Sacra Tibia: Berions Reisen




Unterhaltungsliteratur in ihren verschiedenen Formen, wie beispielsweise Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Berichte, Märchen und Sagen

Sacra Tibia: Berions Reisen

Beitragvon almafan » Sa 2. Jul 2011, 22:44

Berions Reisen

Da gab es keinen, der nicht größere Wunder tat, als Jesus. Aber der Junge aus dem Westen wollte auch von sich überzeugen machen. Nur mit dem Christus hielt er es nicht. Ob er wohl durch die Dämonen solche Dinge tut? Urteilt selbst.

Inhaltsverzeichnis

Der Golem: Prolog
Der Golem: Das Duell
Der Golem: Berions Einschreiten
Der Golem: Epilog

Der Kessel: Prolog
Der Kessel: Der Priester
Der Kessel: Die Mönche
Der Kessel: Die Nächte
Der Kessel: Die Anderen
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Wir erschießen Wildtiere, weil diese sich unkontrolliert vermehren, wenn keine Raubtiere da sind und die Wälder schädigen. Und wenn sich Wölfe wieder ansiedeln, erschießen wir die auch, weil sie sonst andere Tiere fressen. Klingt nach einem super Marketingkonzept für Munitionshersteller, aber nicht wirklich durchdacht.
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Re: Sacra Tibia: Berion - Der Golem

Beitragvon almafan » Mi 13. Jul 2011, 20:22

Der Golem

Im Jahre des Herrn 998

Prolog

Ein schöner Tag ist es. Die Sonne scheint durch das Blattwerk der Bäume. Zu seiner Linken windet sich ein kleiner Fluss malerisch durch die Landschaft. Zu seiner Rechten stehen einige Felsen, die den ansonsten dichten Baumbestand etwas auflockern. Doch das Grün lässt sich davon nicht beirren. Denn überwuchert sind auch diese Steine. Die Luft steht, die Wärme ist jetzt schon vor dem Mittag sehr schwer. Nur manchmal spielt der Wind lieblos mit den Blättern. Bis an den Boden reicht er aber nicht. Nur wenige Tiere sind in dieser Hitze unterwegs. Mal hier, mal da ein Eichhörnchen. "So kann es bleiben", denkt sich Berion.
Der hat wieder einen Botengang zu absolvieren. In die Ferne ziehen wollte er ja schon immer. Und auf das Gehen versteht er sich. Man sieht ihn selten hoch zu Ross. Man sieht ihn selten auf einem Schiff. Wer traut denn nicht auch seinen eigenen Füßen am Weitesten?

Unterwegs ist er wieder, im Auftrag der Dämonen. Aber nicht zu den Orks will er diesmal, nein, eine kleine Padaschsiedlung, unweit der westlichsten Anspruchgebiete des postrhomäischen Imperiums, ist ein neustes Ziel. Es ist ein weiter Weg und er führt vorbei an vielen Zollstellen. Viele Wachmannen haben ihn schon zig Mal untersucht. Einsam umherstreifende Leute sind besonders verdächtig, sind diese doch zumeist erstes Angriffsziel für Wegelagerer und Räuberbanden. Und wenn dann einer doch ohne Schrammen und quietschfidel an den Posten tritt, ist dieser sich der Aufmerksamkeit des Personals sicher gewiss. Ein solcher ist einfach nur zu verdächtigen. Etwas anders bleibt den Wachmannen gar nicht übrig. Denn wer im Alleingang durch einen Wald oder anderes unwirtliches Gelände geht, ohne eben überfallen zu werden, der muss selbst ein Dieb oder Räuber sein.

Berion ist einfach gekleidet. Eine einfache leinene Hose, die am Bund mit einem Seil an der Hüfte gehalten wird, über dieser einen Rock, den man sich über den Kopf zieht. An diesen hat sich Berion eine Kapuze angenäht, falls der Regen einmal einsetzt. Unter diesem Klappenrock trägt er ein leinenes Hemd, das er sich in die Hose gesteckt hat. Und über alledem hängt sein grüner Filzumhang. Er hat sein Gewicht, doch er schützt verlässlich selbst vor starkem Regen. Dabei hat er wieder seine Tasche, die er wie immer zur Rechten trägt und um den Hals, auf seiner linken Schulter über den langen Träger hält. Er hat kein Problem damit, dass man immer wieder in die Tasche sehen will. Vielleicht führt er ja illegale Ware bei sich, wobei bei der Benennung einer solchen, der Fantasie der Wache kaum Grenzen gesetzt sind. Gefällt ihnen ein Stück besonders, so ist es nicht verwunderlich, dass es plötzlich jenseits des Postens verboten sei und deshalb einbehalten werden muss.

Das kann Berion nicht schrecken. Er hat nichts von begehr. In seiner Tasche finden sich Proviant, bestehend aus trockenem Brot, ein wenig Dörrfleisch, sowie einen außen an der Tasche befestigter Trinkbeutel. Das einzig wertvolle Gut sind die Dokumente, die er mit sich führt. Aber lesen kann sie hier am Posten sowieso keiner. Vielleicht gibt es im nächsten Kloster ein oder zwei Mönche, die die Sprache, in der die Schriften verfasst sind, erkennen kann, aber selbst dann ist es unwahrscheinlich, dass sie diese auch lesen können. Das alte Koptische oder Kymeiische, so auch manchmal das Grekische sind die Sprachen, in denen die Auftraggeber von Berion zu schreiben gedenken, wohlwissend, dass es kaum Menschen gibt, die das auch wieder entziffern können. Meistens aber sind die Dokumente sowieso versiegelt. Dann aber auch gleich mit einem hochwürdig scheinenden Siegel. Ein Adler, ein Löwe, irgendetwas Herrschaftliches. Keiner der Posten wagt es, ein solches Siegel zu brechen, um sich von der Dringlichkeit und dem authentischen Inhalt des Schreibens selbst zu überzeugen. Einfach ist das Volk und das ist Berions Segen.

Für jeden sieht er aus, wie ein einfacher Herold oder Pilger. Für das bisschen Wegegeld das er mit sich führt würde man ihn auch schon töten. Angst hat er deshalb aber schon seit Jahren nicht mehr. Die ärmliche Bekleidung schreckt die meisten Diebe schon ab. Die aber, die es dennoch wagen sollten, ihn berauben zu wollen, können Bekanntschaft mit seinem Kurzschwert schließen, das er unter seinem Umhang versteckt. Wenn es die Wachen entdecken, ziehen sie es jedes Mal aus der Scheide und schauen auf die Klinge, ob diese Blut hält oder Zeichen eines Kampfes trägt. Und wenn sie etwas beanstanden, kann Berion mit erdrückender Überzeugung bescheinigen, nie jemanden anzugreifen. Man könne ja schlecht zwischen Kerben durch einen Angriff oder solche durch Verteidigung unterscheiden.
Würden sie wissen, dass der Mann da vor ihnen, auch noch einen Dolch dicht am Körper trägt, unter seiner Oberbekleidung, noch nie entdeckt, so würden sie ihn vielleicht nicht ziehen lassen. Berion lässt sich solche Geheimnisse nicht anmerken. Und wieder kann er einfach weiter ziehen. Man hat nichts Verdächtiges gefunden.

Auf diese Waffen ist er meist gar nicht angewiesen. Er kann sich in einem Kampf auch anderweitig erwehren. Ausfechten kann er einen Kampf mit einem guten Schwertkämpfer sowieso nicht. Er hat den einen oder anderen Kniff drauf, aber ein guter Schwertkämpfer ist er für wahr nicht. Er kennt aber viele schmutzige Tricks.
Tritt er gegen eine Überzahl an, so zwei, drei Mannen, so erwehrt er sich lieber mit einem langen Stock. Der findet sich fast überall und hat mehr Reichweite als sein Kurzschwert. Ein paar Mal wirbelt er es dann umher und trifft nicht selten kann schon jemanden. Das beabsichtigt er aber meist nicht, viel entscheidender ist, dass sie sich alle durch das Gewirbel in eine Richtung, besser noch in eine Ecke, drängen lassen. Dann rennt er mit dem Stock in beiden Händen, waagerecht vor sich haltend, auf sie zu und kann sie so von den Vorteilen der Überzahl abbringen. Mit Tritten und Schlägen setzt er denen dann zu und rennt davon.
Sand ist ihm ebenso ein wichtiges Hilfsmittel, selbst wenn er nicht in die Augen des Gegners gelangt, lenkt er diesen doch ab. So hält sich zumeist der Beworfene die Hand vor Augen. Nimmt er diese wieder weg, sieht er bereits die Faust auf sich zu schnellen, wenn es denn nicht schon zu spät ist.
Berion würde nie der Ehre wegen in einen Kampf ziehen, warum dann also ehrenvoll. Einen unsauberen Kampf stellt er dem sauberen obenan. Und nur selten hat ein Gegner ein ähnliches Aufgebot an Hinterlist zu bieten. Da ist Berion sich sicher, haben ihn seine alten Meister gut unterrichtet.

Ein Schmunzeln gleitet ihm immer wieder ins Gesicht, wenn er die Zöllner stehen lässt und diese ihn nach ihrer Untersuchung als harmlos deklarieren. Heute schon hatte er solcher Momente zwei. Er ist schon seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen. Zu trinken führt der Fluss bei sich. Seine Flasche wird also wohl auch die nächsten tausend Schritt nicht leer. In solcher Abgeschiedenheit wird sein Gang langsamer, die Pausen länger.
Berion liebt die Natur. Sie ist stiller als die Stadt und sie riecht ohnehin besser. Er bewegt sich zum Fluss keine fünf Schritte neben ihm und geht in die Hocke. Er schöpft mit seiner Hand wieder kühles Wasser. Das Moos um ihn herum ist vollgesaugt. Die letzten Tage hatte es geregnet. Und während die Wasserlöcher meist schon wieder auf ihren alten Stand zurück schrumpften und die Pfützen verschwunden sind, ist im Wald alles noch ein wenig feuchter. Der Wald speichert vergangene Wetterereignisse und Temperaturen länger als das Feld oder die Stadt. Berion möchte gar nicht wissen, wie heiß es nun ohne das Blätterdach wäre. Schwül ist darunter schon. Das Moos ist aber schön kühl.
Eine längere Pause kommt ihn in den Sinn. Wofür auch die Eile? Der Wachposten ist längst nicht mehr in Sichtweite. Einige Zeit ist schon seither vergangen. Und auch am Ziel hetzt ihn keiner. Berion schaut an sich herunter. Wieder hat er seine Schuhe nicht ausgezogen. Er hat es wohl wieder vergessen, als er die Stadt verließ. Barfuß läuft er am Liebsten, aber nicht in der Stadt.

