Die dreckige Seite Agrippinasniedergeschrieben von Hexagon
im 1. Jahr der Herrschaft Heinrich II., Sohn des verblichenen Otto III., aus dem Haus der Liudolfinger, den Fürsten über Sax, der König der teutischen Lande und König des Tiber, Hegemon über die Lombardei, Fronherr der Krone, Schirmherr und Heerführer der christlichen Lande, selbst erzogen in der Obhut eines Geistlichen
im Jahre 1313 nach der Thronbesteigung des Königs Seleukos I., eines Diadochen Alexanders des Großen
im Jahre 1002 nach der Geburt des Propheten Jesus
im Jahre 718 nach der Thronbesteigung des Kaisers Diokletian auf den rhomäischen Thron
im Jahre 392 nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina
Die Niederschrift in den Wochen meiner Einkehr in die große Stadt am Pasig.
So habe ich es selbst gesehen und erlebt, kein Wort dichtete ich hinzu.
Das teutische Reich verfügt über keine Hauptstadt. Wenn es aber eine hätte, sicher wäre es Agrippina, wenn es nicht Tiber wäre.
Ich war lange nicht mehr hier. Agrippina hat sich verändert. Und nicht wirklich zum Guten.
Dreck liegt überall, mehr als in anderen Städten. Überfüllt ist sie. Laut ist sie. Zu schnell gewachsen in den letzten Jahren. Ein fauliger, beißender Gestank lässt Kaufleute, wie Erntebringer wünschen, ihre Geschäfte in dieser Stadt schnell zum Abschluss zu bringen. Seuchen, die das ganze Hinterland ergreifen, haben hier oft ihren Anfang. Sie brechen hier aus oder werden mit einem der zahlreichen Schiffe eingeschleppt. Kein Tag vergeht, an dem nicht die Männer mit den schwarzen Kutten durch die Straßen ziehen und wieder einen Toten auf der Bahre tragen. Einen jener Unberührbaren, da der Tod schnell beim nächsten ist. Sie tun ihren wertvollen Dienst und werden doch verachtet. Einen ehrlichen Beruf dürfen sie nicht ausüben. Die Stadtoberen verbieten ihnen die Braut. Und selbst wenn sie dürften, die wenigsten wollen einen solchen als Schwiegersohn aufnehmen. Wenn sie doch einen Bastard aufziehen, so müssen sie es neben der Arbeit allein tun. Ein Erbe gibt es nicht. Und Aufstieg ebenso wenig. Sträflich macht sich fast die Frau, die die Schande gesteht, ihr Kind sei von einem der schwarzen Kutten.
In ihrer Not tut sich der Stand zusammen. Obschon, die Stadtoberen verbieten eine Versammlung als Berufsstand. Sie wird ihnen verwährt. Doch groß ist die Macht der Brüderlichkeit. So leben sie oft unter ihres gleichen, zusammengerottet in Hinterhöfen und schmalen Gassen. Wenn einer stirbt, den die Seuche dahinraffte, dann kommen sie wieder aus ihren Winkeln und werden ihn bergen, für einen Groschen oder weniger.
Die schwarzen Kutten also dienen als Abschreckung. Schaulustige sind dennoch immer dabei. Man will die Männer bei ihrem makaberen Spiel beäugen. Jene die nur dafür sorgen, die Seuche ein kleines Stück einzudämmen. Verkauft werden darf ihn nur über den Stock. Ein langes Holz schiebt die Ware zu ihnen, nachdem das Geld zuvor mit diesem herangezogen wurde. Niemand grüßt sie, niemand will sie. Und doch braucht die Stadt diese Männer. Diese gehören zum Stadtbild, seit sie erstmals im Jahre 803 bei der großen Pest mehr Arbeit bekamen, als sie bewältigen konnten. Nicht eine Familie, die nicht jemanden verlor. Mehr als ein Drittel der Stadtbevölkerung raffte dahin. Andere Orte traf es nicht so hart. Das ist das Los großer Städte.
"Totenträger", "Schwarzkutten", "Totenbringer" oder "Pestschlepper". Das sind alles gängige Bezeichnungen für die fleißigen Männer. Damit drückt der gemeine Mann seine Bewunderung für den Mut und gleichermaßen seine Verachtung über diese Armen aus. Sie dienen dem Gemeinwohl und sind dennoch nicht in der Gemeinschaft.
Auch ich erschrak, als sie das erste Mal meinen Weg kreuzten. Doch nun, da ich um sie weiß, empfinde ich nur noch Mitleid. Die armen Hunde unter den Kutten wissen, dass sie die nächsten sein könnten, die verenden und im Verdacht der Seuche außerhalb der Stadt, weit ab der Mauern in irgendeinem Massengrab verscharrt werden. Kein Stein wird ihrer gedenken, kein Holz wird zur Andacht mahnen.
