Sacra Tibia: Götterdämmerung




Unterhaltungsliteratur in ihren verschiedenen Formen, wie beispielsweise Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Berichte, Märchen und Sagen

Sacra Tibia: Götterdämmerung

Beitragvon almafan » Di 19. Jul 2011, 12:39

Götterdämmerung

Geschichten über die Götter und ihre Verbindung tum Kampf gegen Mammon im Jahre 1028.


Inhaltsverzeichnis

Zwei Augen:
VÖ: 21.07.2011: Prolog (#1)
VÖ: 29.07.2011: Der Ring (#1)
VÖ: 25.08.2011: Laguna (#1)
VÖ: 29.11.2011: Evelyn (#1)
VÖ: 01.11.2018: Fúzhou (#1)

#1 - Die Geschichte "Zwei Augen" wurde in ihrer aktuellen, unvollständigen Version vom 19. Juli - 29. November 2011 geschrieben. Am 1. November 2018 wurde ein Inhaltsverzeichnis vorgeschaltet, sodass alle Kapitel der Geschichte um 1 Beitrag nach unten gerutscht sind.[/tb]
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Wir erschießen Wildtiere, weil diese sich unkontrolliert vermehren, wenn keine Raubtiere da sind und die Wälder schädigen. Und wenn sich Wölfe wieder ansiedeln, erschießen wir die auch, weil sie sonst andere Tiere fressen. Klingt nach einem super Marketingkonzept für Munitionshersteller, aber nicht wirklich durchdacht.
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Re: Sacra Tibia: Zwei Augen

Beitragvon almafan » Do 21. Jul 2011, 13:30

Zwei Augen

Am Tage des Herrn, den 21.Lenzmond 999
(21.März 999)

Prolog

"Und wieder kein Weltuntergang.", denkt er sich.
Fast spöttisch blickt er auf die emsigen Leute, die sich auf das Ende der Welt vorbereiten. Endzeitängste rahmen dieses Jahrtausend. Bis zur Wende ins neue wird sich die Menschheit wohl noch mindestens einmal dieser Angst gegenübersehen. Und später wird es - sollen sie es doch ruhig zugeben - nicht anders.
Zu real sind die Prophezeiungen, die für die nächsten Jahre gegeben werden. Von allen Dächern wird’s gezwitschert, von allen Kanzeln gepredigt. Die niederen Minnen sitzen in den Gassen, die hohen in den Burgen. Sie alle singen die Lieder vom baldigen Untergang. Die Prophetie verdient nicht schlecht daran, wenn sie denn selbst nicht daran glaubt. Denn dann kann man damit gute Geschäfte machen. Zu leicht lassen sich die Massen bescheißen. Zu leicht geben sie ihr Geld und andere Habe, um doch noch einen Platz im Himmelreich zu ergattern. Und wieder tönt es von den anderen Seiten, dass man sich Schuldfreiheit nicht kaufen kann. In diesen Tagen weiß keiner so recht, was er glauben soll.
Das Ende jedenfalls ist von kosmischer Größenordnung und verschlingt die ganze Menschheit und die stehende Welt gleich mit dazu. Die Panik ist weit verbreitet. Doch nicht jeder rennt panisch einher. Manche lassen sich nicht anstecken, von so viel Dummheit. Wenn Gott so will, wird er es richten. Da kann man nichts dran ändern. Und doch keiner kann sich einen wirklichen Weltuntergang vorstellen. Zu wenig wissen sie allein über die Größe der Welt, die da verschlungen werden soll. Zu unvorstellbar ist einfach das Szenario, eine ganze Welt versinken zu sehen. Und wer hat schon die Fantasie, die es benötigt, sich dies auszumalen? Besser noch, wer hat die Zeit?

Er lächelt aber. Er steht schon eine Weile hier und beobachtet. Propheten gab es schon immer und es wird sie immer geben. Ein paar Fehldeutungen und das Abendland ist in heller Aufregung. Einem Buch sollte man eben nur soweit trauen, wie man den Autor kennt. Und diese Autoren sind schon lange tot. Man weiß also nicht wirklich, was sie aussagen wollten und wer sie eigentlich waren. Ohne die Intension fehlt dem Leser einfach etwas. Es ist so, als hätte man einen Schlüssel und findet das passende Tor nicht. Die Erkenntnis ist halt immer der aktuelle Stand des Irrtums. Morgen schon kann dieser Irrtum wieder ein anderer sein.
In den Reichen der Christen kommt man schnell zu der Ansicht, dass die jüngsten Tage bald anbrechen. An zwei breiten Fronten gleich bedrohen die nahenden Glaubensheere der Mohammedaner. Es ist also nicht verwunderlich, Angst vor den Ungläubigen zu haben. Doch die stehen jenseits Kataliens und jenseits Rhomäas, an den Grenzbastionen des Occient, weit hinter dem Horizont. Plötzlich verbünden sich da Könige, die sich vorher spinnefeind waren und um jeden Fußbreit Krieg führten. Leonien, schwer und verlustreich von den Teutonen erobert, soll den Herrschern in Katalien wiedergegeben werden. Es war ihre größte und ertragreichste Insel, mit Kohle, Erz, guten Böden und Wäldern mit stabilen Hölzern. Man braucht einen starken Verbündeten, und wenn nicht, einen wiederstandfähigen Puffer zwischen sich und den fremden Streitern. Es ist also noch viel Land und viel Wasser zwischen ihnen und den hiesigen. In seiner Heimat sind sie längst. Er hat sich damit arrangiert. Zeit hatte er genug.
Generell ist er mehr für die Annäherung. Es gibt so viel voneinander zu lernen. Und er findet auch die Sache mit dem Glauben nur allzu marginal. Wem es Kraft schenkt, der soll es tun. Wem es Trost gibt, der soll es tun. Wem es über die eigene Sinneskrise hilft, der soll es ebenfalls tun. Und auch wer sich davon einfach ein Stück mehr Lebensfülle erhofft, der soll es tun. Wem es aber aufgezwungen werden soll, der soll es aus ganzem Herzen lassen. Für die Erlösung ist der Glaube ganz und gar irrelevant, wenn man nur nichts Schlechtes tut. Unverblümt hätte er es heraus geschrien. Man hätte ihn verflucht, verwünscht und ihn des Teufels schicken wollen, aber abhalten von seiner Aussage kann ihn hier niemand. Die Leute haben hier sowieso genug zu tun. Genug gibt es immer zu tun. Gestern, heute, morgen, gerade eben sowieso. Mit derlei Gedanken muss man sie dann nicht auch noch belasten. Also lässt er es bleiben, sagt also nichts.
Auch er hat das Buch gelesen, in vielen Fassungen, in vielen Sprachen. Einige Geschichten sind nicht schlecht, andere kannte er schon aus noch älteren Quellen und nicht wenige enthalten einen Funken Wahrheit. Doch allzu gut fand er es nicht, nicht aber schlecht. Weder in der einen noch in der anderen Fassung. Nicht in der einen oder anderen Sprache. Einer seiner engsten Kumpanen, nein, Freund möchte er ihn fast nennen, hat selbst ein solches Buch verfasst, weil er meinte, bestimmte Dinge weder korrekt noch ausreichend dargestellt zu finden. Es ist nicht gedacht, als Widerlegung des einen Buches und es ist auch nicht gedacht als Persiflage, als Witz, als humorvolle Erweiterung dessen. Aber auch die Variante ist eben nur ein Buch unter vielen. Eines das man lesen kann, aber nicht muss. Wie alle Bücher.
Noch vor zwanzig Jahren war diese Jahrtausendwende ein fernes Ereignis. Selbst die Jüngsten konnten sich nicht sicher sein, es überhaupt zu erleben. Zu viel kann sich in zwanzig Jahren ereignen, als das man es in voller Gänze überschauen kann. Und was fern ist, muss man nicht fürchten. Und rückblickend kann man die eigene Leistung nur schwer mit dem vergangener Jahrhunderte vergleichen. Zu subjektiv, zu eng ist der Blickwinkel. Dennoch entfacht sich hier eine Hysterie, wegen Glaubensfragen am anderen Ende der Welt. Der Mensch ist schon ein komisches Wesen. Er selbst weiß es besser. Auch diese Panikmache wird sich kurz nach Jahreswechsel wieder legen, die Prophezeiungen verpuffen.
Unfreiwillig muss er wieder lachen. Nicht laut, aber hörbar. Für die Leute aus vollstem Unverständnis, denn zum Lachen gibt es nichts, so kurz vor dem allgegenwärtigen Ende. "Allgegenwärtig", das ist auch so ein Wort. Er war auch woanders. Er hat es dort selbst bemerkt. Niemand hinter den Grenzen dieses Glaubens kümmert sich um die hiesige Endzeit. Sie ist dort niemandem bekannt. Und selbst wenn, die haben dort ihre eigenen Götter und die bestimmen das Ende aller Welten auf ganz andere Tage. Für Weltuntergangshektik hat man dort im Moment keine Zeit. Und vor allem nicht die Lust.
Da fällt ihm auf, er steht schon lange hier, wie angewurzelt. Länger als er wollte. Muss er doch noch zu einem Termin, den er sich selber gab. Und seine Angelegenheiten hier sind fast schon erledigt. Und nun hat er noch etwas ganz woanders zu tun. Wichtig ist es ihm schon, aber Eile hat er keine. Er hadert noch, ob er alles zu Fuß gehen wolle. Noch einmal blickt er auf, in den wolkenfreien Himmel. Frühling ist es. Im Zeichen der Fische befindet sich dieser 21.Lenzmond nun schon seit eintausend Jahren. Und weitere Tausend werden folgen. Da ist er sich sicher. Endlich aufbrechen, raus aus diesem Alltagsgewusel und der Untergangsstimmung, in jene Lande, die er erdachte.
Langsam setzt er sich in Bewegung. Die Leute um ihn schauen auf. Nicht schlecht sieht es sicher aus. Einen Hünen, über sieben Fuß misst der Mann. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen. Der Umhang geht weit über das Gesichtsfeld hinaus. Wie der grimme Schnitter sieht er aus. Sein Umhang aber ist hell. Leuchtende, fast fröhliche Farben umspielen ihn in einem Zickzack. Auch damit sticht er hervor. Ein jeder bleibt stehen und begutachtet ihn. Für einen Augenblick ist der Weltuntergang vergessen. Sein Schritt ist weit, seinen Beinen entsprechend. Für jeden wäre er ein Riese. Ob nun hier oder anderswo. Er kennt das. Fremder ist es ihm, wenn ihn ein völlig Fremder aus freien Stücken anredet. In diesen Breiten wird er selten angesprochen. Mit Monstern spricht man nicht. So werden die anderen sicher denken. Tun sie wohl, denn sie reden nicht mit ihm. Aber es kümmert ihn nicht. Er kennt es kaum anders und er will es im Moment auch nicht. Und wenn man ihn anspricht, dann ist fast immer die Angst in der Stimme.
Heute soll es anders sein.
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Re: Sacra Tibia: Zwei Augen

