Re: Sacra Tibia: Berion, der Magier
von almafan » Sa 16. Jul 2011, 15:08
Berions Einschreiten
Berion muss schnell handeln, denn jeden weiteren Moment, den er verstreichen lässt, kann das Nest bereits getroffen werden. Nicht das der Golem in seiner Wut die armen Küken selbst tötet. Die Vogelmutter jedenfalls kommt bei diesem Gewusel nicht an ihr Nest.
Schnell, dass ist das richtige Stichwort. Berion kennt eine bestimmte Technik, die genau darauf passt. Berion bündelt seine Energien und spricht den Argonischen Schritt. Für eine kurze Zeit wird er zum übermenschlichen Läufer und schafft so ungeahnte Geschwindigkeiten, jenseits jedes Periodoniken, den die Spiele der Antike jemals hervorgebracht haben. Er umkreist das Geschehen in Windeseile und wird gar nicht bemerkt. Die Streitenden haben ohnehin genug mit sich zu tun.
Berion sucht in diesem schnellen Schritt eine möglichst günstige Ausgangsposition für seinen nächsten Trick. Sein unruhiges Auge sieht eine flachere Seite an dem Felsen, auf dem der Magier über dem Golem thront und unablässig seine offenbar einzige Waffe, einen Feuerball nach dem anderen, auf den steinernen Riesen abwirft. Diese, ein wenig niedrigere Stelle ist für Berions nächste Technik gut erreichbar. Er sammelt im Sprint neue Energien und wendet diese auf den Padeschen Schritt an. Noch im Rennen begriffen, erhöht sich seine Sprungkraft derart, dass er es ohne größere Mühen und ohne weiteres Zutun auf diese niedrigere Stelle des Felsens schafft. Ein wenig läuft er sich oben auf dem Plateau des Felsens noch aus. Dann sind beide Magien verschwunden. Berion benötigt sie auch nicht mehr. Sie sind nur für einen kurzen Zeitraum aktiv und können von einem geübten Magier verkürzt, aber auch ein wenig verlängert werden. Berion aber hat sein erstes Ziel erreicht. Er steht dem anderen Magier nun gegenüber.
Dieser ist sichtlich verwirrt. Er schaut den Neuankömmling fragend an, bricht seine sinnlose Aktion ab. Wo mag dieser Unbekannte so plötzlich hergekommen sein? Wie hat er es überhaupt hier hoch geschafft? Und was will er? Starr stehen sich die beiden gegenüber und mustern sich. Der Golem am Fuße des Felsens hat mit seinem Treiben aufgehört. Auch er ist verwundert, über die neue Entwicklung. Sicherlich fragt auch er sich, ob der Neue, ihm oder seinen Schützlingen schaden will.
Berion sieht vor sich einen wohl fein gekleideten, sicherlich mehr reich als armen Mann. Bauchig ist er, das ist selbst durch den weitgeschnittenen Wams zu sehen. Über diesem trägt er einen prächtigen, rotgrünen Mantel. Sicherlich ist er aus adeligem Hause oder zumindest ein, sie sind sehr selten, Emporkömmling. Spitze Schuhe und eine hellrote Hose unterstützen diesen Eindruck noch. Der spitze Hut auf seinem Kopf soll wahrscheinlich auf irgendeine Art magischen Rang hinweisen. Sein wahres magisches Potenzial kann Berion nicht abschätzen. Aber mit dem Wissen um diese Fähigkeiten und Fertigkeiten kann es nicht weit her sein. Immerhin versucht er, offenbar schon seit geraumer Zeit, einen steinernen Golem mit Feuer niederzustrecken. Berion weiß, dass auch dies gelingen mag. Aber nicht mit dieser schlampig ausgeführten, allzu verschwenderischen und völlig ungenügenden Technik.
Der andere Magier sieht vor sich nur einen zerlumpten Vagabunden, der nicht einmal Schuhwerk besitzt. Sicherlich ist Berion niemand mit dem er gern verkehren würde. Und in seinen üblichen Kreisen hat er mit solch einfachem Volk wohl auch nie zu tun. Mit Bauern und Gesinde hat einer wie er nichts am Hut, selbst wenn dieser weniger Spitz sei. Bisher weiß er nur, dass es dem armen Kerl wohl gelungen ist, sich hier irgendwie hoch zu schummeln.
