beinen weg, und zog mir meine Schuhe aus. Diese viel geschundenen Treter hatten meinen Füßen nichts gutes getan. Doch ich war ja auch schon lange unterwegs. Ich walkte meine armen unteren Fortsetze durch, um zu spüren, dass sie auch anderes vernehmen können als nur Schmerzen. Doch genau dies war das erste Gefühl in den Gliedern als meine Hände sie greifen hießen. Die Freiheit aber schien ihnen schon recht bald zu gefallen. Und auch ich selbst war wieder etwas ermunterter, frohen Schrittes weiter zu gehen.

Da sah ich zwei Kutten kommen. In Ihnen selbst waren freilich die Mönche. Die Farbe ihrer Kutten, sie trugen braun, verriet mir, dass sie nicht zur Buße gingen. Es waren Benediktinermönche. Vermutlich gingen sie von einem Kloster zum anderen, hatten Botengänge oder dergleichen zu tun. Und dieser Grund lag ja nicht fern. Denn über meinem Kopfe auf den Gipfeln der umherstehenden Berge, da befand sich eines ihrer Kloster. Es ist eines jener Kloster die zurückgezogen stehen. Fern der Welt, um nicht deren verderblichen Einfluss zu erliegen und den Mönch, und damit einhergehend den ganzen Konvent, der Begehrlichkeiten und dem Müßiggang Preis zu geben. Die beiden Mönche unterhielten sich angeregt. Erst konnte ich es nicht recht verstehen. Doch als sie näher kamen, vernahm ich einen Disput über die Idee der Theodizee. Und die Frage war und ist immer noch berechtigt: Wenn Gott so mächtig ist und zugleich die liebende Güte, warum gibt es dann Gewalt und Tod?

Eigentlich ist dies nicht meine Art, aber ich rang mit mir, ob ich die beiden Mönche zu mir rufen sollte, um mit ihnen das Thema anhand ihrer heiligen Schrift zu erörtern. Auf meiner Höhe schauten sie misstrauisch zu mir, der ich da allein und barfüßig auf dem Baumstamm saß. Sie schwiegen. Und als sie vorbei waren, fasste ich mir Mut und rief ihnen hinterher: "Ihr liegt ganz falsch!"
Kurz stockten sie, wollten offenbar nur noch rascher sich von mir entfernen. Doch ich bemerkte, wie sie abermals kurz inne hielten. Also rief ich abermals: "Gott straft nicht, wer gerecht ist! Ich würde dies gern mit euch erörtern." Die Mönche drehten sich tatsächlich zu mir um.
Ich fühlte mich etwas in der Klemme. War ich zu weit gegangen? Wer war ich, dass ich zwei Mönchen etwas lehren sollte? Vermutlich waren dies aber auch nur Laienbrüder. Die können weder lesen noch rechnen, je weiter es der Zahl ihrer Finger entgleitet. Wenn es aber Mönche mit hohem Studium sind, wäre diese Aufgabe eine knifflige. Viele Fragen schossen mir durch den Kopf.
"Wie sagtest du?", hob einer der beiden an, "Sprachest du mit uns?" Ich war wieder etwas leiser: "Mit wem denn sonst? Wer ist noch hier und unterhält sich angeregt über die Idee der Gottesstrafe, wenn es nicht die zwei Mönche sind, die mir hier auf dem Wege begegneten?" Die Mönche schauten sich kurz an und einer kam auf mich zu. Er beugte sich über mich und stierte mir in die Augen: "Hast du dazu etwas zu sagen?" Und es entspricht nicht der Höflichkeit, aber ich erwiderte abermals mit einer Frage: "Hätte ich euch es wissen lassen, wenn ich nichts zu sagen hätte? Ich hätte keinen Ton gegeben, wenn es nicht so wäre." Ich roch seinen fauligen Atem und gedachte der besseren Hygiene in den orientalen Ländern. Der zweite Mönch, etwas feister, trat herzu: "Dann sprich, wir haben Zeit. Hast du Laie uns Geistlichen etwas zu sagen, dass von Wert sein kann?" Der erste beugte sich wieder zurück und grinste nur schelmisch, ja man mag versucht sein, es unheimlich zu nennen.

