Sacra Tibia: Der Richter und der Teufel




Geschichten, die sich auch über mehrere Kapitel erstrecken können

Sacra Tibia: Der Richter und der Teufel

Beitragvon almafan » Mo 5. Dez 2011, 22:33

Von den Herrschern der dunklen Orte

Oft zeigen sie sich als Engel des Lichts, doch Trug ist ihr Zeichen und ebenso werden auch die zu Fall gebracht, die sie sich erwählen. Alsi gebt gut Acht, dass ihr euch mit dem Teufel nicht einlasst.
In den folgenden Geschichten wird gezeigt, was geschiet, wenn man den Beelzebub zu seinem Berater macht.


Inhaltsverzeichnis
  1. Der Richter und der Teufel
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Früher war alles besser? Heute sorgt in Deutschland die Allgemeinheit dafür, dass alle Wohnung oder Kleidung haben. Die Wohlhabenden geben 50% ihres Einkommens dem Staat, zahlen 80% der Einkommenssteuer, den größten Teil der Körperschafts- und Unternehmenssteuern, sowie einen überproportional hohen Anteil der Umsatzsteuer und sichern so die Grundversorgung der Armen. Kennt jemand eine Ära, in der es mehr Gerechtigkeit gegeben hätte?
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von Anzeige » Mo 5. Dez 2011, 22:33

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Re: Sacra Tibia: Der Richter und der Teufel

Beitragvon almafan » Do 1. Nov 2018, 22:11

Der Richter und der Teufel

Um das Jahr des Herrn 994
Nacherzählt durch den Visitator Alom von Annenberg.


Er steht schon eine Weile hier. Und er wartet.

In einer Stadt saß ein Richter. Der war so reich und ein bekannter Sünder, dass die Leute meinten, die Erde müsse sich auftun und ihn mit Haut und Haaren verschlingen. Eines Markttages ritt er früh hinaus, seinen liebsten Weingarten zu besehen. Denn er war ein großer Trinker vor dem Herrn. Und als er mit seinen zwei Mann zurückkehrte, trat ein reich gekleideter Mann ihm entgegen. Er war zu Fuß, doch der golden verzierte Zwirn, sein großer, schwerer Pelzmantel und all das Geschmeide bezeugten eine mindestens gutbürgerliche Herkunft.
Der Richter grüßte ihn und fragte, wer er denn sei und woher er stamme. Der Mann weigerte sich, zu antworten. Er wendete seinen Blick nicht ab und begann ein wenig zu lächeln. Es schien als fordere er den Richter heraus. Auch eine zweite Weisung endlich über sich preiszugeben, was der Richter verlangte, wurde ignoriert. Der Richter zürnte darüber und während er den Fremden umritt, drohte er ihm um Gut und Leben. Auch darauf reagierte der Fremde wenig. Da gebot der Richter: "Beim Namen unseres Herrn und unserem Erlöser Jesus Christus, sage mir der Fremde endlich seinen Namen."

Einer der Begleiter des Richters stieg bereits aus dem Sattel und näherte sich mit gezogener Waffe dem bisher Schweigsamen. Doch endlich beginnt dieser zu sprechen: "Ich bin der Teufel. Ich bin Satan." Mit einem einzigen Schlag in die Magengrube setzt er den kampferprobten Leibwächter außer Gefecht. Kurz schreckten die anderen zurück. Der Richter hakt nach: "Was wollt ihr hier? Was ist euer Gewerbe?" Der sich als Leibhaftiger benennende gab zur Antwort: "Ich will in die Stadt gehen, weil ich heute alles nehmen darf, was mir ernstlich gegeben werde. Und ich rate euch mich kein zweites Mal zu bedrohen."
Der Richter und sein noch im Sattel sitzender Begleiter waren nach wie vor schwer beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit der Schwertträger bezwungen wurde. Und sollte dies wirklich der Teufel sein, so wird er noch wesentlich mehr verrichten können. Dem Richter gingen schon die Augen über: "Darf man dich auf dem Markte bei deinem Treiben begleiten?" - "Du weißt um die Feindschaft der Menschen und der Teufel?" Der Richter bestand aber darauf, trotz dieser Warnung das Wunder schauen zu wollen. Erst weigerte sich der Teufel, weil es dem Richter nicht fromme. Doch dieser gebot ihm abmals bei Gottes Zorn, ihn zu begleiten und in seiner Gegenwart, das ihm Verfallene zu nehmen. Jetzt willigte der Teufel ein und hatte nun schon seinen Spaß.