Beitragvon almafan » Fr 29. Jul 2011, 11:29

Der Ring

"Warten sie!" Er glaubt, sich verhört zu haben. Und wenn schon, niemand spricht ihn an. "So warten sie doch!" Ohne den Kopf merklich zu beiden Seiten zu wenden, versucht er jemanden zu erblicken, der auf die Rufe reagiert. Sein Umhang ist so lang, dass man seine Füße nicht sehen kann, selbst wenn er seinen weiten Schritt macht. Er ändert seine Geschwindigkeit nicht. Plötzlich überholt ihn eine junge Frau und hält vor ihm an. Er stoppt. Noch immer kann er es nicht für wahr haben, dass jemand mit ihm sprechen will. Wie der Hüne zum Umgehen ansetzen will, stellt sich die Frau genau in den Weg: "Jetzt warten sie doch!", hechelt sie mehr, als sie spricht. Sie scheint etwas außer Atem. Kein Wunder, ist sie doch viel kleiner als er und muss zur selben Geschwindigkeit mehr beitragen. Er hält inne und betrachtet die Frau.
Gut sieht sie aus. Brünettes Haar, etwa schulterlang. Gewandet ist sie in feinen Zwirn. Ihre braunen, funkelnden Augen versuchen sein Gesicht zu erkennen. Doch er steht im Osten. Die Sonne ist hinter ihm und der Umhang ist weit über das Gesicht gezogen. "Was ist?", kommt es mit versucht genervter und tiefer Stimme aus dem Schwarz des Gesichtes. Durch diese Stimme kurz verschreckt äußert sie: "Sie haben etwas verloren." In ihrer Hand hält sie einen Ring. Ein grüner, glasiger Skarabäus, wahrscheinlich aus Smaragd, schmückt den Ring. Der Ring selbst scheint aus goldgefasstem Rubin. Ein großer Rubinstein muss es gewesen, der hierfür verwendet wurde. Denn der rote Ring ist aus einem Stück und nicht auf das Gold aufgesetzt. Vielmehr umrandet das Gold nur den rot funkelnden Edelstein. Auf der Innenseite, der goldenen Seite also, stehen seltsame, alte Symbole. Wer auch immer diesen Ring gefertigt hat, scheint ein Meister seines Faches zu sein. Oder, er war es. Sicher ist dieser Ring einiges wert. Sie hat noch nie etwas Vergleichbares gesehen.
Er scheint ihn aber nicht haben zu wollen. Zumindest streckt er seine Hand nicht danach aus und macht auch sonst keine Anstalten, sich dem Ring zu zuwenden. Und deshalb greift sie nach seiner Hand, sie versucht es. Unter dem Umhang ist sie schwer zu finden. Etwas verwundert lässt er es mit sich geschehen. Als sie es schafft seine Hand endlich zu packen, bemerkt sie eine ungewöhnliche Weichheit, wie sie sie an Händen noch nie gemerkt hat. Als sie aber die Hand unter dem Umhang hervorgezogen hat, scheint diese völlig normal. Auch das seltsame Gefühl ist verschwunden. In die flache Hand legt sie ihm den Ring und schließt seine Finger darum: "Sie sollten besser aufpassen." Er ist beeindruckt. So ehrliche Leute findet man nicht jeden Tag. Nicht jeder ist ein Aas, aber bei Leibe auch nicht jeder ist ohne Skrupel. Die wird er sich merken. Er bedankt sich bei der Dame, macht eine höfliche, wenn auch nicht tiefe Verbeugung.
Dann greift er seinerseits nach ihrer Hand und gibt ihr denn Ring zurück: "Wenn ich alles geklärt habe, so komme ich wieder und werde ihn mir wiedergeben lassen. Nun aber sollt ihr ihn tragen, als Zeichen meiner Wertschätzung euch und eurer Ehrlichkeit gegenüber." Es ist klar, dass die Dame verwirrt sein muss, doch den Hünen kümmert das schon nicht mehr. Im Vorbeigehen berührt er noch einmal ihre Schulter und zieht dann weiter. "Aber sie wissen doch gar nicht, wo sie mich finden können." Ohne sich umzudrehen, erwidert er: "Das ist meine Sorge, das werde ich schon richten. Wir werden uns wiedersehen, keine Frage.", noch immer um eine möglichst tiefe Stimme bemüht.

Er macht sich auf den Weg. Eine elend weite Strecke gilt es noch zu bestreiten. An der nächsten Kreuzung biegt er nach Süden ab. Ein kurzer Blick nach links. Die Frau steht immer noch da, sie sieht ihm nach. Den Ring hat sie immer noch ungläubig, ob des geführten, kurzen Gespräches, in der Hand. Ob sie über ihn nachdenkt und sich die gleichen Fragen stellt, wie die anderen? Wer er wohl sei, was ihn wohl herumführt? Vielleicht hat sie nun aber auch sein Gesicht erkannt, denn er blickte so auch Richtung Sonne. Sie hätte ihn also sehen können.
Schon hinter der nächsten Wand ist sein Blick wieder nach vorn gerichtet. Zu seiner Linken und zu seiner Rechten erstrecken sich alte Bauten. Und auch die Stadtmauer, auf die er sich nun zubewegt, ist hier in Aldwych uralt. Die Rhomäer haben sie noch errichtet. Man sieht es an der Bauweise. Fast eintausend Jahre stehen diese Befestigungsanlagen nun schon. Selbst all diese Zeit mit diesem eigensinnigen, launischen Wetter konnten sie nicht tilgen. Anfangs war es zwar noch ein Palisadenzaun, aber als die Siedlung zu wachsen begann, wurde ein steinerner Wall errichtet. König Alfred, der Große, hatte sie, wie die ganze Stadt wieder aufbauen und herrichten lassen. Der Name der Stadt Aldwych ist eine Abwandlung des Wortes Ealdwic, was auch nichts anderes als "Alte Siedlung" heißt. Es ist nicht einfallsreich, ist es doch so offensichtlich, doch die Siedlung steht und erfreut sich immer noch wachsender Einwohnerzahlen und weniger Angriffe durch die Nordmänner der Skanden als all die Städte des Umlands. Diese Stadt hat viele Namen. Sie Sax nennen sie Lundenburgh, die "Festung der Lunden", nach ihrer eigenen "Siedlung der Lunden" keine 2 Meilen entfernt. Denn jener Teil der Sachsen herrscht fast uneingeschränkt über diesen Teil der Insel.
Ja, seit seinem letzten Besuch in dieser Stadt hat sich einiges verändert.

