Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit




Geschichten, die sich auch über mehrere Kapitel erstrecken können

Re: Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit

Beitragvon almafan » Fr 31. Jan 2020, 23:41

Der stille Diener Gottes

niedergeschrieben von Hexagon

im 26. Jahr der Herrschaft Boleslav II., der Fromme, Sohn des verblichenen Boleslav I., aus dem Haus der Premysliden, dem König von Brahmen, einer der sieben Reichsfürsten der teutischen Lande, der im steten Streit um die Krone Brahmens mit dem Haus der Slavnikiden steht
im 15. Jahr der Herrschaft Otto III., Sohn des verblichenen Otto II., aus dem Haus der Liudolfinger, Sohn eines teutischen Königs und einer rhomäischen Prinzessin, somit Vereiner des alten Reiches, der im Süden zum König wurde und im Norden die Krone erhielt, der König der teutischen Lande und König der Tiber, Hegemon der Lombardei, Fronherr der Krone, Schirmherr und Herrführer der christlichen Lande
im Jahre 1309 nach der Thronbesteigung des Königs Seleukos I., eines Diadochen Alexanders des Großen
im Jahre 998 nach der Geburt des Propheten Jesus
im Jahre 714 nach der Thronbesteigung des Kaisers Diokletian auf den rhomäischen Thron
im Jahre 388 nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina

Die Niederschrift im Jahr meiner Wanderschaft durch die Bahm'schen und Wend'schen Lande.
So begeben hat es sich, wie ich selbst gesehen habe und durch Gehörtes ergänzte.

Dunkel ist's. Mit schnellen Schritten eilt Matthias durch den Kreuzgang mit den roten Backsteinsäulen auf die Kirche zu. Er hofft, dass der Abt ihn nicht beim Zuspätkommen erwischt. Eine strenge Strafe wäre die Folge. Essensentzug oder harte Arbeit oder beides.
Die Vigilie, das erste Gebet mitten in der Nacht, bleibt für Matthias eine der schwersten Prüfungen des Tages. Auch nach drei Jahren im Filialkloster in Ostrada. Eine Stunde nach Mitternacht finden sich alle Brüder dafür in der Klosterkirche ein.

Der Mönch betritt die Kirche, zieht sich ein Messgewand über die braune Tunika und betritt so leise wie möglich den düsteren Altarraum, der nur von einer einzigen Lampe spärlich erhellt wird. Dort stellt er sich zu seinen Brüdern vom Orden der Benediktiner. Niemand bemerkt, dass er der Letzte ist. Alle bereiten sich auf den Gottesdienst vor. Dann beginnen die Mönche, Psalme aus dem Alten Testament zu singen.
"Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde." Alle kennen die Texte auswendig. Weiter hinten in der Kirche sitzen die Laienbrüder. Sie beten nicht mit den Mönchen zusammen. Die Laien sind Gottesmänner zweiter Klasse.

Matthias schaut auf den Altar vor sich. Ein Leinentuch liegt darauf. Es hängt an allen Seiten über. Ein einfaches Kreuz aus bemaltem Holz steht auf dem profan wirkenden, sakralen, Steinblock. Kein glänzendes Metall, keine bunten Malereien, kein baulicher Prunk soll die Aufmerksamkeit der Mönche von Gott ablenken. Matthias, nicht einmal vier mal fünf Winter alt, singt und betet voller Inbrunst mit.
Um Gottes Wort zu verkünden, ist er Mönch geworden. Seit drei Jahren gehört er zur Mönchsgemeinschaft der Benediktiner in Ostrada. Er stammt aus einem alten Rittergeschlecht aus dem Süden Brahmens. Aber was heißt schon alt. Als vierter Sohn einer kinderreichen Familie aus dem niederen Adel blieb ihm keine große Wahl. Matthias konnte sich zwischen der Laufbahn als Ritter ohne Land entscheiden. Im Grunde aber ist dies nicht besser als ein vornehmerer Söldner. Oder ein Leben als Kleriker. So sind die Regeln für die Nachkommen einer adligen Familie.
Das Leben im Kloster geschützt hinter hohen Mauern, in einer gelehrten Gemeinschaft, lockte mehr als der Dienst am Schwert.

Kloster entstammt dem lateinischen Wort claustrum und bedeutet Abgeschiedenheit. Matthias entschließt sich im Jahr der Krönung und Salbung König Heinrich II. die braune Kutte der Benediktiner überzuziehen. Er hätte auch in den Orient gehen können. Der Orden der Basilianer der auch in Byzanz seinen Sitz hat, wird reichlich gefördert und ist materiell gut aufgestellt. Auch die Benediktiner sind als Ganzes nicht für Ihre Armut bekannt. Doch der kleine Konvent südlich der Hauptstadt des brahm'schen Reiches schien ihm am Gottgefälligsten zu leben. Weil sie ihren Alltag besonders gläubig gestalten, mit vielen Gebeten und noch mehr Arbeit.

Matthias steht stellverstretend für all die anderen. Sein Leben hätte so wie hier beschrieben, auch in jedem anderen Kloster so aussehen können. Und vor allem hätte es auch jeder andere Mönch sein können.
Durch den Dienst an Gott hofft er, einst in den Himmel zu gelangen und den Feuern der Hölle zu entkommen. Wie viele seiner Zeitgenossen fürchtet er, am Tag des jüngsten Gerichts für seine Sünden büßen zu müssen. Matthias und seine Glaubensbrüder glauben, dass dann Erzengel Michael mit einer Waage in der Hand die guten und bösen Taten gegeneinander aufmessen werde. Auf die Auserwählten wartet dann die ewige Glückseligkeit im himmlischen, entrückten Paradies. Die Verdammten aber werden in den Rachen eines Ungeheuers oder direkt in das Höllenfeuer getrieben.
Das Kloster Ostrada jedenfalls schien Matthias der rechte Ort zu sein, einen gottgefälligen Weg zu finden und ins Paradies einzukehren.

Das Kloster südlich der Reichshauptstadt Sitavia an der Mandau hatten Basilianermönche als ursprünglichen Bibliotheksort erwählt, fern ab der Streitereien auf dem Festland um den teutischen Thron. Es wird wohl schon vor dem Dynastiewechsel zu den Ottonen gewesen sein. Zur Zeit des Kaisers Otto II. der seine Macht auf den Inseln festigte und Lokatoren schickte, wechselte das Kloster mehrmals den Orden, bis es zum Antritt des Kaisers Otto III. dann durch die Benediktiner neu geweiht und stetig erweitert wurde.
Zwölf Mönche kamen damals vom Festland, aus dem Kloster Annenberg und machten Ostrada zu einer Filiale des Ordens. Zu Matthias' Zeiten sind es bereits mehr als doppelt so viele. Dazu noch dreimal mehr Laienbrüder als es Mönche im Konvent gibt. So sammeln sich hier mittlerweile gut einhundert Mann.

Mit drei mal fünf Wintern tritt Matthias dem Kloster bei. Er muss seine Kleidung abgeben. Mönche scheren ihm die Haare auf dem Schädel ab. Nur ein kleiner Kranz, die Tonsur, bleibt stehen. Dann erhält der junge Mann die Tunika aus grober, brauner Schafswolle. Ein Jahr lang hat sich Matthias als Novize zu bewähren. Ein altes Wort für "der Lernende". Und das tut er. Er lernt Psalter, die Gebete des Kanons auf Latein, auswendig und die klerikalen Gesänge. Zudem liest er viele religiöse Bücher. Die Klosterschule muss er nicht mehr besuchen. Er hatte das Glück, als Page auf einen Hof als Sohn eines Adligen zu kommen, eines Adligen, der Lesen und Schreiben kann. Matthias war sicher froh darüber, denn die Lehrer der Klosterschulen gelten als besonders streng. Die Schüler dürfen sich nie unterhalten. Es herrscht strikte Disziplin. Wer unkonzentriert ist, wird mit der Birkenrute geschlagen.
Auch der Alltag der Novizen in Ostrada ist hart. Matthias und die anderen Novizen müssen in den Werkstätten und auf den Feldern des Klosters hart arbeiten. Ihnen fällt es schwer, sich an das karge Leben im Konvent zu gewöhnen.

Nach einem Jahr wird er als gleichberechtigter Bruder in die Gemeinschaft aufgenommen. Als Sohn aus dem niederen Adel hat Matthias Glück gehabt. Seine Eltern konnten eine Opfergabe an das Kloster zahlen und so seine Aufnahme bewirken. Die Konvente schotten sich immer stärker gegenüber dem dritten Stand ab.
Noch ist es möglich, doch immer schwerer wird es, als armer Bauer oder Leibeigener aufgenommen zu werden. Zumeist geschiet das dann als Laienbruder. Sie müssen stets die härtesten Arbeiten verrichten und haben dennoch weitaus weniger Rechte als die Mönche. Sie dürfen keine Bücher lesen, sie leben in eigenen Räumen außerhalb des Klosterzentrums und dürfen einige Gebäude der Mönche nicht betreten.
Immer wieder kommt es zu Konflikten zwischen Brüdern und Laien. Die sozialen Spannungen dieser Zeit werden hinter den Klostermauern fortgesetzt. 991 ermordet in einem anderen Kloster ein Laienbruder gar den Abt. Matthias, der damals noch ein kleines Kind war, hat mit Grauen von dem Mord gehört.
Schnell merkt er, dass die Welt des Klosters weitaus weniger friedlich ist, als von ihm erhofft. Auch unter den Mönchen gibt es Konflikte. Brüder wie Matthias, die in der Schreibstube arbeiten und nicht so schwer schuften müssen wie die Mönche, die auf dem Feld oder als Holzfäller arbeiten, werden oft beneidet. Auch um die zahlreichen Ämter gibt es Streit. Nicht jeder Benediktiner kann Prior oder gar Abt werden. Das Schweigegebot, das für die meisten Stunden des Tages gilt, verhindert nicht, dass im Kloster Intrigen gesponnen werden.

