Gen Osten - 21 Tage Freiheit pur




Unterhaltungsliteratur in ihren verschiedenen Formen, wie beispielsweise Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Berichte, Märchen und Sagen

Gen Osten - 21 Tage Freiheit pur

Beitragvon vlindertje » Sa 15. Okt 2011, 18:30

Kapitel I

Beginnender Herbst. Es ist Mitte September und der Tag ist schon wieder viel zu weit fortgeschritten. Morgens wollten sie aufbrechen, doch all die, noch schnell zu erledigenden, Arbeiten, kosten mehr Zeit als eingeplant. Antonia ist ziemlich aufgeregt, während Paul in aller Ruhe und routiniert das Gepäck im Auto verstaut. Ein kleiner weißer Lieferwagen, ein sogenannter Hundefänger, wird die kommenden Tage ihr zu hause sein.

Für Antonia ist es die erste große Reise. Paul hingegen hat schon viel von der weiten Welt gesehen. Einige Male war er, nur mit Rucksack ausgestattet, unterwegs gewesen. Meistens zog es ihn in warme Gebiete, wie zum Beispiel nach Indien, Malaysia, auf Sumatra oder auf Bali. Nie hatte er irgendetwas im voraus reserviert oder geplant. Er hatte jeweils einfach nur seinen Rucksack aufgeschnallt und ist losgezogen. Auch in dem Zielland ihrer jetzigen Reise war er schon gewesen: Rumänien.

Endlich geht es los. Wie bei all seinen früheren Reisen, gilt ihr letzter Weg, bevor sie entgültig auf der Straße unterwegs sein werden, einem Lokal, in dem eine Freundin von ihnen arbeitet. Das, inzwischen traditionelle, Abschiedsessen besteht aus Makkaroni mit Tomatensoße und Käse. So vergeht noch etwas mehr als eine halbe Stunde, in der noch viel geredet und gelacht wird. Nach einer liebevollen Umarmung verlassen sie das Lokal und die Reise kann beginnen.

Ihre Fahrt führt sie quer durch Tschechien, über Prag und Brno, weiter in die Slowakei. Bratislava ist der Name der Stadt, wohin die Autobahn führt und sie werden dieser Linie folgen. Inzwischen ist es 03:30 morgens und beide sind total müde. Die Gesüprache sind, aufgrund der Müdigkeit beider, schon vor geraumer Zeit verebbt. Die Aufputschgetränke werden ihren Namen nicht mehr gerecht. Antonia sind ihre Augen schon mehrfach zu gefallen, doch sie will nicht schlafen.

Sie befinden sich auf irgendeiner der Landstraßen. Eine der vielen Straßen, die sie heute befahren haben. Eine von Vielen. Die Nacht ist dunkel und ein Schatten der Bäume, die zur Linken der Straße stehen, breitet sich aus. Auf der rechten Seite ist freies Feld zu erkennen, welches nur von einigen wenigen Bäumen durchzogen ist. Wahrscheinlich sollen diese die Ernte vor schlechtem Wetter oder zu starken Winden schützen.

Paul setzt unverhofft den Blicker und schwenkt nach links, worauf er den Wagen stopt und den Motor aus macht. "Unser Schlafplatz." verkündet Paul. Im Lichtkegel sieht man Schatten verschwinden. Schon des öfteren haben beide einfach so in der freien Natur übernachtet, manchmal mit, manchmal ohne Auto. Dennoch ist es Antonia etwas unheimlich zumute. Sie fühlt sich fremd und dann noch diese Schatten. Zögernd äußert sie ihre Bedenken, worauf Paul den Wagen startet und einen Feldweg auf der gegenüber liegenden Seite ansteuert. Hier, nahe den Bäumen, fühlt sich auch Antonia wohl und das Nachtlager kann errichtet werden.