Berion befreit sich vom Umhang und wirft diesen als Sitzdecke auf den Boden. Ihm war sowieso schleierhaft, warum er den warmen Fetzen nicht schon früher abgenommen hat. Denn schon in den Morgenstunden wird es in den südlichen Gegenden des teutischen Reiches warm. Auf die Tasche ist ihm in dieser Schwüle zu schwer geworden. Zum Sitzen zu unbequem, schnallt er auch das Schwert ab. Ein wenig rückt er mit dem Umhang noch Richtung Fluss, seine Füße sollen zur weiteren Abkühlung im fließenden Wasser baumeln. Doch auf den ersten Schock hin reißt er sie noch einmal aus dem Wasser, bis sie dann endgültig eintauchen.
Langsam dämmert er weg ins Reich der Träume. Die wärmende Sonne von oben, der kühlende Fluss von unten. Der säuselnde Wind, noch nicht ganz verstummt, dazu die vielen verschiedenen Vogelstimmen und das Summen der Bienen und anderer Insekten, ist zu befriedigend und beruhigend um nicht dazu beizutragen. Eine Unterbrechung mehr oder weniger, was ist das schon? Die Reise wird es verkraften. Der Empfänger wird es verkraften. Berion will es verkraften. Berion will es einfach.
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Re: Sacra Tibia: Berion - Der Golem

Beitragvon almafan » Sa 16. Jul 2011, 15:08

Das Duell

Vom Himmel stürzt ein Feuerball. Berion kann diesem gerade noch so ausweichen, bevor der Boden unter ihm auf einen Schlag zu schwarzem Staub wird. Berion schaut sich um. Die ganze Gegend steht in Flammen. Selbst der Himmel brennt und seine Wolken erscheinen in einem kräftigen Rot. Immer wieder fallen Feuerbälle vom Himmel. Es sieht aus, als sei die Hölle auf Erden losgebrochen, als sei die Geisel Luzifers frei und verbrenne nun alles, was sich ihm in den Weg stellt. Doch Berion sieht auch einen mächtigen Magier. Dieser scheint die Ursache für all das zu sein. Wie angewurzelt steht er da und streckt die Arme von sich, zu beiden Seiten. Die Handflächen zeigen nach oben und eine seltsam gefärbte Aura umgibt ihn. Er leuchtet geradezu von innen heraus. Welche gewaltigen Kräfte muss dieser Magier haben, um ein solches Inferno zu entfesseln?
Berion hat keine Zeit, darüber nachzudenken. Er muss weiteren Angriffen ausweichen. Die Hitze der Feuerbälle, die ihn knapp verfehlen, erdrückt ihn. Jede Erschütterung geht in Mark und Knochen. Hier ein Krater, da ein verkohlter Baumstumpf. Berion will den Wahnsinnigen aufhalten. Er muss.
Berion rennt durch alle Gefahren hindurch auf den Magier zu und trifft ihn schon mit dem ersten Schlag. "Das war zu einfach.", denkt er sich. Doch da steht der andere bereits wieder. Als sei nichts gewesen, hat er die alte Pose wieder eingenommen. Unvermindert geht das Feuerwerk seinen Gang. Berion setzt zum zweiten Male an und rammt dem Widersacher seinen Dolch direkt durch die Brust.
Plötzlich kann er es erkennen. Er selbst ist der andere Magier. Er selbst ist diese Macht. Er selbst ist dieses Monster. Berion schreckt zurück. Die Klinge noch in der Brust, sackt das Spiegelbild zusammen. Berion kann sich nicht einmal daran erinnern, dass er den Dolch überhaupt in die Hand genommen hat, nicht einmal, dass er diesen überhaupt aus seinem Versteck unter seinem Hemd hervorgezogen hat. Alles ist plötzlich so unwirklich. Unwirklicher als es das ganze Szenario vorher schon war. Das ganze Brimborium unterdes setzt sich weiter fort. Es fallen nach wie vor brennende Steine vom Himmel und ziehen ihren schwarzen, rauchenden Schweif durch das Rot des ganzen Horizonts.
Berion wird schwach auf den Beinen. Er merkt wie ihn seine Kräfte verlassen. "Was ist hier nur los?" Auch er sackt zusammen. Ein Stechen in der Brust. Er schaut an sich herunter. Auch in seiner Brust steckt ein Dolch. Er legt seine Hand an den Stahl. Beim Herausziehen sind die Schmerzen fast unerträglich. Er spuckt Blut und seine Wunde klafft, ist selbst durch die verschiedenen Schichten seiner Kleider zu erkennen. Kniend, nach vorn gebeugt, stützt er sich mit der einen Hand am Boden ab, während die andere seine blutende Wunde hält. Vor Schmerzen richtet er sich auf. Er atmet schwer. Die letzten Momente scheinen angebrochen. Er kann noch immer das Blut in den Mundwinkeln schmecken. Er öffnet die Augen und sieht wie ein Feuerball genau auf ihn zusteuert. Zum Ausweichen bleibt keine Zeit mehr. Berion gibt sich seinem Schicksal hin.

Berion wacht auf. Seine Augen weiten sich, die Sonne sticht ihn ins Gesicht. Sofort zieht er die Augen wieder zu. Genau hier muss das Blattwerk so dünn sein, dass der nun aufgekommene Wind, die Blätter zur Seite bläst. Berion richtet sich langsam auf und reibt sich die Augen. Mittlerweile steht die Sonne ganz anders. Einige Käfer und andere Insekten haben sich auf dem grünen Filzumhang gesammelt. Berion schreckt kurz zurück, als eine Hummel vor seinem Gesicht vorbeibrummt. Er ist noch nicht ganz wach, aber weiß jetzt schon, dass er länger geschlafen hat, als er es wollte.
Ein unglaublich realer Traum war das eben. Sowohl der Knall als auch die Erschütterung beim Aufschlag scheinen unfassbar echt gewesen zu sein. War das ein Traum? Oder schon eine Vorahnung? Was will ihm sein Geist sagen? Hat dies überhaupt eine Bedeutung oder war es nur ein einfacher Gedankenstreich seines Hirns?
Ganz so scheint es dann doch nicht. Denn erst leise hört er es grollen. Er spitzt seine Ohren und vernimmt es immer besser. Es klingt, als stürzen zwei Felsen aufeinander. Das erklärt das Gerumpel aus dem Traum. Berion blickt zu den Felsen hinter sich. Irgendetwas scheint dort im Gange zu sein. Er zieht seine Füße aus dem Wasser, sie sind eiskalt und das Wasser perlt im Farbenspiel mit der immer wieder durchdringenden Sonne von diesen. Berion dreht sich im Sitzen einfach um und hält seine Eisbeine in die Sonne, die es hier durchgehend auf den Boden schafft. Die Baumkronen sind nicht allzu weit über dem Weg zu Ende.
Berion ist immer noch seelenruhig auf seinem Umhang, die Füße werden langsam wieder wärmer. Das laute Geknalle, da hinter den Felsen, interessiert ihn sehr. Aber so beständig, wie es derzeit verläuft, wird es auch gleich noch da sein, so wie auch der Verursacher.
Kurz flimmert ein es hinter den Felsen in einem schwachen Rot auf. Berions Aufmerksamkeit ist geweckt. Er ist sich sicher, da ist Magie im Spiel. Mit blanken Füßen und ohne auf sein Gut zu achten, springt er auf und macht sich daran, herauszufinden, was dort überhaupt los ist. Das Getöse wird mit jedem Schritt lauter und das rote Aufflackern nimmt zu. Berion tastet sich, immer langsamer werdend, an den Steinen entlang, immer mit dem Rücken zur Wand. Er weiß, er ist auf der richtigen Fährte. Noch immer nimmt der Geräuschpegel zu. Immer wieder Steine die aufeinander prallen und ein Schwung von Feuerbällen. Soweit kann Berion es bereits erkennen.
Dann aber hat er die Sache selbst im Blick. Nach wie vor ist er an den Felsen gelehnt, an dem er gerade entlangschleicht. Aus seiner Deckung, in der er für die Beteiligten noch immer nicht auszumachen ist, kann er die ganze Szenerie überblicken. Ein lautes Krachen ist wieder weithin vernehmbar. Ein riesiger, steinerner Koloss, der da aufgebracht auf die Felsen eindrischt: Ein Golem. Mindestens zwanzig Fuß, in der Sprache der Bergarbeiter müsste man von etwas mehr als drei Lachtern reden [ca. sechs Meter], misst dieses beeindruckende Wesen. Friedlich sind sie eigentlich, dass weiß Berion. Wenn man sie nicht massiv stört, werden sie auch selbst nicht handgreiflich. Aber was hat ihn dann so in Rage versetzt?

Natürliche Feinde haben diese sanften Riesen nicht, es kann sich Berions Erfahrung nach wieder nur um eine Art handeln. Er bemerkt, dass der Golem immer wieder ein und denselben Felsen ansteuert. Alle Felsen überragen den Golem um ein gutes Stück. An den porösen, bröckelnden Seitenwänden rutscht der Steinriese immer wieder ab. Er scheint dort oben irgendetwas Feindliches ausgemacht zu haben.
Plötzlich trifft ein Feuerball den Golem. Er kam genau von dem Felsen, auf den der Golem schon seit längerem, so scheint man am Abrieb urteilen zu können, hinauf will. Berion entdeckt den Schützen. Das muss ein Magier sein. Ein dummer Magier, wie Berion meint. So energisch und voll Zorn im Gesicht kann es sich kaum um ein Versehen handeln. Der Magier scheint sich bewusst mit dem Golem angelegt zu haben. Er hat sich selbst überschätzt und offenbar nicht bedacht, dass die Feuerbälle, die er nun verschießt, dem Golem kaum etwas anhaben können. Sie werfen ihn in seinen Anstrengungen zwar ein wenig zurück und haben ihn schon ein, zwei Mal vom Felsen losgebrochen. Aber der Golem steht und er wird sich kaum beruhigen, wenn der Störenfried nicht langsam aufgibt, flieht oder stirbt. Berion weiß auch, dass es sonst niemanden gibt, der so bescheuert wäre, einen Golem anzugreifen. Meist nehmen die, die es versuchen, Reißaus. Denn der Golem weiß nicht nur durch seine Größe zu überzeugen. Seine rosa, meist lila gefärbten Adern glühen auf. Der ganze Körper beginnt zu vibrieren und das ganze kumuliert in einer Art Schrei. Ein lautes, bedrohliches Summen, das erst leise und langsam ansteigt und dann innerhalb eines Augenblickes einen großen Lärm verursacht. Wer diese Warnung missachtet, bekommt es mit dem tonnenschweren Koloss zu tun, wie er es in seinen schlimmsten Albträumen nicht ersehen konnte.
Ein Pattsituation: Der Magier kann den Golem mit seinen derzeitigen Mitteln nicht besiegen. Und der Golem schafft es nicht auf den Felsen, um dem Magier den Gar auszumachen. Und keiner von beiden will nachgeben. Dabei müsste auch der Magier, da oben auf dem Felsen, wissen, den längeren Atem hat der Golem. Er muss sich nicht verausgaben, er kann es kaum. Seine steinerne Haut speist den Körper aus der Sonnenenergie bei Tage und die lunaren Lichtwellen bei Nacht, quasi den Resten des Sonnenlichtes. Außerdem übersteht ein Golem viele Menschenleben. Die Langzeitvorteile liegen klar beim Golem. Noch aber wehrt sich der Magier nach Leibeskräften. Seine Feuerbälle lassen an Intensität und Feuerrate nicht nach. Aber das wird sicher noch passieren.
Berion könnte also in aller Ruhe zusehen, wie dem Magier die Kräfte schwinden und der Golem danach ganz einfach wieder seiner Wege geht. Doch dann sieht er den Grund für den ausgebrachten Golem: Ein Vogelnest in einem Loch im Felsen. Wohlmöglich hat der Golem das Loch selbst in den Felsen geschlagen, mit einem einzigen Hieb. Die Vögel haben sich hier sicher an den behäbigen Steinriesen gewöhnt. Er hält die Fressfeinde fern. Wölfe, Füchse und dergleichen wissen um die Kraft der Golem und wagen einen Angriff auf dessen Schützlinge nicht.
Öfter schon hat Berion Golem gesehen und nicht selten tragen sie Vogelnester auf der Schulter oder dem Kopf. Im Gehen begriffen, bauen die Vögel ihre Nester direkt auf den schweren, friedlichen Wesen. In seiner derzeitigen Rage allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass der Golem selbst das Vogelnest zerstört, das er ja eigentlich schützen will.
"Ein wirklich dummer Magier.", denkt sich Berion. Denn eines der obersten Gebote der magischen Zunft, mag man sie denn so nennen, scheint er vergessen zu haben: "Ehre die Natur und ihre Geschöpfe!" Für Berion ist sie Sache klar: Diesem Magier muss Einhalt geboten werden.
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Re: Sacra Tibia: Berion - Der Golem

Beitragvon almafan » Mo 11. Nov 2013, 15:52

Berions Einschreiten

Berion muss schnell handeln, denn jeden weiteren Moment, den er verstreichen lässt, kann das Nest bereits getroffen werden. Nicht das der Golem in seiner Wut die armen Küken selbst tötet. Die Vogelmutter jedenfalls kommt bei diesem Gewusel nicht an ihr Nest.
Schnell, dass ist das richtige Stichwort. Berion kennt eine bestimmte Technik, die genau darauf passt. Berion bündelt seine Energien und spricht den Argonischen Schritt. Für eine kurze Zeit wird er zum übermenschlichen Läufer und schafft so ungeahnte Geschwindigkeiten, jenseits jedes Periodoniken, den die Spiele der Antike jemals hervorgebracht haben. Er umkreist das Geschehen in Windeseile und wird gar nicht bemerkt. Die Streitenden haben ohnehin genug mit sich zu tun.
Berion sucht in diesem schnellen Schritt eine möglichst günstige Ausgangsposition für seinen nächsten Trick. Sein unruhiges Auge sieht eine flachere Seite an dem Felsen, auf dem der Magier über dem Golem thront und unablässig seine offenbar einzige Waffe, einen Feuerball nach dem anderen, auf den steinernen Riesen abwirft. Diese, ein wenig niedrigere Stelle ist für Berions nächste Technik gut erreichbar. Er sammelt im Sprint neue Energien und wendet diese auf den Padeschen Schritt an. Noch im Rennen begriffen, erhöht sich seine Sprungkraft derart, dass er es ohne größere Mühen und ohne weiteres Zutun auf diese niedrigere Stelle des Felsens schafft. Ein wenig läuft er sich oben auf dem Plateau des Felsens noch aus. Dann sind beide Magien verschwunden. Berion benötigt sie auch nicht mehr. Sie sind nur für einen kurzen Zeitraum aktiv und können von einem geübten Magier verkürzt, aber auch ein wenig verlängert werden. Berion aber hat sein erstes Ziel erreicht. Er steht dem anderen Magier nun gegenüber.