Nun war ich da, ich armer Tor, und vor mir diese Mönche, denen ich nun die Idee ihres eigenen Gottes zu erklären mich ebenselbst ebenhier verpflichtet habe. Wie sollte ich nur beginnen?
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Re: Sacra Tibia: Hexagon - Die Mönche

Beitragvon almafan » Mi 16. Jan 2019, 18:01

Die falsche Frage

Ich nahm meinen Mut beisammen und hub zur Rede an:
"In den alten Schriften einer jeden Kultur und in den mündlichen Überlieferungen ebenso, wie im Tagesgespräch ist zu vernehmen, ständig von Kriegen, Verbrechen und Seuchen. Gleichzeitig sucht ein jeder seine Sorgen zu zerstreuen oder zu bekämpfen. Menschen werden krank, alt und sterben. Jeder hat schon mal einen lieben Mitmenschen verloren und ist deshalb sehr traurig. Man fühlt sich manchmal wie Hiob im Buche Kapitel 10, ich denke Vers 15, 'mit Trübsal und Elend gesättigt'. Findet Ihr nicht auch, dass dies gar selten zu einem guten und mächtigen Gott passt?" Ich schaute in verdutzte Gesichter. Offenbar waren die beiden überrascht, dass sich einer fand, der das Thema vom biblischen Standpunkt aus mit ihnen durchdenken wollte. Noch dazu einer, der nicht ihrer Mitte entspringt. "Du bist ein beredeter Mann. Hast du dir Gedanken darüber gemacht?"

"Selbstverständlich und ich habe viel Zeit mit solchem Denken verbracht. Aber nach einem ausgiebigem Studium, kam ich zu dem Schluss, dass viele Fragen generell falsch gestellt werden. Manche fragen sich, ob Gott wollte, dass sein Leben und das Leben anderer Menschen so aussieht. Sie fragen sich, was ihnen helfen könnte, mit ihren Problemen fertig zu werden. Wird jemals auf dem ganzen Erdenrund Frieden herrschen?" - "Und wo hast du deine Antworten gefunden?"
Ich holte aus, ich hatte hier tatsächlich zwei Interessierte gefunden, die ihr eigenes Buch nicht verstanden. "Überlegt doch einmal. In der Bibel sind viele tröstende Worte enthalten. In der Offenbarung steht 'Er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch wird Trauer noch Geschrei noch Schmerz mehr sein'. In Jesaja ist niedergeschrieben 'Der Lahme wird klettern wie ein Hirsch' und 'Die Augen der Blinden werden geöffnet' und 'Kein Bewohner wird sagen: 'Ich bin krank' '. Auch im Evangelium des Johannes wird verheißen 'Alle, die in den Gedächtnisgrüften sind, werden herauskommen'. Und in den Liedern und Gedichten der Psalmisten findet sich 'Es wird Fülle an Getreide auf der Erde geben'. Gott verspricht durch die Bibelschreiber also Gesundheit, Überfluss und die Erlösung vom Tod."
Der dünnere, der beiden Mönche stellte sich mir, jetzt freundlich gestimmt, als Ignatius vor. Der feiste wollte seinen Namen noch nicht nennen. Sie waren aber beide ganz Ohr. Ich fragte sie auch, ob sie diese Vorstellungen als Wunschdenken abtun. Doch darauf konnten sie keine eindeutige Antwort geben. Sicher es klingt zu utopisch, insbesondere wenn man sich die Welt um sich herum angeschaut hat. Aber ihrem Glauben nach ist Gott allmächtig und hat diese Dinge versprochen. Die Bibel wird in sich selbst als der Schlüssel angeboten, den Weg zu finden, auch nun schon in der Welt, die so grausam ist, ein glückliches Leben zu führen. So gibt sie Antworten auf die Fragen, warum Menschen leiden müssen, wie man mit Ängsten und Sorgen fertig wird, wie man ein glücklicheres Familienleben organisiert, was mit uns geschieht, wenn wir sterben, ob wir unsere geliebten Verstorbenen jemals wiedersehen, und überdies, wieso man diesen Versprechen von Gott glauben darf.

Dies aber den beiden einzuhellen wäre zu viel, da sie bereits in ihrem Studium, das grundlegende Werk ihres Glaubens zumindest in so fern verstanden haben sollten, dass es weiterer Erklärung zur Quelle des Suchenden in jenem Buche keine Fragen mehr geben sollte. Die Bibel ist die letzte Instanz des Christen und für dies die höchste und heiligste Offenbarung Gottes auf Erden. Hier wäre der falsche Ansatz.
Selbstverständlich legen sie das Werk nach eigenem Geist aus und deuten und missverstehen. Aber wer bin ich, dass ich nicht auch einem falschen Geist folgen kann?
Ich bin ebenso auch Geber und Opfer meiner eigenen Sicht auf die Dinge der Welt.