Berion kennt diese abwertenden Blicke. Die werfen ihm andere Magier häufiger zu, wenn er sich ihnen zu erkennen gibt. Sie denken, nur weil er keine Robe trägt, sei er kein Magier der sogenannten Elite, die sich ihren, mal abgewinkelten, mal eingeknixten, aber meist penibel aufgestellten Spitzhut, mit einer Würde auf das Haupt setzen, dass er sich jedes Mal in den Boden fremdschämen könnte. Was hat die Kleidung schon mit dem Können zu tun? Ein echter Magier definiert sich doch nicht über seine Kleidung. So sieht es zumindest Berion und alle seine engeren Freunde und Kollegen.
Sicher haben auch die kostümierten Magier so einiges erreicht. Die meisten von ihnen können Lesen und das gleich in mehr als einer Sprache. Das können nicht viele, das ist bereits etwas Besonderes. Dennoch, unter Berions Klientel gilt es als nicht besonders statthaft, sich auf solchen Prunk, solche Pracht oder einfach auf eine solch äußerliche Etikette zu stürzen. Der ehrliche Magier verdient nur das Lob, einen Kanten Brot und eine Bleibe. Die Scharlatane nutzen es aber so richtig aus. Lassen sich Dörflern und anderem naiven Volk bezahlen. Meist für die Beseitigung irgendwelcher Flüche oder der Bannung anderer Zauber. Selbst wenn dies wirklich so sein sollte und der Einsatz wäre berechtigt, so würde der ehrliche Magier kein Geld dafür verlangen. Seine Ehre eben verbietet es ihm.
Wenn Berion sich sein Gegenüber noch einmal genauer anschaut, entdeckt er viele Dinge an Glanz und Glorie, die erst kürzlich angeschafft wurden. Genau ein solcher Magier scheint vor ihm zu stehen. Vielen Fibeln und Agraffen, die seine Stoffe zieren und beisammen halten, sind recht neu. Keine Gebrauchspuren sind daran zu sehen. Vergoldet sind sie. Er kann sich den Luxus leisten, nicht nur weil er korrupt ist. Nein, auch weil ihn Banditen und Wegelagerer nur einmal überfallen würden und es dann mit seiner mehr oder minder begabten Magie zu tun bekommen.
Berion weiß aber auch, dass der äußere Schein oft trügen kann. Aber alles an diesem Magier stinkt zum Himmel. Seine reiche Kleidung, sein arrogantes Auftreten, seine Ignoranz der obersten magischen Gebote. Solche Magier sind Berion zuwider. Sie bringen die ganze Zunft in Verruf.
Berion ist noch in Gedanken versunken, als der andere Magier ihn bereits irgendetwas fragt. Davon bekommt er nichts mit. Aber er kann sich denken, was da aus seinem Gegenüber schallt. Die üblichen Fragen nach dem Namen, der Herkunft und der Zwecke seiner Anwesenheit. Doch Berion kümmert sich vorerst nicht um den selbstherrlichen Angeber, dem er da offenbar gegenübersteht. Sein Blick wandert bereits über den Boden. Irgendetwas hier muss es doch geben, was Berion für den Kampf nutzen kann. Für den Magier will er einfach keine Magie verwenden. Was ist schon schmachvoller, für einen ach so hohen Magier, als von einem besiegt zu werden, der, so scheint’s, über keinerlei besondere Fähigkeiten verfügt.