Dieser ist sichtlich verwirrt. Er schaut den Neuankömmling fragend an, bricht seine sinnlose Aktion ab. Wo mag dieser Unbekannte so plötzlich hergekommen sein? Wie hat er es überhaupt hier hoch geschafft? Und was will er? Starr stehen sich die beiden gegenüber und mustern sich. Der Golem am Fuße des Felsens hat mit seinem Treiben aufgehört. Auch er ist verwundert, über die neue Entwicklung. Sicherlich fragt auch er sich, ob der Neue, ihm oder seinen Schützlingen schaden will.
Berion sieht vor sich einen wohl fein gekleideten, sicherlich mehr reich als armen Mann. Bauchig ist er, das ist selbst durch den weitgeschnittenen Wams zu sehen. Über diesem trägt er einen prächtigen, rotgrünen Mantel. Sicherlich ist er aus adeligem Hause oder zumindest ein, sie sind sehr selten, Emporkömmling. Spitze Schuhe und eine hellrote Hose unterstützen diesen Eindruck noch. Der spitze Hut auf seinem Kopf soll wahrscheinlich auf irgendeine Art magischen Rang hinweisen. Sein wahres magisches Potenzial kann Berion nicht abschätzen. Aber mit dem Wissen um diese Fähigkeiten und Fertigkeiten kann es nicht weit her sein. Immerhin versucht er, offenbar schon seit geraumer Zeit, einen steinernen Golem mit Feuer niederzustrecken. Berion weiß, dass auch dies gelingen mag. Aber nicht mit dieser schlampig ausgeführten, allzu verschwenderischen und völlig ungenügenden Technik.
Der andere Magier sieht vor sich nur einen zerlumpten Vagabunden, der nicht einmal Schuhwerk besitzt. Sicherlich ist Berion niemand mit dem er gern verkehren würde. Und in seinen üblichen Kreisen hat er mit solch einfachem Volk wohl auch nie zu tun. Mit Bauern und Gesinde hat einer wie er nichts am Hut, selbst wenn dieser weniger Spitz sei. Bisher weiß er nur, dass es dem armen Kerl wohl gelungen ist, sich hier irgendwie hoch zu schummeln.
Berion kennt diese abwertenden Blicke. Die werfen ihm andere Magier häufiger zu, wenn er sich ihnen zu erkennen gibt. Sie denken, nur weil er keine Robe trägt, sei er kein Magier der sogenannten Elite, die sich ihren, mal abgewinkelten, mal eingeknixten, aber meist penibel aufgestellten Spitzhut, mit einer Würde auf das Haupt setzen, dass er sich jedes Mal in den Boden fremdschämen könnte. Was hat die Kleidung schon mit dem Können zu tun? Ein echter Magier definiert sich doch nicht über seine Kleidung. So sieht es zumindest Berion und alle seine engeren Freunde und Kollegen.
Sicher haben auch die kostümierten Magier so einiges erreicht. Die meisten von ihnen können Lesen und das gleich in mehr als einer Sprache. Das können nicht viele, das ist bereits etwas Besonderes. Dennoch, unter Berions Klientel gilt es als nicht besonders statthaft, sich auf solchen Prunk, solche Pracht oder einfach auf eine solch äußerliche Etikette zu stürzen. Der ehrliche Magier verdient nur das Lob, einen Kanten Brot und eine Bleibe. Die Scharlatane nutzen es aber so richtig aus. Lassen sich Dörflern und anderem naiven Volk bezahlen. Meist für die Beseitigung irgendwelcher Flüche oder der Bannung anderer Zauber. Selbst wenn dies wirklich so sein sollte und der Einsatz wäre berechtigt, so würde der ehrliche Magier kein Geld dafür verlangen. Seine Ehre eben verbietet es ihm.

Wenn Berion sich sein Gegenüber noch einmal genauer anschaut, entdeckt er viele Dinge an Glanz und Glorie, die erst kürzlich angeschafft wurden. Genau ein solcher Magier scheint vor ihm zu stehen. Vielen Fibeln und Agraffen, die seine Stoffe zieren und beisammen halten, sind recht neu. Keine Gebrauchspuren sind daran zu sehen. Vergoldet sind sie. Er kann sich den Luxus leisten, nicht nur weil er korrupt ist. Nein, auch weil ihn Banditen und Wegelagerer nur einmal überfallen würden und es dann mit seiner mehr oder minder begabten Magie zu tun bekommen.
Berion weiß aber auch, dass der äußere Schein oft trügen kann. Aber alles an diesem Magier stinkt zum Himmel. Seine reiche Kleidung, sein arrogantes Auftreten, seine Ignoranz der obersten magischen Gebote. Solche Magier sind Berion zuwider. Sie bringen die ganze Zunft in Verruf.

Berion ist noch in Gedanken versunken, als der andere Magier ihn bereits irgendetwas fragt. Davon bekommt er nichts mit. Aber er kann sich denken, was da aus seinem Gegenüber schallt. Die üblichen Fragen nach dem Namen, der Herkunft und der Zwecke seiner Anwesenheit. Doch Berion kümmert sich vorerst nicht um den selbstherrlichen Angeber, dem er da offenbar gegenübersteht. Sein Blick wandert bereits über den Boden. Irgendetwas hier muss es doch geben, was Berion für den Kampf nutzen kann. Für den Magier will er einfach keine Magie verwenden. Was ist schon schmachvoller, für einen ach so hohen Magier, als von einem besiegt zu werden, der, so scheint’s, über keinerlei besondere Fähigkeiten verfügt.
Aus dem Augenwinkel heraus lässt der schwach Geglaubte den Mann in seiner güldenen Ausstattung nicht unbemerkt irgendwelche Dinge tun. Es kann ja doch sein, dass dieses Zipfelmännchen irgendwas in der Hinterhand hat, seine Karten aber noch nicht offenlegt. Berion hält es jedoch für unwahrscheinlich. Dennoch, er ist vorsichtig. Zu seiner Rechten hat er einen Stock gefunden, der für Zwecke zu genügen scheint. Sichtlich entspannt bewegt er sich auf diesen zu. Als er sich aber nach diesem bücken will, fliegt plötzlich ein Feuerball in seine Richtung. Berion hebt ein wenig den Kopf und der Branntzauber verfehlt sein Ziel. Mit vernehmlichem Knall wird ein Stück des Felsens hinter Berion getroffen. Der Golem macht wieder einen Schritt nach vorn. Nun weiß auch er, dass Berion ihm nichts Böses will. Ein seichtes Lächeln wirft dieser dem Golem zu, dreht seine Augen gen Magier, ohne sein Gesicht vom Golem wegzudrehen und schüttelt den Kopf. Dann wendet er sich wieder dem Stock zu und hebt diesen auf.
Die Verwunderung des Magiers lässt nicht nach. Ihm gegenüber steht also nicht ein zerlumpter Bauer, sondern ein zerlumpter Bauer, der sich nicht so schnell beeindrucken lässt. Sofort wird mit einem weiteren Feuerball nachgesetzt. Dieser landet absichtlich kurz vor den Füßen des vermeintlichen Kontrahenten. Aber auch dieser lässt Berion nicht aus der Ruhe kommen. Langsam schwant dem Magier, dass er es hier mit einem ebenfalls magiebegabten Menschen zu tun hat. Also wiederholt er seine Fragen, nach dem Namen, der Herkunft und dem Zwecke seiner Anwesenheit.

Berion ist noch mit seinem Stock beschäftigt. Als er diesen biegt, zerbricht er sogleich. Berion wirft die beiden Stücke weg und versucht sich an einem anderen Holz. Dieser ist biegsamer, also stabiler. "Damit lässt sich was machen." Jetzt erst schenkt er dem Magier seine volle Aufmerksamkeit. Auch der Golem weiß nicht, was als nächstes passieren wird und schaut gespannt dem Treiben der beiden zu.
Plötzlich zeigt Berion mit dem Stock auf sein Pendant und dieses ist sichtlich verunsichert. Ist der Mann dort ohne Schuhe nun ein Magier oder nicht? Zeigt mit einem Stock auf sein Ziel, das ist albern. Ist er nur ein Spinner mit einer großen Selbstsicherheit? Einer großen Überzeugung von sich selbst? Hat er vielleicht ein Übermaß an Gottesvertrauen gepumpt, so dass er denkt, ihm werde nichts geschehen? Ist er ein Möchtegernmagier? Denkt er wirklich, ein Ast werde ihm helfen, einen richtigen Magier, einen großen Magier zu besiegen? Sicherlich kann der Magier gleich ein Dahingestammel irgendeines pseudomagischen Zauberspruchs erwarten.
Berions fingiert mangelnden Kenntnisse, dieses Wissensfeld betreffend, sind zu amüsant als das der Magier an sich halten kann. Der Golem scheint vergessen und auch die Gefahr, die von dem Fremden ausgehen könnte. Der Magier bricht in lautes Gelächter aus. Ein kräftiges Lachen, dass sicherlich anstecken kann, wenn die Situation für Berion nun nicht so ernst wäre. Er biegt sich vor Lachen und Freudentränen drücken sich aus dem Auge. Er bemerkt gar nicht, wie Berion sich langsam nähert.
Ein kurzer Sprint und Berion rammt dem Magier den Stock ins linke Auge. Das Lachen weicht einem lauten Schrei. Durch die Wucht des Aufeinandertreffens stürzt der Magier zu Boden und auch Berion strauchelt erst ein wenig, steigt dann aber über den gefallenen Magier und kann sich wieder fangen. Wahnsinnig vor Schmerz windet sich der Magier am Boden. Vorbei ist es mit seiner Überheblichkeit, vorbei auch mit seinem hohen Getue. Berion zerrt an seinen Kleidern und richtet sein jammerndes Gegenüber auf: "Die Natur gibt uns alles, was wir brauchen. Die Natur ist alles, was wir haben. Und wenn es der Natur gefällt, dann nimmt sie es uns wieder."
Es ist nicht wahrscheinlich, dass der Magier noch irgendetwas anderes vernimmt. Sein Auge zerläuft, die Wange wird vom Blut überlaufen. Dieser Brei tropft auf den Boden, kein schöner Anblick. Der Magier sackt zusammen und wimmert unentwegt. Würde Berion ihn nicht halten, würde er einfach zu Boden fallen. Die Knie haben ihm schon versagt. Für Berion bedarf es wenig, ihn vom Felsen zu befördern. Er stellt ihn an den Rand und lässt einfach los.
Der blutverschmierte Magier kippt nach hinten. Im freien Fall schafft er keinen halben Salto, kommt also mit dem Gesicht auf. Ein dumpfes Geräusch, das er macht, als er aufschlägt. Jetzt ist er ruhig.
Der Magier liegt regungslos am Boden und atmet schwer. Mittlerweile dürften es mehr Stellen sein, aus denen er blutet. An ein Aufrichten ist nicht einmal mehr zu denken. Das ist auch nicht nötig, denn der Golem packt das Häufchen Elend und hebt ihn auf. Die große Hand des Golems umschließt den Magier fast ganz, nur Kopf, Schultern und die Füße schauen noch heraus.
Der Golem schaut nochmal zu Berion. Der nickt diesem zu. Ein kurzer Druck und ein lautes Knacken deutet auf zahlreiche Knochenbrücke hin. Bereits jetzt ist alles Leben aus dem Magier entschwunden. Ein grausiges Bild, das der Magier nun abgibt. Aus allen Körperöffnung scheint der rote Lebenssaft zu rinnen. Auch das zweite Auge, weit aufgerissen, ist blutunterlaufen, aus Nase, Ohren und Mund strömt er ebenfalls. Dem Golem ist es aber noch nicht genug. Mit großem Schwung schmettert er den Magier zu Boden und tritt mit seinem massiven Körper nochmals nach.
Gerade noch hatte er wütig Feuerbälle umhergeworfen und seine Macht demonstriert, nun ist er nicht mehr als eine formlose Masse seiner selbst. Zerquetscht, zertrümmert und in den Boden getrieben.
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Re: Sacra Tibia: Berion - Der Golem