Als der Zusammengesackte wieder auf dem Pferd verstaut war, hieß der Richter den anderen, die Pferde mit zum Gut zu nehmen. Er werde mit dem Teufel allein in die Stadt ziehen. Auch ihre Bedenken wollte der Richter nicht hören. Und so betraten die beiden die Stadt und gingen auf die große Kirche zu, vor der eben an jenem Tage Markt gehalten wurde. Mancher bot dem Richter da auf einen Schluck und dieser bot es auch seinem unbekannten Gesellen, der es jedoch ablehnte. Der Richter fragte: "Wieso denn nicht? Ich habe es euch angeboten." - "Es ist nicht euer, sondern deren. Würdet ihr es gut heißen, wenn euer Mantel einem anderen angeboten wird und dieser nicht von euch?" Darauf wusste der Richter kein Wort.
So trafen sie eine Frau, die von einem Schweine Ungemach hatte. Es hatte sie in der Kochstube erschreckt. Sie trieb es vor die Türe und hieß es zum Teufel laufen. Der Richter forderte diesen auf, es zu nehmen. Satan aber wagte es nicht, da es nicht ihr Ernst wäre: "Eine Überreaktion." Hierauf begegneten sie einem anderen Weibe, das eben so ihr Kind zum Teufel wünschte. Es hatte von den Spezerein genommen, ohne zu fragen und war nun so schnell wie der Wind aus dem Hause gerannt. Abermals hieß der Richter den Teufel greifen. Der Teufel entschuldigte sich wie zuvor und fügte an: "Sie würde das Kind nicht für zweitausend Gulden missen wollen."
Sie kamen nun auf den Markt und wurden im Gedränge aufgehalten. Dem Richter wurde wieder angeboten von Speisen und Trank. Diesmal aber bot er seinem neuen Freunde nichts an, da er ja wusste, dass er nichts aus dritter Hand nimmt, was nicht den Eigentümer wechselt. Da ging eine arme, alte Witwe mühselig an einem Stabe daher, die als sie den Richter erblickte, zu weinen anhub. Er habe ihr unverschuldet ihr Kühlein verpfändet, von dem sie allein sich genährt habe. Er habe ihren Mann aufs Schafott* gebracht, der den Hofe gerade so am Laufen hielt. Darüber hinaus verspotte er ihre Armut, die von ihm her rührt. Sie rief Wehe und Klage und Schimpfe über ihn und bittet daher Gott um Christ Leiden Willen, dass der Teufel des Richters Leibes habhaft werde und ihn mit seiner Seele hinab in die Tiefen der Hölle hole.

Da bemerkte der Teufel zum Richter: "Siehst du nun, was ein ernster Wille ist?" Die alte Frau verstummte. Satan fuhr fort: "Ich sagte dir, du sollst nicht mit mir gehen und du hast es doch getan. Ich sagte dir, du sollst mir nicht drohen und du hast es doch getan." Der Richter wurde kreideweiß, denn er wusste um den Fremden. Für die anderen war es nun ein unwirkliches Schauspiel. "Und Schande hast du gebracht über deinen ehrbaren Beruf. Und Elend hast gebracht über diese ehrbaren Bürger. Und Schmähung hast du gebracht über die alte Frau."
Er blickte zurück zu seinem Begleiter, dem ein kleines, genüßliches Lächeln auf den Lippen lag. "Gnade!", rief er immer wieder: "Gnade!"
"Gnade?", fragte sein Gegenüber: "Hast du sie denen erwiesen, denen du auf richterliche Anordnung eine Zusatzsteuer auferlegt hast? Hast du sie jenen hier am Markt erwiesen, deren Standgebühr den Gewinn frisst? Hast du sie denn denen erwiesen, die vor kurzem Schwein und Kind verwünschten? Hast du sie der alten Frau erwiesen, deren Mann im Kerker schmachtete und deren letzte Kuh du ihr genommen hast?" Er beginnt zu lachen. "Gnade? Sehe ich so aus, als würde ich Gnade gewähren?" In jenem Augenblick verwandelte sich das Gesicht des jungen Mannes in eine pechschwarze Fratze. "Im alten Testament steht, man solle Gleiches mit Gleichem vergelten. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dieses Rachegesetz wurde durch Jesus Christus widerrufen. Man solle beim Wangenstreich auch die andere Seite hinreichen. Wie viele Wangen hat dir diese Stadt gereicht? Sind es denn nicht genug gewesen?" Der Ritter fiel auf die Knie und zitterte am ganzen Leib.

"Am heutigen Tage wurde mir gewährt, alles zu nehmen, was mir ernstlich geboten wird.", rief der schwarze Mann zum Volke. Die alte Frau begriff und suchte den Wunsch rückgängig zu machen. Doch der schwarze Mann sieht ihre Regungen und beruhigt sie: "Wegen ihm würde ich mir keine Gedanken mehr machen. Irgendein anderer hätte sein Leid heut sicher geklagt. Diesmal warst du es eben, der diesen Mann seiner Strafe aussetzte." Dann wendet er sich wieder dem Marktvolk zu: "Seht, ein Mensch! Trotz allem Schrecken ist er nicht mehr als das und heut nehme ich euch euren Peiniger. Möget ihr mit dem Nächsten mehr Glück haben."
Mit diesen Worten packt der Teufel, der wusste, dass irgendjemand klagen würde, den Richter bei den Haaren, wie der Aar** das Huhn. Seine Leibwächter trauen sich keinen Schritt heran. "All deine Macht und all dein Geld sind in diesem Augenblick bedeutungslos. Nichts kannst du mitnehmen. All dein Tun war ein Haschen nach Wind. Und zum Staub wirst du zurückkehren." In jenem Moment entzündet sich der schwarze Mann und brüllt: "Auf das alle wissen, dass es unklug ist, sich über Dämonen zu erheben!" Eine große Flamme hüllt die beiden ein. Die Umstehenden fliehen vom Markt.

Als sie wieder zurück an den Ort des Geschehens kommen, finden sie nichts als verwehte Asche vor. Die Stände ringsum aber sind unversehrt.
Sie wähnen den Richter Bergesangesicht und versuchen ihn in der Ferne des Himmels auszumachen, doch sie finden ihn nicht.
So ward der gewinnsüchtige Richter betrogen und nimmer wieder gesehen. Es bewährt sich also, dass es unweise ist, mit dem Teufel umzugehen.

Ende

* Das Schafott (auch Blutgerüst) ist eine erhöhte Richtstätte für Hinrichtungen. Die Enthauptung wurde und wird oft auf öffentlichen Plätzen praktiziert. Der öffentliche Charakter sollte das Volk davor abschrecken, Verbrechen zu begehen, die Autorität der Regierung demonstrieren und gleichzeitig eine Art Unterhaltung für die breite Masse sein. Hierzu war das Schafott oft als ein erhöhtes Podest aufgebaut und wurde deshalb auch Blutgerüst genannt.

** Bezeichnung für Greifvögel, im Mittelhochdeutschen Aar.
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