Aus dem Augenwinkel heraus lässt der schwach Geglaubte den Mann in seiner güldenen Ausstattung nicht unbemerkt irgendwelche Dinge tun. Es kann ja doch sein, dass dieses Zipfelmännchen irgendwas in der Hinterhand hat, seine Karten aber noch nicht offenlegt. Berion hält es jedoch für unwahrscheinlich. Dennoch, er ist vorsichtig. Zu seiner Rechten hat er einen Stock gefunden, der für Zwecke zu genügen scheint. Sichtlich entspannt bewegt er sich auf diesen zu. Als er sich aber nach diesem bücken will, fliegt plötzlich ein Feuerball in seine Richtung. Berion hebt ein wenig den Kopf und der Branntzauber verfehlt sein Ziel. Mit vernehmlichem Knall wird ein Stück des Felsens hinter Berion getroffen. Der Golem macht wieder einen Schritt nach vorn. Nun weiß auch er, dass Berion ihm nichts Böses will. Ein seichtes Lächeln wirft dieser dem Golem zu, dreht seine Augen gen Magier, ohne sein Gesicht vom Golem wegzudrehen und schüttelt den Kopf. Dann wendet er sich wieder dem Stock zu und hebt diesen auf.
Die Verwunderung des Magiers lässt nicht nach. Ihm gegenüber steht also nicht ein zerlumpter Bauer, sondern ein zerlumpter Bauer, der sich nicht so schnell beeindrucken lässt. Sofort wird mit einem weiteren Feuerball nachgesetzt. Dieser landet absichtlich kurz vor den Füßen des vermeintlichen Kontrahenten. Aber auch dieser lässt Berion nicht aus der Ruhe kommen. Langsam schwant dem Magier, dass er es hier mit einem ebenfalls magiebegabten Menschen zu tun hat. Also wiederholt er seine Fragen, nach dem Namen, der Herkunft und dem Zwecke seiner Anwesenheit.
Berion ist noch mit seinem Stock beschäftigt. Als er diesen biegt, zerbricht er sogleich. Berion wirft die beiden Stücke weg und versucht sich an einem anderen Holz. Dieser ist biegsamer, also stabiler. "Damit lässt sich was machen." Jetzt erst schenkt er dem Magier seine volle Aufmerksamkeit. Auch der Golem weiß nicht, was als nächstes passieren wird und schaut gespannt dem Treiben der beiden zu.
Plötzlich zeigt Berion mit dem Stock auf sein Pendant und dieses ist sichtlich verunsichert. Ist der Mann dort ohne Schuhe nun ein Magier oder nicht? Zeigt mit einem Stock auf sein Ziel, das ist albern. Ist er nur ein Spinner mit einer großen Selbstsicherheit? Einer großen Überzeugung von sich selbst? Hat er vielleicht ein Übermaß an Gottesvertrauen gepumpt, so dass er denkt, ihm werde nichts geschehen? Ist er ein Möchtegernmagier? Denkt er wirklich, ein Ast werde ihm helfen, einen richtigen Magier, einen großen Magier zu siegen? Sicherlich kann der Magier gleich ein Dahingestammel irgendeines pseudomagischen Zauberspruchs erwarten.
Berions fingiert mangelnden Kenntnisse, dieses Wissensfeld betreffend, sind zu amüsant als das der Magier an sich halten kann. Der Golem scheint vergessen und auch die Gefahr, die von dem Fremden ausgehen könnte. Der Magier bricht in lautes Gelächter aus. Ein kräftiges Lachen, dass sicherlich anstecken kann, wenn die Situation für Berion nun nicht so ernst wäre. Er biegt sich vor Lachen und Freudentränen drücken sich aus dem Auge. Er bemerkt gar nicht, wie Berion sich langsam nähert.
Ein kurzer Sprint und Berion rammt dem Magier den Stock ins linke Auge. Das Lachen weicht einem lauten Schrei. Durch die Wucht des Aufeinandertreffens stürzt der Magier zu Boden und auch Berion strauchelt erst ein wenig, steigt dann aber über den gefallenen Magier und kann sich wieder fangen. Wahnsinnig vor Schmerz windet sich der Magier am Boden. Vorbei ist es mit seiner Überheblichkeit, vorbei auch mit seinem hohen Getue. Berion zerrt an seinen Kleidern und richtet sein jammerndes Gegenüber auf: "Die Natur gibt uns alles, was wir brauchen. Die Natur ist alles, was wir haben. Und wenn es der Natur gefällt, dann nimmt sie es uns wieder."
