Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit




Geschichten, die sich auch über mehrere Kapitel erstrecken können

Re: Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit

Beitragvon almafan » Fr 31. Jan 2020, 23:41

Der stille Diener Gottes

von Hexagon

niedergeschrieben vor der Zeitenwende ins zweite Millenium nach der Geburt des Propheten Jesu


Dunkel ist's. Mit schnellen Schritten eilt Matthias durch den Kreuzgang mit den roten Backsteinsäulen auf die Kirche zu. Er hofft, dass der Abt ihn nicht beim Zuspätkommen erwischt. Eine strenge Strafe wäre die Folge. Essensentzug oder harte Arbeit oder beides.
Die Vigilie, das erste Gebet mitten in der Nacht, bleibt für Matthias eine der schwersten Prüfungen des Tages. Auch nach drei Jahren im Filialkloster in Ostrada. Eine Stunde nach Mitternacht finden sich alle Brüder dafür in der Klosterkirche ein.

Der Mönch betritt die Kirche, zieht sich ein Messgewand über die braune Tunika und betritt so leise wie möglich den düsteren Altarraum, der nur von einer einzigen Lampe spärlich erhellt wird. Dort stellt er sich zu seinen Brüdern vom Orden der Benediktiner. Niemand bemerkt, dass er der Letzte ist. Alle bereiten sich auf den Gottesdienst vor. Dann beginnen die Mönche, Psalme aus dem Alten Testament zu singen.
"Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde." Alle kennen die Texte auswendig. Weiter hinten in der Kirche sitzen die Laienbrüder. Sie beten nicht mit den Mönchen zusammen. Die Laien sind Gottesmänner zweiter Klasse.

Matthias schaut auf den Altar vor sich. Ein Leinentuch liegt darauf. Es hängt an allen Seiten über. Ein einfaches Kreuz aus bemaltem Holz steht auf dem profan wirkenden, sakralen, Steinblock. Kein glänzendes Metall, keine bunten Malereien, kein baulicher Prunk soll die Aufmerksamkeit der Mönche von Gott ablenken. Matthias, nicht einmal vier mal fünf Winter alt, singt und betet voller Inbrunst mit.
Um Gottes Wort zu verkünden, ist er Mönch geworden. Seit drei Jahren gehört er zur Mönchsgemeinschaft der Benediktiner in Ostrada. Er stammt aus einem alten Rittergeschlecht aus dem Süden Brahmens. Aber was heißt schon alt. Als vierter Sohn einer kinderreichen Familie aus dem niederen Adel blieb ihm keine große Wahl. Matthias konnte sich zwischen der Laufbahn als Ritter ohne Land entscheiden. Im Grunde aber ist dies nicht besser als ein vornehmerer Söldner. Oder ein Leben als Kleriker. So sind die Regeln für die Nachkommen einer adligen Familie.
Das Leben im Kloster geschützt hinter hohen Mauern, in einer gelehrten Gemeinschaft, lockte mehr als der Dienst am Schwert.

Kloster entstammt dem lateinischen Wort claustrum und bedeutet Abgeschiedenheit. Matthias entschließt sich im Jahr der Krönung und Salbung König Heinrich II. die braune Kutte der Benediktiner überzuziehen. Er hätte auch in den Orient gehen können. Der Orden der Basilianer der auch in Byzanz seinen Sitz hat, wird reichlich gefördert und ist materiell gut aufgestellt. Auch die Benediktiner sind als Ganzes nicht für Ihre Armut bekannt. Doch der kleine Konvent südlich der Hauptstadt des brahm'schen Reiches schien ihm am Gottgefälligsten zu leben. Weil sie ihren Alltag besonders gläubig gestalten, mit vielen Gebeten und noch mehr Arbeit.

Matthias steht stellverstretend für all die anderen. Sein Leben hätte so wie hier beschrieben, auch in jedem anderen Kloster so aussehen können. Und vor allem hätte es auch jeder andere Mönch sein können.
Durch den Dienst an Gott hofft er, einst in den Himmel zu gelangen und den Feuern der Hölle zu entkommen. Wie viele seiner Zeitgenossen fürchtet er, am Tag des jüngsten Gerichts für seine Sünden büßen zu müssen. Matthias und seine Glaubensbrüder glauben, dass dann Erzengel Michael mit einer Waage in der Hand die guten und bösen Taten gegeneinander aufmessen werde. Auf die Auserwählten wartet dann die ewige Glückseligkeit im himmlischen, entrückten Paradies. Die Verdammten aber werden in den Rachen eines Ungeheuers oder direkt in das Höllenfeuer getrieben.
Das Kloster Ostrada jedenfalls schien Matthias der rechte Ort zu sein, einen gottgefälligen Weg zu finden und ins Paradies einzukehren.