Wegen der doch hin und wieder anrückenden Wikinger ist das Stadttor in Suthringa Geware standardmäßig zu, solange der Andrang der Händler nicht allzu groß wird. Hier auf der anderen Seite der Brücke ist es fast immer offen. In der Mitte der Brücke und durch den großen Torbogen dürfen nur die Fuhrwerke. Nur an den beiden Seiten läuft das Fußvolk. Links gehen sie raus, recht herein. Wer sich nicht daran hält, wird von den Torwachen dazu gezwungen, diese Richtungen einzuhalten. Und wenn es mit Gewalt ist. Bei ihm, den Hünen, treten die Wachen aber ein Stück zurück. Er geht geduckt durch das zu kleine Mannstor. Die Brücke dahinter misst fast vierhundert Schritt, in seinem Falle weniger. Der Verkehr auf der Brücke gerät aber immer wieder ins Stocken.
Und auch nun, hier in Suthringa Geware, mehr einer Festung als einer Stadt gleichend, gilt sie doch dem Schutz des südlichen Teils der Brücke, gibt es kaum ein Weiterkommen. Bis in die Seitenstraßen der Sammelplätze ist alles mit Händlern, Gauklern, Landvolk, Stadtvolk und natürlich auch Gesinde voll. Es ist nicht so, als hätte er es eilig, aber er weiß, dass er diesen Tag für sein Vorhaben verwenden will. Hier ist es noch helligter Morgen, dort aber, bei seinem Ziele, steht die Sonne nun schon längst im Zenit. Gut acht Stunden sind sie der hiesigen Zeit voraus, wobei die Begrifflichkeit der Stunde an und für sich von hier nach da variiert. An der Tatsache, dass es sich hier staut ändert das freilich nichts.
Noch immer steht er auf der Brücke, zwar am Endstück schon, das Festungstor ist schon zu sehen, aber es ist noch ein gutes Stück Weg vor ihm, diese Siedlung zur Gänze hinter sich zu lassen. Er geht in die Hocke, holt Schwung. Mit einem scheinbar mühelosen Satz erhebt sich der Ummantelte aus dem ganzen Gewirr, sehr zum Erstaunen der umherstehenden Bauern, Händler, Gaukler und Soldaten. Über dreißig Fuß misst die Mauer, die das innere der Festung vom äußeren des Umlandes trennt. Doch auch über diese fegt er ohne weitere Anstrengungen in diesem einen Sprung hinweg. So lässt er Brückenende, Brückenkopf, die Festung Suthringa Gewirre, mitsamt Sammelplätzen, Handelsgassen, Lager und Kasernen, sowie die mächtige Mauer, mit allen Zinnen, Wehrgängen und Türmen hinter sich. Die Türmer, die links und rechts vom Haupttor ihre Stellungen haben, luchsen nicht schlecht, als sie den Mann über ihre Köpfe hinweg fliegen sehen. Ohne Salto, ohne Kunststück landet der Hüne auf der anderen Seite bereits ein gutes Stück abseits der Mauer. Bei der Landung geht er leicht in die Knie, um den Sprung abzufedern, richtet sich dann wieder auf und geht gemütlich seinen Gang.
Mit keinem weiteren Blicke würdigt er die Stadt und die Festung nochmals. Keiner verfolgt ihn. Sicher haben sie Angst, dass er, wenn er schon quasi aus dem Stand eine Burg überspringen kann, mit einem einfachen Menschen noch viel mehr anzustellen vermag.
Er hat die Orte nun hinter sich gelassen und marschiert bereits durch das weite Vorfeld. Ebenfalls König Alfred war es, der den Wald hat südlich des Flusses roden lassen. Nun finden sich hier Äcker, Weiden und Allmenden. Jeder anrückende Feind könnte auf bis zu dreihundert Schritt weit erblickt und, mit einem gut gezielten Pfeil, erschossen werden. Nun da er sich aber selbst auf diesem Vorfeld befindet, schießt niemand auf ihn. Kein Pfeifenpfeil, kein Nachtpfeil, kein Falarika. Er scheint die Burgleute schwer beeindruckt zu haben.
Hinter dem Vorfeld wird der Baumbestand wieder dichter. Alte scotische Eiche, dazu viele Birken und Buchen. Die ganze Strecke kann er nicht zu Fuß gehen. Scota ist eine Insel, weit weg vom Festland. Und wenn er sein Werk noch heute verrichten mag, und der dieser Tag scheint ihm einfach ideal dafür, so kann er diesmal nicht einfach auf dem Wasserweg hinüber. Eine Schifffahrt verbraucht zu viel Zeit und auch im Schwimmen oder zu Fuß über das Wasser wird es nicht reichen.

Ein Stück weit geht er noch in den Wald. Dann aber weicht er schnell vom Wege ab und geht direkt in die dichtstehenden Bäume. Niemand ist ihm gefolgt, dass weiß er, ohne sich umzusehen. Mitten im Bewuchs bleibt er stehen. Er öffnet die Schnürung des Umhangs, der diesen vorn herum auf Brusthöhe zusammenhält. Er zieht die Kapuze nach hinten, schüttelt seinen Kopf kräftig aus. Seine großen, schwarzen Augen funkeln wie geschliffener, reiner Obsidian*. Sein kurzer, grauer Hakenschnabel schnappt kurz auf und zu. Nochmals schüttelt er den Kopf. Einige kleine Federn lösen sich von seinem Haupt und seinem Hals. Mit dem Schnabel greift er nach seinem Hals und zieht sich eine übriggebliebene Feder aus. Man würde meinen, einem großen, zweibeinigen Vogel gegenüberstehen. Unter seinem Auge ist das Gefieder schwarz, direkt darüber ebenfalls. Sein Gesichtsfeld ist jedoch überwiegend weiß. Gelb umrandet sind die Augen und der Schnabelansatz. Die Nasenlöcher sind deutlich darauf zu sehen.
Nach hinten wirft er den Umhang einfach ab. Und wie dieser im Fallen begriffen ist, verbrennt er von unten nach oben, ohne je den Boden zu berühren. Auch von der Asche bleibt nichts übrig, denn auch diese wird weiter entzündet. Bis der Umhang gänzlich verschwunden ist. Sein goldgelbes, goldbraunes Gefieder kommt zum Vorschein. Außer einem kurzen, weißen Rock, mit gelben Übertuch, beides reicht kaum bis ans Knie, trägt er einen goldenen Armreif, mit dem Signum seiner Mutter, um den Oberarm und eine breite, flache Halskette aus Perlen verschiedener Farben. Von innen nach außen hellblau, dunkelblau, weiß, rot, wieder weiß, dunkelblau und schließlich gülden.
Er schaut nach links und auch nach rechts, genug Platz ist noch. Aus seinem Rücken schießen seine großen Schwingen, was weitere Federn fallen lässt. Nachdem sie nun vervollständigt sind, streckt er die Flügel beidseitig aus, kreuzt sie. Es sieht so aus, wie eine Aufwärmübung. Dann breitet er sie aus und drückt sich vom Boden ab. Die Baumkronen durchbricht er und kann beim Schulterblick die Stadt noch einmal sehen. Sein scharfes Auge erblickt auch nochmals die Dame. Die Verwirrung scheint gewichen, sie geht ihrem Tagwerk nach. Auf, in all die Himmel, seine wahre Heimat, erhebt er sich.
In Lande, in denen der Weltuntergang noch fern ist.