Kapitel II

Die Sonne ist aufgegangen. Die Nacht ist dem Tag gewichen. Antonia schlägt ihre Augen auf. Ihr verträumter Blick geht hinaus zur Hintertür des Wagens, den Paul offen gelassen hat, nachdem er aufgestanden ist. Lange her kann es noch nicht gewesen sein, denn auch er wirkt noch sehr müde, als er zum Wagen zurück gelaufen kommt. Antonia hat keine richtige Lust aufzustehen, sondern läßt sich die leichte Brise des Morgens lieber in ihrem Schlafsack um die Nase wehen. Auf den Bauch gedreht wandert ihr Blick auf die Straße, die sie gestern Nacht verlassen hatten.

"Gib mir mal bitte die Karte. Ich möchte gern schauen, wo wir denn genau sind." Paul kramt ein dickes, blaues Buch hervor und reicht es ihr. Sie befinden sich nahe der Grenze von Ungarn, soviel weiß sie bereits. "Da, schau mal!" Ihr Finger gleitet über die Linie der Straße 63 / E575, die nach Komárno führt. "Hier genau stehen wir gerade." Als Paul es sich genauer ansieht, muß er schmunzeln. So weit sind sie gekommen. Jetzt stehen sie vor der Grenze zu Ungarn. Den heutigen Tag möchte er nur genießen und schlägt vor, doch nur bis nach Ungarn rein zu fahren, an einem Ort, den er, vor geraumer Zeit, einmal mit seinem Freund aufgesucht hatte und an welchem er eine totale Sonnenfinsternis erlebt hatte.

Antonia hat sich inzwischen aus ihrem Schlafsack geschält und den Erdboden mit bloßen Füßen betreten. Die Sonne scheint warm und hell. Ganz anderes noch als gestern, als sie in Deutschland gestartet sind. Antonia atmet tief durch. So weit war sie noch nie von zu hause weg gewesen. Sie weiß, ihre Reise wird sie noch weiter gen Osten führen, doch schon jetzt macht ihr der Temperaturunterschied klar, daß sie viele Kilometer von ihrer Heimat trennen. Doch noch etwas anderes wird ihr bewußt.: Sie fühlt sich frei - unbeschwert und frei. So ein Gefühl des lösgelößt seins, hatte sie noch nie zuvor erlebt. Es gab nichts, was sie bedrückte, obwohl es genügend Dinge gab, die ihr zu schaffen machten, doch hier und jetzt waren sie wie weggeflogen - weit weg.

"Komm, laß uns los fahren!" Paul sitzt bereits im Wagen und Antonia schwingt sich auf den Beifahrersitz. Auf Pauls Schoß liegt das dicke Landkartenbuch. "Schau, wir fahren heute bis an diesem See." Sein Finger zeigt auf den drittgrößten natürlichen See Ungarns, den Velencei-tó. "Hier in Velence ist dann auch der Steinbruch, in dem ich schonmal mit meinem Freund übernachtet habe, als wir die Sonnenfinsternis beobachtet haben." Paul startet den Motor und drückt Antonia das Buch in die Hand. Antonia freut sich auf das große Abenteuer und doch merkt sie immer wieder, wie sie schon jetzt an ihre Grenzen stößt. In einem Steunbruch zu übernachten ist nicht gerade das, was sie sich erträumen würde, vor allem, weil sie Berkwerke nicht sonderlich mag und sich unter einem "in einem Steinbruch übernachten" nichts vorstellen kann.

Ihr Blick wandert aus dem Fenster. Sie weiß, sie muß sich kleine Sorgen machen. Paul würde immer auf ihre Bedenken und Ängste Rücksicht nehmen, auch wenn er sie dann langsam aber bestimmt über ihre Grenzen hinaus führen wird. Schon so machne innere Barriere hatte er sie so überschreiten lassen. Mit jedem Schritt ist sie über sich hinaus gewachsen und hat begriffen, daß sie mehr kann, stärker und mutiger ist, als sie dachte und daß es oftmals gar keinen Grund zur Besorgnis gab. Außerdem, was sollte geschehen, wenn Paul da war? Er hat viel Auslandserfahrung und außerdem ihr vollstes Vertrauen. Sie ist neugirig auf die Welt und möchte weiter wachsen. Dazu gehört es nunmal seine eigenen Grenzen zu erweitern, auch, wenn es ihr anfangs viel abverlangen würde. Nach dieser Reise würde sie vieles anders betrachten als heute, als gestern. Soviel war ihr bewußt.