Beitragvon almafan » Do 1. Nov 2018, 23:27

Epilog

Ein paar Schritt tritt der Golem von seinem Schaffen zurück. Nun wird er auch wieder ruhiger. Das Blut tropft von der Faust des steinernen Riesen. Augen hat er keine, dennoch kann man seinen Gemütszustand erkennen. Er scheint sichtlich erleichtert, den Kampf nun hinter sich zu haben. Auch wenn vom Magier offenbar keine Gefahr für ihn drohte, so musste er doch seine Schützlinge in Sicherheit wissen. Er macht kehrt und geht zum Vogelnest zurück.
An der Stelle, an der der Golem versuchte den Felsen empor zu steigen, versucht Berion wieder nach unten zu kommen. Etwas übermutig rutscht er stehend herunter. Das wird prompt mit einem Stolperer bestraft. Und so setzt sich Berion nach einer ungewollten Rolle auf den Hosenboden. Fast wie ein alter Mann erhebt er sich wieder und reibt sich das gute Stück. Doch als er nochmals auf den toten Magier gleich hier neben sich schaut, weiß er, andere hat es weit schlimmer getroffen.
Vor sich sieht er die Blutspur, die der Golem hinterlässt. Einiges vom Magier ist am Fuß hängengeblieben, das andere Blut stammt aus der Faust, mit der der Magier zerquetscht wurde. Der Geruch wird Raubtiere anlocken. Auch wenn sie dem Golem nichts anhaben können, so beunruhigt es doch die Vögel, die auf ihm leben. Es wird nichts bringen, wenn er mit ihnen, auf der Schulter oder dem Kopf, sich vom Magier entfernt, aber den Blutgeruch mit sich trägt.

Langsam nähert sich Berion dem Golem. Auch ohne Mimik sind sie eigentlich leicht zu verstehen, wenn man sich mit ihnen auskennt. Sind sie ruhig und bedächtig, so hat man eigentlich nichts zu befürchten. Finten und Tricks sind ihnen fremd. Warum sollten sie so etwas auch kennen? Ihr ursprünglicher Zweck war es ja, den Meister der sie heraufbeschworen hat zu beschützen. Meist reichte ihre pure Anwesenheit um Feinde in die Flucht zu schlagen. Mit dem Verschwinden der meisten Bücher der Arkanum Golem sind auch die Beschwörer sehr selten geworden. Und mit ihnen die Golem. Die, die noch wandeln, sind meist uralt. Sie leben dennoch recht einfach und suchen sich selbstständig etwas zum Beschützen. Sie kennen Trauer, Freude, Wut, aber keinen Hass, Neid und auch keine Missgunst oder Eifersucht. Jegliches Besitztum ist ihnen unbekannt. Das ideale Vorbild für Emeriten und Einsiedler.
Berion weiß das alles. Und deshalb weiß er auch, wie er sich zu verhalten hat. Er kann vom Golem nicht verlangen, sich ihm anzupassen. Er ist sicher viel älter als der kleine Magier. Und so passt sich Berion eben an.
Der Golem kniet auf einem Knie vor dem Vogelnest und will es wieder auf seine Schulter setzen. Doch wie er es auch versucht, seine klobige Hand ist einfach zu unmotorisch für diesen Akt. Auch fällt ihm jetzt auf, dass er Blut an der anderen Hand hat. Berion fasst nach dieser, woraufhin der Golem kurz zurückschreckt. Auch Berion macht sicherheitshalber einen Schritt zurück und versucht die Situation nicht eskalieren zu lassen. Er weiß, wenn es zu einem Kampf kommen sollte, würde er lieber fliehen, als die Sache auszufechten. Niemand würde ihm einen Vorwurf daraus machen. Mit einem Golem legt man sich eben nicht so einfach an, wie das Beispiel keine zwanzig Schritt entfernt, eindrucksvoll beweist.

Sein jetziges Misstrauen dem Menschenwürmchen gegenüber ist verständlich. Doch Berion geht in einem großen Bogen an dem Golem vorbei und bewegt sich Richtung Fluss. Dort angekommen, streckt er seine Hand aus, seine Handfläche nun dem Wasser zugewandt, die Finger leicht gespreizt. An der Stelle, die der mit seiner Handfläche zeigt, sinkt das Wasser ab. Der Rest des Baches fließt um die Stelle herum. Ruckzuck dreht Berion seine Hand mit der Handfläche nach oben und stellt dabei Zeige- und Mittelfinger gen Himmel auf. Eine Säule aus klarem Wasser schießt aus dem Bach empor. Mit der zweiten Hand trennt er, noch immer ohne das Nass überhaupt zu berühren, den oberen Teil dieser Säule vom unteren. Der untere Teil zerfällt wieder und fließt wieder im Strom mit. Das Übrige aber schwebt Berion entgegen. Der scheint bereits mit seinen Händen eine Art Kugel formen zu wollen, woraufhin sich das Wasser dieser Form anpasst.
Weiterhin diese Form immer wieder nachziehend, um diese Kugel aus dem flüssigen Element stabil zu halten, kommt er wieder zum Ort des Geschehens zurück. Diese Kugel, so unrund sie auch ab und an mal ist, hat die Größe eines Menschenkopfes. Der Golem schaut sich dieses Gebilde an, vermutet vielleicht schon die nächste Attacke dahinter. Berion muss deshalb sehr vorsichtig sein. Immerhin ist der Steinerne immer noch auf einen Konflikt vorbereitet, noch immer in Bereitschaft des vorherigen Kampfes wegen. Berion versucht daher auch, weder durch Gestik noch durch Mimik irgendetwas Missverständliches auszudrücken. Das fällt ihm fast schwerer als die Magie selbst. Das kann aber alles nur gelingen, wenn ihm der Golem ein Stück weit vertraut, was glücklicherweise durch den Umstand erleichtert wird, dass der kleine Mensch ihm im Kampf gegen den Magier unterstützt hat. Berions Sinne sind geschärft. Beim kleinsten Anzeichen wird er sich auf und davon machen. Nicht aber Richtung Fluss, denn dann könnte seine Ausrüstung in Mitleidenschaft gezogen werden, so auch die Dokumente seines Auftraggebers.
Der Golem erhebt sich aus seiner knienden Position und wendet sich Berion zu. "Jetzt bloß nichts falsch machen." Unterdessen hat die Erfrischung die Hand erreicht und die ganze Sache entspannt sich ein wenig. Das kühle Nass umspielt die Hand des Golems und wäscht sie rein. Berion lächelt und auch der Golem ist wieder viel gelassener. Vorsichtig reinigt Berion mit dem sich immer wieder in der Form ändernden Wasser den Golem vom Kopf bis zu den Füßen. Dann lässt er das Wasser den Golem hinauffließen. Ein seltsamer Anblick der sich einem etwaigen Beobachter da bieten würde. Das Wasser tropft nach oben über den Kopf des Golems und bildet dort wieder die Kugel, wie sie einst war, nur roter. Mit einer Handbewegung nach rechts lässt er die Kugel in eben diese Richtung in die Umgebung fallen.

Ein leichter Seufzer. Die Sache ist überstanden. Der Golem ist frei allen Blutes und sichtlich gesammelter. Alle Anspannung ist vergessen. Nur etwas fehlt dem Golem noch zu seinem vollkommenen Abschluss. Er selbst kann das Nest nicht mehr auf sich setzen, aber Berion. Wieder kniend schaut der Golem in Richtung des Vogelbaus. Berion nähert sich nun etwas entschlossener dem Steinriesen und steigt einfach auf sein Knie. Er weiß, noch immer kann der Gemütszustand des Kolosses einfach umschlagen. Doch eigentlich besteht dazu ja kein Anlass mehr. Berion greift nach dem, für ihn recht weit oben, abgesetzten Gebilde aus Zweigen und Gräsern. Absichtlich greift er es von unten, denn wenn er die Küken berührt, wird die Mutter ihre Kinder vielleicht nicht mehr annehmen. Behutsam setzt er das Nest auf die Schulter des Riesen und muss sich dabei sogar strecken. Vorsichtig rückt er es zurecht, so dass es nicht runterfällt, wenn er Golem sich wieder erhebt. Die Vogelmutter hat die ganze Sache von einem Baum aus beobachtet und bisher ist sie nicht eingeschritten.
Berion springt wieder vom Knie herunter und geht ein paar Schritte zur Seite. Bedächtig steht der Steinriese auf, das Nest darf jetzt nicht stürzen. Doch alles geht glatt und der Golem setzt sich langsam in Bewegung. Zusammen mit seinem neuen Freund geht er in Richtung des Flusses, wo Berion nach diesem Abenteuer erst einmal einen Schluck zu sich nimmt. Noch immer liegen alle seine Sachen hier, wie er sie verlassen hat. Als sich Berion wieder umdreht, sieht er wie ein Nager mit irgendeinem kleinen Souvenir aus der Tasche. Berion schaut sogleich nach, ob es nicht etwas Wichtiges gewesen sein könnte und kann sich wieder beruhigen. Soll das Eichhörnchen mit dem glücklich werden, was es ihm an Spezereien gestohlen hat. Berion wird es nicht vermissen.

Der Golem steht nun in der frühen Abendsonne und seine steinerne Haut glitzert darin. Seine lila, bald rosa leuchtenden arkanen Adern tun ihr übriges zum wundervollen Schein. Das ist ein gutes Zeichen.
Berion bereitet sich bereits wieder auf seine Weiterreise vor. Er wirft sich die fallengelassenen Kleider wieder um, hängt seine Schuhe an den Gürtel, sich die Tasche um den Hals. Noch einmal kniet er sich vor den Fluss und hält seinen Kopf hinein. Das nasse Haar schüttelt er sich aus und befüllt seine Trinkflasche. Dann greift er nach seinem Kurzschwert, das unverändert in der Scheide steckt, und schnallt sich den Gurt dessen um.
Brüderlich reicht er dem Golem noch seine Hand, eine Geste die auch dieser Große versteht. Mit einem freundlichen "Bis bald." verabschiedet sich der Retter und geht wieder ostwärts, seinem Ziel entgegen.

Ende
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Re: Sacra Tibia: Berions Reisen

Beitragvon almafan » Mi 7. Jul 2021, 12:32

Der Kessel

Im Jahre des Herrn 1002

Prolog

Die Beine werden langsam müde.
Jetzt am späten Abend, ist das Laufen zwar wieder etwas angenehmer, aber die nächste Rast kann nicht mehr ewig warten. In diesem Teil der Provinz war er bisher selten. Aber hier gefällt ihm die Natur ebenfalls. Die Bäume sind alt und wuchtig. Vermutlich hat hier noch niemand gesiedelt. Die Stille der ihn umgebenden Pflanzen erfeut sein Herz. In den Weiten der Wälder und Wiesen fühlt er sich wohl.

In der Ferne ziehen Wolken auf. Der Wind niemand zu.
Kann man das Unwetter draußen überstehen oder ist eine Bleibe von Vorteil. Nie zieht es ihn gern in Siedlungen.
Ein verstohlener Blick nach links und einer nach rechts. Zur Sicherheit soll Magie dienen. Ein kleiner Blitz entfährt dem Finger. Klein genug, um von der anderen Hand abgedeckt zu werden. An dessen Verhalten erkennt Berion, dass es nicht mehr lange dauern wird. Aeromantie. Und heftig wird es werden. Der junge Mann hofft also doch auf ein Nachtlager in einem Ort. Es ist sowieso nicht mehr lang hin, bis zum Abend. Ein Lager sollte also in jedem Falle gefunden werden.
Die Rascheln der Tiere verschwindet. Auch sie ziehen sich zurück.

