Wohin der Weg auch führt




Unterhaltungsliteratur in ihren verschiedenen Formen, wie beispielsweise Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Berichte, Märchen und Sagen

Wohin der Weg auch führt

Beitragvon vlindertje » Do 4. Aug 2011, 08:38

Kapitel I

Samstag, 09.Oktober

Meine Gedanken halten mich mal wieder gefangen und führen mich weit weg in eine einsame , dunkle Welt. Eine Welt, die ich größten Teils hinter mir gelassen habe oder die nun vielmehr tief in mir wohnt und die ich schon fast ganz vergessen habe. Ab und an nur taucht sie auf und nimmt mich gefangen - ohne Vorbereitung, ohne ersichtlichen Grund.

Sie ist dunkel, kühl,drängt sich mir auf und mich in mir zurück. Die Wirklichkeit verschiebt sich. Alles wird unwirklich um mich herum. Was ist real? Was Realität? Ich werde, wie in einem Trancezustand versetzt. Alles fühlt ich so fluffig an. Was ist los mit mir? Manchmal nur stellt sich mir diese Frage. Andermal laß ich mich einfach so treiben - treiben ins Nichts, treiben in die Leere.

Alles wirkt so zerbrechlich, so endlich, so verletzlich - so wie ich. Ich kann sie spüren, meine Verletzlichkeit, meine Schwäche, meine Vergänglichkeit. Ich weiß, daß alles in Bewegung ist und doch irgendwie still steht - für mich, damit ich es in mich aufsaugen kann. Ich habe Angst irgend etwas, was mir wichtig ist, zu vergessen. Nichts ist selbstverständlich, nicht normal. Was ist Normalität denn auch schon? EIne fragliche Definition der Masse in der man sich bewegt, in der ich mich bewege.

Sind meine Gedanken frei? Darf ich alles Denken, was ich denke und wenn ja warum fühlt sich manches so schwer an? Woher kommt dieses fragende Etwas? Woher kommt meine hohe Selbstkritik? Ich hab noch viel vor mir, wie ich merke.

Vor allem die Sprünge meiner Gednaken und Gefühle gehen einfach viel zu schnell. Ich kann sie momentan noch nicht stoppen, noch nicht in eine Form bringen, doch ich weiß, bin überzeugt davon, daß mir dies gelingen wird, denn ich habe eine wundervolle Stütze an meine Seite bekommen. Seit langer, langer Zeit verspüre ich nun endlich das Gefühl angekommen zu sein und mich öffnen zu können und zu dürfen. Zwar hab ich selber Angst mir an verschiedenen Stellen zu begegnen, doch es ist bestimmt sehr nützlich. Lange Zeit war ich in mir gefangen und nun fühle ich mich verstanden und geliebt, nun fühle ich mich frei zu experimentieren und weiß, ich werde ernst genommen und akzeptiert.

Ach, da hab ich mich schon wieder erwischt bei dem Angreifen meiner eigenen Gedanken. Kaum sage ich, daß ich mich erst genommen fühle und schon verurteile ich mich gleichermaßen dafür, daß ich so was denke, weil es ja irgendwie so klingt als hätte man mich bisher nie ernst genommen, was ja auch nicht der Wahrheit entspricht. Genau solche Dinge sind es, die es mir selbst, in mir, schwer machen.

Achja, schon verwirrend oder eher chaoisch ist alles mal wieder. Ich sollte mich bemühen in meine wirren Gedanken wirklich in eine gewisse Reihenfolge zu bringen, auch wenns viel ist, was sich mir zeitgleich aufdrängen will. Ich muß es irgendwie schaffen, wenn ich los werden will, was mich immer wieder unverhofft gefangen nimmt - meine dunkle, kühle, einsamme Gedankenwelt, die doch eigendlich nur extrem laut nach Liebe und Versöhnung mit mir selbst schreit.

Sonntag, 10.Oktober

Ich bin nicht allein. Dieser Gedanke begleitet mich. Lange, lange Zeit, ja bis jetzt, fühlte und war ich allein in meiner Welt, in mir drin, doch nun ist es anders. Erst glaubte ich, alles sei wie immer, doch dann, als ich durch meine einsammen, kühlen und dunklen Räumen in mir schritt, welche Traurigkeit auslösen, sah ich etwas. Ich sah jemanden. Ich sah Licht. Eine Stelle der Mauer scheint kaputt zu sein. Sie hat Risse oder besser gesagt, es sieht so aus als fehle da ein ganzer Stein.