Während sie so dahin fahren, streift ihr Blick durch die ungarische Landschaft. Der Baustiel der Häuser gleicht fast denen in ihrer Heimat, nur scheinen sie hier etwas verspielter zu sein. Gerade auf den Dörfern haben viele Häuser Bögen an den Hauswänden und hin und wieder sind Schilfdächer zu sehen. "An Autos fährt hier aber auch fast alles, was noch rollt." Antonia kann nur so staunen, daß so viele, richtig alte Wagen, neben all den Neuen, auf der Straße unterwegs sind. Sie mag alte Autos und so freut sie sich über jedes Einzelne, welches sie entdeckt.

Mal wieder stopte Paul den Wagen. Sie sind jetzt in Argárd oder Gárdony und auf der Suche nach einem Lebensmittelladen. Der Wechselkurs liegt hier bei 1 zu 130. Es dauert nicht lange und die Fahrt kann fortgesetzt werden. Für diesen Abend haben sie so einige Leckerein eingekauft. Bevor es nun an den See gehen soll, möchte sich Paul noch den Schlafplatz ansehen.

Langsam fährt ihr Wagen einen ziemlich steilen Berg hinauf und biegt schließlich nach rechts. Zum ersten Mal wirft Antonia einen Blick in einen Steinbruch und ist etwas erleichtert. Sie hatte sich so einen Steinbruch viel schlimmer vorgestellt, wobei der Begriff "schlimmer" schwer zu definieren ist. Da in dem Steinbruch noch einige Menschen zu Gange sind, wendet Paul das Auto und fährt langsam den Hang wieder hinunter.

Kurz darauf erreichen ist der See und das Bad erreicht. Paul wirkt erstaunt. In dem Bad ist kaum etwas los. Nur vereinzelt liegen einige wenige Leute auf der Wiese. Höchstens fünf werden es sein, kaum mehr. Im Wasser ist niemand zu sehen. Das Tor zum Bad ist mit Ketten verhangen und Antonia kann sich die Frage danach, wie denn die Anderen in das Bad gekommen sind, nicht verkneifen. Paul meint nur, daß, wenn die Anderen rein gekommen sind, sie auch rein kommen werden. Tatsächlich hängen die Ketten nur locker am Tor, so daß man problemlos das Bad betreten kann. Ins Wasser allerdings zieht es keinen von beiden, denn ist sieht nicht gerade einladend aus.

Der Tag beginnt sich zu neigen und so beschließen Antonia und Paul zum Steinbruch aufzubrechen. Oben angekommen stellen beide fest, daß dieser mit einer Schranke abgesperrt ist. Paul will sich aber nicht von seinem Vorhaben abbringen lassen, in diesem Steinbruch zu übernachten, steigt aus dem Wagen und hebt die Absperrung beiseite. Jetzt könne sie problemlos passieren. Kaum ist das Auto geparkt, baut Paul die Absperrung, wie zuvor gewesen, wieder auf.

Jetzt war es Zeit, es sich unter dem weiten Sternenhimmel gemütlich zu machen. Antonia holt die Campingstühle hervor und stellt sie auf, während Paul einen Klapptisch herbeiträgt. Er öffnet eine Flasche Tokajer Wein und beginnt auf dem Dieselkocher ein schmackhaftes Gericht zu kochen. Antonia hat es sich auf einem der Klappstühle bequem gemacht und schaut bewundernd in dem Sternenhimmel. Dadurch, daß sie in dem Steinbruch sitzen, stört kein Licht irgendeiner künstlichen Lichtquelle, sondern nur das große, weite Himmelszelt macht sich über beide breit. Schnell sind Antonia und Paul in ein Gespräch vertieft, lassen ihre Gedanken treiben und malen Bilder am Sternenhimmel. Beide wissen, dies ist ein Moment, der einfach nur zu genießen ist.


