Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit




Unterhaltungsliteratur in ihren verschiedenen Formen, wie beispielsweise Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Berichte, Märchen und Sagen

Re: Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit

Beitragvon almafan » Sa 15. Feb 2020, 22:07

Die Ernte

niedergeschrieben von Hexagon

im 26. Jahr der Herrschaft Boleslav II., der Fromme, Sohn des verblichenen Boleslav I., aus dem Haus der Premysliden, dem König von Brahmen, einer der sieben Reichsfürsten der teutischen Lande, der im steten Streit um die Krone Brahmens mit dem Haus der Slavnikiden steht
im 15. Jahr der Herrschaft Otto III., Sohn des verblichenen Otto II., aus dem Haus der Liudolfinger, Sohn eines teutischen Königs und einer rhomäischen Prinzessin, somit Vereiner des alten Reiches, der im Süden zum König wurde und im Norden die Krone erhielt, der König der teutischen Lande und König der Tiber, Hegemon der Lombardei, Fronherr der Krone, Schirmherr und Herrführer der christlichen Lande
im Jahre 1309 nach der Thronbesteigung des Königs Seleukos I., eines Diadochen Alexanders des Großen
im Jahre 998 nach der Geburt des Propheten Jesus
im Jahre 714 nach der Thronbesteigung des Kaisers Diokletian auf den rhomäischen Thron
im Jahre 388 nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina

Die Niederschrift im Jahr meiner Wanderschaft durch die Bahm'schen und Wend'schen Lande.
So begeben hat es sich, wie ich selbst gesehen habe und durch Gehörtes ergänzte.


Als der Bauer aufwacht, ist es noch dunkel in seiner Hütte. Normalerweise wird er von den ersten Sonnenstrahlen geweckt, die durch das Strohdach dringen. Doch heute ist Arnolf früher wach geworden als sonst. Er ist angespannt. Unruhig hat er sich auf seinem Strohbett hin und her gewälzt. Heute muss alles gut gehen auf dem Feld.

Arnolf und seine drei Kinder müssen den Weizen schneiden und trocken in den Speicher bringen. Wenn sie nicht schnell genug mit der Ernte sind, wenn Regen oder Sturm aufkommen, steht seine Familie vor dem Ruin. Sie könnte die Abgaben nicht an den Grundherrn und Kloster Ostrada zahlen, sie hätten zu wenig zum Essen. Und auch dem Vieh fehlte es dann an Futter.
Arnolf faltet die Hände, spricht ein stummes Gebet, um seine Familie nicht zu wecken. Dann steht er auf. Einen der arbeitsreichsten Tage des Jahres kann man nicht früh genug beginnen, denkt er, als er seine Kleidung zusammensucht.

Arnolf ist ein exemplarisches Beispiel für so viele andere Landmänner seiner Tage und der Tage seiner Väter. Nicht viel hat sich verändert in den letzten vierhundert Jahren. Die einen kommen, die anderen gehen. Über den Alltag der Bauern werden künftige Generationen weniger wissen, als über den Adel und der Kleriker. Die Landbevölkerung konnte meist nie schreiben. Und die meisten Zeugnisse hinterlässt der, der sich niederschreibt. Bauern werden dadurch immer weniger Spuren hinterlassen, als Ritter, Mönche und selbst Pfarrer. Aber Arnolf und seine Landgenossen sind die Säule der Gesellschaft.

Arnolf schaut auf seine Frau Hiltrud und die drei Kinder. Auch sie schlafen auf dem Lehmboden. Aufgeschüttetes Stroh dient als Unterlage.
Sein Blick gleitet durch die Hütte. Darin stehen ein Tisch, fünf Schemel und zwei große Holztruhen. Mehr Möbel besitzt die Familie nicht. In der offenen Feuerstelle liegt weiße Asche und ein dicker, angeschwärzter Buchenscheit. Es riecht nach Ruß. Die Luft in der kleinen Lehmhütte ist verraucht. Der Herd aus Lehmziegeln, der in der Mitte des Raums steht, hat keinen Schornstein. Und Fenster gibt es nicht. Nur durch eine kleine Luke im Strohdach können die Rauchschwaden entweichen. Die Wände sind vom Ruß schwarz gefärbt.

Als Arnolf die Tür öffnet, strömt endlich frische Luft herein. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Wiesen vor dem Haus in ein mattes Gelb. Doch am Himmel stehen schon einige dunkle Wolken. Arnolf sieht das mit Sorge. Er muss sich beeilen. Schnell zieht er sich an.
Er trägt als Unterwäsche ein Leinenhemd, streift eine Jacke darüber, die seitlich zwei Schlitze hat, damit er sich beim Arbeiten gut bewegen kann. Dann stülpt er sich wollene Kniestrümpfe über. Die ganze Kleidung ist dunkelgrau. Buntes dürfen einfache Bauern nicht tragen. Denn die Farben der Hosen und Jacken spiegeln seinen Rang in der Hierarchie wieder. Je prächtiger und farbenfroher die Kleidung ist, desto bedeutender ist die gesellschaftliche Stellung des Trägers. Grundherren, denen das Land der Bauern gehört, besitzen bunte Jacken und Hosen. Sie tragen auch Schuhe aus feinem Rindsleder. Arnolf hat bei der Arbeit schwere, aus Lindenholz geschnitzte Holzpantinolen an den Füßen.

Nun weckt der Bauer seine Familie. Er ruft dem Alter nach die Namen seiner Kinder: Hans, Gertrud, Klaus. Dann sucht er seine Werkzeuge zusammen. Die Sichel, die Hanfstricke, den groben Sack. Jetzt kann es losgehen auf das Feld.
Arnolf ist kein wohlhabender Bauer. Davon gibt es ohnehin nur sehr wenige. Aber immerhin besitzt er etwas Vieh, Schafe, Schweine und vor allem einen Ochsen. Wer viele Nutztiere hat, ist angesehen im Dorf. Bauern, die keinen Ochsen haben, müssen sich ein Zugtier bei den Nachbarn leihen und dafür mit Eiern und Milch zahlen. Meist funktioniert die bäuerliche Gemeinschaft gut. Man hält zusammen. Schließlich verbringen die Bauern in der Regel ihr ganzes Leben an einem Ort. Stets in der Nähe derselben Nachbarn. Selten kommt es vor, dass ein Bewohner das Dorf verlässt, zu einer Pilgerfahrt aufbricht oder gar in die wachsenden Städte zieht.

Arnolfs Dorf besteht aus sieben Höfen. Eine Kirche gibt es nicht. Die steht im größeren Nachbardorf, nahe des Klosters Ostrada. Das Dorf kann ein Fußgänger in einer Stunde erreichen.
In der Mitte des Ortes steht eine alte Linde. Dort werden gemeinsame Feste unter freiem Himmel gefeiert. Feste sind wichtige soziale Ereignisse. Manch junger Bauer hofft, beim Tanz eine Frau zu finden.
Meist bestimmen allerdings die Eltern, wer geheiratet wird. Liebe spielt bei der Wahl keine Rolle. Die Vorstellung einer romantischen Ehe wird lediglich in der Minne besungen. Es geht um die wirtschaftliche Absicherung der Familie. Vor allem Kinder sind für die Altersvorsorge wichtig. Leibeigene, die unfeeien Landwirte, dürfen gar nur mit Zustimmung des Grundherrn eine Ehe schließen. Ihr Leben gleicht manchmal dem von Sklaven.

Vor der Linde im Dorfzentrum wird zudem Gericht gehalten. Doch dazu kommt es selten. Die Menschen im Dorf leben meist friedlich zusammen. Ihr Grundherr muss sie daher eher vor den Überfällen von Räubern und Plünderungen feindlicher Soldaten schützen. Dafür müssen die Bauern ihm ein Zehntel ihrer Ernte überlassen. Und sie müssen Fronarbeit verrichten. Sie schuften ohne Lohn auf dem Land des Adligen. Sie roden Wälder, legen Gräben und Straßen an oder pflügen dessen Äcker.
Protest gegen diese Pflichten gibt es kaum. Zwar gibt es hier und da passiven Widerstand, indem ein Bauer krankes Vieh als gesund bezeichnet oder unten im Sack verdorbenes Getreide reinschüttet, doch das sind Ausnahmen. Die Gedankenwelt eines Bauern ist eng. Sein Platz in der Gesellschaft gibt ihm die Religion vor. Der einfache Mann solle hinter seinem Pflug zufrieden sein, predigen die Geistlichen. Dort sei sein gottgewollter Platz.
Das ist auch nicht anders, wenn der Grundherr selbst ein Abt ist. Der Schutz der Bauern besteht dann darin, hinter die Klostermauern zu flüchten, wenn ein Angriff naht. Truppen zur Verteidigung hat das Kloster nicht. Und wenn sie nach welchen schicken wollen, ist der Angriff schon vorüber.
Es gibt im Grund nur zwei Arten für einen Bauern, Land zu bewirtschaften. Leibeigene und Pachtbauern bestellen die Äcker der reichen Gutherren und erhalten dafür ein kleines Stück Land zur Nutzung. Oder der Gutsherr vergibt Land als Lehen und verlangt dafür Abgaben. Hühner, Eier, Gemüse, Getreide, Schweine oder gar Geld. Säumigen Zahlern wird der Zins kurzerhand verdoppelt. Dazu kann es schnell kommen. Denn zusammen mit dem Zehnten ist die Belastung sehr hoch. Schon eine einzige Missernte wirkt sich verheerend aus. Außer kommt es eben immer wieder zu Überfällen durch bewaffnete Truppen, die Vieh und Vorräte rauben und Häuser brandschatzen. Und auch adelige Grundherren mit bewaffneten Schutztruppen sind längst nicht immer erfolgreich.

An der Spitze der Gesellschaft steht der Adel. Den zweiten Stand bilden die Kleriker. Zum dritten Stand gehören die Bauern, Händler und Handwerker. Doch so klar, wie gewollt, lässt sich weniges trennen.
Von zehn Männern leben neun auf dem Land. Die größte Sorge der Bauern besteht darin, den Anbau von Getreide zu sichern. Es ist das wichtigste Grundnahrungsmittel seit Jahrtausenden. Man braucht es, um Brot zu backen und einen Brei zu kochen. Das ist die Hauptspeise der Familien. Zu essen gibt es am Morgen noch nichts. Erst steht harte Arbeit an.

Das Feld ist nicht weit von Arnolfs Hütte entfernt. Da allerorten vorwiegend langsame Ochsen als Zugtiere eingesetzt werden, darf der Acker nicht weit weg sein. Die Bauern, die bereits ein Pferd ihr Eigen nennen können, wie es wohl nur wenige tun, können auch längere Strecken in Kauf nehmen.
Die Bevölkerung wächst langsam und doch ist einem Reisenden spürbar, dass sich die Landschaft verändert. Äcker werden mit Sträuchern und Steinen markiert. Je schlechter der Boden desto größer die Anbaufläche. Viel Arbeit für Arnolf und seine Kinder.