Ich nahm war, dass meine Gedanken kurz den Raum hier verließen und strömten an Welten rein aus Gedanken. Der bohrende Blick des Feisten holte mich zurück.

Ich hatte die beiden gut im Griff. Ignatius setze sich auf den freien Platz neben mir, der Feiste stand im Lichte der Sonne schräg vor mir. Sein Gesicht war nicht so leicht zu erkennen. Und während Ignatius voller Wissensdurst mich aufgeregt ansah, war der Feiste noch immer skeptisch. Wieso sollte man auch mit einem Wildfremden, unter freiem Himmel über die Theodizee reden? Aber vorerst plante ich auch, dass ganze Thema bei der Wurzel zu packen. Bevor man sich aber an ein so schwieriges Thema wendet, sollte man ja in der Tat das Grundlegende geklärt wissen. Denn auch wenn man weiß, über welchen Gott man hier spricht, weiß man leider nicht, ob man tatsächlich die gleiche Ausgangslage kennt.
Es gibt, in aller Klarheit hier dargelegt sicherlich so einige Richtungen innerhalb der Christenheit, die sich allesamt für die Wahrheit betrachten und gern mehr nach den Unterschieden, denn nach den Gemeinsamkeiten schauen. Das ist tatsächlich schade. Denn ich halte diesen Zwist für einen der Grundpfeiler der so durchwühlten Welt. Und das war auch schon damals so.
Ich war nie besonders religiös und es verpuffte, als ich selbst das ewige Leben erlangte. Nicht, dass ich nicht dankbar wäre. Aber ich bin dem zu Dank verpflichtet, der mich der sterblichen Hülle entledigte. Und auch, wenn ich eine lange Zeit sehr unglücklich war, nicht sterben zu können, sehen zu müssen, wie andere, liebgewonnene um mich herum sterben, und ihnen nicht einfach folgen zu können, so konnte ich mich nie zu einem Selbstmord durchringen. Aber auch dieser Schmerz vergeht wieder. Meine Erinnerungen sind im Umfange ungetrübt und so lange ich dieser Menschen, die einen Teil meines Lebens mich begleiteten, gedenke, so lange leben sie in meinem Herzen. Ich will die Zeit mit ihnen nicht missen, aber ich kann sie nicht zurückrufen. Und ihnen nachzuhängen wäre hinderlich meines Lebens.
Ich habe Gott einfach nie wieder gesucht. Nicht aber, ich habe mich nicht für ihn interessiert. Ich habe verschiedene Schriften gewälzt. Mich hierein gelesen, mal da. Mir viel gemerkt und im Grunde nichts daraus gelernt. Aber so etwas nennt man Leben.

Wie aber immer wieder festgestellt werden kann, erweitert und verfestigt sich das Wissen, auch in einem selbst, wenn man es weiter gibt. Und vielleicht, so dachte ich, könnte ich bei dieser Gelegenheit auch meine beiden Zuhörer besser kennen lernen.
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Re: Sacra Tibia: Hexagon - Die Mönche

Beitragvon almafan » Fr 18. Jan 2019, 11:20

Das Wesen der Frage

Wie fängt man ein religiöses Thema besser an, als über die allererste Ursache des Glaubens zu sprechen? Natürlich geht es nicht ohne Gott. Und so will auch ich meine Erörterungen an einem Bilde über Gott festmachen, dass sich auf die Schriften stützt, um daran gehend die Idee der Theodizee zu ergründen.