Das Kloster südlich der Reichshauptstadt Sitavia an der Mandau hatten Basilianermönche als ursprünglichen Bibliotheksort erwählt, fern ab der Streitereien auf dem Festland um den teutischen Thron. Es wird wohl schon vor dem Dynastiewechsel zu den Ottonen gewesen sein. Zur Zeit des Kaisers Otto II. der seine Macht auf den Inseln festigte und Lokatoren schickte, wechselte das Kloster mehrmals den Orden, bis es zum Antritt des Kaisers Otto III. dann durch die Benediktiner neu geweiht und stetig erweitert wurde.
Zwölf Mönche kamen damals vom Festland, aus dem Kloster Annenberg und machten Ostrada zu einer Filiale des Ordens. Zu Matthias' Zeiten sind es bereits mehr als doppelt so viele. Dazu noch dreimal mehr Laienbrüder als es Mönche im Konvent gibt. So sammeln sich hier mittlerweile gut einhundert Mann.

Mit drei mal fünf Wintern tritt Matthias dem Kloster bei. Er muss seine Kleidung abgeben. Mönche scheren ihm die Haare auf dem Schädel ab. Nur ein kleiner Kranz, die Tonsur, bleibt stehen. Dann erhält der junge Mann die Tunika aus grober, brauner Schafswolle. Ein Jahr lang hat sich Matthias als Novize zu bewähren. Ein altes Wort für "der Lernende". Und das tut er. Er lernt Psalter, die Gebete des Kanons auf Latein, auswendig und die klerikalen Gesänge. Zudem liest er viele religiöse Bücher. Die Klosterschule muss er nicht mehr besuchen. Er hatte das Glück, als Page auf einen Hof als Sohn eines Adligen zu kommen, eines Adligen, der Lesen und Schreiben kann. Matthias war sicher froh darüber, denn die Lehrer der Klosterschulen gelten als besonders streng. Die Schüler dürfen sich nie unterhalten. Es herrscht strikte Disziplin. Wer unkonzentriert ist, wird mit der Birkenrute geschlagen.
Auch der Alltag der Novizen in Ostrada ist hart. Matthias und die anderen Novizen müssen in den Werkstätten und auf den Feldern des Klosters hart arbeiten. Ihnen fällt es schwer, sich an das karge Leben im Konvent zu gewöhnen.

Nach einem Jahr wird er als gleichberechtigter Bruder in die Gemeinschaft aufgenommen. Als Sohn aus dem niederen Adel hat Matthias Glück gehabt. Seine Eltern konnten eine Opfergabe an das Kloster zahlen und so seine Aufnahme bewirken. Die Konvente schotten sich immer stärker gegenüber dem dritten Stand ab.
Noch ist es möglich, doch immer schwerer wird es, als armer Bauer oder Leibeigener aufgenommen zu werden. Zumeist geschiet das dann als Laienbruder. Sie müssen stets die härtesten Arbeiten verrichten und haben dennoch weitaus weniger Rechte als die Mönche. Sie dürfen keine Bücher lesen, sie leben in eigenen Räumen außerhalb des Klosterzentrums und dürfen einige Gebäude der Mönche nicht betreten.
Immer wieder kommt es zu Konflikten zwischen Brüdern und Laien. Die sozialen Spannungen dieser Zeit werden hinter den Klostermauern fortgesetzt. 991 ermordet in einem anderen Kloster ein Laienbruder gar den Abt. Matthias, der damals noch ein kleines Kind war, hat mit Grauen von dem Mord gehört.
Schnell merkt er, dass die Welt des Klosters weitaus weniger friedlich ist, als von ihm erhofft. Auch unter den Mönchen gibt es Konflikte. Brüder wie Matthias, die in der Schreibstube arbeiten und nicht so schwer schuften müssen wie die Mönche, die auf dem Feld oder als Holzfäller arbeiten, werden oft beneidet. Auch um die zahlreichen Ämter gibt es Streit. Nicht jeder Benediktiner kann Prior oder gar Abt werden. Das Schweigegebot, das für die meisten Stunden des Tages gilt, verhindert nicht, dass im Kloster Intrigen gesponnen werden.