Berion hat zwar auch schön einige unschöne Zeiten draußen überstanden, aber noch hat er die Wahl, es diesmal anders ausgehen zu lassen. Da passt es, dass er in nicht allzuweiter Ferne Rauch aufsteigen sieht. So wird dort wohl mindestens ein Dorf sein. Sein Schritt wird schneller.
Doch er hält kurz inne. In ein Räubernest will er nicht laufen. Er schaut sich im Gelände um und entdeckt eine kleine Anhöhe. Eine kleine Siedlung ist es. Kaum mehr als zwanzig Mann, vierzig mit Weib und Kind. Und obwohl man auf den Dörfern Fremden gegenüber noch unfreundlicher ist, als in Städten, so sind sie doch stiller. Berion macht sich nicht gern unbeliebt und drängt sich auf. Er weiß, das fast jedes Dorf eine Kirche hat. Zur Not kann er da schlafen. Wenn sie ihn auch da nicht nehmen, dann wird eben doch draußen übernachtet. Regen schmerzt nicht. Die Zeit nach dem Guss riecht gut. Aber zusätzlich zu den schlechten Wettern, ist auch der Magen und die Tasche leer. Man versteht natürlich, bis auf die Dokumente. Der Klient wird wohl wieder etwas länger warten müssen. Dringend ist es sowieso nicht.

Mit dem Unwetter erreicht er das Dorf. Sicher ist das für die Einheimischen kein gutes Zeichen.
So beäugen sie ihn denn auch. Allein im Wald unterwegs. Das ist schon verdächtig. Aber ohne sichtbare Waffe. Das ist höchst obskur. So die Blicke ihn treffen, kann er auf Gastfreundschaft auf einem der Höfe nicht einmal wagen zu hoffen. Weder im Haus, noch im Stall. Es bleibt die Kirche. Nach etwas Zureden schafft er es denn auch unter ihr Dach.

Zu Essen könne man ihm aber fast nichts bieten. In der Region gab es eine Teuerung. Schon die fünfte in diesem Jahr, so sagt es ihm der Priester. So schlimm war es schon seit einigen Zeiten nicht.
Berion kennt diese Geschichten. Durch seine Wanderschaft kommt er immer mit den Armen in Berührung. Von denen gibt es viel mehr als Reiche. Auf die Frage hin, ob er als Priester denn nicht versucht hat, seine Herde vor der Teuerung zu schützen, entgegnet ihm dieser, das es genau das Problem ist.
Die Mönche des nahegelegenen Klosters haben diese Teuerung überhaupt erst in die Wege geleitet. Wie soll er als einfacher Dorfhirte gegen einen Abt vorgehen? Schnell schiebt er auch nach, dass die Leute im Kloster dagegen, wie die Mäuse im Speck leben. Als Berion fragt, was denn überhaupt geteuert wurde, wird er stutzig. "Bier und Schnaps!", kommt es vom Priester. Mit dem Steigen der Bierabgabe steigt der Verbrauch an Getreide. Mit diesem Verbrauch steigt die Teuerung. Was man nicht mehr oder nur sehr wenig hat, muss man nachkaufen.
"Nein, nein.", entgegnet der Priester: "Wir geben das Bier nicht ab. Wir sollen das Getreide und den Hopfen dafür entrichten. Das hergestellte Bier müssen wir dem Kloster aber wieder abkaufen." Berion fragt, warum der Grundherr nichts macht. Dieser, so versichert der Priester, ist verstorben und die Erben haben andere Sorgen, als die Bauern. Solange sie für den Ertrag sorgen, werden sie keinen Finger rühren. Die Streitigkeiten untereinander sind ihnen wichtiger.

Verwunderlich mag es anmuten, für jemanden der als Erimit in den Bergen nicht an solches Nass gelangt. Er würde einfach sagen, dass man doch auf Wasser ausweichen könne. Doch in den Dörfern ist Bier häufig die einzige Möglichkeit ein wenig Heiterkeit ins Leben zu bringen. Mancherorts ist es überhaupt die einzige Möglichkeit Wasser zu genießen. Viele Brunnen führen die Dorffäkalien wieder zu Tage, gelöst im Wasser. Man sollte es aber fast immer abkochen. Man muss es verstehen: Das flüssige Brot gehört zum Bauern, wie die Kuh und das Schwein.

Berion überlegt kurz und fragt, warum man denn nicht sein eigenes Bier braue. Auch dafür hat er der Priester eine Erklärung. Wir müssen das Bier abkaufen. Das Kloster zwingt durch Verordnungen dazu. Und das Dorf hat keinen Kessel in dem man den Sud aufgebereiten könnte. Hier ergibt sich für das Dorf und auch für die anderen Dörfer in der Umgebung das nächste Problem. Man kann sich auch keinen Kessel anschaffen. Man kann sich keinen leisten, solange man kaum die Preise für das Bier bezahlen kann. Und die Preise kann man so lange mit äußerster Not bezahlen, wie die Mönche des Klosters ihn frei diktieren. Und sie können ihne frei diktieren, weil sie die einzigen Kessel weit und breit haben und die Instanz, die einschreiten könnte, nicht einschreitet.
Berion erkennt den Teufelskreis: Um das Monopol zu brechen, braucht man Kessel, die man sich nicht leisten kann. Um aus der Teuerung zu kommen, braucht man etwas, was man sich nicht leisten kann. Berion sieht sein Weltbild bestätigt. "Gebt den Armen" hat Jesus gesagt, denn diese habt ihr allezeit bei euch. Diese Sache hier ist aber gar nicht christlich.

Berion ist erleichtert. Die Lumpenträger hier sind keine Gefahr, aber sie sind gefährdet.
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Re: Sacra Tibia: Berions Reisen

Beitragvon almafan » Do 8. Jul 2021, 11:20

Der Priester

Berion fragt, ob er die Nacht hier unter dem Kirchendach schlafen darf.
Der Priester wiederholt seine Aussage, dass er sein Nachtlager hier errichten kann, aber für Speis und Trank kann hier niemand sorgen. Jeder hortet, was er selbst für sich und seine Familie benötigt. Kurz darauf verlässt dieser die Kirche. um noch schnell für sich Besorgungen zu machen. Berion tritt an die offene Tür und schaut hinaus. Hinaus auf die notdürftig geflickten Häuser, auf die abgerissenen Lumpen. Ein Junge aus dem Nachbarhof steht am Torpfosten zum Kirchgrundstück und schaut zu ihm herüber. Seine Mutter nimmt ihn mit.

Der Wind wird stärker. Die steifen Prisen weichen einem stetigem Ostwind.
Berion findet es ungewöhnlich, dass er auch schon beim Betreten des Dorfes keinen Schmied gehört hat. Das weithin vernehmbare Hämmern, dass immer dröhnt, gibt es hier nicht. Berion verlässt den Kirchhof und schaut sich im Dorf um.

Die Wolken sind deutlich dunkler geworden.
Die Bauern versuchen ihre Habe zusammenzuraffen und in die Häuser zu bringen. Alles wirkt so hektisch. Die Tiere werden in den Stall getrieben. Die Kinder sollen in den Häusern bleiben. Das Mühlrad klappert, aber da ist keiner der das Mehl mahlt. Die Ernte steht bald an. Die Halme stehen hoch. Die Felder sind reif, die Ähren voll. Das Jahr würde eine gute Ausbeute des Bodens bedeuten. Wenn da nicht das Kloster mit seinen Abgaben wäre.
Berion sieht wie der Priester schnell zur Kirche rennt. Eilig löscht der die eine Talgkerze, die bis dahin wenig Licht in die dunkle Holzbude gebracht hat. Als Berion wieder die Kirche betritt, hört er den Priester klagen. Denn auch diese Talgkerze ist in solch harten Zeiten wertvoll. Berion legt sein Gut ab, entfernt den Dolch vom Gurt, wirft seinen Umhang auf die grob behauene Bank. Er sieht, wie der Priester zur Sicherung die Kerze aus dem Gesteck nimmt. Wenn er einen nicht mal mit den Kerzen allein lässt, muss es hier fast schlimmer sein als andernorts. Also schickt sich Berion an, ihm zu helfen. Erst erschrickt der Priester, will der Fremde denn sofort stehlen. Aber als er sieht, wie sorgsam Berion die Reste von den Gestecken abbricht, um sie dem Priester zu geben, erkennt dieser, dass der Fremde nicht schaden will. Berion will eben nicht zur Last fallen. Der Priester dankt sehenst, verschließt die Kerzen in einem nicht mehr ganz fachgerecht sitzenden Kästchen. Dann geht öffnet er eine Falltür, die gut gesichert ist. Ein kleines, aber robustes Schloss hält den Inhalt verborgen.

Der Priester dank nochmal, steckt den Schlüssel ein und spricht noch ein Stoßgebet zum Himmel, ob des anrollenden Sturmes.
Er verlässt die Kirche und geht in sein Haus, das gleich angebaut ist. Es erspart einiges an Holz zum Heizen, wenn wenigstens die eine Wand, keine Außenwand ist.
Berion lässt sich auf die Bank fallen, auf der auch seine Sachen liegen. Dann wird er heute eben hungrig zu Bett gehen. Es wäre nicht das erste Mal und sicher auch nicht das letzte Mal. Plötzlich kommt doch noch jemand in die Kirche. Es ist ein Bauer, der ein paar Kräuter an den Altar auf der Ostseite legt. Er hat sie zerrieben und will mit dieser Opfergabe sicherlich den Sturm abwenden. Oder dafür sorgen, dass die Heiligen dieses Dorf beschützen. Berion hegt Zweifel. Interessieren sich die Heiligen überhaupt für dieses Dorf? Wenn er sich das Elend anschaut, will er es nicht so recht glauben. Der Mann geht wieder und wirft einen verwunderten, aber auch feindseligen Blick auf den Fremden auf der Bank. Berion kümmert sich nicht darum. Diese Reaktion war ihm klar, noch bevor er dieses Dorf betrat. Ein Unwetter steht an und dann kommt da auch noch dieser Unbekannte. Wie soll man da schon empfangen werden?

Aber er will keinen Ärger machen. Heute Nacht wird hier geschlafen, in der Hoffnung, dass das Holzschindeldach dem Sturm standhält. Es ist das einzige Schindeldach hier im Dorf. Die Reetdächer vermögen einem solch anrollenden Sturm nicht so gut standhalten.
Er kann draußen die ersten Tropfen hören. Und ein Grollen, das durch den Himmel zieht. Noch hält das Dach dicht. Aber auf die Heiligen sollte man sich heute Nacht nicht verlassen.

Berion legt sich hin. Er hat schon unbequemer geschlafen.
Der junge Mann schläft gern bei Regen und Gewitter ein. Der hält die Menschen fern von ihm, wenn er im Freien, unter einem Baum oder in einer Höhle übernachtet. Niemand will bei solchen Wetterlagen vor die Tür. Der Regen ist sein Beschützer. Er fühlt sich wohl in ihm. Er zieht sich den Umhang über und schließt die Augen.
Der Weg war heute lang. Er wird keine Schwierigkeiten haben, einzuschlafen.

Doch plötzlich hört er Schritte.
Berion greift unter seinem Umhang zum Dolch und bewegt sich nicht, als schlafe er bereits. Er folgt dem Schatten auf dem Boden. Der Priester spricht ihn kurz an: "Fremder." Der Liegende richtet sich auf. Der Priester sieht das gezückte Messer. Er macht sich so seine Gedanken, wen er hier in das Haus Gottes eingeladen hat. Dann blickt er ihm wieder ins Gesicht. Der Pfaffe hat einen Kanten Brot in der Hand: "Es ist nicht mehr ganz frisch und hart ist es obendrein. Aber mehr kann ich dir wirklich nicht anbieten."
Der junge Mann steht auf, legt sich den Dolch auf die Schulter und lässt es dort auf und ab wippen. Er geht die letzten drei Schritte auf den Priester zu, sieht aber nicht böse drein. Der Gottesmann ist dennoch sichtlich beunruhigt. Berion streckt seine Klinge voran. Das Herz des Predigers rutscht in seine Hose. Doch der Messerschwinger klopft lediglich auf das Brot. Es ist wirklich hart. Berion lässt sein Messer sinken und greift nach dem Stück Brot. Er bedankt sich ob der eigentlich nicht mehr guten Ware. Aber es ist besser als nichts.