Ich stelle meinen beiden gelehrten Zuhörern also vier Fragen zum Eingang: "Interessiert sich Gott wirklich für jeden Einzelnen von uns? Wie soll man sich Gott vorstellen? Hat er einen Namen? Kann man Gott näher kommen?"
Nun warte ich kurz ab. Ignatius erklärt, Gott sei zu groß, um sich mit jedem einzelnen zu befassen. Zu unbedeutend ist der einzelne Mensch. Ich erwiderte: "Warum betet ihr dann?" Ignatius stockte. Doch der Feiste wusste sich zu melden. Gott sei groß. Ihm allein gehört Anbetung. Doch nahbar ist er nicht. Ich erwiderte ebenso: "Wofür gibt es dann Geheiigte und Reliquien?" Nun auch stutzte er.
Ich erkläre abermals höflich, dass meine Fragen nicht des Ärgernisses gestellt werden. So komme ich auf die Finte vor der Frage nach Gottes Natur erst einmal die Natur der Frage zu klären: "Ich möchte nicht euren Grimm auf mich laden. So gestattet mir folgende Ausführung. Kinder stellen sehr gern Fragen. Das fängt schon oft dann an, wenn sie sich des Sprechens bemächtigen. Sie schauen mit neugierigen Augen in die Welt und möchten wissen, warum der Himmel blau ist, aus was die Sterne gemacht sind, warum die Vögel so schön singen können. Und selbst wenn wir uns große Mühe geben, ihnen die Antworten zu gereichen, die uns so schwer fallen, so haben wir ihren Durst nach immer Neuem nicht gestillt. Oft folgt darauf die nächste Frage. Und man muss sich eingestehen, dass man nicht immer befriedigende Antworten findet. Ein harrsches 'Sei still!' ist da leider keine gute Alternative. Und genau deshalb habe ich euch diese Fragen gestellt. Ich möchte nicht, dass wir hier vielleicht stundenlang über ein Thema streiten oder philosophieren, über das Konsens herrscht und demnach des Streitens nicht rühmt."
Ich holte den Weg zurück einen erneuten Bogen über die Fragen: "Wenn wir aber älter werden, hören die Fragen nicht auf. Sie verschieben sich nur. Man will alles richtig machen, also sucht man Anleitung. Diese findet man aber nur durch fragen. Doch viele Leute stellen sich die wichtigsten Fragen irgendwann nicht mehr. Oder zumindest suchen sie nicht wirklich nach Antworten."

Ignatius war gespannt: "Was sollen das für wichtige Fragen sein?" Ich rügte ihne scharf, dass ich diese Fragen bereits stellte. Es zeigte mir aber auch deutlich, dass der dünnere Mönch offenbar auch der ungelehrigere war. Augenscheinlich aber auch der interessierte.
Also frug ich erneut: "Wollte Gott das Leid? Was hilft mir persönlich, mich in dieser Welt aus Leid zu orientieren? Wird es dereinst einmal eine Zeit geben, in jener es allerorten Frieden gibt? Was ist denn nun der Sinn des Lebens?"
Ich schilderte die resignierte Haltung der meisten Menschen. Und dabei war es egal, wo ich auftrat, welche Ware und welche Botschaft ich von wo nach wo brachte. Die meisten Menschen, die ich kannte und kenne, haben es aufgegeben, nach antworten zu suchen. Andere verorten diese Antworten zwar in der Bibel, finden aber, dass dieses Buch zu schwierig ist. Die meisten können nicht lesen. Und sie legen keinen gesteigerten Wert darauf, es zu erlernen. Anderen ist es unangenehm oder peinlich, Fragen zu stellen. Nochmals andere sind der Meinung, es ist nicht ihre Aufgabe, sich mit solchen Fragen auseinander zu setzen. Dies sei den Geistlichen und Religionslehrern vorbehalten. Ich frage die beiden Mönche, wie sie diese Sache sehen.
Der Feiste strich sich das bärtige Kinn: "Hm ... Selbstverständlich sollte meine Antwort schnell wie der Pfeil meinen Mund verlassen. Doch ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich eine Instanz geben sollte, die diese Fragen für einen jeden beantworten kann. Ich denke, solche Antworten obliegen nur Gott. Aber es ist fürwahr ein dickes und schweres Buch, dass er hat schreiben lassen." Er schien doch nicht so mürrisch, wie er sich anfangs gab. Aber dadurch, dass sie nun beide sich der Diskussion widmeten, war erkenntlich, dass sie auch beide nach Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens suchten.

Ich belobigte meine Interessierten, dass sie mir so offen und ehrlich sagten, was sie dachten und nicht einfach, das ihnen eingeprägte Dogma widerspiegelten. Der freie Geist ist eine Gabe, die ich sehr schätze. Ich bin auch der Ansicht, das jener der um diese Gabe weiß, sie auch nutzen sollte. "Ich begrüße jeden, der nicht aufgibt, solche Fragen zu stellen, bis er zufriedenstellende Antworten findet. Denn Jesus sagte einst schon: 'Bittet fortwährend, und es wird euch gegeben werden; sucht unablässig, und ihr werdet finden; klopft immer wieder an, und es wird euch geöffnet werden'. Ich glaube das war im Evangelium des Matthäus'.", hob ich an.