Es ist nicht wahrscheinlich, dass der Magier noch irgendetwas anderes vernimmt. Sein Auge zerläuft, die Wange wird vom Blut überlaufen. Dieser Brei tropft auf den Boden, kein schöner Anblick. Der Magier sackt zusammen und wimmert unentwegt. Würde Berion ihn nicht halten, würde er einfach zu Boden fallen. Die Knie haben ihm schon versagt. Für Berion bedarf es wenig, ihn vom Felsen zu befördern. Er stellt ihn an den Rand und lässt einfach los.
Der blutverschmierte Magier kippt nach hinten. Im freien Fall schafft er keinen halben Salto, kommt also mit dem Gesicht auf. Ein dumpfes Geräusch, das er macht, als er aufschlägt. Jetzt ist er ruhig.
Der Magier liegt regungslos am Boden und atmet schwer. Mittlerweile dürften es mehr Stellen sein, aus denen er blutet. An ein Aufrichten ist nicht einmal mehr zu denken. Das ist auch nicht nötig, denn der Golem packt das Häufchen Elend und hebt ihn auf. Die große Hand des Golems umschließt den Magier fast ganz, nur Kopf, Schultern und die Füße schauen noch heraus.
Der Golem schaut nochmal zu Berion. Der nickt diesem zu. Ein kurzer Druck und ein lautes Knacken deutet auf zahlreiche Knochenbrücke hin. Bereits jetzt ist alles Leben aus dem Magier entschwunden. Ein grausiges Bild, das der Magier nun abgibt. Aus allen Körperöffnung scheint der rote Lebenssaft zu rinnen. Auch das zweite Auge, weit aufgerissen, ist blutunterlaufen, aus Nase, Ohren und Mund strömt er ebenfalls. Dem Golem ist es aber noch nicht genug. Mit großem Schwung schmettert er den Magier zu Boden und tritt mit seinem massiven Körper nochmals nach.
Gerade noch hatte er wütig Feuerbälle umhergeworfen und seine Macht demonstriert, nun ist er nicht mehr als eine formlose Masse seiner selbst. Zerquetscht, zertrümmert und in den Boden getrieben.
Epilog
Ein paar Schritt tritt der Golem von seinem Schaffen zurück. Nun wird er auch wieder ruhiger. Das Blut tropft von der Faust des steinernen Riesen. Augen hat er keine, dennoch kann man seinen Gemütszustand erkennen. Er scheint sichtlich erleichtert, den Kampf nun hinter sich zu haben. Auch wenn vom Magier offenbar keine Gefahr für ihn drohte, so musste er doch seine Schützlinge in Sicherheit wissen. Er macht kehrt und geht zum Vogelnest zurück.
An der Stelle, an der der Golem versuchte den Felsen empor zu steigen, versucht Berion wieder nach unten zu kommen. Etwas übermutig rutscht er stehend herunter. Das wird prompt mit einem Stolperer bestraft. Und so setzt sich Berion nach einer ungewollten Rolle auf den Hosenboden. Fast wie ein alter Mann erhebt er sich wieder und reibt sich das gute Stück. Doch als er nochmals auf den toten Magier gleich hier neben sich schaut, weiß er, andere hat es weit schlimmer getroffen.
Vor sich sieht er die Blutspur, die der Golem hinterlässt. Einiges vom Magier ist am Fuß hängengeblieben, das andere Blut stammt aus der Faust, mit der der Magier zerquetscht wurde. Der Geruch wird Raubtiere anlocken. Auch wenn sie dem Golem nichts anhaben können, so beunruhigt es doch die Vögel, die auf ihm leben. Es wird nichts bringen, wenn er mit ihnen, auf der Schulter oder dem Kopf, sich vom Magier entfernt, aber den Blutgeruch mit sich trägt.