Nicht nur wegen der Zwietracht unter den Brüdern fragt sich Matthias manchmal, ob er die richtige Wahl getroffen hat, als er sich für das Kreuz und gegen das Schwert entschied.
Der wenige Schlaf macht ihm zu schaffen. Oft ruhen Matthias und die anderen vierundzwanzig im Schlafsaal keine fünf Stunden. Der Schlafentzug gehört zum vorgeschriebenen kargen, arbeitsreichen Leben. Wenn mitten in der Nacht der Ruf zum Gebet schallt, sein Bettnachbar ihn so lange schüttelt, bis sich Matthias von der Pritsche quält. Wenn er auf den kalten Boden des Schlafsaals tritt und schnell die Tunika über die Unterkleider zieht. Ja, dann zweifelt Matthias manchmal. Will er sein Leben lang so viele Entbehrungen ertragen?
Auf der anderen Seite ist er stolz darauf, ein Leben in der Tradition des Christus zu führen und nicht so verweichlicht zu sein wie andere Mönche, die mehr an ihr Leibeswohl als an die Gebete denken.

Die Gebete strukturieren den Tag im Kloster. Sie folgen in Abständen von zwei oder drei Stunden aufeinander. Acht gemeinsame Gebete in der Kirche gibt es am Tag. Von ein Uhr morgens bis neunzehn Uhr abends. Stundenglas und Sonnenuhr erlauben den Mönchen, die Zeit zu messen und die Gebetszeiten strikt einzuhalten.
Das Klosterleben fordert ebenso strikte Disziplin. Mönche sollen beten und arbeiten. "Ora et labora."
Nach den Vigilien gehen die Mönche wieder ins Bett. Um vier Uhr dreißig steht mit dem Morgenlob das nächste Gebet An. Matthias und andere Brüder verbringen heute die Zeit zwischen den beiden frühen Gebeten in stiller Meditation. Der junge Mönch spaziert dabei durch den Kreuzgang, einem der wichtigsten Orte im Kloster. Viel Zeit bleibt nicht für die innere Einkehr, denn bald kommen die Brüder wieder in der Kirche zusammen und begleiten den Sonnenaufgang mit Gebeten und Gesang.

Danach gehen die Mönche schnell auseinander. Es gibt immer viel zu tun. Matthias verlässt die Kirche, die wie die Hauptgebäude des Klosters zum Bereich der Klausur gehört. Er ist den Ordensbrüdern vorbehalten. Laien haben dort keinen Zutritt.

Es ist früher Morgen, als der junge Mönch nun ebenfalls durch den Kreuzgang läuft Richtung Bibliothek und Skriptorium, die Schreibstube. Auf der anderen Seite vom Kreuzgang liegen, der Kapitalsaal, wo die Versammlungen stattfinden, und das Dormitorium, der Schlafsaal.
Daran schließt das Refektorium an, das Küche und Speisesaal beherbergt. Hierher würde Matthias gern öfter kommen. Doch meist gibt es nur eine Mahlzeit am Tag, nach der Non, dem Gebet am frühen Nachmittag. Nur an Feiertagen speisen die Mönche zweimal am Tag.
Beim Essen müssen die Ordensbrüder schweigen. Einer liest aus der heiligen Schrift vor, ansonsten ist es still. Die Männer lernen eine Zeichensprache, um dennoch während des Mahls miteinander kommunizieren zu können. Wer mit den beiden Daumen und Zeigefingern einen Kreis formt, bittet um das Brot.

Die Benediktiner von Ostrada leben nach besonders strengen Regeln. Ihre Geschichte beginnt mit dem Auszug des Bruders Citeaux aus dem Kloster Aggrippina. Er war vom wachsenden Wohlstand und der Dekadenz seines Ordens abgeschreckt.
In mancher Abtei führen die Mönche ein Leben in Luxus. Ente, Gans, Kalbszunge stehen auf dem Speiseplan. Das Schweigegebot wird missachtet, sogar das Armutsgebot. Viele Klöster häufen unglaublichen Reichtum an. Sie gelten als Wirtschaftsmacht, nicht als Bollwerk der Tugend gegen die Sünde. Nicht lange vor Abschluss des ersten Jahrtausend nach der Geburt des Heiland wächst bei vielen Mönchen der Unmut. Sie rufen zu Reformen auf und gründen neue Orden oder Klöster in neuer Abgeschiedenheit. Hier sollen die Mönche wieder asketisch leben. Die Reformer besinnen sich dabei nicht auf Neuerungen, sondern auf die Regeln des Heiligen Benedikts, der vor vierhundert Jahren diese aufstellte. Sie legen diese möglichst wortwörtlich aus.
"Diese Regeln haben wir verfasst, damit wir Mönche durch die Beachtung derselben in unseren Klöstern zeigen, dass wir tugendhafte Sitten wenigstens bis zu einem gewissen Grade und den Auftrag des Ordenslebens besitzen." schrieb Benedikt von Nursia. Eben jener Benedikt von Nursia, der später den Beinamen der Heilige erhält.
Auch die Brüder in Ostrada folgen streng diesen Regeln. Sie entsagen dem Reichtum, verzichten auf Fleisch, Weinkonsum und weitgehend auf das Reden miteinander.
Trotz, oder gerade wegen des kargen Lebensstils der Mönche, erhalten die Jünger des Citeaux' starken Zuwachs. Nur fünfzig Jahre nach dem Auszug Citeaux' aus dem Kloster gibt es mehr als zwanzig Klöster mit einer Vielzahl an Mönchen und Laien. Alle dem Ideal Citeaux verschrieben, der ihnen vorlebte, was Benedikt niederschrieb.