Was Liebe so alles kann? Ich habe darüber schon so oft nachgedacht: Egal, wie sehr mich jemand lieben würde, in mir würde ich immer allein sein. Wer könnte in mich eindringen? Wer würde eine so schwache Person vermuten hinter der Fasade einer starken Frau? Ich weiß, daß immer alle meinen, daß ich stark sei, doch ich selbst schätze mich nicht als besonders stark ein.

Wahrscheinlich ist dies auch immer der Grund warum alle meinen ich schaffe es - was immer dieses "es" dann auch sein mag. Ich fühle mich allein mit diesem "es" - manchmal überfordert, mehr verzweifelt. Ich suche helfende Hände, doch man sieht nur die starke Frau. Bin ich nicht selbst daran Schuld? Schuld, daß man mir nicht mehr hilft? Ich versuch zu verstehen, warum mir andere, von denen ich es erwarten oder wünschen würde die benötigte Hilfe nicht anbieten oder auch bei Nachfrage verweigern, indem sie auf Unlust oder sonstige Banalitäten verweisen, doch ich versuche sie zu verstehen. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich in meinem Kopf für sie Begründungen einfallen lasse, die relativ plausibel klingen - irgendwo nachvollziehbar für mich, auch wenn ich es anders machen würde.

Nun diese defekte Mauer. Er hat den Raum betreten, hineingeschlüpft durch dieses Loch. Da steht er nun im Halbdunkel und sieht mich liebevoll an. Er reicht mir seine Hand, trocknet meine Tränen mit seiner Hand. Er erste Schreck über das Bemerken meinerseits, daß er mir so nahe gekommen ist, weicht langsam einem angenehmen Gefühl: ich bin nicht allein.

Noch niemand war mir bisher so nah. Selbst beste Freunde oder die Eltern nicht. Immer gab es Räume in mir die dunkel, kalt und einsam waren und ich weiß daß diese auch noch weiter so bestehen werden. Dennoch tut das Licht, was er mit in diesen einen Raum bringt gut. Ich sehe Berge von Arbeit vor mir, gleich Türmen, die umkippen und auf mich fallen wollen, wenn ich sie nicht stütze oder abtrage. Er macht mir klar, daß er mir dabei helfen will. Ich möchte daß er bleibt und dennoch habe ich Angst. Sie sitzt so tief in mir. Noch nie hat jemand diesen Raum so aufdringlich betreten. Alle, die vielleicht mal die Möglichkeit hatten hinein zu sehen, sahen auch schnell wieder weg. Manche warfen noch eine Kiste hinein, andere bemerkten die Arbeit und rieten mir sie zu erledigen, abzuarbeiten, doch niemand blieb so permanent da. Niemand drängte mir seine Hilfe so auf. Niemand bemühte sich so akribisch meine Hand fest zu halten.

Ich werde ihm die Räume zeigen -Stück für Stück - und mal sehen was geschieht. Er wirft mir einen warmen Mantel zu. Seine Wärme umarmt mich, läßt mich seine Gegenwart wahrnehmen, egal in welchen Winkel ich mich begebe, auch wenn ich an Stellen meiner innern Räumen gehe, zu denen er mir nicht folgen kann oder ich ihn noch nicht folgen lassen kann.


Kapitel II

Er schlägt das Tagebuch wieder zu. Es ist schwarz und unscheinbar, mit einem kleinen silberfarbenen Schloß versehen. Als sie vom Krankenhaus in diese psychartische Einrichtung übergeben wurde, befand sich dieses Buch in ihrer Tasche. Eine aufmerksame Krankenschwester hat es heimlich heraus geholt und ihm übergeben, mit der Bitte, es zu lesen, da sie hofft, daß er ihr dann besser helfen könne, wenn er ihre Gedankenwelt kennt. Solche gut gemeinten Hinweise kommen ihm, als Psychater, sehr gelegen. Wie vielen Menschen könnte er besser helfen, wenn sich diese wirklich ehrlich und offen äußern würden. So ein Tagebuch ist dann Gold wert. Jeden Tag hat er darin gelesen, einige Stellen mehrfach.

"Warum haben sie es getan?" Sie schweigt, sieht ihn nicht an. In dem großen, hohen, ledernen Sessel wirkt sie verloren. Ihr Blick ist fest auf den kleinen runden Glastisch gerichtet. Er ist schwarz, so wie der lederne Sessel, in dem sie versunken ist und die restlichen Möbel des Zimmers. Die Wand ist leicht beige gefärbt und seltsame Gemälde hängen daran. Ein Bild, zu ihrer Rechten, fesselt immer mal wieder ihre Aufmerksamkeit. Es besteht aus farbigen Kästchen, die aussehen, als seinen sie von Kinderhand gezeichnet. "Bitte, sagen sie mir warum sie es getan haben! Was war ihr Beweggrund?" Sie zeigt keine Reaktion und würdigt seine Bemühungen keines Blickes. "Ich möchte Ihnen hefen. Dafür müssen sie mir allerdings vertrauen und mir sagen, was sie zu ihrem Handeln veranlaßt hat." Sie möchte nicht darüber reden. Mehrfach schon hat sie ihn dies verdeutlich. Auch heute wird diese Sitzung wieder vergebens sein.