Das Getreide steht hoch, es wiegt sich leicht im Morgenwind. Hätte Arnolf ein Stundenglas, er wüsste, dass es die fünfte Stunde seit der Mitternacht ist. Doch solche Zeitmessgeräte besitzen nur Mönche und Gelehrte.
Der Bauer orientiert sich am Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. So lang dauert sein Tag. Arnolf berechnet sein Leben nach Jahreszeiten. Die hat er genau im Blick, denn davon hängt sein Überleben ab. Dreißig Sommer hat er schon erlebt. In seinem Stand wird im Durchschnitt nur fünfunddreißig Jahre alt. Der Hochadel und Bischöfe, mit eigenen Ärzten,alt besserer Nahrung und keiner harten körperlichen Arbeit, werden deutlich älter. Karl, der Große soll es auf fast achtzig Jahre gebracht haben.

Doch Arnolf hadert nicht mit seinem Schicksal. Harte Arbeit gehört zu seinem Leben. Er nimmt die Sichel in die rechte Hand, greift mit der Linken die Getreidehalme, zieht sie hoch, kappt dann die Ähren. Ratsch, Ratsch, Ratsch.
Erneut holt er aus und erneut und erneut. Auch sein ältester Sohn Hans mäht so das Getreide. Die anderen beiden Kinder bündeln die Ähren, legen und binden sie zusammen. All das dauert Stunden.
Der Bauer schaut immer wieder besorgt gen Himmel. Es ist bereits bewölkt. Wenn es stark regnet oder gar hagelt, könnte das die ganze Ernte ruinieren. Es muss schneller gehen. Doch Hilfe kann er nicht erwarten, denn die anderen Bauern teilen die gleiche Sorge und versuchen ihrerseits die Ernte einzufahren.

Um seinen Acker optimal zu nutzen, haben die Mönche des Klosters die Dreifelderwirtschaft in ihren Dörfern durchgesetzt. Auf einem Drittel baut er Sommergetreide an, auf einem anderen Wintergetreide und kältefestes Gemüse, wie Kohl und Kraut und das dritte Drittel liegt brach. Dort kann sich der Boden erholen, wird vom Vieh gedüngt und beweidet.
Die Felder wechseln. Die Sommerernte ist wegen ihrem Ertrag die wichtigste Ernte des Jahres. Die Winterernte im Frühjahr überdeckt Engpässe und erwirtschaftet knappen Gewinn.
Die Bauernarbeit wird von den Jahreszeiten bestimmt. Im Frühjahr wird das Sommerfeld gepflügt, im Sommer geerntet, im Herbst die Schweine zur Mast in die Wälder getrieben und im Winter ein großer Teil der Tiere geschlachtet.

In einem normalen Jahr wirft ein Acker rund fünftausendvierhundert Pfund Roggen und viertausend Pfund Hafer ab. Viel wird ihm von der Ernte nicht bleiben. Ein Drittel braucht er als Saatgut. Ein Sechstel als Viehfutter. Und auch das Kloster und etwaig bestellte Söldner fordern Angaben in Form von Naturalien ein. Nicht nur Getreide muss Arnolf als Zehnt an das nahe Kloster zahlen. Sein Grundherr fordert zudem Schlachvieh, Bier und Brot.

Nach stundenlanger Arbeit machen Arnolf und seine Kinder eine Pause. Sie kehren gegen Mittag in die Hütte zurück. Dort hat Hiltrud bereits Holznäpfe auf die Tischplatte aus rohem Holz gestellt. Die Familie setzt sich auf die Schemel, die um den Tisch stehen. Hiltrud füllt den Brei aus Dinkel, Roggen und Hafer ein. Er wurde in Milch gekocht, die die Bäuerin frisch gemolken hat. Der Brei wurde mit wildem Honig gesüßt. Das Getreide hat die Bäuerin in der Steinmühle gemahlen. Es ist bei weitem nicht so fein, wie es aus einer Rädermühle kommt und der Adel es liebt. Es reibt beim Kauen die Zähne ab. Zum Essen trinkt die Familie Molke. Jenes Restprodukt, das über bleibt, wenn man den Rahm für die Butter abschöpft.
Arnolf schaufelt den Brei hastig in sich hinein. Es liegen noch viele Stunden großer Plagerei vor ihm. Bis zum Sonnenuntergang soll die Ernte fertig sein.

Am Abend stehen dann im Speicher, einem kleinen Verschlag neben der Hütte, Dutzende Getreidegarben zum Trocknen aufgereiht. Erschöpft schaut Arnolf auf seine schwieligen Hände.
Müde trottet er über den Hof. Er füttert noch den Ochsen. Die Söhne kümmern sich um die Schweine. Hiltrud und die Tochter um das Federvieh. Nach einem gemeinsamen Abendgebet legt sich die Familie schlafen.
Die Ernte ist gesichert. Heute wird Arnolf gut schlafen.

Ende
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"If the biggest problem that you're having in the twenty-first century involves
what other people's genitals look like, and what they're doing with those genitals
in the presence of other consenting adults, you may need to reevaluate your
priorities." - Forrest Valkai


("Wenn das größte Problem, das du im 21. Jahrhundert hast, darin besteht, wie
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Re: Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit

Beitragvon almafan » Di 3. Mär 2020, 22:23

Macht und Ehre

niedergeschrieben von Hexagon

im 26. Jahr der Herrschaft Boleslav II., der Fromme, Sohn des verblichenen Boleslav I., aus dem Haus der Premysliden, dem König von Brahmen, einer der sieben Reichsfürsten der teutischen Lande, der im steten Streit um die Krone Brahmens mit dem Haus der Slavnikiden steht
im 15. Jahr der Herrschaft Otto III., Sohn des verblichenen Otto II., aus dem Haus der Liudolfinger, Sohn eines teutischen Königs und einer rhomäischen Prinzessin, somit Vereiner des alten Reiches, der im Süden zum König wurde und im Norden die Krone erhielt, der König der teutischen Lande und König der Tiber, Hegemon der Lombardei, Fronherr der Krone, Schirmherr und Herrführer der christlichen Lande
im Jahre 1309 nach der Thronbesteigung des Königs Seleukos I., eines Diadochen Alexanders des Großen
im Jahre 998 nach der Geburt des Propheten Jesus
im Jahre 714 nach der Thronbesteigung des Kaisers Diokletian auf den rhomäischen Thron
im Jahre 388 nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina

Die Niederschrift im Jahr meiner Wanderschaft durch die Bahm'schen und Wend'schen Lande.
So begeben hat es sich, wie ich selbst gesehen habe und durch Gehörtes ergänzte.


Die Burg von Budissin erhebt sich majestätisch auf ihrem Geröllberg im Osten der Bucht. Errichtet auf einer älteren Burg des alten Adels, zeigen sich von hier die Lokatoren als Besitzer und Schutzherren dieser Bucht, des gesamten Küstenabschnitts und des eigenen Hafens. Bis heute ist die Burg nie erobert worden. Im Besitz ist sie nun von Balian Chobry dem Älteren. Die verzollte Handelsroute zu den Inseln von Brahmen ist seine größte Einnahmequelle.

Am Ende dieses Tages wird das Schicksal seiner Familie beeiegelt sein. Balian Chobry, Ritter dieser Burg und Herr ihrer zugehörigen Ländereien, steht statuenhaft in seinem Schlafzimmer, oben im Wohnturm.
Es ist Mittagszeit. In einer Stunde wird Balian zum Duell erwartet. Es ist Turniertag. Balian Chobry wird mit der Lanze gegen seinen Lieblingsrivalen antreten, Balduin IV. von Sudet. Und auch Balians Sohn wird sich an diesem Tag duellieren. Zum ersten Mal.

Heinrichs Knappe Hagad hievt das Kettenhemd von einem Ständer und wendet sich zu Balian. Der Ritter breitet die Arme aus. Das Eisen soll sein Leben schützen.
Ritter Balian schaut durch die schmale Fensteröffnung ins Freie. Von hier, dem obersten Geschoss des steinernen Wohnturm, der ansonsten hölzernen Burg, überblickt er den Hof. Unten wehen die Standarten seiner Gäste im Wind. Dahinter öffnet sich das grüne Tal. Dort fließt die Sprey ostwärts in das Brahm'sche Meer.
In der waldigen Gegend, etwa eine oder anderthalb Tagesreisen südöstlich von Sitavia hat die Familie von Balian Chobry das Sagen. Von hier aus kontrolliert sie den ganzen Südosten, sind Schutzherren des Klosters Ostrada und wachen über die Häfen zu den Inseln Szerna und Sudet.

Burgen sind Machtdemonstrationen. Wer auf einer Anhöhe oder einem Hügel seine militärischen Bauten platziert, der will die Gegend im Auge behalten. Feinde sind von Weitem zu sehen. Besonders da Chobry die nähere Umgegend der Burg hat abholzen lassen.
Die Ritter kontrollieren das umliegende Gebiet im Auftrag ihres Lehnsherren, ziehen in seinem Namen Abgaben der Bauern ein. Die Ritter zu Budissin sind als Nachkommen der beauftragten Lokatoren direkt dem brahm'schen König verantwortlich. Wenn ein Krieg ausbricht oder eine Fehde ausgefochten wird, ziehen sie für ihn als berittene Kämpfer ins Feld. Doch im Lauf der Jahrhunderte hat sich ihr Aufgabenfeld deutlich erweitert.

Alles beginnt mit den Ministerialen, auch Dienstmannen genannt. Als unfreie Mitglieder an adligen Höfen können Sie durch Tüchtigkeit aufsteigen. Die Könige beginnen, ihre Dienstmannen auch zum Kriegsdienst heranzuziehen. Zuvor war das dem Adel vorbehalten. Wer seinen Lehnsherren auf Feldzügen begleitet, erringt die Chance, sich zu bewähren und belohnt zu werden. Aus den berittenen Kriegern formt sich ein eigener Stand unterhalb des Hochadels.
Wer es als Ritter zu Ehre und Sold bringt, lebt auf einer Nurg. Ritter bekommen eigenes Land. Das bedeutet Ehre und Wohlstand. Aber es ist auch eine Verantwortung. Nun müssen sie weit mehr leisten, als ihrem Herrn in den Krieg zu folgen. Burgen sind Wohnung und Verwaltungssitz, Gericht und Gefängnis, Grenzposten oder Mautstation. Sie haben Bedeutung für die Ackerwirtschaft und den Forst. Manch Ritter beschäftigt sich mehr mit Ernteerträgen und den Marktpreisen für Ochsen, als mit dem Stählen und Erhalten der eigenen Wehrkraft.

Einer von ihnen ist nun Balian Chobry, Ritter und Herr zu Budissin. Sein Name und der seines Sohnes Balian, der Jüngere, finden sich in der Stammlinie der Lokatoren, die vor nicht einmal zehn Generationen dieses Land im Namen des teutischen Königs in Besitz nehmen sollten, um es urbar zu machen und es zu erschließen.

Im Wohnturm hört der Burgherr das Gemurmel der Turniergäste, das Wiehern der Pferde, das Lachen der Männer. Es riecht nach Ochsen und Kühen. Glasfenster gibt es nicht auf dieser Burg und nicht auf irgendeiner anderen Burg in den ganzen brahm'schen Landen. Selbst der Hochadel kann sich bestenfalls Waldglas leisten. Milchig-trübe, runde Scheiben, die kaum Licht durchlassen. Selbst das ist zu teuer für Ritter. Sie schließen ihre Fensteröffnungen manchmal mit Häuten oder Pergament, meist aber mit einfachen Holzläden. Gegen den Windzug stopfen sie Stroh oder Moos in die Ritzen. Die ohnehin kalten Räume steinerner Bauten werden so auch noch finster.
Nun aber ist endlich Frühjahr. Das Sonnenlicht taut Wege und frierende Glieder auf. Die Zeit für die Liebslingsbeschäftigung bricht an. Die Zeit der Leibesertüchtigung durch Turniere.