Kapitel III

Lautes Donnern reißt Antonia und Paul aus dem Schlaf. Irgend etwas oder irgend jemand klopft hartnäckig gegen die Ladefläche ihres sogenannten Hundefängers, den Platz, an dem sie schlafen. Ein Blick auf die Uhr verrät, daß es 07:30 Uhr morgens ist. Entnervt springt Paul aus dem Wagen. Die Nacht gestern ist lang geworden und so sind beide noch sehr müde. Eine wirkliche Kommunikation zwischen Paul und den, inzwischen als Bauarbeiter erkenntlichen, Leuten, kommt aufgrund des Mangels der Sprache des jeweils anderen, nicht zustande. Durch Zeichensprache machen die Bauarbeiter nun Paul deutlich, daß er zur Absperrung mitkommen solle. Kurz darauf läuft er schnellen Schrittes zu Antonia und dem Wagen zurück und sagt, daß sie dringend hier weg müssen. Etwas verwirrt setzt sich Antonia auf den Beifahrersitz und Paul beginnt ihr zu erzählen, daß die Bauarbeiter den Auftrag haben, die Schranke, die er gestern Abend beiseite gehoben hat, zuzuschweißen, da der Steinbruch nicht weiter genutzt werden soll. Ein Arbeiter hatte zufällig das Auto entdeckt. Die einzige Möglichkeit, ihren Auftrag auszuführen sahen die Bauarbeiter darin, Antonia und Paul zu wecken und aufzufordern woanders zu parken. Hätte der Bauarbeiter ihr Auto nicht entdeckt, wären Antonia und Paul in dem Steinbruch gefangen gewesen, denn es gab keinen weiteren Ausgang.

Da Paul noch keine Lust hatte weiter zu fahren, beschließen sie, wieder zu dem Bad zu fahren und dort davor noch etwas zu schlafen. Gegen 10:30 Uhr ist aber dann definitiv die Nacht zu Ende und beide genießen das Frühstück am See. Da Antonia und Paul nun wußten, wie sie ins Bad kommen, gehen sie wieder hinein und legen sich zum sonnen auf die große weite Wiese. Stunden vergehen. Die Uhr zeigt inzwischen 16 Uhr und Paul meint, daß man doch bald los müsse, wenn man Morgen in Rumänien eintreffen möchte.

Bevor es los geht, dreht Paul noch eine Runde am Wasser entlang und Antonia sieht ihm von ihrer Decke aus zu. Ein wunderschönes Bild zeichnet sich vor ihren Augen ab. Die Sonne glitzert auf dem Wasser, ein leichter Windhauch streicht die Grashälme und in leichter Ferne steht Paul am See. Antonia genießt es sehr an nichts denken zu müssen, ihre Gedanken einfach treiben zu lassen. Sie wendet ihren Blick auf den See. Paul schlendert langsam wieder zu ihr zurück. Antonia genießt das Neue, das Andere, in vollen Zügen. Sie ist so begeistert von all den vielen Eindrücken, daß sie gar nicht weiß, was sie fotografieren soll. Vieles ist schön und es würdig festgehalten zu werden.