"Ich versteh nicht, warum sie mich so ignoriert. Ich bin ihr Psycharter. Ich will ihr doch helfen. Ich meine, der Grund für ihr handeln; ich glaube nicht, nein ich bin überzeugt, es war keine Kurzschlußreaktion." "Mag sein, machen kannst du nichts. Wenn sie dir nichts weiter erzählen möchte, hast du keine Chance die Zusammenhänge zu verstehen." "Ich weiß." Er nippt an seiner Tasse. "Vielleicht ist sie aber auch nur mißtrauisch, denn schließlich ist sie selbst eine sehr erfolgreiche Anwältin." "Gewesen, mein Kollege, gewesen. Sie wird nicht einen Auftrag mehr bekommen, auch später nicht. Falls doch, dann wird sie daran zerbrechen, solange nicht ihre eigene Tat geklärt ist." "Mag sein." "Für jemand, der sie seit kurzem erst kennt, scheint ihre Handlung eine spontane, unbedachte Tat gewesen zu sein. Nachdem sich viele eine Meinung und ein Urteil darüber gebildet haben, wird sie eine Zeit lang therapiert und dann geht sie wieder nach hause. Die wirklichen, tieferen Beweggründe, die, die der Hilfe wirklich bedürfen, bleiben im Verborgenen. Es wird nur die Oberfläche bearbeitet. Wer kann garantieren, daß sie es nicht wieder tun wird? Ich sage dir: Niemand. Und weißt du warum? Weil Keiner verstanden hat, warum sie dies getan hat und was sie zuvor beschäftigt hielt. Dort muß man ansetzten, dort und nirgends anders." "Wie soll das gehen, wenn sie nicht erzählt, was sie dazu veranlaßt hat? Wenn sie dir keine Details diesbezüglich bekannt gibt, wie willst du denn dann noch mehr Informaion aus ihr heraus bekommen? Dafür müßte man wissen, was sie eine ganz lange Zeit vor ihrer sogenannten Kurzschlußreaktion getan, besser noch, gedacht hat. Sozusagen müßte man wissen, was sie gedanklich beschäftigte."

Nach dieser Unterhaltung mit seinem jüngeren Kollegen, betritt der alte, erfahrene Psychater wieder sein Büro. Langsam läßt er sich auf den weichen Stuhl hinter seinem Schreibtisch nieder. Die junge, erfolgreiche Anwältin läßt ihm keine Ruhe. Er kann das "wieso" nicht verstehen. Auf den ersten Blick war sie nicht die typische Frau, die einfach Dinge tut, ohne darüber nachzudenken. Sie war Anwältin. Ihre Karriere hat sie früh begonnen. Direkt nach ihrem Studium hat sie entscheidende Fälle an Land gezogen und gewonnen. Binnen kurzer Zeit war ihr Name in diesen Kreisen bekannt. Sie hat sich ausführlich mit ihren Klienten auseinander gesetzt und immer auch Extraarbeit geleistet. Ihr war wichtig, daß ihren Klienten Recht geschah und blieb die ganze Zeit ihrem eigenen Gerechtigkeitsempfinden treu, indem sie nur Fälle annahm, bei denen sie der Überzeugung war, daß ihren Klieneten Unrecht wiederfuhr oder diese um ihr tatsächliches Recht kämpften. Nie hätte sie sich des Geldes wegen verbogen. Es tat ihr nicht leid, um den verlorenen Gewinn, der ihren Kollegen zufloß, wenn diese für eine zwielichtige Person ein Streit ausfochten. Sie hätte nie für jemanden, den sie als unehrlich und gehässig empfindet und deren Anliegen in ihren Augen ungerecht sind Anklage geführt oder diesen verteidigt. Sie wollte sich jeden Morgen selbst noch in die Augen schauen können. Von vielen Kollegen wurde sie dafür belächelt, doch ihr war es egal.