Matthias muss wie alle Mönche in Keuschheit leben und in persönlicher Armut. Von ihm wird Gehorsam gegenüber dem Abt und den Ordensoberen verlangt. Mildtätigkeit und Schweigen sind vorgeschrieben. Der Abt steht an der Spitze des Klosters. Er wird von den Mönchen gewählt und behält sein Amt auf Lebenszeit. Was der Abt sagt, ist Gesetz. Er entscheidet, ob Mönche Besuche von Verwandten bekommen dürfen, ob hart arbeitende Brüder eine zweite Mahlzeit am Tag erhalten. Er ist der Stellvertreter Christi innerhalb der Klostermauern, soll aber auch Lehrmeister und liebevoller Vater sein. Doch Matzhias' Abt ist vor allem eines: streng.
Beim Schuldkapitel, einer Versammlung aller Brüder, ruft der Abt seine Mönche immer wiedrr auf, Regelverstöße zu melden. Wer nicht von sich aus vortritt und Fehler gesteht, muss befürchten, dass einer der Mitbrüder ihn denunziert. Der Abt legt dann die Buße fest. Sünder dürfen nicht an den Mahlzeiten teilnehmen oder müssen besonders harte, unliebsame Arbeiten übernehmen. Der Abt wird von einem Rat aus Mönchen beim Leiten des Klosters unterstützt.

Bei wichtigen, weitreichenden Entscheidungen sollen alle Brüder gehört werden. Je größer ein Kloster ist, desto mehr Posten gibt es.
Prioren kümmern sich um die gesamte Verwaltung des Klosters. Der Cellerar ist für das Beschaffen, Aufbewahren und Zubereiten der Vorräte und Speisen zuständig. Er beaufsichtigt Bedienstete und organisiert die Lebensmittelversorgung. Ein wichtiges Amt hat zudem der Kämmerer inne, der sich um die klösterliche Kleiderkammer und Einkäufe außerhalb des Konvents kümmert. Der Kantor wacht über den Chorgesang, der Sakristan kümmert sich um Gefäße und Gewänder, die im Gottesdienst gebraucht werden. Dem Armarius untersteht die Bibliothek, dem Refectarius der Speisesaal, dem Hortulans die Gärten. Pförtner und Krankenmeister werden ebenso benötigt, wie der Novizenmeister, der die Neuen betreut, die in das Kloster eintreten wollen. Der Cellerar oder Schaffner übernimmt zudem die Verwaltung der zahlreichen Wirtschaftsaktivitäten.
Viele Klöster haben nicht nur große Ländereien, die sie an Bauern verpachten. Ihnen gehören Wälder, Weinberge, Seen sowie Flüsse, Bäckereien, Schmieden und zahlreiche andere Werkstätten.

Matthias fällt es nicht immer leicht, all die Klosterregeln einzuhalten. Immer wieder erinnern ihn die älteren Brüder an sein Gelübde und zitieren aus den Regeln: "Der erdte Grad der Demut ist der unverzügliche Gehorsam."
Mancher Mönch geht barfuß, sogar wenn Schnee liegt. Und einige tragen Hemden aus kratzendem Tierfell, um zu zeigen, dass sie jeglichem leichtem Leben entsagen.

