Kapitel I
Klara schaut auf ihre Uhr. Straßsteinchen markieren die einzelnen Zahlen. In Kürze ist es 14 Uhr und Antonia müßte bald eintreffen. Schon eine Weile hatten sie sich nicht mehr gesehen. Klara ist in ihrem neuen Job so aufgegangen, daß sie für nichts anderes mehr Zeit findet. Sie will nach oben, Karriere machen, viel Geld verdienen, im Luxus leben. All dies hat seinen Preis und Klara ist nur allzu gern bereit, diesen zu zahlen. Einen reichen Mann, der jeden morgen mit seinem Luxuswagen vorfährt und auch sonst einen sehr edlen Eindruck macht, hat sie sich schon ausgekuckt. Er hat eine weiße Villa mit Säulengang am Rande der Stadt, von wo aus man einen herrlichen Blick über den Fluß hat, der diese durchzieht. Sie hatte die Fotos gesehen, die er mitgebracht hat, kurz nachdem er die Villa gekauft und bezogen hatte. Auch sein Interesse an Klara scheint größer zu sein. Speziell gesagt hat er zwar diesbezüglich noch nichts, doch waren die beiden schon ein paar mal zusammen aus. Klara fühlt sich dann immer wie eine Königin oder wenigstens wie eine Prinzessin. Mit dem edelsten Schmuck behangen und dem feinsten Kleid umhüllt, führte er sie aus in die nobelsten Restaurants in der Stadt.
Gedankenverloren streicht sich Klara über ihre neu modellierten Fingernägel. Erst gestern war sie dafür im Nagelstudio gewesen und anschließend beim Friseur, der ihr Haar wieder mit dem goldensten Glanz überzog, den blond gefärbtes Haar zu bieten hat. Heute trägt sie ihre Haare hoch gesteckt und mit weißen Perlen verziert, die perfekt zu ihrer Halskette und dem Armband passen. Sie liebt es sich edel anzuziehen und so hat sie sich, trotz des freien Nachmittages, in eines ihrer enges Kostüm gezwungen und die hohen Absatzschuhe angezogen. Man weiß ja schließlich nie, wer einem begegnet.
Antonia scheint das totale Gegenteil zu sein. Nicht nur die Kleidung unterscheidet die beiden, sondern auch ihre Lebenseinstellung und ihr Männergeschmack. Antonia liebt das einfache Leben, die Natürlichkeit, das Spontane und Ungezwungene. Nie würde sie all ihre Energie für die Arbeit opfern. Sie muß keine Karriere machen. Alles kommt, wie es kommt und solange ihr noch genug Zeit zum Leben bleibt, ist es in Ordnung. Wenn sie zwischen einem tollen Arbeitsangebot und der Freizeit wählen müßte oder zwischen Karriere und Eigenbestimmung, sie würde sich immer gegen den Beruf entscheiden und für die Zeit mit Menschen die ihr wertvoll sind sowie Orten, an denen sie wirklich sein will. Was bringt es denn auch schon, sich für seine Arbeit zu verbiegen oder Dinge zu tun, die man am Liebsten gar nicht wöllte. Schon einmal hatte sie ein verlockendes Arbeitsangebot abgelehnt. Es wurde ihr mehr Geld zugesagt, einen Firmenwagen und selbständiges, freies Handeln. Sie hat es dennoch abgelehnt, da der Arbeitsplatz in Düsseldorf gewesen wäre und sie nicht, nur der Arbeit wegen, dorthin gehen wollte. Sie wollte sich nicht ergeben und Sklave eines Arbeitgebers sein. Es würde auch so weiter gehen und so war es auch. Sie weiß, was sie will und kann und auch, was nicht. Sich selbst und ihre Identität aufgeben, daß möchte sie nicht, für kein Geld oder Job der Welt.
14 Uhr. Klara blickt auf und in diesem Moment betritt Antonia das Lokal. Ihre braunen Haare haben einen leichten gold-rötlichen Schimmer. Auf den Kopf trägt sie eine wollene Mütze, unter der ihre Haare hervorlugen. Vorsichtig streift sie ihre braune Cordjacke ab, hängt sie neben den weißen Mantel von Klara und läuft auf ihren Tisch zu. Klara springt auf und beide fallen sich in die Arme. Lange Zeit schon haben sie sich nicht mehr gesehen und dies nicht nur Klaras Arbeit wegen. Antonia war auf Reisen gewesen, in einem Land, dessen Grenzen zu überschreiten sich Klara nie getraut hätte, da sie von dort eine Menge Schauergeschichten gehört hat. Dazu kommt noch die Art und Weise, wie Antonia gereist ist und wo sie übernachtet hat. Für Klara unvorstellbar. Kein Hotel oder wenigstens eine gute Herberge. Antonia war nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, mit Esels- und Pferdekarren sowie zu Fuß. Geschlafen hatte sie nur in einfachen Unterkünften oder unter freiem Himmel. Obwohl Klara all dies spannend findet, würde sie niemals so reisen wollen. Es ist doch viel zu gefährlich und dabei spielt es für Klara keine Rolle, ob sie allein oder in Begleitung reist. Um so glücklicher ist sie nun, Antonia wieder in Sicherheit zu wissen und jetzt in ihrem Arm, in diesem kleinen Lokal an der Ecke zweier Straßen.