Der alte Psychater greift zum Telefon und ruft seinen jungen Kollegen, mit dem er vorhin gesprochen hat, an. "Kannst du mal zu mir ins Büro kommen? Es ist vertraulich." Einige Zeit schon hat er sich Gedanken darüber gemacht, wie er der jungen Anwältin weiter helfen kann. Er kennt sein Fach gut. Viele von denen, die er betreute, leben heute so unauffällig, wie all die anderen Leute. Ein Patient, der nicht mit ihm sprechen will und bei welchem gar kein Ansatz zu fruchten scheint, so etwas gab es bisher so gut wie noch nicht. In seiner ganzen Karriere als Psychater, hatte er nur einen einzigen Patienten, der unter Tränen darum bat, von einem anderen Kollegen betreut zu werden. Der Patient war eine Frau mittleren Alters und es war zu der Zeit, als er sich selbst noch in dieser Altersstufe bewegte. Lange ist dieser Fall schon her. Diese Patientin damals wollte nicht mit ihm sprechen. Eine Kollegin übernahm ihre Betreuung. Später stellte sich heraus, daß sie von dem Freund ihres Bruders vergewaltigt wurde, dem er sehr ähnlich sah.

Es klopft an der schweren Holztür. Der junge Kollege tritt herein. "Komm setz dich!" Stühle werden gerückt. "Ich habe dich her gerufen, weil ich dir etwas anvertrauen möchte." Ein neugiriger, fragender Blick trifft das Gesicht des alten Psychaters. "Ich habe dir doch vorhin von der jungen Anwältin erzählt." "Von der die nicht so richtig mit dir reden möchte." "Ja, genau die. Einmal in meiner ganzen Zeit als Psychater, und daß sind bisher immerhin schon fast vierzig Jahre, hatte ich eine Patientin, die sich mir gegenüber nicht öffnen könnte. Der Grund dafür war, wie sich später heraus stellte, daß sie von jemanden vergewaltigt wurde, der mir optisch sehr ähnlich sah." "Und sie denken, der Anwältin könnte ähnliches widerfahren sein?" "Ich weiß es nicht." Ratlos schüttelt der alte Psychater seinen Kopf. "Es ist eine unbegründete Vermutung meinerseits, der Versuch einer Erklärung für ihr Verhalten. Auf jedenfall wüßte ich nicht, welcher Kollegin ich sie anvertrauen kann." "Was ist mit Frau Rößler?" "Nein, dies ist nicht möglich. Sie ist zu anständig, um sich in einer Grauzone zu bewegen." "In einer Grauzone?" "Ja, Grauzone." Ziemlich verwirrt schaut der junge Psychater ihn an. "Was für eine Grauzone? Und wieso erzählst du mir davon?" "Ich meine nichts schlimmes und ich erzähle dir davon, weil ich dich für geeignet halte." "Geeignet wofür?" "Nicht so hastig, mein junger Kollege." Langsam öffnet er seine Schreibtischschublade und greift hinein. "Du sagtest doch, daß man, um die Handlung der jungen Anwältin, die sogenannten Kurzschußreaktion, um eben diese nachvollziehen zu können, wissen müsse, was sie eine geraume Zeit vor ihrer Tat beschäftigt hat und vor allem, was sie gedanklich, tief im Inneren, bewegte." "Ja." "Könntest du dir vorstellen, der jungen Anwältin zu helfen?" "Gern würde ich es versuchen, aber wie könnte ich in ihr Inners schauen?" Vorsichtig schiebt er das einfache, schwarze Tagebuch mit dem silberfarbenen Schloß zu seinem jungen Kollegen über den Tisch. Dieser ist sichtlich irritiert. "Dies ist ihr altes Tagebuch. Es fehlen einige Seiten darin, doch es hilft dennoch, ihre Gedankenwelt zu ergrunden." "Hat sie es dir gegeben?" Der alte, erfahrene Psychater schweigt. "Wo hast du es her? Daß ist wirklich dunkelste Grauzone." "Möchtest du ihr helfen oder nicht?" Der junge Psychater schweigt. "Dann ließ dieses Tagebuch und versuche sie zum Reden zu bewegen."
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Re: Wohin der Weg auch führt

Beitragvon vlindertje » Sa 6. Aug 2011, 20:56

Kapitel III

Die junge Anwältin sitzt in ihrem Zimmer. Vom Bett aus kann sie aus dem Fenster blicken. Mal wieder ist es Herbst. Die meisten Blätter sind schon von den Bäumen gefallen und liegen platt am Boden. Seit einigen Tagen regnet es in Strömen. Das Treiben des Windes ist ebenfalls gut zu hören, wenn er sich durch die Spalten am Fensterrahmen drückt. Selbst bei geschlossenem Fenster kann man, wenn man dicht vor dem Fenster steht, seine Kälte spüren. Selbst die großen, schweren Bäume werden von ihm weich hin und her gebogen. Es ist ein spannendes Schauspiel, welchem sie nachdenklich zusieht. Das dunkle Grau da Draußen scheint keinen Sonnenstrahl mehr zum Boden lassen zu wollen, weder heute noch die kommenden Tage. Eine Pflegerin meinte, daß es noch ein wenig auf sich warten ließe, bis die Sonne wieder scheint. Sie wird wieder scheinen, die Sonne, da ist sie sich ziemlich sicher.