Die Stadt selbst zeugt allgegenwärtig von der großen, fast ewigwährenden Geschichte. Die Präsenz der Rhomäa ist ebenso wenig der Stadt entschwunden, wie die Zeiten der ersten Christen, der merowingischen Herrscher und der karolingischen Dynastie. Oft geht man nur von Viertel zu Viertel und findet sich in einer anderen Zeit. Den Glanz, gewiss, muss man suchen wollen, möchte man ihn finden. Agrippina überstrahlte einst das päpstliche Tiber, das durch die Herren in Konstantinopel noch immer nahtlos an die imperialen Epochen anzuschließen vermag. Agrippina ist heute größer, dass lässt sich nicht bestreiten. Aber schöner ist es nicht.
Wo ist sie hin, die Kunst, eine so große Stadt sauber zu halten? Es findet sich kaum ein Moment, wenigstens das Gröbste zu beseitigen. Doch es gibt sie, die falsche Sauberkeit. Der Pasig durchfließt den Ort von Ost nach West und trägt ihn weg, den Müll, der falschverstanden durch diesen die Stadt verlässt. Der Fluß selbst war einst die Hauptversorgung für sauberes Trinkwasser aus den nahen Rhonebergen und lieferte durch jahrtausende alte Baukunst unterirdisch auch Wasser in die Zisternen und Brunnen der Stadt. Heute erstickt er im Dreck, der sich ungefiltert ins Hafenbecken ergießt. Bis an den alten Truskenwall, der dem Hafen, als künstlicher Damm von den Rhomäa aufgeschüttet, vorgelagert liegt. Es stinkt das ganze Wasser. Fische fängt hier keiner mehr. Bei Sturmflut wirft das Meer den Dreck zurück an Land, so als wollte Poseidon sein Meer rein halten.
Wäsche wäscht hier keiner mehr. Wer das Wasser verwenden will, muss es lange auskochen. Man begegnet dem Problem auf amüsante Weise und sorgt somit für die Wirtschaft. Der Handel von Bier und Wein blüht prächtig, denn gefiltert ist das nasse Gut und Hopfen, Hefe und Traube überdecken den übrigen Gestank. Für wahr, einen Feinschmecker lockt man damit nicht. Es bleibt: Das Wasser ist vergiftet.
Ähnliche Sorgen scheint es aber vor mehr als Tausend Jahren schon einmal gegeben zu haben. Wandert man in der Stadt dem fäulnisdarbenden Fluß entlang, so kann man in den niederen alten Handelshöfen, kaum über dem Wasserspiegel des Flusses, Zeugnisse vergangener Versuche finden, die Stadt vom Müll frei zu halten.
Ein riesiges, grobes Gitter liegt halb in den Fluß ragend, bleiern am Boden. Flußaufwärts finden sich abgescharbte, abgeschmirgelte Schaniere im Wasser. Sie sind bearbeitet durch den Fluß, vielmehr noch aber durch die zahlreichen kleinen und großen Fetzen, Hölzer, Schlick und Sande, die mit dem Fluß ins Meer gespült werden.
Das Gitter scheint länger als der Fluß breit ist und auch die Riefen und Vertiefungen im Boden sind nicht auf den jeweils gegenüberliegenden Seiten. Sie sind leicht versetzt. Deute ich diesen Fund richtig, so wurde das Wasser nicht nur grob durchsiebt, sondern der Schmutz zur etwas flussabwärts gewandten Seite geleitet, wo auch heute noch ein flaches Becken darauf hinweist, dass hier der Müll in diese Senke gespült wurde.
Ich war nie hier, als die Anlage noch tüchtig ihren Dienst vollrichtete, aber ich kann mir vorstellen, dass der gesammelte Abfall mit Karren weiter weg transportiert wurde. Aus anderen Städten jener Zeit ist mir bekannt, dass der Müll eine Strecke weit vor den Stadttoren aufgetürmt und dann verbrannt wurde. Mit der gewonnenen Asche konnte dann der Acker gedüngt werden. Wieso sollte es hier einst anders gewesen sein?
Offenbar war eine solche Schleuse auch nahe der Stelle verortet, an der der Fluß in die brahmsche Bucht mündet. So blieb das Hafenbecken einst sauber und man konnte sicherlich ein paar große Brocken angeln, all das zwischen Galeeren und Trimeren. Ich will die Zeit von damals nicht bewerten, aber malerisch klingt es wohl.
Da in alten Handschriften von großen Schleusen geschrieben steht, sehe ich meine Annahmen bestätigt.
In der Stadt finden sich auch viele Zugänge zur einst viel gerühmten Kanalisation. Die meisten Eingänge entpuppen sich heute als Sackgassen, da kurz nach der Tür, so sie denn nicht heraus gebrochen ist, die Tunnel im Laufe der Zeit und in ermangelnder Wartung eingestürzt sind. Oft sind sie auch zugeschüttet, um Dieben ein Versteck zu verleiden. Zu meist aber sind die Zugänge einfach unbedacht überbaut worden. Sie stecken unter den Böden oder hinter zugemauerten Wänden. Die Straßenverläufe haben sich geändert und so findet man nicht mehr viele dieser Tore in eine Stadt unter der Stadt.