Nicht nur wegen der Zwietracht unter den Brüdern fragt sich Matthias manchmal, ob er die richtige Wahl getroffen hat, als er sich für das Kreuz und gegen das Schwert entschied.
Der wenige Schlaf macht ihm zu schaffen. Oft ruhen Matthias und die anderen vierundzwanzig im Schlafsaal keine fünf Stunden. Der Schlafentzug gehört zum vorgeschriebenen kargen, arbeitsreichen Leben. Wenn mitten in der Nacht der Ruf zum Gebet schallt, sein Bettnachbar ihn so lange schüttelt, bis sich Matthias von der Pritsche quält. Wenn er auf den kalten Boden des Schlafsaals tritt und schnell die Tunika über die Unterkleider zieht. Ja, dann zweifelt Matthias manchmal. Will er sein Leben lang so viele Entbehrungen ertragen?
Auf der anderen Seite ist er stolz darauf, ein Leben in der Tradition des Christus zu führen und nicht so verweichlicht zu sein wie andere Mönche, die mehr an ihr Leibeswohl als an die Gebete denken.

Die Gebete strukturieren den Tag im Kloster. Sie folgen in Abständen von zwei oder drei Stunden aufeinander. Acht gemeinsame Gebete in der Kirche gibt es am Tag. Von ein Uhr morgens bis neunzehn Uhr abends. Stundenglas und Sonnenuhr erlauben den Mönchen, die Zeit zu messen und die Gebetszeiten strikt einzuhalten.
Das Klosterleben fordert ebenso strikte Disziplin. Mönche sollen beten und arbeiten. "Ora et labora."
Nach den Vigilien gehen die Mönche wieder ins Bett. Um vier Uhr dreißig steht mit dem Morgenlob das nächste Gebet An. Matthias und andere Brüder verbringen heute die Zeit zwischen den beiden frühen Gebeten in stiller Meditation. Der junge Mönch spaziert dabei durch den Kreuzgang, einem der wichtigsten Orte im Kloster. Viel Zeit bleibt nicht für die innere Einkehr, denn bald kommen die Brüder wieder in der Kirche zusammen und begleiten den Sonnenaufgang mit Gebeten und Gesang.

Danach gehen die Mönche schnell auseinander. Es gibt immer viel zu tun. Matthias verlässt die Kirche, die wie die Hauptgebäude des Klosters zum Bereich der Klausur gehört. Er ist den Ordensbrüdern vorbehalten. Laien haben dort keinen Zutritt.

Es ist früher Morgen, als der junge Mönch nun ebenfalls durch den Kreuzgang läuft Richtung Bibliothek und Skriptorium, die Schreibstube. Auf der anderen Seite vom Kreuzgang liegen, der Kapitalsaal, wo die Versammlungen stattfinden, und das Dormitorium, der Schlafsaal.
Daran schließt das Refektorium an, das Küche und Speisesaal beherbergt. Hierher würde Matthias gern öfter kommen. Doch meist gibt es nur eine Mahlzeit am Tag, nach der Non, dem Gebet am frühen Nachmittag. Nur an Feiertagen speisen die Mönche zweimal am Tag.
Beim Essen müssen die Ordensbrüder schweigen. Einer liest aus der heiligen Schrift vor, ansonsten ist es still. Die Männer lernen eine Zeichensprache, um dennoch während des Mahls miteinander kommunizieren zu können. Wer mit den beiden Daumen und Zeigefingern einen Kreis formt, bittet um das Brot.

Die Benediktiner von Ostrada leben nach besonders strengen Regeln. Ihre Geschichte beginnt mit dem Auszug des Bruders Citeaux aus dem Kloster Aggrippina. Er war vom wachsenden Wohlstand und der Dekadenz seines Ordens abgeschreckt.
In mancher Abtei führen die Mönche ein Leben in Luxus. Ente, Gans, Kalbszunge stehen auf dem Speiseplan. Das Schweigegebot wird missachtet, sogar das Armutsgebot. Viele Klöster häufen unglaublichen Reichtum an. Sie gelten als Wirtschaftsmacht, nicht als Bollwerk der Tugend gegen die Sünde. Nicht lange vor Abschluss des ersten Jahrtausend nach der Geburt des Heiland wächst bei vielen Mönchen der Unmut. Sie rufen zu Reformen auf und gründen neue Orden oder Klöster in neuer Abgeschiedenheit. Hier sollen die Mönche wieder asketisch leben. Die Reformer besinnen sich dabei nicht auf Neuerungen, sondern auf die Regeln des Heiligen Benedikts, der vor vierhundert Jahren diese aufstellte. Sie legen diese möglichst wortwörtlich aus.
"Diese Regeln haben wir verfasst, damit wir Mönche durch die Beachtung derselben in unseren Klöstern zeigen, dass wir tugendhafte Sitten wenigstens bis zu einem gewissen Grade und den Auftrag des Ordenslebens besitzen." schrieb Benedikt von Nursia. Eben jener Benedikt von Nursia, der später den Beinamen der Heilige erhält.
Auch die Brüder in Ostrada folgen streng diesen Regeln. Sie entsagen dem Reichtum, verzichten auf Fleisch, Weinkonsum und weitgehend auf das Reden miteinander.
Trotz, oder gerade wegen des kargen Lebensstils der Mönche, erhalten die Jünger des Citeaux' starken Zuwachs. Nur fünfzig Jahre nach dem Auszug Citeaux' aus dem Kloster gibt es mehr als zwanzig Klöster mit einer Vielzahl an Mönchen und Laien. Alle dem Ideal Citeaux verschrieben, der ihnen vorlebte, was Benedikt niederschrieb.

Matthias muss wie alle Mönche in Keuschheit leben und in persönlicher Armut. Von ihm wird Gehorsam gegenüber dem Abt und den Ordensoberen verlangt. Mildtätigkeit und Schweigen sind vorgeschrieben. Der Abt steht an der Spitze des Klosters. Er wird von den Mönchen gewählt und behält sein Amt auf Lebenszeit. Was der Abt sagt, ist Gesetz. Er entscheidet, ob Mönche Besuche von Verwandten bekommen dürfen, ob hart arbeitende Brüder eine zweite Mahlzeit am Tag erhalten. Er ist der Stellvertreter Christi innerhalb der Klostermauern, soll aber auch Lehrmeister und liebevoller Vater sein. Doch Matzhias' Abt ist vor allem eines: streng.
Beim Schuldkapitel, einer Versammlung aller Brüder, ruft der Abt seine Mönche immer wiedrr auf, Regelverstöße zu melden. Wer nicht von sich aus vortritt und Fehler gesteht, muss befürchten, dass einer der Mitbrüder ihn denunziert. Der Abt legt dann die Buße fest. Sünder dürfen nicht an den Mahlzeiten teilnehmen oder müssen besonders harte, unliebsame Arbeiten übernehmen. Der Abt wird von einem Rat aus Mönchen beim Leiten des Klosters unterstützt.

Bei wichtigen, weitreichenden Entscheidungen sollen alle Brüder gehört werden. Je größer ein Kloster ist, desto mehr Posten gibt es.
Prioren kümmern sich um die gesamte Verwaltung des Klosters. Der Cellerar ist für das Beschaffen, Aufbewahren und Zubereiten der Vorräte und Speisen zuständig. Er beaufsichtigt Bedienstete und organisiert die Lebensmittelversorgung. Ein wichtiges Amt hat zudem der Kämmerer inne, der sich um die klösterliche Kleiderkammer und Einkäufe außerhalb des Konvents kümmert. Der Kantor wacht über den Chorgesang, der Sakristan kümmert sich um Gefäße und Gewänder, die im Gottesdienst gebraucht werden. Dem Armarius untersteht die Bibliothek, dem Refectarius der Speisesaal, dem Hortulans die Gärten. Pförtner und Krankenmeister werden ebenso benötigt, wie der Novizenmeister, der die Neuen betreut, die in das Kloster eintreten wollen. Der Cellerar oder Schaffner übernimmt zudem die Verwaltung der zahlreichen Wirtschaftsaktivitäten.
Viele Klöster haben nicht nur große Ländereien, die sie an Bauern verpachten. Ihnen gehören Wälder, Weinberge, Seen sowie Flüsse, Bäckereien, Schmieden und zahlreiche andere Werkstätten.

Matthias fällt es nicht immer leicht, all die Klosterregeln einzuhalten. Immer wieder erinnern ihn die älteren Brüder an sein Gelübde und zitieren aus den Regeln: "Der erdte Grad der Demut ist der unverzügliche Gehorsam."
Mancher Mönch geht barfuß, sogar wenn Schnee liegt. Und einige tragen Hemden aus kratzendem Tierfell, um zu zeigen, dass sie jeglichem leichtem Leben entsagen.

In der Bibliothek im Kloster Ostrada kann Matthias über die Geschichte des Ordens nachlesen. Auch der Kanon mit den Regeln des heiligen Benedikts steht dortim Regal. Dort sammelt das Kloster aber auch Wissen der Antike. Einige Klöster wie St. Gallen, Reichenau und Fulda sind wegen ihrer großen Bibliotheken Leuchttürme des Wissens und Kultur. Auch ist Ostrada in der Region bekannt für sein Skriptorium.
Nach den ersten beiden Gebeten beginnt Matthias in der Schreibstube nun die Arbeit. Am Gürtel hat er ein Messer, eine Nadel und ein Schreibtäfelchen mit Griffel hängen. Doch heute wird er vor allem eine Gänsefeder brauchen. Matthias kopiert seit Wochen eine besonders schöne Bibel. Seine Handschrift gilt als klar und sauber. Er gibt sich in der Schreibstube besonders Mühe, denn er hofft, mit Erlaubnis des Abtes an einer Universität studieren zu können. Das Kloster schickt ab und an Mönche nach Bologna oder Aggrippina zum Lernen. Auch Matthias würde sich in der Ferne gern weiterbilden.