Paul möchte noch einmal duschen und springt splitterfasernackt unter eine Dusche, mitten auf der Wiese im Bad. Andere Leute sind heute keine zu sehen und daher hat Paul auch keine Hemmungen. Lustig ist das Schauspiel für Antonia allerdings und dies liegt nicht an Pauls Nacktheit, sondern daran, daß das Wasser der Dusche eiskalt ist und Paul dementsprechend unter der Dusche hin und her springt. Natürlich verrät Paul den Grund seines herumspringens Antonia nicht sondern schaut erwartungsvoll zu ihr herüber, als sie Richtung Dusche unterwegs ist. Antonia öffnet den Hahn der Dusche, der direkt unter dem Duschknopf befestigt ist, und bekommt somit das eiskalte Wasser über. Paul kringelt sich vor lachen, denn er wußte, aus eigener, gerade gemachter, Erfahrung, wie kalt das Wasser ist.

Nach dieser Aktion packen Antonia und Paul ihre Sachen zusammen und brechen nun endgültig vom Velencei-tó See auf. Langsam nähern sie sich der Grenze. Vielleicht werden sie diese noch heute Abend überschreiten. Antonia lehnt sich zurück. "Na, da laß ich mich mal überraschen, was uns erwartet." Im Gegensatz zu Paul bereitet es Antonia immer wieder Bauchschmerzen, wenn sie eine Grenz überschreiten. Die Frage nach dem "Warum" kann sie nicht beantworten. Es ist irgendwie komisch für sie. Paul paßt auf sie auf und daß ist ein gutes Gefühl für sie. Entspannt lehnt sie sich zurück und blickt den kommenden Urlaubstagen freudig entgegen.
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Re: Gen Osten - 21 Tage Freiheit pur

Beitragvon vlindertje » Sa 15. Okt 2011, 22:09

Kapitel IV

Heute wird es über die Grenze, hinein nach Rumänien, gehen. Gestern haben Antonia und Paul noch einmal einen Stop an der Straße nach Oradea eingelegt. Paul hatte dies schon zuvor geplant gehabt, doch Antonia nichts davon verraten. Das Problem, welches Paul sah, war, daß in Rumänien sehr oft wilde Hunde unterwegs sind. Nicht alle davon sind friedlich oder gesund, weswegen es besser ist, diese etwas fern zu halten. Zu diesem Zweck hat Paul einen Stapel Knaller gekauft - Blitzknaller in Stäbchenform, die man, an einer Streichholzschachtel reibend, zündet. Antonia hat so etwas noch nie zuvor in die Hand genommen, da sie ziemliche Angst davor hat. Höhenfeuerwerk findet sie zwar sehr schön anzusehen, doch auch dieses selber zu zünden, kam ihr bisher nicht in den Sinn. Weswegen sollte sie sich daher an Knaller heran gewagt haben, die außer Lärm nicht vollbringen?

Antonia vertraut Paul sehr und dennoch kostete sie es allerhand Mut, so ein knallendes Stäbchen zu zünden. Ihr erster Versuch ging dementsprechend komplett daneben. Sie zündete zwar das Stäbchen ordnungsgemäß an der Streichholzschachtel, doch anstelle es nach vorn hin weg zu werfen, warf sie es nach oben und rannte weg, in Pauls Arme. Paul mußte lachen. Er meinte nur, daß es gut gewesen sei, daß sie weg gelaufen ist, denn das Stäbchen kam genau an dem Platz herunter, an dem Antonia zuvor stand. Beim zweiten versuch klappte es dann besser und nachdem sie es ein drittes Mal geworfen hatte, wußte Antonia, daß sie keine Angst davor zu haben braucht. Paul war somit auch zufrieden und die Nachtruhe konnte beginnen.

Heute soll es nun endlich über die Grenze nach Rumänien gehen. Ihr Reiseziel wäre dann erreicht. Wie von Antonia befürchtet, dauert diese Grenzüberschreitung sehr, sehr lange. Jede Menge Autos drängen in das Land, ein Visum ist zu holen und viele Autos werden genaustens untersucht. Hier ist es zwar anders, als an der Grenze zu Ungarn, wo man nicht so begeistert von Antonia und Paul war und dies dann mit einer kleinen Geldzahlung geregelt werden mußte, dennoch ist es auch hier sicher so, daß Geld so mach eine Tür öffnet.