In der Bibliothek im Kloster Ostrada kann Matthias über die Geschichte des Ordens nachlesen. Auch der Kanon mit den Regeln des heiligen Benedikts steht dortim Regal. Dort sammelt das Kloster aber auch Wissen der Antike. Einige Klöster wie St. Gallen, Reichenau und Fulda sind wegen ihrer großen Bibliotheken Leuchttürme des Wissens und Kultur. Auch ist Ostrada in der Region bekannt für sein Skriptorium.
Nach den ersten beiden Gebeten beginnt Matthias in der Schreibstube nun die Arbeit. Am Gürtel hat er ein Messer, eine Nadel und ein Schreibtäfelchen mit Griffel hängen. Doch heute wird er vor allem eine Gänsefeder brauchen. Matthias kopiert seit Wochen eine besonders schöne Bibel. Seine Handschrift gilt als klar und sauber. Er gibt sich in der Schreibstube besonders Mühe, denn er hofft, mit Erlaubnis des Abtes an einer Universität studieren zu können. Das Kloster schickt ab und an Mönche nach Bologna oder Aggrippina zum Lernen. Auch Matthias würde sich in der Ferne gern weiterbilden.

Er und die anderen Schreiber im Skriptorium vervielfältigen nicht nur fromme Texte, sondern auch weltliche Schreiben wie Urkunden und Gesetze. Die Klöster sind Orte der Gelehrsamkeit. In einer Zeit, in der die meisten Menschen nicht lesen und schreiben können.
Matthias träumt davon, später Illuminator zu werden. Diese Künstler verzieren kostbare Bücher mit Blattgold, zeichnen prächtige Initialen. Jeder dieser Anfangsbuchstaben ist ein kleines Kunstwerk. Das scheint dem Mönch wirklich Arbeit zum Ruhme Gottes zu sein. Aber auch die Tätigkeit als Schreiber gefällt ihm. Seine Arbeit wird von Andachten unterbrochen. Auch heute wird er wieder vier Stunden beten und acht Stunden arbeiten.

Nach dem Mittagsgebet um zwölf Uhr und einer kleinen Pause setzt er sich erneut an den Schreibpult. Sein Magen knurrt laut. Noch hat er nichts gegessen, nur etwas getrunken.
Er greift zum Krug mit Wasser auf seinem Tisch. Die Bibel, dieer abschreiben soll, liegt auf einem abfallenden Pult. Das Pergament, auf das er den Text überträgt, liegt vor ihm. Mit einem kleinen Messer spitzt er die Schreibfeder an. Er taucht sie in ein mit Tinte gefülltes Horn und beginnt nun, konzentriert zu schreiben.
Im einem rechten Winkel führt er den Gänsekiel auf das feine Pergament, das aus Kalbshaut gewonnen wurde. Psalme und Gebete abzuschreiben gilt als Dienst an Gott. Der heilige Bernhard von Clairvaux sagte, dass jedes Wort, das ein Mönch schreibt, ein Schlag gegen den Satan sei. Das Vervielfältigen von Büchern gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Klöster.

Um fünfzehn Uhr gehen Matthias und seine Brüder zur Non. Es ist Matthias' liebstes Gebet. Denn danach gibt es immer etwas zu essen im Speisesaal. Brei oder gekochtes Gemüse, Hülsenfrüchte und Salat werden gereicht. Dazu gibt es frisches Obst. Matthias sehnt sich manchmal nach einem saftigen Ochsenbraten. Doch Fleisch steht den Klöstern des Citeaux nie auf dem Speiseplan. Um neunzehn Uhr, nach dem letzten Gebet des Tages, steigt Matthias die Treppe zum Schlafsaal hinauf. Er legt sich auf die Pritsche, schließt die Augen und schläft erschöpft ein.

Ende
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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von Anzeige » Fr 31. Jan 2020, 23:41

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Re: Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit

Beitragvon almafan » Sa 15. Feb 2020, 22:07

Die Ernte

von Hexagon

niedergeschrieben vor der Zeitenwende ins zweite Millenium nach der Geburt des Propheten Jesu


Als der Bauer aufwacht, ist es noch dunkel in seiner Hütte. Normalerweise wird er von den ersten Sonnenstrahlen geweckt, die durch das Strohdach dringen. Doch heute ist Arnolf früher wach geworden als sonst. Er ist angespannt. Unruhig hat er sich auf seinem Strohbett hin und her gewälzt. Heute muss alles gut gehen auf dem Feld.

Arnolf und seine drei Kinder müssen den Weizen schneiden und trocken in den Speicher bringen. Wenn sie nicht schnell genug mit der Ernte sind, wenn Regen oder Sturm aufkommen, steht seine Familie vor dem Ruin. Sie könnte die Abgaben nicht an den Grundherrn und Kloster Ostrada zahlen, sie hätten zu wenig zum Essen. Und auch dem Vieh fehlte es dann an Futter.
Arnolf faltet die Hände, spricht ein stummes Gebet, um seine Familie nicht zu wecken. Dann steht er auf. Einen der arbeitsreichsten Tage des Jahres kann man nicht früh genug beginnen, denkt er, als er seine Kleidung zusammensucht.