Balian blickt zufrieden an sich herab. Die Rüstung wiegt schwer, über fünfzig Pfund. Und sie sitzt wie eine Haut aus Eisen und Leder. Seinen schweren Metallhelm, inner mit einer gepolsterten Haube versehen, wird Balian erst kurz vor dem Turnierkampf aufsetzen. Als er noch Kind war, sind nahe Sitavia bei einem Turnier mehrere Ritter unter dem Helm erstickt oder an einem Hitzschlag gestorben. Balian atmet ein. Ihm ist jetzt schon heiß.
Ein gestepptes Unterhemd und gepolsterte Kniehosen schützen vor Druckstellen. Und sie sind warm. Darüber trägt den Plattenrock, auch Spangenharnisch genannt. Von außen sieht er aus wie ein Kettenhemd. Darüber verstecken sich Eisenplatten. Wohin auch immer diese Entwicklung der Rüstung führen wird, für das Turnier werden sie wohl immer prächtiger, doch im Kriege wohl unpraktisch.
Allein anlegen kann Balian die Rüstung nicht. Knappe Hagad schließt die letzte Schnalle und schlägt Balian auf die Schulter. Das Zeichen, dass er fertig ist. Hagad ist fast vier mal fünf Winter alt, seit zwölf Jahren in den Diensten Balians, enger Freund seines Sohnes und ein geschickter Kämpfer. Bald wird Balian ihn für den Ritterschlag empfehlen.

Als Schutz- und Wachmänner, Richter und Gefängnisaufseher in einer Person spielen Ritter in dünn besiedelten Gebieten eine wichtige Rolle. Durch Hilferufe und Entsatze von Klöstern verstehen sich Ritter oft nicht mehr nur als weltliche, sondern auch als geistliche Krieger. Als "miles chrsti", Soldaten Christi. Dichter Formen daraus ganze Tugendkataloge. Auch Balian Chobry sieht sich durch seine Hegemonie über Ostrada als Diener des Höchsten.
Vom Ritter wird die ergebene Liebe zu Gott verlangt, die Achtung der Lehre, Furcht vor der Hölle, Schutz der Armen, gutes Benehmen, braves und anständiges Handeln, Vater und Mutter zu ehren, auf den Rat weiser Menschen zu hören, Hass zu ertragen und vieles mehr.
Die Realität bleibt häufig hinter dem Ideal zurück. So klagte Petrus von Blois: "Sobald sie mit eem Rittergürtel geschmückt sind, plündern und berauben sie die Diener Christi und unterdrücken erbarmungslos die Armen. Sie geben sich dem Nichtstun hin und Trunkenheit hin, sie schänden den Namen und die Pflichten des Rittertums. Wenn unsere Ritter einen Feldzug unternehmen, werden die Pferde nicht mit Waffen, sondern mit Wein beladen, nicht mit Lanzen, sondern mit Käse, nicht mit Speeren, sondern mit Bratspießen."
Doch bevor Balian an das Festmahl denken kann, liegt vor ihm noch das Turnier.

Hoch oben im Turmzimmer greift Hagad zur Standarte mit dem Wappen Balians. Der Ritter bewegt seine Arme. Nur ein leises Rascheln ist zu hören. Kein Quietschen, kein Scheppern. Die Rüstung ist in Form und Balian Chobry ist es auch. Er verlässt das Turmzimmer, geht langsam die Holzstufen hinab.

Es ist kühl. Die Steinmauern seines kürzlich umgerüsteten Wohnturm speichern keine Wärme. Zuvor war hier alles aus Holz. Das ist zwar wärmer, aber nicht so widerstandsfähig und feuerfest. Die Fensteröffnungen sind zugig und nur in einem Raum gibt es einen Kamin. Über dem Feuer erhitzte Pfannen verbreiten in den anderen Räumen nur zeitweise ein wenig Wärme. Die beliebten Wandteppiche sind nicht bloßer Schmuck. Sie sind Wärmedämmung. Fast das ganze Jahr wird das Gemäuer kalt bleiben, in Felsenburgen wie dieser wird auch die Feuchtigkeit aufziehen. Kein Wunder, dass schon jetzt viele Bewohner Gliederschmerzen plagen.
Wer es sich leisten kann, der wärmt sich im Badezuber. Jede Burg braucht eine sichere Wasserzufuhr. Am Besten sind Brunnen im Burginneren. Im Extremfall werden deshalb bis zu 300 Ellen tiefe Schächte in den Boden getrieben, um an das Grundwasser zu gelangen. Denn eine Festung, die bei der Belagerung auf dem Trockenen liegt, ist nutzlos.

Als Balian die Stufen hinabsteigt, passiert er kaum erleuchtete Räume. Kerzen sind teuer. Bienenwachs ist noch teurer. Die meisten Kerzen bestehen aus Rindernierenfett oder Hammeltalg. Mehr Licht verbreiten Fackeln. Doch die rußen stark und schwärzen so nach und nach Mobiliar und Wandteppiche. Niedrigpreisig sind Fackeln aus Kienspänen und Talglampen. Die Leuchten aus Tierfett rußen und verbreiten einen ranzigen Gestank.
Im Erdgeschoss ist es laut und warm. Um den Burgherren herum werkeln Weiber und Männer in der Küche. In Burgen wie dieser wird auf einem gemauerten Herd über offenem Feuer gekocht. Darüber wölbt sich ein sogenannter teutischer Schlott, ein begehbarer Kamin. Mittlere und große Burgen betreiben eine von der Küche getrennte Bäckerei, die sogenannte Pfisterei. Unter der Küche, im kühlen Untergeschoss, lagert Eingemachtes. Marmeladen, getrockneter Fisch, Pökelfleisch, dazu Bier und Wein in Fässern. In der Küche riecht es nach Fett, Schweiß und Tierkot.
Denn in vielen Burgen liegen die Ställe für den kostbarsten Besitz der Ritter, ihre Pferde, in der Nähe des Hauptgebäudes. Schweine- und Kuhstallungen liegen abseits. Dort hausen häufig auch die für die Tiere zuständigen Knechte.
Schweine und Kühe liefern das begehrte Fleisch. Wild gibt es selten. Doch der wichtigste Bestandteil in der Nahrung ist über alle Stände hinweg Getreide. Es kommt als Brot, Grützebrei oder Bier auf den Tisch, seltener als Fladen, Brezel oder Lebkuchen. Die soziale Ordnung lässt sich am Essen ablesen. Je heller das Brot eines Menschen ist, desto reicher ist er. Bauern essen Schwarzbrot, Vermögende Weißbrot aus Weizen. Gepökelter Fisch ersetzt das seltene Fleisch. Es ist eine wichtige Ergänzung des eintönigen Speiseplans. Ritter und Adel gehen hart gegen Wilddiebe vor, bis hin zur Todesstrafe.

Der Lebensstil von Rittern auf kleineren Burgen unterscheidet sich wenig von den Bauern, über die soe herrschen. Der Frankoritter Wolfram aus der Familie von Eschenbach schrieb einst nieder: "Wo ich oft vom Pferd gestiegen, wo man mich den Hausherrn nennt, daheim in meinem eigenen Haus, da haben Mäuse nichts zu lachen, wenn sie sich ihr Futter stehlen. Man muss es nicht vor mir verstecken, weil dort nichts vorhanden ist."
Balian greift nach einem kleinen Laib Brot und einem Himpen Bier, schenkt seiner Magd ein Lächeln und verlässt die Küche in Richtung Speisesaal. Hagad bedeutet dem Küchenjungen, mehr Brot und Bier zum Turnierplatz zu bringen. Sein Herr wird später humgrig sein und durstig.

Im Speisesaal der Familie sind alle weertvollen Besitztümer weggeräumt. Der Raum wirkt kahl. Reiterfeste geraten manchmal außer Kontrolle. Dann fechten Ritter Fehden mitten in der Burg aus, anstatt auf dem Schlachtfeld. Als Balian ein Kind war, geriet ein Turnier in Lúban zu einem ernsten Kleinkrieg. Ritter aus dem Gefolge der Arzberger Grafen bekriegrten sich dabei mit Anhängern des Königs von Brahmen in der kleinen Schlacht von Lúban.
Der Burgherr stapft hinüber in den Pferdestall. Vom Innenhof aus sind alle Bereiche der Burg zugänglich. Doch von den Mauern könnten eingefallene Angreifer immernoch beschossen und bekämpft werden. Von Ferne hört er die Rufe der Krogierer. Fahrende Leute, die lauthals die Ankunft der Ritter am Turnierplatz begrüßen und ihre Taten rühmen. Sie sind die Stadionsprecher wie einst in Rhomäa.
Im Stall inspiziert Balians Sohn, Balian der Jüngere, etwa zwanzig Winter alt, gerade sein Ross, auf dem.er ins Turnier ziehen will. Er soll vom Vater in ein paar Jahren die Leitung der Burg übernehmen. Hat Balian Chobry das richtige getan, als er seinem Sohn dir Telnahme am Turnier erlaubte? Es ist dad erste Mal für den jungen Stammhalter. Gesund wird er wohl bleiben, aber wie steht es im Falle einer Niederlage um die Turnierehre des Jungen? Schlimmer noch, die Kirche verurteilt die Ritterspiele. Wer im Turnier stirbt, dem drohen Höllenqualen.

Von klein auf werden Rittersöhne darauf trainiert, im Kampf zu bestehen. Schon mit sechs oder sieben Jahren kommen die Junhen in die Obhut eines Onkels, eines älteren Bruders oder eines Erziehers.
Die Jungen lernen Schwimmen, Bogenschießen, höfisches Zeremoniell und den Faustkampf, Ringen, das Aufstellen von Vogelfallen, vor allem aber das Reiten. Denn im Kampf muss ein Ritter sein Pferd ohne Zügel lenken können. Allein dadurch, dass er sein Gewicht verlagert oder durch seine Schenkel Drück ausübt. Seine Hände müssen frei sein, damit er eine Lanze oder ein Schwert führen kann.
Nebenbei lernen die Halbwüchsigen auch Provence, die Weltsprache in diesen Tagen. Auch wenn die Kirchen und Klöster in Latein kommunizieren und das weiter als die Reiche und Länder. Dazu Minnesang und etwas Lesen und Schreiben.
Viele Jungen ziehen als Pagen auf die Burg ihres Lehnsherren. Dort knüpfen sie Bande zu ihrem künftigen Lehnsherren. Denn wer in der Schlacht kämpft, der muss seinen Gefährten blind vertrauen können. Balian der Jüngere hat die Lehre durchlaufen wie Balian Chobry einst. Im Herbst hatte er den Ritterschlag empfangen, nun streitet er in seinem ersten Duell als Ritter.

Für die Bedenken des Vaters ist es jetzt zu spät. Das Turnier beginnt. Das Wort Turnier leitet sich aus dem lateinischen "tornare" ab, will heißen "drehen" oder "wenden". Mittlerweile ist das Turnier nicht mehr bloße Gefechtsübung, sondern ein Ereignis großer Beliebtheit mit förmlichen Einladungen und festlichen Ritualen. Ritters bewähren sich nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld. Auch auf dem Turnier ringt man um Ehre. Dort wo Adlige, Edelfrauen und andere Ritter sie von hölzernen Tribünen aus gut sehen können.