* Obsidian ist ein natürlich vorkommendes, vulkanisches Gesteinsglas. Die Farbe variiert stark nach Menge und Art der Verunreinigung durch Einschlüsse. Meist sind sie dunkelgrün oder schwarz, können aber auch braun oder rötlich sein.
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Re: Sacra Tibia: Zwei Augen

Beitragvon almafan » Do 25. Aug 2011, 14:59

Laguna

Hier ist es schon wieder Abend.
Gegen den Lauf der Sonne zu reisen und dies auch noch zu bemerken, fast fließend zu sehen, dass können wohl nur wenige behaupten. Er hat sie überflogen, die es nicht sagen können. Sie waren zu langsam. Viele begreifen nicht einmal, dass die Sonne nicht in allen Ländern zur gleichen Zeit aufgeht, am Himmel steht und wieder untergeht. Er fliegt gern über die Welt. Von hier oben sieht alles so friedlich aus. Getrübt ist der Blick von der Entfernung und von den Wolken, die unter ihm vorbeiziehen. Er genießt auch die frischen Winde hier oben. Sie tragen ihn, ohne das er jemals mit den Flügeln schlagen muss. So trägt es ihn fast um die halbe Welt, seit ein paar Stunden schon. Seinem Termine zum Trotz hat er dennoch nicht aus dem Vollen geschöpft und seine höchsten Geschwindigkeiten geflogen. Nun aber, bemerkt er, dass auch andere hinter seinem Ziel her sind. Ganze Heerscharen scheint man ihm entgegenstellen zu wollen.
Um nicht so schnell erkannt zu werden, wendet er einen, für ihn, einfachen Trick an. Sein Körper schrumpft, seine Arme verschwinden, seine Beine verkürzen sich, seine Flügel nehmen den Platz der Arme ein. Aus den Höhen herab stürzt sich nun ein einfacher Falke. Der graue Hakenschnabel ist geblieben und auch großen Augen. Trotz der immer noch immensen Höhe kann er sein Ziel bereits ausmachen. Es ist eine kleine Stadt, am Wasser gelegen: Laguna. So wird sie von den Handelsreisenden aus dem Abendland genannt, von den wenigen, die diesen Ort kennen. Und selbst für diese ist er mehr Mythos, denn real existierender Ort. Nilad heißt sie bei den Einheimischen und den Protektoren aus Zhongguo oder Sri Vijava. Unter Fremdherrschaft ist auch dieses Land, wie seine Heimat selbst.
Der Falke kreist immer tiefer fliegend um die Stadt, nähert sich seinem Ziel auf diese Weise. Gleichzeitig kann er im Kreisen begriffen, die gesamte Gegend auskundschaften, ob sich jemand findet, der ihm oder seinem Ziel schaden kann. Der Vogel landet auf einem flachgeneigten Ziegeldach, dass den klassischen zhonggischen Baumustern nachempfunden ist. Oben auf der Dachspitze hüpft er hin und her, versucht sich einen stationären Überblick zu verschaffen. So lange ist es nicht her, dass er hier war. Aber in Nilad ändert sich ständig etwas. Von den Zhonggen wird es langsam zu einer erbaulichen Großstadt ausgebaut. Vorbei sind die geruhsamen Tage. Nun, sie sind es schon lange. Er selbst nämlich war schon hier, bevor die ersten Menschen vor tausenden von Jahren diese Inseln besiedelten. Jetzt ist die Gegend voll mit ihnen.

Er muss nun eine einzelne Person finden. Nicht schwer für ihn, da er sie bereits kennt, sie bereits einige Male beobachtet hat. Er wäre sich sonst nicht sicher, an dieser Person sein Werk zu tun. Ein junges Mädchen ist sie, keine sechszehn Jahre alt. Zerlumpt, verarmt und obendrein eine Straßenhure. Kaum einer würde sie, schon wegen ihrer offensichtlichen falschen Moral, in die Ehren lenken, in die er es noch heute zu tun vermag und vermöchte. Doch er weiß, warum sie dies tat und warum sie es noch immer macht. Ihre Familie hungert, Arbeitet findet sie keine. Das Mädchen ist stolz, denn mit ihrem Körper ernähre sie ihre ganze Familie, das sind Mutter, ihre fünf jüngeren Geschwister und natürlich sie selbst.
Für ein Mädchen dieses Milieus, dieser Herkunft und dieses Lebensweges ist sie erstaunlich optimistisch. Und sie würde ihre Situation verbessern, wenn sie es könnte. Das sind seine Gründe. Er hat das Gute in ihr gesehen, von Anfang an. Groß ist sie mittlerweile geworden, hübsch war sie schon damals. Aber alles Kindliche scheint aus ihrem Gesicht gewichen. Auch er hätte Schwierigkeiten sie zu erkennen, hätte er sich nicht eingehend mit ihr beschäftigt.
Sie wiederrum kennt ihn nicht. Würde man sie fragen, sie würde sagen, sie hätte ihn nie getroffen. Sie weiß nicht einmal von seiner Existenz. Auch weiß er, dass sie keine Ahnung von den Ländern hat, aus denen er nun kommt und aus denen er ursprünglich kommt. Sie weiß nichts von seiner Welt, er aber einen guten Teil der ihren.

Doch etwas anderes hat nun seine Aufmerksamkeit. Er sieht in ein Fenster hinein, kann dort erkennen, wie ein Mann eine Frau schlägt. Ist es ein wütender Vater, der seine Tochter oder seine Frau schändet? Ist es ein Freier, der versucht kostenfrei an eine Hure zu gelangen? Er weiß es nicht. Doch ein schneller Blick in die Gedankenwelt des Peinigers und die Sache ist für ihn klar. Er macht sich auf, diesen Umstand zu beseitigen. Pfeilschnell saust er durch das Fenster und wie er das Fenster hinter sich lässt, kehrt er in seine alte Form zurück. Blitzschnell. Ein Bein nach vorn gestreckt, stößt er seine Krallen in den Schädel seines Opfers und rammt dieses gleich zu Boden. Den Schlagstock, den der Übeltäter verwendete, schleudert es aus der Hand desselben, noch ehe dieser den Boden erreicht hatte. Der Gefahr wegen schnappt der Gefiederte dieses umherfliegende Folterutensil, bevor es weiteren Schaden anrichten kann. Das Holz des Fußbodens splittert. Es gibt einen lauten Knall. Die Klauen des Vogelfußes sind durch die Schädelknochen seines ahnungslosen Opfers gedrungen. Sie sind tief verankert. Aus allen Wunden rinnt das Blut.
"Keine Angst mehr deswegen. Er fürchtet den Tod nicht mehr. Denn ich habe ihn von den Fesseln der Ewigkeit befreit und ihm den ewigen Ruhm genommen.", gibt er der erschrockenen Gepeinigten zu verstehen und führt fast drohend fort: "Geh jetzt." Dieser Aufforderung kommt die Dame natürlich nach und verlässt fluchtartig den Raum. Der Gefiederte hebt sein Bein und zieht damit die Leiche näher zu sich herauf. Ein schneller Ruck und der Arm ist abgetrennt, er hat ihn einfach herausgerissen. Den Rest des Körpers hält er nun mit der anderen Hand. Er steigt aus dem Fenster und wirft die Leiche in hohem Bogen ins angrenzende Meer, das aber noch ein gutes Stück entfernt ist. Den Arm aber behält er für sich.
Er springt vom Vordach des Hauses auf die Straße und zerfleischt mit deinem Hakenschnabel den Arm und würgt das tote Fleisch herunter. Dass er dabei bereits von den Anwohnern, den Bauern und Hirten beobachtet wird, interessiert ihn wenig. In diesen Breiten wird er als eine Art Engel angesehen. Die mythische Figur des Garuda ist hier wohlbekannt, auch wenn sicher nur die wenigsten je einen echten sahen. Wenn sie denn einen Vogelmenschen je erblickten, dann auf einem der zahlreichen Wappen oder Banner in diesen Regionen. Der mächtige Greif, der Phönix oder eben der Garuda sind gern gesehene Machtsymbole in der hiesigen Heraldik*. Aber einen echten? Das glaubt man wohl kaum, selbst wenn man ihn sieht.

"Einen ersten habe ich damit erledigt, aber so viele werden sich mir noch in den Weg stellen." Der Gefiederte weiß, dass der Mann von eben ein Dämon war, in einer zhonggischen Verkleidung. Einen solch tödlichen Angriff hätte er sonst nicht gefahren. Ungerechtigkeit ist ihm zwar auch sonst ein Gräuel, aber das Strafmaß setzt er dann wesentlich niedriger.
Nun aber gilt seine größte Sorge, berechtigt, seinen Schützling vor den anderen zu erreichen. Auf macht er sich, mit einem sagenhaften Sprint. In Windeseile lässt er Menschen, Häuser und Höfe hinter sich. Für viele ist nicht mehr zu vernehmen als ein starker Windzug.
Unterwegs kann er noch den einen oder anderen Dämonen erwischen und ihn sogleich erledigen. Im Vorbeirennen trifft der Ellbogen das im Nachhinein nicht mehr wiederzuerkennende Gesicht. Der Kontrahent, der nicht mal wusste, wie ihm geschah, ist sofort tot. Keine einhundert Schritt weiter knacken die Rippen eines weiteren. Auch dieser regt sich anschließend nicht mehr. Im Vorbeispringen schnappt er nach dem Kopf eines dritten und reißt diesen von den Schultern. So geht es in einer Tour weiter. Keiner kann seiner Kraft widerstehen und fällt meist ohne Gegenwehr.
Endlich hat er auch die nähere Umgebung der Hütte erreicht, in der die junge Dame wohnt. Hier aber stehen ihm gleich vier muskelbepackte, vierarmige Dämonen gegenüber. "Siebenundzwanzig eurer Art sind mir seit meiner Ankunft hier zum Opfer gefallen. Und nun wollt ihr vier mir den Weg verwehren?", spricht der Gefiederte mit voller Überzeugung. "Man soll den Gegner nie unterschätzen.", kommt es aus anderer Richtung von einem weiteren Dämon.
Doch der Gefiederte bleibt ruhig.