Er und die anderen Schreiber im Skriptorium vervielfältigen nicht nur fromme Texte, sondern auch weltliche Schreiben wie Urkunden und Gesetze. Die Klöster sind Orte der Gelehrsamkeit. In einer Zeit, in der die meisten Menschen nicht lesen und schreiben können.
Matthias träumt davon, später Illuminator zu werden. Diese Künstler verzieren kostbare Bücher mit Blattgold, zeichnen prächtige Initialen. Jeder dieser Anfangsbuchstaben ist ein kleines Kunstwerk. Das scheint dem Mönch wirklich Arbeit zum Ruhme Gottes zu sein. Aber auch die Tätigkeit als Schreiber gefällt ihm. Seine Arbeit wird von Andachten unterbrochen. Auch heute wird er wieder vier Stunden beten und acht Stunden arbeiten.

Nach dem Mittagsgebet um zwölf Uhr und einer kleinen Pause setzt er sich erneut an den Schreibpult. Sein Magen knurrt laut. Noch hat er nichts gegessen, nur etwas getrunken.
Er greift zum Krug mit Wasser auf seinem Tisch. Die Bibel, dieer abschreiben soll, liegt auf einem abfallenden Pult. Das Pergament, auf das er den Text überträgt, liegt vor ihm. Mit einem kleinen Messer spitzt er die Schreibfeder an. Er taucht sie in ein mit Tinte gefülltes Horn und beginnt nun, konzentriert zu schreiben.
Im einem rechten Winkel führt er den Gänsekiel auf das feine Pergament, das aus Kalbshaut gewonnen wurde. Psalme und Gebete abzuschreiben gilt als Dienst an Gott. Der heilige Bernhard von Clairvaux sagte, dass jedes Wort, das ein Mönch schreibt, ein Schlag gegen den Satan sei. Das Vervielfältigen von Büchern gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Klöster.

Um fünfzehn Uhr gehen Matthias und seine Brüder zur Non. Es ist Matthias' liebstes Gebet. Denn danach gibt es immer etwas zu essen im Speisesaal. Brei oder gekochtes Gemüse, Hülsenfrüchte und Salat werden gereicht. Dazu gibt es frisches Obst. Matthias sehnt sich manchmal nach einem saftigen Ochsenbraten. Doch Fleisch steht den Klöstern des Citeaux nie auf dem Speiseplan. Um neunzehn Uhr, nach dem letzten Gebet des Tages, steigt Matthias die Treppe zum Schlafsaal hinauf. Er legt sich auf die Pritsche, schließt die Augen und schläft erschöpft ein.

Ende
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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Re: Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit

Beitragvon almafan » Sa 15. Feb 2020, 22:07

Die Ernte

niedergeschrieben von Hexagon

im 26. Jahr der Herrschaft Boleslav II., der Fromme, Sohn des verblichenen Boleslav I., aus dem Haus der Premysliden, dem König von Brahmen, einer der sieben Reichsfürsten der teutischen Lande, der im steten Streit um die Krone Brahmens mit dem Haus der Slavnikiden steht
im 15. Jahr der Herrschaft Otto III., Sohn des verblichenen Otto II., aus dem Haus der Liudolfinger, Sohn eines teutischen Königs und einer rhomäischen Prinzessin, somit Vereiner des alten Reiches, der im Süden zum König wurde und im Norden die Krone erhielt, der König der teutischen Lande und König der Tiber, Hegemon der Lombardei, Fronherr der Krone, Schirmherr und Herrführer der christlichen Lande
im Jahre 1309 nach der Thronbesteigung des Königs Seleukos I., eines Diadochen Alexanders des Großen
im Jahre 998 nach der Geburt des Propheten Jesus
im Jahre 714 nach der Thronbesteigung des Kaisers Diokletian auf den rhomäischen Thron
im Jahre 388 nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina

Die Niederschrift im Jahr meiner Wanderschaft durch die Bahm'schen und Wend'schen Lande.
So begeben hat es sich, wie ich selbst gesehen habe und durch Gehörtes ergänzte.


Als der Bauer aufwacht, ist es noch dunkel in seiner Hütte. Normalerweise wird er von den ersten Sonnenstrahlen geweckt, die durch das Strohdach dringen. Doch heute ist Arnolf früher wach geworden als sonst. Er ist angespannt. Unruhig hat er sich auf seinem Strohbett hin und her gewälzt. Heute muss alles gut gehen auf dem Feld.

Arnolf und seine drei Kinder müssen den Weizen schneiden und trocken in den Speicher bringen. Wenn sie nicht schnell genug mit der Ernte sind, wenn Regen oder Sturm aufkommen, steht seine Familie vor dem Ruin. Sie könnte die Abgaben nicht an den Grundherrn und Kloster Ostrada zahlen, sie hätten zu wenig zum Essen. Und auch dem Vieh fehlte es dann an Futter.
Arnolf faltet die Hände, spricht ein stummes Gebet, um seine Familie nicht zu wecken. Dann steht er auf. Einen der arbeitsreichsten Tage des Jahres kann man nicht früh genug beginnen, denkt er, als er seine Kleidung zusammensucht.

Arnolf ist ein exemplarisches Beispiel für so viele andere Landmänner seiner Tage und der Tage seiner Väter. Nicht viel hat sich verändert in den letzten vierhundert Jahren. Die einen kommen, die anderen gehen. Über den Alltag der Bauern werden künftige Generationen weniger wissen, als über den Adel und der Kleriker. Die Landbevölkerung konnte meist nie schreiben. Und die meisten Zeugnisse hinterlässt der, der sich niederschreibt. Bauern werden dadurch immer weniger Spuren hinterlassen, als Ritter, Mönche und selbst Pfarrer. Aber Arnolf und seine Landgenossen sind die Säule der Gesellschaft.

Arnolf schaut auf seine Frau Hiltrud und die drei Kinder. Auch sie schlafen auf dem Lehmboden. Aufgeschüttetes Stroh dient als Unterlage.
Sein Blick gleitet durch die Hütte. Darin stehen ein Tisch, fünf Schemel und zwei große Holztruhen. Mehr Möbel besitzt die Familie nicht. In der offenen Feuerstelle liegt weiße Asche und ein dicker, angeschwärzter Buchenscheit. Es riecht nach Ruß. Die Luft in der kleinen Lehmhütte ist verraucht. Der Herd aus Lehmziegeln, der in der Mitte des Raums steht, hat keinen Schornstein. Und Fenster gibt es nicht. Nur durch eine kleine Luke im Strohdach können die Rauchschwaden entweichen. Die Wände sind vom Ruß schwarz gefärbt.

Als Arnolf die Tür öffnet, strömt endlich frische Luft herein. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Wiesen vor dem Haus in ein mattes Gelb. Doch am Himmel stehen schon einige dunkle Wolken. Arnolf sieht das mit Sorge. Er muss sich beeilen. Schnell zieht er sich an.
Er trägt als Unterwäsche ein Leinenhemd, streift eine Jacke darüber, die seitlich zwei Schlitze hat, damit er sich beim Arbeiten gut bewegen kann. Dann stülpt er sich wollene Kniestrümpfe über. Die ganze Kleidung ist dunkelgrau. Buntes dürfen einfache Bauern nicht tragen. Denn die Farben der Hosen und Jacken spiegeln seinen Rang in der Hierarchie wieder. Je prächtiger und farbenfroher die Kleidung ist, desto bedeutender ist die gesellschaftliche Stellung des Trägers. Grundherren, denen das Land der Bauern gehört, besitzen bunte Jacken und Hosen. Sie tragen auch Schuhe aus feinem Rindsleder. Arnolf hat bei der Arbeit schwere, aus Lindenholz geschnitzte Holzpantinolen an den Füßen.

Nun weckt der Bauer seine Familie. Er ruft dem Alter nach die Namen seiner Kinder: Hans, Gertrud, Klaus. Dann sucht er seine Werkzeuge zusammen. Die Sichel, die Hanfstricke, den groben Sack. Jetzt kann es losgehen auf das Feld.
Arnolf ist kein wohlhabender Bauer. Davon gibt es ohnehin nur sehr wenige. Aber immerhin besitzt er etwas Vieh, Schafe, Schweine und vor allem einen Ochsen. Wer viele Nutztiere hat, ist angesehen im Dorf. Bauern, die keinen Ochsen haben, müssen sich ein Zugtier bei den Nachbarn leihen und dafür mit Eiern und Milch zahlen. Meist funktioniert die bäuerliche Gemeinschaft gut. Man hält zusammen. Schließlich verbringen die Bauern in der Regel ihr ganzes Leben an einem Ort. Stets in der Nähe derselben Nachbarn. Selten kommt es vor, dass ein Bewohner das Dorf verlässt, zu einer Pilgerfahrt aufbricht oder gar in die wachsenden Städte zieht.

Arnolfs Dorf besteht aus sieben Höfen. Eine Kirche gibt es nicht. Die steht im größeren Nachbardorf, nahe des Klosters Ostrada. Das Dorf kann ein Fußgänger in einer Stunde erreichen.
In der Mitte des Ortes steht eine alte Linde. Dort werden gemeinsame Feste unter freiem Himmel gefeiert. Feste sind wichtige soziale Ereignisse. Manch junger Bauer hofft, beim Tanz eine Frau zu finden.
Meist bestimmen allerdings die Eltern, wer geheiratet wird. Liebe spielt bei der Wahl keine Rolle. Die Vorstellung einer romantischen Ehe wird lediglich in der Minne besungen. Es geht um die wirtschaftliche Absicherung der Familie. Vor allem Kinder sind für die Altersvorsorge wichtig. Leibeigene, die unfeeien Landwirte, dürfen gar nur mit Zustimmung des Grundherrn eine Ehe schließen. Ihr Leben gleicht manchmal dem von Sklaven.