"Bevor ich jedoch mit den Herren über all dies sprechen mag, will ich sicher gehen, dass diese auch je eine Bibel mit sich führen." Beide nickten und holten unter ihren Kutten einfache, gebundene Bücher hervor. Ich war zufrieden. "Wir werden diese Bücher oft gebrauchen, um auch zu prüfen, ob wir uns recht unterhalten.", ermahnte ich sie.
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Re: Sacra Tibia: Hexagon - Die Mönche

Beitragvon almafan » Di 3. Sep 2019, 13:33

Ein speckiges Buch

Die Mönche unterhielten sich eingangs über die Theodizee. Also über die Frage, warum Gott Leid zulasse. Wie könnte man besser argumentieren, als mit jener Schrift, die sie als höchstes heiliges Gut sehen? Ich wollte die Sicht ihrer eigenen Schrift näher bringen, nicht meiner eigenen. Selbstverständlich versuchte ich, wie für gewöhnlich, auch meinen eigenen Verstand zu schärfen. Eine hoffentlich tiefgreifende Debatte regt das eigene Denken an und erweitert den Horizont aller Beteiligten, nicht nur den der Lernenden.

"Meine Herren", hob ich an: "ich will lediglich darlegen, was die Bibel selbst über dieses Thema sagt." Beide rümpften die Nase, als hätte ich stinkenden Fisch auf einen in der Sonne liegenden Stein gelegt, damit sein Gestank noch viel weiter reicht. Ich merkte verwundert an: "Ist das denn nicht das Buch, auf das schlußendlich eure Autorität liegt? Ist das denn nicht das Buch, dass den Grundpfeiler des Christseins begründet?" Der Dicke lenkte kurz ein: "Doch schon. Aber wir sind Mönche und ihr ein Wanderer. Was willst du uns über Gott belehren?"

"Nun," erwiderte ich: "Es wäre schon gut zu wissen, ob die beiden Mönche vor mir des Lesens mächtig sind." Der Feiste nannte mir nun seinen Namen, Thorben. Und mit einem lauten Lacher holte er aus der Kutte ein schmantiges Buch, gefasst in schwarzbraunem Leder und verranzt, als sei es schon seit Generationen in Benutzung: "Hier siehst du, ob ich lesen kann."
Er überreichte mir seinen gehorteten Schatz, als sei auch nur der Einband noch irgendeinen Groschen wert sei. Manches Blatt war befleckt. Teilweise war der Text von den Seiten gerieben und daher kaum mehr verständlich. Andere Seiten waren überschrieben und so für mich kaum lesbar. Auch fehlten ab und an ganze Seiten. Beim Durchblättern fiel auf, dass es sich lediglich um das Neue Testament mit den Plasmen und Sprüchen handelte. Es fehlten die Bücher Mose, die das Gesetz und die Ursprünge der Juden enthielt. Auch waren die Geschichten der Richter und Könige nicht vorhanden oder die Propheten Jesaja und Jeremia. Die rührenden Erzählungen über Ruth und Esther fehlen ebenso, wie die sogenannten kleinen Propheten. Und genau, wie diese alle sind die Schriften des Samuel, des Hesekiel, des Esra und des Daniel nicht vorhanden. Aus allen diesen kann man viel über Gottes Wesen herleiten.
Ich stützte kurz, fasste mich aber wieder. Sicherlich ein interessanter Anblick, wie ein Fremder kritisch in ein klassisches Gebetsbuch eines Mönches schaut. Vielleicht verrät es auch viel über mich, wenn mir erst einmal die Bücher einfallen, die nicht darin enthalten sind, anstatt jener, die es sind.
Ein klassisches Gebetsbuch eben. Es war im Grunde nicht anders zu erwarten. Weder zum Predigen, noch für das eigene Studium - nicht viel mehr als das Rezitieren von biblischen Passagen - bräuchten sie das ganze Wort Gottes. Sondern sie beschränkten sich allein auf Jesus und die Apostel, allen voran Petrus und Paulus.

Dadurch konnten die beiden keine vollständige Sicht auf alle Aspekte Gottes gewinnen. Er konnte nicht anders, als mysteriös und unnahbar sein. Ein ferner Schatten, eine Wirkungsweise, ein Prinzip. Kalte Begriffe für den Gott der Liebe. In jedem Falle schien Gott Ihnen irgendwie abstrakt.
Ignatius stieg in die Diskussion ein: "Wenn sich Gott für uns interessieren würde, dann müsste die Welt doch ganz anders aussehen."

Da waren wir also wieder: Bei der Theodizee.
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