* Heraldik, die Heroldskunst, bedeutet Wappenwesen und umfasst die Bereiche Wappenkunde (wie ein Wappen zu lesen ist), Wappenkunst (wie ein Wappen zu gestalten ist) und Wappenrecht (wie ein Wappen zu führen ist).
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Re: Sacra Tibia: Zwei Augen

Beitragvon almafan » Di 29. Nov 2011, 20:57

Evelyn

Erst einmal ein paar Früchte vom Baum stibitzen. Der heutige Tag lädt zum Schabernack ein. Ein wenig seltsam ist es schon, dass ein Greifvogel nach süßen Mangos schnappt. Mit einer solchen Frucht begnügt sich ein Fleischfresser eigentlich nicht. Und doch klaut er sie sich einfach vom Markt, im Vorbeiflug. Der große Vogel lässt sich auf einem Dach hernieder und verspeist dort seine Beute. Auf einem Bein stehend, mit der anderen Klaue die Frucht haltend, schnappt sein Schnabel immer wieder nach dem Fruchtfleisch und würgt es flink herunter. Dabei schauen seine Augen hektisch in alle Richtungen. Die Reste der Frucht wirft er einfach quer über das Dach und lässt es dem anderen Getier. Dann breitet er wieder seine Schwingen aus und hebt ab.
Er ist noch auf der Suche. Eine Anwärterin soll es sein, auf einen der höchsten Posten, die er zu vergeben vermag. Sein Vater hat ihn zu dieser Tat überredet. Er solle aber erst schauen, wer sich als würdig erweist. Und er gab ihm den Rat, dass dies meist die Ärmeren sind. Und so kreist er über den Elendsvierteln dieser Welt schon seit vielen Tagen, schaut sich von den Dächern dieser Welt dergleichen Gassen und Gossen an. Überall ist das Elend groß, die armen Massen nicht zu schätzen, geschweige denn zu zählen. Vor kurzem erst ist er hier in diese Gegend, soweit östlich der bharatischen See, geflogen. Viel Zeit hat er in der westlichen Hemisphäre verbracht, um diese Herausforderung zu meistern.
Schon seit vier Wochen fliegt er unentwegt in dieser Gestalt einher. Kein einziges Mal hat er sich verwandelt. Es war nicht nötig. Auch verbraucht er in dieser Gestalt viel weniger Energie und ist wesentlich unauffälliger. Und da er es meisterlich versteht, seine nach außen gesendeten Energien und deren Muster zu unterdrücken, ist er auch für jene, die vermögen eine Aura wahrzunehmen, nicht von einem anderen Vogel zu unterscheiden. Er ist für wahr ein Meister der Tarnung. Und so unauffällig versucht er nun eben, den Wünschen seines Vaters zu entsprechen.

Er fliegt gen Süden und schließt sich über dem Schiff kreisend einem Handelszug nach Pilipi an. Ganze zwei Tage folgt er den Schiffen, bis sie die Häfen von Nilad erreichen. In anderen Ländern, in anderen Maßstäben nicht viel mehr als größeres Dorf. Kaum zwanzig Höfe zählt die Siedlung. Dennoch ist es bereits so etwas wie die Landeshauptstadt. Besser die Hauptstadt eines Protektorats. Die Zhonggen sind erst vor ein paar Jahren hier als Eroberer angelandet. Doch das Land hatte schon vorher nur einen Marionettenkönig, wenn man den Anführer des größten Clans denn so nennen will. Von Sri Vijava aus wurde das Land bereits regiert. Ebenfalls eine Fremdherrschaft. Nur jetzt sind die Herren eben andere. Der zhonggischen Übermacht konnte selbst dieses auf die Seefahrt ausgerichtete, altehrwürdige Reich nichts entgegensetzen. Einige Scharmützel nur und Pilipi wurde zhonggische Kolonie. Dennoch ist es nicht ins Reichsgefüge integriert. Dafür liegen die Inseln zu weit im Meer.
Sicher hat es die Seefahrer irritiert einen Falken so weit draußen auf offener See anzutreffen. Verwunderlich sicher auch, dass er keinerlei Berührungsängste zeigt, sich füttern lässt und auf dem Mast seinen Rastplatz einrichtete. Immer wieder stellte er sich einfach auf die Querbalken und sparte so Energie, da er nicht im Fluge folgen muss. Auch bis aufs Deck kommt er herunter, reißt im Schiffsrumpf sogar eine Ratte. Als das Schiff dann in Nilad anlandete fliegt er einfach von Bord.

Das ist nun auch schon wieder viele Stunden her und so kreist er über der kleinen Stadt und sucht nach einer geeigneten Person. Doch da die Nacht hereinbricht, entscheidet er sich einen Platz zum Schlafen aufzusuchen. Er weiß, dass die Weisen* auch hier draußen, am Ende der bekannten Welt einen Posten haben. Myrix, eigentlich ein Weiser der Schatten, ist ebenfalls zu Besuch im Hause der Weisen. Nach außen hin ist es ein Bauernhaus unter anderen. Es hat einen holzumzäunten Hof, ein Nebenhaus, das kaum kleiner ist, ein ausgefranstes Strohdach, Schilfrohrwände und offene Fenster und Türen. Es ist auch eigentlich in seiner ersten Funktion kein Ordenshaus, sondern lediglich ein Treffpunkt für die Mitglieder, die es so weit gen Osten verschlägt. Zu jeder anderen Zeit und auch während der Einkehr eines Weisen ist es einfach ein Bauernhof. Die Orden sind in dieser Region ohnehin nur selten und weit weniger aktiv als im vorderen Orien, bei Kymeia und Sa Ud.
Und wie er im Hof landet wird er erstmals seit Tagen wieder zum großen Gefiederten. Aus dem Flug heraus erreichen seine Füße den Boden, so dass er gleich im Gehen begriffen ist, so wie er landet. Myrix hat die große Energie gespürt, die der Gefiederte ausstrahlt und kommt sofort aus dem Haupthaus gerannt. Mit so einem hohen Besuch hat er nie und nimmer gerechnet. Dementsprechend aufgeregt stammelt er eine versuchte Begrüßung. Der Gefiederte beugt sich nach vorn, legt die linke Hand auf den Rücken, mit der rechten berührt er, mit zwei Fingern, erst Herz, dann Mund, dann Stirn und spricht anschließend "Möge die Sonne deinen Weg leuchten und dir einen guten Tag bescheren. Möge der Schatten dich vor deinen Feinden verbergen." Myrix ist schwer beeindruckt. Der erste Satz ist die typische saidische Gruß- und Verabschiedungsformel. Der zweite Satz wird speziell im schwarzen Orden verwendet und gilt dort als Gruß- und Abschiedswort. Mit dieser einen Aussage ist das Eis gebrochen und Myrix wesentlich ruhiger, nicht mehr so nervös.
"Ich bin auf der Suche.", äußert der Gefiederte. "Nach was sucht ihr, Herr?" - "Ein junger Mensch soll es sein. Arm und Reich in einem. Vom Schicksal zermürbt und dennoch lebensfroh. Unschuldig und rein soll dieser Mensch sein. Seine Verfehlungen sich auf anderer Seite aber zeigen können." - "Herr, ich verstehe nicht: Arm und Reich?" - "Arm der Herkunft, reich des Wesens." - "Herr, unschuldig und dennoch mit Verfehlungen?" - "Jedwede Verfehlung soll nie zum puren Eigennutze getroffen worden sein, so dass man von der Unschuld sprechen kann." Myrix überlegt etwas, er versucht die Worte irgendwie zu sortieren. "Aber Herr, solch einen Menschen zu finden, wird sicherlich sehr schwer. Ihr sucht nach einem armen Menschenkind, das bereits vom Leben gezeichnet sein soll, dennoch lebensfroh. Sündhaft und ohne Schuld in einem." - "Du hast es erfasst." - "Wo soll es so jemanden geben?" - "Ich sagte nicht, dass es einfach wird. Ich wäre kein Gott, wenn ich es einfach haben wöllte." - "Für wahr, das leuchtet ein. Aus großer Macht erwächst auch immer große Verantwortung."** Der Gefiederte lächelt: "So jemand kann doch wohl zu finden sein." - "Nun, Herr, keine vierhundert Schritt von hier befindet sich das Viertel des ärmeren Volkes. Die Zhonggen haben es einfach so beibehalten, als die Machthaber von Sri Vijava zum Rückzug aufbrachen. Das dortige Ghetto bietet sicher genug Material ... oh, entschuldigt den Ausdruck, Herr." - "Dir sei vergeben, auch in Anbetracht dessen, wem du so mutig deine Worte zum Ohre führst." - "Danke, Herr, danke."
Myrix bedeutet dem Gefiederten ihm zu folgen, er kenne eine Abkürzung ins Armenviertel. Sobald sie den Hof verlassen, verwandelt sich Myrix' Begleiter aber wieder in einen Falken und nimmt auf dem Arm dessen Platz. Myrix ist sich nicht sicher, ob der Falke noch immer seine Worte versteht und so beginnt er mit diesem zu sprechen: "Herr, wenn es nicht zu vermessen ist, so würde ich gerne erfahren, was ihr mit diesem besonderen Kinde vorhabt." Eine Stimme erklingt in seinem Kopf: "Du wirst verstehen, dass ich als Falke nicht sprechen will. Die Tarnung wäre umsonst. Sehr wohl aber könnte ich es. Und so spreche ich mit dir lieber über die Gabe der Telepathie." Myrix steigt auf dieses Spiel ein und mit einem kleinen Schmunzeln gibt er zurück: "Herr, auch ich weiß, wie man sich dieser Kommunikation bedient. Ihr vergesst, ich bin ein guter Magier." - "Werdet nicht überheblich, denn wenn ihr dies behauptet, ist das der erste Schritt in die Gegenrichtung. Gut sind jene, die gut sind, es aber nie von sich behaupten. Denn es wird immer jemanden geben, der besser ist, der aber wiederum schlechter ist, wenn er behauptet, er sei besser." Myrix stimmt nickend zu. Mit einem Gott diskutiert man immer auf hohem Niveau. Selbst wenn das Kind heute nicht gefunden wird, so hat er bereits in diesem kurzen Gespräch viel gelernt.
Auf halbem Wege kommt ihnen bereits eine Frau entgegen, die nach ihrer Tochter sucht. Sie soll entführt worden sein. "Ihr seid bei uns an der richtigen Stelle. Meinen Begleiter interessiert die Nationalität des Täters nicht. Doch erzählt erst einmal von eurem Kinde, damit wir es schneller finden können." - "Sie zählt ungefähr elf Regen, hat schwarzes Haar, dunkle Augen ..." Während sie all das und mehr aufzählt, baut sich vor Myrix geistigem Auge ein typisches pilipisches Kind auf. Er sieht schon jetzt das Dilemma. Denn alle Kinder sehen so aus. Der Falke schaut bereits in den Kopf der Frau. Auch er weiß, dass mit den standardisierten Angaben von Äußerlichkeiten wenig anzufangen ist. Die einzigartigen Merkmale muss man oft mit der Lupe suchen. Sein Vorteil ist es, dass er, im Gegensatz zu Myrix eben nicht alle Pilipi gleich sieht, sondern dies auf alle Menschen so verwendet. Und doch sieht er jeden einzeln. Jeder hat seine Besonderheiten.