Der erfahrene, alte Phsychater betrachtet von seinem Büro aus ebenfalls das wilde Treiben vor seinem Fenster. Es ist inzwischen zwar schon eher früher Abend als später Nachmittag, doch er ist noch immer in der Psychatrie. Mit, auf dem Rücken verschränkten Händen, steht er schweigend da. Die junge Anwältin könnte seine Tochter sein. Gut, er müßte dann zwar erst sehr später Vater geworden sein, doch rein theoretisch wäre es möglich. "Schade, daß es keine Informationen zu ihrer Vorgeschichte gibt." Leise spricht er mit sich selbst. "Zumindest gibt es nichts Brauchbares. Wäre es vor zwei Jahren geschehen, dann, ja, dann wäre es erklärbar gewesen. Es wäre schnell zu einer der tyischen Verzweiflungstaten deklariert wurden." Jetzt allerdings sieht es anders aus und er weiß es. Seine Erfahrung hat ihm gelehrt, daß es, nach diesen Jahren, nicht der Auslöser sein kann. Die Wahrscheinlichkeit jedenfalls ist gering.

Tief ins Lesen versunken sitzt der junge Psychater in seinem Sessel. Er ist inzwischen bei sich zu hause und nimmt nebenher immer wieder einen Schluck aus der Teetasse, die er zuvor neben sich, auf den kleinen Tisch, gestellt hat. Noch nie zuvor hat er ein Tagebuch gelesen, schon gleich gar nicht eines seiner Patienten. Selbst hat er auch schon einmal angefangen seine Gedanken wahrheitsgetreu nieder zu schreiben, vor allem an den Tagen, die besonderen Eindruck bei ihm hinterlassen haben, Tagen, an denen mehr als der gewöhnliche Trott geschehen ist. In seiner Studiumszeit wurde ihm allerdings klar, wie gefährlich es sein kann, wenn diese, sehr persönlichen Daten, in Hände von Leuten kommen, die einem nichts Gutes wollen. Geschriebene Texte können viel zu leicht auch falsch interpretiert werden. Die meisten Leute schreiben, so wie er, nur in solchen besonderen Momenten ihre Gedanken und Gefühle auf. Dies ist sehr, sehr hilfreicht und nützlich für zum Beispiel das eigene Verarbeiten von dramatischen Erlebnissen und zum Erinnern an Schöne. Sie jedoch, diese persönlichen Aufzeichnungen, zeigen nie ein genaues Gesamtbild einer Person. Ihm ist es bewußt und ein bischen unwohl ist ihm dabei, daß er, unerlaubterweise, in die Gedanken- und Gefühlswelt der jungen Anwältin Einblick nimmt, noch dazu, da er sie bisher nur von weitem gesehen, doch noch nie auch nur ein Wort mit ihr gewechselt hat.

Die Nacht ist mittlerweile angebrochen. Noch immer ist das stürmische Treiben des Windes zu hören. Der Regen scheint eine kleine Pause eingelegt zu haben. Die junge Anwältin liegt unter der dicken Daunendecke. Ein kleineres weiches Kissen hält sie mit ihren Armen umklammert. Zwar haben die Pfleger die Gardinen vor den Fenster zugezogen, doch ein kleiner Spalt zwischen den beiden Vorhängen ist offen geblieben. Durch diesen kleinen Spalt kann sie in die Nacht hinaus blicken. Sterne allerdings sind aufgrund des Wetters heute nicht zu sehen. Das Licht des Mondes ist ebenfalls stark getrübt. Zu hause hat sie so manche laue Sommernacht auf ihren Balkon gesessen, bequem auf ihrem Schaukelstuhl, und hat den großen, weiten Sternenhimmel bei Nacht bewundert. Durch den Balkon der Wohnung über ihr, war es ihr sogar möglich, wenn es regnet, draußen, auf ihrem Schaukelstuhl, im Trocknen zu sitzen. Vor allem im Sommer, wenn der Regen überraschend nieder fiel und viele zur Eile trieb, blieb sie entspannt sitzen und genoß die frische Luft, die ein Regenschauer verschafft, während sie mit geschlossenen Augen diesem lauschte. Ihr kommt diese fröhliche, entspannte Zeit, so wie der letzte Sommer, vor, als seien diese ewig lange her.