Berion dreht sich wieder um geht zur Bank. In der einen Hand das Brot, in der anderen das Messer.
Der Priester geht zu einer Falltür, die im Kirchenschiff am rechten Rand ist und verschließt diese. Er steckt hastig den Schlüssel weg und bedeckt die Tür mit Staub. Er geht ein paar mal darüber, so dass sich der Dreck des gestampften Bodens gleichmäßig verteilt. Man würde die Tür nun nicht wieder finden. Er stellt noch eine Bank darauf.
Der Gast schaut dem Treiben des Priesters aufmerksam zu. Seltsam. Für einen Mann, der nichts hat, macht er viel Gewese um ein Lager im Boden, dass leer sein sollte. Doch er kann dem Priester Angst ansehen. Die Angst vor dem Messer ist es nicht mehr. Ein geheimes Gut ist es wohl auch nicht, sonst hätte Berion es nicht sehen dürfen. Ob es mit den Mönchen des Klosters zu tun hat?

Der junge Recke widmet sich dem Brot. Mit dem Messer spricht er die grünschimmeligen Stellen heraus. Er sammelt sie auf dem Boden. Sie werden ihm für einen anderen Zweck dienen, am nächsten Morgen.
Er geht zum Ausgang der Kirche und lehnt sich an den Türpfosten. Der Regen hat mittlerweile stark zugenommen und so hält er das Brot raus. Der Schauer trifft auf den Kanten. Nach und nach wird es weicher. Die nassen Stellen nagt er ab, um es gleich darauf wieder in den Regen zu halten.

Nicht als der Regen ist zu hören. Er prasselt auf die Holzschindeln. Die ganze Landschaft hüllt es in stiebenden Glanz. Man kann keine Ferne mehr ausmachen. Die Wärme des Tages ist dem kalten Nass gewichen. Ab und an zuckt ein Blitz durch den Himmel. Ein Grollen und immer wieder ein Grollen.
Der Priester tritt zu Berion heran: "Es ist wichtig, dass die Mönche nicht von dieser Fallgrube wissen. Ich bitte dich, sie nicht preiszugeben." Der junge Mann erwidert: "Warum hast du dann gezeigt, dass es sie gibt? Ich bin ein Fremder." Der Priester schaut kurz zu Boden. "Ich hatte keine Zeit sie zu schließen als du hier eingetretten bist. Verrate diese Tür einfach nicht." Der Reisende will es genauer wissen: "Die Mönche?" Doch der Pfaffe bleibt stumm und geht nach kurzer Bedenkzeit wortlos. Berion ist sich nun sicher. Aber soll nicht seine Sorge sein. Er ruft dem Priester noch hinterher: "Kein Wort wird meine Lippen diesbezüglich verlassen." Der Geistliche schaut nochmal zurück. Ob er es verstanden hat, kann sein Gegenüber nicht wissen. Der Regen ist laut.

Nach dem Mahl wirft Berion sich wieder auf die Bank, auf der auch schon seine Tasche, sein Umhang und das Messer liegen.
Die Kirche hat er nun für sich allein. Der Regen prasselt unaufhörlich auf das hölzerne Dach, das auch einige Reparaturen nötig hätte. Es tropft, aber Berion hat eine gute Bank gewählt. Sie steht trocken.

Der Reisende legt sich wieder hin, zieht deckt sich mit Umhang zu und kehrt ein ins Reich der Träume.
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Re: Sacra Tibia: Berions Reisen

Beitragvon almafan » Di 13. Jul 2021, 14:17

Die Mönche

Einen Ziehen und Zerren.
Plötzlich knallt er von der Bank und wird gepackt. Ein Traum? Die Wirklichkeit? Berion kann es noch nicht zuordnen.

Wenig Gegenwehr kann er in diesem Zustand entgegensetzen.
Verwirrt blickt er umher. Er weiß gar nicht, wie ihm geschiet. Man zerrt ihn auf die Straße vor der Kirche. Die Sonne steht schon einige Zeit wieder am Himmel. Außer den Kutten kann er nichts von den Angreifern ausmachen. Man hebt ihn an und wirft ihn auf die Straße. Unsanft geht Berion zu Boden. Sein Rücken schmerzt. Nur langsam kann er sich wieder etwas aufrappeln. Er dreht sich um und richtet sich auf die Knie. Plötzlich trifft ihn ein Tritt im Gesicht. Wieder liegt Berion. Ein weiterer Tritt auf den Bauch und Berion verliert den Atem.

Der Priester wird neben ihn gezerrt und bekommt eine Rückhand ins Gesicht.
"Was macht ein Mann unter Waffen in unserem Gotteshaus?", wirft ihm einer der Kuttenträger entgegen. Der Priester zuckt zusammen.
So wie Berion getroffen wurde, ist es kein Traum. Doch noch immer ist er nicht ganz bei sich. Noch einmal wird nachgetreten. Er versteht gar nicht, was hier eigentlich los ist.
"Steh auf!", brüllt einer von ihnen. Berion rafft sich auf, hält sich den schmerzenden Bauch. Jetzt erst kann Berion wieder einen klaren Gedanken fassen. Diese Gestalten sind Mönche. Aber von Nächstenliebe ist hier nichts zu spüren.

Der Unerwünschte überblickt den Platz. Er versucht sich ein Bild von den Geschehnissen zu machen. Noch immer hält er sich den Bauch. Gebrochen scheint nichts, doch es schmerzt.
Einige Bauern stehen abseits des Geschehens, nicht mutig genug einzuschreiten. Vermutlich nicht das erste Mal, dass ein Gast so unsanft geweckt wird. Und es ist nicht auszuschließen, dass ein Eingreifen eines mutigen Dorfbewohners früher zu ernsten Strafen führte. Das sie sich nun nicht rühren, in diese Sache einzugreifen ist daher nachvollziehbar. Noch mehr versteht er es, wenn er bedenkt, dass er ein Fremder unter ihnen ist. Niemand würde für ihn den Einsatz bringen, den er nun gut gebrauchen könnte.
Nun versucht er die Zahl der Mönche zu überblicken. Sechs Mönche. Hier steht ja eine halbe, kleine Abtei. Was veranlasst so viele Mönche zugleich hier aufzuschlagen? Am Gurt des einen, hängt ein Schwert. Ein anderer trägt zwei Dolche. Der direkt vor ihm ist mit einem Schlagring aus Holz ausgerüstet.
Fromme Mönche mit derartigen Waffen? Das sie nicht fromm sind, ist klar zu erkennen. Aber sind das überhaupt Mönche? Berion zweifelt sehr stark daran.

Viel Zeit wird ihm aber nicht eingeräumt. Er wird von hinten wieder umgestoßen und stürzt auf die Knie.
Er muss mit ansehen, wie sie seine Sachen durchsuchen. Die Dokumente halten sie bereits in Händen und seinen Dolch stecken sie sich gleich ein. Der Mönch vor ihm holt aus und will mit seinem Schlagring genau ins Gesicht treffen. Berion wirft sich weiter nach vorn und trifft mit seinem Ellebogen das Knie des Angreifers. Der geht schreiend zu Boden.
Berion wischt sich das Blut auf dem Mundwinkel. Der erste Tritt des Mönches war ein absoluter Volltreffer. Der jetzige Versuch ist gescheitert. Doch auskosten kann der junge Mann seinen Konter nicht.
Da trifft ihn schon die Peitsche eines Kuttenträgers. Er spürt, wie es seine Kleidung zerfetzt und geht ebenfalls zu Boden. Ein markerschütternder Schmerz versetzt ihn in eine Starre. Im Kopf rasen die Ideen. Der Magier hadert mit sich, ob er seine Kräfte offen legen soll. So wären die Mönche, oder was sie auch immer sein mögen, ein Leichtes. Hier ein Blitz, da ein Feuerpfeil und dort ein Frost. So könnte er die gerade mal sechs Kuttenträger locker ausschalten.
Doch das bisschen Vertrauen, dass er sich beim Priester aufgebaut hat, wäre dahin. Man würde ihn aus dem Dorf jagen und die Dokumente wären so auch dahin. Berion entscheidet sich dagegen. Diese Mönche wollen ihn nicht töten, sonst hätten sie es längst getan. Er kniet und überlegt, wie er sie ohne Magie ausschalten kann. Doch ein zweites Mal spürt er den Hieb. Diesmal umso stärker, da seine Kleidung bereits zerfetzt ist.

Wie benommen taumelt der Magier auf den Knien.
Einfache Lederriemen gehen nicht so tief in die Haut, nicht beim zweiten Hieb. Wahrscheinlich ist die Peitsche mit Eisenzähnen verkleidet. Eigentlich kennt Berion diese Waffe nur aus Kriegen, als Verteidigungswaffe von reicheren Mitstreitern.
Der dritte Hieb scheint bereits die Knochen zu treffen. Berion fällt vorn über. Zuckend auf dem Boden, nur noch schemenhaft die Umgebung wahrnehmend.

Die Gedanken rasen durch den Kopf.
Was sind das für Leute? Was sind das für Mönche? Was wollen sie von ihm? Was wollen sie vom Dorf? Handeln sie im Auftrag irgendwelcher Fürsten?
Er sieht wie sich die Schatten von ihm entfernen. Noch immer liegt er regungslos am Boden. Der Schmerz betäubt seine Sinne. Wie taub vernimmt er keine Worte mehr. Nur dumpfe Geräusche.
Seine Augen fallen zu und er wird ohnmächtig.

Plötzlich reißt er die Augen wieder auf.
Ein stürmisches Geräusch ist für ihn zu vernehmen. Er stemmt seine Faust in den Boden und drückt sich von diesem ab. Während er sich aufrichtet, erst aufs Knie und dann darauf stützend in den Stand, schießen Blitze um ihn. Er schaut auf den Boden und sieht sich selbst. Immernoch verharrt sein Körper in der gleichen Position.
Nun richtet er seine Augen auf, schaut sich um. Die Personen um ihn bewegen sich sehr langsam. Die Zeit scheint gebremst. Berion hat es geschafft. Er ist nicht tot. Er ist im Zwielicht.

Berion weiß, diese Welt ist nicht losgelöst, von der Welt, in der er noch am Boden liegt. Jeder Schritt kostet seine Kraft. Der junge Magier schaut nach hinten. Nun sieht er, wer die Peitsche geschwungen hat. Doch in dieser Welt kann er keine Vergeltung üben.
Er blickt wieder nach vorn. Der Mönch, den er am Knie getroffen hat, hinkt etwas. Berion möchte sich alle Gesichter einprägen. So wie er sich von seinem Körper wegbewegt, merkt er das Zerren der Welt. Je weiter er sich von seinem liegenden Körper entfernt, desto stärker zieht es ihn in genau dessen Richtung. Doch schon jetzt, noch nahe seines Körpers, ist der Gang deutlich schwerer als außerhalb des Zwielichts. Und dies liegt nicht an den Wunden. Denn diese haben im Zwielicht keine Bedeutung.

Ein faszinierender Wettlauf, der von niemandem beobachtet wird, bahnt sich an. Der hinkende Mönch in seiner zähfließenden Bewegung und der junge Magier, der mit jedem Schritt kämpft, als besteige er einen steilen Berg. Und immer wieder zucken die Blitze zwischen dem Fremden und seiner Umgebung.
Doch er holt den Mönch ein, stellt sich vor ihn. Hier im Zwielicht ist es dunkler und die Konturen der Dinge, die nicht im Zwielicht sind, verschwimmen. Doch er kann sich das Gesicht dieses Mönchs einprägen. Er hat zwar die Kutte auf dem Kopf, doch sein Haar scheint voll. Es fehlt der übliche Tonsurschnitt, der für Mönche so bekannt ist, dass sie eigentlich nur dann nicht als Mönche erkennbar sind, wenn sie eine Kopfbedeckung tragen. Für Berion ein weiteres Indiz, dass es sich hier nicht um echte Mönche zu handeln scheint.