Endlich ist es so weit.: "Bună Romania!" Die Weite des Landes liegt vor Antonia und Paul ausgebreitet und Antonia ist sehr gespannt, was sie wohl erwarten wird. Paul hat ihr schon so einiges von diesem Land erzählt und er war dabei immer sehr begeistert gewesen. Antonia schaut zu ihrer Rechten aus dem Fenster und ihr wird schlagartig einiges klarer. Das Erste, was sie von diesem Land zu Gesicht bekommt, sollte nicht die Schönheit sein, sondern ein Schrottplatz, unabgesperrt, direkt am Rande der Straße. "Ich finde es ziemlich extrem, diesen Gegensatz." Paul schaut sie zustimmend an. "Schau! Auf dieser Seite ist ein verlassener Schrottplatz oder so etwas und auf der Anderen ein buntes, übergroßes Werbeschild von irgend so etwas Teurem, wie eine Harley-Davidson."

Antonia und Paul fahren immer weiter landeinwärts. Der Wechselkurs liegt hier bei 1 zu 10200, was für beide, bei jedem Kauf, gründliches Rechnen abverlangt. Ziel ihrer heutigen Fahrt ist Turda, eine Stadt in Siebenbürgen, mitten in Rumänien. Paul war bisher noch nicht an diesem Ort gewesen, sondern hatte nur von einer Freundin erfahren, daß es dort sehr schön sein soll. Leider war ihm der genaue Platz der wunderschönen Schlucht nicht ebkannt, aber man sähe sie schon aus der Ferne. Nach einer Weile des Herumfahrens, können Antonia und Paul die Schlucht von Turda deutlich sehen. Inzwischen ist es spät am Abend geworden. Von einem kleinen Hügel aus, kann man erkennen, daß am Fuße der Felsen, der Schlucht, ein kleines Camp liegt. Die Schlucht selbst erhebt sich gigantisch und rießig. Nach langer Zeit des Staunens über die Schönheit dieser Schlucht und der Felsen fahren sie hinunter und parken im Camp.


Kapitel V

Unbeschreiblich! Cheile Turzii, wie die Thorenburger Schlucht auf rumänisch genannt wird, liegt vor Antonia und Paul. Diese Felsen, diese große Schlucht mitten in den Bergen, strahlen eine unglaubliche Ruhe und Überragenheit aus. Antonia und Paul bleibt nichts anderes übrig, als diese zu bewundern.

Fürs Frühstück setzen sie sich auf den hinteren Rand des Wagens, bei dem sie eben dafür, die Türen hinten offen gelassen haben. In der Stadt hatten sie gestern noch einige Lebensmittel gekauft und so genießen sie, neben den wundervollen Anblick, der sich vor ihnen ausbreitet, ein herzhaftes Frühstück, bestehend aus Brot, welches mit Tomate, Knoblauch und Mayonnaise belegt und mit Salz und Pfeffer bestreut ist. Nach dem Frühstück geht es auf, quer durch die rießigen Felswände.

Auf diesem Gelände leben auch zwei Hunde. Die ältere der Beiden läft direkt mit Antonia und Paul mit. Anfangs versuchen sie diese zur Umkehr zu bewegen, doch schnell haben die beiden ihre neue Begleiterin lieb gewonnen. Den ganzen Tag ist sie bei ihnen in den Bergen.

Der erste Fußmarsch führt Antonia und Paul unten hindurch, durch die Schlucht. Rechts und links türmen sich die Felswände auf. Ein kleines Bächlein scheint die Mitte der Schlucht zu markieren. Am Ende angekommen beschließen Antonia und Paul, auf der rechten Seite der Schlucht, oben auf den Bergen , zurück zu wandern. Die Hündin, Lady genannt, ist die ganze Zeit an ihrer Seite. Sie ist ihnen einfach gefolgt und hört sehr gut auf die beiden.