Für Antonia war es nicht die erste Reise in dieses Land. Vor vielen Jahren war sie schon einmal mit Paul, einem guten Freund, den auch Klara kennt, dort gewesen. Paul ist ein Abenteuerer. Einige Male war er schon, nur mit Rucksack ausgestattet, unterwegs gewesen. Meistens zog es ihn in warme Gebiete. Mehrfach war er schon in Indien und Malaysia, auf Sumatra und Bali. Nie hatte er irgendetwas im Voraus reserviert oder geplant. Er hatte jeweils einfach nur seinen Rucksack aufgeschnallt und ist losgezogen. Einmal hatte er sogar eine Holzkiste dabei, einfach nur, weil er es witzig fand, eine richtige Kiste zu haben, wo er seine Utensilien verstauen konnte. Voller verrückter Ideen steckt er und man weiß nie, was als Nächstes kommt. Auf alles muß man gefaßt sein und doch kann man es nicht. Es war und es ist so, als käme Paul einfach nicht zur Ruhe. Rastlos zieht es ihn immer wieder irgendwo hin.
Diese jetzige Reise, so viel wußte Klara, hatte Antonia mit ihrem Freund gemacht, einem Freund, von dem sie bisher nicht zu viel Preis gegeben hat. Klara weiß, daß Antonia sich immer mal wieder mit jemanden trifft und etwas unternimmt, dennoch weiß sie nichts über den Unbekannten - weder wer er ist, noch wie nahe sich die beiden stehen. Sie weiß nur, daß sich Antonia mit ihm auf die Reise, von vor vielen Jahren, gemacht hat, eine Reise nach Rumänien und, daß sie ohne Fahrzeug und vorheriger Zimmerbuchung unterwegs gewesen sind. Klara ist gespannt, ob Antonia ihr heute mehr verraten wird und auch, auf all die spannenden Geschichten, die sie von ihrer Reise mitgebracht hat. Vorerst packt Antonia einen Stapel Fotos aus ihrer Filztasche und legt sie auf den Tisch.
Voller Neugier schauen sich die beiden an. Auch Antonia ist gespannt zu erfahren, wie es Klara die letzte Zeit so ergangen ist und so bittet sie diese, doch erst einmal zu berichten, was es bei ihr an Neuigkeiten gibt. Als Klara ansetzt, kommt die Kellnerin an den Tisch, um nach ihren Wünschen zu fragen. Antonia bestellt sich eine weiße Schokolade mit Schlagsahne und Klara einen großen Kaffee. Kurz darauf stehen die gewünschten Getränke auf den Tisch, den eine kleine Kerze und ein paar Blumen zieren. Eifrig berichtet Klara von ihrer Beförderung und den damit verbunden Aufstieg auf der Karriereleiter. Sie hat jetzt ein eigenes Büro und eine Sekretärin, die ihr jeden Morgen beim Vorbeigehen den Kaffee im Becher bereit hält. Schon oft hatte sie solche morgendlichen Szenen im Fernsehn gesehen und davon geträumt, dies genau so jeden Morgen zu erleben. Endlich war es so weit. Ein herrliches Gefühl für Klara und obwohl dies nicht Antonias Traum ist, kann sie sich dennoch gut in ihre Freundin einfühlen und freut sich mit ihr, daß diese ihren Träumen immer näher kommt. Natürlich berichtet Klara auch von dem Mann, Thomas genannt, mit dem sie schon mehrfach Essen war und mit dem sie hofft, in Kürze eine feste Beziehung zu führen, obwohl er sicher zwölf Jahre älter ist als sie. Immerhin hat er, da er so viel älter ist, viel Reife und kann ihr auch materiell alles bieten, was sie sich nur wünscht.
So vergeht die Zeit und beide Frauen sind froh, daß sie heute den ganzen restlichen Tag, bis spät in die Nacht hinein, Zeit haben. Nichts drängt sie zur Eile und sie können sich in aller Ruhe über alle Einzelheiten austauschen. Inzwischen haben sie sich auch etwas zu Essen bestellt, welches die Kellnerin gerade auf ihren Tisch absetzt. Sie beginnen zu Essen und Klara drängt Antonia, ihr doch nun endlich von ihrer Reise mit dem ihr noch unbekannten Freund zu berichten sowie ihren Erinnerungen an ihre erste Reise dorthin. Antonia muß etwas über die ungeduldige Neugier, der sonst so korrekten Klara schmunzeln und beginnt mit ihren Ausführungen.