Er schaut zu seiner rechten. Zwei Mönche stehen bei umherstehenden Bauern, die sichtlich Angst haben. Sie würden nicht eingreifen, selbst dann, wenn hier ein Mord geschehen würde. Die Mönche haben sie fest im Griff. Berion geht zu ihnen hinüber. Der Schritt wird nicht schwerer, da er in ungefähr den selben Abstand zu seinem Körper behält, zu dem er immer wieder herüberschaut. Auch diese beiden prägt er sich ein und zugleich erkennt er, dass sie keine Veranlassung zeigen, den ohnmächtigen Körper da drüben noch weiter zu malträtieren.
Von hier aus sieht Berion aber auch die Wunden, die die Peitsche gerissen hat. Der Rücken ist offen, Blut tritt aus. Es ist hier auf dem Boden verteilt. Es klebt auch an der Kutte desjenen der dieses Instrument geschwungen hat. Er ist Berions nächstes Ziel. Da dieser deutlich näher am reglosen Körper steht, wird der Schritt leichter. Ja, Berion wird regelrecht dahin gezogen, muss sich aber zu einem gewissen Grad dagegen stemmen. Denn nicht er selbst ist das Ziel, sondern der Mönch mit der Peitsche. Wie er sich vor diesen stellt und sieht, wie er fast in der Zeit eingefroren, seine Peitsche aufwickelt, gehen dem jungen Magier Bilder durch den Kopf, mit welchen Mitteln er es ihm heimzahlen wird.

Noch immer blitzt und funkt es zwischen Berion und seiner Umgebung.
Und wie er sich dem Gesicht des peitschenschwingenden Mönch nähert, entlädt sich ein Blitz nach dem anderen zwischen ihm und jenem. Denn die Intensität nimmt mit der Nähe zu. Berion verspricht dem Mönch ein qualvolles Ende. Gedanken der Rache kommen in ihm auf. Animalische Gedanken der Rache.
Jetzt aber entfernt er sich wieder und geht nun Richtung Kirche. Der Schritt wird wieder schwerer, denn nachdem er an seinem Körper vorbeigegangen ist, ein Gefühl als liefe man bergab, passiert er den hinkenden Mönch mit seiner Verletzung am Knie. Und er entfernt sich von seinem Körper weiter als zuvor. Am Eingang der Kirche steht ein weiterer Kuttenträger und hält den Priester in Schach, während der letzte der sechs Berions Tasche, seinen Umhang und seine Dokumente durchsucht.
Die Pergamentrollen sind leer. Scheinbar. Sie sind geschrieben mit einer speziellen Tinte, die nur mit einem Licht sichtbar gemacht werden kann, dass Berion selbst zuvor noch nie gesehen hat. Er denkt nicht groß darüber nach. Die Nachrichten auf diesen Rollen sind nicht für ihn bestimmt. Und er hält sich daran.

Nachdem er sich in die Kirche gekämpft hat, versucht er sich dem letzten Mönch zu nähern. Der hat gerade eine der Pergamente aufgerollt und schaut mit gekniffenen Augen darauf, so als könne man dann etwas darauf ausmachen. Dem ist aber nicht so. Inzwischen ist die Kraft, die an Berion zerrt, so stark als würde er versuchen einen Baumstamm am Seil hinter sich herzuziehen. Mit jedem Schritt wird es schwieriger den nächsten zu setzen. Doch noch kann er im dusigen Licht des Kirchenschiffs das Gesicht des letzten nicht erkennen.

Er verliert den Halt und wird zurückgeworfen auf den Platz, wo auch sein Körper liegt. In dem Moment wo er auf dem Boden aufschlägt, wird es finster.



Übrigens: Exakt 10 Jahre ist die Veröffentlichung des ältestes Teils der ersten Geschichte jetzt alt.
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Re: Sacra Tibia: Berions Reisen

Beitragvon almafan » Mi 14. Jul 2021, 13:16

Die Nächte

Berion erwacht auf einer Bank.
Er liegt auf dem Bauch. Schatten tanzen vor seinem Gesicht. Immer wieder platsch Wasser herab. Und Schmerzen durchziehen ihn.
Benommen schaut er sich um, soweit es die Stellung des Kopfes zulässt. Sein ganzer Körper scheint wie gelähmt. Die Peitsche hat ihren Zweck nicht verfehlt.

Wieder Wasser, dass über seinen Rücken läuft. Was passiert hier?
Ihm fehlt die Kraft sich aufzurichten, sich hochzustemmen, ja sogar, um sich bemerkbar zu machen. Seine Arme baumeln links und recht von der Bank. Und wieder dieser Schmerz.
Viel Licht ist hier nicht, doch er merkt wie es hektisch wird an der Bank. Niemand hat bemerkt, das der Patient wach ist. Berion entdeckt Stoffbahnen und Tücher. Sie sind voller Blut. Er vermutet, dass es seins ist. Versucht man ihn wieder herzurichten? Warum?
Noch immer hat niemand bemerkt, dass er wach ist. Das müssen sie auch nicht. Denn Berion betäubt der Schmerz schon wieder und seine Augen schließen sich erneut.

Er wird erneut wach. Er schreckt nicht auf, schaut sich aber, ohne den Kopf zu bewegen um. Hier ist es stockfinster. Nichts ist auszumachen. Ist es ein großer Raum? Wo sind die Wände? Wo ist die Decke? Nicht einmal den Boden kann er sehen. Noch immer liegt der Magier auf dem Bauch, doch er spürt eine eng angelegte Bandage, die seinen Torso umschließt. Er versucht sich aufzurichten, doch der Schmerz ist zu groß. Er fällt auf der Bank wieder zusammen.
Dann hört er harsche Stimmen. Die Mönche scheinen wieder im Dorf zu sein. Die Stimmen kommen von oben, gedämpft. Ist er unter der Falltür, die er am Tag gesehen hat?

Er versucht den Boden zu ertasten. Gestampfter Lehmboden mit Erde darauf. Ab und an rieselt es auf ihn herab. Er füllt sich bestätigt, sich unter der Falltür zu befinden. Das erklärt auch die Dunkelheit. Riesig kann der Raum hier nicht sein.
Er bemüht sich nun darum, sich nicht mehr zu bewegen. Er will mit nichts auf sich aufmerksam machen.
Seine Sinne schärfen sich allmählich. Er konzentriert sich darauf, dem Gespräch zu folgen. Die Mönche erkundigen sich nach dem Fremden.. So richtig verstehen kann er das Gerede nicht. Es wird aber wieder ruhiger. Der Priester scheint die Mönche hinaus zu geleiten. Berion schaut noch immer nicht nach oben. Zu groß ist die Gefahr, dass er rieselnden Sand ins Auge bekommt und dieser ihm zu Schrei anregt. Dann wäre seine Position verraten und die Arbeit seiner Beschützer verwirkt. Doch es wird sehr still. Die Augenblicke fühlen sich quälend lang an. Wie lange wird es dauern, bis man wieder nach ihm schaut?
Doch wenn die Mönche einfach wieder abziehen, scheint der Priester ihn nicht verraten zu haben. Berion ist ihm dankbar, doch er fragt sich auch, warum dieser dieses Risiko auf sich nimmt. Warum?

Die Antwort erhält er nicht sofort. Weitere Zeit vergeht. Weitere Zeit, in der Berion seinen Gedanken freien Lauf lässt.
Gedanken, die nicht immer positiv sind. Doch einige sind auch sehr wichtig. Wo sind seine Dokumente? Wo ist sein Dolch? Wo ist sein Umhang und wo ist seine Tasche? Auch seine Stoffschuhe vermisst er. Er hat sie damals geschenkt bekommen. Von einem Mann seines Berufsstandes. Auch dieser war Bote. Doch mitlerweile sind sie derart oft geflickt und nachgebessert worden, dass kein Stück daran mehr dem Orginal entspricht. Mit dem Verbund aus Leder- und Stoffsohle und den Riemen und Schnüren sind diese Schuhe deutlich besser für lange Wanderungen gedacht, als die Holzpantoffeln eines Bauern. Aber auch, wenn sie schon mehrmals bearbeitet wurden, sind sie sicherlich begehrt und vielleicht auch den einen oder anderen Kreuzer wert. Er vermisst seine grünen Treter.
Er spürt die Frische hier unten im Keller, dem ausgehöhlten Loch in dem er hier liegt. Er ist sehr dankbar, dass er auf einer Bank liegt. Auf dem Boden wäre es sicher deutlich kälter. Doch nun geht er sein Inventar durch. Der grüne Filzumhang, der ihm schon oft auch als Decke diente, würde ihn auch hier und heute wärmen. Er erinnert sich an den Duft des Filzes. Daran, wie er im kalten Regen einfach die Krempe aufstellt und er zusammen mit dem Hut auf den Kopf einfach weiter marschiert. Wind- und regenfest. Ihm kommt auch die Fibel in den Sinn, mit er er seinen Umhang schließen kann. In einer Öse aus Bronze hat er diese blattförmige Gewandschließe festgemacht. So blieb auch die Tasche darunter trocken. Er legt den Stoff einfach wieder bei Sonnenschein aus, wenn er wieder trocknen soll. Er hat schon so manchen Angriff damit abwehren können, da der schwere Filz einige Schläge abzufedern vermag. Jetzt aber will er ihn nur als Decke.
Sein ebenso grüner Filzhut, der mal als Schattenspender, mal als Regenschutz, mal als Kissen, mal als Tränke fungiert, ist ebenso praktisch. Berion hat bei der Auswahl seiner Wanderkleidung bewusst auf den Farbton geachtet. Er ist nicht eitel. Er ist vorsichtig. Und so kann er sich im dichten Wald oder Gestrüpp verstecken, sich einen Vorteil beim Angriff oder bei der Verteidigung machen.
Er nimmt auch an, dass die Mönche auch seine Tasche mitgenommen haben. Mit seinem kleinen Ledersack voll Öl, seinem großen Ledersack voll Wasser. Nichts, was reich macht. Aber sein ganzer Besitz.
Wie gerne würde er jetzt auch seinen Dolch bei sich wissen. Wäre er vorsichtiger gewesen, so hätte er mindestens zwei der Mönche damit verletzen können. Sonderlich geschickt im Nahkampf scheinen sie nicht zu sein. Im Eifer des Gefechts, hätte er sie wohlmöglich in die Kirche gelockt, um sie mit einer Feuerwalze außer Gefecht zu setzen. So hätte man zwar ein kurzes Dröhnen vernommen, aber er hätte dann einen jeden von ihnen mit seinem Dolch erledigt. Er wäre aufgrund der Notwehr dann wohl auch von den Dörflern in Frieden gelassen worden.

Aber alle diese Überlegungen zählen jetzt nicht und sie sind auch nichts mehr wert.
Plötzlich öffnet sich die Falltür. Ein kleines Licht ist zu sehen. Doch Berion kann seinen Kopf nicht heben und sich nicht umdrehen. Jemand steigt die Leiter in den Raum hinab. Er ist ganz still und auch Berion rührt sich nicht. Wer ist es wohl?
Dann hört er kurz die leise Stimme des Priesters: "Kannst du mich hören?" Berion hat seine Mühe zu antworten, doch gibt zu verstehen, dass den Pfaffen vernimmt. Der erklärt ihm ruhig und in einer gelassenen Stimme, dass er hier unten noch eine Weile ruhen muss. Berion ergibt sich der Situation. Er kann in seinem geschwächten Zustand sowieso nicht viel unternehmen.

In einem solchen Moment kann er nichts weiter tun, als schlafen.

Als er das nächste Mal erwacht, ist er ganz allein.
Niemand scheint in der Kirche unterwegs zu sein. Es dringt auch kein Licht durch die Ritzen der Falltür. Das kann bedeuten, dass es wieder oder noch immer Nacht ist. Es kann aber auch sein, dass die Tür wieder ebenso vorsichtig mit Sand bedeckt wurde, wie am Tage seiner Anreise.
Er lauscht noch ein Weile, ob er jemanden vernehmen kann. Doch es herrscht Totenstille. Also versucht er sich aufzurichten. Doch der Schmerz ist zu groß. Da ihm dies nicht gelingen mag, dreht er sich zur Seite und rutsch dann wieder in die Mitte der Bank, um nicht unsanft von ihr zu stürzen. Aus dieser Position stemmt er sich auf. Geschafft. Er sitzt.