Oben, auf den Bergen, machen Antonia und Paul Halt. "Wer einmal so etwas gesehen hat, der möchte es immer wieder sehen." Paul ist sich dessen sehr sicher. Gemächlich wandern beide weiter. Ihre, sich selbst vorgenommene, Tour haben sie schneller geschafft, als gedacht. So beschließen sie, nach dem Essen noch links der Schlucht in ein Tal zu wandern. Das Laufen geht mühelos und sie kommen gut voran. "Wir könnten doch über dieses Feld zurück gehen." Antonia zeigt mit ihren Finger auf den Berg zu ihrer Linken, doch beiden wird erst mit dem Besteigen des Grasberges bewußt, wie hoch und langgezogen dieser in Wirklichkeit ist.

Inzwischen ist das Laufen anstrengender geworden, doch die Hündin folgt den beiden noch immer ohne ein Anzeichen von Müdigkeit. Die Sicht, auf das weite Land und die große Leere um sie herum ist einfach schön und entschädigt jede Anstrengung.

Diesen Abend möchten Antonia und Paul, zur Abwechslung, mal nicht allein in ihrem Auto verbringen, sondern gehen in die Bar des Camps. Mit einheimischer Schokolade und etwas Alkohol ausgestattet beginnen sie Schach zu spielen. Nach einiger Zeit gesellt sich ein Rumäne aus Turda zu den beiden und beginnt mit Paul Schach zu spielen, während Antonia sich einige Reisenotizen macht und fleißig ihren ersten rumänischen Satz übt. Nebenbei schaut Antonia immer wieder zu den beiden Schachspielern hinüber und muß ihnen zugestehen, daß sie recht gut miteinander spielen. Spät in der Nacht verlassen Antonia und Paul schließlich die Bar. Im Gegensatz zu den noch sehr warmen Tagen, sind die Nächte inzwischen sehr kalt geworden, so daß Antonia und Paul sich schnell in ihre Schlafsäcke verkriechen.


Kapitel VI

Jetzt die linke Seite. Der Morgen ist angebrochen und hat Antonia und Paul aus dem Auto gelockt. Der Anblick der Schlucht, mit ihren hohen Felswänden ist immer wieder erfurchtgebietend und einladend zugleich. Lady, die Hündin, tobt mit dem anderen Hund durchs Camp. Es wirkt alles so friedlich.

"Wir könnten doch heute zuerst auf der linken Seite der Schlucht den Berg besteigen und dann durch das Tal zurück." Antonia gefällt Pauls Vorschlag, auch wenn sie ihre Bedenken äußert, daß diese Seite ziemlich steil aussieht und der Aufstieg für sie beide nicht gerade einfach werden wird. Paul kann diesem nur zustimmen. Richtig trainiert, um Berge zu besteigen, sind sie beide nicht. Aber die Lust auf etwas Neues, auf die Herausforderung und das Abenteuer hat beide längst schon in ihren Bann gezogen.

Gemächlich wandern Antonia, Paul und die Hündin, Lady, los. Der Aufstieg wird langsam immer steiler und Lady beschließt, nicht mehr weiter mit zu ziehen. Schnell ist sie aus den Augen der beiden verschwunden und auch das Rufen nach ihr bleibt erfolglos. "Sie kennt sich hier aus. Sie wohnt hier." tröstet Paul Antonia, welche immer wieder besorgt nach Lady Ausschau hält. "Ich weiß, du hast Recht. Ich hab mich nur so an sie gewöhnt." "Ja, sie wird wieder auftauchen; spätestens im Camp."