Noch immer sitzt der junger Psychater, mit dem Tagebuch der Anwältin in seiner Hand, in seinem bequemen Sessel. Die Teekanne, die neben seiner Tasse auf dem kleinen Tisch steht, ist bereits geleert. Er selbst ist tief in den Sessel nach unten gerutscht und hat die Augen geschlossen. Das Tagebuch liegt inzwischen auf seinem Bauch und wird nur noch leicht von seinen beiden Händen gehalten, als bewache er schlafend einen Schatz. All die vielen geschriebenen Worte hat er versucht nachzuvollziehen, doch anstelle ihm eine Antwort zu liefern, haben sich ihm nur immer mehr Fragen gestellt. Ob das kleine Tagebuch ihm wirklich weiter helfen wird, bezweifel er ein wenig. Hätte ihm irgend jemand anderes solch ein Buch in die Hand gedrückt, hätte er dankend abgelehnt, doch der alte Psychater ist jemand, den er sehr bewundert und von dem er weiß, daß ihm seine Patienten sehr am Herzen liegen. Dieser alte Herr hat immer sein ganzes Selbst eingebracht, vor allem dann, wenn er etwas Unerklärliches gefunden zu haben scheint. "Immer wieder kann man Neues über die menschliche Psyche erfahren. Nie wird jedes Rätsel des menschlichen Verstandes gelöst sein. Mein Beruf ist mir bisher nicht langweilig geworden, gerade solcher Fälle, wie der, der jungen Anwältin wegen" Diese Sätze hat ihm der alte und erfahrene Psychater immer und immer wieder gesagt. Seine Entscheidung, selbst in diesem Beruf aufzugehen, erscheint ihm die richtige Wahl gewesen zu sein.

"Und hast du schon angefangen zu lesen?" Der neue Tag hat begonnen und der alte Psychater hat seinen jungen Kollegen direkt hinter der Eingangstür abgefangen. "Ja, hab ich." Geschäftigen Schrittes und ohne den älteren Psychater länger anzusehen schreitet er auf seine eigene Bürotür zu. Der Alte weicht ihm allerdings nicht von seiner Seite. Als er seine Bürotür öffnet, hinein schlüpft und diese schnell wieder schließen will, stellt der alte Psychater seinen Fuß dazwischen und zwängt sich hinein. "Was ist los?" fragt er, während er die Tür hinter sich schließt. "Es kommt mir falsch vor, dieses Tagebuch zu lesen. Ich habe mit der jungen Frau noch nie ein Wort, noch nicht mal einen Blick, gewechselt, kenne aber schon nach einigen Seiten ein Teil ihrer Gedanken. Wie soll ich ihr denn jemals gegenüber treten? Ich meine, mache ich mir dadurch nicht schon, bevor ich sie überhaut persönlcih kennen gelernt habe, ein Bild von ihr oder bilde mir schon ein Urteil über sie?" "Gut möglich. Ich hoffte, du kannst damit umgehen und ihr helfen. Naja, da hab ich mich wohl geirrt." Betrübt wendet der alte Psychater seinen Blick von seinen jungen Kollegen ab und blickt zu Boden. Diese kramt inzwischen in seiner Aktentasche, die er auf seinem Schreibtisch abgestellt hat. "Bitte." Er wirft das Tagebuch auf den Schreibtisch, direkt neben seine Tasche. Der alte Psychater nickt bedächtig. "Gut." Langsam zieht er das Büchlein über den Tisch und umgreift es mit beiden Händen. "Gut, dann nehme ich es eben wieder mit." Langsam schlendert er zur Tür. Dort bleibt er, ohne sich noch einmal zu seinen jungen Kollegen umzudrehen, stehen. "Ich habe so darauf gehofft, daß du ihr helfen kannst, da bei mir jeder Versuch, den ich unternahm, um das "warum" zu verstehen, scheiterte. Keine Ahnung, wie oder wer ihr nun noch die Hilfe bieten kann, die sie zu brauchen scheint." Er umgreift die Türklinke, drückt diese nach unten. "Wahrscheinlich habe ich mich geirrt, vielleicht war es doch nur eine der üblichen Kurzschlußreaktionen." Langsam fällt die Tür ins Schloß, nachdem der alte Psychater diese durchschritten hat.
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Re: Wohin der Weg auch führt

Beitragvon vlindertje » Sa 3. Dez 2011, 22:25

Kapitel IV

Still bleibt der junge Psychater neben seiner Aktentasche stehen. Was soll er nur tun? Soll er etwas unternehmen? Die Nacht gestern war lang und deren Gedanken viele. Zweifelnd wiegt er seinen Kopf hin und her. Kann er den Wunsch seines alten Kollegen einfach so ablehnen? Gut, er hat seine eigenen Fälle abzuarbeiten. Was, wenn dieser der jungen Anwältin nicht weiter helfen kann? Würde er nun, da er in ihrem Tagebuch gelesen und sich gedanklich damit auseinander gesetzt hat, eine Teilschuld tragen, wenn selbiges noch einmal geschieht? Mit einem Kopfschütteln versucht er die Gedanken daran zu vertreiben. Langsam setzt er sich in seinem großen Stuhl und hebt die erste Akte des heutigen Tages vom Stapel.