Vor der Linde im Dorfzentrum wird zudem Gericht gehalten. Doch dazu kommt es selten. Die Menschen im Dorf leben meist friedlich zusammen. Ihr Grundherr muss sie daher eher vor den Überfällen von Räubern und Plünderungen feindlicher Soldaten schützen. Dafür müssen die Bauern ihm ein Zehntel ihrer Ernte überlassen. Und sie müssen Fronarbeit verrichten. Sie schuften ohne Lohn auf dem Land des Adligen. Sie roden Wälder, legen Gräben und Straßen an oder pflügen dessen Äcker.
Protest gegen diese Pflichten gibt es kaum. Zwar gibt es hier und da passiven Widerstand, indem ein Bauer krankes Vieh als gesund bezeichnet oder unten im Sack verdorbenes Getreide reinschüttet, doch das sind Ausnahmen. Die Gedankenwelt eines Bauern ist eng. Sein Platz in der Gesellschaft gibt ihm die Religion vor. Der einfache Mann solle hinter seinem Pflug zufrieden sein, predigen die Geistlichen. Dort sei sein gottgewollter Platz.
Das ist auch nicht anders, wenn der Grundherr selbst ein Abt ist. Der Schutz der Bauern besteht dann darin, hinter die Klostermauern zu flüchten, wenn ein Angriff naht. Truppen zur Verteidigung hat das Kloster nicht. Und wenn sie nach welchen schicken wollen, ist der Angriff schon vorüber.
Es gibt im Grund nur zwei Arten für einen Bauern, Land zu bewirtschaften. Leibeigene und Pachtbauern bestellen die Äcker der reichen Gutherren und erhalten dafür ein kleines Stück Land zur Nutzung. Oder der Gutsherr vergibt Land als Lehen und verlangt dafür Abgaben. Hühner, Eier, Gemüse, Getreide, Schweine oder gar Geld. Säumigen Zahlern wird der Zins kurzerhand verdoppelt. Dazu kann es schnell kommen. Denn zusammen mit dem Zehnten ist die Belastung sehr hoch. Schon eine einzige Missernte wirkt sich verheerend aus. Außer kommt es eben immer wieder zu Überfällen durch bewaffnete Truppen, die Vieh und Vorräte rauben und Häuser brandschatzen. Und auch adelige Grundherren mit bewaffneten Schutztruppen sind längst nicht immer erfolgreich.

An der Spitze der Gesellschaft steht der Adel. Den zweiten Stand bilden die Kleriker. Zum dritten Stand gehören die Bauern, Händler und Handwerker. Doch so klar, wie gewollt, lässt sich weniges trennen.
Von zehn Männern leben neun auf dem Land. Die größte Sorge der Bauern besteht darin, den Anbau von Getreide zu sichern. Es ist das wichtigste Grundnahrungsmittel seit Jahrtausenden. Man braucht es, um Brot zu backen und einen Brei zu kochen. Das ist die Hauptspeise der Familien. Zu essen gibt es am Morgen noch nichts. Erst steht harte Arbeit an.

Das Feld ist nicht weit von Arnolfs Hütte entfernt. Da allerorten vorwiegend langsame Ochsen als Zugtiere eingesetzt werden, darf der Acker nicht weit weg sein. Die Bauern, die bereits ein Pferd ihr Eigen nennen können, wie es wohl nur wenige tun, können auch längere Strecken in Kauf nehmen.
Die Bevölkerung wächst langsam und doch ist einem Reisenden spürbar, dass sich die Landschaft verändert. Äcker werden mit Sträuchern und Steinen markiert. Je schlechter der Boden desto größer die Anbaufläche. Viel Arbeit für Arnolf und seine Kinder.

Das Getreide steht hoch, es wiegt sich leicht im Morgenwind. Hätte Arnolf ein Stundenglas, er wüsste, dass es die fünfte Stunde seit der Mitternacht ist. Doch solche Zeitmessgeräte besitzen nur Mönche und Gelehrte.
Der Bauer orientiert sich am Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. So lang dauert sein Tag. Arnolf berechnet sein Leben nach Jahreszeiten. Die hat er genau im Blick, denn davon hängt sein Überleben ab. Dreißig Sommer hat er schon erlebt. In seinem Stand wird im Durchschnitt nur fünfunddreißig Jahre alt. Der Hochadel und Bischöfe, mit eigenen Ärzten,alt besserer Nahrung und keiner harten körperlichen Arbeit, werden deutlich älter. Karl, der Große soll es auf fast achtzig Jahre gebracht haben.

Doch Arnolf hadert nicht mit seinem Schicksal. Harte Arbeit gehört zu seinem Leben. Er nimmt die Sichel in die rechte Hand, greift mit der Linken die Getreidehalme, zieht sie hoch, kappt dann die Ähren. Ratsch, Ratsch, Ratsch.
Erneut holt er aus und erneut und erneut. Auch sein ältester Sohn Hans mäht so das Getreide. Die anderen beiden Kinder bündeln die Ähren, legen und binden sie zusammen. All das dauert Stunden.
Der Bauer schaut immer wieder besorgt gen Himmel. Es ist bereits bewölkt. Wenn es stark regnet oder gar hagelt, könnte das die ganze Ernte ruinieren. Es muss schneller gehen. Doch Hilfe kann er nicht erwarten, denn die anderen Bauern teilen die gleiche Sorge und versuchen ihrerseits die Ernte einzufahren.

Um seinen Acker optimal zu nutzen, haben die Mönche des Klosters die Dreifelderwirtschaft in ihren Dörfern durchgesetzt. Auf einem Drittel baut er Sommergetreide an, auf einem anderen Wintergetreide und kältefestes Gemüse, wie Kohl und Kraut und das dritte Drittel liegt brach. Dort kann sich der Boden erholen, wird vom Vieh gedüngt und beweidet.
Die Felder wechseln. Die Sommerernte ist wegen ihrem Ertrag die wichtigste Ernte des Jahres. Die Winterernte im Frühjahr überdeckt Engpässe und erwirtschaftet knappen Gewinn.
Die Bauernarbeit wird von den Jahreszeiten bestimmt. Im Frühjahr wird das Sommerfeld gepflügt, im Sommer geerntet, im Herbst die Schweine zur Mast in die Wälder getrieben und im Winter ein großer Teil der Tiere geschlachtet.

In einem normalen Jahr wirft ein Acker rund fünftausendvierhundert Pfund Roggen und viertausend Pfund Hafer ab. Viel wird ihm von der Ernte nicht bleiben. Ein Drittel braucht er als Saatgut. Ein Sechstel als Viehfutter. Und auch das Kloster und etwaig bestellte Söldner fordern Angaben in Form von Naturalien ein. Nicht nur Getreide muss Arnolf als Zehnt an das nahe Kloster zahlen. Sein Grundherr fordert zudem Schlachvieh, Bier und Brot.

Nach stundenlanger Arbeit machen Arnolf und seine Kinder eine Pause. Sie kehren gegen Mittag in die Hütte zurück. Dort hat Hiltrud bereits Holznäpfe auf die Tischplatte aus rohem Holz gestellt. Die Familie setzt sich auf die Schemel, die um den Tisch stehen. Hiltrud füllt den Brei aus Dinkel, Roggen und Hafer ein. Er wurde in Milch gekocht, die die Bäuerin frisch gemolken hat. Der Brei wurde mit wildem Honig gesüßt. Das Getreide hat die Bäuerin in der Steinmühle gemahlen. Es ist bei weitem nicht so fein, wie es aus einer Rädermühle kommt und der Adel es liebt. Es reibt beim Kauen die Zähne ab. Zum Essen trinkt die Familie Molke. Jenes Restprodukt, das über bleibt, wenn man den Rahm für die Butter abschöpft.
Arnolf schaufelt den Brei hastig in sich hinein. Es liegen noch viele Stunden großer Plagerei vor ihm. Bis zum Sonnenuntergang soll die Ernte fertig sein.

Am Abend stehen dann im Speicher, einem kleinen Verschlag neben der Hütte, Dutzende Getreidegarben zum Trocknen aufgereiht. Erschöpft schaut Arnolf auf seine schwieligen Hände.
Müde trottet er über den Hof. Er füttert noch den Ochsen. Die Söhne kümmern sich um die Schweine. Hiltrud und die Tochter um das Federvieh. Nach einem gemeinsamen Abendgebet legt sich die Familie schlafen.
Die Ernte ist gesichert. Heute wird Arnolf gut schlafen.

Ende
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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Re: Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit

Beitragvon almafan » Di 3. Mär 2020, 22:23

Macht und Ehre

niedergeschrieben von Hexagon

im 26. Jahr der Herrschaft Boleslav II., der Fromme, Sohn des verblichenen Boleslav I., aus dem Haus der Premysliden, dem König von Brahmen, einer der sieben Reichsfürsten der teutischen Lande, der im steten Streit um die Krone Brahmens mit dem Haus der Slavnikiden steht
im 15. Jahr der Herrschaft Otto III., Sohn des verblichenen Otto II., aus dem Haus der Liudolfinger, Sohn eines teutischen Königs und einer rhomäischen Prinzessin, somit Vereiner des alten Reiches, der im Süden zum König wurde und im Norden die Krone erhielt, der König der teutischen Lande und König der Tiber, Hegemon der Lombardei, Fronherr der Krone, Schirmherr und Herrführer der christlichen Lande
im Jahre 1309 nach der Thronbesteigung des Königs Seleukos I., eines Diadochen Alexanders des Großen
im Jahre 998 nach der Geburt des Propheten Jesus
im Jahre 714 nach der Thronbesteigung des Kaisers Diokletian auf den rhomäischen Thron
im Jahre 388 nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina

Die Niederschrift im Jahr meiner Wanderschaft durch die Bahm'schen und Wend'schen Lande.
So begeben hat es sich, wie ich selbst gesehen habe und durch Gehörtes ergänzte.


Die Burg von Budissin erhebt sich majestätisch auf ihrem Geröllberg im Osten der Bucht. Errichtet auf einer älteren Burg des alten Adels, zeigen sich von hier die Lokatoren als Besitzer und Schutzherren dieser Bucht, des gesamten Küstenabschnitts und des eigenen Hafens. Bis heute ist die Burg nie erobert worden. Im Besitz ist sie nun von Balian Chobry dem Älteren. Die verzollte Handelsroute zu den Inseln von Brahmen ist seine größte Einnahmequelle.

Am Ende dieses Tages wird das Schicksal seiner Familie beeiegelt sein. Balian Chobry, Ritter dieser Burg und Herr ihrer zugehörigen Ländereien, steht statuenhaft in seinem Schlafzimmer, oben im Wohnturm.
Es ist Mittagszeit. In einer Stunde wird Balian zum Duell erwartet. Es ist Turniertag. Balian Chobry wird mit der Lanze gegen seinen Lieblingsrivalen antreten, Balduin IV. von Sudet. Und auch Balians Sohn wird sich an diesem Tag duellieren. Zum ersten Mal.