Arnolf ist ein exemplarisches Beispiel für so viele andere Landmänner seiner Tage und der Tage seiner Väter. Nicht viel hat sich verändert in den letzten vierhundert Jahren. Die einen kommen, die anderen gehen. Über den Alltag der Bauern werden künftige Generationen weniger wissen, als über den Adel und der Kleriker. Die Landbevölkerung konnte meist nie schreiben. Und die meisten Zeugnisse hinterlässt der, der sich niederschreibt. Bauern werden dadurch immer weniger Spuren hinterlassen, als Ritter, Mönche und selbst Pfarrer. Aber Arnolf und seine Landgenossen sind die Säule der Gesellschaft.

Arnolf schaut auf seine Frau Hiltrud und die drei Kinder. Auch sie schlafen auf dem Lehmboden. Aufgeschüttetes Stroh dient als Unterlage.
Sein Blick gleitet durch die Hütte. Darin stehen ein Tisch, fünf Schemel und zwei große Holztruhen. Mehr Möbel besitzt die Familie nicht. In der offenen Feuerstelle liegt weiße Asche und ein dicker, angeschwärzter Buchenscheit. Es riecht nach Ruß. Die Luft in der kleinen Lehmhütte ist verraucht. Der Herd aus Lehmziegeln, der in der Mitte des Raums steht, hat keinen Schornstein. Und Fenster gibt es nicht. Nur durch eine kleine Luke im Strohdach können die Rauchschwaden entweichen. Die Wände sind vom Ruß schwarz gefärbt.

Als Arnolf die Tür öffnet, strömt endlich frische Luft herein. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Wiesen vor dem Haus in ein mattes Gelb. Doch am Himmel stehen schon einige dunkle Wolken. Arnolf sieht das mit Sorge. Er muss sich beeilen. Schnell zieht er sich an.
Er trägt als Unterwäsche ein Leinenhemd, streift eine Jacke darüber, die seitlich zwei Schlitze hat, damit er sich beim Arbeiten gut bewegen kann. Dann stülpt er sich wollene Kniestrümpfe über. Die ganze Kleidung ist dunkelgrau. Buntes dürfen einfache Bauern nicht tragen. Denn die Farben der Hosen und Jacken spiegeln seinen Rang in der Hierarchie wieder. Je prächtiger und farbenfroher die Kleidung ist, desto bedeutender ist die gesellschaftliche Stellung des Trägers. Grundherren, denen das Land der Bauern gehört, besitzen bunte Jacken und Hosen. Sie tragen auch Schuhe aus feinem Rindsleder. Arnolf hat bei der Arbeit schwere, aus Lindenholz geschnitzte Holzpantinolen an den Füßen.

Nun weckt der Bauer seine Familie. Er ruft dem Alter nach die Namen seiner Kinder: Hans, Gertrud, Klaus. Dann sucht er seine Werkzeuge zusammen. Die Sichel, die Hanfstricke, den groben Sack. Jetzt kann es losgehen auf das Feld.
Arnolf ist kein wohlhabender Bauer. Davon gibt es ohnehin nur sehr wenige. Aber immerhin besitzt er etwas Vieh, Schafe, Schweine und vor allem einen Ochsen. Wer viele Nutztiere hat, ist angesehen im Dorf. Bauern, die keinen Ochsen haben, müssen sich ein Zugtier bei den Nachbarn leihen und dafür mit Eiern und Milch zahlen. Meist funktioniert die bäuerliche Gemeinschaft gut. Man hält zusammen. Schließlich verbringen die Bauern in der Regel ihr ganzes Leben an einem Ort. Stets in der Nähe derselben Nachbarn. Selten kommt es vor, dass ein Bewohner das Dorf verlässt, zu einer Pilgerfahrt aufbricht oder gar in die wachsenden Städte zieht.

Arnolfs Dorf besteht aus sieben Höfen. Eine Kirche gibt es nicht. Die steht im größeren Nachbardorf, nahe des Klosters Ostrada. Das Dorf kann ein Fußgänger in einer Stunde erreichen.
In der Mitte des Ortes steht eine alte Linde. Dort werden gemeinsame Feste unter freiem Himmel gefeiert. Feste sind wichtige soziale Ereignisse. Manch junger Bauer hofft, beim Tanz eine Frau zu finden.
Meist bestimmen allerdings die Eltern, wer geheiratet wird. Liebe spielt bei der Wahl keine Rolle. Die Vorstellung einer romantischen Ehe wird lediglich in der Minne besungen. Es geht um die wirtschaftliche Absicherung der Familie. Vor allem Kinder sind für die Altersvorsorge wichtig. Leibeigene, die unfeeien Landwirte, dürfen gar nur mit Zustimmung des Grundherrn eine Ehe schließen. Ihr Leben gleicht manchmal dem von Sklaven.