Balian steigt auf sein Pferd und trottet erhobenen Hauptes zum Turnierplatz. Knappen sehen zu ihm auf. Er nickt einem einstigen Kampfgefährten zu. Sein Reittier hat eine stolze Höhe von vier bis viereinhalb Ellen am Widerist. Das ist die Schulter des Tieres.
Es ist fastdreizehn Uhr. Gleich geht es los.
Balian nimmt am Turnei Teil, dem Turnier im engeren Sinne. Dabei kommandiert der Burgherr seine Männer in einer nachgestellten Schlacht. Balian klappt sein Helmvisier herunter. Dann wird das Trennseil fallen gelassen. Balian und seine Männer reiten los, fallen vom Trapp in den Galopp, dann in den gestreckten Lauf. Unter den Hufen spritzt die Erde hoch. Die Gegner Rasen aufeinander zu, prallen aufeinander.
Der Burgherr steckt Schläge ein, aber hält sich im Sattel. Rasch wendet er, reitet zurück, wendet erneut und stürmt wieder auf die Kontrahenten zu. Metall prallt auf Metall. Holz prallt auf Holz. Gestrafftes Leder prallt auf gestrafftes Leder. Die Reiter rufen einander Wortfetzen zu, Pferde wiehern. So geht es mehrere Minuten. Dann ist das Spektakel vorbei.

Jetzt erst zeigt sich, den Anführer von Balians Gegnern hat es aus dem Sattel gehoben. Er liegt benommen am Boden. Blut ist keines geflossen. Als siegreicher Ritter darf der Burgherr seinen gefangenen Kondrahenten abführen oder ein Lösegeld fordern. So ist es Sitte. Balian nimmt ihm die Rüstung ab und schlägt seinem Rivalen kumpelhaft mit seinem Panzerhandschuh auf die Schulter.
Ein Metallkleid anfertigen zu lassen ist extrem teuer. Die Hersteller der Rüstungen, die Plattner, entwickeln immer prächtigere. Mancher Ritter verkauft Ländereien um bei diesem Wettrüsten mithalten zu können. Ihre Macht schwindet auch dadurch.

Erschöpft, aber zufrieden steigt Balian Chobry vom Pferd. Er nimmt seinen Helm ab und blickt zu seinem Sohn. Balian der Jüngere tritt im Tjost an. Das ist eine junge Disziplin. Neben dem Buhurt, einer Schlacht zu Fuß und dem Turnei, ist sie recht kurzweilig. Aber gerade aus dem Moment zieht sie offenbar ihre Faszination. Dabei treten zwei Reiter gegeneinander an und versuchen, ihr Gegenüber mit einer Lanze aus dem Sattel zu stoßen. Hier einer und da einer. Es würde mich nicht wundern, wenn so manche Maid in diesem Teil des Turniers die wahre Kriegskunst sieht, da ihr Angebeteter ohne Kampfgetümmel besser auszumachen ist und allein für sich steht.
Da mit scharfen Waffen gekämpft wird, sind Verletzungen keine Seltenheit und auch Tote hat es schon gegeben. Blutergüsse sind die regelmäßig. Schwere Verletzungen sind Unfälle aber dennoch. Oder Attentate,als Rache für alte Demütigungen. Der Turnierkampf ist immer ein Risiko. Viele Kämpfer Zielen mit der Lanze auf den Kopf des Gegners.

Der Sohn Balians reitet los. Der Vater schaut gebannt zu. Die Duellanten kommen einander näher. Mit einem einzigen Hieb gegen die Brust hebt Balian der Jüngere seinen Gegner vom Pferd. Dieser fällt zu Boden, winkt schwach. Er gibt unverletzt auf. Es ist vierzehn Uhr. Balians Sohn hat gesiegt. Der Burgherr ist zufrieden. Nun weiß er die Zukunft seines Rittergeschlechts in guten Händen.
Wenn Balian der Jüngere etwa Ende Zwanzig ist, wird er die Burg übernehmen und heiraten. Die Familie hat schon eine Braut im Auge, die Tochter eines Kampfgenossen Balian Chobrys wird bald im richtigen Alter sein.
Vater und Mutter werden dann vielleicht zum nahen Kloster Ostrada ziehen, um dort die letzten Jahre zu verbringen. Viele Ritter und Adlige erkaufen sich durch Schenkungen und Geldzahlungen das Recht, im Alter von Mönchen und Laienbrüdern oder Nonnen versorgt zu werden. Noch jedoch stehen Balian einige gute Jahre als Ritter bevor. Hagad eilt herbei und nimmt seinem Herrn den schweren Helm ab. Gemeinsam gehen sie nach drinnen. Balian will raus aus der Rüstung. Er schwitzt. Er hat Durst. Sein Kopf ist langsam. Der Küchenjunge hält pflichtschuldig einen Humpen Bier hoch und Balian nimmt ihn schweigend an.

Für ein Bad ist keine Zeit. Die Sieger wollen feiern, die Verlierer ihren Frust ertränken. Balian Chobry hat auftischen lassen. Wildschwein und Huhn, Brot und Bier und den besten Wein. Er hat sich das Fest einiges kosten lassen.
Nun gekleidet in edle Stoffe, betritt er mit Frau und Sohn den Festsaal. Derbe Witze und Musik verstummen. Balian hebt den Kelch. Es ist achtzehn Uhr. Das Licht der Abendsonne fällt in den Festsaal.
Das Turnier ist vorbei, die Feierstunde ist gekommen.Ende
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"If the biggest problem that you're having in the twenty-first century involves
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in the presence of other consenting adults, you may need to reevaluate your
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Re: Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit

Beitragvon almafan » Do 19. Mär 2020, 23:16

Der Unverzichtbare

niedergeschrieben von Hexagon

im 26. Jahr der Herrschaft Boleslav II., der Fromme, Sohn des verblichenen Boleslav I., aus dem Haus der Premysliden, dem König von Brahmen, einer der sieben Reichsfürsten der teutischen Lande, der im steten Streit um die Krone Brahmens mit dem Haus der Slavnikiden steht
im 15. Jahr der Herrschaft Otto III., Sohn des verblichenen Otto II., aus dem Haus der Liudolfinger, Sohn eines teutischen Königs und einer rhomäischen Prinzessin, somit Vereiner des alten Reiches, der im Süden zum König wurde und im Norden die Krone erhielt, der König der teutischen Lande und König der Tiber, Hegemon der Lombardei, Fronherr der Krone, Schirmherr und Herrführer der christlichen Lande
im Jahre 1309 nach der Thronbesteigung des Königs Seleukos I., eines Diadochen Alexanders des Großen
im Jahre 998 nach der Geburt des Propheten Jesus
im Jahre 714 nach der Thronbesteigung des Kaisers Diokletian auf den rhomäischen Thron
im Jahre 388 nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina

Die Niederschrift im Jahr meiner Wanderschaft durch die Bahm'schen und Wend'schen Lande.
So begeben hat es sich, wie ich selbst gesehen habe und durch Gehörtes ergänzte.


Hier ist es heiß, laut und gefährlich. Doch in seiner Werkstatt entstehen die wunderbarsten Handwerksprodukte, die für die Feldarbeit und in der Schlacht unverzichtbar sind.

Die Schmiede ist ein dunkler Raum, in dem Funken sprühen, rotes Licht glüht und Hitzestöße mit jedem Ausatmen des Blasebalgs die Luft zum Zittern bringen. Dampf wallt in der Werkstatt auf, wenn glühendes Metall ins Wasserbad gesteckt wird. Es zischt wie das Fauchen eines Ungeheuers. Vor der Werkstatt von Meister Franz haben sich einige Menschen versammelt, beobachten die Arbeit des Schmieds.

Sie haben sich unter dem Vordach zusammengefunden. Unter diesem waren früher die Pflöcke des Stalls eingeschlagen. Ein Pferch aus Rundhölzern, in dem widerspenstige Tiere angebunden werden konnten. Das Vordach erinnert daran, dass die Schmiedewerkstatt, die nun Meister Franz gehört, als Hufschmiede anfing. Über solches Handwerk ist er längst hinaus. Seit die Innung der Schmiede ihm damals als frischem Meister erlaubte, die Schmiede hier in Sitavia nach dem Tod seines Vorgängers zu übernehmen und die Tochter des alten Meisters zu heiraten, hat er den Betrieb an Gewinn gemehrt.
Nun kann er zeigen, aus welchem Eisen fränkische Schmiedekunst ist. Denn seine Vorfahren kommen aus Nuremberg, der reichen Stadt. Doch dort gab es schon zu viele Schmiede, erzählt Franz immer, wenn er gefragt wird, warum seine Ahnen in diesen Flecken des Reiches zogen. Es klingt nicht echt, vermutlich war es etwas anderes. Etwas weniger rühmliches. Vielleicht flohen sie einst vor dem Gesetz oder vor einem Gläubiger. Man will aber nicht willkürlich nur das Schlechte in Betracht ziehen. Fest steht, dass Franz der erste in seiner Familie ist, der seit Generationen wieder ein Gewerk leitet. Sein Vater war Zuschmied, sein Großvater ebenso. Hier in Sitavia fragt niemand nach so vielen Jahren nach deiner Herkunft, wenn du nur helfen kannst, den Wenden am nördlichen Wall Einhalt zu gebieten.
Das Wohnhaus von Meister Franz nebenan ist teils steinern und geräumig. Er überlegt sogar, ob er die Schmiede nicht umstellen und mit Wasserkraft betreiben soll. Noch wird der große Blasebalg per Hand bedient. Wenn er jedoch eine Nockenwelle installieren würde und ein Wasserrad, könnte er höhere Temperaturen erzielen, um Gusseisen herzustellen und in die Fertigung von Brunnentrögen und Ofenplatten einzusteigen.

Schmiede sind Wegbereiter. Mit von ihnen gefertigten und ständig verbesserten Werkzeugen machen Schmiede den technischen Fortschritt auf dem Land wie in der Stadt überhaupt erst möglich. Schreiner, Steinmetze, Zimmerer, Tischler, Mönche, Bauern, Ritter. Sie alle sind von ihnen abhängig. Das macht selbstbewusst.
Franz grinst in sich hinein. Er weiß, wie beeindruckend es aussieht, wenn er und sein Geselle ihrem Tagwerk nachgehen. Es glüht, es dämpft, es zischt. Ein kleines Spektakel. Jeden Tag. Es ist mitlerweile Nachmittag. Die Arbeit ist seit dem Morgengrauen in vollem Gang, doch Meister Franz und sein Geselle fühlen noch keine Müdigkeit.