Heinrichs Knappe Hagad hievt das Kettenhemd von einem Ständer und wendet sich zu Balian. Der Ritter breitet die Arme aus. Das Eisen soll sein Leben schützen.
Ritter Balian schaut durch die schmale Fensteröffnung ins Freie. Von hier, dem obersten Geschoss des steinernen Wohnturm, der ansonsten hölzernen Burg, überblickt er den Hof. Unten wehen die Standarten seiner Gäste im Wind. Dahinter öffnet sich das grüne Tal. Dort fließt die Sprey ostwärts in das Brahm'sche Meer.
In der waldigen Gegend, etwa eine oder anderthalb Tagesreisen südöstlich von Sitavia hat die Familie von Balian Chobry das Sagen. Von hier aus kontrolliert sie den ganzen Südosten, sind Schutzherren des Klosters Ostrada und wachen über die Häfen zu den Inseln Szerna und Sudet.

Burgen sind Machtdemonstrationen. Wer auf einer Anhöhe oder einem Hügel seine militärischen Bauten platziert, der will die Gegend im Auge behalten. Feinde sind von Weitem zu sehen. Besonders da Chobry die nähere Umgegend der Burg hat abholzen lassen.
Die Ritter kontrollieren das umliegende Gebiet im Auftrag ihres Lehnsherren, ziehen in seinem Namen Abgaben der Bauern ein. Die Ritter zu Budissin sind als Nachkommen der beauftragten Lokatoren direkt dem brahm'schen König verantwortlich. Wenn ein Krieg ausbricht oder eine Fehde ausgefochten wird, ziehen sie für ihn als berittene Kämpfer ins Feld. Doch im Lauf der Jahrhunderte hat sich ihr Aufgabenfeld deutlich erweitert.

Alles beginnt mit den Ministerialen, auch Dienstmannen genannt. Als unfreie Mitglieder an adligen Höfen können Sie durch Tüchtigkeit aufsteigen. Die Könige beginnen, ihre Dienstmannen auch zum Kriegsdienst heranzuziehen. Zuvor war das dem Adel vorbehalten. Wer seinen Lehnsherren auf Feldzügen begleitet, erringt die Chance, sich zu bewähren und belohnt zu werden. Aus den berittenen Kriegern formt sich ein eigener Stand unterhalb des Hochadels.
Wer es als Ritter zu Ehre und Sold bringt, lebt auf einer Nurg. Ritter bekommen eigenes Land. Das bedeutet Ehre und Wohlstand. Aber es ist auch eine Verantwortung. Nun müssen sie weit mehr leisten, als ihrem Herrn in den Krieg zu folgen. Burgen sind Wohnung und Verwaltungssitz, Gericht und Gefängnis, Grenzposten oder Mautstation. Sie haben Bedeutung für die Ackerwirtschaft und den Forst. Manch Ritter beschäftigt sich mehr mit Ernteerträgen und den Marktpreisen für Ochsen, als mit dem Stählen und Erhalten der eigenen Wehrkraft.

Einer von ihnen ist nun Balian Chobry, Ritter und Herr zu Budissin. Sein Name und der seines Sohnes Balian, der Jüngere, finden sich in der Stammlinie der Lokatoren, die vor nicht einmal zehn Generationen dieses Land im Namen des teutischen Königs in Besitz nehmen sollten, um es urbar zu machen und es zu erschließen.

Im Wohnturm hört der Burgherr das Gemurmel der Turniergäste, das Wiehern der Pferde, das Lachen der Männer. Es riecht nach Ochsen und Kühen. Glasfenster gibt es nicht auf dieser Burg und nicht auf irgendeiner anderen Burg in den ganzen brahm'schen Landen. Selbst der Hochadel kann sich bestenfalls Waldglas leisten. Milchig-trübe, runde Scheiben, die kaum Licht durchlassen. Selbst das ist zu teuer für Ritter. Sie schließen ihre Fensteröffnungen manchmal mit Häuten oder Pergament, meist aber mit einfachen Holzläden. Gegen den Windzug stopfen sie Stroh oder Moos in die Ritzen. Die ohnehin kalten Räume steinerner Bauten werden so auch noch finster.
Nun aber ist endlich Frühjahr. Das Sonnenlicht taut Wege und frierende Glieder auf. Die Zeit für die Liebslingsbeschäftigung bricht an. Die Zeit der Leibesertüchtigung durch Turniere.

Balian blickt zufrieden an sich herab. Die Rüstung wiegt schwer, über fünfzig Pfund. Und sie sitzt wie eine Haut aus Eisen und Leder. Seinen schweren Metallhelm, inner mit einer gepolsterten Haube versehen, wird Balian erst kurz vor dem Turnierkampf aufsetzen. Als er noch Kind war, sind nahe Sitavia bei einem Turnier mehrere Ritter unter dem Helm erstickt oder an einem Hitzschlag gestorben. Balian atmet ein. Ihm ist jetzt schon heiß.
Ein gestepptes Unterhemd und gepolsterte Kniehosen schützen vor Druckstellen. Und sie sind warm. Darüber trägt den Plattenrock, auch Spangenharnisch genannt. Von außen sieht er aus wie ein Kettenhemd. Darüber verstecken sich Eisenplatten. Wohin auch immer diese Entwicklung der Rüstung führen wird, für das Turnier werden sie wohl immer prächtiger, doch im Kriege wohl unpraktisch.
Allein anlegen kann Balian die Rüstung nicht. Knappe Hagad schließt die letzte Schnalle und schlägt Balian auf die Schulter. Das Zeichen, dass er fertig ist. Hagad ist fast vier mal fünf Winter alt, seit zwölf Jahren in den Diensten Balians, enger Freund seines Sohnes und ein geschickter Kämpfer. Bald wird Balian ihn für den Ritterschlag empfehlen.

Als Schutz- und Wachmänner, Richter und Gefängnisaufseher in einer Person spielen Ritter in dünn besiedelten Gebieten eine wichtige Rolle. Durch Hilferufe und Entsatze von Klöstern verstehen sich Ritter oft nicht mehr nur als weltliche, sondern auch als geistliche Krieger. Als "miles chrsti", Soldaten Christi. Dichter Formen daraus ganze Tugendkataloge. Auch Balian Chobry sieht sich durch seine Hegemonie über Ostrada als Diener des Höchsten.
Vom Ritter wird die ergebene Liebe zu Gott verlangt, die Achtung der Lehre, Furcht vor der Hölle, Schutz der Armen, gutes Benehmen, braves und anständiges Handeln, Vater und Mutter zu ehren, auf den Rat weiser Menschen zu hören, Hass zu ertragen und vieles mehr.
Die Realität bleibt häufig hinter dem Ideal zurück. So klagte Petrus von Blois: "Sobald sie mit eem Rittergürtel geschmückt sind, plündern und berauben sie die Diener Christi und unterdrücken erbarmungslos die Armen. Sie geben sich dem Nichtstun hin und Trunkenheit hin, sie schänden den Namen und die Pflichten des Rittertums. Wenn unsere Ritter einen Feldzug unternehmen, werden die Pferde nicht mit Waffen, sondern mit Wein beladen, nicht mit Lanzen, sondern mit Käse, nicht mit Speeren, sondern mit Bratspießen."
Doch bevor Balian an das Festmahl denken kann, liegt vor ihm noch das Turnier.

Hoch oben im Turmzimmer greift Hagad zur Standarte mit dem Wappen Balians. Der Ritter bewegt seine Arme. Nur ein leises Rascheln ist zu hören. Kein Quietschen, kein Scheppern. Die Rüstung ist in Form und Balian Chobry ist es auch. Er verlässt das Turmzimmer, geht langsam die Holzstufen hinab.

Es ist kühl. Die Steinmauern seines kürzlich umgerüsteten Wohnturm speichern keine Wärme. Zuvor war hier alles aus Holz. Das ist zwar wärmer, aber nicht so widerstandsfähig und feuerfest. Die Fensteröffnungen sind zugig und nur in einem Raum gibt es einen Kamin. Über dem Feuer erhitzte Pfannen verbreiten in den anderen Räumen nur zeitweise ein wenig Wärme. Die beliebten Wandteppiche sind nicht bloßer Schmuck. Sie sind Wärmedämmung. Fast das ganze Jahr wird das Gemäuer kalt bleiben, in Felsenburgen wie dieser wird auch die Feuchtigkeit aufziehen. Kein Wunder, dass schon jetzt viele Bewohner Gliederschmerzen plagen.
Wer es sich leisten kann, der wärmt sich im Badezuber. Jede Burg braucht eine sichere Wasserzufuhr. Am Besten sind Brunnen im Burginneren. Im Extremfall werden deshalb bis zu 300 Ellen tiefe Schächte in den Boden getrieben, um an das Grundwasser zu gelangen. Denn eine Festung, die bei der Belagerung auf dem Trockenen liegt, ist nutzlos.