Myrix redet noch mit der Frau, als der Falke bereits abhebt und die Redenden damit aufschreckt. "Wollen sie ihren Vogel nicht wieder einfangen?" - "Er gehört nicht mir, vielmehr gehöre ich ihm." Die Frau ist über diese Aussage sehr verwirrt.
Unterdessen in höheren Sphären schießt der Falke durch die Luft. Sein Flügelschlag trägt ihn wieder nach Westen, denn dort in der Stadt steht der Palast der Kolonialherren. Und wie er es ihm Myrix' Hof schon tat, setzt er auch hier während der Verwandlung zur Landung an. Dieses Aufsetzen im Palastinnenhof geschieht weit heftiger als bei der Bauernhütte. Überhaupt erzeugt die ganze Aktion viel Aufmerksamkeit. Unbeeindruckt all der Wachen um ihn, die nicht wissen, ob sie es wagen sollten, ihn anzugreifen, geht er einfach auf den Eingang zu. Vor ihm postieren sich die bewaffneten Soldaten, die erst ein Kreis um ihn bildeten und nun immer mehr konzentriert zusammenrücken. Mit einem Wisch aber, mehr ein Handstreich durch die Luft, sind alle Soldaten aus dem Weg geräumt und das Tor aufgebrochen. Die riesigen Türen stößt der Gefiederte mit ausgestreckter Hand einfach aus den Angeln.
"Kaum elf Jahre zählt das Mädchen. Rückt es heraus und ich werde euch verschonen." Die Palastwachen schauen an dem Gefiederten vorbei und sehen, wie mehr als zwanzig Mann auf dem Boden liegen, der geflügelte Riese aber anscheinend nicht einen Kratzer aufweist, kein Blut scheint durchs Federkleid. Sie lassen ihre Waffen fallen und rennen weg. Der Gefiederte geht geradeaus durch den Palast und marschiert Richtung Haremsbereich. Für ihn sind die dicken Mauern und die mächtigen Türen, wie offene Bücher. Auch hinter ihnen ist niemand sicher, wenn er es denn darauf anlegt, ihnen zu schaden. Er kann jede einzelne Person in diesem Palast lokalisieren, allein über ihre Aura, egal ob er sie nun sieht oder nicht. Mit einem einzigen Fausthieb zerschlägt der Gefiederte die massive Tür und tritt zur Seite. Der Harem ist offen. Die Frauen und Mädchen, viele lange nicht voll an Jahren, fliehen. Sie vermuten hinter dem großen Mann allerdings keinen Befreier, sondern ein Monster. Dankbarkeit erwartet der Gefiederte auch nicht. Er stellt sich einfach neben die aufgebrochene Tür und wartet, bis die Flut der hübschen Weiblichkeit vorüber ist, nur um sicherzustellen, dass sie es auch aus dem Gebäude schaffen.
Dann setzt auch er sich wieder in Bewegung und geht, den Frauen hinterher, zurück in den Hof. Die stehen wie ängstliche Hühner beisammen und ihre Augen huschen durch die Umgebung. Die Tore aus dem Palast heraus sind fest verschlossen, auf den Mauern sind Bogenschützen in Stellung gegangen. Aus dem Palast schießt ein Feuerball. Er ist klein, aber sehr schnell. Er fliegt in einem Bogen um die Frauen, auf die Tore zu. Die großen Palasttüren verbersten unter dem Treffer. Aus dem Dunkel des Haupthauses tritt der Gefiederte und schaut die Bogenschützen eindringlich an. Das Ergebnis war klar, die Schützen strecken ihre Waffen. Gegen solch eine Kraft lehnt man sich nicht auf. "Eure Männer leben noch. Doch zwingt mich nicht noch einmal zur Einkehr.", droht der Gefiederte den Wachen. Er verweilt noch, bis die Frauen vom Hof sind und fliegt dann in Falkengestalt davon.