Im Herrenhaus kehren die Ratsmitglieder der städtischen Verwaltung, die Herren der Stadtteile und Mauerabschnitte nach der Mittagspause wieder in ihre Amtsstube zurück. Auf dem Markt packen die ersten Händler und Bauern zusammen. Besonders für letztere ist es noch ein beschwerlicher Weg an den heimischen Hof,in irgendeinem der Dörfer draußen vor der Stadt. In Meister Franz' Schmiede beginnt jetzt das zweite Stoßgeschäft. Mit een Marktbeschickern, die für heute ihre Geschäfte beendet haben, mit den Reisenden, die während des Vormittags eingetroffen sind, mit den Klerikern, die die Zeit bis zur Abendandacht mit Besorgungen ausfüllen. Und mit Patriziern, die ihre Geschäfte erledigt haben und nun das eingenommene Geld ausgeben wollen.
Erzeugnisse aus Metall braucht nun wirklich jeder: Waffen und Rüstungsteile für Ritter, Werkzeuge für Handwerker, Schmuck für die wohlhabenden Bürger und den Adel und den Klerus. Nägel, Schaniere, Fibeln, Aggraffen, Kessel, Haken und vieles weitere. Sogar die etwas betuchteren Bauern kaufen bei den Schmieden ein, wenn sie Beschläge für Spaten und Räder benötigen oder ihre Sensen und Pflugscharen repariert und geschärft werden müssen. Für Hufnägel und Hufeisen hat jeder Bedarf, der ein Pferd sein Eigen nennt, ob Adliger oder Bürgersmann.
Alles dreht sich insbesondere in der Stadt also um den Schmied. Und entsprechend hoch ist sein Ansehen unter den Handwerksberufen. Die Wichtigkeit eines Berufs bemisst sich nach dem, welche Gewinne damit erzielt werden können, nicht daran, wie hoch der Anteil an der Versorgung der städtischen Gemeinschaft mit Gütern ist.
Der Schmied gehört zu den bauenden Berufen wie der Schreiner, Steinmetze, Zimmerer, Tischler und zur Spitze der angesehenen Hanndwerksberufe. Am anderen Ende dieser Wertigkeit befinden sich die Müller, Leinweber, Bader und Schornsteinfeger. Mit dieser Einteilung kann ein selbstbewusster Schmied wie unser Meister Leben. Nur dass die verzärtelten Gold- und Silberschmiede noch über einem wie ihm stehen, weil ihr Gewerbe mehr Geld abwirft, wurmt ihn innerlich.

Schon früh haben sich die Schmiede spezialisiert. In Nuremberg, deren Schmiedeerzeugnisse zu den berühmtesten im Reich zählen, teilt sich das Handwerk unter anderem in Klingenschmiede, Schwertfeger, Gürtler, Schlosser, Kesselschmiede, Kettenschmiede und Nagelschmiede auf. Allein dreißig Spengler und Flachner, die Blech verarbeiten, gibt es in Nuremberg. Die Stadt gilt als des Reiches Schatzkästlein. Ihre Einnahmen sind höher als die des Königreiches Brahmen. Seit die Reichkleinodien in Nuremberg verwahrt werden, ist auch ihre politische Bedeutung einzigartig.

Meister Franz ist ein Schmied alter Schule, der sich nicht auf ein einzelnes Gewerk festgelegt hat. Er hält es mit den alten Überlieferungen, denen zufolge sich das Schmiedehandwerk auf Kleinschmiede und Grobschmiede aufteilt. Er sieht sich als Grobschmied, der Werkzeuge und Hufeisen herstellt, Wagenbeschläge, Reifen, Nägel.
Eine Spezialität hat er dann aber doch. Er ist ein begehrter Klingenschmied. Seit in Sitavia das Verkaufsmonopol der Messerer, denen der Klingenschmied früher die Messerklingen zum Vervollständigen mit Griff und Scheide überlassen musste, gefallen ist, lohnt sich das Gewerbe noch mehr als früher.
Gerade bearbeitet er eine Messerklinge. Das Werkstück hat er bereits mehrfach intensiv durchgeglüht und gehämmert, um es härter und elastischer zu machen, um das weiche Eisen und den spröden Stahl miteinander zu verbinden. Drei Lamellen Stahl, vier Lamellen Eisen. Zusammengeschmiedet ist das das Rückrat jeder Klinge, ob Messer oder Schwert. Dies ist der handwerkliche Teil. Es gibt noch einen geheimen, mystischen bei der die Klingenfertigung, den der Schmied zu erbringen hat, bevor sein Stück in die Endfertigung geht. Doch den wird er erst vollziehen, wenn er sein Publikum nach Hause geschickt hat. Jeder Klingenschmied hat ein besonderes Geheimnis, um seine Klinge besser zu machen als alle anderen. Und so kann er am Ende, so wie es jeder Meister tut, sein Zeichen in die Klinge prägen und damit voller Stolz verkünden, dass es sich hier um ein Stück aus seiner Schmiede handelt.
Und man findet seine meisterlichen Handarbeiten in ganz Brahmen. Sogar im Wendenland und auf die östlichen Inseln sind seine Stücke durch Weiterverkauf und fahrende Händler gekommen. Im Kloster Ostrada sind die Sicheln oft aus der eigenen Schmiede, aber auch hier sind schon Hufe, Nägel, Werkzeuge, Lampenhalter, Metallschaniere, Schlösser und dergleichen aus Sitavia gekommen. So auch, das ein oder andere aus der Schmiede von Meister Franz.

Ein gutes Messer ist schon nicht günstig. Dreißig Hühner will Meister Franz dafür haben. Für ein einfaches Schwert bekommt der Meister in der Regel den Gegenwert von eintausend Hühnern.

Doch noch streckt, staucht, schrotet und schweißt der Meister, nimmt sich andere Teile vor, während die Klinge ruhen muss. Die Zuschauer, samt und sonders die Kunden des heutigen Tages, wundern sich, wie man in der Hitze der Schmiedeesse arbeiten kann. Es braucht viel Hitze um Eisen bearbeitbar zu machen, noch mehr um zu schweißen.
Das Schmiedehandwerk ist ein harter Beruf. Die schwere Lederschürze schützt zwar vor dem größten Funkenflug, aber empfindlich gegen Brandblasen darf man trotzdem nicht sein. Hunderte von schwarz eingebrannten Punkten auf Armen, Schultern und im Gesicht der beiden Schmiede zeugen davon, dass sich das Eisen nicht in die gewünschte Form zwingen lässt, ohne sich schmerzlich zu rächen.
Schwerhörigkeit und eine ständig raue Kehle sind weitere gesundheitliche Folgen, die ein Schmied zu tragen hat. Die Ohren sind vom dauernden Hämmern in Mitleidenschaft gezogen und die Kehle, weil die Unterhaltungen und die Anweisungen wegen des Lärms gebrüllt werden müssen.

Auch auf dem Markt von Sitavia schwitzt gerade jemand. Gabriele, Meister Franz' Frau, soll für die Feier, die heute Abend im Zunfthaus geplant ist, einige Süßwaren erstehen. Und sie muss noch noch eine Zutat besorgen, die ihr Mann für den geheimnisvollen letzten Schritt bei der Klingenfertigung dringend benötigt.
Sie ist schon fast zu spät dran und muss sich jetzt beeilen. Bis gerade eben haben sie und ihre zwölfjährige Tochter Verzierungen und Versilberungen auf dem Griff eines Messers angebracht, das Franz im Auftrag eines Fürsten angefertigt hat. Früher waren dies die Tätigkeiten, die per Gesetz die Messerer ausgeführt haben. Heute bleiben diese Arbeiten im Haus des Klingenschmieds und erhöhen dadurch seinen Gewinn. Sie mehren aber auch das Arbeitspensum der Familie.
Nun ist die Frau des Meisters in Eile, um die letzten Waren zu bekommen. Die alten Sachen vom Vortag sollen es ja nicht sein oder die Dinge, die sonst kein Kunde wollte. Da muss man schon zu mehreren Ständen laufen, bis die Süßbäcker die Waren hervorholen, die sie für besondere Kunden reserviert haben. Tatsächlich ist so einiges los auf dem Markt, weil viele Einkäufer die Nachmittagsstunden nutzen. Vor allem die weniger betuchten Sitaviaer. Da lässt es sich leichter feilschen. Man muss nur in Kauf nehmen, dass manches nicht mehr ganz so frisch ist oder dass die Exkremente der Tiere, verdorbene Ware und das Blut, das von den Fleischerbänken in die Ritzen der Pflastersteine gelaufen ist, zum Himmel stinken.

In anderen, reicheren Städten sind die Straßen stadteinwärts grob gepflastert, damit der Dreck von den Händlerkarren gerüttelt wird und die Marktplätze in der Innenstadt sauber bleiben. Das zeigt aber häufig nur in den Morgenstunden Erfolg. Dann stapft und rutscht man durch den Schmutz, den der Markt selbst produziert hat. So wie die Meisterin nun, die sich wünscht, sie hätte Trippen über die Schuhe gezogen, um deren Sohlen und ihren Rocksaum zu schützen. Aber so eilig wie sie es hat, wären ihr die Trippen nur hinderlich gewesen.
Der Markt in Sitavia ist, wie in den meisten Orten, nach den Gewerben aufgeteilt, sodass die Bäcker glücklicherweise alle nahe beieinanderliegen. Sitavia ist im Grunde nicht viel mehr als ein Palisadenzaun um einen Marktplatz mit Kirche. Das Zoll- und Spatelrecht, sowie das Recht einen großen Markt abzuhalten, haben die Stadt zu einer wohlhabenden gemacht. Zweistöckige Häuser mit Dachboden zur Trocknung des Heus, gibt es sonst in ganz Brahmen nicht.
Der Markt für die Kälber liegt im nordwestlichen Teil des Marktes, der Fischmarkt im Westen, der Herrenmarkt mit Wildbret und Schweinen im Norden, der Krämermarkt befindet sich auf einem Vorplatz zum Markt. Der Obstmarkt liegt im Nordosten. Das Brothaus mit seinen Bäckerständen steht im Südwesten des Platzes. Und auch die Fleischergasse mit den über zehn Fleischerbänken liegt dort. Ein weiterer Markt ist der Weinmarkt im Norden der Stadt, nahe dem Zollhaus. Dann gibt es da noch den Heumarkt und den Salzmarkt vor der Kirche des Sankt Johannes. In der keine zwei Generationen alten Neustadt befindet der Ochsenmarkt nahe dem Frauentor. Dort findet sich auch der Kornmarkt, sowie der Holzmarkt. Der schönste und reichhaltigste Markt ist aber der Große Markt in der Mitte der Stadt, südlich der Kirche Sankt Johannes, wo eben Kälber, Fische, Wildbret, Schweine, Krämerwaren, Obst, Gemüse, Brot und Fleisch feil geboten wird. Hier gibt es auch den schönen Brunnen, der mit einer kleinen Schwanenfigur vom Wohlstand der Stadt deutet.

Sonst hält die Meisterin Gabriele gern beim schönen Brunnen an und denkt über die Legende nach, die man sich mit ihm verknüpft. Der Messingring, der scheinbar nahtlos in das Gitter eingefügt ist, soll von einem Lehrling angebracht worden sein. Sein Meister hat die Hand seiner Tochter diesem nicht geben wollte. Um dem Meister zu beweisen, dass er ihrer wert war, schnitt der junge Mann das Gitter auf, fügte den Ring ein und verlötete und verschweißte die Nahtstellen so geschickt, dass man sie nachher nicht mehr erkennen konnte. Danach verließ er die Stadt auf immer und ewig und ließ seinen reuigen Meister und eine untröstliche Tochter zurück.
Meisterin Gabriele mag diese Legende, denn sie handelt von einem Schmied. Und außerdem kann sie sie ihrem Mann unter die Nase reiben, wenn dieser wieder allzu unnachgiebig mit seinem Gesellen umgeht. Denn er ist kein übler Bursche und würde des Meisters Tochter gut gefallen. Eine gute Partie für beide.
Ihre Besorgungen haben auch mit dem Gesellen zu tun. Dieser wird heute Abend feierlich den Verbleibungseid ablegen. Mit diesem schwört er, in der Stadt zu bleiben und die bei seinem Meister gelernten geheimen Fertigkeiten des Härtens nicht anderswohin zu tragen. Anders als bei fast allen anderen Handwerksberufen und gar Schmieden wird dies von Gesellen eines Sitaviaer Klingenschmieds gefordert. Es geht auch um eine militärische Sicherheit. Es ist dennoch keine einfache Sache für einen jungen Mann, der damit nicht auf die Walz gehen kann. Die lange Wanderschaft dient ja dem Gesellen sein Glück in der Welt zu suchen und weitere Fertigkeiten zu erlernen. Er muss im engen Gefüge der Stadt verbleiben.