Die junge Anwältin liegt regungslos in ihrem Bett. Ein Pfleger hat bereits die Vorhänge geöffnet, doch auch dieser Tag bringt nur Regen mit sich. Die junge Frau schaut den fließenden Topfen an der Fensterscheibe zu. Mit einem klatschenden Geräusch fallen sie ans Fenster, an welchem sie hinabrinnen. Einer nach dem anderen Tropfen fließt so in die Tiefe. Es gleicht Tränen, die der Himmel weint. Es gleicht den Tränen ihres Herzens, den Tränen, die viel zu oft über ihr Gesicht rinnen und von denen sie hofft, daß sie niemand sieht, denn sie hat es nicht gelernt, ihre Schwäche zeigen zu dürfen. Immer wieder wurde sie ermahnt stark zu sein, zu lächeln, ein glückliches Bild abzugeben. Niemand, außerhalb des Hauses, durfte auch nur erahnen oder vermuten, daß irgendetwas nicht so war, wie es nach außen den Anschein haben sollte. Immer wieder mußte sie sich und der Welt vormachen, alles sei gut und in Ordnung, so wie es ist. Jede sichtbare Schwäche, jeden ausgesprochenen Unmut oder jede noch so berechtigte, in der Öffentlichkeit geäußerte, Kritik wurde zu hause doppelt gestraft. Sie wußte es. Sie spielte das Spiel mit und lernte zu schweigen, ihre Gefühle zu unterdrücken und zu lächeln, auch wenn es in ihr noch so sehr schmerzte oder nach Gerechtigkeit und Wahrnehmung schrie. Nie hätte sie sich jemand anderen gegenüber geäußert oder gezeigt, daß nicht alles so ist, wie es den Anschein hat.

Er hatte geschlagen. Sie hat es gesehen. Sie sah die Verzweiflung auf dem Gesicht. Sie sah Wut und Angst. Sie wollte weg, einfach nur weg, doch sie konnte nicht. Wie oft träumte sie, sie falle in endlose schwarze Tiefe? Wie oft träumte sie, sie wolle schreien, doch ihre Stimme versagte? Ihre Ängste verschwieg sie. Einmal nur äußerte sie offen die Gedanken ihres Herzens und wurde dafür gescholten. Liebesentzug war die am liebsten gewählte Strafe, denn sie fiel anderen am wenigsten auf. Sie hinterließ weder Schrammen noch blaube Flecke und dennoch hinterließ sie Spuren. Diese Bestrafung hinterließ vielleicht sogar noch tiefere Wunden, als ein Schlag ins Gesicht. Sie wußte nicht damit umzugehen. Sich jemanden anzuvertrauen, auf diesen Gedanken kam sie gar nicht erst. Zu groß ihre Angst abgelehnt und zurückgewiesen zu werden. Ihr blieb nichts anderes übrig, als alles hinter einem Lächeln zu verstecken. Sie mußte diszipliniert sein und keine eigene Schwäche zulassen. Ihre Gefühle offen darzulegen und über die Verwundungen ihres Herzens zu sprechen, war ihr nicht möglich. Sie fand nicht den Mut dazu. Sie fand nicht die Stärke, Schwäche zu zeigen, aus Angst abgelehnt und verstoßen zu werden, denn nur fröhlichen Menschen, so hatte sie gelernt, würde Liebe und Aufmerksamkeit zuteil.