Als Balian die Stufen hinabsteigt, passiert er kaum erleuchtete Räume. Kerzen sind teuer. Bienenwachs ist noch teurer. Die meisten Kerzen bestehen aus Rindernierenfett oder Hammeltalg. Mehr Licht verbreiten Fackeln. Doch die rußen stark und schwärzen so nach und nach Mobiliar und Wandteppiche. Niedrigpreisig sind Fackeln aus Kienspänen und Talglampen. Die Leuchten aus Tierfett rußen und verbreiten einen ranzigen Gestank.
Im Erdgeschoss ist es laut und warm. Um den Burgherren herum werkeln Weiber und Männer in der Küche. In Burgen wie dieser wird auf einem gemauerten Herd über offenem Feuer gekocht. Darüber wölbt sich ein sogenannter teutischer Schlott, ein begehbarer Kamin. Mittlere und große Burgen betreiben eine von der Küche getrennte Bäckerei, die sogenannte Pfisterei. Unter der Küche, im kühlen Untergeschoss, lagert Eingemachtes. Marmeladen, getrockneter Fisch, Pökelfleisch, dazu Bier und Wein in Fässern. In der Küche riecht es nach Fett, Schweiß und Tierkot.
Denn in vielen Burgen liegen die Ställe für den kostbarsten Besitz der Ritter, ihre Pferde, in der Nähe des Hauptgebäudes. Schweine- und Kuhstallungen liegen abseits. Dort hausen häufig auch die für die Tiere zuständigen Knechte.
Schweine und Kühe liefern das begehrte Fleisch. Wild gibt es selten. Doch der wichtigste Bestandteil in der Nahrung ist über alle Stände hinweg Getreide. Es kommt als Brot, Grützebrei oder Bier auf den Tisch, seltener als Fladen, Brezel oder Lebkuchen. Die soziale Ordnung lässt sich am Essen ablesen. Je heller das Brot eines Menschen ist, desto reicher ist er. Bauern essen Schwarzbrot, Vermögende Weißbrot aus Weizen. Gepökelter Fisch ersetzt das seltene Fleisch. Es ist eine wichtige Ergänzung des eintönigen Speiseplans. Ritter und Adel gehen hart gegen Wilddiebe vor, bis hin zur Todesstrafe.

Der Lebensstil von Rittern auf kleineren Burgen unterscheidet sich wenig von den Bauern, über die soe herrschen. Der Frankoritter Wolfram aus der Familie von Eschenbach schrieb einst nieder: "Wo ich oft vom Pferd gestiegen, wo man mich den Hausherrn nennt, daheim in meinem eigenen Haus, da haben Mäuse nichts zu lachen, wenn sie sich ihr Futter stehlen. Man muss es nicht vor mir verstecken, weil dort nichts vorhanden ist."
Balian greift nach einem kleinen Laib Brot und einem Himpen Bier, schenkt seiner Magd ein Lächeln und verlässt die Küche in Richtung Speisesaal. Hagad bedeutet dem Küchenjungen, mehr Brot und Bier zum Turnierplatz zu bringen. Sein Herr wird später humgrig sein und durstig.

Im Speisesaal der Familie sind alle weertvollen Besitztümer weggeräumt. Der Raum wirkt kahl. Reiterfeste geraten manchmal außer Kontrolle. Dann fechten Ritter Fehden mitten in der Burg aus, anstatt auf dem Schlachtfeld. Als Balian ein Kind war, geriet ein Turnier in Lúban zu einem ernsten Kleinkrieg. Ritter aus dem Gefolge der Arzberger Grafen bekriegrten sich dabei mit Anhängern des Königs von Brahmen in der kleinen Schlacht von Lúban.
Der Burgherr stapft hinüber in den Pferdestall. Vom Innenhof aus sind alle Bereiche der Burg zugänglich. Doch von den Mauern könnten eingefallene Angreifer immernoch beschossen und bekämpft werden. Von Ferne hört er die Rufe der Krogierer. Fahrende Leute, die lauthals die Ankunft der Ritter am Turnierplatz begrüßen und ihre Taten rühmen. Sie sind die Stadionsprecher wie einst in Rhomäa.
Im Stall inspiziert Balians Sohn, Balian der Jüngere, etwa zwanzig Winter alt, gerade sein Ross, auf dem.er ins Turnier ziehen will. Er soll vom Vater in ein paar Jahren die Leitung der Burg übernehmen. Hat Balian Chobry das richtige getan, als er seinem Sohn dir Telnahme am Turnier erlaubte? Es ist dad erste Mal für den jungen Stammhalter. Gesund wird er wohl bleiben, aber wie steht es im Falle einer Niederlage um die Turnierehre des Jungen? Schlimmer noch, die Kirche verurteilt die Ritterspiele. Wer im Turnier stirbt, dem drohen Höllenqualen.

Von klein auf werden Rittersöhne darauf trainiert, im Kampf zu bestehen. Schon mit sechs oder sieben Jahren kommen die Junhen in die Obhut eines Onkels, eines älteren Bruders oder eines Erziehers.
Die Jungen lernen Schwimmen, Bogenschießen, höfisches Zeremoniell und den Faustkampf, Ringen, das Aufstellen von Vogelfallen, vor allem aber das Reiten. Denn im Kampf muss ein Ritter sein Pferd ohne Zügel lenken können. Allein dadurch, dass er sein Gewicht verlagert oder durch seine Schenkel Drück ausübt. Seine Hände müssen frei sein, damit er eine Lanze oder ein Schwert führen kann.
Nebenbei lernen die Halbwüchsigen auch Provence, die Weltsprache in diesen Tagen. Auch wenn die Kirchen und Klöster in Latein kommunizieren und das weiter als die Reiche und Länder. Dazu Minnesang und etwas Lesen und Schreiben.
Viele Jungen ziehen als Pagen auf die Burg ihres Lehnsherren. Dort knüpfen sie Bande zu ihrem künftigen Lehnsherren. Denn wer in der Schlacht kämpft, der muss seinen Gefährten blind vertrauen können. Balian der Jüngere hat die Lehre durchlaufen wie Balian Chobry einst. Im Herbst hatte er den Ritterschlag empfangen, nun streitet er in seinem ersten Duell als Ritter.

Für die Bedenken des Vaters ist es jetzt zu spät. Das Turnier beginnt. Das Wort Turnier leitet sich aus dem lateinischen "tornare" ab, will heißen "drehen" oder "wenden". Mittlerweile ist das Turnier nicht mehr bloße Gefechtsübung, sondern ein Ereignis großer Beliebtheit mit förmlichen Einladungen und festlichen Ritualen. Ritters bewähren sich nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld. Auch auf dem Turnier ringt man um Ehre. Dort wo Adlige, Edelfrauen und andere Ritter sie von hölzernen Tribünen aus gut sehen können.

Balian steigt auf sein Pferd und trottet erhobenen Hauptes zum Turnierplatz. Knappen sehen zu ihm auf. Er nickt einem einstigen Kampfgefährten zu. Sein Reittier hat eine stolze Höhe von vier bis viereinhalb Ellen am Widerist. Das ist die Schulter des Tieres.
Es ist fastdreizehn Uhr. Gleich geht es los.
Balian nimmt am Turnei Teil, dem Turnier im engeren Sinne. Dabei kommandiert der Burgherr seine Männer in einer nachgestellten Schlacht. Balian klappt sein Helmvisier herunter. Dann wird das Trennseil fallen gelassen. Balian und seine Männer reiten los, fallen vom Trapp in den Galopp, dann in den gestreckten Lauf. Unter den Hufen spritzt die Erde hoch. Die Gegner Rasen aufeinander zu, prallen aufeinander.
Der Burgherr steckt Schläge ein, aber hält sich im Sattel. Rasch wendet er, reitet zurück, wendet erneut und stürmt wieder auf die Kontrahenten zu. Metall prallt auf Metall. Holz prallt auf Holz. Gestrafftes Leder prallt auf gestrafftes Leder. Die Reiter rufen einander Wortfetzen zu, Pferde wiehern. So geht es mehrere Minuten. Dann ist das Spektakel vorbei.

Jetzt erst zeigt sich, den Anführer von Balians Gegnern hat es aus dem Sattel gehoben. Er liegt benommen am Boden. Blut ist keines geflossen. Als siegreicher Ritter darf der Burgherr seinen gefangenen Kondrahenten abführen oder ein Lösegeld fordern. So ist es Sitte. Balian nimmt ihm die Rüstung ab und schlägt seinem Rivalen kumpelhaft mit seinem Panzerhandschuh auf die Schulter.
Ein Metallkleid anfertigen zu lassen ist extrem teuer. Die Hersteller der Rüstungen, die Plattner, entwickeln immer prächtigere. Mancher Ritter verkauft Ländereien um bei diesem Wettrüsten mithalten zu können. Ihre Macht schwindet auch dadurch.

Erschöpft, aber zufrieden steigt Balian Chobry vom Pferd. Er nimmt seinen Helm ab und blickt zu seinem Sohn. Balian der Jüngere tritt im Tjost an. Das ist eine junge Disziplin. Neben dem Buhurt, einer Schlacht zu Fuß und dem Turnei, ist sie recht kurzweilig. Aber gerade aus dem Moment zieht sie offenbar ihre Faszination. Dabei treten zwei Reiter gegeneinander an und versuchen, ihr Gegenüber mit einer Lanze aus dem Sattel zu stoßen. Hier einer und da einer. Es würde mich nicht wundern, wenn so manche Maid in diesem Teil des Turniers die wahre Kriegskunst sieht, da ihr Angebeteter ohne Kampfgetümmel besser auszumachen ist und allein für sich steht.
Da mit scharfen Waffen gekämpft wird, sind Verletzungen keine Seltenheit und auch Tote hat es schon gegeben. Blutergüsse sind die regelmäßig. Schwere Verletzungen sind Unfälle aber dennoch. Oder Attentate,als Rache für alte Demütigungen. Der Turnierkampf ist immer ein Risiko. Viele Kämpfer Zielen mit der Lanze auf den Kopf des Gegners.

Der Sohn Balians reitet los. Der Vater schaut gebannt zu. Die Duellanten kommen einander näher. Mit einem einzigen Hieb gegen die Brust hebt Balian der Jüngere seinen Gegner vom Pferd. Dieser fällt zu Boden, winkt schwach. Er gibt unverletzt auf. Es ist vierzehn Uhr. Balians Sohn hat gesiegt. Der Burgherr ist zufrieden. Nun weiß er die Zukunft seines Rittergeschlechts in guten Händen.
Wenn Balian der Jüngere etwa Ende Zwanzig ist, wird er die Burg übernehmen und heiraten. Die Familie hat schon eine Braut im Auge, die Tochter eines Kampfgenossen Balian Chobrys wird bald im richtigen Alter sein.
Vater und Mutter werden dann vielleicht zum nahen Kloster Ostrada ziehen, um dort die letzten Jahre zu verbringen. Viele Ritter und Adlige erkaufen sich durch Schenkungen und Geldzahlungen das Recht, im Alter von Mönchen und Laienbrüdern oder Nonnen versorgt zu werden. Noch jedoch stehen Balian einige gute Jahre als Ritter bevor. Hagad eilt herbei und nimmt seinem Herrn den schweren Helm ab. Gemeinsam gehen sie nach drinnen. Balian will raus aus der Rüstung. Er schwitzt. Er hat Durst. Sein Kopf ist langsam. Der Küchenjunge hält pflichtschuldig einen Humpen Bier hoch und Balian nimmt ihn schweigend an.