Die andere Besorgung der Meisterin hat wiederum mit dem Geheimnis des Meisters zu tun. Nach einem Besuch bei den Fleischerbänken eilt sie nach Hause. Jetzt drängt die Zeit. In der Schweineblase schlackert das Blut. Es soll nicht stocken.

Als die Meisterin angekommen ist, scheucht der Geselle die Zuschauer davon. Die Meisterin stellt sicher, dass niemand heimlich schaut. Auch sie wendet dem Geschen in der Schmiede den Rücken zu. Aus Schamhaftigkeit, denn natürlich kennt sie das Geheimnis.
Meister und Geselle zwinkern sich zu. Dann stellen Sie sich an den Wasserbottich, in den sie das Blut schütten. Dies ist die geheimste der Zutaten, die Meister Franz für das Härten des Metalls verwendet.
Letztlich ist dies das eigentliche Geheimnis des Schmieds und jedes guten Handwerks: Ein bisschen Augenzwinkern, viel Geschick und jede Menge Selbstvertrauen. Dazu Mut und der Glaube, dass Gott und das Glück auf seiner Seite sind, wenn man nur bereit ist, selbst auch das Beste zu geben.

Ende
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Re: Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit

Beitragvon almafan » Mo 15. Aug 2022, 14:57

Die reiche Tafel

niedergeschrieben von Hexagon

im 6. Jahr der zweiten Regierungszeit der Herrschaft Bedřich, älteste Sohn des Königs Vladislav II. von Böhmen, aus dem Haus der Premysliden, dem König von Brahmen, einer der sieben Reichsfürsten der teutischen Lande, der mit dem Kaiser in die Schlachten am Tiber eingriff
im 29. Jahr der Herrschaft Friedrich Barbarossa, Sohn des verblichenen Friedrich II., Herzog von Schwaben, Ahne aus dem Haus der Staufer, der König der teutischen Lande und König der Tiber, Hegemon der Lombardei, Fronherr der Krone, Schirmherr und Herrführer der christlichen Lande
im Jahre 1495 nach der Thronbesteigung des Königs Seleukos I., eines Diadochen Alexanders des Großen
im Jahre 1184 nach der Geburt des Propheten Jesus
im Jahre 810 nach der Thronbesteigung des Kaisers Diokletian auf den rhomäischen Thron
im Jahre 574 nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina

Die Niederschrift im Jahr meiner Wanderschaft durch die teutischen Lande.
So begeben hat es sich, wie ich selbst gesehen habe und durch Gehörtes ergänzte.


Prachtvolle Festbankette sind im Mittelalter Statussymbole für den Adel, jeder Gastgeber will den anderen übertrumpfen. Sie dienen nicht nur der Unterhaltung der eigenen Familie, sie sollen vor allem Adlige und Würdenträger beeindrucken. Reichtum, Stärke und Machtanspruch demonstrieren. Zudem bieten sie eine hervorragende Möglichkeit, um Ränke und Allianzen unter Gleichrangigen zu schmieden.

Und einer hat ein Fest ausgerichtet, wie es kein zweites mehr gab.

Es ist früher Abend. Spielleute und Dichter zeigen ihr Können. Gaukler, Possenreißer und Schauspieler führen ihre Kunststücke auf. Hunderte Ritter feiern in den großen Weinzelten bis in die Nacht hinein. Was für ein Abend, was für ein gigantisches Fest. Gastgeber ist der mächstigste Mann im Land, Friedrich Barbarossa, der Kaiser des rhomäisch-teutischen Reiches. Er ist der eingangs genannte.
Das Hoffest sollte eine der pompösesten Veranstaltungen in tausend Jahren werden. Mehr als siebzig Reichsfürsten sind an diesem Pfingstsonntag eingetroffen aus Provence, Leonien, Wealth, Scota, Eire, Tiber, Nustrien und allen Provinzen des teutischen Reiches. Gut fünfzigtausend Ritter begleiten sie, hinzu kommen Knappen und Diener. Eine gewaltige Menschenmenge.

Maguntiam, obwohl mit zehntausend Einwohnern eine der größten Städte des Reiches, ist viel zu klein für das Spektakel. Die wenigen Herbergen sind schnell ausgebucht. Barbarossa lässt eine Schiffsbrücke zum gegenüberliegenden Ufer bauen und auf den Auwiesen, wo der Magiun in den Rhein mündet, eine komplette Pfalz, also eine burgähnliche Palastanlage, errichten. Über Wochen sägen Zimmermänner Holz, um Quartiere für den kaiserlichen Hof, einen großen Festsaal, eine geräumige Kirche und drumherum Häuser für die hochadligen Gäste zu bauen. Gut zu erkennen sind die orangefarbenen, geschmückten Festzelte.
Alle übrigen Eingeladenen kampieren. Die ganze Ebene ist durch Zelte in verschiedenen Farben gedeckt, die jede Zahl überschreitend errichtet sind, schreibt ein Chronist, als ob man eine Stadt gebaut hätte, und nichts fehlte hier. Über den Rhein wird aus südlichen und nördlichen Gefilden Wein herangeschifft, um zu trinken ohne Maß nach eines jeden Belieben und soviel man vertragen kann. Das Hauptgetränk ist der Wein, noch vor Wasser. Häufig wird der Wein zusätzlich durch Zugabe von Honig, Thymian und Pfeffer aromatisiert. Hunderte Schweine, Schafe, Rinder treffen auf Lastkähnen ein. Nach und nach werden die Tiere während des Festes geschlachtet. In zwei scheunengroßen Häusern sind die Räume durchweg mit Querstangen versehen und von oben bis unten mit Hähnen und Hennen angefüllt, so dass ein Blick durch sie hindurchzudringen vermochte. Lachse und bis zu vier Meter lange Störe werden geliefert sowie Wildbret. Hirsche, Rehe, Hasen, Rebhühner, Fasane und Trappen.
Auf Blöcke gelegte Planken bilden die Tische. Tischdecke und Bedienung gibt es nur für den Haupttisch, an dem Gastgeber und die höchsten Würdenträger sitzen. Musiker und Gaukler unterhalten die Tischgesellschaft, schließlich wird über viele Stunden getafelt. Messer und Löffel, mehr Besteck wird nicht verwendet. Das Essen wird mit den Fingern zerteilt. Die Holzstadt aber bietet einen Vorteil. Für gewöhnlich dringt kein Licht von außen in die Burg. Burgen haben nur wenige Fensteröffnungen, damit Feinde nichts hineinschießen oder gar eindringen können. Doch hier in den Festzelten und den Holzbauten ist es heller. Nicht alles muss mit den rußenden Fackeln ausgeleuchtet werden.

Die meisten großen Feste in der Christenheit finden zu Pfingsten statt. Denn die Witterungsbedingungen Ende April, Anfang Mai sind günstig, erleichtern Anreise und Zelten. Und der hohe kirchliche Feiertag garantiert, dass ein weltlicher Anlass durch kirchliche Zeremonien einen religiösen Glanz erhält.
Der Anlass diesesmal ist die Schwertleite von zwei Söhnen Barbarossas, also die Erhebung in den Ritterstand. Heinrich, achtzehn Jahre alt und bereits deutscher König, und der anderthalb Jahre jüngere Friedrich, Herzog von Schwaben, sollen durch die Schwertleite zum Ritter erklärt werden und damit für mündig. Durch den Prunk erhöht ihr Vater die Zeremonie zu einer europaweit bestaunten Machtdemonstration des Staufergeschlechts.
Es ist für den zweiundsechszigjährigen Kaiser das neunundzwanzigste Jahr seiner Herrschaft und ein besonders gutes. In den Jahrzehnten davor hat Barbarossa etliche Kämpfe gegen rebellierende Kommunen in am oberen Tiber geführt und dabei Truppen und Geld der ihm dienenden Reichsfürsten stark strapaziert. Dann aber gelang ihm ein Kompromiss mit dem lombardischen Städtebund. Und er konnte sich mit dem Papst Alexander III. aussöhnen, der Barbarossa im Streit exkommuniziert hatte. Heinrich der Löwe, dessen Machtgier die übrigen Fürsten beunruhigte, war ins Exil abgeschoben. In Maguntiam will Barbarossa nun die langjährige Treue der Fürsten belohnen, die gemeinsamen Werte der Ritterschaft beschwören und durch die Feier seiner Söhne den Fortbestand des Herrscherhauses zelebrieren. Das Fest ist ein ungeheuer aufwendiges Werben um Zustimmung und Treue zur Herrscherfamilie, eine enorme Investition von materiellem und symbolischem Kapital in der Hoffnung auf eine generationenübergreifende Zukunftsrendite.
Die Fürsten spielen das Spiel mit. In adligen Kreisen gilt Verschwendung als Tugend zur Mehrung des Ruhms. Und so notieren die Chronisten, wer mit dem protzigsten Geleit anreist. Der Abt von Fulda bringt fünfhundert Ritter mit, ebenso Herzog Leopold V. von Österreich. Erzbischof Wichmann von Magdeburg kommt mit sechshundert, Herzog Bernhard von Sachsen mit siebenhundert, Landgraf Ludwig von Thüringen, Erzbischof Konrad von Maguntiam und Pfalzgraf Konrad mit je eintausend Rittern. Übertrumpft wird es von Erzbischof Philipp von Köln mit eintausendsiebenhundert, an der Spitze aber Herzog Friedrich von Böhmen mit zweitausend Kriegern.
So rücken die meisten in voller Rüstung an. Langärmlige Kettenhemden aus Tausenden Drahtringen, ähnlich gewirkt wie Beinschutz und Fäustlinge, auf dem Kopf ein Topfhelm mit schmalen Sehschlitzen. Wie bei anderen Hoffesten üblich, ist der Einzug der Gäste von Musikern begleitet. Trompeter vorneweg. Sie sorgen mit lautem Schall für das gewünschte Aufsehen. Dann die Trompeten und Pfeifen, schließlich auf Höhe des Herrn des Zuges Streicher mit Fibeln, Rotten (Streichleiern) und Geigen. Auf Lasttieren bringen die Fürsten ihre Tafelausrüstung mit Kisten, Trinkgefäße, Schüsseln, Becher und Tischdecken aus kostbarem Stoff. Als besonders glanzvoll fallen die vielen silbernen Tischgeräte und die festlich gekleiderte Dienerschaft von Graf Balduin V. von Hennegau auf. Dieser soll auch politisch eine besondere Rolle spielen.