Vor der Linde im Dorfzentrum wird zudem Gericht gehalten. Doch dazu kommt es selten. Die Menschen im Dorf leben meist friedlich zusammen. Ihr Grundherr muss sie daher eher vor den Überfällen von Räubern und Plünderungen feindlicher Soldaten schützen. Dafür müssen die Bauern ihm ein Zehntel ihrer Ernte überlassen. Und sie müssen Fronarbeit verrichten. Sie schuften ohne Lohn auf dem Land des Adligen. Sie roden Wälder, legen Gräben und Straßen an oder pflügen dessen Äcker.
Protest gegen diese Pflichten gibt es kaum. Zwar gibt es hier und da passiven Widerstand, indem ein Bauer krankes Vieh als gesund bezeichnet oder unten im Sack verdorbenes Getreide reinschüttet, doch das sind Ausnahmen. Die Gedankenwelt eines Bauern ist eng. Sein Platz in der Gesellschaft gibt ihm die Religion vor. Der einfache Mann solle hinter seinem Pflug zufrieden sein, predigen die Geistlichen. Dort sei sein gottgewollter Platz.
Das ist auch nicht anders, wenn der Grundherr selbst ein Abt ist. Der Schutz der Bauern besteht dann darin, hinter die Klostermauern zu flüchten, wenn ein Angriff naht. Truppen zur Verteidigung hat das Kloster nicht. Und wenn sie nach welchen schicken wollen, ist der Angriff schon vorüber.
Es gibt im Grund nur zwei Arten für einen Bauern, Land zu bewirtschaften. Leibeigene und Pachtbauern bestellen die Äcker der reichen Gutherren und erhalten dafür ein kleines Stück Land zur Nutzung. Oder der Gutsherr vergibt Land als Lehen und verlangt dafür Abgaben. Hühner, Eier, Gemüse, Getreide, Schweine oder gar Geld. Säumigen Zahlern wird der Zins kurzerhand verdoppelt. Dazu kann es schnell kommen. Denn zusammen mit dem Zehnten ist die Belastung sehr hoch. Schon eine einzige Missernte wirkt sich verheerend aus. Außer kommt es eben immer wieder zu Überfällen durch bewaffnete Truppen, die Vieh und Vorräte rauben und Häuser brandschatzen. Und auch adelige Grundherren mit bewaffneten Schutztruppen sind längst nicht immer erfolgreich.

An der Spitze der Gesellschaft steht der Adel. Den zweiten Stand bilden die Kleriker. Zum dritten Stand gehören die Bauern, Händler und Handwerker. Doch so klar, wie gewollt, lässt sich weniges trennen.
Von zehn Männern leben neun auf dem Land. Die größte Sorge der Bauern besteht darin, den Anbau von Getreide zu sichern. Es ist das wichtigste Grundnahrungsmittel seit Jahrtausenden. Man braucht es, um Brot zu backen und einen Brei zu kochen. Das ist die Hauptspeise der Familien. Zu essen gibt es am Morgen noch nichts. Erst steht harte Arbeit an.

Das Feld ist nicht weit von Arnolfs Hütte entfernt. Da allerorten vorwiegend langsame Ochsen als Zugtiere eingesetzt werden, darf der Acker nicht weit weg sein. Die Bauern, die bereits ein Pferd ihr Eigen nennen können, wie es wohl nur wenige tun, können auch längere Strecken in Kauf nehmen.
Die Bevölkerung wächst langsam und doch ist einem Reisenden spürbar, dass sich die Landschaft verändert. Äcker werden mit Sträuchern und Steinen markiert. Je schlechter der Boden desto größer die Anbaufläche. Viel Arbeit für Arnolf und seine Kinder.