Wie gern würde sie sprechen wollen. Wie gern würde sie all ihren Schmerz einfach hinaus schreien. Wie gern würde sie all die unterdrückten Tränen vergießen. Ihre Angst allerdings, ihr Gesicht, ihre Stärke, sich selbst zu verlieren, hindert sie daran. Sie weiß, daß der alte Psychater es gut mit ihr meint. Er bemüht sich so um sie, wie sie es sich immer von ihrem Vater gewünscht hat. Dessen Liebe und Aufmerksamkeit hatte sie nie bekommen. Im Gegenteil. Er hatte sie verstoßen. Sie kann sich nicht daran erinnern, wie er wohl einst gewesen war. Bestimmt war er irgendwann mal ein liebevoller Vater gewesen. Vielleicht hat ihn das Leben ihn nur hart werden lassen. Sie mochte darüber nicht urteilen. Sie hat nie über ihren Schmerz diesbezüglich gesprochen. Sehr oft hat sie versucht zu verstehen, warum er sie verstieß. Hatte sie etwas böses getan? Hätte sie einfach netter sein müssen? Oder artiger? Sie weiß nicht, was sie verbrochen haben mag. Sie war noch so jung. Dennoch fühlt sie sich schuldig. Sie kann sich noch nicht einmal daran erinnern, diesen Mann Vater genannt zu haben. Wie gern wäre sie ihm näher gewesen. Nun allerdings ist es zu spät. Stattdessen sitzt ihr nun ein liebevoller alterPsychater gegenüber, den sie mit ihren traurigen Gedanken nicht verletzen mag. Ein Mann, bei dem sie spüren kann, daß er sie sofort als Tochter aufnehmen würde. Jemand, der sich um sie sorgt und doch hat sie Sorge ihm irgend ein Wort mitzuteilen, aus Furcht, er könnte sie ebenso verstoßen, wie ihr Vater damals.

Der alte Psychater hat inzwischen sein Büro erreicht. Heute würde er wieder ein Gespräch mit der jungen Anwältin führen. Es wird sich, wie immer, auch dieses mal wohl eher um einen Monolog handeln. Er würde sich so sehr wünschen, daß sie spricht, daß sie sich ihm anvertraut, doch die Hoffnung hat er diesbezüglich schon irgendwie aufgegeben. Wenn es schon so sein soll, dann wollte er wenigstens verstehen, warum sie nicht mit ihm sprechen möchte. Liegt es an ihm? Stellt er die falschen Fragen? Bedrängt er sie zu sehr? Fühlt sie sich eingeengt oder irgendwie unwohl in seiner Gegenwart? Was auch immer ihre Beweggründe sein mögen, er muß ihr weiter helfen, sie wenigstens an jemand anderen weiterleiten. Er weiß nicht, wieviel Zeit ihm verbleibt. Wie lange würde man sie noch in der Klinik behalten? Er bekam meist nur eine kurze Notiz von seinem Chef, welcher ihn aufforderte, mit dem entsprechenden Patienten einen Termin zur ambulanten Vorstellung auszumachen. Der Chef entschied laut Aktenlage und Andrang. Sie lehnte offentsichtlich jede Hilfe ab, wirkte ansonsten allerdings sehr sortiert und gefestigt. Lange würde sein Chef sich dies alles nicht mehr ansehen und die Patentin zum Gespräch bitten. Anschließend würde er eine Entscheidung treffen. Der alte Psychologe weiß, daß er zwingende Gründe herausfinden oder zumindest notieren muß, damit sie etwas länger in der Anstalt bliebe und er ihr tatsächlich die notwendige Hilfestellung geben kann. Wenn sie so entlassen werden würde, würde es nicht lang dauern, bis sich alles wiederholt und wer weiß, wie dann der Ausgang sein möge.

Er möchte es nicht darauf ankommen lassen. Erneut studiert er ihr Tagebuch. Die Eintragungen enden zwei Jahre vor dem besagtem Tag. Sie hat aufgehört zu schreiben. Sie hat bewußt gestopt, all ihre Gedanken zu notieren. "Wie schade. Es hätte ihr sicher geholfen, alles besser zu verarbeiten und vielleicht hätte ich ihr dann auch in der jetzigen Situation helfen können." So persönlich das Tagebuch auch war, so viele Details schienen auch zu fehlen. Seltsam ist auch, daß sie, nach dem Beschluß, nichts mehr nieder zu schreiben, einige Monate vor besagtem Zeitpunkt, wieder damit anfing. Es sind nicht viele Eintragungen und diese sind auch nicht wirklich hilfreich, sondern geben eher Rätsel auf. Bekannt war, daß sie allein lebte, Mutter eines Kindes war, welches vor zwei Jahren, im Alter von Fünf, verstarb und daß sie eine erfolgreiche Anwältin war, bis zu jenem Tag, der ihr Leben verändern sollte. Es könnte sein, daß ihre Tat in Zusammenhang mit dem Tod ihres Kindes steht, doch dies wäre zu einfach. Er weiß, daß sein Chef es so deuten würde und ihr Schweigen mit dem Schmerz, den sie deswegen noch in sich trägt und der durchaus verständlich ist. "Ich mag nicht daran glauben." hört der alte Psychater sich plötzlich laut sagen. Der Klang seiner eigenen Stimme läßt ihn kurz erschrecken. Erleichtert blickt er um sich. Niemand hatte es gehört, denn schließlich ist er allein in seinem Zimmer.
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