Langsam nähert sich Berion dem Golem. Auch ohne Mimik sind sie eigentlich leicht zu verstehen, wenn man sich mit ihnen auskennt. Sind sie ruhig und bedächtig, so hat man eigentlich nichts zu befürchten. Finten und Tricks sind ihnen fremd. Warum sollten sie so etwas auch kennen? Ihr ursprünglicher Zweck war es ja, den Meister der sie heraufbeschworen hat zu beschützen. Meist reichte ihre pure Anwesenheit um Feinde in die Flucht zu schlagen. Mit dem Verschwinden der meisten Bücher der Arkanum Golem sind auch die Beschwörer sehr selten geworden. Und mit ihnen die Golem. Die, die noch wandeln, sind meist uralt. Sie leben dennoch recht einfach und suchen sich selbstständig etwas zum Beschützen. Sie kennen Trauer, Freude, Wut, aber keinen Hass, Neid und auch keine Missgunst oder Eifersucht. Jegliches Besitztum ist ihnen unbekannt. Das ideale Vorbild für Emeriten und Einsiedler.
Berion weiß das alles. Und deshalb weiß er auch, wie er sich zu verhalten hat. Er kann vom Golem nicht verlangen, sich ihm anzupassen. Er ist sicher viel älter als der kleine Magier. Und so passt sich Berion eben an.
Der Golem kniet auf einem Knie vor dem Vogelnest und will es wieder auf seine Schulter setzen. Doch wie er es auch versucht, seine klobige Hand ist einfach zu unmotorisch für diesen Akt. Auch fällt ihm jetzt auf, dass er Blut an der anderen Hand hat. Berion fasst nach dieser, woraufhin der Golem kurz zurückschreckt. Auch Berion macht sicherheitshalber einen Schritt zurück und versucht die Situation nicht eskalieren zu lassen. Er weiß, wenn es zu einem Kampf kommen sollte, würde er lieber fliehen, als die Sache auszufechten. Niemand würde ihm einen Vorwurf daraus machen. Mit einem Golem legt man sich eben nicht so einfach an, wie das Beispiel keine zwanzig Schritt entfernt, eindrucksvoll beweist.
Sein jetziges Misstrauen dem Menschenwürmchen gegenüber ist verständlich. Doch Berion geht in einem großen Bogen an dem Golem vorbei und bewegt sich Richtung Fluss. Dort angekommen, streckt er seine Hand aus, seine Handfläche nun dem Wasser zugewandt, die Finger leicht gespreizt. An der Stelle, die der mit seiner Handfläche zeigt, sinkt das Wasser ab. Der Rest des Baches fließt um die Stelle herum. Ruckzuck dreht Berion seine Hand mit der Handfläche nach oben und stellt dabei Zeige- und Mittelfinger gen Himmel auf. Eine Säule aus klarem Wasser schießt aus dem Bach empor. Mit der zweiten Hand trennt er, noch immer ohne das Nass überhaupt zu berühren, den oberen Teil dieser Säule vom unteren. Der untere Teil zerfällt wieder und fließt wieder im Strom mit. Das Übrige aber schwebt Berion entgegen. Der scheint bereits mit seinen Händen eine Art Kugel formen zu wollen, woraufhin sich das Wasser dieser Form anpasst.
Weiterhin diese Form immer wieder nachziehend, um diese Kugel aus dem flüssigen Element stabil zu halten, kommt er wieder zum Ort des Geschehens zurück. Diese Kugel, so unrund sie auch ab und an mal ist, hat die Größe eines Menschenkopfes. Der Golem schaut sich dieses Gebilde an, vermutet vielleicht schon die nächste Attacke dahinter. Berion muss deshalb sehr vorsichtig sein. Immerhin ist der Steinerne immer noch auf einen Konflikt vorbereitet, noch immer in Bereitschaft des vorherigen Kampfes wegen. Berion versucht daher auch, weder durch Gestik noch durch Mimik irgendetwas Missverständliches auszudrücken. Das fällt ihm fast schwerer als die Magie selbst. Das kann aber alles nur gelingen, wenn ihm der Golem ein Stück weit vertraut, was glücklicherweise durch den Umstand erleichtert wird, dass der kleine Mensch ihm im Kampf gegen den Magier unterstützt hat. Berions Sinne sind geschärft. Beim kleinsten Anzeichen wird er sich auf und davon machen. Nicht aber Richtung Fluss, denn dann könnte seine Ausrüstung in Mitleidenschaft gezogen werden, so auch die Dokumente seines Auftraggebers.