Er flattert zurück zu Myrix und der Frau. Es dauert etwas, während der Falke und Myrix sich anschauen und ihr Gespräch unbemerkt in die telepathische Ebene verschoben haben, doch dann spricht Myrix zur Frau, dass ihre vermisste Tochter wohl sicher bald wieder hier sei. Der Falke habe es gesehen. Mit diesem unglaublichen und wirren Ergebnis lässt der Magier die Frau stehen und geht mit dem Falken auf dem Arm zurück zum Bauernhof. Wieder in seiner großen Gestalt erzählt der Gefiederte von seiner kurzen Begegnung mit der Tochter. Sie wird es nicht bemerkt haben und auch keine andere, aber sein besonderes Augenmerk galt ihr unter all den Frauen und Mädchen. "Dann habt Ihr euer Kind offensichtlich schneller gefunden, als ihr dachtet. Aber sagt doch, Herr, was habt Ihr nun mit ihr vor? Ihr habt meine Frage vorhin nicht beantwortet." - "Ich werde sie zu einem Engel machen. Ein solch gewaltiger Akt, dass es keinem Sterblichen vergönnt ist, so ein Werk zu schaffen. Für mich wird es wohl nur ein Fingerzeig sein."
Myrix gehen die Augen fast über. Nie hätte er geglaubt, auch nur einem Engel zu begegnen oder gar einem Gott. Und schon gar nicht hat er auch nur daran gedacht, je bei der Erschaffung eines Engels dabei zu sein. Ein äußerst seltener Vorgang, gibt es auf der ganzen Welt doch nur kaum mehr als zehntausend in all den Jahren seit der Erschaffung des ersten Engels. "Du gehst zu weit, Magier." - "Wie?" - "Heute soll die Sache noch nicht werden. Sie wird ausgewählt, ganz gewiss. Aber ein Engel wird sie ein andermal. Ich kann nicht aufgrund eines Momentes entscheiden." - "Darum seid Ihr der Gott und ich nur der Magier." - "Es ist genauso wenig gut, sich kleiner zu machen, wie es unklug ist, sich größer zu machen. Du hast doch viel erreicht. Wie viele Menschen aus Occien können schon behaupten auch nur einen Fuß auf diese Insel gesetzt zu haben? Sie sind wohl leicht mit vier Händen abzuzählen." - Herr, ihr scheint euch nicht ganz sicher zu sein." - "Ich versuche meinem Vater zu entsprechen. Und dies soll mein erster Engel werden."
Und später in der Nacht ist es schon so weit. Der Gefiederte verabschiedet sich von Myrix, verwandelt sich in den Falken und schwirrt so in das Dunkel hinaus. Myrix wird sicher noch lange an diesen Tag denken müssen. Und noch sicherer ist es etwas, auf das er stolz ist. Obwohl ihm der Gefiederte ganz klar sagen würde, dass eine mehr oder weniger zufällige Begegnung keinen Stolz hervorrufen sollte. Man hat für diese ja nichts getan. Und wie er darüber nachdenkt, bestätigt der Gefiederte diese Gedanken telepathisch. Der Schelm ist noch nicht aus seinem Kopf verschwunden, doch auch hier verabschiedet er sich nochmals und ist nun gänzlich von Myrix entfernt.
Er hat das Haus der Frau vom Tage gefunden und steht nun vor dem Fenster des Schlafzimmers. Alle Bewohner des viel zu kleinen Hauses, immerhin sechs Kinder, die Mutter und der Bruder der Mutter, schlafen in einem Raum. Unter dem Knäuel von Kindern hat er die Auserwählte schnell ausgemacht. Sie wird nicht wissen, wer der Falke ist. Sie wird nicht wissen, wer der große Gefiederte im Palast war. Sie wird nicht einmal wissen, dass er sie auserwählt hat. Doch er schwingt sich zu ihr ins Zimmer. Mit dem Schnabel berührt er das Mädchen an der Stirn und hebt dann bereits ab. Auf der Fensterbank schaut er nochmals zurück, sieht seinen Kreis mit dem großen Punkt in der Mitte und fliegt davon.

* Die Weisen sind ein alter Bund aus Magiern und magisch begabten Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, in der Welt der Menschen für die Rechte von Orks, Minotauren und dergleichen stark zu machen. Sie sind unterteilt in die fünf Schulen der Magie: Erde, Feuer, Wind, Wasser, Schatten. Außerdem beherrschen einige von ihnen auch noch psionische Fähigkeiten, wie Telepathie und Telekinese. Die Schule des Windes beinhaltet nach dem Katalog der Weisen die Heilung und Stärkungsmagie. Das Feuer gilt als destruktive Kraft. Blitzmagie wird hier mit hineingerechnet. Das Wasser ist nicht greifbar und steht daher für Illusionen, Suggestion, hat aber ebenfalls heilenden Charakter. Die Erde gilt als beständiges Element, dass aller Dinge harrt und diese überdauern wird. Alle naturnahe Magie, wie das Beschleunigen von Pflanzenwachstum und die Verwandlung in Tiere zählen in diesen Bereich. Schatten hat ebenfalls destruktiven Charakter, ist aber ebenfalls der Suggestion zugeneigt. Sämtliche Beschwörungen und das Eindringen in die Geisterwelt gehören in die Schule des Schattens.

** Es ist kein "Spiderman"-Zitat, auch wenn Peter Parkers (alias Marvel-Held Spiderman) Onkel Ben Parker so ähnliche Worte ebenfalls verwendet hat.
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Re: Sacra Tibia: Zwei Augen

Beitragvon almafan » Mi 31. Okt 2018, 23:08

Fúzhou

Noch immer ist der Gefiederte völlig ruhig. Er scheint in sich gekehrt. Die fünf Dämonen stören ihn offenbar kein bisschen. Im Gegenteil. Er beunruhigt sie.
"Wisst ihr also, wer ich bin?", kommt es aus ihm. Die Dämonen zucken kurz zusammen. So plötzlich hatten sie nicht mit einem Wort gerechnet. Dann blickt der Gefiederte auf, schaut kurz nach links, zum alleinstehenden Dämon, schaut daraufhin nach vorn, zu den vier anderen. "Und dies wird eure letzte Erkenntnis sein." Doch der alleinstehende Dämon sieht das anders: "Nur weil du dieser bist, heißt das nicht, dass du unbezwingbar wärst." Der Gefiederte hebt den Arm und richtet seine Handfläche auf die vier Dämonen mit ihrem doppelten Paar muskulöser Arme. "Ich sage nichts anderes. Nur für euch bin ich ohne Überwindung." Und wie er dies ausgesprochen hat, trifft eine unsichtbare Kraft die vier Dämonen, die, wie von einer Welle getroffen, den Halt verlieren. Und noch im Fluge zerfallen sie, ohne Anzeichen einer Verbrennung zu Staub*. Der Wind spielt noch ein wenig mit diesem, bevor er zu Boden rieselt. Der fünfte Dämon, der zu seinem Glück eben in einer anderen Richtung steht, kann es kaum fassen. Mit weit aufgerissenen Augen sieht er, wie es die zu Staub Zerfallenen durch die Lüfte trägt. Dann richtet er seinen Blick wieder dem Gefiederten zu. Dieser hat sich unmerklich direkt vor den Dämon gestellt. Er war zu schnell, um die einzelnen Bewegungen sehen zu können, selbst wenn man genau hingeschaut hätte. "Ein erbärmlicher Versuch von durchaus fähigen Kämpfern." Das sind die letzten Worte, die der Dämon vernimmt. Mit einer Druckwelle, der Gefiederte stand still, man hätte sie nicht erahnen können, zerbirst sein Skelett und er sackt in sich zusammen, wie es unnatürlicher kaum geht. Der Gefiederte wartet noch ein wenig, bevor er den Leichnam des Dämons in Flammen aufgehen lässt. Ohne emotionale Regung steigt er über den Verbrannten und geht weiter seines Weges.

Von ihm und der Familie trennen ihn weniger als hundert Schritte. Dass dieses brutale Schauspiel bereits beobachtet wurde, stört ihn kaum. Er tritt zur Mutter seiner Auserwählten heran. Die ist starr vor Angst. Sie hat die ganze Sache mit angesehen. "Fürchte dich nicht, denn ich bin hier. Sohn des Ra, der Sonne, der den Urgott Atum ablöste und mit ihm verschmolz. Sohn des Osiris, des wiederauferstandenen Gottes, der als Toter mich zeugte. Sohn der Isis, der Königin des westlichen Himmels und Göttin der Liebe. Enkel des Geb, dem Gott des Landes und der Erde. Enkel der Nut, der Göttin des Himmels und Mutter der Sterne. Ich, der ich hier vor dir stehe, bin Horus, Gott des Lichts, des Feuers, des Himmels. Heute bin ich vor euch getreten als Beschützer der Kinder. Und die Strafe soll jene treffen, die sich meiner Mission in den Weg stellen." Beruhigend und sanft wirkt seine Stimme. Nichts von Überheblichkeit ist zu verspüren. Sein einzigartiges Erscheinungsbild und der gesehene Fingerzeig seiner Macht sind genug, um diesen Worten Nachdruck zu verleihen. "Ich suche eure älteste Tochter. Ich werde ihr ein Geschenk machen."
Die Mutter ist überrascht. Noch nie hatten sie etwas umsonst erhalten, schon gar nicht von einem so machtvollen Wesen, und sie wusste auch nicht, wie sie ihm von ihrer Tochter erzählen sollte. "Eure Tochter ist nicht hier. Das weiß ich bereits. Ich will nur erfahren, wie dies geschehen konnte." - "Ein paar ... zhonggische Händler haben sie ... mitgenommen ... und uns dafür viel Geld gegeben. Das Geld ist bereits aufgebraucht. ... Aber ... was sollte ich machen? Die Männer ... waren bewaffnet. Hätte ich das Angebot nicht angenommen, ... so wären wir tot." In ihrer Stimme klingt die Frucht mit, er würde sie ihrer Tat wegen nun töten. Doch er versucht zu beruhigen: "Ich nehme an, sie tat dieses Opfer von Herzen. Das wäre ihre Art von Stolz und Fürsorge." Die Mutter wirkt schon wieder etwas gefasster und mutiger: "Woher ... woher kennt Ihr meine Tochter und was wollt Ihr ihr schenken?" - "Vor fünf Jahren habe ich sie auserwählt. Ich habe sie beobachtet, war immer wieder hier. Doch jetzt, wo ich ihr das ewige Leben schenken will, denn sie hat sich mir als würdig erwiesen, ist sie nicht mehr hier." Horus tritt ein paar Meter zurück und schaut bedeutungsvoll gen Norden. Ihre Aura hat er längst erspürt. "Ewiges Leben?", kommt es von der Mutter. "Ich stelle sie in den Rang eines Engels. Sie ist dem würdig." - "Wo sie doch nicht mehr hier ist, was wollt Ihr jetzt machen? Könnt Ihr sie mir zurückbringen?" - "Ich werde sie aufsuchen und ihr mein Geschenk machen. Ich weiß nicht, ob ich sie euch bringen werde. Vielleicht lasse ich sie einfach ziehen. Mit ihrem neuen Leben kann sie dann ihren Horizont erweitern und zu einer guten Macht aufsteigen." - "Aber ich würde sie so gern wiedersehen." - "Das kann ich verstehen. Doch ich möchte ihr ihre Freiheit geben, selbst zu entscheiden." - "Und wenn sie nicht zurück will, weil sie dort glücklicher lebt?" - "Sie schickt euch ihr Geld. Ich würde ihr vollstes Vertrauen schenken, selbst wenn sie sich dagegen entscheidet, wieder zurück zukommen." - "Dann sendet ihr wenigstens einen Gruß, ja?", fleht die Mutter mit übereinander gefalteten Händen den Gefiederten an. Horus hebt bereits langsam ab, dreht sich aber nochmals zur Mutter: "Sie wird erfahren, dass ihr an sie denkt und ihr für ihre Hilfe dankt." Als er bis über die Dächer in den Himmel aufgestiegen ist, hebt er seinen Arm. "Und euch nehme ich mit.", flüstert er fast und spannt die Hand an. Aus dieser schießen hunderte von Feuerbällen und verbreiten sich wie ein Feuerwerk über den ganzen Himmel. Dieser ist in das Rot des Feuers getaucht. Überall in der Stadt gehen sie hernieder, wie ein Hagel... nein ein Kometenschauer. Was wie die Vernichtung der Stadt aussieht, trifft in Wahrheit kein einziges Haus. Die Dämonen sind es, auf die er gezielt hat. Und die Dämonen sind es, die daran gestorben sind. Auf einen Schlag viele hunderte. Ob sie sich offen auf der Straße standen oder ob sie in schmalen Gassen, in Häusern oder sonst wo versteckt waren. Horus entschwebt immer weiter und verschwindet dann rasch am Horizont.