Der Auftieg wird nun schlagartig sehr steil. Der Wald ist den kahlen Felswänden gewichen. Für die alte Hündin wäre diese Strecke bestimmt zu viel verlangt gewesen. Antonia und Paul kämpfen sich, immer langsamer, den Berg hinauf. Der Aufstieg zieht sich hin und ist ziemlich anstrengend für die beiden. Oben angekommen machen sie erschöpft Pause. Der Ausblick war die Anstrengungen wert. Was das angeht, sind Antonia und Paul sich einig. Gemütlich lümmelt Paul an einem Stein und verzehrt das herzhaft belegte Brot. Antonia sitzt auf der Wiese, die sich auf dem berg befindet, und genießt, Wasser trinkend, die Aussicht.

Eine ganze Weile sitzen Antonia und Paul einfach nur da. Keiner der beiden hat richtig Lust schon weiter zu laufen. Zu viel Kraft hat sie der Aufstieg gekostet. Paul drängt dennoch zum Aufbruch, bevor beide am Ende gar keinen Elan mehr haben. Alles Proviant ist wieder in den Rucksack verstaut und es kann weiter gehen. In diesem Moment taucht Lady auf. Welch eine Freude! Lady, die zurückgekehrt geglaubte Hündin, läuft direkt auf Antonia zu. Sie ist völlig erschöpft und die beiden beschließen die Pause für Lady zu verlängern. Schnell ist auch ein Behältnis für etwas Wasser gefunden.

Die restliche Strecke bleibt Lady an Antonias und Pauls Seite. Die Sicht von dem Berg aus breitet sich vor ihnen aus, bevor der Abstieg Neues frei gibt. Unten angekommen läßt sich Lady erst einmal in den kleinen Bach, der die Schlucht durchfließt, fallen. Sie wirkt erschöpft aber glücklich. So weicht sie auch den Rest der Wanderung,durch die Schlucht, zurück zum Camp, nicht von ihrer Seite. Diese Schlucht, diese Gegend ist wunderschön und Antonia fühlt sich richtig wohl, daß sie Paul an ihrer Seite hat und all diese Erlebnisse mit ihm teilen kann.

Die nächste Anlaufstelle soll das Schwarze Meer sein. Ein Rumäne, der in dem Camp arbeitet und morgen heim fährt, überreicht den beide noch seine Adresse, mit der Aufforderung, ihn doch zu besuchen, wenn sie denn schon einmal in der Nähe sind, denn er wohnt am Schwarzen Meer. Paul, der die Adresse ausgehändigt bekommt, möchte sich nicht festlegen. Er liebt die spontanen Entscheidungen und zufälligen Begegnungen.

Bevor es allerdings ans Meer geht, wollen Antonia und Paul nach Sibiu und in andere Städte Siebenbürgens. Am liebsten würde Antonia Lady mit nehmen, doch ihr ist sehr wohl bewußt, daß die Hündin hier her gehört und sich, im Gegensatz zu Deutschland, in dieser Schlucht sehr wohl fühlt. "Irgendwann", so beschließt Antonia, "komme ich wieder hier her." Sie möchte dann unbedingt nach Lady sehen und auch erfahren, was aus all den netten Menschen und dem Camp geworden ist. Am Wochenende ist, im Gegensatz zu den restlichen Wochentagen, immer sehr viel los und so hat Antonia viele Möglichkeiten die Landessprache zu üben. Die Rumänen freuen sich sehr über Antonias Sprachversuche. Dennoch, da sind sich Antonia und Paul einig, ist die Freude ihrerseits groß, daß ein Rumäne, der am Wochenende eingetroffen ist und inzwischen mit am Schachbrett sitzt, auch Englisch spricht und somit dolmetschen kann. Ohne diese Sprachbarriere ist das kommunizieren gleich viel einfacher.
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Re: Gen Osten - 21 Tage Freiheit pur

Beitragvon vlindertje » Di 18. Okt 2011, 08:18

Liebe Leser

Ich bitte um Verständnis, daß diese Geschichte nicht in diesem Stil weiter fortgeführt, sondern komplett überarbeitet wird. Dies wird etwas Zeit in Anspruch nehmen, doch ich hoffe, dann besseren Lesestoff abliefern zu können. Vielen Dank für das Verständnis.

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