Für ein Bad ist keine Zeit. Die Sieger wollen feiern, die Verlierer ihren Frust ertränken. Balian Chobry hat auftischen lassen. Wildschwein und Huhn, Brot und Bier und den besten Wein. Er hat sich das Fest einiges kosten lassen.
Nun gekleidet in edle Stoffe, betritt er mit Frau und Sohn den Festsaal. Derbe Witze und Musik verstummen. Balian hebt den Kelch. Es ist achtzehn Uhr. Das Licht der Abendsonne fällt in den Festsaal.
Das Turnier ist vorbei, die Feierstunde ist gekommen.Ende
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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Re: Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit

Beitragvon almafan » Do 19. Mär 2020, 23:16

Der Unverzichtbare

niedergeschrieben von Hexagon

im 26. Jahr der Herrschaft Boleslav II., der Fromme, Sohn des verblichenen Boleslav I., aus dem Haus der Premysliden, dem König von Brahmen, einer der sieben Reichsfürsten der teutischen Lande, der im steten Streit um die Krone Brahmens mit dem Haus der Slavnikiden steht
im 15. Jahr der Herrschaft Otto III., Sohn des verblichenen Otto II., aus dem Haus der Liudolfinger, Sohn eines teutischen Königs und einer rhomäischen Prinzessin, somit Vereiner des alten Reiches, der im Süden zum König wurde und im Norden die Krone erhielt, der König der teutischen Lande und König der Tiber, Hegemon der Lombardei, Fronherr der Krone, Schirmherr und Herrführer der christlichen Lande
im Jahre 1309 nach der Thronbesteigung des Königs Seleukos I., eines Diadochen Alexanders des Großen
im Jahre 998 nach der Geburt des Propheten Jesus
im Jahre 714 nach der Thronbesteigung des Kaisers Diokletian auf den rhomäischen Thron
im Jahre 388 nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina

Die Niederschrift im Jahr meiner Wanderschaft durch die Bahm'schen und Wend'schen Lande.
So begeben hat es sich, wie ich selbst gesehen habe und durch Gehörtes ergänzte.


Hier ist es heiß, laut und gefährlich. Doch in seiner Werkstatt entstehen die wunderbarsten Handwerksprodukte, die für die Feldarbeit und in der Schlacht unverzichtbar sind.

Die Schmiede ist ein dunkler Raum, in dem Funken sprühen, rotes Licht glüht und Hitzestöße mit jedem Ausatmen des Blasebalgs die Luft zum Zittern bringen. Dampf wallt in der Werkstatt auf, wenn glühendes Metall ins Wasserbad gesteckt wird. Es zischt wie das Fauchen eines Ungeheuers. Vor der Werkstatt von Meister Franz haben sich einige Menschen versammelt, beobachten die Arbeit des Schmieds.

Sie haben sich unter dem Vordach zusammengefunden. Unter diesem waren früher die Pflöcke des Stalls eingeschlagen. Ein Pferch aus Rundhölzern, in dem widerspenstige Tiere angebunden werden konnten. Das Vordach erinnert daran, dass die Schmiedewerkstatt, die nun Meister Franz gehört, als Hufschmiede anfing. Über solches Handwerk ist er längst hinaus. Seit die Innung der Schmiede ihm damals als frischem Meister erlaubte, die Schmiede hier in Sitavia nach dem Tod seines Vorgängers zu übernehmen und die Tochter des alten Meisters zu heiraten, hat er den Betrieb an Gewinn gemehrt.
Nun kann er zeigen, aus welchem Eisen fränkische Schmiedekunst ist. Denn seine Vorfahren kommen aus Nuremberg, der reichen Stadt. Doch dort gab es schon zu viele Schmiede, erzählt Franz immer, wenn er gefragt wird, warum seine Ahnen in diesen Flecken des Reiches zogen. Es klingt nicht echt, vermutlich war es etwas anderes. Etwas weniger rühmliches. Vielleicht flohen sie einst vor dem Gesetz oder vor einem Gläubiger. Man will aber nicht willkürlich nur das Schlechte in Betracht ziehen. Fest steht, dass Franz der erste in seiner Familie ist, der seit Generationen wieder ein Gewerk leitet. Sein Vater war Zuschmied, sein Großvater ebenso. Hier in Sitavia fragt niemand nach so vielen Jahren nach deiner Herkunft, wenn du nur helfen kannst, den Wenden am nördlichen Wall Einhalt zu gebieten.
Das Wohnhaus von Meister Franz nebenan ist teils steinern und geräumig. Er überlegt sogar, ob er die Schmiede nicht umstellen und mit Wasserkraft betreiben soll. Noch wird der große Blasebalg per Hand bedient. Wenn er jedoch eine Nockenwelle installieren würde und ein Wasserrad, könnte er höhere Temperaturen erzielen, um Gusseisen herzustellen und in die Fertigung von Brunnentrögen und Ofenplatten einzusteigen.

Schmiede sind Wegbereiter. Mit von ihnen gefertigten und ständig verbesserten Werkzeugen machen Schmiede den technischen Fortschritt auf dem Land wie in der Stadt überhaupt erst möglich. Schreiner, Steinmetze, Zimmerer, Tischler, Mönche, Bauern, Ritter. Sie alle sind von ihnen abhängig. Das macht selbstbewusst.
Franz grinst in sich hinein. Er weiß, wie beeindruckend es aussieht, wenn er und sein Geselle ihrem Tagwerk nachgehen. Es glüht, es dämpft, es zischt. Ein kleines Spektakel. Jeden Tag. Es ist mitlerweile Nachmittag. Die Arbeit ist seit dem Morgengrauen in vollem Gang, doch Meister Franz und sein Geselle fühlen noch keine Müdigkeit.

Im Herrenhaus kehren die Ratsmitglieder der städtischen Verwaltung, die Herren der Stadtteile und Mauerabschnitte nach der Mittagspause wieder in ihre Amtsstube zurück. Auf dem Markt packen die ersten Händler und Bauern zusammen. Besonders für letztere ist es noch ein beschwerlicher Weg an den heimischen Hof,in irgendeinem der Dörfer draußen vor der Stadt. In Meister Franz' Schmiede beginnt jetzt das zweite Stoßgeschäft. Mit een Marktbeschickern, die für heute ihre Geschäfte beendet haben, mit den Reisenden, die während des Vormittags eingetroffen sind, mit den Klerikern, die die Zeit bis zur Abendandacht mit Besorgungen ausfüllen. Und mit Patriziern, die ihre Geschäfte erledigt haben und nun das eingenommene Geld ausgeben wollen.
Erzeugnisse aus Metall braucht nun wirklich jeder: Waffen und Rüstungsteile für Ritter, Werkzeuge für Handwerker, Schmuck für die wohlhabenden Bürger und den Adel und den Klerus. Nägel, Schaniere, Fibeln, Aggraffen, Kessel, Haken und vieles weitere. Sogar die etwas betuchteren Bauern kaufen bei den Schmieden ein, wenn sie Beschläge für Spaten und Räder benötigen oder ihre Sensen und Pflugscharen repariert und geschärft werden müssen. Für Hufnägel und Hufeisen hat jeder Bedarf, der ein Pferd sein Eigen nennt, ob Adliger oder Bürgersmann.
Alles dreht sich insbesondere in der Stadt also um den Schmied. Und entsprechend hoch ist sein Ansehen unter den Handwerksberufen. Die Wichtigkeit eines Berufs bemisst sich nach dem, welche Gewinne damit erzielt werden können, nicht daran, wie hoch der Anteil an der Versorgung der städtischen Gemeinschaft mit Gütern ist.
Der Schmied gehört zu den bauenden Berufen wie der Schreiner, Steinmetze, Zimmerer, Tischler und zur Spitze der angesehenen Hanndwerksberufe. Am anderen Ende dieser Wertigkeit befinden sich die Müller, Leinweber, Bader und Schornsteinfeger. Mit dieser Einteilung kann ein selbstbewusster Schmied wie unser Meister Leben. Nur dass die verzärtelten Gold- und Silberschmiede noch über einem wie ihm stehen, weil ihr Gewerbe mehr Geld abwirft, wurmt ihn innerlich.

Schon früh haben sich die Schmiede spezialisiert. In Nuremberg, deren Schmiedeerzeugnisse zu den berühmtesten im Reich zählen, teilt sich das Handwerk unter anderem in Klingenschmiede, Schwertfeger, Gürtler, Schlosser, Kesselschmiede, Kettenschmiede und Nagelschmiede auf. Allein dreißig Spengler und Flachner, die Blech verarbeiten, gibt es in Nuremberg. Die Stadt gilt als des Reiches Schatzkästlein. Ihre Einnahmen sind höher als die des Königreiches Brahmen. Seit die Reichkleinodien in Nuremberg verwahrt werden, ist auch ihre politische Bedeutung einzigartig.