"Du musst diese Reise irgendwann auch antreten.", sprach sein Vater Ra. "Bis dahin wird wohl noch einige Zeit vergehen. Und ermahne mich nicht. Ich weiß, dass dieser Satz leichtfertig klingt." - "Besonders da ein alter Feind wieder erstarkt." Das Gerede um den allgegenwärtigen Tod trübt Horus' Stimmung. "Es ist nicht schlimm, wenn du darüber traurig wirst. Wer sagt denn, dass Götter niemals trauern dürfen?" - "Ich mache mir keine Sorgen um den Tod. Ich habe lange gelebt. Es gibt vielleicht nur eine Handvoll anderer Lebewesen im gesamten Kosmos, die älter sind als ich. Dennoch weiß ich, dass ich vor meinem Ableben noch viel erreichen will, was ich bisher nicht getan habe."
Beide Götter wissen um die Risiken, die dieser Welt wieder bevorstehen werden, wenn der Sohn Luzifers wieder aufersteht. Schlimmer noch, wenn er mächtige Verbündete um sich scharen kann. "Wir haben zu wenige Engel auf dieser Welt. Das weißt du ebenso wie ich. Und deshalb wäre eine Reise so wichtig." - "Ich weiß." - "Ich bin durch meine Geschäfte gebunden. Habe hier und da meine Pflichten. Du dagegen bist zur Zeit frei." - "Auch das weiß ich." - "Dann unternimm diese Reise."

Diese Worte hallen in Horus' Kopf immer wieder. Und auch der harte Ton eines trotzigen Kindes, kommt ihm immer wieder in den Sinn. Wie ein solches verhielt er sich, gegenüber Ra seinem Vater und Großvater. Er weiß, um seine schwierigen Verwandtschaftsverhältnisse. Um seine einzigartige Ausgangslage. Um seine zwei Gotteshäuser, in denen er ein Heim hat. Um seine zwei Aspekte: Mond und Sonne. Um seine zwei Schaffensweisen: Beleben und zerstören. Um seine ganze Dualität. Und auch deshalb hat ihn sein Vater ausgeschickt, einen Engel zu schaffen. So viele Zeiten ist er nun schon auf der Welt und doch hat er bislang kein solches Wesen hervorgebracht.
Aus seinen Gedanken gerissen bemerkt er, dass er bereits die Stadt Fúzhou erreicht hat. In seiner mächtigen Gestalt reiste er über das gelbe Meer nach Norden, schnurstracks auf die Aura des Mädchens zu. Die zwei Tagesreisen legte er dabei in wenigen Minuten zurück. Der Gefiederte erlebte diese Stadt noch als Hauptstadt des einstigen Min, eines der zehn Königreiche, die heute als Zhongguo geeint sind. Er weiß auch um die Gründung einst, als Fischersiedlung. So entstanden hier fast alle am Wasser gelegenen Orte. Diese Stadt ist wesentlich größer als Nilad, allerdings ist es ja auch eine Provinzhauptstadt im großen zhonggischen Reich. Abertausende von Menschen wuseln durch die Straßen und gehen ihrem Tagwerk nach. Es sind mehr als selbst in Aldwych. Überhaupt leben in diesem großen Reich, das vom östlichen Meer nahe Nippons bis tief ins Landesinnere des orienden Kontinents reicht und sich spannt von den Steppen des Nordens, des Reiches der Uls bis zu den Küsten des gelben Meeres, mehr Menschen als sonstwo. Fast jeder dritte Mensch der Welt lebt in diesem Reich und somit jeder zweite des Oriens. Besonders die Städte im Süden und Osten des Reiches sind reich an Einwohnern. Hier in Fúzhou leben sicher mehr als fünfzigtausend Menschen.
Jetzt erst verwandelt er sich wieder in den Falken. Schnell wendet er sich ab vom Trubel und sucht sogleich ihre Nähe. Sein Vater hatte sie ebenfalls schon aufgesucht, allein und in Begleitung mit seinem Sonnensohn. Gratuliert hat er. Zu ihrer Schönheit, zu ihrem klaren Geist, zu ihrer direkten Art, zu ihrer Herkunft, vor allem aber zu ihrem gesamten Wesen. Horus erinnert sich, wie stolz sein Ahn war. Fast als sei sie seine Enkeltochter. Darüber muss er sogar schmunzeln.
Unterdessen hat er es sich auf einem Dach eines benachbarten Hauses gemütlich gemacht. Auf der anderen Seite der Straße herrscht großer Trubel. Die Weine fließen, wie Bäche. Die Frauen tragen einen Hauch von nichts. Das Gelächter ist groß. Horus kennt solche Stuben. Die gibt es überall. Da sind sich die Menschen eins. Und das älteste Gewerbe wird wohl auch das letzte sein.
Schon als er von der Mutter hörte, das Zhonggen die Kleine gekauft haben, wusste er, wo sie landen würde. Exotische Schönheiten sind bei guten Stuben beliebt. Die Kreideblassen oder Gelben kennt man doch schon. Man sieht sie jeden Tag auf der Straße. Doch die Dunkleren, die Jungen, die sind gut behütet oder zumindest weggesperrt. Der Gefiederte wird heute nicht mehr einschreiten, wenn es denn nicht von Nöten ist. Eine Auszeit hat er sich verdient. Und so schließt er seine Augen auf dem Nachbardach und lässt den Tag ausklingen.
Viel ist heute geschehen. Der Sprung über eine hohe Mauer, der Flug über die halbe Welt, die Vernichtung hunderter Dämonen. Auch hat er sich nun erstmals der Mutter gezeigt, die, verständlicherweise voller Angst um ihre Tochter, sogar die Furcht vor dem großen Unbekannten ablegte und erkennen durfte, dass sich das Leben ihrer Tochter grundlegend ändern wird. Ja, Horus hat heute viel erreicht. Und doch wird er sie heute nicht mehr zum Engel machen. Er könnte, aber gut Ding will Weile haben. Und die Pause gönnt er sich einfach. Vielleicht wird auch der folgende Tag sehr ertragreich.

* Geschaffene und aus Toten rekrutierte Dämonen verfallen zu Staub, einige Momente nachdem sie verstorben sind. Trifft dies nicht zu, so handelt es sich um geborene oder aus Lebenden rekrutierte Dämonen. Diese verbleiben als Leichen an Ort und Stelle, wie es bei den meisten anderen Arten die Regel ist (z.B. Menschen).
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