Am Morgen des zwanzigsten Mai beginnt das Fest mit einem feierlichen Gottesdienst zum Pfingstsonntag in der frisch gezimmerten Kirche. Friedrich I. Barbarossa trägt die Kaiserkrone, um zu demonstrieren: Ich bin der von Gott gewählte Herrscher über das rhomäische Reich und das Abendland. Sein Sohn König Heinrich VI., fünfzehn Jahre zuvor von den Kurfürsten gewählt, erscheint ebenfalls mit Krone.
Kaiser Friedrich I. Barbarossa stellt mit der Ausrichtung des prunkvollen Maguntiamer Hoffestes seine Macht zur Schau und will seine gescheiterte Italienpolitik vergessen machen.

Anführen darf die Prozession Graf Balduin V., von Hennegau, der das kaiserliche Reichsschwert hält, Symbol der Reichsgewalt. Normalerweise wird diese Ehre nur einem mächtigen Fürsten zuteil. Doch genau diesen Status soll Balduin im Laufe der Festtage per Vertrag zuerkannt werden. Die Prozession ist gewissermaßen ein Vorgeschmack auf seine künftige gesellschaftliche Stellung.
Es ist eine Abmachung, wie sie beispielhaft für viele andere steht, die Kaiser Friedrich Barbarossa mit seinen Lehnsmännern schließt, um Ruhm und Ehre für beide Seiten zu mehren. Nicht selten auf Kosten Dritter. So verpflichtet sich Balduin, seinen erblindeten Erbonkel zu überreden, dessen Ländereien dem Kaiser zu übertragen. Der wird im Gegenzug den neuen Besitz mit den Lehen seines Sohnes Heinrich vereinen und als Reichslehen an Balduin ausgeben. Durch das unmittelbare Lehnsverhältnis steigt Balduin zu einem Reichsfürsten auf. Zwar hätte eigentlich ein anderer Verwandter des Onkles Anspruch auf das Erbe. Doch mit Blick auf dessen fortgeschrittenes Alter beschließen Barbarossa und Balduin, den Mann zu ignorieren.

Nach dem Gottesdienst zieht die hochkarätige Gesellschaft nach nebenan in den hölzernen Festsaal, wo ein Bankett vorbereitet ist. Den Boden bedecken Teppiche und frisch ausgestreute Blüten. An den Wänden hängen Tapisserien. Auf den Tischen funkeln Becher und Pokale aus Rotgold, Karaffen aus Bergkristall, silberne Schüsseln und Schenkkannen. Dazwischen Berge von Früchten, Käse, Brot und gebratene Lämmer, Kälber und Ferkel. Speisemeister zerlegen das Fleisch. Die Dienste von Truchsess und Schenk übernehmen indes Reichsfürsten. Für sie ist es eine Auszeichnung, an der kaiserlichen Tafel zu servieren.
Die Gesellschaft isst mit Fingern, doch gelten bereits erste Benimmregeln, auf die besonders die höfisch erzogene Kaisergattin Beatrix achtet. Man spuckt nicht mehr auf oder über, sondern nur noch unter den Tisch. Man schnäuzt sich in die Hand, aber nicht mehr in dieselbe, die das Fleisch hält.
Damen und Herren nehmen getrennt Platz, die Sitzordnung ist genau geregelt. Die Stühle rechts und links vom Kaiser sind umkämpfte Ehrenplätze. Der Kaiser gewährt sie den Erbischöfen von Maguntiam und Fulda. Das allerdings kränkt den Erzbischof Philipp von Köln dermaßen, dass er mit der sofortigen Abreise samt seiner eintausendsiebenhunder Ritter droht. Zwei Grafen, Lehnsleute von Philipp, leisten im Beistand. Als die Situation zu eskalieren droht, springt Heinrich VI. auf und fällt Philipp um den Hals, als Zeichen der Ehrerbietung. Den Platz an der Seite des Kaisers bekommt Philipp dennoch nicht. Ein öffentliche Zurücksetzung.

Auf der Wiese machen sich derweil tausende Ritter über die Köstlichkeiten her, die auf hunderten langen Tischen lagern. Rauch steigt von Feuerstellen auf, über denen Eisenkessel hängen. Fleisch wird darin gegart. Am Spieß werden ganze Ochsen und Schweine gedreht. Der Geruch von Gebratenem hängt über den Wiesen. Am Rand hat sich das Volk versammelt, Meister und Gesellen, Dienstmägde, Bettler und Dirnen aus Maguntiam, Bauern aus der Umgebung. Solch ein Ereignis sehen sie nur einmal im Leben.
Spielleute, Schauspieler und Sänger streifen umher. Sie schlagen auf Schellentrommeln, blasen Trompete, streichen Fideln, singen derbe und romantische Lieder. Dazu wird getanzt, mal gemessenen, höfischen Schrittes, mal mit hohen Sprüngen einen Reigen. Akrobaten laufen im Handstand umher, Zauberer lassen Dinge verschwinden. Möglicherweise werden auch Elefanten, Löwen und Bären vorgeführt.
Unterhaltungskünstler sind auf Festen willkommen. Sie kommen gern und zahlreich, werden sie doch üppig entlohnt. Man schenkt ihnen kostbare Gewänder, meist abgelegte des Königs, und Pferde, manchmal sogar Gold und Silber. Nicht ohne Hintergedanken. Das fahrende Volk soll den Herrscher im ganzen Land preisen. Auch Ritter, Kleriker und Diener dürfen auf Hoffesten mit Geschenken rechnen. Reit- und Lastpferde, kostbare Kleider aus Seide oder Scharlach, einem edlen Wollgewebe. Oder Gold und Silber. Nur, ob die Spielleute als einfache Leute das Erhaltene auch wieder veräußern können, steht in den Sternen. Manchmal wird man nur für den Besitz der Dieberei bezichtigt.

Der offizielle Teil endet am späten Nachmittag. Anschließend wird jedoch bis in die Nacht gefeiert. Der Pfingstmontag beginnt mit der Frühmesse, gefolgt vom eigentlichen Anlass des Hoffestes, der Schwertleite. Die Ausbildung von Heinrich und Friedrich begann mit sieben Jahren. Zwei Reichsministeriale brachten den Knappen bei, an der Tafel zu dienen, Wein nachzuschenken, bei Hof gewandt aufzutreten und zu reden. Die beiden lernten zu reiten, Schwert und Lanze zu führen, mit Bogen, Hunden und Falken zu jagen. Und jetzt umgürtet ihnen ihr Vater eigenhändig das Schwert, während sie den Rittereid ablegen.
Es wird zum Gyrum gerufen, eine Art Schaureiten, einer ritterlichen Militärparade ohne schwere Panzerung. Zwanzigtausend Ritter sitzen mit goldenen Sporen, in gelben, grünen, blauen und roten Waffenröcken auf ihren Pferden. Sie halten Lanzen mit bunten Bändern, hölzerne Schilde mit Wappen. In langen Reihen reiten sie gegeneinander, setzen die Waffer aber nicht ein. Der Gyrum ist eine machtvolle, aber friedliche Demonstration der verschworenen Rittergemeinschaft. Danach wird weiter gefeiert, gegessen, getrunken, gesungen, getanzt.

Vielleicht kommt das Unglück in der Nacht, vielleicht erst tags darauf. Am Dienstag jedenfalls muss das Fest vorzeitig abgebrochen werden. Plötzlich zieht ein schwerer Sturm auf. Der Orkan wütet über den Auen, Zelte fliegen davon, Holzpalast, Kirche und einige Fürstenhäuser stürzen ein. Zahlreiche Menschen liegen darunter. Von fünfzehn Toten wird berichtet.
Eigentlich sollten die Woche über noch verschiedene Reichangelegenheiten verhandelt werden und zum Abschluss ein Turnier in Ingelheim, zwanzig Kilometer rheinabwärts stattfinden. Man spekuliert, was den Kaiser bewegte, das Fest abzubrechen. Fünfzehn Tote sind tragisch, aber kein Grund zur großen Trauer. Gebäude und Zelte hätte man wieder errichten können. Doch weitere Faktoren spielen eine Rolle. Die Kirche wettert seit Jahrzehnten gegen Turniere. Sie fordert zwar, dass Ritter gegen Ungläubige in den Kampf ziehen, aber gegenseitig sollen sie sich nicht töten. Und das geschiet gelegentlich auf Turnieren. Farbenprächtige Wappen, aufwendig verzierte Rüstungen und Pferde stehen im Mittelpunkt der Ritterturniere. Doch immer wieder kommt es vor, dass Ritter bei den eigentlich sportlichen Kämpfen schwer verletzt werden oder sogar sterben. Eben sehr zum Missfallen der Kirche. Deuten die geistlichen Fürsten das Unwetter als Zeichen Gottes, das Turnier abzusagen?
Wahrscheinlich reden auch weltliche Fürsten auf Kaiser Barbarossa ein. Der Aufenthalt an der Mainmündung mit den zahlreichen Gaben, die auch sie verschenken, wird kostspielig. Und vermutlich steigen die Spannungen zwischen den konkurrierenden Anwesenden. Erzbischof Philipp etwa hat seine Demütigung beim Sitzstreit nicht vergessen.
Am Dienstag wird noch rasch Politik gemacht und besiegelt. Verschiedene Urkunden tragen dieses Datum. Am Mittwoch reist die adlige Gesellschaft ab. Trotz des Unglücks berichten Chronisten noch Jahrzehnte später vom Glanz der Maguntiamer Tage. Die Rechnung Barbarossas, im Alter die Zukunft der Staufer durch die Schwertleite seiner Söhne zu feiern, geht auf. Sechs Jahre später ertrinkt er auf seinem zweiten Kreuzzug im Fluss Saleph in der heutigen Türkei. Sein Sohn Heinrich VI. folgt ihm auf den Thron.

Ende
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Re: Sacra Tibia: Einblicke in jene Zeit

Beitragvon almafan » Mo 22. Aug 2022, 12:10

Ein Tag am Limes

niedergeschrieben von Hexagon, aber einen Zeitraum betreffend

im Jahre 555 nach dem Tod des makedonischen Königs und Herrführers Alexander des Großes
im Jahre 543 nach der Thronbesteigung des Königs Seleukos I., eines Diadochen Alexanders des Großen
im Jahre 232 nach der Geburt des Propheten Jesus
im Jahre des Krieges des Königs Seleukos II. und Ardaschir I., dem König des abgespalteten Reich der Parther

Die Niederschrift im Jahr meiner Wanderschaft durch die raetischen Lande.
So begeben hat es sich, wie ich selbst gesehen habe und durch Gehörtes ergänzte.


Es ist später Herbst. Die Bäume sind bereits in die vielen Farben dieser Zeit gefärbt. Sattes Grün weicht Gelb-, Orange- und Rottönen.
Für die Wachsoldaten am Obergermanischen Limes geht ein weiterer wenig ereignisreicher Tag zu ende. Der nasskalte germanische Winter kündigt sich bereits mit ersten Graupelschauern und kalten Nächten an. Wie jeden Morgen ertönt im großen Kastell in Mainhardt bei Sonnenaufgang das Wecksignal. Das ist die Aufgabe der diensthabenden Nachtwache an der Porta Pretoria an dem vorderen zum Feind ausgerichteten Haupttor. Die Schallwellen des Hornsignals verbreiten sich vom Kohortenkastel bis zu den viel kleineren Lagern mit nur etwa dreißig Mann Besatzung, die direkt oben am Limes in strategisch wichtigen Positionen am Grenzwall liegen. Von dort werden die Signale weitergegeben bis zu den fernen Wachttürmen und setzen sich von Wachturm zu Wachturm fort.