Der Golem erhebt sich aus seiner knienden Position und wendet sich Berion zu. "Jetzt bloß nichts falsch machen." Unterdessen hat die Erfrischung die Hand erreicht und die ganze Sache entspannt sich ein wenig. Das kühle Nass umspielt die Hand des Golems und wäscht sie rein. Berion lächelt und auch der Golem ist wieder viel gelassener. Vorsichtig reinigt Berion mit dem sich immer wieder in der Form ändernden Wasser den Golem vom Kopf bis zu den Füßen. Dann lässt er das Wasser den Golem hinauffließen. Ein seltsamer Anblick der sich einem etwaigen Beobachter da bieten würde. Das Wasser tropft nach oben über den Kopf des Golems und bildet dort wieder die Kugel, wie sie einst war, nur roter. Mit einer Handbewegung nach rechts lässt er die Kugel in eben diese Richtung in die Umgebung fallen.
Ein leichter Seufzer. Die Sache ist überstanden. Der Golem ist frei allen Blutes und sichtlich gesammelter. Alle Anspannung ist vergessen. Nur etwas fehlt dem Golem noch zu seinem vollkommenen Abschluss. Er selbst kann das Nest nicht mehr auf sich setzen, aber Berion. Wieder kniend schaut der Golem in Richtung des Vogelbaus. Berion nähert sich nun etwas entschlossener dem Steinriesen und steigt einfach auf sein Knie. Er weiß, noch immer kann der Gemütszustand des Kolosses einfach umschlagen. Doch eigentlich besteht dazu ja kein Anlass mehr. Berion greift nach dem, für ihn recht weit oben, abgesetzten Gebilde aus Zweigen und Gräsern. Absichtlich greift er es von unten, denn wenn er die Küken berührt, wird die Mutter ihre Kinder vielleicht nicht mehr annehmen. Behutsam setzt er das Nest auf die Schulter des Riesen und muss sich dabei sogar strecken. Vorsichtig rückt er es zurecht, so dass es nicht runterfällt, wenn er Golem sich wieder erhebt. Die Vogelmutter hat die ganze Sache von einem Baum aus beobachtet und bisher ist sie nicht eingeschritten.
Berion springt wieder vom Knie herunter und geht ein paar Schritte zur Seite. Bedächtig steht der Steinriese auf, das Nest darf jetzt nicht stürzen. Doch alles geht glatt und der Golem setzt sich langsam in Bewegung. Zusammen mit seinem neuen Freund geht er in Richtung des Flusses, wo Berion nach diesem Abenteuer erst einmal einen Schluck zu sich nimmt. Noch immer liegen alle seine Sachen hier, wie er sie verlassen hat. Als sich Berion wieder umdreht, sieht er wie ein Nager mit irgendeinem kleinen Souvenir aus der Tasche. Berion schaut sogleich nach, ob es nicht etwas Wichtiges gewesen sein könnte und kann sich wieder beruhigen. Soll das Eichhörnchen mit dem glücklich werden, was es ihm an Spezereien gestohlen hat. Berion wird es nicht vermissen.
Der Golem steht nun in der frühen Abendsonne und seine steinerne Haut glitzert darin. Seine lila, bald rosa leuchtenden arkanen Adern tun ihr übriges zum wundervollen Schein. Das ist ein gutes Zeichen.
Berion bereitet sich bereits wieder auf seine Weiterreise vor. Er wirft sich die fallengelassenen Kleider wieder um, hängt seine Schuhe an den Gürtel, sich die Tasche um den Hals. Noch einmal kniet er sich vor den Fluss und hält seinen Kopf hinein. Das nasse Haar schüttelt er sich aus und befüllt seine Trinkflasche. Dann greift er nach seinem Kurzschwert, das unverändert in der Scheide steckt, und schnallt sich den Gurt dessen um.
Brüderlich reicht er dem Golem noch seine Hand, eine Geste die auch dieser Große versteht. Mit einem freundlichen "Bis bald." verabschiedet sich der Retter und geht wieder ostwärts, seinem Ziel entgegen.
Ende
Gerüchte schweigen sich schnell rum.