Dort aber sicherlich wird die Zeit ebenso Einzug gehalten haben. Die noch offenen Eingänge dienen sicher einigen Säckelschneidern, Langfingern und Räubern als eine heimliche Bleibe. Die verwinkelten Gänge sind für die Stadtwachen ein Graus. Niemand will sich so recht da unten auskennen. So fand auch ich keinen Führer. Aber vielleicht habe ich auch nur die falschen befragt. Ich gehe davon aus, aber ich kann es nicht beweisen, dass die meisten Abschnitte mittlerweile den eingestürzten Toren zu diesen gleichen.
Vergangen ist sie, ach, die große Zeit. In jenen soll jede größere Stadt im Burgenland eine Kanalisation besessen haben. Doch Abwässer führen wohl nur noch die wenigsten Teile davon.
Erhebt man den Blick über die Stadt, so wird gewahr, dass noch mehr Zeugnisse aus alten Tagen vor aller Augen ihre Vergangenheit stumm kundtun. Ziegelsteine aufgetürmt bis über die Dächer der Stadt trugen einst Bögen die ganze Höfe überspannten und zu den Zisternen und großen Brunnen der Stadt führten. Da auch jene mit dem Zusammenbruch des Westrhomäischen Reiches nicht mehr in Stand gehalten wurden, brachen irgendwann die Bögen ein.
An einigen Häusern lässt sich nachweisen, dass sie anschließend aus jenem Material verfertigt wurden. Steinerne Häuser haben sich also durch diese Art des Steinbrechens erhalten. In anderen Städten ist der Steinbau zum Erliegen gekommen und sie muten an, wie große Dörfer aus Holzhäusern.
An vielen Stellen aber sind die Kolosse erhalten geblieben und nehmen die Sonne von der Straße. Sie werfen weite Schatten. Bildlich und symbolisch. Denn auch sie sind Zeugen einer Zeit, in der die Geschicke des Menschen bessere waren und er Bauten errichten konnte, als sollten sie zum Himmel reichen. Einige Kolosse aber sind selbst gestürzt. Ihnen half es wenig, die Bögen abzuwerfen. Nicht selten liegen sie noch heute da, wo sie Jahrhunderte her ihren Niedergang erfuhren. Die Straßen sind hindurchgezogen worden und der Schutt auf's Gröbste beräumt, aber oft auch wurde die darunter liegende Wegführung oder der darunter liegende Hof aufgegeben. Und so bleibt liegen, was keiner Ordnung bedarf. Bewuchs macht sich darauf breit und Tiere siedeln hier an. Inmitten der unruhigen Stadt entstehen so Oasen der Ruhe. Bäume sind hier keine zu finden, da sie schnell dem Praktischen dienen und im Ofen landen oder herausgerissen als Ausbesserung am Reetdach angebracht werden. Kleinere Sträucher und Unkraut überwuchert aber die steinigen Haufen und bietet manchem Tier Unterschlupf.
Allein eines der Aquädukte, wie die Rhomäa sie nannten, ist noch erhalten geblieben und tut wenig verlässlich seinen Dienst. Ihm allein ist es zu verdanken, dass noch ein Restgehalt klaren Wassers die Stadt erreicht. Aber es bröckelt an vielen Stellen auf der gesamten Strecke. Und der endgültige Bruch ist nur eine Frage der Zeit. Keine Kenntnis mehr hat einer der Steinmetzen, sie zu restaurieren. Keine Kenntnis hat der Baukundige mehr eine Restauration zu planen. Kein Geld hat mehr einer, diesen Aufwand zu zahlen.
Neben Tod und Verfall sahen meine Augen dann kurz vor meiner Abreise dann doch einen Funken Reinlichkeit. Unbeholfen zwar, aber einmalig im Okzient, haben sich in den letzten Jahren Gestalten ins Stadtbild gemischt, die man früher nie kannte. Auch sie werden gemieden, da sie nur dem Dreck der Stadt verpflichtet sind. Straßenfeger nennt man sie.
Von den Stadtoberen angestellt, aber in keinem Amt versehen, schieben und schleppen sie den Müll der Straßen umher. Was der Regen nicht fortspült, weil es in Ecken liegt oder zu schwer ist, bringen sie in Rinnen oder fahren es mit dem Karren. Sie schütten alles ohne Unterscheidung in den ohnehin toten, viel zu vollen Fluß. Dieser trägt, was er noch zu tragen vermag, in den Hafen.
Nach der Langfristigkeit eines solchen Handeln fragt hier niemand. Und es wird sicherlich wieder zu Problemen führen, die heute noch keiner sehen kann oder will. Aber es dient der Stadt, auch wenn die paar Hanseln dem Dreck der Straßen nicht Herr werden. Merklich dennoch in welchen Gassen sie vor kurzer Zeit schon waren und in welchen nicht.
Der Fluß kriecht mit der Last nur noch. Einst soll er ein Quell an Kraft gewesen sein.
Ja, Agrippina hat sich verändert. Und das nicht zum Guten.