Der Magier muss durchatmen.
Ist die Verletzung hat ihn stark ausgelaugt. Noch dazu die Liegeposition, die er bis gerade inne hatte. Sie ist gut für den Rücken, da hier kein Druck entsteht. Aber sie ist schlecht für die Atmung, da sie den Brustkorb abdrückt. Berion versucht ruhiger zu atmen. Er will sich nicht verraten. Er weiß nicht, wie lange er hier schon ist. Ihm ist kalt. Der Filzmantel fehlt.
Eine Weile bleibt er sitzen und seine Atmung normalisiert sich. Nun versucht er aufzustehen. Jede Bewegung schmerzt. Aber er unterdrückt jeden Schrei, der ihm zu entfahren droht. Im Dunkeln sucht er nun die Leiter, über die man ins Freie kommen kann. Die Kammer ist wirklich recht klein, mit nur einem Schritt hat er eine Wand erreicht und tastet sich nun an dieser entlang.
Wie es im Stockfinsteren üblich ist, findet aber nicht seine Hand das ersehnte Holzkonstrukt, sondern sein großer Zeh. Berion zuckt zusammen. Doch wieder schafft er es einen Laut zu unterdrücken.

In diesem Moment geht die Luke nach oben auf.
Berion bleibt wie gelähmt stehen, reißt die Augen auf und schaut empor.
Sand fällt in seine Augen. Er zuckt zusammen, hält sich die Hand vor das Gesicht. Zu spät. Er wankt nach hinten.

Wer ist das?
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Re: Sacra Tibia: Berions Reisen

Beitragvon almafan » Do 15. Jul 2021, 09:58

Die Anderen

Ein fahles Licht trifft das Loch hier im Boden.
Berion streckt eine Faust nach vorn. Sehen kann er durch den Dreck in den Augen aber nichts. Das Herz rast. Er wird zuschlagen, auch wenn er nicht bereit für einen Kampf ist.

Doch eine Stimme versucht ihn zu beruhigen.
Es ist die Stimme des Priesters. Er versucht mit ruhigen Worten die Situation zu retten: "Ich wusste nicht, dass du schon wach bist. Ich hätte mich sonst leise angekündigt." Berion sackt zusammen, noch immer nicht fähig etwas zu sehen. Der Priester hilft ihm auf und setzt ihn auf die Bank. "Du konntest dich offenbar ein wenig erholen."

Des Magiers Stress verfliegt, doch er hat noch immer mit den Augen zu kämpfen: "Wie viele Tage bin ich schon hier unten?"
Der Pfaffe antwortet: "Jetzt sind es bereits, mit dieser hier eingeschlossen, drei Nächte, die du hier unten ruhst." Doch Berion möchte auch wissen, warum der Priester und auch die Bauern diese Mühen auf sich nehmen und die Gefahren. Immerhin ist er ein Fremder, ein bewaffneter noch dazu.

Der Priester beginnt zu erklären:
"Weißt du, wir machen das hier schon eine Weile durch. Und du ... du bist nich der Erste, den wir vor der Willkür dieser Mönche retten. Du wirst dich fragen, warum wir dich und die anderen beschützt haben. Nun. Die Bauern hier sind abgezählt. Täglich kommen die Mönche herunter und schauen, ob noch alle da sind. Sie patroullieren auch im Wald. Zumindest hat es den Anschein. Sie erzählen es auch immer wieder. Ich weiß nicht, ob es stimmt. Ich habe das Dorf bis zur Allmende nicht mehr verlassen. Seit mehr als einem Jahr. Ich traue mich nicht mehr. Es ist schwierig Holz zu holen. Schwierig die Schweine zur Eichelmast zu bringen. Und dann auch noch diese verfluchte Teuerung. Wir leisten mehr Abgaben als an irgendeinen Fürsten. Wir müssen unser Getreide abtreten und müssen ihr Bier zurückkaufen. Wir könnten uns keinen Kessel leisten. Und wenn wir einen hätten, würden sie ihn uns sicher wegnehmen."
Der Priester macht eine kurze Pause und setzt sich zu Berion auf die Bank:
"Wir sind von der Welt Verlassene und immer wieder hat jemand das Pech, zu uns zu stoßen. Er wird verdroschen und manchmal auch getötet. Deine Habseligkeiten sind sicher schon in ihrem Kloster. Darauf kannst du dich verlassen. Und wenn sie es zu Geld machen können, dann werden sie auch das tun. Die Mönche sind wie Räuber. Sie sind keine Männer Gottes."
Berion unterbricht:
"Ich habe auch den Eindruck, dass sie keine Mönche sind. War das hier schon immer so? Waren diese Männer in ihren Kutten schon immer so gewalttätig und habgierig?"
Der Pfaffe antwortet:
"Nein. Ich weiß nicht mehr genau, seit wann das so ist."

Berion erklärt, warum er davon ausgeht, dass dies keine Mönche sind:
"Mönche sollen friedsam sein. Ich kann bestätigen, dass das nicht nur hier nicht zutrifft. Sie sind allenorten auch tüchtige Raufbolde. Ihre Strafen sind hart und unerbittlich. Sie können die Seele eines Kindes in Windeseile brechen. Ohne Erbarmen."
Dann blickt er zum Priester herüber. Dieser versteht, dass auch Berion in einem Kloster aufgewachsen ist. Die Augen des Magiers sind noch rot, doch er kann bereits wieder sehen. Doch die beiden sind sich auch einig, dass diese Mönche anders sind. Sie strafen nicht um zu lehren. Sie strafen, weil es ihnen Spaß macht, weil sie ihre Macht auskosten, weil sie Dinge haben wollen. Doch er hat noch keine Antwort darauf erhalten, warum die Menschen aus dem Dorf den Fremden helfen.

Der Priester fährt daher, auf die erneut gestellt Frage, fort:
"Ich sagte ja, wir sind abgezählt. Wenn einer von uns zum täglichen Besuch der Mönche fehlt, wird uns eine Strafe auferlegt. Einmal fehlte der Vater in einem Haus. Er war nur Holz holen und ist dort keiner Patroullie begegnet. Da haben sie seine Frau gepackt und seine zwei Kinder, sie auf den Dorfplatz, gleich gegenüber der Kirche, geschleppt und ..."
Berion schaut entsetzt. Jetzt ist er sich sicher. Die fehlende Tonsur ist nur ein augenscheinliches Merkmal. Habgier ist offenbar auch kein Zeichen von Glauben oder Unglauben. Aber willentlich die Leben von Familien rauben.

Es tritt eine beklemmende Stille ein.
"Das sind keine Mönche.", entfährt es Berion.

Wieder tritt Stille ein.
"Was ist mit dem Vater passiert?", will er wissen. Der Priester senkt seinen Kopf: "Als er den Dorfplatz erreichte und seine Familie leblos auf dem Boden sah, sank er in sich zusammen. Er ließ sein Holz fallen. In diesem Moment packten ihn zwei der Mönche und zerrten ihn zum Schleifstein der Schmiede. Er leistete keinen Widerstand. Er hatte abgeschlossen. Sie haben ihn dort festgebunden und ihn ausgepeitscht. Mit dem gleichen Gerät, mit dem sie dich getroffen haben."
"Ich habe mir dessen Gesicht eingeprägt.", sagt der Fremde, während er an die Wand starrt. Und er wiederholt: "Ich habe mir dieses Gesicht eingeprägt."

Der Priester vermutet Rachegefühle und versucht die Situation zu erklären:
"Das sind zuviele für einen wie dich. Sie werden dich töten. So wie sie es bisher mit jedem gemacht haben, der das Dorf verlassen wollte. Wir sterben hier einfach nur auf Raten. Es gibt so wenig zu Essen, dass die Kinder oft den ersten Winter nicht überstehen. Die Mütter sterben im Kindbett, die meisten Neugeborenen auch. Wir bluten allmählich aus. Für die Gier von ein paar Leuten in Kutten, die nicht das sind, für dass sie sich ausgeben.
Verwirk' dein Leben nicht. Wir haben andere Pläne. Wir brauchen jemanden, den man nicht vermisst, wenn er weg ist. Wir haben den Mönchen gesagt, dass wir dich im Wald verscharrt haben. Das haben wir bisher immer so erzählt. Die Leute, die wir nach unseren bescheidenen Möglichkeiten gepflegt haben, sollten Hilfe holen. Bisher ist das nie geschehen."

Berion konstatiert, dass sie wohl alle einfach nur ihr Heil in der Flucht gesucht haben.
Und gleichzeitig fragt er, warum keiner aus dem Dorf etwas unternimmt.
"Sie sind geschützt hinter den hohen Mauern des Klosters. Wenn wir einen Angriff wagen würden, würde uns ihre geballte Schlagkraft treffen. Und wir wissen nicht, wieviele dieser Mönche noch dort warten. Selbst wenn wir diese sechs ausschalten würden, die dich angegriffen haben, können wir nicht sicher sein, dass da nicht noch mehr lauern. Seit der Tötung des einen Bauern am Schleifstein ruht die Schmiede."
Der Magier stellt eine weitere Frage: "Warum habt Ihr mich überhaupt aufgenommen, wenn zu bleiben eine solche Gefahr darstellt?"
Der Priester antwortet: "Ich war hin- und hergerissen. Ich dachte nicht, dass man dich schon entdeckt hätte. Aber offenbar muss man von deinem Kommen Notiz genommen haben. Ich hätte dir am nächsten Morgen alles erklärt und dich wieder in den Wald geschickt, um Hilfe zu holen. Aber die Mönche waren vor mir auf den Beinen. Ich dachte, wenn ich dich in der Kirche schlafen lasse und die Türen schließe, wird man dich schon nicht gesehen haben. Aber leider, war es wohl doch so. Hätte ich dich doch gleich wieder auf den Weg gesendet."

Berion schaut noch einmal zum verzweifelten Priester:
"Das war gut so. Du hast dein Möglichstes getan. Du hast getan, was du in der Situation für richtig gehalten hast. Außerdem hätte es gut sein können, dass ich das Wegsenden, ohne diesen Schmerz, einfach nur als Fremdenhass abgetan hätte. Dass man mich einfach loswerden will und nicht mit mir teilen zu müssen oder weil Fremde Unglück bedeuten. Ich meine ... ich hätte es sogar verstanden. Kaum war ich in eurem Dorf, begann der Regen. Das hätte genauso gut ein Omen sein können. Für euch, hier im Dorf."
Er muss den Kopf schütteln und schmunzelt.

Der Prediger geht wieder zur Leiter.
Die Vorwürfe an ihn selbst sind nicht weg, aber Berion konnte ihn beruhigen. Er hat ihm keine Schuld gegeben.
Der Priester bittet ihn, noch einige Nächte ihr unten zu verweilen. So wird er stabiler sein, wenn er aus dem Dorf wieder weggesendet wird.
Und so verrinnen weitere vier Nächte in totaler Dunkelheit. Nur ab und zu ist der Priester hier unten und spricht mit Berion über seinen Gesundheitszustand.

Ein fünfter Morgen bricht an. Berion kann die Geräusche des Tages dumpf wahrnehmen. Doch etwas mischt sich dazwischen.
Er kann die Aufregung in den Stimmen hören. Hektischere Bewegung. Das Platschen von Füßen in Pfützen. Dann hört er sehr aggressive Menschen. Zwei reden mit dem Priester. Sie stürmen die Kirche und werfen einige Sachen um. Vermutlich Bänke. Und immer wieder brüllen sie: "Wo ist er?"
Der Pfaffe stellt sich dumm: "Wen meint ihr?" Es wird kurz still und dann fällt jemand zu Boden. "Verarsch uns nicht! Wir haben keine Stelle im Wald gefunden, die erst kürzlich umgegraben wurde. Ihr habt ihn auch nicht auf eurem Friedhof verscharrt. Wo ist er also?" Der andere stimmt mit ein: "Wir fragen dich nicht nochmal." Dabei geht mindestens einer durch das Kirchenschiff. Er tritt auf die Falltür. Berion schätzt, dass dies zufällig geschah. Zu gut verdeckt der Priester es immer wieder mit Sand, der nicht anders aussieht, als der restliche Boden der Kirche.

"Was haben wir denn hier?"
Der Geistliche versucht zu erklären: "Das ist die alte Speisekammer. Da werdet ihr nichts finden. Wir haben schon seit Monaten nichts mehr auf Lager."
Doch die Mönche lassen sich nicht abwimmeln: "Ein bisschen gut versteckt für eine Speisekammer, in der nichts mehr ist. Findest du nicht auch?"

Berion macht sich bereit. Ein Versteck gibt es hier nicht, außer unter der Treppe, die hineinführt. Der Magier schleicht unter diese.
Gerade noch rechtzeitig, denn die Luke wird gerade geöffnet.
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