Auf allen Türmen werden jetzt die Mannschaften geweckt. Im Kastell Mainhardt macht sich derweil in der Soldatenstube die Contubernia Rhomäisch III der ersten Kohorte marschfertig.
Das Kastell liegt auf dem nach drei Seiten hin von Tälern eingefassten, sanft nach Norden geneigten Geländerücken des Riedel, ein schmaler, langgestreckter, flacher Geländerücken zwischen zwei Tälern. Der Platz gewährte einen freien Ausblick nach Osten gegen den vierhundert bis fünfhundert Schritt von der Kastellfront entfernten Grenzwall, aber auch nach Westen und Norden. Verbindungswege bestanden zu den Kastellen in Öhringen und zu dem Kastell Murrhardt. Die Verbindung zum Hinterland wurde durch eine Straße an den früheren Standort der Kohorte in Walheim am Neckar gewährleistet. Die Lage war wenig siedlungsgünstig.

Die Rhomäische Legion bestand ab der Zeit der punischen Kriege aus mehreren Kohorten. Die erste Kohorte war in doppelter Mannschaftsstärke besetzt und unterstand zumeist dem Legatus, der auch die Legion führte, zu der diese Kohorte gehörte. Die anderen Kohorten hatten einenen Centurio primus vorangestellt, die dem Legaten unterstellt waren. Die Kohorten waren wiederum unterteilt in Manipel. Die Sollstärke einer Legion war viertausend Mann. Meist waren sie größer oder kleiner. Mit Ausnahme der ersten Kohorte stellte eine jede ein Zehntel davon. Das Manipel wiederum ein Drittel einer Kohorte. Eine Centurie, ein halbes Manipel, hatte eventuell nur früher ihre namensgebenden einhundert, tatsächlich später sechsig bis achzig Mann an Iststärke. Die Contubernia wiederum ist seit der späten Republik belegt. Sie bedeutet Zeltgemeinschaft und bestand aus acht Mann.

Ein Contubernium teilte sich nicht nur ein Lederzelt, sondern auch Handmühle und Maultier mit Treiber und bildete somit eine Haushalts- und Kampfgemeinschaft. Die Soldaten standen in der Schlachtordnung beieinander und bildeten vermutlich eine Rotte der acht Mann tiefen Phalanx. Sie marschierten zusammen, bereiteten gemeinsam das Essen und schanzten bei der Errichtung einer Feldbefestigung einen Abschnitt mit ihren Pila muralia. Bei Verfehlungen einzelner wurde oft auch die ganze Gruppe mit bestraft.
Bis zur Heeresreorganisation des Kaisers Hadrian hatte das Contubernium keinen leitenden Dienstgrad, sondern wurde vom jeweils Dienstältesten geleitet. Danach wurde das Contubernium auf zehn Mann verstärkt und von einem decanus geführt. In dieser Zeit wurde das Contubernium auch manipulus genannt. Um der Verwirrung zu entgehen, im Zuge der Reorganisation fielen die bisherigen Manipel als organisatorische und taktische Einheiten weg. In Ostrhomäischen Reich unserer Tage gibt es diese Mannschaftseinheit bis heute.
In den Standlagern, in denen im Gegensatz zu den Marschlagern keine Zelte mehr aufgeschlagen, sondern feste, teilweise mehrstöckige Mannschaftsbaracken gebaut wurden, ging der Begriff auf den von jeweils acht Soldaten bewohnten Teil einer Mannschaftsbaracke über. Eine solche Mannschaftsbaracke bestand aus zehn Contubernia und einem Centurionenkopfbau, in welchem der Kommandant der jeweiligen Centurie untergebracht war. Das Contubernium selbst bestand aus einem Schlafraum, auch papilio, das lateinische Wort für Zelt, genannt, und einem Vorraum, der arma, was wiederum für Waffen oder bewaffnen steht. Die papiliones konnten mehrstöckig sein und wiesen Herdstellen auf. Die arma diente primär der Unterbringung der Waffen, wurde aber auch als Pferdestall bei berittenen Einheiten oder für handwerkliche Tätigkeiten genutzt.

Von den acht aus dem fernen Asturien in Leonien stammenden Soldaten der Stube sind aber nur sechs eingeteilt. Ab heute werden sie für vierzehn Tage den Wachdienst auf dem eine halbe Tagesreise entfernten Limesturm IX - CCCCLXXXIII übernehmen. Aus dem Stall der Tragtierbereitschaft hat ein Soldat bereits ein Maultier geholt und mit Lebensmitteln beladen. Die Wachmannschaft bricht schon sehr zeitig am frühen Morgen auf. Der Dienstälteste führt die Gruppe zur Porta Pretoria und meldet diese beim wachhabenden Unteroffizier ab. Dieser schreibt die Einheit, die Namen der Soldaten, den Wachturm und Tag und Stunde des Aufmarsches auf eine Wachstafel.

Draußen beim Kleinkastell Mainhardt-Ost herrscht um diese Zeit noch mäßiger Grenzverkehr. Die Germanen können nach Kontrolle und Entrichtung von Zoll ihre Waren in die rhomäischen Städte schaffen, um sie dort auf den Märkten zum Kauf anzubieten. Honig, geräuchertes Wild und gepökeltes Fleisch, manchmal auch blondes Haar. Das sind die Schöpfe ihrer Töchter. Die werden in der Hauptstadt des Imperium Romanum besonders teuer bezahlt. Hier in der Provinz ist der Gewinn nicht ganz so groß.
Erst direkt am Wall gibt es eine Kreuzung. Eine Straße führt vom germanischen Gebiet vorbei am Kleinkastell, die andere folgt der kompletten Linie des Limes und verbindet so alle Kleinkastelle und Wachtürme. Ab hier beginnt der einseitige und lange Teil des Marsches.

Im Wachturm IX - CCCCLXXXIII werden die Soldaten bereits erwartet. Die müde alte Wachmannschaft hat längst gepackt und wartet nur noch auf das Hornsignal am Mittag vom Kleinkastell, um endlich den Wachwechsel auszuführen.
Die beiden Truppenführer besteigen gemeinsam den Turm, um die Vollständigkeit der Ausrüstung zu prüfen. In der obersten Etage im Wachraum sind viele Gerätschaften festzustellen, unter anderem ein Signalhorn aus Messing, je fünf größere und fünf kleinere Wurfsperre und drei Bögen mit je fünfundzwanzig Pfeilen. Alles Vollständig.
Im mittleren Geschoss, also dem Schlaf- und Aufenthaltsraum der Soldaten muss folgende Ausstattung vorhanden sein. Neben den hohen Stockbetten ein Tisch mit Hockern, diverse Öllampen aus Ton für die Beleuchtung, eine Getreidemühle aus Basalt, verschiedenes Geschirr und einiges mehr. Die Kochstelle dient in der kalten Jahreszeit auch zum Heizen des Raumes. Über eine Leiter erreichen die beiden das spärlich beleuchete Untergeschoss, das von außen nicht zugänglich ist. Neben den wichtigsten Geräten und Werkzeugen werden hier auch die Lebensmittel aufgewahrt. In den Amphoren befindet sich Wasser und Ölivenöl oder auch Garum, die bekannte Würzsauce aus Fischresten.
All diese Dinge müssen durch die neue Wachmannschaft mitgebracht werden. Was in der Zwischenzeit verbraucht wurde, muss aufgefüllt werden. Die erfahrenen Wachmannschaften wissen, wie hoch der Verbrauch in den nächsten zwei Wochen sein wird. Was verschlissen ist oder repariert werden muss, übermittelt die Wachmannschaft, die abreist im Kastell. Und zwar jene, die den Fehler festgestellt hat. Die Wachmannschaft, die die jetzige ersetzen wird, bringt die Materialien oder den Ersatz und macht sich nach der Ankunft auch an die Instandhaltung des Turmes. Dies geschiet in der frei einteilbaren Zeit oder durch Beauftragung durch den Dienstältesten.

An Arbeit fehlt der Mannschaft aber auch so nicht. Der Wachdienst wird eingeteilt. Die anderen werden auf die Jagd geschickt. Oder sie sollen sich um die angepflockten Ziegen kümmern. Oder bei einem nahegelegenen Wasserloch oder Bach Wasser schöpfen. Kleinere Reparaturen oder neue Verkalkungen oder Verputzungen werden durchgeführt. Noch aber richtet man sich erst einmal ein.
Ein Kamerad bereitet jetzt eine schnelle Mahlzeit zu den nicht sonderlich beliebten Puls, einen grauen Brei. Apicius überliefert in seinem römischen Kochbuch De re coquinaria verschiedene Pulsrezepte, bei denen dem Getreidebrei auch Fleisch und Hirn zugefügt wird, was aber eher eine Ausnahme darstellt. Man weicht die Bohnen am Vorabend ein oder verkocht sie zum Zeitpunkt der Zubereitung. Eine Zwiebel, eine Knoblauchzehe, eine Stange Sellerie, eine Karotte, eine Pastinake, eine Stange Lauch werden kleingeschnitten. Zwiebel und Knoblauch werden in einer großen Pfanne angeschwitzt, dann das Gemüse dazugegeben. In einem Kopf kocht derweil der Getreibebrei aus Emmer, manchmal auch Dinkel, und Wasser. Zur Verfeinerung wird manchmal ein Schluck Milch zugegeben. Bevor der Brei weich wird, werden die Bohnen hinzugefügt. Zum Schluss kommt auch das Gemüse dazu und das Ganze wird noch mit diversen Gewürzen abgeschmeckt. Salz, gemahlener Pfeffer, Kreuzkümmel, Garum, getrockneter Oregano und frische Kräuter nach Belieben kommen zum Einsatz. Besonders beliebt in der rhomäischen Küche sind aber auch Koriander, Weinraute, Estragon und Minze.
Ein weiterer Kamerad mahlt bereits das Getreide, bis zur Zehnt, der Hauptmahlzeit am frühen Abend reicht der nahrhafte Brei allemal. Hunger muss man in der rhomäischne Armee normalerweise nicht fürchten. Bei diesem Turm kann vor Ort sogar das Brot gebacken werden.

Von der Holzgalerie am oberen Stockwerk hat man einen weiten Blick über die Grenze und sieht hinüber bis zu den beiden, jeweils einige hundert rhomäische Fuß entfernten Türmen. Die Signalkette darf nie unterbrochen werden.
In den letzten Monaten war das Leben an der Grenze jedenfalls recht ereignislos. Jedoch wird im Lager schon berichtet, dass die Alamannen sich zu neuen Raubzügen sammeln.

Ende
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"If the biggest problem that you're having in the twenty-first century involves
what other people's genitals look like, and what they're doing with those genitals
in the presence of other consenting adults, you may need to reevaluate your
priorities." - Forrest Valkai


("Wenn das größte Problem, das du im 21. Jahrhundert hast, darin besteht, wie
anderer Leute Genitalien aussehen und was diese damit in Gegenwart anderer
Erwachsener mit deren Einverständnis machen, musst du möglicherweise deine
Prioritäten neu bewerten.")

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