Meister Franz ist ein Schmied alter Schule, der sich nicht auf ein einzelnes Gewerk festgelegt hat. Er hält es mit den alten Überlieferungen, denen zufolge sich das Schmiedehandwerk auf Kleinschmiede und Grobschmiede aufteilt. Er sieht sich als Grobschmied, der Werkzeuge und Hufeisen herstellt, Wagenbeschläge, Reifen, Nägel.
Eine Spezialität hat er dann aber doch. Er ist ein begehrter Klingenschmied. Seit in Sitavia das Verkaufsmonopol der Messerer, denen der Klingenschmied früher die Messerklingen zum Vervollständigen mit Griff und Scheide überlassen musste, gefallen ist, lohnt sich das Gewerbe noch mehr als früher.
Gerade bearbeitet er eine Messerklinge. Das Werkstück hat er bereits mehrfach intensiv durchgeglüht und gehämmert, um es härter und elastischer zu machen, um das weiche Eisen und den spröden Stahl miteinander zu verbinden. Drei Lamellen Stahl, vier Lamellen Eisen. Zusammengeschmiedet ist das das Rückrat jeder Klinge, ob Messer oder Schwert. Dies ist der handwerkliche Teil. Es gibt noch einen geheimen, mystischen bei der die Klingenfertigung, den der Schmied zu erbringen hat, bevor sein Stück in die Endfertigung geht. Doch den wird er erst vollziehen, wenn er sein Publikum nach Hause geschickt hat. Jeder Klingenschmied hat ein besonderes Geheimnis, um seine Klinge besser zu machen als alle anderen. Und so kann er am Ende, so wie es jeder Meister tut, sein Zeichen in die Klinge prägen und damit voller Stolz verkünden, dass es sich hier um ein Stück aus seiner Schmiede handelt.
Und man findet seine meisterlichen Handarbeiten in ganz Brahmen. Sogar im Wendenland und auf die östlichen Inseln sind seine Stücke durch Weiterverkauf und fahrende Händler gekommen. Im Kloster Ostrada sind die Sicheln oft aus der eigenen Schmiede, aber auch hier sind schon Hufe, Nägel, Werkzeuge, Lampenhalter, Metallschaniere, Schlösser und dergleichen aus Sitavia gekommen. So auch, das ein oder andere aus der Schmiede von Meister Franz.

Ein gutes Messer ist schon nicht günstig. Dreißig Hühner will Meister Franz dafür haben. Für ein einfaches Schwert bekommt der Meister in der Regel den Gegenwert von eintausend Hühnern.

Doch noch streckt, staucht, schrotet und schweißt der Meister, nimmt sich andere Teile vor, während die Klinge ruhen muss. Die Zuschauer, samt und sonders die Kunden des heutigen Tages, wundern sich, wie man in der Hitze der Schmiedeesse arbeiten kann. Es braucht viel Hitze um Eisen bearbeitbar zu machen, noch mehr um zu schweißen.
Das Schmiedehandwerk ist ein harter Beruf. Die schwere Lederschürze schützt zwar vor dem größten Funkenflug, aber empfindlich gegen Brandblasen darf man trotzdem nicht sein. Hunderte von schwarz eingebrannten Punkten auf Armen, Schultern und im Gesicht der beiden Schmiede zeugen davon, dass sich das Eisen nicht in die gewünschte Form zwingen lässt, ohne sich schmerzlich zu rächen.
Schwerhörigkeit und eine ständig raue Kehle sind weitere gesundheitliche Folgen, die ein Schmied zu tragen hat. Die Ohren sind vom dauernden Hämmern in Mitleidenschaft gezogen und die Kehle, weil die Unterhaltungen und die Anweisungen wegen des Lärms gebrüllt werden müssen.

Auch auf dem Markt von Sitavia schwitzt gerade jemand. Gabriele, Meister Franz' Frau, soll für die Feier, die heute Abend im Zunfthaus geplant ist, einige Süßwaren erstehen. Und sie muss noch noch eine Zutat besorgen, die ihr Mann für den geheimnisvollen letzten Schritt bei der Klingenfertigung dringend benötigt.
Sie ist schon fast zu spät dran und muss sich jetzt beeilen. Bis gerade eben haben sie und ihre zwölfjährige Tochter Verzierungen und Versilberungen auf dem Griff eines Messers angebracht, das Franz im Auftrag eines Fürsten angefertigt hat. Früher waren dies die Tätigkeiten, die per Gesetz die Messerer ausgeführt haben. Heute bleiben diese Arbeiten im Haus des Klingenschmieds und erhöhen dadurch seinen Gewinn. Sie mehren aber auch das Arbeitspensum der Familie.
Nun ist die Frau des Meisters in Eile, um die letzten Waren zu bekommen. Die alten Sachen vom Vortag sollen es ja nicht sein oder die Dinge, die sonst kein Kunde wollte. Da muss man schon zu mehreren Ständen laufen, bis die Süßbäcker die Waren hervorholen, die sie für besondere Kunden reserviert haben. Tatsächlich ist so einiges los auf dem Markt, weil viele Einkäufer die Nachmittagsstunden nutzen. Vor allem die weniger betuchten Sitaviaer. Da lässt es sich leichter feilschen. Man muss nur in Kauf nehmen, dass manches nicht mehr ganz so frisch ist oder dass die Exkremente der Tiere, verdorbene Ware und das Blut, das von den Fleischerbänken in die Ritzen der Pflastersteine gelaufen ist, zum Himmel stinken.

In anderen, reicheren Städten sind die Straßen stadteinwärts grob gepflastert, damit der Dreck von den Händlerkarren gerüttelt wird und die Marktplätze in der Innenstadt sauber bleiben. Das zeigt aber häufig nur in den Morgenstunden Erfolg. Dann stapft und rutscht man durch den Schmutz, den der Markt selbst produziert hat. So wie die Meisterin nun, die sich wünscht, sie hätte Trippen über die Schuhe gezogen, um deren Sohlen und ihren Rocksaum zu schützen. Aber so eilig wie sie es hat, wären ihr die Trippen nur hinderlich gewesen.
Der Markt in Sitavia ist, wie in den meisten Orten, nach den Gewerben aufgeteilt, sodass die Bäcker glücklicherweise alle nahe beieinanderliegen. Sitavia ist im Grunde nicht viel mehr als ein Palisadenzaun um einen Marktplatz mit Kirche. Das Zoll- und Spatelrecht, sowie das Recht einen großen Markt abzuhalten, haben die Stadt zu einer wohlhabenden gemacht. Zweistöckige Häuser mit Dachboden zur Trocknung des Heus, gibt es sonst in ganz Brahmen nicht.
Der Markt für die Kälber liegt im nordwestlichen Teil des Marktes, der Fischmarkt im Westen, der Herrenmarkt mit Wildbret und Schweinen im Norden, der Krämermarkt befindet sich auf einem Vorplatz zum Markt. Der Obstmarkt liegt im Nordosten. Das Brothaus mit seinen Bäckerständen steht im Südwesten des Platzes. Und auch die Fleischergasse mit den über zehn Fleischerbänken liegt dort. Ein weiterer Markt ist der Weinmarkt im Norden der Stadt, nahe dem Zollhaus. Dann gibt es da noch den Heumarkt und den Salzmarkt vor der Kirche des Sankt Johannes. In der keine zwei Generationen alten Neustadt befindet der Ochsenmarkt nahe dem Frauentor. Dort findet sich auch der Kornmarkt, sowie der Holzmarkt. Der schönste und reichhaltigste Markt ist aber der Große Markt in der Mitte der Stadt, südlich der Kirche Sankt Johannes, wo eben Kälber, Fische, Wildbret, Schweine, Krämerwaren, Obst, Gemüse, Brot und Fleisch feil geboten wird. Hier gibt es auch den schönen Brunnen, der mit einer kleinen Schwanenfigur vom Wohlstand der Stadt deutet.

Sonst hält die Meisterin Gabriele gern beim schönen Brunnen an und denkt über die Legende nach, die man sich mit ihm verknüpft. Der Messingring, der scheinbar nahtlos in das Gitter eingefügt ist, soll von einem Lehrling angebracht worden sein. Sein Meister hat die Hand seiner Tochter diesem nicht geben wollte. Um dem Meister zu beweisen, dass er ihrer wert war, schnitt der junge Mann das Gitter auf, fügte den Ring ein und verlötete und verschweißte die Nahtstellen so geschickt, dass man sie nachher nicht mehr erkennen konnte. Danach verließ er die Stadt auf immer und ewig und ließ seinen reuigen Meister und eine untröstliche Tochter zurück.
Meisterin Gabriele mag diese Legende, denn sie handelt von einem Schmied. Und außerdem kann sie sie ihrem Mann unter die Nase reiben, wenn dieser wieder allzu unnachgiebig mit seinem Gesellen umgeht. Denn er ist kein übler Bursche und würde des Meisters Tochter gut gefallen. Eine gute Partie für beide.
Ihre Besorgungen haben auch mit dem Gesellen zu tun. Dieser wird heute Abend feierlich den Verbleibungseid ablegen. Mit diesem schwört er, in der Stadt zu bleiben und die bei seinem Meister gelernten geheimen Fertigkeiten des Härtens nicht anderswohin zu tragen. Anders als bei fast allen anderen Handwerksberufen und gar Schmieden wird dies von Gesellen eines Sitaviaer Klingenschmieds gefordert. Es geht auch um eine militärische Sicherheit. Es ist dennoch keine einfache Sache für einen jungen Mann, der damit nicht auf die Walz gehen kann. Die lange Wanderschaft dient ja dem Gesellen sein Glück in der Welt zu suchen und weitere Fertigkeiten zu erlernen. Er muss im engen Gefüge der Stadt verbleiben.

Die andere Besorgung der Meisterin hat wiederum mit dem Geheimnis des Meisters zu tun. Nach einem Besuch bei den Fleischerbänken eilt sie nach Hause. Jetzt drängt die Zeit. In der Schweineblase schlackert das Blut. Es soll nicht stocken.

Als die Meisterin angekommen ist, scheucht der Geselle die Zuschauer davon. Die Meisterin stellt sicher, dass niemand heimlich schaut. Auch sie wendet dem Geschen in der Schmiede den Rücken zu. Aus Schamhaftigkeit, denn natürlich kennt sie das Geheimnis.
Meister und Geselle zwinkern sich zu. Dann stellen Sie sich an den Wasserbottich, in den sie das Blut schütten. Dies ist die geheimste der Zutaten, die Meister Franz für das Härten des Metalls verwendet.
Letztlich ist dies das eigentliche Geheimnis des Schmieds und jedes guten Handwerks: Ein bisschen Augenzwinkern, viel Geschick und jede Menge Selbstvertrauen. Dazu Mut und der Glaube, dass Gott und das Glück auf seiner Seite sind, wenn man nur bereit ist, selbst auch das Beste zu geben.

Ende
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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