Das Getreide steht hoch, es wiegt sich leicht im Morgenwind. Hätte Arnolf ein Stundenglas, er wüsste, dass es die fünfte Stunde seit der Mitternacht ist. Doch solche Zeitmessgeräte besitzen nur Mönche und Gelehrte.
Der Bauer orientiert sich am Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. So lang dauert sein Tag. Arnolf berechnet sein Leben nach Jahreszeiten. Die hat er genau im Blick, denn davon hängt sein Überleben ab. Dreißig Sommer hat er schon erlebt. In seinem Stand wird im Durchschnitt nur fünfunddreißig Jahre alt. Der Hochadel und Bischöfe, mit eigenen Ärzten,alt besserer Nahrung und keiner harten körperlichen Arbeit, werden deutlich älter. Karl, der Große soll es auf fast achtzig Jahre gebracht haben.

Doch Arnolf hadert nicht mit seinem Schicksal. Harte Arbeit gehört zu seinem Leben. Er nimmt die Sichel in die rechte Hand, greift mit der Linken die Getreidehalme, zieht sie hoch, kappt dann die Ähren. Ratsch, Ratsch, Ratsch.
Erneut holt er aus und erneut und erneut. Auch sein ältester Sohn Hans mäht so das Getreide. Die anderen beiden Kinder bündeln die Ähren, legen und binden sie zusammen. All das dauert Stunden.
Der Bauer schaut immer wieder besorgt gen Himmel. Es ist bereits bewölkt. Wenn es stark regnet oder gar hagelt, könnte das die ganze Ernte ruinieren. Es muss schneller gehen. Doch Hilfe kann er nicht erwarten, denn die anderen Bauern teilen die gleiche Sorge und versuchen ihrerseits die Ernte einzufahren.

Um seinen Acker optimal zu nutzen, haben die Mönche des Klosters die Dreifelderwirtschaft in ihren Dörfern durchgesetzt. Auf einem Drittel baut er Sommergetreide an, auf einem anderen Wintergetreide und kältefestes Gemüse, wie Kohl und Kraut und das dritte Drittel liegt brach. Dort kann sich der Boden erholen, wird vom Vieh gedüngt und beweidet.
Die Felder wechseln. Die Sommerernte ist wegen ihrem Ertrag die wichtigste Ernte des Jahres. Die Winterernte im Frühjahr überdeckt Engpässe und erwirtschaftet knappen Gewinn.
Die Bauernarbeit wird von den Jahreszeiten bestimmt. Im Frühjahr wird das Sommerfeld gepflügt, im Sommer geerntet, im Herbst die Schweine zur Mast in die Wälder getrieben und im Winter ein großer Teil der Tiere geschlachtet.

In einem normalen Jahr wirft ein Acker rund fünftausendvierhundert Pfund Roggen und viertausend Pfund Hafer ab. Viel wird ihm von der Ernte nicht bleiben. Ein Drittel braucht er als Saatgut. Ein Sechstel als Viehfutter. Und auch das Kloster und etwaig bestellte Söldner fordern Angaben in Form von Naturalien ein. Nicht nur Getreide muss Arnolf als Zehnt an das nahe Kloster zahlen. Sein Grundherr fordert zudem Schlachvieh, Bier und Brot.

Nach stundenlanger Arbeit machen Arnolf und seine Kinder eine Pause. Sie kehren gegen Mittag in die Hütte zurück. Dort hat Hiltrud bereits Holznäpfe auf die Tischplatte aus rohem Holz gestellt. Die Familie setzt sich auf die Schemel, die um den Tisch stehen. Hiltrud füllt den Brei aus Dinkel, Roggen und Hafer ein. Er wurde in Milch gekocht, die die Bäuerin frisch gemolken hat. Der Brei wurde mit wildem Honig gesüßt. Das Getreide hat die Bäuerin in der Steinmühle gemahlen. Es ist bei weitem nicht so fein, wie es aus einer Rädermühle kommt und der Adel es liebt. Es reibt beim Kauen die Zähne ab. Zum Essen trinkt die Familie Molke. Jenes Restprodukt, das über bleibt, wenn man den Rahm für die Butter abschöpft.
Arnolf schaufelt den Brei hastig in sich hinein. Es liegen noch viele Stunden großer Plagerei vor ihm. Bis zum Sonnenuntergang soll die Ernte fertig sein.

Am Abend stehen dann im Speicher, einem kleinen Verschlag neben der Hütte, Dutzende Getreidegarben zum Trocknen aufgereiht. Erschöpft schaut Arnolf auf seine schwieligen Hände.
Müde trottet er über den Hof. Er füttert noch den Ochsen. Die Söhne kümmern sich um die Schweine. Hiltrud und die Tochter um das Federvieh. Nach einem gemeinsamen Abendgebet legt sich die Familie schlafen.
Die Ernte ist gesichert. Heute wird Arnolf gut schlafen.

Ende
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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